Druckschrift 
9 (1848) Siebenkäs : drittes und viertes Bändchen
Entstehung
Seite
56
Einzelbild herunterladen
 

56

sondern über die armen Geistlichen, die an einem Tage so oftpredigen müssen, daß es noch ein Glück ist, wenn sie dabeinichts werden, als, statt heiser, verdammt. Ein Mensch, derdas erstemal predigt, rührt gewiß niemand so sehr als sichselber, und wird sein eigner Proselyt; aber wenn er die Mo-ral zum Millioncnstcnmal vorprcdigt, so muß es ihm ergehen,wie den Egerischen Bauern, die den Egerischcn Brunnen alleTage trinken, und die er daher nicht mehr purgirt, so vieleseäes er auch Kurgästen macht.

Ucbcr dem Essen schwieg das traurige Ehepaar. DerMann that, da er ihre Vorkehrungen zu einem Besuche in derNachmittagkirche gesehen, in welcher sie seit einiger Zeit nichtgewesen, blos die Frage, wer predige.Wol der H. Schul-rath Stiefel, sagte sie, ob er gleich sonst nur Vormittags dieKanzel besteigt, aber der Vespcrpredigcr Schalaster kannnicht, Gott hat ihn gestraft, er hat sich das Schlüsselbeinausgcrenkt." Zu einer andern Zeit hätte Siebcnkäs man-ches über das Letzte gesprochen; aber hier schlug er blos mitdem einen Zacken der Gabel an den Teller, und fuhr mit die-ser Spielwclle schnell an das eine Ohr, indcß er das andereverschloß: der Trommelbaß des summenden Euphons zog seinegequälte Seele in die Wogen des Tons, und dieses brausendeSchallbrett, dieser zitternde Klöppel tönte ihm am neuen Jahregleichsam zu:vernimmst du nicht von weitem das Ausläutcnder Messe deines kalten Lebens? Es ist die Frage, ob duam zweiten Neujahr noch hörest, ob du nicht schon liegestund auseinander gehst."

Er sah nach dem Essen zum Fenster hinaus, weniger nachder Gaffe als nach dem Himmel. Da fand er eben zweiNebensonnen und fast im Zenith einen halben Regenbogen,