334
warf sich an die treue Brust, aber der Schwur hielt seineZunge — und so drückten die zwei Elenden oder Seligen,stumm und blind und weinend, ihre zwei schlagenden Herzennoch einmal recht nahe an einander. — Und als die sprach-lose, qualcnvollc, wonnevolle Minute vorüber war: so riß sieeine eiserne, kalte auseinander, und das Schicksal ergriff siemit zwei allmächtigen Armen und schleuderte das eine blutigeHerz nach Süden und das andere nach Norden — und diegebückten stillen Leichname gingen langsam und allein denwachsenden Scheideweg weiter in der Nacht. . . . Und warumbricht denn mir mein Herz so gewaltsam entzwei, warum könnt'ich schon lange, eh' ich an diese Trennung kam, meine Augennicht mehr stillen? O cs ist nicht, mein guter Christian, dar-um, weil in dieser Kirche die ruhen und zerfallen, die an dei-nem und meinem Herzen gewesen waren —- — Nein, nein,ich Hab' cs schon gewohnt, daß in der schwarzen Magic nnscrsLebens an der Stelle der Freunde plötzlich Gerippe aussprin-gcn — daß einer davon sterben muß, wenn sich zwei umar-men*) — daß ein unbekannter Hauch das dünne Glas, daswir eine Mcnschcubrust nennen, blaset, und daß ein unbekann-ter Schrei das Glas wieder zcrtreibt. — Es thut mir jetzonicht mehr so weh wie sonst, ihr zwei schlafenden Brüder inder Kirche, daß die harte, kalte Todeshand euch so früh vomHonigthau des Lebens wcgschlug, und daß euere Flügel aus-gingeu, und daß ihr verschwunden seid — o ihr habt entwedereinen festem Schlaf als unfern, oder freundlichere Träume alsunsere, oder ein helleres Wachen als unseres. Aber was uns
*) Der Aberglaube wcihnt, daß von zwei Kindern, die sichküssen, ohne reden zu können, eines sterben muß.