62
Wina zu denken. Plötzlich kam ein altes vertrautes, aberwunderbares Mittagsgeläntc aus den Fernen herüber, einaltes Tönen, wie aus dem gestirnten Morgen dunkler Kind-heit; siche Meilen-tief in Westen sah er Eltcrlcin hinter un-zähligen Dörfern liegen und glaubte die alte Dorf-Glocke zuerkennen, und Wina's weißes Bcrgschloß, ja sogar das elter-liche Hans. Er dachte voll Sehnen an seine fernen Eltern
— an das Stillleben der Kindheit — und an die sanfteWina, die ihm, auch im Stillleben ihrer Kindheit, einst dieAurikcln in die Hand gelegt — sein Auge hing an den öst-lichen Gebirgen im stillen Blau, hinter welche er wie hinterKlostermancrn Wina als sanfte Nonne in Blumen ihres Klo-ster-Gartens sinnend gehen ließ. Glocken aus mehreren Dör-fern tönten zusammen — der Morgenwind rauschte stärker
— der Himmel wurde blauer und reiner — der bunte leichteTeppich des Erdcnlebens breitete sich über die Gegend ans,und flatterte an den Enden, und Walt wohnte, wie ein Traum,nur in der Vergangenheit.
Er sang voll Seligkeit und nannte ihren Namen nicht:„es zieht in schöner Nacht der Sternenhimmel, cs zieht dasFrühlings - Roth *), es schlägt die Nachtigall — und derMensch schläft und merkt es nicht; — endlich geht sein Augeauf, und die Sonne sieht ihn an. O Lina, Lina, du gingstauch vorüber mit deinen Blumen — mit den süßen Tönen
— und mit Liebe — aber mein Auge war blind; nun ist esansgethan, allein die Blumen sind verwelkt, die Worte findvergangen, und du glänzest hoch als Sonne." —
Hier kehrte er um vor dem lauten Wehen; er fand die
') Die Abendröthe in Norden.