langsam an den zarten Menschen nud umarmte an EinerBrust — drei Herzen; und reichte ihm den Brief mit denWorten: „gib ihn deinem Emanucl!" und floh mit demwärmsten Druck der lieben Hand den Berg tiefer hinabund davon. —
Gerade um diese Stunde an diesem Tage vor einemJahr verschwand auch Giulia aus Maicnthal und nahm nichtsvon dem schönen Blumenbodcn mit als einen — Grabhügel.
Als er setzt hinter Staudengängcn ungesehen dem Orteder Seligen entronnen war: machte seine nächtliche Erheite-rung einer unbezwinglichen Wehmuth Platz. Die ausgehendeSonne zog alle Hellen Farben aus seinem nächtlichen Traum— „Hab' ich denn wirklich Maienthal und Julius und alle„Geliebte gesehen, oder ist nur auf einer vor dem Monde„schillernden Wolke ein zerflossenes Schattenspiel vorüber ge-wonnen?" sagt'er — und der Tag brütete die frische Nacht-luft seiner Seele zu einem schwülen Flattern des Südwindsan. Anstatt daß der Mensch sonst, wie Raguel, in der Mit-ternacht Gräber aushauet und in der Morgensonne sie wie-der verschüttet, kehrte heute Sebastian es um. —
Eigentlich war cs nicht ganz so: sondern das schnelleVorspringen und Einsinken der geliebten Gestalten, die ver-größerte Sehnsucht darnach, der rührende Abstich des Mor-gen-Getümmels mit der Nacht-Pause, des Sonnenfeuers mitdem Mond-Dämmern, und die mit der Ermüdung der Phan-tasie und des Körpers verknüpfte träumende Ermattung derSchlaflosigkeit, alle diese Dinge drückten aus dem Herzen undden Thränendrüscn unsers Nachtwandlers unwillkürliche, süßeThränen aus, die keinen Gegenstand betrafen, die weder vorFreude noch vor Kummer flössen, sondern vor Sehnsucht.