Druckschrift 
9 (1848) Siebenkäs : drittes und viertes Bändchen
Entstehung
Seite
358
Einzelbild herunterladen
 

358

geschlagen und zu sentimental; und doch habe er früher selbergesagt (dich war aber der andere Lcibgebcr), er höre lieberjemand über ein Ucbel fluchen als jammern, lind man könneja die Füße in dem Winter und doch die Nase in dem Früh-ling stecken haben, lind im Schnee an eine Blume riechen.Ich verzeih' cs gern, denn ich crrathc vielleicht die Ursache"setzte er hinzu; aber sein Verzeihen war eigentlich nicht ganzwahr. Denn wie alle Grofic war ihm alles Starke der Ge-fühle, sogar liebender, am meisten aber trauernder, ein Ver-druß, und ein starker Handdruck der Freundschaft ein halberFußtritt; und vor ihm sollte der Schmerz nur lächelnd, dasBöse nur lachend, höchstens ausgelacht vorüber ziehen, wiedenn die kältesten Weltlcutc dem physischen Menschen gleichen,dessen größter Wärmegrad sich in der Gegend des Zwerchfellsaushält*). Folglich mußte dem Grafen der vorige Lcibgcber dieser sturmwindige und dabei heitere tiefblaue Himmelmehr Zusagen als der angebliche. Aber wie anders als wir,die wir den Tadel ruhig lesen, hörte Sicbenkäs ihn an!Diese Sonnenfinsternisse seines Leibgcbers, welche keineeignen Sonncnslccken waren, sondern die er selber durchseine Stellung scheinbar hervorbrachte, warf er sich als soschwere Sünden gegen seinen Lieben vor, daß er für sic durch-aus Beichte und Buße haben mußte.

Als nun gar der Graf fortfnhr:Euere Empfindsamkeitkann sich wol nicht blos auf den Verlust Eueres Freundes Sie-bcnkäs beziehen, von dem Ihr mir überhaupt »ach seinem Todenicht mit so viel Wärme mehr gesprochen als bei seinem Le-ben; verzeiht mir diese Offenheit" da dnrchschnitt ein

°) Walthers Physiologie. B. 2.