Druckschrift 
13 (1848) Flegeljahre : erstes und zweites Bändchen
Entstehung
Seite
232
Einzelbild herunterladen
 

232

der Erde:fie sei seine erste und seine letzte Liebe, leid' er,wie er will." Der Arme fühlte den Stich der fliegendenSchlange, des Amors, und schauerte, brannte, zitterte, unddas vergiftete Herz schwoll. Es fiel ihm nicht ein, daß sieschön sei oder von Stand, oder die Aurikeln-Braut der Kind-heit, oder die des Grafen; cs war ihm nur, als sei die ge-liebte ewige Göttin, die sich bisher fest in sein Herz zu ihmeingeschlosscn und die seinem Geiste Seligkeit und Heiligkeitund Schönheit gegeben, als sei diese jetzt aus seiner Brustdurch Wunden hcrausgctretcn und stehe jetzt, wie der Himmelaußer ihm, weit von ihm (o! alles ist Ferne, jede Nähe)und blühe glänzend, überirdisch vor dem einsamen wundenGeiste, den sie verlassen hat, und der sie nicht entbehren kann.

Jetzt kam Wina an der angeklammerten Raphaela, dieans eitler Vertraulichkeit sich neben ihr unter die Mengedrängen wollte, den Weg zu Walten daher. Als sic ganz dichtvor ihm vorbei ging, und er das gesenkte schwarze Zauber-Auge nahe sah, das nur Jüdinnen so schön haben, aber nichtso still, ein sanft strömender Mond, kein zückender Stern, undworüber noch verschämte Liebe das Angcnlied als eine Amors-Binde halb hereingezogen: so trat Walt unwillkürlich zurückund ein körperlicher Schmerz drückte in seinem Herzen, alswerd' es überfüllt.

Da aus der Erde alles so erbärmlich langsam geht, sieselber ausgenommen, und da sogar der Himmel seine Rhein-fälle in hundert kleine Regenschauer zersetzt: so ist ein Menschwie Walt ein Seliger, dem statt der von hundert Altärenausfliegenden Phönix-Asche der Liebe und Schönheit ganzplötzlich der ausgespannte goldne Vogel sarbcglühend am Ge-sicht vorübcrstreicht. Den Zeitungsschreiber, den Plötzlich Bo-