118
erhabene Melodie eines erhabenen Lieds *) auf einer Dreh-orgel dem Gehör eines Kanarienvogels vordrehte, der siesingen lernen sollte. „Ich krieg' schon viel, wenn er's pfeifenkann," sagte der winzige Organist. An einen Baum ge-lehnt stand Ottomar der weiten Abcndröthe und diesenAbendtönen gegenüber; die Sonne außer ihm ging hintereiner bleifarbenen großen Wolke in ihm unter. Gustavmußte, eh er ihn erreichte, vor einer dichten Nische und einemalten Gärtner darin vorbei, an welchem ihn zweierlei wun-derte, daß er ihm erstlich mit keinem Worte für seinenGutenabend dankte, und zweitens, daß so ein alter vernünf-tiger Mann ein Kindergärtchen auf dem Schooßc hatte undbesah. Durch die Laube nahm er an einer Sonnenuhr eineErhöhung wie ein Kindergrab und einen Regenbogen vonBlumen wahr, der cs umblühte und übcrlaubte; auf derErhöhung lagen die Kleider eines Kindes so geordnet, alswar' etwas darin und hätte sie an. Ottomar empfing ihnmit einer Sanftheit, die man nur in heftigen Charakterenin so unwiderstehlichem Grade findet, und sagte mit leiserStimme: er feiere den Todestag aller Jahrzeiten, und heutewäre des Nachsommers seiner." Sie kamen, indem sie insSchloß gingen, vor dem Gärtner vorbei und er nahm denHut nicht ab — ferner vor dem leeren Kleid auf dem Grabund eS lag noch unter den Blumen, und vor dem Klavieristcn,der noch das Lied spielte: Jüngling, den Bach der Zeit re.
*) »Jüngling, den Bach der Zeit hinab schau' ich, in dasWellcngrab des Lebens, hier versank cs re." Der Anfangheißet eigentlich: Traurig ein Wandrer saß am Bach, sahden fliehenden Wellen nach. Volkslieder.