Druckschrift 
11 (1848) Titan : zweiter und dritter Band
Entstehung
Seite
27
Einzelbild herunterladen
 

27

hatten den ganzen Tag heiter nnd einsam mit gegenseitigemAblösen in Sticken und Lesen verlebt; so oft der Minister ver-reiste, waren sie zugleich von Unfriede und Visiten-Charivarifrei. Wie gerührt erkannte Albano bas Morgenzimmer wie-der, aus dem er das erstemal das theucre Mädchen nur alsBlinde in der Ferne zwischen Wasserbogcn stehen sehen! Diegute Liane nahm ihn unbefangener auf, als er cs durch KarlsEinweihung in seine Wünsche bleiben konnte. Welche para-diesische Mischung von unbcrcchncter Scheu und überfließenderFreundlichkeit, Stille und Feuer, von Blödigkeit und Anmuthder Bewegung, von scherzender Güte, von schweigendem Wissen!Dafür gebührt ihr der herrliche Beiname Virgils, die jung-fräuliche. In unfern Tagen der weiblichen Krachmandeln,der akademischen Kraftfraucn, der Hopstänzc und Doublir-marschschrittc im platten Schuh kommt der virgilianische Titelnicht oft vor. Nur zehn Jahre lang (vom 14tcn an gezählt)kann ich ihn einem Mädchen geben; später wird es manierirter.Dreizehn und siebzehn Jahre zugleich ist gewöhnlich ein solchesholdes Wesen alt.

Warum wärest du so reizend-unbefangen, zarte Liane, alsweil du wie die Dourignon nicht einmal wußtest, was zu flie-hen war, und weil deine heilige Schuldlosigkeit noch das ver-dächtige Ansspähen der entlegensten Absichten, das an die Erdegebückte Behorchen des kommenden Feindes und alle koketteManifeste und Ausrüstungen ausschloß? Die Männer wa-ren dir noch gebietende Väter und Brüder; und darum erho-best du zu ihnen noch nicht stolz, sondern so freundlichdas treue Augcnpaar!

Und mit diesem gütigen Blick und mit ihrem Lächelndessen Fortdauer oft auf männlichen Gesichtern, aber nicht