233
sei in der Verlobungnacht in dem Garten, und er begehrteimmer Schrauben zum Blutstiüen und wollte sein Haupt inden Thurmknopf verstecken. Nichts thut weher, als einenmäßigen vernünftigen Menschen, der's sogar in Leidenschaftenblieb, im poetischen Unsinn des Fiebers toben zu sehen.Und doch, wenn nur die kühle Verwesung das heiße Gehirnbesänftigt, und wenn, während der Qualm und Schwadeneines aufbrausenden Nerveugeistes und während die zischen-den Wasserhosen der Adern die erstickte Seele umfassen undverfinstern, wenn ein höherer Finger in den Nebel dringtund den armen betäubten Geist plötzlich aus dem Brodemauf eine Sonne hebt: wollen wir denn lieber klagen, als be-denken, daß das Schicksal dem Augen-Wundarzte gleicht, dergerade in der Minute, eh' er dem einen blinden Auge dieLichtwelt aufschließet, auch das andere sehende zubindet undverdunkelt?
Aber der Schmerz thut mir zu wehe, den ich von Thien-nettcnö blassen Lippen lese, wiewol nicht höre. Es ist nichtdas Verziehen eines Marter-Krampfes, noch das Entzündeneines versiegten Auges, noch das laute Jammern oder dasheftige Bewegen eines geängstigtcn Körpers, was ich an ihrsehe: sondern das, was ich an ihr sehen muß und was dasmitleidende Herz zu heftig zerreißet, das ist ein bleiches, stilles,unbewegliches, nicht verzognes Angesicht, ein blasses, blutlosesHaupt, das der Schmerz nach dem Schlage gleichsam wiedas Haupt einer Geköpften leichcnweiß in die Luft hin-hält; denn o! auf dieser Gestalt sind alle Wunden, aus denensich der dreischneidige Dolch gezogen, fest wieder zugefallen,und das Blut quillet verdeckt unter der Wunde in daserstickende Herz. O Thiennette, gehe'vom Kranken weg und