115
Das war bloS satirische Bosheit. Bekanntlich ist'ö schonein bewährter Paragraph in der Acsthctik aller Elegants,daß sic — und ist mein Bruder in Lyon anders? — denSchmeicheleien, die sie den Weibern sagen müssen, den Tonund die Miene der Aufrichtigkeit völlig zu benehmen haben,womit die antiken Stutzer sonst ihre Flenretten versahen.In diese Spott-Schmeicheleien kleidete er seinen Unmuthüber Weiber und Höfe. Die Weiber brachten ihn auf, weilsie — wie er glaubte — in der Liebe nichts suchten als dieLiebe*), indeß der Mann damit noch höhere, religiöse, ehr-geizige Empfindungen zu verschmelzen wisse — weil ihreRegungen nur Eilboten und jede weibliche Hitze nur einefliegende wäre und weil sie, wenn Christus selber vor ihnendozirte, mitten aus den größten Rührungen ans seine Westeund seine Strümpfe gucken würden. Die Höfe erzürntenihn durch ihre Gefühllosigkeit, durch seinen Bruder, durchden Volksdrnck, dessen Anblick ihn mit unüberwindlichenSchmerzen erfüllte. Daher war seine Rciscbeschreibung an^derer Länder eine Satire seines eignen, und wie die fran-zösischen Schriftsteller unter den Sultanen und Bonzen desOrients einige Zeit die des Okzidents abmalten und ab-straften : so war in seinen Erzählungen der Süden der Lehn-träger und Pasquino des Nordens. Die sanfte Menschcn-Duldung, die er sich in seinem letzten Briefe vorgcsctzt, hielter nicht länger, als bis er ihn gestippt und gesiegelt hatte
*) Desto schöner, antwortet ihm die Note zur zweiten Auflage,daß sie sich die Empfindung der Liebe rein und dadurchallmächtig erhalten; andere Empfindungen schwimmen darin,aber aufgelöst und undurchsichtig; bei den Männern stehenjene blos neben ihr und selbständig.
8 *