Druckschrift 
1 (1847) Die unsichtbare Loge : 1ster Theil
Entstehung
Seite
252
Einzelbild herunterladen
 

252

den wenigen Tagen, die sie mit meiner Philippine bei derResidentin zugebracht, ihre Freundin geworden. Die Freund-schaft der Mädchen besteht oft darin, daß sie einander dieHände halten oder einerlei Klciderfarben tragen; aber diesehatten lieber einerlei freundschaftliche Gesinnungen. Es warein Glück für meine Schwester, daß Beata keine Gelegen-heit hatte, ihrem sie halb bestreifenden Wiederschcin von Ge-fallsucht zu begegnen; denn Mädchen errathcn nichts leichterals Gefallsucht und Eitelkeit, zumal an ihrem Geschlecht.

Liebe Philippine,

ich habe bisher immer gezögert, um Ihnen einen rechtmuntern Brief zu schreiben. Aber Philippinc, hier mach'ich keinen. Mein Herz liegt in meiner Brust wie in einerEisgrube und zittert den ganzen Tag; und doch waren Siehier so freudig und niemals betrübt als bei unserem Abschiede,der fast so lange währte wie unser Beisammensein: ich binwol selber Schuld? Ich glaub' cs manchmal, wenn ich dielachenden Gesichter um die Rcsidentin sehe oder wenn sieselber spricht und ich mir in ihrer Stelle denke, was ich ihrmit meinem Schweigen und Reden scheinen muß. Ich darfnicht mehr an die Hoffnungen meiner Einsamkeit denken, sosehr werd' ich von den Vorzügen fremder Gesellschaft be-schämt. Und wenn mich eine Rolle, die für mich zu großist, freilich niederdrückt: so weiß ich mit nichts mich aufzu-richten, als daß ich ins stille Land wegschleiche: da Hab'ich süßere Minuten und mir gehen oft die Augen plötzlichüber, weil mich da alles zu lieben scheint und weil da diesanfte Blume und der schuldlose Vogel mich nicht demüthigen,sondern meine Liebe achten; dann seh' ich den Geist der