-o-D 93
1
Schrecken vor ihrer Gewalt zu wahren Zwangsanleihenmachte, verschafften sie sich alles, was ihnen gefiel und'brauchten es so schamlos, daß mancher Knabe, den seineAeltern reichlich ausgcstattct hatten, wie ein Bettler herum-ging, indem die hochgcbietendcn Herren mit seinen Klei-dern so lange prunkten, bis sie zerrissen waren.
Außerdem übten auch sammtliche Glieder der erstenKlasse gegen die vierte und einen Theil der dritten Klasseein verjährtes Dicnstzwangsrecht aus, und verfuhren dabeimit einem so frechen und empörenden Uebermuth, als obsie erkaufte Sklaven vor sich hätten. Wenn sie eines Frvh-ners bedurften, traten sie an die Thür ihrer Zelle und rie-sen aus vollem Halse: „Komm Einer her!" — Plötzlichflogen auf dem ganzen Corridor — dort Tabulat genannt
— alle Zellen auf; die dienstbaren Geister stürzten heraus,versammelten sich im Sprunge um ihren Gebieter und er-warteten in stiller Demuth seinen hohen Befehl. Er über-sah sie lange mit stolzem, wählendem Blick und schrie bis-weilen, wenn er einen oder den andern vermißte, mit drei-fach stärkerer Stimme als zuvor! „Ist Keiner mehr da?"
— Wehe dem, der nun erst erschien! Er ward für seinungehorsames Ausbleiben mit Backensticichen bestraft undmußte stöhnen. Außer diesem Falle traf gemeiniglich dasLoos den, welcher sich im Wettlaufe nicht stark genug an-gegriffen hatte und der Letzte am Ziel gewesen war. Sohielt oft Ein müßiger Herrscherling acht bis zwölf Knabeneine halbe Viertelstunde lang vom Studieren ab, und kaumwar er befriediget, so brüllte wieder ein anderer: „KommEiner her!" —
Dieses treue Gemälde des damaligen Schuldcspotismusin M" (der sogar noch vor zwanzig Jahren eben soeisern war und nur seitdem ein wenig gemildert worden