30
Fortgesetzte Vorrede zur zweiten Auflage*).
„Und allerdings hat Kant das seltene Glück, auf einer„Bühne zu agiren, der cS nicht an einer Einfassung und„Mauer von Köpfen fehlt, aus denen seine Laute Heller und„resonirend Zurückschlagen, so wie die Alten in ihre Theater„leere Töpfe versteckten, die der Stimme der Schauspieler„mit Resonanzen nachhalfen**). Ein Autor, der Gedanken„hat, verfälschet häufig damit fremde, die er verbreiten soll,„und gesetzt, er schwüre, wie in den älteren Zeiten die Bü-„cherabschreiber wirklich schwören mußten, rein und redlich„abzuschreiben: so würde er doch immer sehr vom leeren„Kopfe verschieden bleiben, dessen obere torizellische Leere wie„in der Physik der beste Leiter der Funken ist. — Hingegen„im System selber muß man die Lücken, worin keine Wahr-heiten sind, durch die Gewänder derselben, durch lange neue„Termen abwenden, wie denkende Maler durch Draperie ihren„leeren Raum. —
„Etwas anders ist es mit der Moral, worin wie in der„Medizin der Theorist sich ganz vom Empiriker trennt. Wie„in dem alten Theater der eine Akteur den Gesang hatte„und der andere die körperliche Akzion dazu machte, und„wie die Kunst eben durch diese Theilung höher stieg, so kann„es in der schweren Kunst der Tugend nicht eher zu etwas„getrieben werden, als bis (wie jetzt häufiger geschieht) die„Theorie und die Praxis gesondert werden, und der eine sich
*) Man schlage allemal zur frühem Fortsetzung zurück, umden Zusammenhang zu finden.
**) Winkelmanns Anmerk. über die Baukunst. K. 1. S. 10.