265
auf Sinn, oder Zusammenhang, oder Sylbenzahl würde, wieein Nachtwächter-Gesang, alles wieder cinreißen, was daspoetische Selberwicgenlied aufgebant*). Da aber nicht jederTalent zum Dichten hat — zumal so spät im Bette — sokommen ja dem Nicht-Dichter zu tausenden Bett-Lieder mitdiesem poetischen faulen Trommelbaß entgegen, wovon er nureines auswendig zu lernen braucht, um für alle Nächte damitsein Glück zu machen. Unschätzbar ist hier unser Schatz vonSonetten, an denen, wie an Raupen-Puppen, nichts sichlebendig regt, als das Hintertheil, der Reim; man schätzet esnur noch nicht genug, wie sicher das Reim-Glockenspiel unsin einen kürzer» Schlaf einläute, als der längste ist. — Ichwürde hiezu auch auswendig gelernte Abendsegen Vorschlägen,da sich durch sie wahrscheinlich sonst Tausende cingewiegt,wenn ich nicht besorgte, daß sie ungewohnten Betern, z. B.Hosleutcn, durch den Reiz der Neuheit mehr Schaden undWachen brächten, als Nutzen.
4) Ein gutes Mittel, einzuschlafen nicht sowol, als wie-der einzuschlafen, ist, falls man aus einem Traum erwacht,sich in diesen mit den schläfrigen Augen, indem man ihm un-aufhörlich nachschaut, wieder einzusenkcn; bald wird die Welleeines neuen Traumes wieder ansallcn, und dich in ihr Meerfortspülcn und cintauchen. Der Traum sucht den Traum.Im großen Schatten der Nacht spielt jeder Schatten mit unsSterblichen, und hält uns für seines Gleichen.
5) Hefte dein inneres Nachtauge lange auf einen opti-schen Gegenstand, z. B. auf eine Morgenaue, auf einen Berg-
*) Man kann sich auch eine lange Handlung, z. B. das Säendes Korns bis zu dessen Dreschen und Backen, in freien Tro-chäen oder Jamben ohne Schmuck vorsagen, wie ich.