Woher kömmt nun, da die Phantasie nur der goldeneAbend-Wiederschein der Sinne ist, dieser Reiz eigner Art,der an Träumen, Abwesenden, Geliebten, entrückten Zeitenund Ländern, an Kinderjahren und — was ich kaum zunennen brauchte — an den von den Dichtern in die Weltgeschickten Blumengöttinnen und Blumenparterrcn haftet? —Wenn wir heraus haben, warum uns die Dichter gefallen:so wissen wir daS klebrige auch.
Davon könnte man mehre Ursachen angeben, die richtigwären, ohne zureichend zu sevn. Z. B. wir denken das ganzeJahr weniger mit Bildern als mit Zeichen, d. h. zwar mitBildern, aber nur mit dunklern kleinern, mit Klängen undLettern: der Dichter aber rücket nicht nur in unserm Kopfealle Bilder und Farben zu einem einzigen Altarblatte zusam-men, sondern er frischet uns auch jedes einzelne Bild undFarbcnkorn durch folgenden Kunstgriff auf. Indem er durchdie Metapher einen Körper zur Hülle von etwas Geistigemmacht — (z. B. Blüte einer Wissenschaft): so zwingt er uns,dieses Körperliche, also hier „Blüte" Heller zu sehen, als ineiner Botanik geschähe. Und wieder umgekehrt gibt er, wievermittelst der Metapher dem Körperlichen durch das Geistige,eben so vermittelst der Personifikazion dem Geistigen durchdas Körperliche höhere Farben.
Ferner könnte man — und kann auch — sagen, derdramatische Dichter überwältigt uns durch die Verwandlungder Wochen in Minuten und erweckt, indem er die tragischevielleicht über Jahre hingcsponnene Geschichte in wenigeStunden zusammen zieht, unsere Leidenschaften blos darum,weil er ihnen gleicht, da sie auch wie Taschenspieler und Heer-führer und durch Geschwindigkeit berücken.
Jean Maul's ausgew. Werke. VII.
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