Jean Paul's ausgewählte Werke. Fünfzehnter Ban d. Derlin, Druck und Verlag von G. Reimer. 1 8 4 9. Inhalt des fünfzehnten Bandes. v,-. Katzenbergers Badereise; nebst einer Auswahl verbesserter Werkchen. vr. Katzenbergers Badereise. Erste Abtheilung. Seite Vorrede zum ersten und zweiten Bändchen der ersten Auflage. 3 Vorrede zur zweiten Auflage .. 7 1. S ninm u l a. Anstalten zur. Badreise ..13 2. Summ. Reisezwccke..16 3. Summ. Ein Reisegefährte.18 4. Summ. Bona.. 21 5. Summ. Hr. non Nieß . :.23 6. Summ. Fortsetzung der Abreise durch Fortsetzung des Abschieds.29 7. Summ. Fortgesetzte Fortsetzung der Abreise .... 31 8. Summ. Beschluß der Abreise. 33 9. Summ. Halbtagfahrt nach St. Wolfgang.35 IV Seite 10. Summula. Mittags-Abenteuer.39 I!. Summ. Wagcu-Sicstc.45 12. Summ. Avantürc.54 13. Summ. Thcoda's erste» Tages Buch.56 14. Summ. Mißgcburtcn-Adel .62 15. Summ. Der Hascukrieg.63 16. Summ. Ankunft-Sitzung.74 Zweite A b t h e i l u n g. 17. Summ. Bloße Stazion.79 18. Summ. Männikc's Seegefecht.81 19. Summ. Mvudbelustigungcn.84 20. Summ. Zweiten Tages Buch.90 21. Summ. Hcmmrad der Ankunft im Badeorte — vr. StrykiuS.92 22. Summ. Nießiana.100 23. Summ. Ein Brief.103 24. Summ. Mittagtischrcden.104 25. Summ. Musikalisches Deklamaterium.112 26. Summ. Neuer Gastrellcnspiclcr.113 27. Summ. Nachtrag.120 28. Summ. Darum.121 29. Summ. Hr. von Nieß.123 30. Summ. Tischgebet und Suppe.124 31. Summ. Aufdeckung und Sternbcdeckung ..... 132 32. Summ. Erkcnnszene. 134 33. Summ. Abendtischrcdcn über Schauspiele.135 34. Summ. Brunnen-Beängstigungen.141 35. Summ. Theoda'S Brief an Bona.142 V Seite 36. Summula. Herzcns-Jnterim.148 37. Summ. Neue Mitarbeiter an allem — Bona's Brief an Thcoda.152 Dritte A b t h e i l u n g. 38. Summ. Wie Katzenbcrgcr seinen Gevatter und andere traktirt.161 39. Snmm. ^Doktors Höhlcn-Bcsuch.173 40. Summ. Thcoda's Höhlcn-Bcsuch.175 41. Summ. Drei Abreisen.180 42. Summ. Thcoda's kürzeste Nacht der Reise .... 182 43. Summ. Präliminar-Frieden und Präliminar-Mord und Todtschlag.184 44. Summ. ,DaS Stuben-Treffen — der gebetene Finger zum Frieden.197 45. Summ. Ende der Reisen und Nöthen.203 Auswahl verbesserter Merkchen. I. Hnldigungpredigt vor und unter dem Regierantritt der Sonne, gehalten am Neujahr 1800 vom Frühprc- digcr dahier.213 II. lieber Hebels allcmannischc Gedichte.221 III. Nath zu urdeutschen Taufnamen ...... 225 VI Seite IV. I)r. Fenks Leichenrede auf den höchstseligen Magen des Fürsten von Scheerau.231 V. Heber den Tod nach dem Tode, oder der Gcburttag . 240 VI. Die Kunst, einzuschlafen.256 VII. Das Glück, ans dem linken Ohre taub zu scyn . . . 273 VIII. Die Vernichtung. Eine Vision.280 IX. Wünsche für Luthers Denkmal von Musurus . . . 291 X. lieber Charlotte Corday. Ein Halbgespräch am 17. Juli 318 XI. Polymcter 351 v r. Katzenbergers Badereise nebst einer Auswahl verbesserter Werkchen v o n Jean Paul. Jean Panl'S ausgew. Werke. XV. 1 Vorrede zum ersten und zweiten Bändchen d er e r st e n Auflage. vvl-it den Taschenkalcndcrn und Zeitschriften müssen die kleinen vermischten Merkchen so znnchmcn — weil die Schriftsteller jene mit den besten Beiträgen zu unterstützen haben — daß man am Ende kaum ein großes mehr schreibt. Selber der Verfasser dieses Werks (obwol noch manches großen) ist in acht Zeitschriften und fünf Kalendern ansässig mit kleinen Niederlassungen und liegenden Gründen. Dieß frischte im Jahr 1804 in Jena die Voigtische Buchhandlung an, „kleine Schriften von Jean Paul Friedrich Richter," ohne mich und ihr Gewissen zu fragen, in den zweiten Druck zu geben. Sie frischt wieder mich an, ihre kleinen Schriften von I. P., gleichfalls ohne zu fragen, hier ans Licht zu stellen. Gelassen lass' ich hier die Handlung über Nachdruck des Nachdrucks, über Nachverlag des Nachvcrlags schreien, und mache mit diesem Sünden - Bekcnntniß gern das Publikum zum H. StroppinuS, welcher der Beichtvater Christi ist.*) Denn will Voigt klagen, daß ich ihm seinen Vcrlagartikel unbrauch- *) Kotzebucs Reise »ach Italien. B. II. 1 * har gemacht und verdorben hätte, durch völlige Verbesserung und Umarbeitung desselben: so versetz' ich, daß nur ein Sechstel dieses Buchs ans jenem genommen ist. Das zweite Sechstel sammelte ich ans Zeitschriften, woraus er noch nichts von mir gesammelt. Das zweite und das dritte Drittel dieses Buchs sind ganz neu, nämlich v. Katzenbergers Badereise und Geschichte, so wie die Schluß-Polymctcr; aber hierüber sei ein Beichtwort an den Leser vergönnt, würd' es ihm auch schwerer, zum zwcitenmalc der H. Stroppinus zu seyn. Und doch sind über das folgende leichter vergebende Beichtväter zu haben, als Bcichtmüttcr. Es betrifft den Zynismus des Doktors Katzenbcrger. ES gibt aber viererlei Zynismen. Der erste ist der rohe in Betreff des Geschlechts, wie ihn Aristophancs, Rabelais, Fischart, überhaupt die alten, obwol keuschen Deutschen und die Acrzte haben. Dieser ist nicht sowol gegen Sittlichkeit, als gegen Geschmack und Zeit. Der zweite Zynismus, den die Vernunftlehre annimmt, ist der subtile der Franzosen, der, ähnlich dem subtilen Todtschlag und Diebstahl Her alten Gottesgelehrten, einen zarten, subtilen Ehebruch abgibt; dieser glatte, nattergiftige Zynismus, der schwarze Laster zu glänzenden Sünden ausmalt, und welcher, die Sünde verdeckend und erweckend, nicht als Satiriker die spanischen Fliegen etwan zu Ablcitschmerzen auflegt, sondern welcher als Berühre! die Kantharidcn zu Untergangs-Reizen innerlich eingibt; dieser zweite Zynismus nimmt freilich, wie Kupfer, bei der Ausstellung ins Freie blos die Farbe des Grüns an, das aber vergiftet, indeß der erste schwere, gleich Blei, zur unschädlichen schwarzen verwittert. 5 Von dem zweiten Zynismus unterscheidet sich überhaupt der erste so vorthcilhaft-sittlich, wie etwan (um undeutlicher zu sprechen) Epikurs Stall von der Sterkoranistcn Stuhl, worin das Gottgcwordcnc nicht Mensch wird; oder auch so wie bous clo ?k,iÜ8 (l.iitotino) oder caca cls Oan^bin von des griechischen Diogenes ofsiziucllcm nlbuin »raecum verschieden ist. — Beinahe macht die Rechtfertigung sich selber uöthig; ich eile daher zum dritten Zynismus, welcher blos über natürliche, aber geschlechtlose Dinge natürlich spricht, wie jeder Arzt ebenfalls. Was kann aber hier die jetzt-deutsche Prüderie und Phrasen-Klcinstädtcrci crwiedcrn, wenn ich sage: daß ich bei den besten Franzosen (z. B. Voltaire) häufig den cul, cler- riüi-6 und das xisser angctroffen, nicht zu gedenken der 61188- n-clonleui-? In der That, ein Franzose sagt manches, ein Engländer gar noch mehr. Dennoch wollen wir Deutsche das an uns Deutschen nicht leiden, was wir an solchen Britten verzeihen und genießen, als hier hintereinander gehen: Buttler, Shakspcare, Swift, Pope, Sterne, Smollet, der kleinern, wie Donne, Peter Pindars und anderer, zu geschweige!,. Aber nicht einmal noch hat ein Deutscher so viel gewagt, als die sonst in Sitten, Sprechen, Geschlecht- und Gesellschaft-Punkten und in weißer Wäsche so zart-bedenklichen Britten. Der reinliche, so wie keusche Swift drückte eben aus Liebe für diese geistige und leibliche Reinheit die Pazienten recht tief in sein satirisches Schlammbad. Seine Zweideutigkeiten gleichen unfern Kaffeebohnen, die nie ausgehcn können, weil wir nur halbe haben. A r wir altjüngferlichen Deutschen bleiben die seltsamste Verschmelzung von Kleinstädtern und Weltbürgerschaft, 6 die wir nur kennen. Man bessere uns! Nur ist's schwer; wir vergeben leichter ausländische Sonnenfleckcn, als inländische Sonnenfackeln. Unser sulvo titulo und unser «olvn venia halten wir stets als die zu- und abtrcibcnden Rede-Pole den Leuten entgegen. Der vierte (vielleicht der beste) Zynismus ist der weinige, zumal in der Katzcnbcrgerischen Badgcschichtc. Dieß schließe ich daraus, weil er blos in der reinlichsten Ferne sich in die gedachten brittischen Fnßtapfcn begibt, und sich wenig erlaubt oder nichts, sondern immer den Grundsatz sesthält, daß das Komische jene Annäherung an die Zensur-Freiheiten der Arz- neikundc verstatte, verlange, verziere, welche hier, wie natürlich, in der Badegeschichtc eines Arztes nicht fehlen konnte. Schon Lesfing hat in seinem Laokoon das Komisch-Ekle (das Ekel- Komische ist freilich etwas anderes) in Schutz genommen durch Gründe und durch Beispiele, z. B. aus des feinen Lord Chesterfield Stall- und Küchenstück einer hottentottischcn Toilette. Genug davon! Damit mir aber der gute Leser nicht so sehr glaube: so versichere ich ausdrücklich, daß ich ihn mit der ganzen Eintheilung von vier Zynismen gleichsam wie mit heilendem Vicrräubcresstg blos vorausbesprenge, um viel größere Befürchtungen vor Katzcnberger zu erregen, als wirklich cintrcffcn, weil man damit am besten die cingetroffnen entschuldigt und verkleinert. Gebe der Himmel, daß ich mit diesen zwei Bändchen das Publikum ermuntere, mich zu recht vielen zu ermuntern. Baireuth, den 28 . Mai 1808 . Jean Paul Fr. Richter. Vorrede zur zweiten Auslage. ^>ic Badereise wurde 1807 und 1808 schon geschrieben, und 1809 zuerst gelesen, in Jahren, wo das alte Deutschland das Blutbad seiner Kinder zu seiner stärkenden Verjüngung gebrauchte; indcß wurde das Buch mitten in der schwulen Kurzes heiter ausgedacht und heiter ausgenommen. Die neue Auslage bringt, unter andern Zusätzen, mehre neue Austritte des guten Katzenbergcrs mit, welche ich eigentlich schon in der alten nicht hätte vergessen sollen, weil ich durch diese Vergeßlichkeit seinem Charakter manchen liebenswürdigen Zug benommen. Was hingegen die Malerei des Ekels anlangt, an der einige keinen besonder» Geschmack finden wollten, so ist sie ganz unverändert geblieben. Denn wo sollte man aufhörcn wegznlasscn? Die Acrztc. und folglich starke Leser derselben, wie ich, — schauen im wissenschaftlichen Acthcrrcich herab, und unterscheiden durch ihre Vogelperspektive des unteren Unraths sich ungemein von Hofdamen, die alles zu nahe nehmen. Und zweitens, kommen denn nicht alle die verschiedenen Leser mit allen ihren verschiedenen Antipathien zum Bücherschrcibcr, so daß er ringsum 8 von Leuten umstanden ist, deren jedem er etwas nicht schildern soll, dem einen nicht das Schneiden in Kork, dem andern nicht Abrauschcn auf Atlas, oder Glasklirren, dem dritten nicht (z. B. mir selber) das Abbeißcu von Papier — dem vierten vollends am wenigsten etwa Kreuzspinnen, und so fort? — Wenn nun der vierte, wie z. B. der freundliche Ti eck im Phantasus, mit einem wahren Abscheu gegen die Figur der Kanker dastcht, so muß ihm freilich erbärmlich werden, wenn er dem Katzenbcrgcr zuschcn soll, wie dieser die Spinnen vor Liebe gar so leicht verschluckt, als ein andrer Fliegen. Und doch könnte der Doktor immer die Secspinnen, die Krebse und die Austern und andere tafelsähige Mißgestalten für sich sprechen lassen, ja und überhaupt nebenher die naturhistorische Bemerkung machen, daß die Thiere desto nngcstaltcr ausfallcn, je näher am Erdboden sie leben — so die chaotischen Ana- morphoscn und Kalibane des Meers, und die Erdbohrer des Wurmrcichs, und die kriechende Jnsektcnwclt — und daß hingegen alles — wie z. B. die letzte als fliegende, und das schwebende Vogelrcich, und die hochausgcrichteten Thiere bis zum erhabenen Menschen hinauf — sich im Freien verschönert und veredelt. Der Hauptpunkt aber ist wol dieser, daß das flüchtige Salz des Komischen manche Gegenstände, die, wie ketzerische Meinungen, im üblen Gerüche stehen, so schnell zersetzt und verflüchtigt, daß der Empfindung gar keine Zeit zur Bekanntschaft mit ihnen gelassen wird. Da das Lachen alles in das kalte Reich des Verstandes hinüber spielt: so ist cs weit mehr noch, als selber die Wissenschaft, das große Menstruum (Zersetz- und Nicdcrschlagmittel) aller Empfindungen, sogar der wärmsten; folglich auch der ekeln. 9 — Freilich etwas ganz anderes war' es gewesen, wenn ich im Punkte des Ekels den zarten Wieland zum Muster genommen hatte, und wie er*) auf einer Vignette, statt uusers KatzcnbergcrS, dem über nichts übel wird, einen Leser hätte ausgestellt, der sich über den Doktor und das Gelesene § öffentlich erbricht. Aber zum Glücke ist im ganzen Werke von allen Lesern kein einziger in Kupfer gestochen, und kann, also die andern auf dem Stuhle seßhaften nicht ansteckcn. Baircuth, den 16. Oktbr. 1822. Jean Paul Fr. Richter. *) In der ersten Ausgabe seiner Beiträge zur geheime» Geschichte der Menschheit wurde eine Rede über den moralischen Anstoß, den der Leser an gewissen Behauptungen nehmen würde, mit einer Vignette beschlossen, die ihn mit der letzten Wirkung eines Brcchpulvcrs darstcllt. B a d e g e s ch i ch t e. Erste Abtheilung. 1. S u m m u l a. Anstalten zur Badreise. „(§in Gelehrter, der den ersten Jnli mit seiner Tochter in seinem Wagen mit eignen Pferden ins Bad Maulbronn abreisct, wünscht einige oder mehre Neiscgescllschaster." — Dieses ließ der verwittibte ausübende Arzt und anatomische Prosefsor Katzcnberger ins Wochenblatt setzen. Aber kein Mensch auf der ganzen Universität Pira (im Fürstenthume Zäckingen) wollte mit ihm gern ein paar Tage unter Einem Kutschenhimmel leben; jeder hatte seine Gründe — und diese bestanden alle darin, daß niemand mit ihm wohlseil fuhr, als zuweilen ein hinten aufgesprungener Gassenjunge; gleichfam, als wäre der Doktor ein ansässiger Posträuber von innen, so sehr kelterte er muntere Reisegefährten durch Zu- und Vor- und Nachschüsse gewöhnlich dermaßen ans, daß sie nachher als lebhafte Köpfe schwuren, auf einem Eilboten-Pferde wollten sie wohlfeiler angekommen seyn, und aus einer Krüppel- fuhrc geschwinder. Daß sich niemand als Wagen-Mitbclehnter meldete, war ihm als Mittelmanne herzlich einerlei, da er mit der Anzeige schon genug dadurch erreichte, daß mit ihm kein Bekannter von 14 Rang umsonst mitfahrcn konnte. Erstatte nämlich eine besondere Kälte gegen Leute von höherem oder seinem Range, und lnd sie deshalb höchst ungern zu Diners, 6onters, 8o»pes ein, und gab lieber keine; leichter besucht' er die ihrigen zur Strafe, und ironisch; — denn er denke (sagte er) wol von nichts gleichgültiger, als von Ehren-Gastereien, und er wolle eben so gern ü In Uourcliette des Bajoncts gespeisct seyn, als feurig wetteifern mit den Großen seiner Stadt im Gasti- rcn, und er lege das Tischtuch lieber auf den Katzcntisch. Nur einmal — und dicß aus halbem Scherz — gab er ein 6outer oder Dezontsr, indem er um 5 Uhr einer Gesellschaft seiner verstorbenen Frau seinen Thee einnöthigtc, der Kamillen-Thee war. Man gebe ihm aber, sagte er, Lumpenpack, Aschenbrödel, Kothsassen, Soldaten auf Stelzfüßen: so wisse er, wem er gern zu geben habe; denn die Niedrigkeit und Armnth sei eine hartnäckige Krankheit, zu deren Heilung Jahre gehören, eine Töpfer- oder Topf-Kolik, ein nachlasscn- dcr Puls, eine fallende und galoppirende Schwindsucht, ein tägliches Fieber; — venisnti, aber sage man, currite inirrlio, d. h. man gehe doch dem herkommcndcn Lumpen entgegen, und schenk' ihm einen Heller, das treueste Geld, das kein Fürst sehr herabsetzen könne. Blos seine einzige Tochter Theo da, in der er, ihres Feuers wegen, als Vater und Wittwcr die vernachlässigte Mutter nachlicbte, regte er häufig an, daß sic — um etwas angenehmeres zu sehen, als Professoren und Proscktoren — Thcegcsellschaften, und zwar die größten, cinlud. Er drang ihr aber nicht eher diese Freude aus, als bis er durch Wetterglas, Wetterfisch und Fußreißcn sich völlig gewiß gemacht, daß cs gegen Abend stürme und gieße, so daß nachher nur k5 die wenigen warmen Seelen kamen, die fahren konnten. Daher war Katzcnbcrgcrs Einwilligen nnd Eingehen in einen Thec eine so untrügliche Prophezeiung des elenden Wetters, als das Hinnntergehcn des Laubfrosches ins Wasser. Auf diese Weise aber füllte er das liebende Herz der Tochter aus; denn diese mußte nun, nach dem närrischen Kontrapunkt und Marschreglcmcnt der weiblichen Visitenwclt, pon jeder einzelnen, die nicht gekommen war, zum Gutmachcn, wieder cingc- ladcn werden; nnd so konnte sie oft ganz umsonst um sieben verschiedene Thcctische herum sitzen, mit dem Strumpf in der Hand. Jndcß crricth die Tochter den Vater bald, nnd machte ihr Herz lieber mit ihrer innersten einzigen Freundin Bona satt. Auch für seine Person war Katzcnbcrgcr kein Liebhaber von persönlichem Umgang mit Gästen: „ich sehe eigentlich, sagte er, niemand gern bei mir, und meine besten Freunde wissen cs, und können es bezeugen, daß wir unS oft in Jahren nicht sehen; denn wer hat Zeit! — Ich gewiß nicht." Wie wenig er glcichwol geizig war, erhellt daraus, daß er sich für zu freigebig ansah. Das wissenschaftliche Licht verkalkte nämlich seine edlen Metalle, und äscherte sic zu Papiergeld ein; dcun in die Bücherschränke der Acrzte, besonders der Zergliederer mit ihren Foliobändcn und Kupferwcrkcn, leeren sich die Silbcrschränke aus, und er fragte einmal ärgerlich: „warum kann das Pfarrer- und Poctenvolk allein für ein Lumpengcld sich sein gedrucktes Lumpenpapier cinkaufen, das ich freilich kaum umsonst haben möchte?" Wenn er vollends in schönen Phantasien sich des Pastors Götze Eingcweidcwür- mcrkabinct ausmalte— und den himmlischen Abrahams Schooß, auf dem er darin sitzen würde, wenn er ihn bezahlen könnte — 16 und das ganze wissenschaftliche Arkadien in solchem Wurm- kollcginm, wovon er der Präsident wäre — so kannte er, nach dem Verzichtleisten auf eine solche zn thenere Brantkam- rner physio- und pathologischer Schlüsse, nur ein noch schmerzlicheres und entschiedneres, nämlich das Vcrzichtlcistcn ans des Berliner Walters Präparaten-Kabinct, für ihn ein kostbarer himmlischer Abrahams-Tisch, woraus Seife, Pech, Quecksilber, Del und Terpcnthin, und Weingeist in den feinsten Gefäßen von Gliedern aufgetragcn wurden, sammt den besten trockensten Knochen dazu; was aber half dem anatomischen Manne olles träumerische Denken an ein solches Feld der Auferstehung (Klopstockisch zn singen), das doch nur ein König kaufen konnte? — Der Doktor hielt sich daher mit Recht für freigebig, da cr, was er seinem Munde und fremdem Munde abdarbte, nicht blos einem thcnern Menschen-Kadaver und lebendigen Hunde zum Zerschneiden zuwandtc, sondern sogar auch seiner eignen Tochter zum Erfreuen, so weit es ging. DiescSmal ging es nun mit ihr nach dem Badeorte Maulbronn, wohin cr aber reifete, nicht um sich — oder sie — zu baden, oder um da sich zu belustige», sondern sein Neisezweck tvar die 2. S u m m u l a. R e i s e z w e ck e. Katzenberger machte statt einer Lustreise eigentlich eine Geschästrcise ins Bad, um da nämlich seinen Rezensenten bc- 17 trächtlich auszuprügcln, und ihn dabei mit Schmähungen an der Ehre anzugreifcn, nämlich den Brunnen-Arzt Strykius, der seine drei bekannten Meisterwerke — den UlliLSk»»-»« Ilaeinn- tologiae, die eis inonZtiis epistoln, den ü-isciculus exercitn- tionnin in valliein caninnin nnntoinico - ineckico - cnriosn- I'NIN — nicht nur in sieben Zeitungen, sondern auch in sieben Antworten oder Metakritiken auf seine Antikritiken überaus hcruntcrgesetzt hatte. Jndcß trieb ihn nicht blos die Herausgabe und kritische Rezension, die er von dem Rezensenten selber durch neue Lesarten und Verbesserung der alten, vermittelst des Ausprü- gclns, veranstalten wollte, nach Maulbronn, sondern er wollte auch auf seinen vier Rädern einer Gevatterschaft entkommen^ deren bloße Verheißung ihm schon Drohung war. Es stand die Niederkunft einer Freundin seiner Tochter vor der Thürc. Bisher hatte er hin und her versucht, sich mit dem Vater des Droh-Pathchcns (einem gewissenMchlhorn) etwas zu Überwerfen und mit ihm zu zerfallen, ja sogar dessen guten Namen ein Bischen anzufcchten, eben um nicht den (einigen am Taufsteine hcrlcihcn zu müssen. Allein cs hatte ihm das Erbittern des gutmüthigcn Zollers und Umgeldcrs **) Mehlhorn nicht besonders glücken wollen, und er machte sich jede Minute ans eine warme Umhalsung gefaßt, worin er die Gc- vatterarme nicht sehr von Faugklobcn und Hnmmerschecren unterscheiden konnte. Man vcrüble dem Doktor aber doch ') Für Leserinnen nur ungefähr übersetzt: I. über die Blutma- chung, 2. über die Mißgeburten, 3. über die Wasserscheu. ") So heißen in Pira, wie in einigen Reichsstädten, Umgeld- und Zoll-Einnehmer. Iran Paul's ausgew. Werke. XV. 2 18 nicht alles; erstlich hegte er einen wahren Abscheu vor allen Gevatterschaften überhaupt, nicht blos der Ausgaben halber — was für ihn das Wenigste war, weil er das Wenigste gab — sondern wegen der gelbsüchtigen Willkür, welche ja in Einem Tage zwanzig Mann stark von Kreisenden alles Standes ihn anpacken und adcrlassend anzapscn konnte am Taufbecken. Zweitens könnt' er den einfältigen Aberglauben des Umgeldcrs Mchlhorn nicht ertragen, geschweige bestärken, welcher zu Thcoda, da unter dem Abendmahl-Genuß gerade bei ihr der Kelch frisch cingcfüllt wurde*), mchrmal listig-gut gesagt hatte: „so wollen wir doch sehen, gclicbt's Gott, meine Zlnckomolseils, ob die Sache nicht eintrifft, und Sie noch dieses Jahr zu Gevatter stehen; ich sage aber nicht bei wem." — Und drittens wollte Katzcnbcrgcr seine Tochter, deren Liebe er fast niemand gönnte als sich, im Wagen den Tagopfcrn und Nachtwachen am künftigen Kindbette entführen, von welchem die Freundin selber sie sonst, wie er wußte, nicht abbringen konnte. „Bin ich und sie aber abgcflogcn, dacht' er, so ist's doch etwas, und die Frau mag kreisen." 3. S u m m u l a. Ein Reisegefährte. Wider alle Erwartung meldete sich am Vorabend der Abreise ein Fremder zur Mitbclchnschaft des Wagens. ') Nach dem Aberglauben wird der zu Gevatter gebeten, bei welchem der Priester den Kelch von neuem nachfüllt. Während der Doktor in seinem Mißgeburten-Kabinette einiges abstäubtc, von ausgestopftcn Thicrlcichen durch Räuchern die Motten (die Teufel derselben) vertrieb, und den Embryonen in ihren Gläschen Spiritus zu trinken gab: trat ein fremder, fcingcklcidctcr und feingcfittetcr Herr in die Wohnstube ein, nannte sich Herr von Niest, und überreichte der Tochter des Doktors, nach der Frage, ob sie Thcoda heiße, ein. blaucingeschlagcncs Briefchen an sie; cs sei von 'feinem Freunde, dem Bühnen-Dichtcr Thcudobach, sagte er. Das Mädchen cntglnhte hochroth, und riß zitternd mit dem Umschlag in den Brief hinein (die Liebe und der Haß zerreißen den Brief, so wie beide den Menschen verschlingen wollen) und dnrchlas hastig die Buchstaben, ohne ein anderes Wort daraus zu verstehen und zu behalten, als den Namen Thcudobach. Hr. v. Nicß schaute unter ihrem Lesen scharf und ruhig auf ihrem geistreichen, beweglichen Gesicht und in ihren braunen Feuer-Augen dem Entzücken zu, das wie ein weinendes Lächeln aussah; einige Pockcngrubcn legten dem beseelten und wie Frühling-Büsche zart- und glänzend-durchsichtigen Angesicht noch einige Reize zu, um welche der Doktor- Jenner die künftigen Schönen bringt. „Ich reise, sagte der Edelmann daraus, eben nach dem Badeorte, um da mit cincr kleincn dcklamircndcn und musikalischen Akademie von einigen Schauspielen meines Freundes auf seine Ankunft selber vor- zubereitcn." Sie blieb unter der schweren Freude kaum aufrecht; den zarten, nur an leichte Blüten gewohnten Zweig wollte fast das Fruchtgchänge nicdcrbrcchcn. Sic zuckte mit einer Bewegung nach Nicßcns Hand, als wollte sie die Ucber- bringerin solcher Schätze küssen, streckte ihre aber — heiß und roth über ihren, wie sie hoffte, uncrrathcnen Fehlgriff — 20 schnell nach der entfernten Thüre des Mißgcburten-Kabinettes aus, und sagte: „da drinn ist niein Vater, der sich freuen wird." Er fuhr fort: er wünsche eben ihn mehr kennen zu lernen, da er dessen treffliche Werke, wicwol als Laie, gelesen. Sie sprang nach der Thüre. „Sie hörten mich nicht aus _sagte er lächelnd — Da ich nun im Wochcnblatte die schöne Möglichkeit gelesen, zugleich mit einer Freundin meines Freundes, und mit einem großen Gelehrten zu reisen" — Hier aber setzte sie ins Kabinct hinein, und zog den räuchernden Katzenbcrger mit einem ausgcstopsten Säbelschnäbler in der Hand ins Zimmer. Sie selber entlief ohne Shawl über die Gasse, um ihrer schwängern Freundin Bona die schönste Neuigkeit und den Abschied zu sagen. Sie mußte aber jubeln und stürmen. Denn sic hatte uor einiger Zeit an den großen Bühnendichter Thcudobach — der bekanntlich mit Schiller und Kotzcbuc die drei deutschen Horazier ausmacht, die wir den drei tragischen Kuria- zicrn Frankreichs und Griechenlands entgegensetzen — in der Kühnheit des langen geistigen Liebctrankcs der Jugendzeit unter ihrem Namen geschrieben, ohne Vater und Freundin zu fragen, und hatte ihm gleichsam in einem warmen Gewitterregen ihres Herzens alle Thränen und Blitze gezeigt, die er wie ein Sonnengott in ihr geschaffen und gesammelt hatte. Selig, wer bewundert, und den unbekannten Gott schon auf bcr Erde als bekannten antrifft! — Im Briefchen hatte sie noch über ein umlaufendes Gerücht seiner Badrcise nach Maulbronn gefragt, und die seinige unter die Antriebe der ihrigen gesetzt. Alle ihre schönsten Wünsche hatte nun sein Blatt erfüllt. 4. S u m in n l a. Bon a. Bona — die Frau des UmgcldcrS Mehlhorn — und Thcoda blieben zwei Milchschwcstcru der Freundschaft, welche Katzcnbcrgcr nicht auseinander treiben konnte, er mochte an ihnen so viel schcidckünsteln, als er wollte. Thcoda nun trug ihr brausendes Saitenspicl der Freude in die Abschiedstunde zur Freundin; und reichte ihr Thcudobachs Brief, zwang sic aber, zu gleicher Zeit dessen Inhalt durchzuschcn und von ihr anzuhörcn. Bona suchte cs zu vereinigen, und blickte mehrmals znhorchcnd zu ihr auf, sobald sic einige Zeilen gelesen: „so nimmst du gewiß einen recht frohen Abschied von hier?" sagte sie. Den frohesten, versetzte Thcoda. — „Sei nur deine Ankunft auch so, du springsedriges Wesen! Bringe uns besonders dein beschnittenes, aufgeworfnes Naschen wieder zurück und dein Backcnroth! Aber dein deutsches Herz wird ewig französisches Blut umtrcibcn," sagte Bona. Theoda hatte eine Elsasserin zur Mutter gehabt. — „Schneie noch dicker in mein Wcscnchcn hinein!" sagte Thcoda. „Ich thn' cs schon, denn ich kenne dich, fuhr jene fort. Schon ein Mann ist im Ganzen ein halber Schelm, ein abgcfcinerter Mann vollends, ein Theaterschrcibcr aber ist gar ein sünfvier- tcls Dieb; dennoch wirst du, fürchte ich, in Maulbronn vor deinem thcuern Dichter mit deinem ganzen Herzen heraus- branscn, und Platzen, und hundert ungestüme Dinge thun, nach denen freilich dein Vater nichts fragt, aber wol ich." 22 „Wie, Bona, sürcht' ich denn den großen Dichter nicht? Kaum ihn anzuschcn, geschweige anznreden wag' ich!" sagte sic. „Vor Kotzcbue wolltest du dich auch scheuen; und thatest doch dann keck und mausig," sagte Bona. — „Ach, innerlich nicht," versetzte sic. -Allerdings nähern die Weiber sich hohen Häuptern und großen Köpfen — was keine Tautologie ist — mit einer weniger blöden Verworrenheit, als die Männer; indeß ist hier Schein in allen Ecken; ihre Blödigkeit vor dem Gegenstände verkleidet sich in die gewöhnliche vor dem Geschlecht; -— der Gegenstand der Verehrung findet selber etwas zu verehren vor sich — und muß sich zu zeigen suchen, wie die Frau sich zu decken; — und endlich bauet jede auf ihr Gesicht; „mau küßt manchem heiligen Vater den Pantoffel, unter den man ihn zuletzt selber bekommt," kann jede denken. „Und was wäre cs denn, fuhr Thcoda fort, wenn ein dichtcrvollcs Mädchen einem Herder oder Göthc öffentlich auf einem Tanzsaalc um den Hals fiele?" — „Thu' cs nur deinem Thcndobach, sagte Bona, so weiß man endlich, wen du hcirathen willst!" „Jeden — versprcch' ich dir— der nachkommt; Hab'ich nur einmal meinen männlichen Gott gesehen, und ein wenig angcbctct: dann spring' ch gern nach Hanse, und verlobe mich in der Kirche mit seinem ersten besten Küster oder Balgtreter, und behalte jenen m Herzen, diesen am Halse." Bona ricth ihr, wenigstens den Hrn. v. Nicß, wenn er mitsahre, unterwegs recht über seinen Freund Theudobach auszuhorchen, und bat sie noch einmal um weibliche Schleichtritte. Sie versprach's ihr, und deshalb noch einen täglichen Bericht ihrer Badrcise dazu. Sie schien nach Hause zu trach- 23 ten, um zu scheu, ob ihr Vater den Edclmanu in seine Adopzionloge der Kutsche ausgenommen. Unter dem langen, festen Kusse, wo Thräncn aus den Augcu beider Freundinnen drangen, fragte Bona: „wann kommst du wieder?" — „Wenn du niedcrkommst. — Meine Kundschafter sind bestellt. — Dann laufe ich im Nothsalle meinem Vater zu Fuße davon, um dich zu Pflegen und zu warten. O, wie wollt' ich noch zehnmal froher reisen, war' alles mit dir vorüber." — „Dicß ist leicht möglich," dachte Bona im andern Sinne, und zwang sich sehr, die wchmüthigcn Empfindungen einer Schwängern, die vielleicht zwei Todcspfortcn cntgcgcngcht, und die Gedanken: dicß ist vielleicht der Abschied von allen Abschiede», hinter weinende Wünsche zurückzusteckcn, um ihr das schöne Abendroth ihrer Freude nicht zu verfinstern. 5. S u m m u l a. Herr von Nieß. Wer war dieser ziemlich unbekannte Herr von Nieß? Ich habe vor, noch vor dem Ende dieses Perioden den Leser" zu überraschen durch die Nachricht, daß zwischen ihm und dem Dichter Theudobach, von welchem er das Brieschen mitgc- bracht, eine so innige Freundschaft bestand, daß sic beide nicht blos Eine Seele in zwei Körpern, sondern gar nur in Einem Körper ausmachten, kurz Eine Person. Nämlich Nieß hieß Nieß, hatte aber, als auftretcndcr Bühnen-Dichter, um seinen dünnen Alltagnamen den Fcstnamen Theudobach, wie einen 24 Königmantel, umgcworfcn, und war daher in vielen Gegenden Deutschlands weit mehr unter dem angenommenen Namen, als unter dem eignen bekannt, so wie von dein hier schreibenden Verfasser vielleicht ganze Städte, wenn nicht Weltthcilc, es nicht wissen, daß er sich Richter schreibt, obgleich cs freilich auch andre gibt, die wieder seinen Parade-Namen nicht kennen. Glcichwol gelangten alle Mädchcnbricfc leicht unter der Aufschrift Thcudobach an den Dichter Nicß — blos durch die Oberzcremonienmeistcr oder Hosmarschällc der Autoren; man macht nämlich einen Umschlag an die Verleger. Nun hatte Nicß, als ein überall berühmter Bühncn- Dichtcr, sich längst vorgcsetzt, einen Badeort zu besuchen, als den schicklichsten Ort, den ein Autor voll Lorbeeren, der gern ein lebendiges Pantheon um sich ansführtc, zu erwählen hat, besonders wegen des vornehmen Morgen-Trinkgclags und der Maskcnfreiheitcn, und des Kongresses des Neichthums und der Bildung solcher Ocrtcr. Er crtkeilte dem Bade Maulbronn, das seine Stücke jeden Sommer spielte, den Preis jenes Besuches; nur aber wollt' er, um seine Abenteuer pikanter und scherzhafter zu haben, allda inkognito unter seinem eignen Namen Nicß anlangcn, den Badegästen eine musikalisch-deklamatorische Akademie von Thcudobachs Stücken geben; und dann gerade, wenn der sämmtliche Hörzirkel am Angelhaken der Bewunderung zappelte und schnalzte, sich unversehens langsam in die Höhe richten, und mit Rührung und Schamröthe sagen: endlich muß mein Herz übcrflicßcn und vcrrathen, um zu danken; denn ich bin selbst der weit überschätzte Theater- Dichter Thcudobach, der es für unsittlich hält, so aufrichtige Aeußerungcn, statt sic zu erwicdern, an der Thnrc der Anonymität blos zu behorchen. Dieß war sein leichter dramati- 25 scher Entwurf. In einigen Zeitungen veranlaßtc er deshalb noch den Artikel: der bekannte Theater-Dichter Theudobach werde, wie man vernehme, dieses Jahr das Bad Maulbronn gebrauchen. Da cs gegen meine Absicht wäre, wenn ich durch das Vorige ein zweideutiges Streiflicht ans den Dichter würfe: so versprcch' ich hier förmlich, weiter unten den Lauf der Geschichte aufzuhaltcn, um auseinander zu setzen, warum ein großer Theater-Dichter viel leichter und gerechter ein großer Narr wird, als ein andrer Autor von Gewicht; wozu schon meine Beweise seines größcrn Beifalls, hoff' ich, ausreichen sollen. "X Nieß wußte also recht gut, was er war, nämlich eine Bravour-Arie in der dichterischen Sphärenmusik, ein geistiger Kaiscrthcc, wenn andere (z. B. viele unschuldige Leser dieses) nur braunen Thce verstellen. Es ist überhaupt ein eignes Gefühl, ein großer Mann zu sehn — ich berufe mich auf der Leser eignes — und den ganzen Tag in einem angcborncn geistigen Cour- und Churanzugc umherzulausen; aber Nieß hatte dieses Gefühl noch stärker und feiner als einer. — Er konnte sein Haar nicht auskämmcn, ohne daran zu denken, welchen feurigen Kopf der Kamm (seinen Anbeterinnen vielleicht so kostbar als ein Gold-Kamm) regle, lichte, egge und beherrsche, und wie eben so manches Gold-Haar, um welches sich die Anbeterinnen für Haar-Ringe raufen würden, ganz gleichgültig dem Kamm in den Zähnen stecken bleibe, als sonst dem Mexiko das Gold. — Er konnte durch kein Stadtthor einfahrcn, ohne cs heimlich zu einem Triumphthor seiner selber und der Einwohner unter dem Schwibbogen auszubauen, weil er aus eigner jugendlicher Erfahrung noch gut wußte. 26 wie sehr ein großer Mann labe — und sah daher zuweilen dem Namen-Registrator des Thors stark ins Gesicht, wenn er gesagt: Theudobach, um zu merken, ob der Trops jetzt außer sich komme, oder nicht. — Ja er konnte zuletzt in Hotels Doll Gäste schwer auf einem gewissen einsitzigen Orte sitzen, ohne zu bedenken, welches Eden vielleicht mancher mit ihm zugleich im Gasthofc übernachtenden Jnnglingsccle, die noch jugendlich die Autor-Achtung übertreibt, zuzuwenden wäre, wenn sie sich darauf setzte, und erführe, wer früher da gewesen. „O, so gern will ich jeden Winkel heiligen zum gelobten Lande für Seelen, die etwas aus meiner machen — und mit jedem Stiefelabsätze, aus dem schlimmsten Wege, wie ein Heiliger, verehrte Fußtapfcn ansprägen auf meiner Lebensbahn, sobald ich nur weiß, daß ich Freude errege." Sobald Nieß Theoda's Brief erhalten — worin die zufällige Hochzeit der" Namen Theoda und Theudobach ihn auf beiden Fußsohlen kitzelte — so nahm er ohne Weiteres mit einer Hand voll Extrapostgeld den Umweg über Pira, um der Anbeterin, wie ein homerischer Gott, in der anonymen Wolke zu erscheinen; und sobald er vollends in der vorletzten Stazion im Piraner Wochcnblattc die Anzeige des Doktors gelesen: so war er noch mehr entschieden; dazu nämlich, daß sein Bedienter reiten, und sein Wagen heimlich Nachkommen solle. In diesen weniger geld- als abgabenreichen Zeiten, mag es vielleicht Nießcn empfehlen, wenn ich drucken lasse, daß er Geld hatte, und danach nichts fragte, und daß er für seinen Kopf und für seine Köpft ein Herz suchte, das durch Liebe und Werth ihn für alle jene bezahle und belohne. Mit dem ersten Blick hatte er den ganzen Doktor aus- 27 gegründet, der mit schlauen grauen Blitz-Augen vor ihn trat, den Säbelschnäbler streichelnd; Nieß legte — nach einer kurzen Anzeige seiner Person und seines Gesuchs — ein Röllchen Gold auf den Nähtisch, mit dem Schwure: „nur unter dieser Bedingung aller Auslagen nehm' er das Glück an, einem der größten Zergliederer gegenüber zu scyn."— „Uiat! Es gefällt mir ganz, daß Sie rückwärts fahren, ohne zu vomi- rcn; dazu bin ich verdorben durch die Jahre." Der Doktor fügte noch bei, daß er sich freue, mit dem Freunde eines berühmten Dichters zu fahren, da er von jeher Dichter fleißig gelesen, obwol mehr für physiologische und anatomische Zwecke, und oft fast blos zum Spaße über sic. „Es soll mir überhaupt lieb scyn, fuhr er fort, wenn wir uns gegenseitig fassen und wie Salze einander neutralisieren. Leider Hab' ich das Unglück, daß ich, wenn ich im Wagen oder sonst Jemand etwas sogenanntes Unangenehmes sage, für satirisch verschrien werde, als ob man nicht jedem ohne alle Satire das ins Gesicht sagen könnte, was er aus Dummheit ist. Jndeß gefällt Ihnen der Vater nicht, so sitzt doch die Tochter da, nämlich meine, die nach keinem Manne fragt, nicht einmal nach dem Vater; mißlingt der Wiuterbau, sagen die Wctterkundigen, so gcräth der Sommerbau. Ich sand's oft." Dem Dichter Nieß gefiel dieses akademische Pctrefakt unendlich, und er wünschte nur, der Manu trieb' es noch ärger, damit er ihn gar studircn und vermauern könne in ein Possenspiel als komische Maske und Karyatide. „Vielleicht ist auch die Tochter zu verbrauchen, in einem Trauerspiele," dacht' er, als Theoda eiutrat, und von uachweincndcr Liebe und von Jugendfrische glänzte, und die durch die frohe Nachricht seiner Mitsahrt neue Stralen bekam. Jetzo wollte er 28 sich in cin interessantes Gespräch mit ihr verwickeln; aber der Doktor, dem die Aussicht ans einen Abcndgast nicht heiter vorkam, schnitt cs ab, durch den Befehl, sic solle sein Kästchen mit Pockcngist, Flcischbrühtafcln und Zerglicdcrnngzcuge packen. „Wir brechen mit dem Tage auf, sagte er, und ich lege mich »ach wenigen Stunden nieder. 8ie vale!" Der Menschenkenner Nicß entfernte sich mit dem eiligsten Gehorsam; er hatte sogleich heraus, daß er für den Doktor keine Gesellschaft sei — leichter dieser eine für ihn. Allerdings äußerte Katzcnbcrgcr gern einige Grobheit gegen Gäste, bei denen nichts Gelehrtes zu holen war, und er gab sogar den Tisch lieber her als die Zeit. Es war für jeden angenehm zu sehe», was er bei einem Fremden, der, weder besonders ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit, noch durch Krankheit, gar nicht abgchcn wollte, für Seitcnsprüngc machte, um ihn zum Lebewohl und Abschcidcn zu bringen; wie er die Uhr aufzog, in Schweigen cinsank, oder in cin Horchen nach einem nahen lautlosen Zimmer, oder wie er die unschuldigste Bewegung des Fremden auf dem Kanapee sogleich zu einem Vorläufer des Aufbruchs verdrehte, und scheidend selber in die Höhe sprang, mit der Frage, warum er denn so eile. Beide Meckel hingegen, die Anatomen, Vater und Sohn zugleich, hätte der Doktor Tage lang mit Lust bewirthct. 6. S u m m u l a Fortsetzung der Abreise durch Fortsetzung des Abschieds. Am Morgen that oder war Theoda in der weiblichen Weltgeschichte nicht nur das achte Wunder der Welt — sie war nämlich so früh fertig als die Männer — sondern auch das nennte, sie war noch eher fertig. Gleichwol mußte man auf sie warten — wie aus jede. Es war ihr nämlich die ganze Nacht vorgckommen, daß sie gestern sich durch ihren Frcndenungcstüm und ihre rcisctrunkcnc Eilfertigkeit bei einem Abschiede von einer Freundin vollends versündigt, deren Helle ungetrübte Besonnenheit bisher die Leiterin ihres Brauscher- zcns gewesen — so wie wieder die Leiterin des zu überwölkten Gattenkopfs — und welche ihre versteckte Wärme immer blos in ein kaltes Lichtgcbcn cingeklcidct; — und von dieser Freundin so nahe an der Klippe des weiblichen Lebens eilig und freudig geschieden zu sehn — dieser Gedanke trieb Theoda gewaltsam noch einmal in der Morgendämmerung zu ihr. Sie fand das Haus offen (Mchlhorn war früh verreiset) und sie kam ungehindert in Bona's Schlasgcmach. Blaß wie eine von der Nacht geschlossene Lilie, ruhte ihr stilles Gesicht im altväterischen Stuhle umgesunkcu angelchnt. Theoda küßte eine Locke — dann leise die Stirn — daun, als sie zu schnarchen anfing, gar den Mund. Aber Plötzlich hob die Verstellte die Arme aus und umschlang die Freundin: „Bist du denn schon wieder zurück, 30 Liebe, — sagte wie traumtrunkcn Bona — und blos wol, weil du deinen Dichter nicht da gesunden?" „O, spotte viel stärker über die Sünderin, thue mir recht innig weh, denn ich verdiene es wol von gestern her!" antwortete sie, und nannte ihr alles, was ihr feuriges Herz drückte. Bona legte die Wange an ihre, und konnte, vom vorfrühcn Aufstchen ohnehin sehr aufgelösct, nichts sagen, bis Thcoda heftig sagte: „schilt oder vergib!" so daß jener die heißen Thräncn aus den Augen schossen, und nun beide sich in Einer Entzückung verstanden. „O jetzo möchte ich, sagte Thcoda, mein Blut, wie dieses Morgenrots), vcrtropfcn lassen für dich. Ach, ich bin eigentlich so sanft; warum bin ich denn so wild, Bona?" — „Gegen mich bist du gerade recht, crwiedcrtc sie; nur einmal das beste Wesen kann dein wildes verdienen. Blos gegen andere sei anders!" — „Ich vergesse, sagte Thcoda, blos immer alles, was ich sagen will, oder leider gesagt habe; nur ein Ding, wie ich, konnte cs gestern zu sagen vergessen, daß ich mich am innigsten nach der erleuchteten Höhle in Maulbronn, wie nach dem Sternenhimmel meiner Kindheit sehne, meiner guten Mutter halber." Ihr war nämlich ein unauslöschliches Bild von der Stunde geblieben, wo ihre Mutter sie als Kind in einer großen mit Lampen erhellten Zauberhöhle des Orts — ähnlich der Höhle im Bade Licbcnstein — umhergctragen hatte. Beide waren nun Ein ruhiges Herz. Bona hieß sie zum Vater eilen — wiederholte ihren Rath der Vorsicht mit aller ihr möglichen Ruhe (ist sie fort, dachte sie, so kann ich gerührt scyn, wie ich will), vergaß sich aber selber, als Thcoda weinend mit gesenktem Kopse langsam von ihr ging, daß sic nachries: „mein Herz, ich kann nur nicht aufstchen, vor besonderer Mattigkeit, und dich begleiten; aber kehre ja deshalb nicht wieder um zu mir!" Aber sie war schon umgekehrt, und nahm, obwol stumm, den dritten Abschicdkuß; und so kam sie mit der Augenröthc des Abschiedes und mit der Wangen - und Morgcnröthc des Tags laufend bei den Abreiscndcn an. 7. S u m m u l a. Fortgesetzte Fortsetzung der Abreise. Da der Doktor neben dem Edelmannc auf ihre Ankunft wartete: so ließ er noch ein Werk der Liebe durch Flcx aus- nben, seinen Bedienten. Er griff nämlich unter seine Weste hinein, und zog einen mit Branntwein getränkten Pfefferkuchen hervor, den er bisher als ein Magen-Schild zum bessern Verdauen auf der Herzgrube getragen: „Flcx, sagte er, hier bringe mein Stärkmittel drüben den muntern Gerbcrskindern; sie sollen sich aber redlich darein thcilcn." — Der Edelmann stutzte. „Meiner Tochter, Hr. v. Nieß, sagte er, dürfen Sie nichts sagen; — sic hat ordentlich Ekel vor dem Ekel — wic- wol ich, für meine Person, finde hierin weder einfachen, noch doppelten nöthig. Alles ist Haut am Menschen, und meine am Bauche ist nur die fortgesetzte von der an den Wangen, die ja alle Welt küßt. Vor den Augen der Vernunft ist das Pflaster ein Pfefferkuchen, wie jeder andere im Herzogthumc, ja mir ein noch geistigerer." 32 „Ich gestehe — versetzte der sich leicht ekelnde Dichter schnell, um nur dem bösen Bilde zu entspringen >— daß mich Ihr Bedienter mit seinem langen Schlepp-Stocke fast komisch intcrcssirt. Wie ich ihm nachsah, schien er mir ordentlich ans Knien zu gehen, wie sonst ein Sieger zum Tempel des äiipi- ter eupitolinus, oder aus der Erde zu wachsen." Freundlich antwortete Katzenberger: „Ich habe cs gern, wenn meine Leute mir oder andern lächerlich Vorkommen, weil mau doch etwas hat alsdann. Mein Flex trägt nun von Geburt an glücklicherweise kurze Dachs-Beine, und auch diese sogar äußerst zirknmflektirt, daß, wenn sein Rock lang genug ist, sein Steiß und sein Weg, ohne daß er nur sitzt, halb beisammen bleiben. Diesen komischen Schein seiner Traucr- schlcppc nütz' ich ökonomisch. Ich habe nämlich einen und denselben längsten Lakaicnrock, den jeder tragen muß, Goliath wie David. Diese Freigebigkeit cntzwcietc mich oft mit dem Pirancr Projektor, sonst mein Herzensfreund, aber ein geiziger Hund, der Leute eu rolle courts — aber nicht en lonAue rolle — hat, und denen er die Röcke zu kurzen neumodischen Westen (nicht zu altmodischen) cinschnurren läßt. Setz' ich nun seinem Geize mein Muster entgegen: so verweiset er mich ans die anatomischen Tafeln, nach denen unter den Gegen- muskcln der Hand, der Muskcst der sic zuschließe, stets viel stärker sei, als der, welcher sie aufmacht, und zu jenem Muskel gehöre noch die Seele, wenn Geld damit zu halten sei. Daher die Freunde auch die Hände leichter gegen einander ballen als ausstrecken. Etwas ist daran." Als Theoda kam, hatte der Doktor, der im Vordersitz wartete, daß er durch einen Hüsten-Nachbar fester gepackt werde, den verdrießlichen Anblick, daß das Paar nach langer 33 Session - Streitigkeit sich ihm gegenüber setzte. Die Tochter that cS aus Höflichkeit gegen Nicß, und ans Liebe gegen ihren Vater, um ihn anznschcn und seine Wünsche ausznsan- gcn. Zuletzt sagte dieser im halben Zorn: „Du willst dich sonach an das Steißbein und Rückgrat des Kutschers lehnen, und läßt ruhig deinen alten Vater, wie ein Weberschiffchen, von einem Kiffen zum andern werfen, he?" Da erhielt er endlich an seiner hinübcrschreitendcn Tochter seinen Füllstcin, zur höchsten Freude des rücksässigcn Edelmanns, dessen Blicke sich nun wie ein Paar Fliegen immer um ihre Augen und Wangen setzen konnten. 8. S u m m u l a. Beschluß der Abreise. Sie fuhren ab . . . .... Aber setzo fängt für den Absender der Hauptpersonen, für den Verfasser, nicht die beste Zeit von Lesers Seite an; denn da dieser nun alle Verwickelungen weiß, so wird er mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit die sämmtlichcn Entwickelungen in den nächsten Druckbogen haben wollen, und die Forderung machen, daß in den nächsten Summuln der Rezensent ausgcprügelt werde, dessen Namen er noch nicht einmal weiß — daß Hr. v. Nicß seine Larve, als sei er blos ein Freund Thcudobachs, abwcrfe, und dieser selber werde — und daß Thcoda darüber erstaune, und kaum wisse, wo ihr der Kopf steht, geschweige das Herz. Thu' ich nun dem Leser Jean Panl's auSgejv. Werke. X.V. » 34 Len Gefallen, und prügle, entlarve und verliebe, was dazu gehört: so ist das Buch ans, und ich habe erbärmlich in wenig Summnln ein Feuerwerk oder Lnftsencr abgebrannt, das ich nach so großen Vorrüstungen zu einem langen Steppenfeucr von unzähligen Summnln hätte entzünden können. Ich will aber Katzcnbcrgcr heißen, entzünd' ich's nicht zu einem. Von jetzt an wird sich die Masse meiner Leser in zwei große Parteien spalten; die eine wird zugleich mich und die andere und diesen Druck-Bogen verlassen, um auf dem letzten nachzuschn, wie die Sachen ablaufen; es sind dieß die Kehraus- Leser, die Valctschmauscr, die Jüngstentag-Wähler, welche an Geschichten, wie an Fröschen, nur den Hinterthcil verspeisen und, wenn sie cs vermöchten, jedes treffliche Buch in zwei Kapitel cinschmclzten, ins erste und ins letzte, und jedem Kopfe von Buch, wie einem ausgctragcncn Hechte, den Schwanz ins Maul steckten, da eben dieser an Geschichten und Hechten die wenigsten Gräten hat; Personen, die nur so lauge bei philosophireuden und scherzenden Autoren bleiben, als das Erzählen dauert, wie die Nordamcrikaner nur so lange dem Prediger der Heidenbekehrer zuhorchen, als sic Branntwein bekommen. Sie mögen denn reisen, diese Epilogiker. Was hier bei mir bleibt — die zweite Partei — dieß sind eben meine Leute, Personen von einer gewissen Denkart, die ich am langen Seile der Liebe hinter mir nachziehe. Ich heiße euch alle willkommen; wir wollen uns lange gütlich mit einander thun, und keine Summnln sparen — wir wollen auf der Bad-Reise die Einheit des OrtcS beobachten, so wie die des Interesse, und häufig uns vor Anker legen. Langen wir doch, nach den längsten vcrzögcrlichcn Einreden und Vexir- zügcn, endlich zu Hause und am Ende an, wo die Kehraus- 35 Leser Hausen: so haben wir unterwegs alles, jede Zoll- und Warntafel und jeden Gasthofschild gelesen und jene nichts, und wir lachen herzlich über sic. 9. S u in m u l a. Halb tag fahrt nach St. Wolfgang. Theoda konnte unmöglich eine Viertelstunde vor dem Edclmannc sitzen, ohne ihn über Inner- und Acnßerlichkciten seines Freundes Thendobach, von dem Zopfe an bis zu den Sporen, auszufragcn. Er schilderte mit wenigen Zügen, wie einfach er lebe und nur für die Kunst, und wie er, ungeachtet seiner Lustspiele, ein gutmüthiges, liebendes Kind sei, das eben so oft geliebt als betrogen werde; und im Aeußern habe er so viel Aehnlichkcit mit ihm selber, daß er darum sich oft Theudobachs Körper neune. Himmel! mit welchem Feuer schauetc die Begeisterte ihm ins Gesicht, um ihren Autor ein Paar Tage früher zu sehen! „Ich habe doch in meinem Leben nicht zwei glcichähnliche Menschen gesehen," sagte Theoda, der einmal in einem glänzenden Traume Thcudobach ganz anders erschienen war, als sein vorgebliches Nachbild. „Soll er meiner Tochter gefallen, bemerkte der Doktor, so muß die Nasenwurzel des Poeten und der Nasenknorpel sammt dem Knochenbau etwas stärker und breiter sehn als bei Ihnen, nach ihren phantastischen Voraussetzungen aus seinen Büchern." Wenn also der Schleicher etwa, wie ein Doppeladler, zwei Kronen durch seine Namen-Maske auf den Kopf bekommen 3 * 36 wollte, eine jetzige und eine künftige: so ging er sehr fehl, daß er den Menschen ein Paar Tage vor dem Schriftsteller abgesondert voraus schickte; denn jener verhärtete in Thcoda's Phantasie und ließ sich spröde nicht mehr mit diesem verarbeiten und verquicken, indeß umgekehrt, bei einer gleichzeitigen unge- thcilten Vorführung beider, das Schriftstellerische sogleich das Menschliche mit Glimmer durchdrungen hatte. Nicß warf ohne Antwort die Frage hin, wie ihr sein bczichlich-bcstcs Stück: „Der Ritter einer bessern Zeit" gefallen, mit welchem er eben in Maulbronn die deklamatorische Akademie anfangcn wolle. Da ein Autor bei einem Leser, der ihn wegen eines halben Dutzend Schriften anbctet, stets voraus- sctzt, er habe alle Dutzende gelesen: so erstaunte er ein wenig über Thcoda's Freude, daß sie etwas noch Ungelesenes von ihm werde zu hören bekommen. Sie mußte ihm nun — so wenig wurd' er auf seinem Sclberfahrstnhl von Sicgwagcn des schönen Aufzugs satt — sagen, was sic vorzüglich am Dichter- liebe: „großer Gott, versetzte sic, was ist vorzüglich zu lieben, wenn man liebt? Am meisten aber gefällt mir sein Witz — am meisten jedoch seine Erhabenheit — freilich am meisten sein zartes, heißes Herz — und mehr als alles andere, was ich eben lese." — „Was lesen Sic denn eben von ihm?" fragte Nicß. „Jetzo nichts," sagte sie. Der Edelmann brauchte kaum die Hälfte seiner feinen Fühlhörner ansznstrccken, um cS dem Doktor abznfühlcn, daß er mit seinem verschränkten Gesichte eben so gut unter dem Balbiermcffcr freundlich lächeln könnte, als unter einem für ihn so widcrhaarigcn Gespräche; er that daher — um allerlei aus ihm heraus zu reizen, worüber er bei der künftigen Er- kennszcnc recht crröthcn sollte — die Frage an ihn, was er 37 seines Orts vom Dichter für dos Schlechteste halte. „Alles^ versetzte er, da ich die Schnurren noch nicht gelesen. Mich wnndcrt's am meisten, daß er als Edelmann und Reicher etwas schreibt; sonst taugen tu Papiermühlen wol die groben Lumpen zu Papier, aber nicht die seidnen." Nicß fragte: ob er nicht tu der Jugend Verse gemacht? „Pope — gab er zur Antwort — cntsann sich der Zeit nicht, wo er keine geschmiedet, ich erinnere mich derjenigen nicht, wo ich dergleichen geschaffen hätte. Nur einmal mag ich, als verliebter Gcßucrs- Schäser und Primaner, so wie in Krankheiten sogar die Venen pnlsiren, in Poetasterci hincingcrathen seyn, vor einem dummen Ding von Mädchen — Gott weiß, wo die Göttin jetzt ihre Ziegen melkt. — Ich stellte ihr die schöne Natur vor, die schon dalag, und warf die Frage auf: sieh, Suse, blüht nicht alles vor uns wie wir, der Wicscnstorchschnabcl, und die große Gänseblume und das Nindsauge, und die Gichtrosc und das Lungenkraut, bis zu den Schlchcngipfcln und Birncn- wipfeln hinauf? Und überall bestäuben sich die Blumen zur Ehe, die jetzt dein Vieh frißt? — Sie antwortete gerührt: wird Er immer so an mich denken, Amandus? Ich versetzte wild: Beim Henker! an uns beide; wohin ich künftig auch verschlagen und verfahren werde, und in welchen fernen Fluß und Bach ich auch einst schauen werde — cs sei in die Schweine in Meiningen — oder in die Besau und die Gcsau tm Henncberg — oder in die wilde San in Böhmen — oder in die Wampfe in Lüneburg — oder in den Lumpelbach in Salzburg — oder iu die Starzel in Tyrol — oder in die Kratza oder in den Galgenbach in der Obcrpfalz — tu welchen Bach ich, schwör' ich dir, künftig schauen werde, stets werd' ich darin mein Gesicht erblicken, und dadurch auf deines kom- 38 men, das so oft clber behielt alles an. und war sein Selb- Trockcnseil. Nicß konnte die Einsamkeit der abwaschendcn Wiedergeburt zum Nachschürcn von neuem Brennstoff für Thcoda vcr- 57 wenden. Er sann nämlich lange ans treffliche Sentenzen über die Liebe, und grub endlich folgende in die Fenstertafel seines Zimmers: „Das liebende Seufzen ist das Athmcn des Herzens. — Ohne Liebe ist das Leben eine Nacht in einer Mond- verfinstcruug; wird aber diese Luna von keiner Erde mehr verdeckt, so verklärt sich mild die Welt, die Nachtblumen des Lebens öffnen sich, die Nachtigallen tönen, und überall ist Himmel. Theudobach, im Junius." Theoda schrieb eiligst folgende Tagebuchblättcr, um sie dem Mehlhoru noch mit zu geben. „Du thcnrcs Herz, wie lange bin ich schon von Dir weg gewesen, wenn ich Zeit und Weg nach Seufzern messe? Und wann wcrd' ich in Dein Haus springen oder schleichen? Gott verhüte letztes! Ein Zufall — eigentlich ein Fall in einen Graben — hält uns alle diese Nacht in Huhl fest; leider kommen wir dann erst morgen spät in Maulbronn an; aber ich habe doch die Freude, Deinem guten Manne mein Geschreibsel aufzupackcn. Der Gute! Ich weiß wol, warum Du mir nichts von seiner gleichzeitigen Reise gesagt; aber Du hast nicht Siecht gehabt. Mein Vater setzte aus eine Stunde den raffiuirteu Zuckerhut Würfel in den Wagen; seine Weste litt sehr beim Umwerfen. In so fern war mir's lieb, daß Dein Mann nicht mitgefahrcn; wer steht für die Wendungen des Zufalls? — Ich habe. Herzige, Deinen Rath — denn in der Ferne gehorcht man leichter als in der Nähe — treu befolgt, und heute fast nichts gcthan, als Fragen an den Edelmann über den Dichter. Dieser ist selber — höre — blos die beste erste Ausgabe seiner Bücher, eine Prachtausgabe, wenn nicht besser, wenigstens milder, als seine Stachel- komödicn. Niemand hat sich vor seinem Auge oder Herzen 58 zu scheuen. Er lief schon als Kind gern ans Berge und in die Natur; und so war er auch schon als Kind vor seinem nennten Jahre unsterblich verliebt. Närrisch ist's doch, daß man dergleichen an großen Menschen als so etwas Großes nimmt, da man ja bei sich und andern nicht viel daraus macht. — Hr. v. Nieß erzählte mir eine köstliche, längst ab- geschloßnc Geschichte von seiner ersten Liebe, als eines Knaben voll Zärte nnd Glnth und Frömmigkeit; sic soll Dir einmal wohlthun, wenn ich sie Dir in Dein Wochenbett hinein werfe. Nur macht's der liebe Vater durch Mienen nnd Worte jedem gar zu schwer, dergleichen vorzntragcn; — anzuhören weniger, denn ich bin an ihn gewöhnt — er wirst oft, wie Du ja weißt, EiSspitzcn ins schönste Feuer, ans die niemand in ganz Pira gefallen wäre, nnd bringt damit den Gcrührtcsten zum Lachen. Er nennt unser ewiges Sprechen über unfern Dichter ein holländisch-langes Glockenspiel. Freilich kennt ihn Hr. v. Nieß nicht, oder will es nicht; so seltsam fragt er ihn an. Ich habe Dir ihn überhaupt noch nicht gemalt, so mag er mir denn sitzen ans dem Kutschenkissen. Recht klug wird man nicht ans ihm; er wirft nicht sich, aber das Geld weg (fast zu sehr). — Er schimmert und schneidet, wie der Demant in seinem Ringe; nnd ist doch weich dabei, und stets auf der Jagd nach warmen Augenblicken. — Ein Held ist er auch nicht, ja nicht einmal eine Heldin; vor dem kleinsten Stachclchen fährt er in die Bicncukappe — wie ich Dir nachher meine eigne Perücke als Beweis und Bicnenkappc vorzeigen will. — Ucbrigcns hat er alle nachgiebige Bescheidenheit des Weltmannes, der sich aus die Voraussetzung seines Werths verläßt — nnd dabei sein, sein und sonst mehr. — Dicß ist aber eben der Punkt; von sich spricht er fast kein Wort, 59 unaufhörlich von seinem Jugendfreunde, dem Dichter, gleichsam als wäre sein Leben nur die Grnndirung für diese Hauptfigur. Auffallend ist's, daß er nicht mit dem feurigen Gefühl, wie etwan ich, von ihm redet, sondern fast ohne Thcilnahme (er berichtet blos Thatsachcn), so daß cs scheint, er wolle nur meinem Gcschmacke zu Gefallen reden, und dabei unter der Hand für jemand anders den Angelhaken auswcrfen, als für unfern Theudobach. Zwischen diesem Namen und dem weinigen find' er etymologisch, sagt' er, nur den Unterschied des Geschlechts, worüber ich ordentlich zusammcnfnhr, weil ich nie darauf gefallen war. Aber, warum sagt er mir solches angenehme Zeug, da er doch sicht, daß er mich nur durch ein ganz fernes Herz in Flammen setzt? Eilte Dein Mann nicht so fürchterlich, wahrlich ich wollte vernünftig schreiben. Ich sage Dir Donnerstags alles, wenn es auch der Freitag widerlegt. In der Fremde ist man gegen Fremde (ja gegen Einheimische) weniger fremd, als zu Hanse; ich fragte geradezu Hr. v. Nicß, wie der Dichter ausschc. „Wie stellen Sie sich ihn denn vor?" fragt' er. „Wie die edleren Geschöpfe dieses Schöpfers selber (versetzt' ich). Er soll und wird ausschcn, wie ein nicht zu junger Ritter der alten Zeit —- vorragcnd auch unter Männern — Er muß Augen voll Dichter- und Kricger- feuer haben, und doch dabei solche Herzens-Lieblichkeit, daß er sein Pferd eben so gut streichelt als spornt, und ein gc- fallnes Kindchen aufhebt und abküßt, eh' cr's der Mutter reicht — Auf seiner Stirn müssen ohnehin alle Welten stehen, die er geschaffen, sammt den künftigen Wcltthcilcn — Köstlich muß er ausschcn — Der Bergrücken seiner Nase ..... — (Hier, Bona, dacht' ich an Deinen Rath) Nun Sic haben ja die Nase selber gesehen, und ich gedenke, das auch zu thun." 60 Hierauf versetzte Hr. v. Nicß: „vielleicht sollt' er, Dcmoi- selle, dieser Gestalt nach Maler-Ideal haben; aber leider fleht er fast so aus wie ich." Gewiß Hab' ich darauf ein einfältiges Staun-Gesicht gemacht, und wol gar die Antwort gegeben: „wie Sie?" — Acbcrhaupt schien meine zu lebhafte Vorschildcrei seines Freundes ihn nicht sonderlich zu ergötzen.— „Thcoda und Theudo- bach — fuhr er fort — behalten ihre Achulichkcit sogar in der Statur; denn Er ist so lang als ich." — „Nein, unterfuhr ich, dann ist er kürzer als ich; eine Frau, die so lang ist als ein Mann, ist länger als ein Mann." — Es schwollen beinahe Gistblascn mir auf, gesteh' ich gern. ES verdroß mich das ewige Prahlen mit der körperlichen Achnlichkcit Theudobachs bei so wenig geistiger. Ich denke an seine unritterliche Furcht und an meine Perücke beim Wagcn-Umwurf. Er wollte sich an meinen Kops anhaltcn, um seinen zu retten. Raufen aber ist eine eigne Weise, einem Mädchen den Kopf zu verrücken. Mein Vater wird ihn mit dieser Perücke, wo- mit^cr in die Grube gefahren, noch oft fegen, wie die Bedienten in Irland damit die Treppen kehren. Freilich war's an ihn eine dumme Mädchenfragc, die ich nachher gcthan, wie ich Dir beichten will. Aber wer macht's denn anders? Die Leserinnen eines Dichters sind alle seine heimlichen Liebhaberinnen — die Jünglinge machen es mit Dichterinnen auch nicht besser —; und wir denken bei einem Genie, der Ehre unseres Geschlechts wegen, zuerst an die Frau, die der große Mann uns allen vorgczogcn, und die wir als die Gesandtin unseres Geschlechts an ihn abgcschickt. Auf seine Frau sind wir sogar neugieriger als aus seine Kinder, die er ja nur bekommen und selten erzieht. Ob ich mich 61 gleich einmal tapfer gegen meinen Vater gewehrt, da er sagte, an einem Poeten zögen wir den Knicfall dem Sylbcnsall vor, ein Paar Frcicrsüße sechs Versfüßen, Schäfcrstundc» den Schäferlicdcrn, und waren gern die Hauschrc einer Deutschlands Ehre: so hatt' er doch halb und halb Recht. — Die dumme Mädchcnfragc war nämlich die: ob der Dichter eine Braut habe. — „Wenigstens bei meiner Abreise noch nicht," versetzte Nicß. — „O ich wüßte, sagt' ich, nichts Rührenderes, als eine Jungfrau mit dem Edlen am Tranaltare stehen zu sehen, welchen sie im Name» einer Nachwelt belohnen soll; sie sollte mir meine heiligste Schwester scyn, und ich wollte sie lieben wie ihn." — Wahrlich, Sie könnten es, sagte Nieß mit unnütz-feiner Miene. O Gott, zanke nur hier über nichts, Du Hellseherin. Ach, mein Gesicht-Lärvchen — wahrlich mehr eine komische als tragische Maske — gibt mir keine Einbildungen, weil ich doch damit keinem Manne gefallen kann, als einem halbblinden, der, wie Du, nichts verlangt, als ein Herz; aber der freilich sollte dieses denn auch ganz haben, mit allen Kammern und Hcrzohren und Flämmchcn darin, und mein kleines Leben hinterdrein. Ich wollt', es gäbe gar keine Männer, sondern die göttlichsten Sachen würden blos von Weibern geschrieben; warum müssen gerade jene einfältigen Geschöpfe so viel Genie haben, und wir nichts? — Ach, wie könnte man einen Rousseau lieb haben, wenn er eine Frau wäre! Gute Nacht, meine Seele! So viel Himmel als nur hin- cingebt, komme in Dein Herzchen!" Th. 62 14. S u m in u l a. Mißgcburtcn-Adcl. Der Wirth, der die Gesellschaft immer hinter Büchern nnd Schrei bfedcrn sah, vcrmnthete, er könne sic als Ziehbrunnen benutzen und seinen Eimer einscnkcn; er brachte ein Werk in Folio und eins in Oktav zum Verkaufe getragen. Das kleinere war ein zcrlescncr Band von Thcndobachs Theater. Aber der Doktor sagte, cs sei kein Kauf für das Gewissen seiner Tochter, da das Buch vielleicht aus einer Leihbibliothek unrechtmäßig versetzt sei. Auch fragt' er sie, ob sic denn nicht glaube, daß in Maulbronn der Dichter selber sic, als seine so warme Anbeterin nnd Götzen-Dienerin, mit einem schönen Freiexemplare überraschen werde, das er wieder selber umsonst habe vom Verleger. „Ich komme ihm zuvor, sagte Nieß, ich habe von ihm selber fünf Prachtexemplare zum Geschenk, nnd gebe gern eines davon um den Preis hin, den es mich kostet." Thcoda hatte Zweifel über das Annehmcn, aber der Vater schlug alle nieder, und sagte znm Edelmannc mit närrischen Grimassen: „Hr. v. Nieß, ich mache von so etwas Genießbarem Nießbrauch, so wie von allen kostspieligen Auslagen, die Sie bisher auf der Neisc vorschoffen, weil Sie vielleicht wissen, daß ich ein schlechter Zahl - nnd Rechenmeister bin; aber am Ende der Reise, hoff' ich, sollen Sic mich kennen lernen." Nieß bat Tbeoda, in sein Zimmer zu folgen, wo er ihr vom Dichter vielleicht noch etwas Lieberes zu geben habe, als das Gedruckte. Er führte sic vor die oben gedachte Fensterscheiben-Inschrift. Als sie die Thcudobachische Hand nnd die schönen Licbcworte erblickte, nnd min gewiß wußte, daß sie, den Boden nnd die Nachbarschaft mit ihrem Helden thcilcnd, gleichsam in dessen Atmosphäre gekommen, wie die Erde in die der Sonne*): so zitterte das Herz vor Lust, und die Prachtausgabe verlor fast gegen die Fenster-Schrift. Nicß sah das feuchte Auge, nnd hielt sich mit Gewalt, um nicht mit dem Bckcnntniß seines zweiten Namens ihr ans Herz zu fallen, aber ihre Hand drückte er heftig, und malte gerührt den Thea- tcrstreich am Fenster nicht weiter ans. Beide gingen halb trunken znm Doktor zurück. Dieser hatte eben thcucr den Folioband vom Wirthc erhandelt, nämlich SömmerringS Abbildungen nnd Beschreibungen einiger Mißgeburten, die sich ehemals ans dem anatomischen Theater zu Kassel befanden. Fol. Mainz. 1701. Nicht nur das Paar, auch der Wirth sah, mit welchem Entzücken er die Mißgeburten verschlang. Da nun ein Wirth, wie jeder Handelsmann, bei jedem Käufer ungern aushört zu verkaufen, so sagte der Wirth: „Ich bin vielleicht im Stande, einem Liebhaber mit einer der veritabclsten ansgcstopften Mißgeburten aufzu- wartcn, die je auf acht Beinen hcrumgelaufen." „Wie, wo, wenn, was?" rief der Doktor, auf den Gastwirth rennend. „Gleich!" versetzte dieser und entschoß. „Gott gebe doch, fing Katzenbcrger an, gegen den Edelmann sich wendend, daß er etwas wahrhaft Mißgcborncs bringt. Ich weiß nicht, haben Sic meine cks monsti-m exi- ') Das Zodiakal-Licht wird für den in die Laufbahn der Erde hinein reichenden Dunstkreis der Sonne gehalten. stnla gelesen oder nicht; inzwischen habe ich darin ohne Bedenken die allgemeine Gleichgültigkeit gegen ächte Mißgeburten gerügt, und cs frei heraus gesagt, wie man Wesen vernachlässigt, die uns am ersten die organischen Baugcsctze, eben durch ihre Abweichungen gothischer Bauart, lehren können. Gerade die Weise, wie die Natur zufällige Durchkreuzungen und Aufgaben (z. B. zweier Leiber mit einem Kopfe) doch organisch aufzulösen weiß, dieß belehrt. Sagen Sie mir nicht, daß Mißgeburten nicht bestehen, als widernatürlich; jede mußte rinmal natürlich scyn, sonst hätte sie nicht bis zum Leben und Erscheinen bestanden; und wissen wir denn, welche versteckte organische Mißthcile und Uebcrthcilc eben auch Ihrem oder meinem Bestehen zuletzt die Ewigkeit nehmen? Alles Leben, auch nur Einer Minute, hat ewige Gesetze hinter sich; und rin Monstrum ist blos ein Gesetzbuch mchrer föderativen Staatskörperchcn auf einmal; auch die unregelmäßigste Gestalt bildete sich nach den regelmäßigsten Gesetzen (unregelmäßige Regeln sind Unsinn). Eben darum könnte aber aus Mißgeburten, als den höhcrn Harnspizien oder passiven Blutzeugen, bei geschickter Zergliederung mehr Einsicht gewonnen worden seyn, als aus allem Alltagvieh, sobald man nur besser diese Sehröhrc und Operngucker ins Lcbcnsreich hätte zu richten verstanden, und wenn man überhaupt, Hr. v. Nicß, so seltene Cicerone und Zeichcndcnter, die eben gerade, wie die Wandelsterne in ihren Verfinsterungen, am meisten geistig erleuchten, sorgfältiger aufgehoben hätte! Wo ist aber — mein elendes ausgenommen — noch ein ordentliches Mißgcburtcnkabinet? Welcher Staat hat noch Preise auf Einlicfern von inonstris gesetzt, geschweige auf Erzeugung derselben, wie doch bei Blumen geschehen? Geht ein Monstrum als ein wahrer Solitaire 65 der Wissenschaft unter, so ist man noch gleichgültiger, als wäre ein Schock leicht zu zeugender Wcrkcltaglciber an der Ruhr verschieden. Wer kann denn aber eine Mißgeburt, die sich so wenig als ein Genie fortpflanzt — denn sie ist selber ein körperliches, eine Einzigperlc — nicht einmal ein Sonntagkind, sondern ein Schalttagkind — ersetzen, ich bitte jeden? Ich für meine Person könnte für dergleichen viel hingebcn, ich könnte z. B. mit einer weiblichen Mißgeburt, wenn sie sonst durchaus nicht wohlfeiler zu haben wäre, in den Stand der Ehe treten; und ich will dir'S nicht verstecken, Thcoda,— da die Sache aus reiner Wisscnschaftliebe geschah, und ich gerade an der Epistel cls inonstris schrieb — daß ich bei deiner sel. Mutter während ihrer guten Hoffnung eben nicht sehr darauf dachte, aufrechte Tanzbären, Affen, oder kleine Schrecken und meine Kabinct-Preziosen fern von ihr zu halten, weil sie doch im schlimmsten Falle blos mit einem monströsen Ehe- segcn mein Kabinct um ein Stück bereichert hätte; aber leider, hätt' ich beinah' gesagt, aber gottlob sic bescheerte mir dich, als eine Bestätigung der Lavatcrschen Bemerkung, daß die Mütter, die sich in der Schwangerschaft vor Zcrrgcburten am meisten gefürchtet, gewöhnlich die schönsten gebären. Ein Monstrum.... o, du guter Wirth kommst!" Letzter kam an, mit dem fast grimmig aussehendcn Stadt- apothcker, und dieser mit einem gut ausgcstopften, achtbeini- gcn Doppel-Hasen, den er wie ein Wickelkind im Arme trug und an die Brust anlcgte. Der Doktor sah den Hasen fast mit geifernden Augen an, und wollte wie ein Hasengcicr auf ihn stoßen. „Ich bin — sagte jener und sprang stirnrunzelnd seitwärts — Pharmazcutikus hiesiger Stadt, und habe dieses curiosnin in Besitz. Besehen darf es werden, aber uu- Jean Paul'« ausgew. Werke. XV. e; 66 möglich begriffen vor dem Einkauf. Ich will cs aber auf alle Seiten drehen, und wie cs mir gut dünkt; denn es ist feines Gleichen nicht im Lande oder aus Erden." „Um Verzeihung, sagte der Doktor, im königlichen Kabinet zu Chantilly wurde schon ein solcher Doppel-Hase aufbcwahrt *), der sogar sich an sich selber, wie an einem Bratenwender, hat nmdrchen und auf die vier Relais-Laufe werfen können, um auf ihnen frisch weiter zu reisen, während die vier ausge- spanntcn in der Luft ausrnhten und selber ritten."— „Das konnte meiner bei Lebzeiten auch, sagte der Apotheker, und Ihr anderes einfältiges Hascnstück Hab' ich gar nicht gesehen, und gebe nicht einen Löffel von meinem darum." Jetzo nannte er den Kaufschilling. Bekanntlich wurde unter dem minderjährigen Ludwig XV. der Grcisenkopf auf den alten Louisd'or von Ludwig XIV. blos durch den Druck eines Rades in den noch lebendigen Kinderkopf umgcmünzt; woraus sie 20 Livres statt 16 galten. Für ein solches Geld-Kopfstück, und zwar für ein vollwichtiges, wollte der Apotheker seinen Hasen mit 4 Löffeln, 2 Köpfen re. hergcbcn. Nun hatte der Doktor wirklich ein solches bei sich; nur aber war's um viele Asse zu leicht,, und ihm gar nicht feil. Er bot halb so viel an Silbergcld — daun eben so viel — dann streichelte er dem Pharmazcutikus am dürren Arme herab, um in seinem Heißhunger nur, wie der blinde Angelo den Torso, so den Pelz der Hasen zu befühlen, die er, wie ein Kalmücke, göttlich verehrte. — Endlich zeigte er noch seinen langen Hakenstock vor, und zog aus dessen Scheide, wie einen giftigen Bienen- *) Unterhaltungen aus der Naturgeschichte. Die Säugethiere I. B. S. 34. stachel, einen langen befiederten amerikanischen Giftpfeil vor, nnd sagte, diesen Pfeil, womit der Pharmazcutikns jeden Feind aus der Stelle erlegen könnte, woll' er noch drein schenken. Bisher hatte dieser immer drei Schritte auf- und ab- gethan, kopfschüttelnd und schweigend; jetzo trug er ohne weiteres seinen Hasenviclfuß zur Thüre hinaus, und sagte blos: „bis morgen früh steht viel feil ums Goldstück; aber Mittags katz ab!" „Es ist mein Herzens-Gcvatter, sagte der Wirth, und ein obstinater Mann, aber dabei blitz-wunderlich; ich sage Ihnen aber. Sie kriegen eben so wenig den Hasen ein- zupackcn, als den Rathhans-Thurm, wofern Sic kein solches Kopfstück ausbatzen; er hat seinen Kops daraus gesetzt." — „Gibt's denn, sagte der Doktor, einen größern Spitzbuben? Ich habe freilich eins, aber es ist zu gut, zu volllöthig für ihn — doch wcrd' ich sehen."— „So thue, sagte der Wirth, doch unser Herr Gott sein Bestes und bringe zwei solche Herren zusammen!" Der Poet Nieß hatte aus dem Vorfälle eine ganze Theaterkasse voll Einfälle und Situazionen erhoben; und auf der Stelle den Plan zu einer komischen Oper entworfen, worin nichts als Mißgeburten handeln und singen sollten. 68 I 15. S u m in u l a. Hasenkricg. Der Doktor hatte eine unruhigere Nacht, als irgend einer seiner Heilkunden, weniger weil ein Goldstück für das Natur-Kunstwerk zu zahlen war, als weil dasselbe sehr zu leicht war. Endlich fiel ihm gegen Mitternacht der Kunstgriff eines christlichen Kaufmanns bei, der zu leichten Goldstücken nicht jüdisch durch Beschneidung, sondern vielmehr mit etwas Ohrenschmalz, als Taufe und Oelung, das alte Gewicht zn- rückgab. Er stand aus, und nahm seine Gehörwerkzcuge, und gab dem Louis XIV. et XV. ck'oi-, ohne alle Rheims-Fläschchen, so viele Salbung, bis er sein Gewicht hatte. Frühmorgens schickte er durch den Wirth die Nachricht in die Apotheke: er gehe den Kauf ein, und werde bald vor ihr mit seinem Wagen halten. Man antwortete darauf zurück: „gestern war' es zwar eben so gut abzumachen gewesen; aber meinetwegen!" Der Doktor sann sich viele List - und Gewalt-Mittel — d. h. Friedens-Unterhandlungen und Kriegslisten— aus, um die Föderativ-Hasen zu bekommen; und er war, im Falle gute Worte, nämlich falsche, nichts verfingen, zum Aeußcrstcn, zu Mord und Todtschlag entschlossen; weshalb er seinen Arm mit dem giftigen Gemshornstock armirtc. Vor der Apotheke befahl er, aus dem Wagen springend, die Thüre offen zu lassen, und so bald er gelaufen komme, fliegend mit ihm abzurcnnen. Er hatte sich vorgcnommen, 69 anfangs dem Fuchse zu gleichen, der so lange sich einem Hasen näher tanzt, bis der Hase selber in den Tanz einfällt, worauf der Fuchs ihn leicht in Todtentänze hincinzicht *). Er stieg dann aus — hielt ein zweiköpfiges Goldstück blos zwischen Mittelfinger und Daumen am Rande, um es mehr zu zeigen, und um nichts vom Folien-Golde weg zu reiben — und war jedes Wortes gewiß, das er sagen wollte. Er konnte sich aber beim Eintritte nicht viel Vorthcil für seine Anrede oder Bene- volcnz-Kaptanz von dem Umstande versprechen» daß gerade das Subjekt**) und der Provisor giftigen Bilscnsamcn in Mörsern stampften; da, nach allen Giftlehrcrn, dieses Gist- kraut unter dem Stoßen und Kochen den Arbeiter unter der Hand in ein toll-erboßtcs, bissiges Wesen umsctzt. Jndcß fing er — mit dem Goldstücke in der Hand, wie ein vcncdi- schcr Sbirre mit einem ans der Mütze — sein freundschaftliches Anreden mit Vergnügen an, weil er wußte, daß er stets mit der sanften Hirtenflöte den, dem er sie vor tauben Ohren blies, leicht hinter dieselben schlagen konnte. „Herr Amtbrudcr, sagt' er, meine cke moustrio epistola (Sendschreiben über Mißgeburten) kennen Sie wahrscheinlich früher, als irgend ein Protomcdikus und Obersanitätrath in ganz größcrn Städten; sonst hätten Sie sich vielleicht weniger auf Mißgeburten gelegt. Ihr Monstrum, gesteh' ich Ihnen gern — denn es ist zu sehr gegen meine Sinnes-Art, etwas herab zu setzen, blos weil ich es erhandeln will — ist, wie *) Der Verfasser weiß nicht gewiß, ob er diese naturhistorische Bemerkung aus Bechstcins Werken, oder aus dessen Munde hat. *') Bekanntlich der Name eines pharmazeutischen Bcigehülfen und Gesellen. 70 Sie selber trefflich sagten, ein eurionmn; in der That ist Ihr Dioskuren-Hase (Sie »erstehen mich leicht) wie ein Doppel- Adler gleichsam eine lebendige Sozietät-Insel, ein zusammemgewachsenes Hasen-töte-n-töte. Sie wissen alles, wenn nicht mehr. Sie sehen aus meinem Goldstück in der Hand, ich gebe alles dafür; war' cs nur deshalb, um neben meiner Wißbe- gierde noch die des Fürsten im Maulbronncr Bad, meines intimen dicken Freundes, zu befriedigen; ich weiß zwar nicht, ob Sie bei ihm dabei verlieren, daß Sic den Doppel-Hasen früher aufgctrieben und besessen als ich; aber ich weiß, daß Sie dabei gewinnen, und daß ich ihm sagen werde, wie Sie sich schreiben, und daß nur Sie mir die Hasen abgclasscn." „Ich will jetzt das Goldstück wägen," versetzte der Apotheker, und gab das Hasenpaar dem Provisor hin, der cs mit verfechtenden Blicken als Schutzheiliger auf- und abtrug. — Das Subjekt stieß feurig fort und sott ohne Noth in eignen Augenhöhlen seine Eiweiß-Augen krebsroth. — Der Prinzipal stand im feuernden Krebs als Sonne, und zitterte vor Hast, als er die Goldwagc hielt. — Die ganze Apotheke war die Sakristei zu einer streitenden Kirche. — Katzcnbcrger aber zeigte sich mild, und schien als kalte Sonne im Steinbock. „Mein Gold, sagt' er, da cs etwas in die Höhe ging — ist wol übcrwichtig; denn Sie halten nicht fest genug, und so fliegt's auf und ab." — — „Wenn nicht Harn d'ran ist, dcr's schwer macht," sagte der Apotheker, und bcroch's; worauf er das Goldstück versuchweise ein wenig am Obcrrockfuttcr zu scheuern begann. Aber der Doktor fing seine Hand, damit er nicht die auf die Goldmünze ausgctragnc Schaumünze wegseile, und sagte ihm 71 frei heraus: „er halte ihn zwar für den ehrlichsten Mann in der ganzen Apotheke, aber er könne deshalb doch nicht vergessen, daß in verschiedenen Leipziger nnd Frankfurter Messen Inden gestanden, welche ein feines Reibeisen im Untcrfnttcr cingcnäht getragen, womit sie, unter dem Vorwände der Reinigung, von den besten Fürstend'or Goldstanb abgckratzt und dann mitgenommen." ' „Fremder Herr! Mordicu! Ihr Geld (sagte der Mann) wird ja immer leichter, je länger ich wäge. — Ein Aß ums andre fehlt." „Wir wollen beide nichts daraus machen, Hr. Amtbru- dcr— sagte der Doktor, nnd klopfte auf dessen spitze Achsel — sondern als ächte Freunde scheiden, zumal da man hinter uns Bilscnsamen stampft; Sic kennen dessen Einfluß auf Schlägereien, in denen ohnehin jeder Charakter, wie eine Sommcr- krankheit, leicht einen gewissen biliösen oder gallichtcn Charakter annimmt. Wir beide nicht also!" „Sacker, zehnmal zu leicht! (rief der Apotheker, die Goldwage hoch über den Kopf haltend.) An keinen Hasen zu denken!" Aber der Doktor hatte schon daran gedacht; denn er hatte den aufs Gespräch horchenden Provisor mit dem Schnabelstocke, den er als ein Kammrad in dessen Zopf eingrcifcn lassen, rückwärts auf den Boden wie in einen Sarg nicdcrgelegt, nnd ihm im Umwerfen die Mißgeburt aus der Hand gezogen. Wie ein Krebs trat er den Rückzug an, um mit dem Gemshornstock vorwärts in die Apotheke hinein zu fechten. Der Landsturm darin organisirte sich bald. Wüthig warf sich der Provisor herum und empor, und feuerte (er konnte nicht wählen) mit Kräntersäckchcn, Kirschkcrnstcinen, die erst zu cxtra- hiren waren, mit alten Ostereiern voll angemaltcr Vergiß- 72 meinnicht dem Doktor auf die Backenknochen. — Der Apotheker hatte erstaunt das Goldstück fallen lassen, und sucht' cs unten mit Grimm. — Das Subjekt stocherte mit dem Stößel blos auf dem Mörserrand, und drehte sich selber fast den Kopf ab, um mehr zu sehen. — Unten schrie der gebückte Apotheker: „greift den Hasen, greift den Hund!" „Nur auf ein ruhiges Wort, meine Herren! rief Katzcnbcrger ausparircnd. Das Bilsenkraut erhitzt uns alle, und am Ende müßte ich hier gar als Arzt verfahren, und dagegen rczeptiren und geben, es sei nun, daß ich dem Pazicntcn, der zu mir käme, entweder das Gemsenhorn meines ciskulapischcn Stabs als einen kühlenden Blntigel auf die Nasenflügel würfe, oder diese selber damit anfschlitzte, um -ihm Luft zu machen, oder das Horn als einen flüchtigen Ge- chirnbohrcr in seine Kopsnaht cinsetzte.-Aber den Hasen behalt' ich, Geliebte!" Nun stieg die Kricgslohe gen Himmel. Der Apotheker ging aus ihn mit einer langen Papierschecrc los,' sie, wie ein Hummer die seinigcn, aufspcrrcnd; — Katzcnbcrger indeß hob ihm blos mit dem Skalpir-Stock leicht eine Vorstccklocke aus; — der Provisor schnellte eine der feinsten chirurgischen Splittcrschecren ab, die zum Glück nur in den langen Acrmel weit hinterfuhr. — Katzcnbcrger aber ließ auf ihn durch den Druck einer Sprungfeder sein Gcmscnhorn, woran noch die Vorstccklocke des Vorgesetzten hing, abfahrcn, und schoß damit die ganze linke Brustwarze des Provisors zusammen, wiewol die Welt, da er mit ihr nichts säugte, dabei weniger verlor, als er selber. — Das Subjekt hielt im Nachtrabe den Stößel in die Lüfte aufgehoben, und drohte nach Vermögen. —- — Aber jetzt ersah der Pharmazeutikns den langen ameri- kanischen Giftpfeil nackt verstechend, und wollte hinter den Subjekts-Hintergrund zurück. — „Um Gottes Willen, Leute, ries der Doktor, rettet euch — springt insgcsammt zurück — auf wen ich diesen Giftpfeil zuwcrfe, der fällt auf der Stelle todt nieder, eh' er nur meinen Steiß erblickt!" Da der Mensch stets neue Waffen und Gefahren mehr scheut, als die gefährlichsten bekannten: so ging die ganze pharmazeutische Fcchtschule rückwärts; und der Doktor ohnehin, bis er auf diese Weise mit seinem Hasen und dem zielenden Wurfspieß und seinem Rücken an den Fußtritt seines Wagens gelangte. Darauf fiel zwar die erhitzte Apotheke wieder von Ferne aus — der Apotheker begleitete den Sicgswa- gcn, wie einen römischen, mit Schimpfworten — der Provisor schleuderte präparirte Gläser voll Kühltränke dem Hasendiebe nach, und zerrte vor Wuth, um die Brustwarze und die Split- tcrschccre gebracht zu scyu, mit beiden Zeigefingern die beiden Mundwinkel bis an den Backenbart auseinander, um allgemeines Grausen auszubreitcn — und das Subjekt hieb in der Weite mit der Mörserkeule heftig in das Stein-Pflaster und kegelte noch mit den Füßen Steine nach; inzwischen Katzenberger und die Hasen fuhren ab, und er lachte munter zurück. So aber, ihr Menschen, schnappen öfters Kricgs-Troubcln passabel ab, und am Fricdeusfcste sagt der eine: ich bin noch der Alte und wie neugeboren — und der zweite: verflucht! wir leben ja ordentlich wieder auf — und der dritte: ich hätte mehr wissen sollen, ich hätte mich weniger gefürchtet; denn mein Herz fitzt wol auf dem rechten Fleck — und der vierte: aber die Hasen haben wir doch in diesem Kriege verloren. Jndcß hat darin außer dem Doktor, der nicht durch 74 einen Doppeladler, sondern einen Doppeladler selber gewann, noch eine Person viel erbeutet, welche dem Leser die nächste ist, nämlich ich hier. Zweite Auflagen haben den Vorzug, daß man darin Sachen sagen kann, welche durchaus in keiner ersten vorznbringen sind; so könnt' ich in der ersten dieses Werks gar nicht die schöne Nachricht mitthcilen, daß der berühmte Zergliederer Johann Fricderich Meckel in Halle -- der Erbe und Mehrer des Reiches vom väterlichen Ruhm — mir im Jahr 1815 seinen cls äuplicituts inonstrosu com- inkntarium nicht nur geschenkt, sondern auch zngeeignct, und zwar in einem schönem Latein, als ich noch erlernen kann. Niemand aber habe ich diese lateinische Triumphpforte zu verdanken, als — laut der Zueignung — den Grundsätzen und Kriegslisten des Do. KatzenbcrgcrS, der jetzo den kcnnt- nißvollcn und scharfsinnigen Lominentarius längst in Händen haben, und sich über Buch und sich und mich erfreuen muß. Und hicmit erhalte Meckel, nach dem geschriebenen Dank, auch den gedruckten für sein Foliobändchen über den organischen Dualis, oder die monströse Doppelheit, die an Körpern eben so selten als widrig ist, indeß die häufigere Doppelheit an Seelen weit angenehmer wirkt, und sich auf die Zunge einschränkt durch Doppelzüngigkeit, Doppelsinn u, s. w. 16. S u in in u l a. Ankunft-Sitzung. Niemand fuhr wol jemals froher mit Hasen, als Katzcn- bcrger mit seinen. Es war ihm ein Leichtes und ein Spaß, 75 mit seiner Mißgeburt im Arm jedes Wort auszudauern, das Nicß von erster Jugendliebe, dem Frühgottcsdicust gegen weibliche Göttinnen, und von Theudobachs seligmachendcm Glauben an diese, ihm an die Ohren warf; denn er wußte, was er hatte. Süßlich durchtastcte er den Hasen-Zwilling, und weidete ihn geistig aus. Seinem Kutscher befahl er, jetzt am wenigsten umzuwcrfen, weil er sonst die Hasen bezahlen müßte, und nachher aus dem Tuest gejagt würde ohne Livrci. Nun schlug er der Gesellschaft, eigentlich dem Edelmanne, die Frage zur Abstimmung vor, ob man schon die nächste Nacht sehr spät in Maulbronn anlangcn wolle, oder lieber in Fugnitz verbleiben, der Zäckingcr Grenzstadt, wenige Stunden von Maulbronn. Theoda bestand aus schnelle Ankunft; sie wollte wenigstens mit dem schlafenden Dichter in demselben gelobten Lande und unter Einer Wolke sehn. Der Edelmann sagte, er habe den eigennützigen Wunsch, erst morgen anzukommcu, weil ein Wagen enger vereinige, als ein Baddorf. Die hcimlichcrn Gründe seines Wunsches waren, am Tage vom Thurm herab mit dem Bade-Ständchen angebla- seu zu werden — ferner sich den Genuß des Jnkognito's und das Hineinsühlen in Theoda's wachsende Heizspannung zu verlängern — und endlich, um mit ihr Abends durch das gewachsene Mondlicht spazieren zu waten. Der Doktor schlug sich mit Freuden zu ihm; Nieß trug mit dichterischer Groß- muth die Frachtkosten für ihn, und kürzte aus dichterischer Weichlichkeit alles Reise-Gezänk durch Doppel-Gaben ab, um auch die kleinsten Himmelstürmer von seinem Freuden- Himmcl fern zu halten. „Ohnehin — sagte der Doktor — müss' er in Fugnitz eine neue Scheide für seinen gefährlichen Giftpfeil machen lassen; und er reise ja überhaupt nur 76 nach dem Bad-Neste, um da einen unreifen Rezensenten, den er nicht eher nenne, bis er ihn injnriirt habe, ans jene Weise zn versüßen, wie man nach D. Darwin unreife Aepfcl süß mache, nämlich durch Zerstampfen; wicwol er sich beim Manne nur auf Prügel cinschränke. Di-. Katzenbergers a d e g e s ch i ch t e. Zweite Abthcilung. 17. S u m m u l a. Bloße Stazion. O ^hr WirthshauS war ein Posthaus, und zwar glücklicherweise für den Doktor. Denn während der Posthaltcr sich mit der Mißgeburt abgab: fand jener Gelegenheit, einen dicken unfrankirten Bricfwürfel, an sich überschricben, ungesehen cin- zustccken als Selb-Bricfträger. Nicht etwa, daß er stehlen wollte — was er am liebsten gethan hätte, wäre nicht der unschuldige Posthaltcr dadurch doppelt schuldig geworden, einmal an Ruf, dann an Geld — sondern er nahm's, um cs ehrlich wieder hin zu legen, wenn er's mit zarter Hand aufgemacht, um zu erfahren, was darin sei, und ob der Bettel das Porto verlohne, oder ob er außen aus den Umschlag zu schreiben habe: retour, wird nicht angenommen. Vor der Nase des Briefträgers könnt' er nicht, ohne zu bezahlen, erbrechen; ob er gleich das Ausmachen, in der Hoffnung, einen recht gelehrten, und blos der Sicherheit wegen unfrankirten Brief zu gewinnen, selten lassen konnte. Jndeß der Schreck, daß er vor einigen Wochen eine schwere, grobe Briefhülse und Schale ausgeknackt, woraus er für sein Geld nichts heraus zu ziehen bekommen, als die grüne Nuß 80 von einer Pränumerantcnwerbung für einen Band poetischer Versuche, sammt einigen bcigclcgtcn, dieser Schreck fuhr ihm bei jedem neuen Briefquadcr in die Glieder. — Znm Unglück aber war in dem sein geöffneten Bricftcstamcnt dicscsmal eine herrliche Erbschaft von den wichtigsten, mit kleinster Schrift geschriebenen Bemerkungen über alle seine Werke, und zwar von Do. Semmelmann, fürstlichem Leibarzt in Maulbronn. Ans der Stelle versiegelte er entzückt das Paquet und legt' es auf den alten Platz zurück, um eine Viertelstunde darauf vor dem Posthaltcr sich anznstcllen, als sah' er eben ein an sich adressirtes Briefschreibcn, das er sofort auslösen und bezahlen wolle. Aber der kurzstirnige Posthaltcr gab's durchaus nicht her, „er halt' cs als Posthalter postscst, sagte er, bis auf die Stazion, und da könn' cs der Herr selber holen, wenn er keine postränbcrische Absichten habe, was ein Posthalter nicht riechen könne." Nie bereute Katzcnbcrger seine Ehrlichkeit aufrichtiger, als diesesmal; aber in die dicke Kurzstirn war kein Licht und kein Blitz, kaum ein Donnerkeil zu treiben: und Katzcnbcrger hatte von seinen Wünschen nichts weiter, als daß der Posthalter, über ein so' unsinniges Ansinnen erbittert, ihm die Zeche verdoppelt anschrieb, und er selber zwischen Fortrciscn nach Maulbronn und zwischen Umkchrcn, dem Scmmelmanni- schcn Paqncte hintcnnach, ins Schwanken gerieth. Im Ganzen bewahrte Katzcnbcrger sich durch eiucn gewissen Egoismus vor allem Nepotismus. Eigentlich ist jede Menschenliebe, sobald sie ans besonderes Beglücken, nicht auf ruhiges Liebhabcn anderer ausgeht, vom Nepotismus wenig unterschieden, da alle Menschen ja, pon Adam her. Verwandte sind. Daher auch Männer in hohen Posten den Schein eines solchen Nepotismus gegen adamitische Verwandte so sehr fliehen. Uebrigens lasset gerade diese Verwandtschaft von Jahr zn Jahr mehr ruhige, kalte Behandlung der Menschen hoffen; denn mit jedem Jahrhundert, das uns weiter von Adam entfernt, werden die Menschen weitläuftigere Anverwandte von einander, und am Ende nur kahle Namenvcttern, so daß man zuletzt nichts mehr zn liehen und zu versorgen braucht, als nur sich. 18 . S u m m u l a. Männike's Seegefecht. Um den Leser nicht durch zn viel Ernst und Staats- Geschichte zu überspannen, möge ein unbedeutendes Seegefecht, im Städtchen Höflein, wo die Pferde Vesperbrot und Vesperwasser bekamen, hier eine kurze Unterbrechung gewähren dürfen, ohne dadurch den Ton des Ganzen zu stören. Der Wasserspringcr Männike hatte nämlich den ganzen Höflciner Adel und Pöbel auf die Brücke des Orts zusammengeladen, damit beide sähen, ob er auf dem Wasser so viel vermöge und gewinne, als die Britten-Insel, diese Untiefe und Klippe des strandenden Europa's. Der Springer, der sowol bemitleidet als bewundert zn werden wünschte, und der unten im Nassen recht in seinem Elemente scyn wollte, hatte dem Städtchen versprochen, im Wasser Taback zu rauchen, mit einem Schiebc- karrcn zu fahren, anderthalb Klafter hoch Freudcnwasser wie Frcudcnfcuer zu speien, gleich einem Flußgottc von Stein, und dann im Strome noch größere Kunststücke snr morgen der erstaunten Brücke zu versprechen. Jean Paul'S auSgkw. Wrrlk. X.V. 6 82 Die Reisegesellschaft, die Pferde ausgenommen, begab sich gleichfalls auf die Brücke, und machte gern einer hcrflicgcudcn gebratenen Taube den Mund auf. Der Wasserspringcr that in der That, so weit Nachrichten reichen, das Seinige, und den Nittcrsprung vom Geländer ins Wasser zuerst, und stahl sich in viele Herzen. Inzwischen stand auf der Brücken-Brüstung ein längst in Höslein angesessener Hallore aus Halle, der mehrmals murmelte: die Pestilenz über den Hallpursch! Er wollte sich wahrscheinlich in seiner Sprache auSdrücken, und. sich so Luft verschaffen, da er durch den Nebenbuhler unten im Wasser so lange auf dem Geländer gelitten. Katzenberger neben ihm zeigte mit dem Finger wechselnd auf Mäuuicke und den Halloren, als woll' er sagen: Pavian so spring' nach! Endlich hielt der Hallore es auch nicht mehr aus — sondern warf seinen halben Habit hinter sich, die Leder-Kappe — fuhr wie ein Stcchfinkc auf das Finkcu-Mäunchcn in seinem Wassergchcge — und machte den Sprung auf Mäuuike's Schienbeine herunter, als dieser eben zurückliegend sein Freudcnwasser aufwärts spie, und, den offnen Himmel im Auge, anfangs gar nicht wußte, was er von der Sache halten sollte, vom Kerl auf seinen Beinen. Aber sein Nebenmann und Badegast zündete eilig Licht in seinem Kops an, indem er den letzten bei den Haaren nahm und so — die Faust sollte den Nausdegcn oder Raufer spielen — geschickt genug das Lusttrcffcn eiuleitcte. Denn da diese neue Seemacht die Knie als Anker aus Männikc's Bauchfell auswars, und zuvörderst die Zitadelle der Festung, nämlich den Kommandanten, d. h. dessen Kopf, besetzt und genommen hatte: so mußte sich für jedes Herz auf der Brücke ein an- muthigcs Vcspcrturnier ansangen, oder eine flüchtige republi- 83 NM kanische Hochzeit, folglich deren Scheidung auf dem nassen Wege. In der That prügelte jeder von beiden den andern M genug — keiner konnte im lauten Wasser sein eignes Wort W hören, geschweige Vernunft; nicht nur nach Lebenslust des , M Lebens, sogar nach Ehren-Wind der Fama mußten beide ^ ,M schnappen — die schönsten Thatcn und Stöße entwischten der ,, H Geschichte. Glücklicher Weise stieß der Hallore und Fluß- Mineur unten auf den Schiebkarren, womit Männike, als auf -ss einem Triumphkarren, por wenigen Minuten wie ein glän- / .I zender Wassermann oder wäßriges Meteor gefahren war, und sich von der Brücke hatte mit Lob beregnen lassen. — Der Hallore faßte den Vorspringer, und stülpte.ihn so abgemessen auf den Karren, daß dessen Gesicht aufs Rad hin- anssah, und die beiden Beine mit den Zehen auf die Karren- Gabel fest geheftet lagen. So schob er den verdienten Artisten ans Ufer hinaus, wo er erwartete, was die Welt zu seiner Fischgcrechtigkcit, Fischer zu fangen, sagen würde. Die Freude war allgemein, Hr. Männike wünschte während derselben ans dem terminircndcn Teller Brückenzoll im schönern Sinne cinzufordcrn; aber die Höflciner wollten wenig geben. Der Doktor nahm sich der Menge an, und sagte: ' „Mit Recht! Jeder habe, wie Er, blos dem guten cingepsarr- ten ansässigen Halloren, der's umsonst gethan, zugcsehcn, , weiter keinem; am wenigsten Herrn Männike, dem spätem A Nebenregcnbogen des Hallensers. Ich selber, beschloß er, gebe am wenigsten, ich bin Fremder." Da nun das Wenigste Nichts D ist: so gab er nichts und ging davon; — und der Ketzer- H Glaube, gratis zugcsehcn zu haben, fraß aus der Brücke auf- ^1. fallend um sich. 6 * I' 84 19. S u m m u l a. Mondbelustigungcn. Auf der kurzen Fuhrt nach Fugnitz wurde sehr geschwiegen. Der Edelmann sah den nahen Luna's Abend mitten im Sonnenlichte schimmern; und der Mondschein mattete sich, aus dieser Seelen-Fcrnc geschauct, zu einem zweiten zärtcrn ab. Theoda sah die niedergehende Sonne an, und ihr Vater den Hasen. Die stille Gesellschaft hatte den Schein einer verstimmten; gleichwol blühte hinter allen äußern Knochen-Gittern ein voller hängender Garten. Woher kommt's, daß der Mensch — sogar der selber, der in solchem Dunkel überwölbter Her- zens-Paradiese schwelgt und schweigt — gleichwol so schwer Verstummen für Entzücken hält, als fehle nur dem Schmerz die Zunge, als thue blos die Nonne das Gelübde des Schweigens, nicht auch die Braut, und als geb' es nicht eben so gut stumme Engel, wie stumme Teufel? — Im Nachtquartiere traf fich's für den Edelmann sehr glücklich, daß in die Fenster der nahe Gottesacker mit getünchten und vergoldeten Grabmälern glänzte, von Obstbäumen mit Zauberschatten und vom Mond mit Zauberlichtern geschmückt. Es wurd' ihm bisher neben Theoda immer wohler und voller ums Herz; gerade ihr Scherz und ihr Ungestüm, womit ihre Gefühle wie noch mit einer Puppen-Hülse ausflogen, überraschten den Ueberfcinertcn und Verwöhnten; und die Nähe eines entgegengesetzten Vaters hob mit Schlagschatten ihre Lichter; denn er mußte denken: wem hat sie ihr Herz zu 85 danken, als allein ihrem Herzen? — Hätte er die Erfahrung der Soldaten und Dichter nicht gehabt, zu siegen wie Cäsar, wenn er käme und — gesehen würde, oder gar gehört, — wie denn schon am Himmel der Licbestern sich nie so weit vom dichterischen Sonnengott verliert, daß er in Gegenschein oder Entgegensetzung mit ihm gericthe —; wäre dieß nicht gewesen, Nieß würde anders prangen in dieser Geschichte. Im Fugnitzcr Wirthshaus gcrieth er mit sich in folgendes Selbgcspräch: „Ja, ich wag' cs heute, und sag' ihr alles, mein Herz und mein Glück. — Blickt sic neben mir allein in den stillen Mond und auf die Gräber, und in die Blüten: so wird sie das Wort meiner Liebe besser verstehen; o dam: soll das reine Gcmüth den Lohn empfangen, und der geliebte Dichter sich ihm nennen. Wenn sie aber Nein sagte? — Kann sic cs denn? Geb' ich ihr nicht meinen Stand und alles und mein Herz? Und bist du denn so nnwerth, du armes Herz? Schlägst du nicht für fremde Freuden und Leiden stark? Und noch niemand Hab' ich unglücklich machen wollen. Nicht stark genug ist mein unschuldiges Herz, aber ich hasse doch jede Schwäche und liebe jede Kraft. O wären nur meine Verhältnisse anders, und hätt' ich meine Scelcnzwccke erreicht: ich wollte leicht trotzen und sterben. Woraus schöpft' ich denn meinen „Ritter größerer Zeit," als aus meiner Brust? — Meinetwegen! — Sagt sie doch Nein, und verkennt mich, und liebt nur den Autor, nicht den Menschen: so bestraf' ich sie im Badeort und nenne mich — und dann verzeih' ich ihr doch wieder von Herzen." Am Ende, und zumal hier nach dem Lesen dieses Selb- gcsprächs, werf' ich mir selber vor, daß ich vielleicht meinem fatalen Hange zum Scherztreiben zu weit nachgegeben, und 86 den guten Poeten in Streiflichter hinein geführt, in denen eil eigentlich lächerlich aussicht und säst schwach. Kann er denn so viel dafür, daß seine Phantasie stärker als sein Charakter ist, und höheres ihm erfordert und andern vormalt, als dieser ausführen kann? Und soll denn ein Petrus, weil er einmal dreimal vcrlängncte, darum keine zwei Episteln Petri schreiben?— Freilich von Eitelkeit kann ich ihn nicht loS schwören, aber diese bewahrte (wie Hantausschlägc vor der Pest) ihn vor Beulen des HochmnthS und Geschwulst des Stolzes. — Denn was sonst Theoda betrifft, die er so sehr lieben will, und zwar ans alle seine Kosten, so thäte wol jeder von uns dasselbe, wenn er nicht schon eine hätte, oder gar etwas Besseres. Wir kommen nun wieder auf die Sprünge seiner Freier- süße zurück. Er schlug, als das Glück die Gabe verdoppelt, nämlich den Doktor ausgeschickt hatte, Thcoda'n den Nachtgang ins rechte Nachtquartier der Menschen, in den Gottesacker, vor. Sie nahm es ohne Umstände und Ausflüchte an, so gern sic lieber ihre heutige Herz-Enge nur einsam ins Weite getragen hätte; Furcht vor bösen Männern vorher und vor bösen Zungen nachher war ihr ungewohnt. Als nun beide im Mond-Helldunkel und im Kirchhofe waren, und Theoda heute beklommener als je fortschritt, und sie vor ihm mit dem neuen Ernste seinem neuen Reize) dem alten Scherze den weichen Kranz anfsctzte, und als er den Mond als eine Leuchtkugel in ihre Scclen-Veste warf, um zu ersehen und zu erobern: so hört' er deutlich, daß hinter ihm mit etwas andern! geworfen wurde. Er schaute sich um, und sah gerade bei dem Gitter-Pförtchcn einige Todtcnköpfc sitzen und gaffen, die er gar nicht beim Eintritte bemerkt zu haben sich entsinnen 87 konnte. Inzwischen je öfter er sich nmkchrte, desto mehr erhob sich die Schädelstättc empor. Sehr gleichgültige nnd verdrießliche Gespenster-Gedanken, wie diese, bringen nm den halben Flug, nnd Nicß senkte sich. Katzenbcrgcr — von dem kam alles — hatte sich nämlich längst in unschuldiger Absicht auf den Gottesacker geschlichen, weniger um Gefühle, als nm Knochen einzusammcln, das einzige, was der Menschenfresser, der Tod, ihm zuwarf unter den Tisch. Zufällig war das Bcinhäuschcn, worin er ans einer Knochcn-Achrcnlese ein vollständiges Gerippe anszuhcbcn arbeitete, am Eingangs-Gittcrpsörtchen gelegen, nnd hatte mehr den Schein eines großen Mausoleums, als eines kleinen Gcbcinhauses. Katzcnbcrger hörte das dichterische Eingehen nnd zwei bekannte Stimmen, nnd er sah durch däs Gitter alles, nnd erhorchte noch mehr. Die Natur nnd die Todten schwiegen, nur die Liebe sprach, obwol keine Liebe zur andern. Für den wissenschaftlichen Katzenbcrgcr, der eben mitten unter der scharfen Einkleidung des Lebens wirthschaftctc, war daher der Blick auf Nicß, der, wie der Doktor sich in einem bekannten Briefe ausdrückte, „seinen Kopf, wie ein reitender Jäger den Flinteulauf, immer gen Himmel gerichtet anhängcn hatte," kein sympathetischer Anblick, obwol ein antipathetischer. Bei ihm wollte das Wenige, das Nicß über Todte nnd vermählte Herz-Paradiese auf dem Wege hatte fallen lassen, sich wenig empfehlen. Vor allem Warmen überlicf gewöhnlich des Doktors inncrn Menschen eine Gänsehaut; kalte Stichworte hingegen rieben, wie Schnee, seine Brust und Glieder warm nnd roth. Uebrigens verschlang sich seine Seele ziemlich mit der Nicßischcn, so wie der Wcrboffizicr bei dem Rekruten schläft nnd immer einen Schenkel oder Arm auf ihn legt, nm ihn zu 88 behalten im Schlafe. Er min hatte die Köpfe und Ellenbogen am Pförtchcn angchäuft. — Endlich ließ er gar ein rundes Kinderköpfchcn nach dem Dichter lausen, als nach seinem Kcgclkönig. Aber hier nahm Nicß aus übermäßiger Phantasie Neißans, und schwang sich auf einen nahen Birnbaum an der nieder» GottcSackermaucr, um allda — weil das Knochenwerk als Floßrechen und gestachelter Hcrisson die Pforte versperrte — ins Freie zu sehen und zu springen. Umsonst rief die über seinen Schrecken erschrockne Theoda bange nach, was ihn jage, ihr Vater sammle nur Skelette. Nun trat der Doktor selber aus seinen Schießscharten heraus, ein wohl- erhaltcnes Kindcrgerippe wie eine Bicncnkappe auf den Kops gestülpt, und begab sich unter den Birnbaum, und sagte hinauf: „am Ende sind Sic cs, die selber droben sitzen, und wollen den Gottesacker und die Landschaft besser übersehen?" Aber Nieß, längst verständigt, war während des Hinaufrcdcns des Doktors schon um die Mauer herum und durch das Pförtchcn zurückgcrannt, und erfaßte jetzo, mit zwei aufgcraff- ten Armknochen in Händen, hinten den Doktor an den Achscl- knochen, worüber er die bleichen ragen ließ, mit den Worten: „ich bin der Tod, Spötter!" Katzcnbcrgcr drehte sich selber ruhig um; da lachte der Poet ungemein, mit den Worten: „nun so haben wir beide unfern lustigen Zweck einer kleinen Schreckens-Zeit verfehlt; nur aber Sic zuerst!" — „Ich für meine Person fahre gern zusammen — versetzte der Doktor — weil Schrecken stärkt, indcß Furcht nur schwächt. In Hallers Physiologie*) und überall können Sie die Beispiele zusammen finden, wie durch bloßen starken Schrecken — weil er dem st 2>n fünften Bande. 89 Zorne ähnlich wirkt — Lähmung, Durchfall, Fieber gehoben worden, ja wie Sterbende durch aufflicgcnde Pnloerhäuser vom Aufflug nach dem Himmel gerettet worden und wieder auf die Beine gebracht —; und ganze matte Staaten waren oft nur zu stärken durch Erschrecken. Furcht hingegen, Hr. v. Nicß, ist, wie ihre Lcibcrbin und Verwandte, die Traurigkeit, nach demselben Haller und den nämlichen andern, wahres Lähmgift für Muskeln und Haut, Hcmmkette des umlaufenden Bluts, macht Wunden, die man sich durch eigne Tapferkeit oder von fremder geholt, erst unheilbar, und überhaupt leicht toll, blind und stumm. Es sollte mir daher leid thun, wenn ich Sie mit meinen Versuchen in Furcht, anstatt in Schrecken und Zusammenschaudern mit Haarbcrgan, gesetzt hätte; und Sie werden mich belohnen, wenn Sie mir sagen, ob Sie gefürchtet haben oder nur geschaudert?" — „Ich bin ein Dichter, und Sie ein Wissenschaft-Weiser; Ließ erklärt unfern Unterschied," versetzte Niest. Thcoda aber, die ihren eignen Mnth bei Männern verdoppelt voranssetzte, glaubte ihm gern. Aber ihr Vater hatte seine Gedanken, nämlich satirische. — Ucbrigens ging er selig mit doppelten Gliedern (wie ein Englisch-Kranker), mit mehren Köpfen und Rückgraten behängen, die er aus der Trödelbude und Rumpelkammer des Todes geholt, nach Hause. 90 20. S u in m u l a. Zweiten Tages Buch. In der Nacht schrieb Thcoda an ihre Freundin: „Vor Verdruß mag ich Dir vom dummen Heute gar nichts erzählen (das ohne Menschenverstand bleibt), bis morgen früh, wenn wir in Maulbronn cinfahrcn. Denke, wir Nachtlagern noch drei Stunden davon. Himmel, wie göttlich könnt' ich morgen dort anfwachcn, und meinen Kopf aus dem Fenster stecken in die Aurora und in Alles hinein! Aber dieses Feindschaft- Stückchen Hab' ich blos dem Freundschaft-Stückchen zu danken, daß Hr. v. Nicß nach mir etwas fragt, ob ich ihm gleich meine Person und Seele so komisch geschildert habe, daß er selber lachen mußte. Aber sich', so kann eine Mädchcnsccle dem Männcr-Poltergcist auch nicht unter einem Kntschcnhimmel nahe kommen, ohne wund gezwickt zu werden. Gib dem Teufel ein Haar, so bist Du sein, gib einem Manne eines, so zerrt er Dich daran so lange, bis er das Haar sammt dem Kopse hat. Der Bienenstich wird sonst mit Honig geheilt; aber diese Wespen geben Dir erst die Honigblase und dann die Gistblase. Ich wollt', ich war' ein Mann, so dnellirtc ich mich so lange, bis keiner mehr übrig wäre, und legte einer Frau den Degen mit der Bitte zu Füßen, mich zu erstechen. Aber wir Weiber sind alle schon ein paar Jahre vor der Geburt verwahrloset und verbraten, und eh' wir nur noch ein halbes Nadclköpfchcn von Körper nmhaben, sind wir schon voraus verliebt in die künftige Räuberbande, und liebäugeln mit dem Tauspastor und Taufpathcn. 91 Wie viel weißt Du so? — Es ist aber überhaupt nicht viel. Nämlich den ganzen Reisetag hindurch hatt' es Theu^ dobachs angeblicher Freund (merke, ich unterstreich' cs) darauf angelegt, mein Gchirnchcn und, Herzchen in allen acht Kämmerchen ordentlich glühend zu Heizen durch Anekdoten von ihm, durch Ansmalcrei unserer dreifachen Zusammenkunft, und sogar durch das Versprechen, noch Abends vor dem stillen Monde, der besser dazu passe, als das laute Räderwerk, mich näher mit seinem Freunde bekannt zu machen. Ich dachte dabei wahrlich, er würde mich Nachts ans dem Gottesacker dem Dichter ans einmal verstellen. Dazu kam Mittags noch etwas Närrisches. Er brachte mir meinen Shawl, mit unlesbarer Krcidcschrift bedruckt; da er sie aber gegen den Spiegel hielt, so war zu lesen: „Dein Namenvcttcr, schöne Th — da, „wird Dir bald für Deinen Brief zum zwcitcnmalc danken;" worauf er mich hinab zu einer Birke führte, von deren Rinde wirklich er diese Zeile von des Dichters Hand am Tuche ab- gcsärbt hatte. Am Ende mußt' ich gar noch oben in seinem Zimmer auf den Fensterscheiben eine herrliche Sentenz vom Dichter finden, die ich Dir ans der Rückreise abschrcibcn ivill. Seltsam genug! Aber Abends war's doch nichts; und mein Vater brach gar mit einem Spaße darein. Du Klare erriethcst nun wol am frühesten, was Hr. v. N. bisher gewollt — nicht mich, sondern (was auch leichter zu haben ist) sich. Er kokettirt. — Wahrlich, die Männer sollten niemals kokcttircn, da unter 99 Weibern immer 100 Gänse sind, die ihnen znflattern; indeß weibliche Koketterie weniger schadet, da die Männer, als kältere und gleichsam kosmopolitische Spitzbuben, selten damit gefangen werden, wenn sie nicht gar zu jung und nnflügge im Neste sitzen. — Wahrlich, ein Mädchen, das ein Herz hat, ist schon halb dumm, und wie geköpft. Der Zärtling steckt seinen Freund als Köder an die Angel, um damit eine verdutzte Grundel zu fangen; er, der, wenn auch kein Narr, doch ein Närrchen ist, und welcher schreit, wenn ein Wagen umfällt. Gott gehab' Dich wohl! Vergib mein Austobcn. Ich bin doch allen Leuten gut, und habe selber mit dem Teufel Mitleid, so lang' er in der Hölle sitzt, und nicht auf der Erde streift. Der weichste Engel bringe Dich über Deine Hügel hinüber!" Th. 21. S u m m u l a. Hemmrad der Ankunft im Badeorte —v. Strpkius. Als man am Morgen, nachdem der Doktor schon seine Flaschcn-Stöpscl eingesteckt hatte (worunter zufällig ein gläserner), neu erfrischt von dem letzten Siegen über alle Anstoßsteine, eben einzusitzcn und heiter auf den breiten, beschatteten, sich durchkreuzenden Kunststraßen dem Badeorte zuzufahren gedachte: so stellte sich doch noch ein dicker Schlagbaum in den Weg, nämlich ein Galgen. Es hatte nämlich Katzenberger unten in der Wirthsstubc von einem Durchstrom froher Leute, die Abends zum glücklichen Wirthe zurückkommen und länger da bleiben wollten, wenn sie alles gesehen, die Nachricht vernommen, daß diesen Vormittag in Potzneusiedl (auch in Un- 93 garn gibt es eines) ein Posträuber gehangen werde, und daß er selber, wenn er nur einige Meilen seitwärts und halb rückwärts umfahre, gerade zu rechter Zeit zum Henken kommen könne, um Abends noch zeitig genug in Maulbronn einzu- trcffen. Himmel, wie so aufgcheitert im Angesicht wie das ganze Morgenblau, brachte Katzcnbergcr zu Tochter und Nieß seine heitere Nebenaussicht hinauf, den Abstecher nach Potz- neusiedl zum Postdicbe zu machen. — » Aber von welchen Wolken wurde sein Helles Berghaupt umschleiert, umhüllt, nicht blos vom Nein des Reise-Bündners Nieß, der durchaus noch am Morgen in Maulbronn cinpassiren wollte, sondern noch mehr von dem heftig-bittenden Nein seiner Tochter, deren Herz durchaus sich zu keinem Einnehmen einer solchen Mixtur von Brnnncnbclustigung und Abwürgung bequemen konnte! Am Ende fand der Doktor selber einen Umweg über eine Nichtstätte zum Lustort für eine Wciberscele nicht zum anmuthigsten, und stand zuletzt, aus Liebe für die sonst selten flehende Tochter, wiewol unter mehr als einem Schmerze, von einem lachenden Seitenwege ab, wo ihm ein Galgenvogel als eine gebratene Taube in den Mund geflogen wäre, indem er am Diebe das Henken beobachten, vielleicht einige galvanische Versuche auf der Leiter nachher, und zuletzt wol einen Handel eines artigen Schaugcrichts für seine Ana- tomirtafel hätte machen können. Der Gehenkte wäre dann eine Vorsteckrose an seinem Busen auf der ganzen Reise ins Maulbronner Rosenthal gewesen.- So aber hatt' er nichts, und der Potzncusiedler Dieb hing, wie eine TantalnSsrucht, unerreichbar vor seiner Seele, und er mußte sich's auf der Landstraße von Stunde zu Stunde bloS schwach vormalen: jetzo wirft das Gericht die Tische um 94 — jetzo fährt der Räuber seinem Galgen zu — jetzo hängt er ruhig herab — und er pries die Potzneusicdler glücklich, die um den Nabcnstcin stehen und alles genießen konnten. Es war eigentlich nicht sehr zum Aushalten mit ihm an diesem Morgen, und er merkte an, nur um verdrießliche Dinge vorzubringcn, cs gebe schmerzhafte Erinnerungen, die man so wenig vergesse, wie die erste Liebe; so könn' er z. B., erzählte er, bis diesen Morgen nicht ohne vieles Schmerzgefühl daran denken, daß er einmal in Holland, aus einer Treck- schuytc fahrend, einem Häring den Kops abgcbisscu, um den Rumpf auszuspeiscn, aber im Vergreifen den köstlichen Häring selber am Schwänze inS Wasser geschleudert, und nichts behalten habe, als den Kopf: „nach diesem Häring sehn' ich mich ewig," sagte er. — „Mir ganz denkbar, sagte Rieß, denn cs ist traurig, wenn man nichts behält, als den — Kopf." Als sic alle endlich in dem unmittelbaren Fürstenthüm- chcn Großpolei (jetzo längst mediatiflrt) den letzten Berg hinab fuhren ins Bad Maulbronn, das ein Städtchen aus Landhäusern schien, und als man ihnen vom Thurme, gleichsam wie zum Essen, blies: so mußte den drei Ankömmlingen, wovon jede Person sich blos nach ihrer Ziel-Palme scharf umsah, nämlich: die erste, um angebetct zu werden, die zweite, um anzubetcn, die dritte, um auszuprügcln, ganz natürlicherweise die präludircnde Bad-Ouvertüre der ersten Person, Nicß, als eine Famatrompcte erklingen; der zweiten, Theoda, als ein Verwände!- oder Mcßglöckchcn zum Nic- dcrfallen, und der dritten, Katzcnbcrgcr, als eine Jagd- oder auch Spitzbubenpfcife zum Anfallen. Wenn sie freilich Flexen mehr als ein VogclschwaNzpfeis- chen vorkam, weil sein Herz nur sein Bor-Magen war, und er erst alles von hinten anfing, so ist dieser Einleg-Niese, wie man Einleg-Messer hat, viel zu klein, um hier angeschlagen zu werden. Jndeß zeigt dieses widertönigc Quartett, wie verschieden dieselbe Musik in Verschiedene cinwirke. Da sie aber dicß mit allem in der Welt, und mit dieser selber gemein hat: so mag für sie besonders der Wink gegeben werden, daß ihr weites Acthcrrcich mit demselben Blau, und mit derselben Melodie Einen Jammer und Einen Jubel trage und hebe. * Der Doktor bezog zwei Kammern in der sogenannten großen Badewirthschaft — blos sein Herz war noch in Potz- neusicdl unter dem Galgen — und Nieß miethcte ihm gegenüber eines der niedlichsten grünen Häuserchen. Aber der rechte Musik-Text fehlt vor der Hand der begeisterten Theoda; ans der Badelistc, wonach sie zuerst fragte, erschien noch kein angclangtcr Thcndobach. Doch hatte sie die Freude, in der großpoleischcn Zeitung angckündigt zn lesen: „Der durch mehre Werke bekannte Thcndobach, habe man aus sicherer Hand, werde dieses Jahr das Manlbronner Bad gebrauchen." Die Hand war sicher genug, denn es war seine eigne. Der Doktor fragte, ob der Brunnenarzt Strykius da sei; und ging, als man ihm ein feines, um das Brunnen- Geländer flatterndes Männchen zeigte, sogleich hinab. Dieser Strykius, ein gerader Abkömmling vom berühmten Juristen Strykius — dem er absichtlich die lateinische Namens-Schleppe nachtrug, um dem deutschen Strick zn entgehen — war bekanntlich eben der Rezensent der Katzenbcr-- 96 gerschcn Werke gewesen, den ihr Verfasser auszustäupcn sich vorgesetzt. Auf Musensitzcn — wie in Pira — die zugleich rczensircnde Musenvätcrsitze sind, ist's sehr leicht, da alle diese Kollegien unter einander kommuniziren, den Namen des apokalyptischen Thiers oder Unthiers zu erfahren; blos in Marktflecken und Kleinstädten wissen die Schnlkollegcn von nichts, sondern erstaunen. Mehr als durch alle Strykischcn Rezensionen in der allg. deutschen Bibliothek, in der oberdeutschen Litcraturzeitnng u. s. w., war der milde Katzcnberger erbittert geworden durch lange, grobe, hämische und späte Antworten auf seine gelehrten Antikritiken. Denn dem Doktor war's schon im Leben blos um die Wissenschaft zu thun, geschweige in der Wissenschaft selber. Da er indeß eine unglaubliche Kraft zu passen besaß: so sagte er ein akademisches Semester hindurch blos freundlich: „ich koch's," und tröstete sich mit der Hoffnung, den Brunncnarzt persönlich in der Badezeit kennen zu lernen. Diese sehnsüchtige Hoffnung sollte ihm heute erfüllt werden, so daß ihm, statt des Potzneusiedlischcn Galgenstricks, wenigstens der Manlbronncr Strick oder Strykius zu Theil wurde. Er traf unten an dem Brunnenhanse — dem Jndu- strickomptoir und Marktplatze eines Brunnenarztcs — den verlangten. Der Brunncnarzt lief, da er mit der gewöhnlichen Neugier dieses kürzesten Amtes schon Katzenbergers Namen erjagt hatte, ihm entgegen, und konnte, wie er sagte, die Freude nicht ausdrücken, den Verfasser einer Iineiukitolo-ia und einer epistoin cke monstris und cle ralliv euninu persönlich zu hören und zu benützen, und ihm, wo möglich, irgend einen Dienst zu leisten. „Der größte, versetzte der Doktor, sei dessen Gegenwart, er habe längst seine Bekanntschaft ge- 97 wünscht." — Strykius fragte: „wahrscheinlich Hab' er seine schöne Tochter als ihr bester Brunnenmedikus hierher begleitet, wenn sie das Bad gebrauche." „Nicht eines zu gebrauchen, antwortete er, sondern einem Badegaste eines zuznbereiten und zu gesegncn, sei er angc- langt." — „Also auch im Umgänge der scherzhafte Mann, als den ich Sie längst aus Ihren epistolm kenne? Doch Scherz bei Seite," sagte Strykius, und wollte fortfahren. „Nein, dieß hieße Prügel bei Seite, sagte der Doktor. Ich bin wirklich gesonnen, einen kritischen Anonymus von wenig Gewicht, den ich hier finden soll, aus Gründen, so lange wir beide, nämlich er und ich, es anshalten, was man sagt, zu prügeln, zu dreschen, zu walken. Jndeß will ich als ein Mann, der sich beherrscht, nur stufenweise verfahren, und früher seine Ehre angreifcn, als seinen Körper." „Nun diesen Scherz-Ernst abgethan— sagte der Brunnenarzt, sich todtlachcn wollend — so versprcch' ich Ihnen hier wenigstens fünf Freunde des Verfassers der Hämatologie, Männer vom Handwerk." „ Es soll mich freuen, sagte der Doktor, wenn einer darunter mich rezensiert hat, wcil's eben das Subjekt ist, dem ich, wie ich Ihnen schon anvcrtrant, so viel Hirn ausschlagen will, als ein Mensch ohne Lebensgefahr entbehren kann, welches, wie Sie wissen, bis ans zwei Unzen steigt, cs müßte denn scyn, daß ich aus Liebe mich auf bloßes Einschlagen der Hirnschale cinzögc. — Wenn schon jener Festung-Kommandant jeder davonlanfendcn Schildwache fünf und zwanzig Streiche anszählen ließ, die einen Geist gesehen: wie viel mehr kann ich einer kritischen geben, die keinen Geist in mci- >cn Werken gesehen! Wie?" Iran' Paul'» ausgew. Werke. XV. >7 98 „Thun Sic, was Sie wollen, Humorist; nur sein Sie heute mit Ihrer blühenden Tochter mein Gast im großen Brunnensaale," sagte Strykius; er fand seine Bitte gern gewährt, und schied mit einem eiligen Handdruck, um einem j verdrießlichen Grafen zu antworten, der eben gesagt: „lb'ran- dieiuent, ülr. üleckeciu, ich habe bisher von dem detcstabelu Gesöff nur die Hälfte Ihrer vorgeschriebencn Gläser ver- j schluckt; ich verlange nun durchaus blos diese Hälfte ver- ^ ordnet." ! „Gut, versetzte er, von morgen an dürfen Sic keck mit j der bisherigen Hälfte sortfahren." Diese Antwort vernahm noch der Doktor mit unsäglichem Ingrimm; er, der sich von keinem Generale und Ordens- Generale und Kardinale nur eine einzige von 1000 verord- nctcn Mcrkurialpillcn hätte abdiugen lassen. Strykius milde Höflichkeit verdroß ihn mehr, als die größte Grobheit gethan hätte, auf die er, zufolge der anonymen in den Rezensionen, so gewiß gczählet hatte; einen rauhen, widcrhaarigen, stäm- ^ migen Mann hatte er zu finden gehofft, dem der Kopf kaum ! anders zu waschen ist, als durch Abrcißcn oder Abhaareu des- ^ selben, wenigstens einen Mann, der, wie ein Teich, unter sei- ^ neu weißen Wasser-Blüten scharfgczähnte Hechte verbärge —— ^ aber er, ein so gebognes, wangcnfcttes, gehorsamstes, unter- thänigstcs Zier-Männchen, das noch niemand ein hartes Wort ^ gesagt, als etwa Frau und Kindern, gegen niemand ein Ele- phant, als gegen Elephanten-Käfer und Elephantcn-Ameisen!... Nichts erbittert mehr, als anonyme Grobheit eines abgesüßten Schwächlings! Allerdings gibt es ein oder das andere Wesen in der Welt, das Gott selber kaum stärken kann, ohne den Tod — 99 das sich, als ewiger Bettelbrief, gern auf- und zubrechen, als ewiges Friedeninstruincnt gern brechen läßt — das eine Ohrfeige empfängt, und zornig heraussährt, cs erwarte nun, daß man sich bestimmter ausdrücke — das nicht sowol zu einem armen Hunde und Tcnfel, als zu einem niesenden fürstlichen mit Silbcrhalsband sagt: Gott helf, oder conteuteinsnt — dessen Zunge der ewig geläutete Klöppel in einer Leichenglocke ist, welche ansagt: ein Mann ist gestorben, aber schon unge- borcn — das erst halb, ja dreiviertels erschlagen sehn will, bevor cs dem Thätcr geradezu heraussagt aus dem Todtcn- bcttc im Kodizill, cs sei dessen erklärter Todfeind — das jeder so oft zu lugen zwingen kann, als er eben will, weil cs .sich gern widerspricht, sobald man ihm widerspricht— und dem nur der Feind gern begegnet, und nur der Freund ungern.- Indem ich ein solches Wesen mir selber durch den Pinsel und das Gemälde näher vor das Auge bringe: erwehr' ich mich doch nicht eines gewissen Mitlcidcns mit solchen tausendfach cingcknicktcn Seelen, die nun Gott einmal so dünnhal- mig in die Erde gesäet hat; und welchen, obwol am wenigsten durch schnelles Aufschraubcn, doch auch nicht durch schweres Niederdrücken auszuhclfen ist, sondern vielleicht durch allmäligcs Ermuntern und Aufwinden, und durch Abwendcn der Versuchung. Aber an das Letzte war bei Katzenbcrger nicht zu denken. Des Brunnenarztcs Sprech - und That-Marklosigkeit, neben seiner harten, heißen Schreib-Strengflüssigkeit im Richten, setzten in ihm nun den Vorsatz fest, den Badearzt auf eine ausgedehnte Foltcrleitcr von Aengsten und Ehren-Giften zu setzen, und ihn erst auf der obersten Stufe zu empfangen mit dem Prügel. Strykins war der erste Pazient, den er 7 * 100 durch Heilmittel nicht heilen wollte, so sehr war er ergrimmt; nnd er war entschlossen, ihn durch zuvorkommende Unhöflich- keitcn, wo möglich, zu einer zu zwingen, und als umrollender Wcberbaum das hin und her fliegende Weberschiffchen zu bearbeiten. Es ist indeß oft eben so schwer, manche grob zu machen, als andere höflich. Zu Hause setzte er in Strykius Namen einen öffentlichen Widerruf von dessen Rezensionen aus, den er ihn zu unterschreiben und herauszugeben in der Prügclstunde zwingen wollte. 22. S u m m u l a. N i e ß i a n ci. Hr. v. Nieß lud auf Abends, gegen ein unbedeutendes Einlaßgeld, die Badcgcscllschaft zu seinem musikalischen Dekla- matorium des besten Thcudobachischcn Stückes, betitelt: „Der Ritter einer größern Zeit," auf Zetteln ein, die er schon fertig gedruckt mitgebracht hatte, bis ans einige leere Vakanz- Rahmen oder Logen, welche er mit Inhalt von eigner Hand besetzen wollte. Fünfzig solcher Zettel ließ er austhcilcn, und sagte mit inniger Liebe gegen jeden und sich: „warum wollt' ich so vielen Menschen aus entgegengesetzten Winkeln Deutschlands, denen ein Buchstabenblättchen von mir vielleicht eine ewige Reliquie ist, und zwei geschriebene Worte vielleicht mehr, als tausend gedruckte von mir, warum sollt' ich ihnen diese Freude nicht mit nach Hause geben?" 101 Aber aus Liebe gegen Theoda, die dem Dichter, als einem Sonnengott, wie eine Memnonstatne zutönte mit heitern Nachtmusiken und Ständchen, setzte er sich nieder und schrieb, um ihr den Ansschub seiner Götter-Erscheinung oder seines Aufgangs zu versüßen, eigenhändig in Thcudobachs Namen ein Briefchen an Hr. v. Nieß, worin er sich selber als einem Freund berichtete: „er komme erst Abends in Maulbronn an, doch aber, hoff' er, nicht zu spät für den Besuch des Dekla- matoriums; und nicht zu früh, wünsch' er, für unsre Dame." Er steckte dieß Blättchen in einen mit der Bad-Post angc- langten Briefumschlag, und ging zu Theoda mit entzücktem Gesicht. Daß er nicht log, war er sich bewußt, da er eben Vorhalte, unter dem Dcklamircn (um das Loben ins Gesicht zu hemmen) aufzustehcn und zu sagen: ach nur ich bin selber dieser Thcudobach. Ehe der Edelmann kam, hatte sic eben folgendes ins Tagebuch geschrieben: „Endlich bin ich da, Bona, aber niemand anders (außer einige Schocke Badegäste), sogar auf der Badeliste fehlt Er. Blos in der Großpolei- schen Zeitung wird er gewiß angekündigt. Ich wollte, ich hätte nichts, wohinter ich mich kratzen könnte; aber die Ohren müssen mir lang auf der Fahrt gewachsen seyn, weil ich so fest voraussetzte, der Erste, ans den man vor der Wagenthüre stieße, sei blos der Poet. Wohin ich nur vom Fenster herabblicke auf die schönen Badegängc: so seh' ich doch nichts, als den leeren Stickrahmen, worauf ihn meine Phantasie zeichnet, nichts, als den Paradeplatz seiner Gestalt, und sein Throngerüste. Wahrlich, so wird einem Mädchen doch so ein Mensch, den man liebt, cs mag nun ein Bräutigam oder ein Dichter seyn, zu jedem Gestirn und Gebirg, gleichsam zum Augenge- henk, und hinter allen steckt der Mensch, daß es ordentlich langweilig wird. Man sollte weniger nach einem Schreiber fragen, da man ja an nnscrm Herrgott genug hätte, der doch das ganze Schreiber-Volk selber geschaffen. Ich merke wol, ich werde allmälig eher toller als klüger; am besten schreib' ich Dir nichts mehr über mein Aufpassen, als bis der Messias erschienen ist; denn ansstreichcn, was ich einmal an Dich geschrieben, kann ich aus Ehrlichkeit unmöglich; ich sage Dir ja alles, und nehme mir kein Blatt vors Maul, warum ein Blatt vors Blatt..." Da erschien Niest, und wollte seine eben erhaltene Nachricht übergeben. Sic empfing ihn, in der vaterlosen Einsamkeit, mit keinem größern Feuer, wie er doch gedacht, sondern mit einigem Maircis, der aus dem Tagcbnche aus das Gesicht gefallen war. Sofort behielt er seine Sclbbriefwcchscl in der Tasche, und beschenkte sie und ihren abwesenden Vater blos mit der Einladung, Mittags seine Gäste, und Abends seine Zuhörer zu scyn. Auch wunderte er sich innerlich sehr, warum er nicht früher darauf gefallen, ihr das Blättchen erst an der Tafel zu geben, und dadurch der Tafel zugleich; „ein Briefwechsel mit dem Dichter selber (dacht' er) müßte, sollt' ich denken, dem Deklamator desselben vorläufige Ehre und nach- lanfende Zuhörer eintragen." » Eben versprach Thcoda seinem Tische sich und ihren Vater, als dieser cintrat, und das Nein vorschüttelte und sagte: er habe sich dem Handwerkgcsellen Strykius versprochen, um das Band der Freundschaft immer enger zusammen zu ziehen bis znm Ersticken; das Mädchen könne aber thun, was es wolle. Dieß that sic denn auch, und blieb ihrem Wort und Niesten getreu. Sie saß nämlich, damit ich alles erkläre, an öffentlichen Orten gern so weit, als thunlich, von ihrem Va- 103 tcr ab, als Tochter und als Mädchen; sie kannte seine Luthers Tischreden. Der Edelmann wendete diese Wendung ganz anders: „o! sie bat schon Recht, die Zarte, dacht' er; jetzt in Gegenwart eines Fremden, nämlich des Vaters, verbirgt sic ihre Wärme weniger; neben dem einsamen Geliebten scheuet die einsame Liebende jedes Wort zu sehr, und wartet auf fremde kühlende Nachbarschaft; o Gott, wie errath' ich dieß so sehr, und doch leider mich kein Hund!" Endlich, hoff' ich, ist Hoffnung da, daß Mittags gegessen wird in Maulbronn, in der 23sten Summe!. 23. S u'm m u l a. Ein Brief. Herr v. Nieß führte seine schöne Tischgenossin in die glänzenden Eßzirkel an eine Stelle, wohin das väterliche Ohr nicht langte. Der Eßsaal war die grüne Erde, mit einem von Laubzweigen durchbrochenen Stückchen Himmel dazu. Lust- beklommen überflog Theoda mit dem scheuen Auge die wallende Menge, in der weiblichen Hoffnung, ob doch nicht zufällig daraus der Gehoffte ausfliege. Ihre Seele quälte, sehnte sich immer heftiger, und immer unverständiger; ihr war, als müsse er überall gehen und sitzen. In diesen Frauen-Rausch hinein reichte nun der Edelmann den Brief, den Thcudobach an ihn geschrieben. Mehr bedurfte ihre Seele nicht, um den Tisch-Trompeten leise nach zu schmettern, um das Erden- 104 Leben für Sonncnstern-Leben zn halten, nnd nm außer sich zu seyn. Nun standen alle Roscnknospen als glühende Rosen auf- gebrochen da. Sie drückte Rießens Hand im Feuer, nnd er frcnete sich, daß er keinen andern Nebenbuhler hatte, als sich selber. Die Neuigkeit lispelte sich bald von seiner zweiten Nachbarin die Tafel hinab. Er brachte deswegen, da er schon als Freund eines Groß-Autors Aufmerksamkeit gewann, mehre Sentenzen thcils laut, thcils gut gedreht hervor, weil leicht , auszurcchnen war, wie sie vollends umlaufen würden, wenn er mit dem Dichter in Eins zusammengcschmolzcn. Die Tisch- lnstbarkeit stieg zusehends. Das Brunnen-Essen ist, ungleich dem Brunnen-Trinken, die beste Brunnen-Belustigung, und ohnehin froher, als jedes andere; außer der Freiheit wirkt noch darin, daß man da keinen andern Arbcittisch kennt, als den Eßtisch, und keine Schmollwinkel, als die Badewanne. 24. S u m m u l a. Mittagtisch reden. Aber unten, am entgegengesetzten Tafel-Ausschnitt, wo Katzenberger neben seinem gastfreien Rezensenten saß, nahm man von Zeit zu Zeit aus den Damcngcsichtern von weitem verschiedene Querpfeifcr - Muskel - Bewegungen nnd Mienen- Vielecke wahr. Der Doktor hatte nämlich bei der Suppe seinen Wirth gebeten, ihn mit den verschiedenen Krankheiten bekannt zu machen, welche gerade jetzt hier vertrunken und 105 verbadct würden. StrykiuS wußte, als ein leise auftrctcndcr Mann, durchaus nicht,,wie er aus Deutsch (zumal da, außer dem eignen Namen, wenig Latinität in ihm war) zugleich die Ohren seines Gastes bewirthcn, und die der Nachbarinnen beschirmen sollte. „Beim Essen, sagte eine ältliche Landjunkerin, hörte sich dergleichen sonst nicht gut." — „Wenn Sie cs des Ekels wegen meinen, versetzte der Doktor, so biet' ich mich an. Ihnen, noch ehe wir vom Tisch ausstehen, ins Gesicht zu beweisen, daß es, rein genommen, gar keine ekelhafte Gegenstände gibt; ich will mit Ihnen, Scherzes halber, blos einige der ekelhaften durchgehen, und dann Ihre Empfindung fragen." Nach einem allgemeinen, mit weiblichen Flachhäuden unternommenen Niederschlagen dieser Untersuchung stand er ab davon. „Gut, sagt' er, aber dicß sei mir erlaubt zu sagen, daß unser Geist sehr groß ist, und sehr geistig, und unsterblich und immateriell. Denn wäre dieser Umstand nicht, so waltete die Materie vor, und es wäre nicht dcnklich; denn wo ist nur die geringste Nothwendigkeit, daß bei Traurigkeit sich gerade die Thräncndrüse, bei Zorn die Gallendrüsc ergießen? Wo ist das absolute Band zwischen geistigem Schämen und den Adernklappen, die dazu das Blut auf den Wangen eindämmen? Und so alle Absonderungen hindurch, die den unsterblichen Geist in seinen Thaten hienieden thcils spornen, theils zäumen? In meiner Jugend, wo noch der Dichtcrgcist mich besaß und nach seiner Pfeife tanzen ließ, da crinuer' ich mich noch Wohl, daß ich einmal eine ideale Welt gcbauet, wo die Natur den Körper ganz entgegengesetzt mit der Seele verbunden hätte. Es war nach der Auferstehung (so dichtete ich); ich stieg in größter Freude auS dem Grabe, aber die Freude, statt daß sie 106 hienicden die Haut gelinde öffnet, drückte sich droben, bei mir und bei meinen Freunden, durch Erbr^cn ans. Da ich mich schämte, wegen meiner Blöße, so wurde ich nicht roth, sondern sogenannt preußisch Grün, wie ein Grünspecht. — Beim Zorn sonderten sämmtliche Auserstandne blos all, um Zraecum ab. — Bei den zärtern Empfindungen der Liebe bekam man eine Gänsehaut, und die Farbe von Gänse-Schwarz, was aber die Sachsen Gänse-Sauer nennen. — Jedes sreundlichc Wort war mit Gallergießungcn verknüpft, jedes scharfe Nachdenken mit Schlucken und Niesen, geringe Freude mit Gähnen. — Bei einem rührenden Abschied floß, statt der Thränen, viel Speichel. — Betrübniß wirkte nicht, wie bei uns, auf verminderten Pulsschlag, sondern aus Wolf- und Ochscn-Hnnger und Fieber-Durst, und ich sah viele Betrübte Leichcntrunk und Lcichcncssen zugleich cinschlucken. — Die Furcht schmückte mit feinem Wangenroth. — Und feurige, aber zarte Zuneigung der Ehegatten verricth sich, wie jetzt unser Grausen, mit Haarbcrgan, mit kaltem Schweiß und Lähmung der Arme. — Ja, als ... ." Aber hier lenkte der vorsorgcnde Brunncnarzt den ungetreuen Dichterstrom durch die Frage seitwärts: „Artig, sehr artig, und, wie Haller, wahrer Dichter und Arzt zugleich. — Aber Sie haben sich gewiß vorhin in der Wirklichkeit schöner gefühlt, da Sic aufmerksam unfern schönen Damenzirkel durchliefen?" — „Allerdings, versetzte er, und ich thuc es auch in jeder neuen Gesellschaft, in der Hoffnung, endlich einmal ein Monstrum darunter zu finden. Denn jetzt bin ich der blühende, schwärmerische Jüngling nicht mehr, der sonst vor jeder schönen Gestalt oder Brust außer sich ausricf: Rumpf einer Göttin! Brustkasten für einen Gott! Und das seine 107 Hautwarzensystcm, und das Malpighische Schleimnctz, und die empfindsamen Nervenstränge darunter! O ihr Götter! — Auch Sie, wie alle Schwärmer, haben sich gewiß sonst nicht schwächer ausgesprochen; jetzo freilich wird der Ausdruck immer lahmer. Um aber ans die Mißgeburten zurück zu kommen, nach denen ich mich hier nach dem ersten Komplimente vergeblich umgesehen: so sag' ich dicß: Eine Mißgeburt ist mir als Arzt eigentlich sür die Wissenschaft das einzige Wesen von Geburt, und Hoch - und Wohlgcboren; denn ich lerne mehr von ihm, als vom wohlgcborcnsten Manne. Ans demselben Grunde ist mir ein Fötus in Spiritus lieber, als ein langer Mann voll Spiritus; und Embryoncngläser find meine wahren Vcrgrößcr-Gläser des Menschen. — Ach wol in jedem von uns, snhr er feuriger fort, sind einige Ansätze zu einem Monstrum, aber sic werden nicht reis; mit dem Rückgrat- Ende, dem Steißbein, setzen wir z. B. zu einem Affenschwanz an, und ans dem nengebornen Kindskopfe erscheint, nach Buffon, eine hornartige Materie zu einem Gehörne, die man leider sauber wegbürstct; aber jeder will wahrlich nur seines Gleichen sehen, ohne nur im geringsten sich um die schon fürs Auge köstliche Mannigfaltigkeit zu bekümmern, welche z. B. an dieser Badtafel genossen würde, wenn jeder von uns etwas Verdrehtes an sich hätte, und wenn z. B. der eine, statt der Nase, einen Fuchsschwanz trüge, der andere einen Zopf unter dem Kinn, der dritte Adlcrfängc, der vierte ordentliche, nicht etwa abgenutzte mythologische Eselohrcn. Ich, für meine Person, darf ich wol bekennen, ginge mit Jauchzen vor einer mißgeborncn Knappschaft und Mannschaft an der Spitze, als verzerrter Flügelmann und monströses Muster, und würde Gott danken, wenn ich (nämlich körperlich) nicht wäre wie andere Leute, sondern wenn aus mir etwa Kamcel und Dromedar, also drei Höcker zugleich verkettet wären zur Gebirgkctte, oder wenn die Natur mir hinten eine angcbornc Frau aufgesetzt hätte, sammt zwölf Fingern vorne, oder wenn ich sonst mit vielen Lm-iosio für mich und andere begabt wäre, insofern mir nämlich, bei diesem lebendigen Naturalienkabinet aus mir, mein gewöhnlicher medizinischer Verstand gelassen würde, der sich wie eine Biene ans alle Blumen-Monströsen setzen müßte und könnte. Was hat aber jetzt mein Geist davon, daß mein Leib wohlgestaltet ist, und die gemeinsten Reize für Volkaugen umher spreitet? — Nichts hat er; er ficht sich nach bessern um. Aber ich entsinne mich noch recht gut meiner Jugend, wo ich mehr idcalifirtc, und weniger aus Erden als im Himmel wandelte, da weidete ich mich an geträumten, noch höhern Mißgeburten, als das thcuere schwache Hascnpaar ist, das ich gestern gekauft; da war cs mir ein Leichtes, ganze in einander hineingewachsene Sessionen geboren und zu Kauf zu denken, die ich dann nach dem Ableben leicht in einem Spiritus- Glase bewahrte und bewegte nach Lust — oder einen Knaben mit einem angeborncn vollständigen fleischernen Krönnng- habit — oder einen taselfähigeu Edelmann mit zweiunddrcißig Steißen besetzt — und doch sind das nicht ganz arkadische Träume. Sonst wurden ja wirklich Menschen mit lebendigen Pluderhosen und Fontangcn geboren, znm Abschrecken vor genähten; warum könnte nicht unfern Zeiten der Fang zusallen, daß ihnen das Glück einen Jncroyable mit pulsirenden Hutkrempen und Schnabclsticfeln und fleischernen Cravattcn-Zacken bescherte, frag' ich?" Der Brunncnarzt schwitzte, während er pries, mehre Schweiße von verschiedener Temperatur darüber, daß er einen 109 Flügel seiner Pazientcn, zumal den weiblichen, eine Landjun- kcrin, eine Konfistorial-Räthin, eine halb bleich- halb gelbsüchtige Zärtlingin, und am Ende sich selber, in die Hör - oder Stech-Weite eines solchen geistigen Raufdcgcns gebracht als Wirth. Gern hätte er verschiedene kaltsinnige Mienen dabei geschnitten, wenn er versichert gewesen wäre, daß ihn der Doktor nicht als Rezensenten kenne, und darum schärfer angreife. Doch that er das Scinige, und sprang von den Mißgeburten auf die Katzcnbergerischcn Geburten, um vorzüglich dessen Hämatologie zu huldigen, worin, sagt' er, Paragraphen wären, ohne welche er manche glückliche Bemerkungen gar nicht hätte machen können. „Schön, versetzte der Doktor, so denkt wol nur ein äußerst parteiischer und guter Mann, wie Sie; — denn außer Ihnen gibt's nur noch einen Leser, der gern alles redlich thnt, waS ihm Bücher verschreiben, nämlich den Buchbinder, der jedes Wort an den Buchbinder befolgt — aber Sie sollten meinen Hund von Rezensenten kennen und dagegen halten. Himmel, wie bellt der Zerberus, zwar nicht mit drei Köpfen, aber ans sieben Hundshüttcn, und an sieben Ketten, gegen mich!-Ich wollt', ich hätte ihn da; ich wollte jetzt alles thnn, da ich eben getrunken, was ich ihm längst geschworen, nämlich meine Blut-Machlehre (die Iinoma- toloAia) an ihm selber erproben. — Oder gibt cs etwas sündlichcrS, als wenn ein Narr — blos weil er sieben Zeitungen dazu frei hat, wie zu sieben Thürmen — die sieben Weisen spielt, und sieben Todsünden begeht, um als einziger Zeuge, vermittelst einer bösen literarischen Heptarchie, seinen Ausspruch zu besiebnen? Ich kann von der bösen Sieben gar nicht los; aber ich werde, sollt' ich denken, in jedem Falle den Mann ausprügeln, erwisch' ich ihn. Hier fass' ich zum 110 Glück dm redlichen Stryk an der Hand, der denkt wie ich, wenn nicht zehnmal besser. Diesem Magen übergcb' ich mich — denn ich meine ülaguo, nicht Stomaclnm — nnd er entscheide; für mich ist er der große Thor (ich spreche zwar nach einem Glas Wein, aber ich weiß recht gnt, daß Thor nnser erster altdeutscher heilender Gott gewesen) — der sage hier.... was wollt' ich denn sagen? Nun mir gilt's sehr gleich, nnd die Sache ist ohnehin klar nnd scst genug. Kurz-" „Ich crrathe unfern guten Autor, sagte Strykius, denn vielleicht kann ich, als alter Leser seiner witzreichen Werke, ihn wenigstens znm Thcil würdigen. Man kennt diesen tiefen Mann, er verzeihe mir sein Lob ins Gesicht, nur wenig, wenn man nicht seine gelehrte nnd seine witzige Seite zugleich bewundert und unterscheidet, die er beide so eng verschmelzt; aber er hat nun einmal, um spaßhaft-gemein zu sprechen, Haar im Mund." „Aber ich habe sie eben zwischen den Zähnen (versetzte er, einen Truthahn-Hals an der Gabel anfhebcnd); ich wünschte, mancher hätte so viel Haarwuchs ans dem Kopfe, als der Truthahn hier am Halse, nnd solche herrliche Haarzwiebeln wären aus eine bessere Haut und Glatze gcsäct, als ich eben känen muß." „Ich tadle aber doch die Sauce dabei — fiel ein ältlicher, mehr blöd- und fünssinniger, als scharfsinniger Posthal- tcr ein — sie will mir fast wie abgeschmackt schmecken; aber jeder hat freilich seinen Geschmack." — „Abgeschmackt, Herr Posthalter, sagte der Doktor, und hielt lange inne, nennen die Physiologen alles, was weniger Salz enthält, als ihr eigner Speichel; daher sind Sie, wegen des Ungesalzenen, wahrscheinlich ein Mann von Salz, ich meine den Speichel." — Eine schwcrgcputztc Landjunkcrin, die ihren Kahlschädcl mit einem Prnnk- und Titular-Haar gekrönt, merkte (aber nicht leise genug, weil sie cs französisch sagte) gegen ihre Tochter an: „Fi! Welch ein Mensch! Wer kann dabei essen?" — Der Posthalter, der ihn schlecht verstand und gut ausnahm, wollte cs höflich erwiedern, und fragte: Wie gefallen Sie sich liier, Herrrr ... ich weiß Ihren wcrthcn Charakter nicht? „Ich mir selber? versetzte der Doktor. Sehr!" Eben bekam er und die Landjunkcrin kleine, etwas klumpige Pasteten ans den Teller. Er schob seinen weit in den Tisch hinein, bemerkend: gerade in solchen Pasteten würden gewöhnlich die Frauen-Perücken ausgebacken, wie hier mehre an der Tafel säßen; indcß find' er darum noch kein Haar ans Ekel darin, ja er ziehe, in Rücksicht des letzten, Pasteten den Perücken vor. - Die Edcldame brach mit Abscheu aus, um es zu keinen stärkern Ansbrüchen kommen zu lassen. Endlich thaten eS auch die klebrigen. Wohlgemnthet drückte Katzenberger dem Rezensenten die Hand, und prophezeite sich die Freuden, die ihn erwarteten, könn' er öfter so mit ihm zusammcnhansen, und beschenkte ihn mit der Herz-Ergießung: „Ich habe am Ende (und nur mit Gewalt verschieb' ich'S) sagen wollen zu Ihnen: Du!" 25. S u m m u l a. Musikalisches Dcklamatorium. Die Leser finden nm 7 Uhr alle Maulbronner von Bildung in Rießens Dcklamirsaal. — Das mufikalischc Vorspiel hat schon ausgespielt — Rieß geht, mit „dem Ritter einer größern Zeit" in der Hand, ihn drittcls deklamirend, drittcls lesend, drittels tragircnd, langsam zwischen der weiblichen und männlichen Kompagniengasse auf und ab, und hält bald vor diesem Mädchen still, bald vor jenem. Auch Katzcnberger ging auf und ab, aber einsam im Vorsaal, theils um den reinen Musik-Wein ohne poetischen Bleizucker cinzuschlürfen, theils weil es überhaupt seine Sitte war, im Vorzimmer eines Konzertsaales unter unaufhörlicher Erwartung des Billeteurs, daß er seine Einlaßkarte nehme, so lange im musikalischen Genüsse gratis versunken hin und her zu spazieren, bis alles vorbei war. — Der Vorleser steht schon bei den größten lyrischen Katarakten seiner dichterischen Alpcnwirthschaft, und die Musik fällt (aus kleine Finger-Winke)« bald vor, bald nach, bald unter den Wasserfällen ein, und alles harmonirt. — Der Charakter des Ritters einer größern Zeit war endlich so weit vorgerückt, daß viele Zuhörcrinnen seufzten, um nur zu athmen, und daß Theoda gar, ohne Scheu vor den scharf geschliffenen Frauen-Blicken, darüber in jene Traualtaroder Brautthränen (ähnlich den männlichen Bewunderung- thränen) zerschmolz, welche freudig nur über Größe, nicht über Unglück fließen. Der geschilderte blühende Ritter des Ge- 113 mäldcs, schamhaft wie eine Jungfrau, liebend wie eine Mutter, schlagend und schweigend wie ein Mann, und ohne Worte vor der That, und von wenigen nach der That, stand im Gemälde eben vor einem alten Fürsten, um von ihm zu scheiden. Es war ein prunkloses Gemälde, das ein jeder leicht hätte übertrcffcn wollen. Der ältliche Fürst war weder der Landesherr, noch Waffenbruder des Jünglings; er hatte sich blos an ihn gewöhnt, aber jetzo mußt' er ihn ziehen lassen, und dieser mußte ziehen. Beide sprachen nun in der letzten Stunde blos wie Männer, nämlich nicht über die letzte Stunde, sondern wie sonst, weil nur Männer der Nothwendig- keit schweigend gehorchen; und so gingen beide, so sehr auch in jedem der innere Mensch schwere Thräncn in den Augen hatte, wortkarg, ernst, mit ihren Wunden und mit einem Gott befohlen, aus einander. So weit war die Vorlesung einer größern Zeit schon vorgerückt, als noch die Thüre aufging, und wie ein fremder Geist ein Mann cintrat, der, wie aufcrstaudcn aus dem Gottesacker der Rittcrzeitcn, ganz dem Ritter an Blick und Höhe glich, und die Hör-Gesellschaft fast eben so sehr erschreckte, als crsreuete. . . 26. S u m m u l a. Neuer Gastrollenspieler. Jetzt in den Monaten, wo ich die 26ste Summcl für die Welt bereite und würze, ist cs freilich sogar der Welt bekannt, Iran Naul's anegew. Wcrkr. XV. 8 114 wer ankam; aber am beschriebenen Abende war noch Maulbronn selber darüber dumm. Der cintretende Mann schrieb sich Herr von Thcndobach, Hauptmann in prcnß. Diensten. Nach altdeutschem Lebens- Styl war er noch ein Jüngling, das heißt 30 Jahr alt — und nach seinem blühenden Gesicht und Leben war er's noch mehr. Seine dunkeln Augen glühten wie einer wolkigen Aurora nach, weil er sie bisher noch auf keine andere Figuren geworfen, als ans mathematische in Euler und Bernonlli, und weil er bisher nichts schöneres zu erobern gesucht, als was Koehorn, Rimpler und Bauban gegen ihn befestigt hatten. Unter diesem mathematischen Schnee schlief und wuchs sein Frühling-Herz ihm selber unbemerkt. Vielleicht gibt es keinen pikantem Gegenschein der Gestalt und des Geschäfts, als der eines Jünglings ist, welcher mit seinen Noscnwangcn und Augenblitzcn und versteckten Donnermonaten der brausenden Brust sich Hinsicht und eine Feder nimmt, und dann keine andere Auflösung sucht und sicht, als eine — algebraische. Gott! sagen dann die Weiber mit besonderem Feuer, er hat ja noch das ganze Herz, und jede will seinem gern so viel geben, als sic übrig hat von ihrem. Dieser Hanptmann hatte nun ans seiner Reise durch das Fürstcnthnm Großpolci zufällig in der Zeitung gelesen: der durch seine Schriften bekannte Thcndobach werde das Maulbronner Bad besuchen. „Das ich doch nicht wüßte?" sagte der Hauptmann, weil er von sich gesprochen glaubte, indem er mehre kricgsmathematische Merkchen geschrieben. Bon Nicßcns Namcnvetterschaft und Dichtkunst wußt' er kein Wort. Unter allen Wissenschaften bauet keine ihre Priester so sehr gegen andere Wissenschaften ein, als die sich selber genügsame Meßkunst, indeß die meisten andern die Mcßruthe selber als eine blühende Aarons-Rnthe entlehnen, die ihnen bei Pricsterwahlen rathen helfen soll. Ich kann mir Mathematiker gedenken, die gar nicht gehöret haben, daß ich in der Welt bin, und die also nie diese Zeile zu Gesicht bekommen. „Es sind folglich, schloß der Hauptmann, nur zwei Falle denkbar, entweder irgend ein literarischer Ehrenränbcr gibt sich für mich aus, und dann will ich ihm öffentlich die Mcßruthe geben — oder es treibt wirklich noch ein Wasserest und Ncbcnsprößling meines Stammbaums, was mir aber unglaublich — in jedem Falle sind fünf Meilen Umweg so viel als keiner für einen solchen Prüfung-Zweck." Sein Erstaunen, aber auch sein Zürnen — denn das Zornfcuer der Ehre hatte bisher ganz allein in ihm neben dem wissenschaftlichen Feuer und Lichte gebrannt — erstieg einen hohen Grad, da er in Maulbronn von seinem entzückten Wirthe hörte: ein Hr. v. Nieß habe schon heute, nach einem Brief, den er von Hr. v. Thcndobach erhalten, dessen Ankunft angesagt; und alles werde sich im Dcklamatorium über seinen Eintritt entzücken, zumal da eben etwas von ihm vorgelesen werde. Der Wirth trug sogar Vorsorge, ihm unter dem Deckmantel eines Wegweisers seinen Sohn mitzugeben, welcher der Wirthstochter, weil sie belesen und mit darin war, sogleich das ganze Signalement des neuen Zuhörers durch drei Worte ins Ohr zustcckcn sollte. Als der Hanptmann cintrat, blickten ihn die übrigen weiblichen Augen an, ausgenommen nur ein Paar; Theoda sah unter dem Vorlcscu keine Gesichter, als — ihre innern, und bloS zu den poetischen Höhen hinauf. Noch ehe die Wirthstochter die Nachricht von Theudobachs Ankunft, wie einen elektrischen Funken, hatte durch die Weiber-Ohrenkette 116 laufen lassen: halten fich schon alle Augen an den Hanptmann fcstgeschraubt. Denn immerhin halte Christus auf einem Berge seine Predigt, oder auf dem Richtcrstuhlc sein jüngstes Gericht: cs ist unmöglich, daß die Frauen, die davon erbaut oder gerührt werden, nicht mehre Minuten den Heiland vergessen, und fich alle an den ersten Kirchengänger und Verdammten heften, der eben die Gesellschaft verstärkt; sie müssen fich umdrehen und schauen, und einander etwas sagen, und wieder nachschauen. Ich will setzen, mein zweiter Satz wäre wahr, daß für das Weibcrherz ein Federbusch auf dem Mannskopse mehr wiege, als ein ganzer Bund gelehrter Federn hinter dem Ohre, weil mein erster richtig wäre, daß interna non curat ?ractor, oder wörtlich übersetzt, daß eine Frau vor allen Dingen gern wissen will, wie ein Mann von außen aussicht: so hält' ich ziemlich erklärt, warum der junge Mann, mit seinem Fcdcr- busch-Hut in der Hand, mit seinem Jünglingblicke und seiner Mannkraft, und selber mit einigen Kriegs- und Blatternarben, ja sogar mit dem düstcrn Feuer, womit er dem Vorleser nachsah und nachhörte, den ganzen weiblichen Hör- und Sitz- Kreis wie in Einem Hamen gefangen und schnalzend aus dem Wasser emporhob. Jetzo schlug vollends die Nachricht der Wirthstochter von einem beringten Obre zum andern: der da sei's, der Dichter. Theoda hörte es, sah auch hin — und sie und ihr Leben wurden wie von einem ausgebrcitcten Abcndrothe überzogen. Wie ein stiller Riese, wie eine stille Alpe stand er da; und ihr Herz war seine Alpenrose. — Irgend einmal findet auch der geringste Mensch seinen Gottmensch, und in irgend einer Zeit findet er ein wenig Ewigkeit; Theoda fand's. 117 Der Vorleser, den die fremde Bewunderung seines Lesestücks hinriß in eigne, und der unter allen Empfindungen diese am innigsten mit dem Hör-Krcis thcilte, hatte jetzo, wo die eigentliche Höhe und Bergstraße seiner Schöpfung erst recht anging, gar nicht Zeit, die Ankunft, geschweige die Gestalt und die Einwirkung des Kriegers wahrzunehmen. Er stand eben an der zweiten Hauptstelle seines Gesangs (der Anfang war die erste), am Schwanengcsange, am Ende-Triller; denn wie im Leben die Geburt und der Tod, im Gescllschastzimmer der Eintritt und der Austritt die beiden Flügel sind, womit man steigt oder fallt, so im Gedichte. — Nieß konnte also nicht unaufhaltsam genug stürmen und lausen und deklamircn, und sich begleiten lassen von Musik, um, wie ein Gewitter, gerade den stärksten und entzündcndstcn Schlag beim Abzüge zu thnn.. Jndeß hören mitten in diesem Gerassel von poetischen Streit- und Sicgswagen Vorleser eigner Sachen gleichwol manches leise Wort, das darüber ausfliegt. Nieß vernahm mitten im Dichter-Sturm sehr gut Thcoda's Wort: „ja er ist's, und hat sich selber kopirt im Ritter." — „Und thut doch immer, sagte die Nachbarin, als ginge ihm das ganze Gedicht nichts an." Es war Nießen ans keine Weise möglich, bei solchen Aussprüchen, daß er da sei, und sich im alten Ritter selber getroffen habe, und bei dem allgemeinen Klatschen und Anblicken und Anfragen der Bewunderung, sich etwa in den Kops zu setzen, er sei gar nicht gemeint, nur der neue Soldat. Sondern eine wärmere Minute und höhere Stelle, um sich zu enthüllen und zu entwölkcn, — dieß sah er wol ein — könnte kein Stcrnseher für ihn errechnen, als der Kulminazion- und Scheitelpunkt war, den er eben vor sich hatte, um die Wolke des Inkognito seinem Phöbns aus- znzichen. Zum Glück war er früher daraus gerüstet, und hatte daher — da er längst wußte, daß die Menschen die ersten Worte eines großen Mannes, sogar die kahlsten, länger behalten nnd umtragcn, als die besten nach einem Umgänge von Jahren — schon auf der Knnststraßc, zehn Meilen vom Lcsc- saal, folgende improvisirende Anrede ansgcarbcitet: „Ehrwürdige Versammlung, fand' ich nur die ersten Worte! Auf eine solche Sympathie einer so gebildeten Gesellschaft mit mir dürft' ich ohne Eigenliebe nicht rechnen. , Aber eine Herzergicßung verdient die andere, und ich gebe mich willig dem Ungestüm der Augenblicke Preis. Möge, ihr Herrlichen, euch jeder Schleier des Lebens so abgehoben werden, als jetzt, und nie decke sich euch ein Leichenschlcier statt eines Brautschleiers auf. — Ich war nämlich mein eigner Vorläufer; denn ich bin wirklich der Thendobach, dessen Ankunft ich auf heute in Briefen ansagte." „Der sind Sic nicht, mein Herr — sagte der Hauptmann — ich heiße von Thendobach — Sie aber, wie ich höre, Hr. von Nieß. — Was Sie für Ihre Werke ausgcben, sind ganz andere, und die mcinigen." Nieß blickte ihm ganz erstarrt ins Gesicht. — Besonnener springt der Mensch Plötzlich zu hoch, als zu tief — Theudo- bach stand fast gebietend mit seinem Macht-Gesicht, Kriegcr- Ange, hohen Wuchs, neben dem zu kurze» Dichter, von welchem nun jedes Weibcr-Auge abfiel; aber er ermannte sich und sagte: „ich kenne Sie nicht, aber Deutschland mich." -- „H. v. Nieß, versetzte Thendobach, dasselbe ist gerade mein Fall." Unverschcnds trat Thcoda, welche längst vor Begeisterung 119 unbewußt aufgcstandcn war, aus der verblüfften Schwester- Gemeine heraus vor Thcudobach, und sagte zu ihm, im hohen Zürnen gegen den vieldeutigen Nicß: „Sic find der Mann, den wir alle achten, oder aller Glaube lügt." Der Hauptmann sah das kühne Feuer-Mädchen verwundert an, und wollte crwiedcrn; aber Nieß ries zornig dazwischen: „An mich haben Sie geschrieben, nicht an diesen Herrn, meld' ich jetzt, und ich an Sic." — „O Gott, ich?" sagte Theoda. „Mein Name Thcudobach, Hr. v. Nicß, ist kein angenommener, ich habe nur Einen; und cs gibt nur meinen noch in der Welt; Sie sichren cingestanden zwei, wovon ich nur den meinigen rcklamirc, und Ihnen den Ihrigen billig lasse. In der allgemeinen deutschen Bibliothek können Sie meinen Namen Thcudobach neben meinem rczcnsirtcn Werke finden. Jede andere Erklärung können wir uns an andern Orten geben," setzte er mit einigen Blicken hinzu, die sehr gut als Funken aus das Zündpulvcr einer Pistole fallen konnten. „Sehr gern!" versetzte Nicß, um nur zuerst auf der Adelprobe zu bestehen; aber auf das Vorhergehende konnte er kein Wort zurückgebcn vor Ueberfülle von Antworten. Wer zu viel zu sagen hat, sagt meistens zu wenig, Nieß noch weniger. Noch habe ich in der allgemeinen Welt-Geschichte von Essig und Zopf— die ohnehin mein Fach nicht ist, weil ich vielmehr selber eines in ihm füllen und fordern will — kein rechtes Beispiel (unter so vielen abgcsctzten Günstlingen und Königen) aufgctrieben, das einigermaßen dazu taugen könnte, Nießcns Falle und Verfalle die gehörige Beleuchtung zu geben, wenn jemand sehen wollte, wie einem Manne zu Muthe gewesen, den man auf einmal vom Musenberge auf die Quar- 120 tanerbank, vom Throne eines Sonnen-Gottes ans den Altar seiner Opserthiere, die er vermehren soll, oder von Allem zu Nichts herunterwirft — — Gehenkte auf den Zerglicderung- tischcn erwachend unter dem Messer, anstatt im Himmel, find nichts dagegen. „O, ich bin stolz!" sagte Nieß, und ging davon. 27. S u m m u l a. Nachtrag. Keine Seele bekümmerte sich um deu davon gelaufnen, von seinem Siegswagen herabgcpurzcltcn Deklamator. Doch lachte man ihm allgemein nach. Ein Mann von Belesenheit — wenigstens im Junistück der Minerva von 1804, wo die Notiz steht — sagte sehr laut: Nieß Hab' cs mit seinem Namengcbcn gemacht, wie die Einwohner von Nootka, welche Gott den Namen Quautz geben; der Mann hatte verbindlich für Theudobach reden wollen; aber in der Eile war ihm auf der Zunge das Lob in Essig umgeschlagcn. „Fährt man so fort, sagte ein Korrespondent einer ungelehrten Gesellschaft, so weiß am Ende keiner von uns, was er geschrieben, und der halbe Meusel sitzt im Sand." — Der Hauptmann nahm — mit einer kurzen Entschuldigung, daß er sich seines Gcschlcchtnamcns so öffentlich angenommen, und mit einer besondern Verbeugung an Theoda — schnell seinen Rückzug; — und die Menschen sahen seinem Kopse nach. 121 Ungefähr tausend und dreihundert Sicgskränzc — folglich gerade soviel Thcagcncs von Thasus in den griechischen Spielen erbeutet — trug er ans seinem Kopfe, seinen Schultern und seinem Rücken davon; — aber warum? 28 . S u m m u l a. Dar» m. Man hielt ihn für den großen Theater-Dichter, dessen Stücke die meisten gehört. Ich will eine kurze Abschweifung und Summel daran wenden, um zum Vortheil der Bühnen- Dichter zu zeigen, warum sic leichter größere Eitelkeit-Narren werden, als ein anderer Antor. Wie fällt erstlich der letzte mit seinen vcrstreuctcn Leser-Klausnern — ein wenig verehrt von bloßen gebildeten Menschen — beklatscht in den hundert Meilen fernen Studir-Zimmerchen, und zweimal hinter einander gelesen, nicht vierzigmal angchört, wie fällt ein solcher Ruhm-Jrus und Johann ohne Land schon ab gegen einen Bühncn-Dichter, der nicht nur diese Lorbeer-Nachlese auch auf dem Kopfe hat, sondern ihr noch die Ernte beifügt, daß der Fürst und der Schornsteinfeger, und jedes Geschlecht und Alter seine Gedanken in den Kopf und seinen Namen in den Mund bekommen — daß oft die erbärmlichsten Marktflecken, sobald glücklicherweise ein noch elenderes Maroden-Theater von Groschcngallcristen cinrückt, sich vor den knarrenden Trinmph- karreu Vorspannen, worauf jene den Dichter nachführen, so daß, wenn gar der Dichter die Truppe selber dirigirt, er an 122 jedem Orte, wo beide ankommcn, den englischen Wahlkandida- tcn gleicht, die auf vielen Wagen (Lord Fardleh ans fünfzig) die Wahlmänner für den Sitz im Hause der Gemeinen an den Wahlort bringen lassen. — Noch hundert Vortheile könnt' ich vermittelst der Auslaßfigur (KZurn ^rneteritionis) anführen, die ich lieber weglassc, solche z. B., daß einen Theatcrautor (und oft steht er dabei und hört alles) eine ganze Korporazion von Händen gleichsam auf den Händen trägt (daheim hat ihn nur ein Mann in seiner Linken, und blättert mit der Rechten verdrießlich) — daß er auswendig gelernt wird, nicht nur von Spielern, sondern am Ende von deren Wiederkehr-Hörern — daß er in allen stehenden, obgleich langweiligen Theaterartikeln der Tag- und Monatblättcr stets im selben Blatt von neuem gelobt wird, weil die Bühnen- Schelle immer als Tausglocke seines Namens, und das Einbläser-Loch als sein Delphisches Loch wiederkommt. — Woraus noch manches folgt, z. B. daß ein gemeiner Autor, wie z. B. Jünger, ja Kotzcbue, länger in seinen gehörten Stücken lebt, als in seinen gelesenen Romanen. Daraus erklärt sich die Erscheinung, daß das kalte Deutschland sich für Schiller (und mit Recht, denn es sündigte von jeher nur durch Unterlassen, nie durch Unternehmen) so sehr und so schön anstrcngt, und für Herder so wenig. Denn mißt der Werth den Dank: so hätte wol Herder, als der frühere, höhere, vielseitigere Genius, als der orientalisch-griechische, als.der Bekämpfer der Schillerschen Reflexion-Poesie durch seine Volkliedcr, als der Geist, der in alle Wissenschaften formend cingriff, und der nur den Fehler hatte, daß er nicht mit allen Flügeln flog, sondern nur so, wie jene Propheten-Gestaltcn, wovon vier ihn bedeckten und nur zwei erhoben, dieser Tobte hätte ein Denkmal nicht neben, sondern über Schiller verdient; wären, wie gedacht, die Komödianten nicht gewesen, oder das Publikum „icht, das sür die Vielseitigkeit wenig anschließende Seiten mitbringt. Uebrigens, wie man lieber von Personen, als von Sachen hört, so steht auch der gewöhnlichste Theater-Dichter als ein Nachttisch-Spiegel, der dem Parterre Personen und dieses selber darstcllt, schon darum dem Sachen-Dichter, als einem bloßen Juwel, voran, der nur Fcuerfarben wirst und unverwüstlich nichts darstellt, als sich nnd das Licht. Uebrigens ist dicß sür uns andere Undramatikcr eben kein Unglück; denn wir haben uns eben darum zum schönen Loose einer leichtern, liebenswürdigen Bescheidenheit Glück zu wünschen, zumal wenn wir berechnen, was aus uns, da jetzo schon ein paar Zeitungen und einige Thectische uns (ich selber kenne mich ost kaum mehr) sichtbar ausblasen, vollends durch das Lustschiff der Bühne sür trommclsüchtige Narren geworden wären, so wie Schweinblasen, die schon aus Bergen schwellen, auf Höhen der Luftbällc gar zerplatzen. 29. S u m in u l a. Herr von Nieß. Er kam nicht zum Abendessen. 30. S u m m u l a. Tischgebet und Suppe. Der Tumult der Erkenn- und Vcrkennszcue mischte die Eßgäste schon auf dem Gange zur Tafel zu bunten Reihen der Freude zusammen. Der Sternenhimmel, Blasmusik und Bäume voll Lampen, und hauptsächlich der Abends angckom- mcuc und mit soupirende große Mann bezauberte und vereinigte alles. Viele Mädchen, die Rießens Stücke aus Leihbibliotheken und auf Bühnen hatten kennen lernen, gingen unter dem Schirme wechselnder Schatten ganz nahe und an- blickcnd neben seiner schönen Gestalt vorbei. Als er in seiner Uniform — dem weiblichen Jagd-Tuch oder Ncbhühncrgarn oder Frauen-Tyras — und mit der hohen Feder (die auf dem Kopfe erhabner aussieht, als hinter dem Ohre) so dahinschritt und die Menge überragte, wie der ursprüngliche Theudobach (nach Florus) seine Tropäc, und er als das Zwillinggestirn der Weiber, als Dichter und Krieger zugleich, sich durch seinen Himmel bewegte, und mit Auge und Stimme so entschieden gegen männliche Wesen, und doch mit beiden so scheu und bescheiden gegen weibliche einhcrtrat: so riß ein allgemeines Verlieben ein, und hinter ihm sah, da er mit dem fünsschnei- digen Melpomeuens-Dolch und mit dem Kriegcrschwert alles schlug, der Weg wie eine weibliche Wahlstatt aus; der einen war der Kops, der andern das Auge, der dritten das Herz verwundet. Er aber merkte gar nichts von den sämmtlichen Verwundeten, die er hinter sich nachführte. Bisher mehr 125 astronomisch zu den Himmclsternen hinauf, als zu den weiblichen Augensternen herab zn sehen gewohnt, zeigte er nicht den geringsten Muth vor einem ganzen Angensternhimmcl; und vor einigen, welche den Busen mit nichts bedeckt hatten, als mit ein paar Locken und Blumen, wollt' er gar das Hasenpanier ergreifen. Jedoch schickte er seinen Blick heimlich nach dem Mädchen herum, das, ihm so unbekannt, dreist ihm vor einer Menge beigcstanden hatte. Theoda war aber längst durch das Gedränge zn ihrem Vater hingecilt, wie unter dessen schirmende Fittige gegen ihr Herz und das Volk. Sie war berauscht und beschämt zugleich, daß sie so öffentlich, mehr eine Leserin als ein Mädchen, sich in den Zweikampf von Männern als Sekundantin gemischt. Erst durch langes Bitten rang sie dem Vater die Erlaubniß ab, ihn dem Dichter vorznstcllen, wiewol er's ein Sclber- Spektakelstück nannte. Neben ihm stand sic, als sic ihren Lebens-Abgott, den bald Lichter, bald Schatten reizend bedeckten, Herkommen sah, und sie ihm aus der Ferne unbcschämter in das edle Antlitz schauen konnte. Sie stellte mit kindlicher Lust ihren Vater dem berühmten Genius vor. „Meine Tochter — nahm Katzcn- berger leicht den Faden auf — hat mich mit Ihrem Künstlcr- ruhm bekannt gemacht; ich bin zwar auch ein,4rtistn, in so fern das Wort Arzt eine verhunzte Verkürzung davon ist; aber, wie gesagt, nur Menschen- und Vieh-Physikus. Daher denk' ich bei einer Hanskrone und Lorbeerkrone mehr an eine Zahnkrone, oder bei einem System sehr ans Psortadersystcm, auch Hantsystem, und ein Blasen- und ein Schwanenhals sind bei mir nicht weit genug getrennt. Mir sehen Sie dergleichen wol nach! Dagegen weis' ich Sie auf meine Tochter an." 126 Der Hauptmann machte, d. h. zeigte die größten Angen seines Lebens; er fand in diesem Badeorte zu viel Wirrwarrs- Knoten. Doch aus Dankbarkeit gegen das Mädchen, das heute einen so kühnen Antheil an seinem Schicksale genommen, sagt' er nur: „das schöne Fräulein, dem ich viel Dank schuldig bin, hat blos Ihren Namen zu nennen vergessen." „So seid Ihr Volk — wandte sich der Vater an die Tochter —; wenn Ihr nur Eure Tausnamen habt, unter Briefen und überall; nach des Vaters Namen fragt Ihr keinen Deut. Ich und sie heißen Katzenbcrger, Hr. v. Theu- dobach!" Der Hauptmann, der, nach mathematischer Methode, aus allen bisherigen Hindeutuugcn auf einen Briefwechsel mit ihm gar nichts hcraussummirt hatte, als den Heischesatz, daß man hier erst hinter manches kommen müßte, setzte, wie jeder Stern- schcr, fest: „Zeit bringt Rath; ein jeder Stern, besonders ein Bartstern, muß erst einige Zeit rücken, bevor man die Elemente seiner Bahn aufschrcibt; folglich rücke der heutige Abendstcrn nur weiter, so weiß ich manches und rechne weiter." Man setzte sich zu Tisch, und Theoda sich neben den Hauptmann; Erdferne von ihm wäre ihr diesen Abend Wintertod gewesen. Sie hatte noch auf väterliche Nachbarschaft gerechnet; aber der Doktor, der sich von beiden Leuten nichts versprach, als einen Abend voll dichterischer Sachen, einen Teich voll schwimmender Blüten, ohne Karpfen und Karauschen und Hechte, hatte sich längst wcggcbettct unten hinab; und vom Doktor hatte sich wieder weit abgebettet der Brunncnarzt Strykius, in einer geistigen Ehescheidung von Tische. Theoda schwieg lange neben dem geliebten Manne, aber wie voll Wonne und Reichthum! Und alles um sic her überfüllte ihre 127 Brust! Ucber die Tafel wölbten sich Kastanicnbäume— in die Zweige hing sich goldncr Glanz, und die Lichter schlupften bis an die Gipfel hinauf, über welchen die festen Sterne glänzten — unten im Thale ging ein großer Strom, den die Nacht noch breiter machte, und redete ernst herauf ins lustige Fest — in Morgen standen Helle Gebirge, auf denen Sternbilder wie Götter ruhten — und die Ton-Feen der Musik flogen spielend um das Ganze hinunter, hinauf und ins Herz. Thcoda, durch jeden eignen Laut einen vom Dichter zu verscheuchen fürchtend, und für ihre sonst scherzende Gesprächigkeit zu ernst bewegt, stimmte wenig mit der redelustigcn Gesellschaft zusammen, welche desto lauter und herzhafter sprach, je mehr die Musik tobte; denn Tisch-Musik bringt die Menschen zur Sprache, wie Vögel zum Gesang, thcils als Fcuer- uud Schwungrad der Gefühle, theilS als ein Ableitcr fremder Spür-Ohrcn. Blos der Hauptmann konnte sein Ich nicht recht mobil machen; er hatte so viele Fragen aus dem Herzen, daß ihm. alle Antworten schwer abgingen. Thcoda. welche schon nach Nießcns Schilderung mehr Angräuzung an Nießische Leichtigkeit erwartet hatte, und vollends von einem Dichter, konnte sich die in sich versenkte Einsylbigkeit nur aus einem stillen Tadel ihrer öffentlichen Anerkennung erklären; und sie gerietst gar nicht recht in den scherzenden Ton hinein, den Mädchen oft leicht gegen ihre Schrcibgötter, auch aus einer mit Seufzern und Wonnen überhäuften Brust, anzustimmen wissen. Der Brunnenarzt Strykius, der sich ihm mit einem festgenagelten Anlächeln gcgenübergesctzt, befiel und befühlte ihn mit mehren Anspielungen und Anspülungen seiner Werke; aber der Hauptmann gab — bei seiner Unwissenheit über den 128 Dichter, und darüber, daß man ihn dafür hielt — unglaubliche Quer-Antworten, ohne zu verstehen und ohne zu berichtigen. So gewiß hören die meisten Gesellschafter nur Einen, sich selber; — so sehr bringt jeder, statt der Ohren, blos die Zunge mit, um recht alles zu schmecken, was über dieselbe geht, Worte oder Bissen. Hat sich ein Manu verhört, folglich nachher versprochen, und endlich darauf sich aufs Unrechte und Rechte besonnen: so blickt er verwundert herum, und will wissen, wie man seinen zufälligen Unsinn ausgenommen; ersieht aber, daß gar nichts davon vermerkt worden, und er behält dann zornig und eitel den wahren Sinn bei sich, ohne die fremden Köpfe wieder her zu stellen in das Integrum des eigenen. Daher verstehen sich wenig andere Menschen, als solche, die sich schimpfen, weil sic von einerlei Anschauungen ausgehen. -Hier führt mich die lange vorstehende Bemerkung ' beinahe in die Versuchung, nach vielen Jahren wieder ein Extrablättchen zu machen. Denn eben die gedachte Bemerkung Hab' ich erst vor einigen Tagen im neuesten Bande des Kometen gelesen; ja ob sie nicht gar (wie fast zu befürchten) noch in einem dritten Buche von mir sich heimlich anfhält, das weiß der Himmel, ich aber am wenigsten. Denn woher sollt' ich nach ein paar Jahrzehcnden wissen oder erfahren, was in meinen so zahl- und gedankenreichen Werken steht, da ich sie — ausgenommen unter dem Schreiben — fast gar nicht, oder nur zu oberflächlich lese, sobald nicht zweite oder dritte Auflagen gefordert werden, in welchem letzten Falle ich mich sogar rühmen darf, daß ich den Hcspcrus dreimal (zweimal im acht- 129 zehnten Jahrhundert und einmal im neunzehnten) so aufmerksam dnrchgclesen, als irgend ein Mitlescr aus einer Leihbibliothek, welcher exzerpirt. — Eben seh' ich noch zum Glück, da ich, wie gesagt, mich auch unter dem Schreiben immer lese, daß ich den Satz oben sragweise angefangen, unten aber, wegen seiner unbändigen Länge, mit einem Fragzeichcn zu schließen vergessen.-Denn — um zurückzukommen — kann ich wol bei der Menge wichtiger Bücher, welche die Vergangenheit und das Ausland ans allen Fächern liefern, und wovon ich noch dazu die besten, vor vielen Jahren gelesenen wieder durchgehen muß, weil ich sie jetzo besser verstehe, der neuen Snpplementbibliothekcn in jeder Messe gar nicht zu gedenken — kann ich da wol Lust und Zeit gewinnen, einen mir so alltäglichen und bis zur Langweile bekannten und auswendig gelernten Antor, wie mich, in die Hand zu nehmen? — Was in unserem Jahrhundert Gelehrte zu lesen haben, welche Berge und Bergketten von Büchern, leidet keine Vergleichung mit irgend einem andern, ausgenommen mit dem nächsten zwanzigsten, wo sich die Sachen noch schlimmer zeigen, nämlich 200 neue Büchermessen mehr. Wahrlich, da brauch' ich keine Sorbonne, welche mir, wie einmal dem Peter Ramus, das Verbot auflegt, die eignen Werke zu lesen. Aber warum fährt, bellt, schnaubt und schnauzt denn irgend ein kritischer Schooßhund mich an, wenn ich, statt des eignen Lesens, nichts wiederhole, als zuweilen eigne Gedanken? — Sind's aber vollends Gleichnisse: so macht' ich nur erst den fremden Mann kennen, der, bei meiner Ucbcrschwängcruug damit, solche aus ncunundfunfzig Bänden behielte; vollends nun aber der eigne Vater, welchem Gebornes und llngcbornes durcheinander schießt, und der oft (der gute Mann!) zehn ungcdrucktc Ge- Jean Paul'S ausgew. Wcrle. XV. A 130 bürten auf dem Papiere ungetanst liegen läßt, und dafür eine alte, schon gedruckte, unwissend wieder in die Kirche trägt, und über das Becken hält. — Da Strykius, wie gesagt, durch alle Halbantworten Thcudobachs nicht ans seinem Mißverständnis, dieser sei der Dichter, hcranskam, so ließ er sich auch durch nichts halten, er mußte der ganzen ans dem Gesichte des Hanptmanns kon- vcrgircnden Gesellschaft zeigen, daß er selber Verdienst schätze und besitze. — „Das Wetter (dacht' er bei sich) soll den Dichter erschlagen, wenn er nicht merkt, daß ich mir etwas aus ihm mache." — Er knüpfte daher von neuem so an: „Ich darf wol unberufen im Namen der ganzen Gesellschaft unsere Freude über die Gegenwart eines so berühmten Mannes ansdrückcn. —- Sie haben zwar bessere Gegenden gezeichnet; aber auch unsere verdient von Ihnen ausgenommen zu werden." Der Hanptmann, der, zum Genie-CorpS gehörig, sich dabei nichts denken konnte, als eine militairische Zeichnung zum Nachthcil der Feinde, nicht eine poetische zum Vorthcil der Freunde, gab aufgemnntert, weil er endlich doch ein vernünftiges, d. h. ein Handwerks-Wort zu hören und zu reden bekam, zur Antwort: „Wenn hier eine Festung ist, so thu' ! ich's; jede ist übrigens überwindlich, und mich wunderte besonders, in demselben Buche Anleitung zur unüberwindlichsten Verthcidigung und zur sieghaftesten Belagerung anzntrcffen, wovon ja eines so ssiso falsch scyn muß." , Hier lächelte Strykius verschmißt, um dem Krieger zu zeigen, daß er die Allegorie ganz gut kapire; ihm war nämlich, wie allen Prosa-Seelen, nichts geläufiger, als die ver- mooscte Aehnlichkcit zwischen Liebe und Krieg. Der Hauptmann fuhr etwas verwundert fort: „mich 131 dünkt durch Approchcn, durch die dritte Parallele, wobei man über der Brustwehr fechten kann — durch falsche Angriffe — (Hier nickte Strykius unaufhörlich zu, und wollte immer lächelnder und schalkhafter aussehcn) und am Ende durch den Gencralsturm wird jede Jungfrau von Festung erobert." „Ich weiß nicht — setzte der Hauptmaun, ganz erbittert über den anlachenden Narren, hinzu — ob Sic wissen, daß ich zum Genie-Corps gehöre." „O wer wüßte es nicht von uns, erwiedcrte er schelmisch, und eben das Genie trägt den Köcher voll Liebcspfeile." Da wurde, wie von einem Schlagfluß, der Arzt aus seinem Anlächeln wcggcrafft durch des zürncnd-rothcn Hauptmanns Wort: „Herr, Sie sind ein Arzt, und darum verstehen Sie nichts von der Sache." Ohne Weiteres wandte er sich zu Theoda, und fragte mit sanfter Stimme: „Sic, Vortreffliche, scheinen mich zu kennen, aber doch weiß ich nicht wodurch." — „Durch Ihre Werke," sagte sic furchtsam .... „Sie hätten die einen gesehen und die andern gelesen?" .... sagte er, und wollte über den Unterschied zwischen seinen um die Festung gebauten Werken, und seinen darin geschriebenen noch ein Wort fallen lassen, als sie ihre Augen gegen ihn aufhob und aus- that, wie ein Paar Ehrenpforten . . . Aber beide wurden unterbrochen. « 9 " 31. S u m m u l a. Aufdeckung und Sternbedeckung. Theoda bekam ein versiegeltes Packet, mit der Bitte auf dem Umschlag, es sogleich zu öffnen. Sie that's. Anfangs kam blos ein Band der allgemeinen deutschen Bibliothek heraus — dann in diesem, zwischen dem Titclblatte und dem gestochenen Gesicht eines berühmten Gelehrten, ein Briefchen von Nieß, und dann das Briefchen von Theoda an Theu- dobach. — Nieß schrieb: „Ich ehre Ihr Feuer. Ich verdamme meines. Ich bi» selber der Dichter, für dessen Freund blos ich mich leider unterwegs ausgegebcn, und dessen Feind ich eigentlich dadurch geworden. Ich vergebe Ihnen gern Ihren öffentlichen Widerspruch gegen den weinigen; aber als Gegengeschenk bitt' ich Sie, mir auch meine vielleicht indiskrete, > doch abgedrungene Eröffnung zu verzeihen, daß Sie an mich geschrieben. Hier ist Ihr Brief, hier ist die Abschrift meiner Antwort darauf. Hier ist sogar noch mein, wenn nicht getroststes, doch zu errathcndes Gesicht vor der allgemeinen deutschen Bibliothek, und dazu eine Rezension Seite 213 darin, worin freilich nichts Wahres ist, als die Namen-Jagd, daß ich nämlich meinem Geschlcchtnamcn Nieß den Vornamen Theudobach vorgesetzt. — Kurz, ich bin der Dichter der unbedeutenden Trauerspiele, die mir jetzo selber eines bereiten. ^ Ich verwünsche*jedc Minute, wo ich Ihnen etwas so Gleich- gültiges verbarg, als mein Name ist. Das Bessere habe ich vielleicht zu wenig verfehlt. — Hier ist nun Ihr Brief — meine Handschrift — mein Gcständniß — sogar mein Zcrr- Bild. Am Himmel entfernt sich die Venus nicht über 47 Grade vom Bilde des Dichtcrgottes, wollen Sie Sich weiter entfernen ?" Schweigend gab Thcoda dem Hanptmann Rießens Brief, Rezension und Kupferstich mit der Unterschrift: Thendobach von Rieß. Ihr Herz quoll, ihr Auge quoll. „Was hatt' ich ihm gethan, rief cs in ihr, daß er mein Herz so nahe aushorchte — daß er mich zu einem öffentlichen Jrrthnm verlockte, und daß ich beschämt dem Volks-Lächeln Preis gegeben bin; was hatt' ich ihm gethan?" Sie dauerte der edle Mann neben ihr, als ob sic und der Poet zusammen ihm Lorbeer und Genie abgeplnndcrt hätten — und sie wollte, als hätte sein Herz davon Riffe bekommen, alle gern mit ihrem aus- füllcn. Wie anders klang und schnitt jetzt die Musik in die Seele! Wie anders sahen die Ricsenwache von Bäumen und die tollkühnen Nachtschmetterlinge an den Lichtern aus! So ist das Leben und Schicksal immer nur ein äußeres Herz, ein wicdcrscheincnder Geist, und wie die Freude die Wolken zu hohe», nur leichtern Bergen aufhebt, so verkehrt der Kummer die Berge blos zu tiefer», fester» Wolken. Thcoda sah recht starr in die kleine Morgenröthc des heraufziehcnden Mondes, um durch starkes Ausmerken und Offenhalten das Zusammenrinnen einer Thräne zu verhindern; als aber der Mond herauskam, mußte sie die Augen abtrocknen. 32. S u m m u l a. Erkcnnsze » e. Der Hanptmaun las sehr lange im Briefe und in der Rezension, nm Licht genug zn bekommen. Lange durchsah er Rießens Bildniß vor der allgemeinen deutschen Bibliothek, dessen Aehnlichkcit ihm nicht recht cinleuchtcn wollte; weil diese überhaupt Köpfe vorne vor dem Titelblattc nicht viel kenntlicher darstellte, als im Werke selber. Doch wird damit nichts gegen den gebliebenen Werth eines Werkes gesagt, das von jedem guten Kopfe Deutschlands, ohne Ausnahme, wenigstens eine volle Seite, noch dazu mit Namens Unterschrift, answcist, nämlich die mit seinem Kopfe vorne vor dem Titcl- blatte. Der Hauptmaun, der so plötzlich aus der Sonncn- finstcrniß in den Hellen Mittag herabficl, wandte sich gar nicht an Thcoda, sondern zuerst an die Tischgesellschaft — erklärte laut, nicht er sei der große Dichter, sondern Hr. v. Rieß — er habe zwar etwas geschrieben, über die alte holländische Fortifikazion — aber er ersuche also jeden, die Bcwundrung, die er ihm zugedacht, zurückzunchmcn und der Behörde zn schenken. — Darauf riß er ein Blättchen aus der Schrcib- tafel und schrieb an Hr. von Rieß: er nehme gern sein unschuldiges Mißverständnis zurück, stehe aber zu jeder andern Genugthuung bereit. Als dieß alles bekannt wurde — und dem Brunnenarzt zuerst — so brachte dieser jeden Abgrund versilbernde Mondschein sogleich zwei laute Toast's aus: „Einen Toast auf den 435 Mathematiker v. Thcudobach! — Einen Toast ans den Dichter Thcudobach v. Niest!" ries er. — So tanzte der frohe Mann nicht nur nach jeder Flöte, sondern, wie H—n, nach jeder Flötenuhr, die eben ansschlägt, und auf die vorige schnelle Anrede des Hauptmanns an ihn, welche, aus der Tafclsprachc in die Schlachtsprache übersetzt, doch nur sagen wollte: krepire! —- versetzte er freudig: auf Ihr langes Leben!- Jetzt endlich kehrte sich Thcudobach an die Jungfrau, welche auf ihre Kosten ihn mit dem Sonncnlehn eines großen Dichters belehnet hatte, und wand, indem er schmerzlich und vergeblich über Gntmachcn nachsann, die bittende Frage heraus: wie alle diese Mißverständnisse möglich gewesen? „Ich bitte Sic, sagte sic mit müder Stimme, meinen Vater zn fragen, der alles weiß." Er schwieg. Trauerndes Nachdenken auf dem starken Männergesicht rührte die Jungfrau immer stärker; ihre Seele litt zu viel, und konnte wieder nicht alle Zeichen verbergen, welche die fremde Thcilnahmc vermehrten. Hastig stand sie endlich auf — sagte ihrem Vater etwas ins Ohr — dieser nickte, und sic verschwand. 33. S u m m u l a. Abend tisch-Reden über Schauspiele. Auch Katzenbcrger hatte unten einige Wcrthcrs Leiden auSgclitten, und zwar schon bei der Krebssuppe, weil da noch die ganze Tischgesellschaft, als eine niedere Geistlichkeit, zuin 136 Kirchdicnste für den Dichter-Gott eingestellt saß, welcher der Hauptmann zn sehn schien; wozu noch der Kummer stieß, daß er seinen Strhkius nicht vor sich hatte. Ein solcher Wirths- tisch war für Katzenberger ein Katzentisch. Er erklärte deshalb gern ohne Neid der nächsten Tisch-Ecke, daß er als Arzt über Bühnen-Skribenten seine eigne Meinung habe, und folglich eine diätetische. Ein Lustspiel an und für sich, fuhr er fort, verwerfe niemand weniger als er; denn es errege häufig Lachen, und wie oft durch solches Lachen Lungcngeschwüre, englische Krankheit, nach Tissot, Ekel (wenn auch nicht gerade der am Stücke selber), ja durch bloße Spaß-Vorreden Rheumatismen gehoben worden, wiss' er ganz gut. — Ja, da Tistot eine Frau anführe, die nicht eher als nach dem Lachen Stühle gehabt, so halt' er allerdings ernsthaft einen Sitz im Komödicnhause für so gut als ein treibendes Mittel, so daß jeder aus seiner Leidengeschichte, wie man sonst bei einer andern gethan, ein Lustspiel machen könne.*) — Daher, wie der Quacksalber gern einen Hanswurst, so sehe der Arzt gern einen Lustspicldichtcr bei sich, damit beider Arzneien, nach Verhältniß ihres Werths, von gleichmäßigen Späßen unterstützt und cingeflößt würden. „Das Trauerspiel aber, Herr Doktor?" fiel ein junger Mensch ein, der zu beantworten glaubte, wenn er befragte. „Gleichwol glaub' er — fuhr er ohne Antwort fort — Verstopfung und dergleichen eben so leicht durch einige Scnues- und Rezcptblättcr zu heben, als durch ein vielblättriges Lustspiel, uud ein Apotheker sei hier wenig verschieden von einem ') Die Lontreris cls In knssioir 1380; der Bischof von AngerS machte für sie aus der Passion eine Komödie. 137 Hanswurst. — Er könne sich denken, daß man ihm hier das Trauerspiel cinwerfe; aber entweder errege dieses gar nichts (dann gähnte man eben so gut und noch wohlfeiler in seinem warmen Bette), oder eS errege wahre Traurigkeit, wenn auch nur halbstündige; nun aber sollten doch Dichter, dächte man, wie Kotzebue, und deren Kunstrichtcr so viel durch Aufschnappen ans der Arznciknndc zufällig wissen, daß Traurigkeit Leber-Verstopfung, folglich Gelbsucht — woher sonst der gelbe Neid der Trauerspielen gegen einander? — zurücklassc, ferner entsalzten Urin, ein scharfes Thronen (der größte Beweis der Blut-Anstemmung in den Lungen) und sogar Darmkrämpfe. -Auf letzte habe man sogar bei Wesen, die in gar kein Schauspiel gehen, oder sonst Scelenleiden gehabt (denn cs gebe keine andere, da nur die Seele, nicht der bloße Körper empfinde und leide), nämlich bei traurigen Hirschen*), geschlossen, aus den kleinen Knötchen in ihrem Unrathc, als den besten Zeichen von Krämpfen. „Erhärteten freilich — fuhr er feurig fort — Bühncn- Thränen, gleich Hirschthränen, zu Bczoar: so schrieb' ich wol selber dergleichen Spaß, und bewegte das Herz. Aber jetzt, beim Henker! muß der wahre Arzt mitten unter den weichsten, himmlischsten Gefühlen der Damcnhcrzcn so scharf das Weltliche dazwischen kommandircn, als ein Offizier unter der Messe seinen Leuten das Gewehr-Strecken und Heben. Vielleicht aber gab' es einen Mittelweg, und cs wäre wenigstens ein offizineller Anfang, wenn man das Trauerspiel, so gut es ginge, dem Lustspiel näher brächte, durch eingcstreute Possen, Fratzen und dergleichen, die man denn allmälig so lange an- ') Hallers Physiologie. Bd. 5. 138 häufen könnte, bis sie endlich das ganze l nnd besetzten. Eine solche Anastoinose und Kirchenvcreinigung des Weh- nnd Lustspiels, setzte er hinzu, eine solche Reinigung der Tragödie durch die Komödie wäre zuletzt so weit zu treiben — ja in einigen neuesten Tragödien sei so etwas — daß man durch ganze Stücke hindurch recht herzlich lachte. Er fragte, ob denn komische Darstellung so schwer sei, da man in Frankreich im siebzehnten Jahrhundert die ernstesten biblischen Geschichten*) in burlesken Versen begehrte und bekam; wie er denn überhaupt wünsche, daß ernste Dinge, z. B. Manifeste, Todcsurthcilc re., öfter im gefälligen Gewand, nämlich burlesk, vorgctragcn würden. Er berief sich noch auf die sonst im Trauerspiel so ernsten Franzosen, denen Noverre die tragischen Horazicr Corneille's als einen pantomimischen Tanz gegeben; folglich in Sprüngen, welches schön an den griechischen Namen der Tragödie, nämlich Bockspicl, erinnere; sogar er selber getraue sich, seinen stärksten Schmerz über einen Verlust, z. B. seines Freundes Strykius, durch bloßes Tanzen auszndrücken, in einem Schäferballct, oder in einem Hopstanz, oder im Fandango. Also hätt' ich, beschloß er, die entkräftende Empfindsamkeit, die man uns aus den Thräncnwcgen der Meibomischen Drüsen, der Thränenkarnnkcl u. s. w. hercinschicßcn läßt, leicht durch Possen gedämmt." Hier konnte ein winddürrcs Laudfräulcin aus dem Vordorf nnd der Vorstadt der Hauptstadt, das sich längst aus Rührung gelegt, sich nicht länger halten. „Dicß kann er Narren weiß machen," sagte sic leise vor seinen Katzenohrcn *) Flegels Geschichte der komischen Literatur. zu ihrer Mutter. „Närrinnen allerdings nicht/' sagte er noch leiser zu obigem Posthaltcr im zweiten Bande. Das hagere Fräulein suhr leise gegen die Mutter fort: „freilich rohe Kerls rührt nichts; eine Seele aber, die zarte gespannte Nerven hat, fühlt allein, was weiche Nerven heißen, und fragt nach nichts bei der Rührung. Ach, wie weit sind noch alte Personen hinter den jüngsten oft zurück!" Auch der Doktor versetzte wieder leise: „Mangel an Fett, Herr Posthalter, können Sic im ersten Bande von Walthers köstlicher Physiologie gesunden haben — der sich vom Berliner Zergliederer Walter so unterscheidet, wie beider Wissenschaften, also wie Geist von Körper — Fett-Mangel macht zu empfindsam; denn die Nerven liegen halbnackt da, und stoßen sich an alles. Ein Fetter hingegen führt sie, wie Eier, unter diesem Uebcrguß gut bewahrt bei sich; Speck schützt gegen geistige Hitze und gegen äußerliche Kälte." Giftig redete den dicken Doktor selber das Fräulein an, und sagte: „ich kenne doch manche beleibte Personen von Empfindung." — „Von diesem Schlage, versetzte er, dürfte ich selber seyn, meine reizende Grauäugige! Im Vorbeigehen bei Ihren himmelgrauen Augen will ich doch anmerkcn, daß es gar keine blaue und keine schwarze Augen unter den Menschen gibt (grüne und gelbe jedoch), sondern was sie so nennen, sind nur graue und braune, weil die Iris nie blau und schwarz ansficht. — Aber zurück! Ob ich nun gleich, als ein Mann von Talg, hier am Tafel-Ende den Fettschwcif vorstcllc, den sich das kirgisische Schaf nachsährt auf einem Wägelchen: so Hab' ich doch auch zwei Augen und ein Schnupftuch; wie oft Hab' ich nicht unter dem heftigsten Lachen Thräncn vergossen! 140 Desgleichen bei Kälte von außen im Schlitten. Ucbcrhaupt wie könnte man als gefrorne Winterbutter erscheinen, wäre man nicht äußerst weich? Nur das Weiche kann gefrieren, Gnädige, nicht das Harte." Zum Glück für einen Waffenstillstand unterbrach eben den Doktor der oben toastende Strykius mit seinen Neuigkeiten. Schwer ging jenem die unbegreifliche Verwandlung der beiden Edclmänncr in ihr Widcrspicl ein. Als er aber endlich das Wahre begriff und erhörte, und daß Nieß bisher, wie die alten Manuskripte, ohne Titelblatt gewesen, und endlich sich eines vorgcbunden, sein Namens-Pergament, und daß er blos nach Autor-Sitte sich den Namen Thcudobach geborgt und eiugeätzt: so konnte sich der Doktor einiger Bemerkungen und Verwunderungen nicht enthalten, sondern gestand: — „ein Anderer, als Er, hätte dicß eben so gut errathcn können — die Namen-Rasur und Tonsur durch Rezensenten gebe leicht Namen-Alibi und Namen-Nachdrucke der Autoren." Ja er fand hierin Achnlichkcit zwischen großen Autoren und großen Spitzbuben, daß beide bei ihrem Geschäfte fremde Namen au- nchmcn, und führte aus des Badischen Hofraths Roth Gauner- Liste von 1800 mehre zweite Autor-Namen an, wie sonst französische Prinzen zweimal getauft wurden, z. B. den großen Allgeier — den dürren Herrgott — den kleinen Pappenheimer — den reichen Bettler oder Spatzendarm — den großen Sauschneider — den Hcnnenfangcr — den welschen Matthcis — kurz lauter Namen, worüber die Gauner-Bande die wahren so vergißt, wie das Publikum bei Autoren. 141 34. S u in m u l a. Brunnen-Beängstigungen. Nach dem Entwickclungabende erschien Theoda nie an der öffentlichen Tafel mehr; weder väterlicher Spott, noch Zank bezwangen sie. Hinter ihrer jungfräulichen Scherzhaftigkeit und Entschlossenheit, das Rechte, sogar auf Kosten der Form und Gewohnheit, zu ergreifen, lag ein empfindliches, lange nachfühlcndes Herz verborgen; leider hielt dieses jetzt die Dornen der Uebcreilung in seinen Wunden fester. Wie sollte sie Unbescholtene das kleine Gcwehrscucr der weiblichen Blicke ertragen? Und doch ließ sie sich von diesen mit Quecksilber gefüllten, organisirtcn Nachtschlangen noch lieber anleuchtcn, als von den zwei Brautfackeln der Augen des Hauptmanns anglänzcn, der damit in ihren offen gelaßncn Herzcnkammcrn alles hatte sehen können, was er gewollt. Nur Nicß stieß ihr ohne besondere Verlegenheit von ihrer Seite ans; gegen ihn und dessen Passagier - Charaktcrmaske glaubte sie, wiewol sie eigentlich ihm das öffentliche Unrecht angcthan, ordentlich das meiste Recht zu haben. Man mag nun dieß daraus hcrlciten, daß die weibliche Seele leichter vergibt, wenn sic Unrecht gelitten, als wenn sie etwas gethan —> oder daß sie Jrrthümer lieber verdoppelt, als zurücknimmt, und sich lieber am Gegenstand derselben rächt, als an sich selber bestraft — oder daß ihr sich ihr Inneres so abspiegelt, wie im Spiegel sich ihr Aeußeres, nämlich jedes Glied verkehrt, und das linkische Herz aus der rechten Seite — oder man mag cs daraus erklären 142 wollen, wc>S fast das vorige wäre, nur in andern Wendungen, daß Frauenseclcn dem milden Oclc gleichen, welches, entbrannt, gar nicht zu löschen ist (denn Wasser verdoppelte), außer durch die kühle Erde — und daß sie sich, wie der Vesuv, durch Auswürsc nur desto mehr erheben, oder daß ihre Fehler den Menschen gleichen, welche, nach Uoung, durch den Krieg (d. h. durch das Erlegen) sich erst recht bevölkern-kurz, wie man Thcoda's Betragen auch ableite: ich bin der Meinung, daß ich mehr Rc'cht habe, wenn ich behaupte, daß sie Herrn von Nieß weniger liebt, als den Hauptmann. Ich berufe mich hier aus nichts, als auf die Tummeln, die noch kommen. Ihre Brunncnbclustigungcn bestanden jetzo — außer einigen hinter Schnupftuch und Bett- und Fcnstervorhaug versteckten Thronen — darin, daß sie zuweilen mit ihrem Vater ansging, der etwas au sich hatte, um damit Jünglinge leicht wegzuscheuchcn, oder daß sie einsam die Berge der Blumcn-Ebcne bestieg, wenn eben Ball, Schauspiel oder Essen war — oder daß sie in das Tagebuch an ihre Freundin flüchtete, wie an eine nah hcrübcrgcfl'ogue Brust. Dieses erzähle sic denn selber. 35. S u m m u l a. Theoda'S Brief an Bona. Bona! Ich war Dir nie ernst genug, jetzt, dacht' ich, war' ich's. Doch kann ich mich irren, und ich bin vielleicht 143 nur wund. Herzen und Glocken bekommen so leicht Sprünge bei starkem Bewegen. War' ich nur mit meinem an Deinem schneeweißen Halse: cs sollte bald heil seyn. Gräme Dich nicht voraus, ich habe nichts verloren, nicht einmal ein Stückchen Liebe, blos ein paar Dummheiten. Nur der Mond, der mir beim Aufgang die Augen wässerte, steigt jetzt immer höher, und zieht mit Gewalt blutwarmc Tropfen aus der Brust herauf; so zieh' er denn fort. Ach Bona, ich weine! Denn ich habe dumm gefehlt; und Du sollst heute alles wissen. Nur wird cS mir sauer. Dir das lange historische Zeug auszubreitcn, da ich dessen so satt und genug habe. Wir brauchen einen ganzen Herbst dazu, eh' wir beide fertig sind mit der Sache. Herr von Nieß ist ein Spitzbube: er ist eben der Dichter Theudobach eigenhändig, zu dem er mich geleiten wollen. So also ist eine heutige Manns- und Schreibperson! Wenn nun, sage mir, die bessern Schauspiel-Dichter nicht redlicher sind, als ihre Schauspieler oder irgend ein feinster Dieb: auf was hat sich eine gute Seele zu verlassen? Auf Gott und eine Freundin, wahrlich auf sonst nichts. Wär' ich nur über Deine Sorge und Bürde hinweg, und wäre Dein Kind an Deiner Brust: so fragte ich keinen Deut nach Begebenheiten, sondern säße bei Dir und erzählte sie. Kurz das geschmeidige, gewundene Schlangcnwesen der Männer, das sich bis sogar in den Sonneutempcl der Kunst einschlängelt, legte sich auch an mich und meinen Vater, und kroch ein, unter dem Namen von Theudobachs Freund. Er konnte mithin jedes Wort hören, was ich von ihm dachte: es war so gut, als war er mit meiner Seele in mein Gehirn eingesperrt. Um uns alle recht in seinem blauen Dunste hcrumznfüh- rc», sprengt er aus, der Poet komme erst Abends, wenn er seinen Ritter vorlese. Vermuthlich war sein Plan, wenn wir so alle mitten im Jubiliren über seinen Ritter und im Vor- musiziren des Ständchens säßen, vom Sessel auszustchen, und zu sagen: ich bin der Mann selber. Zum Unglück sür ihn und sür mich versalzte ihm ein Namcnvctter das ganze Da cksiim. Es tritt nämlich gerade, als uns Frauen die Herzen steilrccht himmelan brennen, ein edler junger Mann herein, den alle Mädchen sür den Maler und sür das Urbild des Ritters zugleich ansehen müssen, nicht etwa ich allein. In einem Traum küßt' ich einmal einer hohen himmlischen und doch sanften Gestalt des noch ungesehenen Dichters die Hand; gerade so sah der Fremde aus. Da sein Name wirklich Thcu- dobach war, und er auch allerlei geschrieben, wicwol nur über Mathematik: so war er neugierig und zornig hieher gereisct, um zu sehen, wer ihm hier seine Rolle Nachspiele. Kurz, in der Minute, da Nicß sich als den Thcudobach dcmaskirte, steht der zweite bessere da, der ihn in die alte Nießische Oiuuvo- souris-Maske zurücksteckt. Und wahrlich, wer nur beide neben einander stehen sah, den Hauptmann Thcudobach in einer Gestalt, seines ricsenmäßigen Urahns nicht unwürdig, und das seine Schachfigürchen Nicß, an ihm hinauf sturmlausend, der mußte cs machen wie ich, und an alle Deine vernünftige Rathschläge nicht denken. Ich ging nämlich öffentlich zum Hauptmann, und erklärte ihn für den Dichter. Mir glüht hier schmerzlich das Gesicht, und ich denke an meines Vaters Wort: „Durch Eiligkeit entstehe oft Feuer, und durch Langsamkeit werd' es stärker; weil die Leute die Sachen gerade umkchrtcn." Jndeß war jeder meiner Meinung — auch noch 145 unter dem Abendessen — gleichwol lauf' ich jetzt als das Manlbronncr Sünden-Böckchcn herum, und werde von den andern Sündcn-Zicklein meines Geschlechts heimlich angemcckert. Denn Nicß schickte mir unter dem Essen meinen Brief an ihn und seinen Kupferstich; kurz der Staar wurde mir mit der Staarnadcl gestochen, und ein Bischen das Herzchen dabei. O, wie war ich hinter meiner Augenbinde, als hätte ich sie mir vom Amor geborgt, so ruhig-froh! Wenn ich dir erst künftig einmal male, wie himmlisch der Sternen-Abend war, so lange mir ihn nicht mein Schmerz umzog — wie reinheiter ich an der Seite des guten Menschen säst, den ich noch für den poetischen Traumgott meiner Jugcndträumc ansah, und wie froh ich mein Auge auf alles um mich warf, auf die erleuchteten Bänmc, auf jeden Gast am Tisch, wie auf die Sterne über mir — wie immer das freudige Herz überkochen wollte — und wie ich gern die armen Nachtschmctterlingc ver- schcucht hätte, die sich an den Lichtern zerstörten — und wie ich in die aufdämmcrnden Wolken in Osten mit feuchten Augen sah, und dachte, wie gar zu selig wird dich vollends dein beglückender Mond machen, wenn er dich so findet. ... Er fand mich nicht mehr so — er fand mich voll Scham und Gram, ich sab ihn an — Dein stillendes Auge wäre mir heilsamer gewesen — ich grub meines ordentlich ein in seinen Glanz, und dachte dann nach: wie anders, anders cs gewesen wäre, wäre alles so geblieben, welch' eine unvergeßliche Para- diescs-Nacht, die noch in keinem Traume gewohnt, ich hätte durchleben und ewig im Herzen halten dürfen! — Es sollte nicht scyn, das zu große Glück. Jndcß, glaub' ich, durchquillt keine Thränc so heißsck'inclzcnd den ganzen Menschen, als die, die er fallen lassen muß, wenn er, eben so heiter wie Iran Paul'S ansgew. Werke. XV. 146 andere, in einem weiten, dnstcnden, wehenden Arkadien angc- langt nnd stehend, plötzlich von irgend einem einsamen Unglück umgriffen wird, nnd nun mitten unter dem allgemeinen Gesänge: „Freut euch des Lebens," den er mitstngt, leise sagt: freuet euch des Lebens, meines ist anders. Ach wozu dieß alles? Aber eine wichtige Regel macht' ich mir; und ich wollte, besonders die Männer hielten sie heilig: schone, o schone jede Seele bei einem Lustfestc, weil cs ihr viel zu wehe thut, mitten in der allgemeinen Freuden- Erntc ganz allein gar nichts zu haben, und doch noch, bei dem Zentner-Ach in der Brust, mit einem leichten Lächcl-Gesicht daznstchcn; daher sollten besonders die Liebhaber und die Eltern uns arme Mädchen mit Qualen verschonen auf Bällen, Hochzeitfestcn, Maicnscsten, Weinlesen. Ach, wir leiden nie mehr, als in Gesellschaft; die Männer vielleicht in der Einsamkeit! Ich weiß es nicht. Jetzo sah ich nicht mehr ab, warum ich Umstände mit der Tafel machen sollte; unglücklich könnt' ich sa in der Einsamkeit so gut seyn, als in der Gesellschaft. Ich ging davon, und sagt' es dem Vater. Das Aller-Dümmste sdacht' ich) denken doch die Bade-Gästinncn ohnehin von mir; also ist nichts zu verderben an den Dummheiten. Ich konnte aber unmöglich schon nach Haus und unter die Dach-Enge; ich mußte ins Weiteste; ich wollte die Sterne bei mir behalten. Da senkte mein ganzes Herz sich plötzlich auf die unsichtbare Brust meiner todtcn Mutter. Ich dachte an die Zanberhöhlc, durch deren wunderbare Lichter sie einst die ans ihren Armen aufhüpfcnde Tochter durchgetragcn; und ich erfragte unten im Dorfe den Höhlcn-Eingang. Der Mond schien an die Pforte; die Kinder hatten davor gespielt, und 147 Ketten von Dotterblumen und ein kleines Gärtchen von cin- gcsteckten Weiden znrückgelassen. Ich öffnete die Thüre, um vor die weite, wie ein Leichnam in die Höhle begrabne Finsterniß zu treten; aber als der Mond seinen Schimmer lang hincinwarf, und ich meinen Schatten drinnen in der Höhle liegen sah: so schauderte mich's; ich sah die Schattengestalt meiner Mutter in ihrem Grabe schlafen; da eilt' ich davon, und dachte mir Dich und Dein Wohl, um mein Herz zu wärmen. O lebe wohl! Spätere N. S. Sein Herz ist sein Gesicht; ich rede vom Hauptmann. Aus Zartheit wich er mir bisher aus; aber er schickte mir durch meinen Vater ein Blättchen, worin er alle Schuld des öffentlichen Mißverständnisses auf sich nimmt, und durch seine Zurückziehung, um cs nicht zu bestätigen, dafür zu büßen gesteht. Du wirst es lesen. Es gehe dem braven Jüngling wohl! Aber unendlich sehne ich mich aus diesem Gottesacker voll blühender Nesseln und begrabner Schönheiten hinweg an Deine treue Brust hinan; dennoch muß ich ausharren, weil mein Vater nicht eher reisen will, als bis er, wie er fast so ernsthaft versichert, daß man bange wird, seinen Rezensenten ab- gestrast. Erfahr' ich indeß Deine Niederkunft: so bin ich ohne Weiteres — ohne Vater und ohne Wagen — zu Fuße bei Dir, bei meiuer alten schönern Zeit. Sonderbar ist's, daß hier so manche noch außer uns weilen, die alle nicht baden und nicht trinken, nämlich Nicß und sogar der Hauptmann. 10 * 148 36. S u m m u l a. HcrzenS-Jnterim. Nun liefen vier Menschen, wie vier Akte, immer näher in Lem Brennpunkt eines fünften zusammen. Aber Nicß gehörte nicht unter die Stralcn. Nachdem er lange und vergeblich bei Thcoda auf den Thron des Autors sich als Mensch hin zu setzen versucht; — nachdem er den vielschncidigen Schmerz empfunden, daß ein bloßes Mädchen, und ein begeistertes für ihn dazu, und eine Reisegefährtin obendrein, den Dichtergeist nur als zufällige Flamme, wie das St. Elms Feuer, an seinen Masten gefunden, oder nur wie Blumen auf rohem Stamm: so war er seiner Sache gewiß, und Theoda's ledig, und der Brunncnbclustigungen froh, nämlich des allgemeinen Lobes. Die Trompete der Fama bläsct am leichtesten die Mädchen aus dem männlichen Herzen. Er war jetzt im Stande, sich selber zu leben und seine Unsterblichkeit cinznkassircn —; ganz Maulbronn schwamm ihm zu — er konnte (er that's auch) seinen Stock aus Vergessenheit liegen lassen, damit ihn am Bade-Morgen die schöneren Hände hcrumtrugcn und die Herzen dabei glossirtcn. — Er konnte mit wahrem dichterischen Ties- sinn überall lustwandeln und keinen Menschen bemerken, da cs ihm genug war, wenn er bemerkt wurde in seinen Schöpfungen mitten am Hellen Tage. Er konnte sich hundertmal öffentlich vergessen, um eben so oft an sich zu erinnern. — Ohnehin konnte (und mußte) er den Manlbronncr Schauspielern als 149 slügclmännischcr Vor-Souffleur Vorsitzen, und sich in der um- hcrstehcnden Lern-Truppe, wie in einem Spiegelzimmer, vervielfachen. — Dieß alles heilte das Herz; denn es gab Lust und Tumult, worin man eben Lieben so leicht versäumt, als die Christen an Kirchweih-Tagen (Kirmeß) die Frühpredigt. Am meisten aber wurd' er von seiner Passion durch den Absatz heil, den seine Haare bei den Damen fanden. Da er voraus- sah, daß seine Verehrerinnen nach einer Reliquie von ihm so laufen wurden, als das Volk nach dem Lappen eines Gehenkten, wiewol jene für das Bezaubern, und dieses gegen dasselbe: so statt' er absichtlich seine Haar-Schur dem Bade aufgehoben, und daher seinem Bedienten verstattct, sie anzuknndigen und mit seiner Pegasns-Mähnc einen kleinen Schnitthandel anzu- lcgcn. In der That schlug die Spekulazion mit dem Flor von seinen Haarzwiebeln so gut ein, als der holländische mit Blumenzwiebeln; ja eine Gräfin wollte den ganzen Artikel allein an sich bringen zu einer adeligen und genialen Perücke, so versessen war alles auf die Geburten seines fruchtbaren Kopses, cs mochten Gefühle oder Locken sehn. Dieser Handelflor seines Bedienten, wovon ihm selber gerade das Geistigste zuwchte, das Lob, ließ ihn, wie gedacht, Theoda's Verlust männlicher verschmerzen, als er sonst gehofft; indcß ob er ihr gleich seine Krönungen, d. h. seine Tonsuren, nicht am sorgfältigsten zu verhehlen strebte, so warf er, als heiliger Vater der Musen, doch mitten unter seinem Kardinalgefolge, aus angcborncr Gutmüthigkcit, statt der Banustralcu sauste Sou- neublickc von Zeit zu Zeit aus die verlassene Geliebte, um, wie er hoffte, sic dadurch unter ihrer Last wo möglich aufrecht zu erhalten. Hingegen den Hanptmann sah er kaum an — erstlich vor Ingrimm — zweitens weil er ihn nicht sah oder selten. Der gute Meßkünstlcr -- dem sich jetzt das Leben mit einem neuen Flor bezogen hatte, und welchem der Brunnen-Lärm sich zur Trauermusik einer Soldatenlcichc gedämpft — war nirgend zu sehen, als über den unzähligen Druckseblcrn seines mathematischen Kästners, welche er endlich einmal, da er sic bisher immer nur improviflrcnd und im Kopfe nmgcbesscrt, von Band zu Band mit der Feder ausmustertc. So wenig er nun Ursache hatte, da zu bleiben, so wenig halt' er Kraft, fortzn- rcisen. Bracht' er sich selber aus die Folter und ans die peinliche Frage, was ihn denn plage und nage, so fragte er nichts heraus als dieß, es gehe ihm gar zu nahe, daß er ein unschuldiges Francnzimmcrchcn durch seinen mißverstandnen Namen-Wettkampf mit Nicß zu einer Etourdcrie hingclockt, und sie mit Gewalt in die Bußzcllen der Einsamkeit gejagt. „Die Wunden ihres Ehrgefühls, sagt' er sich, müssen sie ja noch heißer schmerzen, als einen Mann die des seinigen; und ich wäre ja ein Hund, wenn-ich nicht alles thäte, was ich könnte, und nicht so weit wegblicbe von ihr, als nur menschenmöglich." Dennoch fuhr er oft mitten aus den kältesten Rechnungen — die ihn eben weniger zerstreuten, weil sic ihn weniger anstrcngten, als einen andern — zähne-knirschend und schmerzen-glühend ans vom Buche (er hatte unbewußt fort- gcrechnct und fortgefühlt) und sagte: „o mein Gott! was ist denn? Dieß hole der Teufel, o Gott!" Ein redlicher Kriegs- und Mcßkünstler von Jüngling, der in seinem Leben nichts Weibliches weiter innig geliebt, als seine Mutter, und welchem bisher das leichte Blut so ungekämmt durch das still-offne Herz geflogen, weiß gar nicht. wie er sich einmal einen ganz andern Gang und Schlag erklären und erleichtern soll; er seufzt, und weiß nicht worüber und wofür. Er möchte sterben und leben, tödtcn und küsse», weinen und lachen; aber er kann doch nicht seine süßglühcnde Hölle anslöschen mit allen Thräncn der ersten Sehnsucht. Wie wohlgemuth und froh hält dagegen ein Mann wie Nieß, der schon öfter den heißen Liebe-Gleicher passirt ist, den bittersten Hcrzen-Harm aus! Ordentlich mit Lust schmilzt er in Thräncn und schnalzt, wie ein lustiger Fisch. Das Gefühl, das bei einem mathematischen Thcndobach eine drückende Perle in der Auster ist, trägt er als eine schmückende außen an sich. Kurz, er gehört zu den Leuten, wovon ich einmal folgendes geträumt. Ich hatte aber vorher gelesen, wie man in Oesterreich die Kompagnien zum Beten so kommandirt: „Stellt euch zum Gebet! — Hergestcllt euch zum Gebet! — Kniet nieder zumHGebet! — Aufvom Gebet!" — Da der Flügelmann alle andächtigen Handgriffe deutlich Vormacht und früher, als die Kompagnie, sein Herz zu Gott erhebt, dankend oder flehend: so kann kein Kerl aus der ganzen so für die Andacht zugestutztcn Kompagnie im Beten stolpern ohne eigne Schuld, und falls einer eine Minute länger, als der Flügelmann, Gott verehrte, so wird er mit Recht vom Offizier zu allen Teufeln verflucht. In meinem Traume aber war von einem nähern Anbeten die Rede, und waren mehr Kommandowörtcr in Gang. Ich war zugleich der Offizier und der Flügelmann — die größte Schönheit Baircuths saß auf dem Kanapee — und ich sagte zu meiner Rotte: „Hergestellt euch zum Aubetcn! — Kniet nieder zum Anbcten! — Sehnet euch! — Hand geküßt! — Seufzer aus- gestoßen! — Thräncn vergossen! — Fallt in Verzweiflung! — Ermannt euch! — Ausgelacht! — Aufgcstandcn!" — Und so 152 Hab' ich und dic Rotte das Roman-Excrzizinm siebenmal in so kurzer Zeit durchgemacht, daß wir fertig waren, eh' ich erwachte. 37. S u m m u l a. Neue Mitarbeiter an allem — Bona's Brief an Theada. Noch immer blieb der Doktor Strykius ungeprügclt — und Thcoda voll Sehnsucht nach Bona, und der Hauptmann unentschlossen zur Reise: als der Landesherr des Badeorts ankam, und mit ihm die Aussicht aus neue scönes ä tiroir, ans neue Spektakclstückc und Szcncnmaler für diese kleine Bühne; besonders dic Aussicht auf dic Erleuchtung der Höhle. „Wird die Höhle erleuchtet, dachte der Doktor, so find' ich vielleicht einen entlegenen finstern Winkel darin, worin ich den Höhlcn-Aufseher (Strykius) vor der Hand mit einem Imbiß der zngedachten Henkermahlzeit bcwirthc; oder mit einem Vorsabbath seines Hcxensabbaths — dergleichen wäre eben wahre Kriegsbefcstignng im juridischen Sinne — ja ein bloßer im Finstern recht gcworfncr Stein wäre wenigstens eine Ouvertüre für seinen nicht offnen Kops. In jedem Falle kann ich bei der Erleuchtung dic Knochen der Höhlenbären, die darin liegen sollen, besser suchen und holen; der Kerl bleibt mir ja immer." Wirklich wurde dic Erleuchtung der Höhle, gleichsam die einer unterirdischen Pctersknppcl, auf den nächsten Sonntag angekündigt. Für Thcoda nahte das mütterliche Todtcnfcst: „weiter wollt' ich ja hier nichts mehr," sagte sic. 153 Vormittags am sehnlich erwarteten Sonntag langte aus Pira zn Fuße der schweiß-bleiche Zoller und Umgcldcr Mehlborn mit einem Gevatter-Brief an den Doktor an. Glaubwürdige Zeugnisse hat man zwar nicht in Händen, womit unumstößlich zu beweisen wäre, daß Katzenberger auf seinem Gesichte über diese Freudenbotschaft bcsondcrn Jubel, außerordentliche Erntetänze oder Frcudenfeuer, mit Frcudenthräncn vermischt, habe sehen lassen; aber so viel weiß man zu seiner Ehre desto gewisser, daß er sich im höchsten Grade anstrengte (er beruft sich ans jeden, der ihn gesehen), starke Freude zn äußern, nur daß cs ihm so leicht nicht wurde, ans die Schwefelpaste seines Gesichts die leichten Röthelzeichnungen eines matten Freudcnroths hinzuwerfen; besonders wenn man bedenkt, daß er aus seinem Janus-Gesicht zwei einander deckende Gefühle zu beherbergen hatte, Lust und Unlust. Kurz, erbracht' cs bald dahin, daß er, da er anfangs so verblüfft umhcrsah, wie ein Hamster, den ein schwüler Hornung vorzeitig aus dem Winterschlaf reißt, dann lebendig ansblickte und aufsprang. Gegen den gutmüthigen Mehlhorn war aber auch Härte so leicht nicht anwendbar; er stand da mit dem weißen Vollgesicht, so lauter Nachgeben, lauter Hochachtcn und Hoffen und Vatcrfrohlockcn! Wenigstens der Teufel hätte ihn geschont. Da ohnehin an kein Abschrecken vom Gevatterbittcn mehr zn denken war: so überschüttete ihn der Doktor mit allem, was er Bestes, nämlich Geistiges, hatte, mit Herzens-Liebe, Hochachtung, innern Frcudcnregungcn und dergleichen verschwenderisch, gleichsam mit einem Pathcngeschenk edlerer Art, um nur an schlechte, massive Gaben gar nicht zu denken. Sein Herz fühlte sich weit seliger dabei, wenn er eine ge- 154 liebte Hand recht herzlich drücken und schütteln durste, als sie füllen mußte. Da ihm bei jeder Geburt Mißgeburten in den Kopf kamen — solche hätt' er mit Jubel ans der Taufe gehoben und beschenkt mit seinem Namen Amandus — so warf er, bei der Möglichkeit wenigstens einiger wissenschaftlichen Mißbildung, nur wie verloren die Frage hin: „Der Junge ist wol höchst regelmäßig gebaut?" „Hr. Doktor, versetzte der Zoller, wahrlich wir alle können Gott nicht genug dafür danken; er ist aber, wie die Wchmutter sagt, wie ans dem Ei geschalt für sein Alter." „Ans dem Leuwcnhockischen Ei, für sein Alter von nenn Monaten, versetzte er etwas verdrießlich, was? -— Verstcigcn Sic sich doch um Gottes Willen nicht mit einem Anachronismus in die Physiologie!" — „Gott, nein, fuhr Mchlhorn fort, und die Wöchnerin ist gottlob so frisch, wie ich selber." — „Ja, das ist sic, Gott sei Dank!" rief Theoda, nach der Lesung des Briefchens von Bona, in das wir alle auch hinein sehen wollen, Und stürzte vor Freude dem Zoller an den Hals, der mühsam einen dicken Shawl unter der Umhalsung aus der Tasche herausarbcitcte, um ihn zu übergeben. „Noch heute, sagte sie, geh' ich zu Fuße mit Ihnen, und laufe die ganze Nacht durch, denn sie verlangt mich, und nichts soll mich abhaltcn." Bona hatte sie allerdings zum Schutzengel, weniger ihrer Person, als des Haushaltens an- gcrufen, aber eigentlich nur, um selber Theoda's Engel zu seyn, deren unglückliche Lage, wo nicht gar unglückliche Liebe, sie nach ihren letzten Tageblättern zu kennen glaubte, und zu mildern vorhatte. Allein Mchlhorn konnte sein Ja und seine Freude über 155 die schnelle Abreise nicht stark genug ausdrücken, sondern blos zn schwach; denn da der Mann einen Tag und eine Nacht lang mit seinem Gevatter-Evangelium ans den Beinen gewesen: so sehnte er sich herzlich, in der nächsten, statt aus den Beinen, nur halb so lange auf dem Rücken zn sehn im Bette. Der Vater sagte, er stemme sich nicht dagegen, gegen Theoda's Abreise; überall lass' er ihr Freiheit. Er sah zwar leicht voraus, daß sie der Umgeldcr, als galanter Herr, unterwegs kostfrei halten würde; aber solchen elenden Geld-Rücksichten hätt' er um keinen Preis die Freiheit und die Freilassung einer volljährigen Tochter geopfert. Dazu kam, daß er sich öffentlich seines Gevatters schämte; der Zoller war nämlich in der gelehrten Welt weder als großer Arzt, noch sonst als großer Mann bekannt. Was er wirklich verstand — das Zollwesen — hatte Katzenberger ihm längst abgehört; aber der Doktor gehörte eben unter die Menschen, welche so lange lieben, als sie lernen — was die armen Opfer so wenig begreifen, welche nie vergessen können, daß sie einmal von dem Uebermächtigcn geachtet worden. — Katzenbcrgers Herz war in dieser Rücksicht vielleicht das Herz manches Genies; wenigstens so etwas von moralilchem Lcerdarm. Bekanntlich wird dieser immer in Leichen leer gefunden — nicht weil er weniger voll wird, sondern weil er schneller verdaut und fortschafft; — und so gibt's Leer-Herzen, welche nichts haben, blos weil sie nichts behalten, sondern alles zersetzt wcitertrciben. Aber schnell nach der Einwilligung des Doktors erkannte die vorher freudenberauschte Thcoda die nähern Umstände der Zeit. Hier fiel ihr Licht auf ihren unbesonnenen Antrag, den Gevatter todt zn gehen. Sie nahm ihn erschrocken zn- 156 rück, und schlug ihm sofort den schönem und Hellern Gang vor, den in die Abends erleuchtete Höhle. Aber um sich für ihr Entsagen zu belohnen, las sie den folgenden Brief der Kindbetterin wieder und ruhiger: „Herz! Ich darf Dir nicht viel antworten auf alle Deine gelehrten Briese. Ich bin diese Nacht niedergckommen, und zwar mit einem herrlichen, großen Jungen, der wie das Leben selber anssicht; und ich ärgere mich nur, daß ich ihn nicht gleich an die Brust legen darf, meinen schreienden Amandus; auch ich bin nicht sonderlich schwach, ob mir gleich der Physikns Brics- schrcibcn und Aufstehcn bei Seligkeit verboten. Du hast. Du Leichte, Dein dickes Halstuch, das Du durchaus in der Abcnd- kälte nicht cntrathcn kannst, bei mir liegen lassen, Du Leichtsinnige, und mein einfältiger Mchlhorn konnte cs in allen Kommoden nicht heraus finden, bis ich endlich selber aufstand, und es erst nach einer Stunde ausstöbertc, weil der Mensch den Shawl für einen Mantel oder so etwas angesehen, und unter die andern Sachen hinein gewühlt hatte. Zur Strafe muß er Dir in der Rocktasche das bauschende Ding hintra- gcn. Aber wie ich lese, bist Du ja um und um mit lauter Fallgruben von Mannsleuten umgeben. O, komme doch recht bald nach Pira und Pflege mich, und wir wollen darüber recht ordentlich reden, denn ich kann die Feder nicht führen, wie etwa Du. Deinen Nieß könnt' ich keine Stunde leiden; der Hauptmann wäre mehr mein Mann. So einen mußt Du einmal haben, einen Vernünftigen und Gesetzten, keinen Phantasten, denn ich wundere mich oft, wie Du bei Deinem Verstände und Witze, wo wir Weiber alle dumm vor Dir stehen, doch so närrisch und unüberlegt handeln, und Dir oft gar nicht sogleich Helsen kannst, aber doch andern die herrlichsten 157 Rathschläge crtheilst. Hätte ich Deine Feder, nnd wäre so rit' wie Du, ich wollte mich in der Welt ganz anders stehen. Jedoch bin ich herzlich zufrieden mit meinem Mehlhorn, da cr's mit mir auch ist in unsrer ganzen Ehe, weil er einsieht, daß ich die HauSsachcn und Weltsachen so gut verstehe, wie er sein Zollwesen. Nur bitte ich Dich inständig, mein Herz, lasse ja niemal zu, daß ihm Dein Hr. Vater etwa aus Höflichkeit viel mit Wein zuspricht; Mehlhorns schwacher Kops verträgt auch den allcrschlechtestcn Krätzer nicht, den ihm etwa Dein Hr. Vater vorsetzen möchte; sondern er spricht darauf ordentlich kurios-stolz, nnd sogar, so sehr er mich auch lieb hat, gegen mein Hansrcgimcnt, was Dir gewiß nicht lieb über Deine alte Freundin zu hören wäre. — Und Dich, wilde Fliege selber, beschwör' ich hier ordentlich, gieße im Bade vor so vielen Leuten nicht Dein altes Theelöffelchcn voll Arrack in Deinen Thec; denn Du hältst immer den Löffel zu lange über der Tasse, nnd gießest fort zu, wenn cs schon übcr- läuft, nnd dann nbcrlänst es bei Dir auch, wenn Du diese Wirthschaft trinkst. Thu' cs ja nur bei mir, nur nicht dort. — Nun so komme nur recht schleunig zu Deiner Bon a. Schreibe mir's wenigstens, im Falle Du nicht kannst. Deine Tanzschuhe hast Du auch stehen lassen, nnd er hat sie mit eingesteckt." — So weit der Brief. Was nun den zu Gevatter gebetenen Aatzenbcrgcr anlangt, so besaß er zu viel Ehrgefühl und Geld, als daß er sich nicht hätte verpflichtet fühlen sollen, seinen Gevatter au der öffentlichen Wirthstascl mit schlechtem Tisch-Krätzer zu 158 erfreuen, und ihn eine glänzende Tafel voll Blasmusik abgra- scn zu lassen, wo, außer Grasen und Herren, der Völkcrhirt selber saß; so wurde denn ein erster Tisch-,oder Fechter-Gang verabredet und angetretcn, wohin, denk' ich, alles, was in der künftigen Nachwelt Anspruch ans höhere Bildung macht, uns ohne Weiteres, wenn auch in bedeutender Ferne (nämlich von Zeit), ohnehin Nachfolgen wird. Oi-, Katzenbergers egeschicht Dritte AIthcilung. 7 - 38. S u m m u l a. s> Wie Katzcnberger seinen Gevatter und andere traktirt. ^uch Theoda begab sich wieder an die öffentliche Tafel, nämlich znm letztenmalc nnd an dem Arme des Zollers, der, ganz stolz auf die Ehre einer so vornehmen Nachbarschaft, nnd auf den Schein, weniger der Gast des Vaters, als der Wirth der Tochter zu seyn, sie an ihren Sessel geleitete. Es ist zweifelhaft, ob ihr Entschluß der öffentlichen Erscheinung blos von ihrer Gevatter-Freude hcrkam, oder von ihrer Achtung gegen Mchlhorn, der, ohne ihre Nachbarschaft, nur eine sehr kalte an der väterlichen finden konnte; — oder vom Gedanken der Abreise, und vom Aufwachen ihres alten Stolzes — oder (wer könnt' es wissen) vom Wunsche, an der Tafel einen Fürsten zum erstcnmale zu erblicken, oder gar den Hauptmann Thcudobach zum letztenmalc, oder von der Aussicht in die Abends aufleuchtende Eden-Grotte; — oder ans unbekannten Ursachen; sehr zweifelhaft, sag' ich, ist cs, ans welcher von so vielen Ursachen ihre Umänderung entsprang, nnd mein Beweis ist der, daß es wahrscheinlich ist, alle diese Gründe zusammen — sammt allen unbekannten — haben mitgewirkt. Jean Paul'« ausgew. Werke. X V. < , 162 Thcoda sollte diesmal immer froher werden; noch vor dem Essen sah sie ihren Vater über 100 Vaterunser lang vom Fürsten gehalten und gehört. Der Fürst hörte, wie andere Fürsten, Gelehrte aller Art säst noch lieber und noch länger, als er sic laS; vollends einen, der, wie Katzenbcrgcr, nicht sein Landcskind, seine Landcsplagc, oder sonst von ihm abhängig war; er befragte ihn besonders über die Heilkräfte des Brunnens. Der Doktor setzte fic sehr hoch hinauf und sagte, er habe ein kleines chemisches Traktätchen in der Tasche, worin er dargcthan, der Maulbronncr Brunnen vereinige, als Schwefel-Wasser, alle Kräfte des Aachncr, des Zayscnhanser im Würtembergischcn und des Wildbads zu Abach, wie schon das häßliche Stinken nach faulen Eiern verspreche. Hier wollt' er das Traktätchen ans der Tasche ziehen, brachte aber dafür einen langen Bärcnkinnbackcn mit Zähnen halb heraus, den er in der Bärenhöhle schon ohne Hülfe der Jllnminazion aufgefnnden und zu sich gesteckt. „Ei, wie böse! sagt' er; Hab' ich die Untersuchung doch zu Hause gelassen. Aber ich habe immer die Taschen voll anatomischer Präparate!" — Der Fürst, leicht den verpönten Knochcndicbstahl und willkürlichen Knochenfraß wahrnchmend, ging lächelnd darüber mit der Bitte hinweg, ihm den Traktat zu senden; und that die Frage, ob cs ihm im Bade gefalle. — „Ungemein, versetzte er, ob ich cs gleich nicht selber gebrauche; aber für einen Arzt ist schon der Anblick so vieler Prcßhasten mit ihrer unterhaltenden Mannigfaltigkeit von Beschwerden, die alle ihre eigne Diagnose verlangen und alle verschieden zu heben sind, eine Art Brunnenbelustigung, gleichsam eine volle Flora von Welkenden. Der ordentliche Brunncnarzt freut sich hier, wie ein Lumpensammler, wenn recht viel zerrissen ist; es gibt 163 dann, unter dem Lumpcuhackcr, viel verklärtes feines Post- papicr in die andere Welt zu liefern, und der Badeort ist ein schöner Vorhof zum Kirchhof." Den Fürsten wunderte und erfreute am Arzte sehr die Satire auf den eigenen Stand und er lächelte; allein er bedachte nicht, daß eigentlich jeder am meisten über seinen, als den ihm bekanntesten, der Hofmann über den Hof, der Autor über das Schriftstcllcrwesen, ja der Fürst über seines Gleichen Spott ausgicßt, nur ihn aber andern nicht gern erlaubt. — „Rathen Sie mir doch, Herr Professor, fragte der Fürst, welche Mozion ist die beste?" — „Gehen, Durchlaucht, als die rechte Mitte zwischen Reiten und zwischen Fahren," antwortete Katzcnbergcr. „Aber ich gehe täglich, und cs hilft nur wenig," versetzte der dickleibige Regent. „Wahrscheinlich darum, sagte der Doktor, weil Höchstdcrosclben vielleicht nur mit den Füßen gehen; was zum Theil seine Nachtheilc hat — (der Fürst sah ihn fragend an) denn auch mit den Händen muß zu selber Zeit.gegangen und sich bewegt werden, da wir Sängthicre, in Rücksicht des Körpers, ja Vierfüßer sind, wie Moskati sehr gut, nur mit Ucbcrtrcibungen, bewiesen." — Er setzte nun die Sache mehr ins Licht und zeigte: „Das Venenblut steige ohnehin schwer die Füße heraus, häufe sich aber noch mehr in ihnen an, wenn man sic allein in Bewegung und Reizung setze; und dann sei für den ganzen übrigen Blutnmlaus nur schlecht gesorgt. *) Daher müssen durchaus die Obcrsüße oder *) Dasselbe bemerkt Puchclt im köstlichen Werke „über das Ve- nensystcm in seinen krankhaften Verhältnissen;" ein Werk, worin der Gang des Untersnchens den Verfasser so auszeichnet, als der Gewinn durch dasselbe. 11 * 164 -Arme als Mitarbeiter — wenigstens von hohen Personen, die mit ihnen nicht am Sägebocke, oder hinter dem Garnwebcr- stuhl, oder auf der Drechselbank handthiercn wollen — gleich stark mit den Untcrfüßcn auf und ab geschleudert werden, zumal da schon nach Haller, in seiner Physiologie, das einfache Aufheben eines Armes den Puls um viele Schläge verstärke." Und hier machte der Doktor dem Fürsten den offizinellcn Gang mit gehenden Perpcndikclarmcn so geschickt vor, daß er, wie ein trabendes Pferd, Ober- und Unterbcine in entgegengesetzter Richtung vorwärts und hinterwärts schlug;— und die ganze Badgcscllschast sah von Fernen den unbegreiflichen und unchrcrbietigen Schwenkungen des Doktors vor dem Fürsten zu. „In der That, sagte der Fürst lächelnd, dich muß man versuchen, wenn auch nicht in großer Gesellschaft." — „Dann, fuhr der Doktor fort, kann man noch mehr thun. Da eigentlich das Säuern oder Entkohlen des Bluts das Ziel alles Lustwandelns ist: so halt' ich auf Spaziergängen meinen Mund außerordentlich weit aufgcspcrrt, um so die Lust strom- weise in meine Lungen cinzuschütten zum Oxydircn. Ja, ich darf Ihrer Durchlaucht Vorschlägen, daß Sie in Zeiten, wo das Wetter nicht zum Gehen ist, dafür das Reden recht gut wählen können, weil dieses das Blut herrlich säuert durch das schnellere Einathmen der Lebenslust, und das Ausathmcn der Stickluft. Daher erkranken - wir Professoren häufig in den Ferien durch Aussehen der Vorlesungen, mit welchen wir uns zu säuern und zu entkohlen pflegen. Auch der treffliche, in unfern Zeiten zu wenig erwähnte Unzer, Jhro Durchlaucht, bemerkt im achtzigsten Stücke seines Arztes ganz wahr, daß den Verrückten das unaufhörliche Sprechen und Singen die Mozion ersetze." — Da nahm endlich der Fürst von dem berühmten Gelehrten — der seinen Bückling mehr nur mit dem innern Menschen machen konnte, obwol nur vor einem van Errieten, Sydenham, Haller, Swift — mit größerer Höflichkeit Abschied, als Katzcnberger vcrhältnißmäßig erwie- dcrte, ja mit zn großer fast. Warum aber? vielleicht weil überhaupt Fürsten gern dem fremden Gelehrten am höflichsten begegnen — weil ihre Höflichkeit sic noch nichts kostet — weil sic ihn erst angeln wollen — weil ein von innen aus Frcigcmachter bei ihnen unter die Freiherren und Freifrauen tritt, d. h. unter ihres Gleichen — weil die Sache ohne Folgen (gute ausgenommen) ist — weil die Fürsten gern alles thun, aber nur Einmal, auch das Beste — weil die ganze Sache kurz abgcthan, und lang abgcsprochcn wird — weil sie einmal in Erstaunen ihrer Herablassung setzen wollen, welches bei Unterthanen sie zn viel kosten würde >— weil sic vom Manne später an der Tafel etwas sagen wollen, und ihn also vorher etwas sagen lassen müssen — und weil sic eben dasselbe ohne alle Gründe thäten, um so mehr, da sie den besagten Mann schon halb vergessen, wenn er noch da steht, und sich nach Jahren nicht gut mehr erinnern, wer der Mensch gewesen — und endlich, weil es doch beim Himmel auch Fürsten gibt, welche, wie Friedrich II., die schönste Ausnahme machen, und einen Gelehrten noch höher würdigen, als ein Gelehrter. Jndcß auch einheimische Schriftsteller könnten die Sache benützen, und sich vor solchen von ihren Fürsten, die auf ihnen, wie Sultane aus verschnittenen nieder gebückten Zwergen, sich in den Sattel schwingen wollen, geradezu als Tanzbären ausrichtcn und aus die Hinterfüße treten. Um so unbegreiflicher bleibt cs darum, daß bisher die Acrzte und die 166 Rechtsgelehrten gegen die höher» Stände nicht zehnmal gröber ausfallen, als sie thnn, nnd nicht so grob, als die Virtuosen der Zeichen-, der Ton-, der Schan- nnd der Tanzkunst längst gethan; denn ohne jene, die ja erst Lang-Leben und Wohlleben verschaffen, sind alle Springer und Geiger unbrauchbar, indem alle Philosophen darüber einig sind, daß man, um wohl zu leben, zuvörderst leben müsse. Doch sprech' ich jenen nicht alle Grobheit ab, sondern nur den größten Grad. Etwas anders sind Dichter, Weltwcise nnd Moralisten, ja Prediger (in unser» Tagen), diese können nie höflich genug sehn, weil sic nie unentbehrlich genug sind. Endlich setzte sich der Doktor mit dem Glanze, den er als ein Lichtmagnet an sich gezogen vom Fürsten-Sterne, kalt zu seinem Mehlhorn und seiner Tochter. Der Umgcldcr hätte beinahe den Hunger verloren vor Anbetung des Fürsten und vor Bewunderung Katzenbergers, der so leicht mit jenem diskurirt hatte. Unter dem Essen lenkte der Doktor die Rede ausS Essen und merkte an, er wundre sich über nichts mehr, als daß man bei der Seltenheit von Kadavern und vollends von lebendigen Zergliederungen, so wenig den sür die Wissenschaft benutze, in dem man selber stecke, besonders im Sommer, wo todte faulen. „War' cs Ihnen zuwider, » Hr. Mehlhorn, wenn ich jetzt z. B. den Genuß der Speisen zugleich mit einem Genüsse von anatomischen Wahrheiten oder Seclcnspeiscn begleitete?" „Mit tausend Wohlgefallen, thcucr- ster Hr. Doktor, sagt' er, sobald ich nur kapabel bin, Ihrer gelehrten Zunge zu folgen." — „Sie brauchen blos zu meinem Sprechen zu käucn; nämlich blos von der Käufunkzion will ich Ihnen einen kleinen wissenschaftlichen Abriß geben, den Sic auf der Stelle gegen Ihre eigne, als gegen lebendi- 167 gcs Urbild, halten sollen. — Nun gut! — Sic kauen jetzt; wissen Sie aber, daß die Hebelgattnng, nach welcher die Kaumuskeln Ihre beiden Kiefern bewegen (eigentlich nur den untern), durchaus die schlechteste ist, nämlich die sogenannte dritte, d. h. die Last oder der Bolus ist in der größten Entfernung vom Richtpunkte des Hebels; daher können Sie mit Ihren Hundzähncn keine Nuß anfbeißcn, obwol mit den Wcishcit- zähnen. Aber weiter! Indem Sie nun den Farsch da ans Ihrem Teller erblicken: so bekommt (bemerken Sic sich jetzt) die Parotis (hier ungefähr liegend), so wie auch die Speicheldrüse des Unterkiefers, Erekzioncn, und endlich gießt sie durch den stcnonischcn Gang dem Farschc den nöthigcn Speichel zu, dessen Schaum Sic, wie jeder andere, blos den ausdehnenden Lnstarten verdanken. Ich bitte Sie, lieber Zoller, fortzukänen, denn nun fließet noch ans dem cluctus nnsnlis und aus den Thräncndrnscu alles nach, woraus Sie Hoffnung schöpfen, so viel zu verdauen, als Sic hier verzehren. Nach diesem Seedicnst kommt der Landdicnst." — Hier lachte der Zoller über die Maßen, theils um höflich zu erscheinen, theils das Mißbehagen zu verhehlen, womit er unter diesem Privatissimum vom Lehr - Kursus alles verschlang; — gleichwol mußt' er fortfahren, zu genießen. — „Ich meine unter dem Landdicnst dicß: jetzt greift Ihr Trompetermuskel ein und treibt den Farsch unter die Zähne — Ihre Zunge und Ihre Backen stehen ihm bei, und wenden und schaufeln hin und her -— Ansbeugen kann der Farsch unmöglich — auswandern eben so wenig, weil Sie ihn mit zwei häutigen Klappen (Wangen im gemeinen Leben) und noch mit dem Riugmnskel oder Sphinkter des Mundes (dieß ist nur Ihr erster Sphinkter, nicht Ihr letzter, damit korrcspondi- 168 render, was sich hier nicht weiter zeigen läßt) auf das Schärfste inhastiren und einklammcrn — kurz, der Farsch wird trefflich zu einem sogenannten Bissen, wie ich sehe, zugehobelt und eingefeuchtet. — Nun haben Sie nichts weiter zu thun, (und ich bitte Sie um diese Gefälligkeit) als den fertigen Bolus in die Rachenhöhle, in den Schlundkops abzuführen. Hier aber hört die Allmacht Ihres Geistes, mein Umgeldcr, gleichsam an einem Gränzkordon auf, und es kommt nun nicht mehr auf jenes eben so unerklärliche, als erhabne Vermögen der Freiheit (unser Unterschied von den Thieren) an, ob Sie den Farsch-Bissen hinunter schlucken wollen, oder nicht (den Sie noch vor wenigen Sekunden ans den Teller speien konnten), sondern Sie müssen, an die Sperrkette oder Trense Ihres Schlundes geheftet, ihn nun hinabschlingcn. Jetzt kommt es auf meine gütige Zuhörerschaft an, ob wir Len Bissen des Hrn. Zollers begleiten wollen auf seinen ersten Wegen, bis wir weiter kommen." — Mehlhorn, dem der Farsch so schmeckte wie Tcufelsdreck, versetzte: „wie gern er seines Parts dergleichen vernehme, brauch' er wol nicht zu beschwören; aber ans ihn allein komm' es freilich nicht an." „Ich darf denn fortfahrcn?" sagte der Doktor. „Vortrefflicher Herr, versetzte eine ältliche Dame, Ihr Diskurs ist gewiß über alles gelehrt, aber unter dem Essen macht er wie desperat." — „Und dieß ist, erwiederte er, auch leicht zu erklären; denn ich gestehe, daß ich selber unter allen Empfindungen keine kenne, die stärker, aber auch grundloser ist, und die weniger Vernunft annimmt, als der Ekel thut. Nur zwei Beispiele statt tausend! Ich hielt mir im vorigen Herbste ein Paar lebendige Schnepfen, die ich mit unsäglicher Mühe zahm gemacht, thcils um sie zu beobachten. 169 theils um sic auszustopftn und zu skelctiren. Da ich nun meinen Gästen gern Ausgesuchtes Vorsitze: so bot ich einigen Leckermäulern darunter Schnepfcndrcck, wie gewöhnlich mit Butter aus Semmelscheibcn geröstet, au, und zwar so wie ihn täglich meine beiden Schnepfen unmittelbar lieferten. Aber ich darf Sic als ehrlicher Mann versichern, meine Gnädige, auch kein einziger bezeigte statt einiger Lust etwas anders, als ordentlichen Abscheu vor dem Vorgesetzten Dreck; und weshalb eigentlich? — Blos deshalb — nun komm' ich auf unfern Punkt — weil das Schncpscugedärm nicht mit aus die Scmmclschcibcu gestrichen war, und die 6o»rinanc>8 nur bloßen Netto- und keinen Bruttodreck vor sich erblickten. Ich bitte aber hier jeden vernünftigen Man, zu nrthcilen, ob ich meine Sumpfvögel — da sie ganz die Kost erhielten (Ncgcnwnrmer, Schnecken und Kräuter), ans der Schnepfen von jeher dem Liebhaber wieder eine Kost aus den ersten Wegen znge- führt — ob ich, sag' ich, solche ctwan abschlachtcn sollte (wie jener seine Henne, die ihm täglich goldne Eier legte), um gleichsam die Lcgedärme auszutischen. — ES kommt mir vor, als ob solche Liebhaber die nußbraunen Locken der schönen Damen am Tische nicht anders nach ihrem Geschmacke finden könnten, als noch in Papillotten eingemacht. Man denke doch an den Dalai Lama, der seine Verehrer, die größten Fürsten und Gläubige, auch täglich mit seinen eignen Schnepfcn- Ncliquien beschenkt; aber keinem darunter ist cs noch eingefallen, diesen asiatischen Papst wie eine Schnepfe zu schießen oder zu würgen, um ihn in Bausch und Bogen zu haben, sondern man ist zufrieden mit dem, was er geben kann. Dieß ist das eine Beispiel vom Unsinne des Ekels; aber das stärkere kommt. Wein, Bier, Likör, Brühe, kurz. 170 nichts ist uns so rein, so einheimisch und so zngcartet, und bleibt so gern Tage lang (was nichts Fremdes kann) in nn- scrm Munde, als etwas, wovon der Besitzer, wenn es heraus wäre, keine halbe Theetasse trinken könnte — Speichel. Ist aber dich kein wahrer Unsinn, so wär's auch keiner, sondern vernünftig, wenn ich meinen trefflichen Hrn. Kollegen Stry- kius verabscheute aus Ekel, blos weil er, obwol mir in Wissenschaft und Streben so verwandt, und durch Freundschaft gewissermaßen ein Theil meines Innern, außer mir stände neben meinem Stuhle." Daneben war wirklich der Brunncnarzt StrykiuS im Muthe des Wein-Nachtisches getreten. Ucber des Doktors Mnth und Glück bei dem Fürsten, und besonders über das Armwcrfcn des einen und über das Anlächeln des andern, könnt' er kaum zu sich kommen; denn er selber lag, kaum von einem Fürstcnfingcr berührt, wie manche Raupen, gebogen und steif da, oder fiel, wie eine Hängspinne, am Faden nieder auf den Boden; und er würde als Geburthclfer eines Kronprinzen unter den fürstlichen Wehen höchstens gesagt haben: wollen Ihre Durchlaucht nicht die hohe Gnade haben, cinzutrcten in die Geburt, und das Licht der Welt erblicken? Auch wollte er seinem Landcshcrru von weitem seine innigen Verständnisse mit einem so gelehrten Manne vorzcigen. Aber Katzcnberger ließ ihn seinen Schein und sein Annähcrn ziemlich bezahlen; denn er kam auf einem schwachen, nicht sehr maskirten Umweg ans seinen Rezensenten zurück. — (Der Umweg war blos die Einschränkung des vorigen Satzes über den Abscheu, nämlich die Bemerkung, daß ihn allerdings sein Kunstrichter, obwol Handwcrkgcnoß, aneklc.) — Er sprach davon, was wir leider so oft in diesem Merkchen gelesen, von der Sünde, Eine 171 Stimme für mehre, für drei Instanzen zu verkaufen, Einen Geschworncn Meineidigen für eine Einen Judas für elf Apostel. Er brachte dann wieder — was wir alle leider so oft von ihm gehört, so daß ich die Leser fast noch mehr bc- daurc als mich — die alten kalten Einkleidungen seines künftigen Ausprügelns zu Markte, und äußerte (denn ich führe nicht alles an), ihn quäle sehr die Wahl, wie er's zu halten habe, da er von der einen Seite recht gut dem Kunstlichter blos die Haare ansziehen könne, weil, nach Aretäus, schon bloßes Abscheeren Wahnsinn heile (wie an den Titnsköpsen der Revoluzion noch zu sehen), aber da er auch von der andern Seite noch stärker zu Werke gehen und den Kerl, wie Bierflaschen, durch Schrot reinigen könne, welcher Schrot, freilich anders als bei der Flasche, blos durch einen Schuß in ihn zu bringen wäre, wicwol man bei Blei des Feindes Gesundheit stets risquire, weil dasselbe stets vergifte, cs fließe nun langsam und süß in Wein aufgelöst in den Magen, oder es fahre im Ganzen roh durch den Magen und Leib. „Lon! versetzte Strykius und verstand Spaß. — Wer Leben wieder gibt, kann es auch zurücknehmen, und Sie können ermorden, weil Sie oft genug gehcilct haben. Doch Scherz bei Seite! -— Ich habe, guter Katzenberger, Ihre köstlichen Werke erst nach den Rezensionen gelesen"- — „Ganz natürlich!" unterbrach der Doktor... „Und ich habe etwas darin gefunden, was ich noch von Niemand gehört, daß Sie nämlich einem berühmten Engländer auss Haar gleichen," fuhr Strykius fort. „Wem auss Haar?" fragt' er. „Dem wackern Doktor und komnncier Linollet in London. Weniger in Wissenschaft — denn hier weiß ich nicht 172 genau, ob Smollet besondere Vorzüge besessen — als im Humor; wie Herr Doktor?" — „Prügelszcnen, versetzte der, hat er allerdings einladend dargestcllt, und in so sern dürft' ich etwas von ihm haben, wicwol nicht in theoretischer Darstellung, sondern etwan in praktischer; denn ich sragc Sie als Unbefangenen ernstlich, ob es eine größere Halunkerci gibt, als mit sieben Stimmen aus drei Zcrberus-Kchl-Köpsen"- „Wir kennen dieß, Freund. Vielleicht haben wir beide etwas getrunken; wenigstens ich! sagte Stryk; Sie bleiben 8moIItzt»8 8ecunclu8. Aber zum Zeichen, wie mich auch das Kleinste an Ihnen intercssirt, sag' ich Ihnen ganz leise ins Ohr: Ihre linke Beinkleiderschnallc ist eine stählerne, und die rechte ist bronzen. Sie verzeihen doch, mein Trefflicher, einem Kollegen, der sich gleichfalls nicht von gelehrten Zerstreuungen für frei erklärt, diese freimüthige Bemerkung, die ich wahrhaftig blos wegen einiger Augen und Blicke der erbärmlichsten Gemeinheit gemacht." — „Schon vor Jahren, versetzte der Doktor, seitdem ich von jedem Paare eine Schnalle verloren, Hab' ich meine Knie ganz absichtlich so cingeschnallt, weil ich mir immer sagte: da jeder nur Eine Schnalle auf einmal bemerken kann und dann eine gleiche voranssetzt: was müßte dieß für ein Narr sehn, der auf beide Schnallen Jagd machte und so ihren Unterschied sich recht einkeilte? Hatt' ich aber wol Unrecht, mein Freund?" — Katzcnbergcr war mit einem unüberwindlichen Haß gegen das Aufwallen knechtischer Herzlichkeit, gegen jenes ekle Ucberflicßcn der Liebe-Dieneret da geplagt, wo er grade Gallcrgicßnngen vorgercizt und erwartet hatte; und hier war er leichter von fremder Süßlichkeit zu erbittern, als von Bitterkeit selber. 173 Da er nun das Scinige gethan, nämlich gesagt, so richtete er die Frage: kommt der Lcibmcdikus Semmelmann doch dem Fürsten nach? mit einer seltsamen Miene an Strykins, welche fast thuu sollte, als wolle sie Erbitterung und Hinterlist verbergen. Strykins starrte Plötzlich in eine ganz neue, aber hübsche Perspektive hinein — glaubte zu wittern, daß der Doktor den Lcibmedikns Scmmclmann für den prügelba- rcn Rezensenten halte — und versetzte: „künftige Woche!" 39. S u m m u l a. Doktors Höhlen-Besuch. Eine Stunde vor Sonnenuntergang war die Hohle mit Lampen erleuchtet. Der Brunnenarzt, zugleich Höhlen-Jn- spektor, hatte einen flüchtigen, aber guten Einfall, als er im engen, langen Eingänge stand. Katzcnbcrgcrs kalte Handhabung seiner, zumal vor den Augen seines Fürsten, hatt' ihn wahrhaft verdrossen; denn gern ließ er sich Herabwürdigung gefallen, aber sein Ehrgefühl litt empfindlich, sobald man sie ihm nicht unter vier Augen anthat. Daher gcricth er auf den Gedanken: jetzt, wenn der Doktor durch die wie ein Spcrr- krcuz lausende Thürc in den engen düster» Gang cintrete und einige Minuten lang vom Taglichte so blind in diese untere Welt komme, als ein ncugcborncr Hund in die obere, ihm auf seine beißigen Antikritiken eine leise anonyme Antwort zu geben. Diese, hoffte er nun, würde erschöpfend seyn, wenn sie seinen Geiz und seine Eeburthelferkunst zugleich angriffe. Aus 174 diesem Grunde legte er sein spanisches Rohr wie eine Lanze gegen die einzige im Gange hängende Lampe ein, und stieß — sobald der blinde Katzcnbergcr unter sie kam und links umhergriff — die ganze Lampe behend auf dessen Achsel und Ermel herab; — daraus, als er ihm Licht und Oel genug in eine, dazu erst noch zn schießende Wunde voraus cingegoffen, trug er die nöthige Wunde nach, indem er sein Rohr, während der Drehkrankheit des Doktors, so geschickt wie einen Stundenhammer aus dessen gcburthelfcrischc Fingerknöchel fallen ließ, als woll' er den Arm von unten rädern. Noch eh' Katzcnbergcr ansgctanzt und ansgerungen hatte, und denken und sehen konnte, stand der Brunncnarzt nach einigen schnellen, weiten, leisen, in Ncbengänge eingcbognen Schritten schon mitten ans dem schimmernden Marktplatz der Höhle in Bereitschaft da, dem unruhigen Freunde mit Gruß und Liebe entgegen zn gehen, und ihn anders als vorher zu empfangen, indem er ihm inbrünstig die hcrabwelkcnde Hand blos drückte. Katzenberger sah ihn scharf an, lächelte unver- sehends und schanete umher, bald auf die Lampen, bald aus seine wunden Fingcrknöchel, und sagte: Herrlich! überraschend! Und alles so Ihrer Hände Werk? Das wol nicht, versetzte Strykius, aber Plan und Ideen gab ich ziemlich her. — „Lereiiissiinus — fuhr Katzenberger fort, und zog seinen hohlen Bärenkinnbacken ans der Tasche — haben neulich, als ich diesen Bärenknochcn zufällig statt meines Traktätchens über das Bad ans der Tasche brachte, den kleinen Raub, so viel ich gemerkt, nicht ungnädig ausgenommen. Ganz gewiß, Hr. Höhlcninspcktor, lassen Sie mich auch wol den zweiten Kinnbacken — hier Hab' ich nur den linken — aus der Höhle mitnehmen, obgleich hier dieser Knochenranb sonst andern ver- 175 boten seyn soll; was entscheiden Sie?" — Sic werden nur lange im Finstern suchen müssen, bis Sie den rechten dazu finden, Herr Professor, sagte Strykius. — „Und so lange will ich auch suchen, antwortete Katzenbcrger, bis ich meinen zweiten Kinnbacken habe. Denn cs ist mir ordentlich (fuhr er fort und schwenkte dm Bärcnkuochcn sehr in die Höhe), als wenn ich ihn als einen Esclkinnbackcn gegen meinen kritischen Philister führen könnte, gegen den Rezensenten, den Sie kennen. — Der Bär ist am Kopf am schwächsten, so auch mein Rezensent, und könnt'ich solchen homöopathisch, Achnliches durch Achnliches kuriren, wenn ich diese Kinnbacken, statt menschlicher, als Sprachwcrkzeuge bewegte, als todte Strcit- flegel gegen einen lebendigen Streitflegcl; wie, mein Bester?" — Dort seh' ich ja wol Ihr Fräulein Tochter Herkommen, versetzte Stryk. 40. S u m m u l a. T h c o d a' s Höhlen - B c such. Spät kam Thcoda mit Mehlhorn, in dessen ehrlichem, warmen Herzen sie sich ordentlich wie zu Hause befand; denn eine schöne Seele kann eine schwache, die blos zum Wieder- töuen geboren ist, so lange genießen, ja mit sich verwechseln, bis sie ein solches Echo auch den Thierstimmen unterthä- nig findet. Thcoda trat mit dem Gedanken an die mütterliche Schlaf- Höhle in den kühlen düstern Gang, und sah anfangs nur Nacht 176 unten und Licht-Sternchen oben — endlich that sich ihr das Schattenreich auf, mit einer schimmernden Stcrncndccke und mit Hügeln, Felsen, Grotten und Höhlen in der Höhle. Alles schien eine Unterwelt zu bedeuten; der Volkstrom, den sie so lange draußen im Taglichte in die Thüre einfluthen sah, schien hier, wie ein Menschengeschlecht in Gräbern, ganz vcrtropft zu seyn; und bald erschien aus den Hügeln da ei» Schatte, bald kam aus den langen Gängen dort einer her. Ihr Herz, das heute so manchen Abschied nahm, und dem das Geklüft immer mehr zum Schlassaale der Todtcn wurde, schlug zuletzt so ernst und beklommen, daß das gutmüthige, heitere Gespräch Mchlhorns sie in ihren Erinnerungen und Phantasien störte; sie wollte allein denken und recht traurig; die ganze Wölbung war nur die größere Eisgrubc des Todes; ein Grubenbau der Vergangenheit, so wie ein Gcbcinhans der Höhlenbären, deren unvcrrückt gelassene Gerippe alle mit den Köpfen an der Wandung lagen, wie zum Ausgange. Sie brachte, obwol mühsam, ihren Begleiter dahin, daß er ihr den Genuß der Einsamkeit znlicß, und selber den sei- nigen mit den größer» Männerschrittcn auf dem durchbrochenen Boden suchte. Jetzt ungestört ging sie unter den andern Lichtschaitcn herum — sie kam vor eine kleine Bcrgschloß-Ruine — dann vor ein Schiefer-Häuschen, blos aus Schiefern voll Schiefer- Abdrücke gemacht — dann tönte aus den entfernten unterirdischen Alpen zuweilen ein Alphorn die Höhlungen hindurch — sie kam an einen Bach, in welchem die unterirdischen Lampen zum zweitcnmale unterirdisch wicderglänztcn — dann au einen kleinen See, worin eine abgcspiegeltc Gestalt gegen den umgekehrten Himmel hinunterhing; cs war die Bildsäule der 177 Fürstin-Mutter, die ihr Sohn dicht neben ihrem Grabe ausgestellt. Theoda eilte zu dem blassen Marmor, wie zu einer stillen Geistcrgestalt, und setzte sich ans das Grab daneben! Sie durfte jetzt alles vergessen, und nur an ihre Mutter denken, und sogar weinen; wer könnt' cs tm Dunkel bemerken? Theudobach kam aus Felscngängen gegen sic daher, dessen schöne Gestalt ihr durch den Zauber des Helldunkels noch höher anfwnchs. Sic erschrak nicht, sondern sah liebreich zu seiner entblößten Stirn empor, auf der das Licht einer unbefleckten Jugend blühte: „er habe sie heute, fing er an, lange gesucht, weil er diesen Abend noch über Pira nach Hause abreisc; denn er könne nicht gehen, bevor er noch einmal sein Betragen entschuldigt und ihre Verzeihung mitgenommen." „Recht gut! sagte sie. Morgen hätten Sie mich ohnehin umsonst gesucht; ich geh' ebenfalls ab; und was das übrige anbctrifft: ich vergebe Ihnen herzlich; Sie vergeben mir, und wir wissen beide nicht recht was: so ist alles vorbei." Dieses brachte sie in einem Tone vor, der sehr leicht und scherzend scyn sollte, eben weil ihre Angen noch in der Wehmuth der vorigen Rührung schwammen. Auf einmal tönte von einem blasenden Musikchorc auf einem fernen Felsen das Lied herüber: Wie sie so sanft ruhn! Heftig fuhr sie vom Grabe aus, und sagte, unbekümmert, daß ihre Thränen nicht mehr zu. halten waren, mit angestrengtem Lächeln: „eine Abschied- Gefälligkeit könnten Sie mir wol erweisen — einen Freund meines Vaters in Ihrem Wagen mitzunchmen bis Pira." — Mit Freuden! sagt' er. „So hol' ich ihn her," versetzte sie und wollte davon eilen; er hielt sie an der Hand fest, blickte sie an, wollte etwas sagen, ließ aber die Hand fahren und rief: „Ach Gott, ich kann Sie nur nicht weinen sehen." Sie Jean Paul'S ausgew. Werte. XV. 12 j78 eilte in einen Felsen-Thalweg hinein, er folgte ihr unwillkürlich nach — da fand er sic mit dem Kopfe an eine Felsenzacke gelehnt; sie winkte ihn weg, und sagte leise: „O laßt mich weinen, es fehlt mir nichts, cs ist nur die dumme Musik." — „Ich höre keine (sagte der Krieger außer sich, und riß sie vom Felsen an sein Herz). -— O du himmlisches, gutes Wesen, bleib' an meiner Brust — ich meine cs redlich, muß ich von dir lassen, so muß ich zu Grunde gehen." Sic schauerte in seinen Armen, das weinende Angesicht hing wie aufgclösct seitwärts herab, die Töne drangen zu heftig ins gespaltene Herz, und seine Worte noch heftiger. „Theoda, jo sagst du nichts zu mir?" — „Ach, antwortete sie, was Hab' ich denn zu sagen?" und bedeckte das erröthende Gesicht mit seiner Brust. — Da war der ewige Bund des Lebens zwischen zwei festen und reinen Herzen geschlossen. Aber sie faßte sich in ihrer Trunkenheit zuerst und nahm seine Hand, um wieder in die weite Mitte des schimmernden Himmclgcwölbcs vor die Zuschauer zu gehen. — Als jetzt dem Musikchorc ein zweites, in tiefe Ferne gelegt, antwortete als ein — so hielten beide Glückliche das leisere Tönen noch für das alte laute, weil die Saiten ihres Herzens darein mitklangcn. Und als Thcoda hcraustrat vor den Glanz des trennenden Gewölbes, wie anders erschien cs ihr nun! Eine Unterwelt lag vor ihr, aber eine elysische; unter der weiten Beleuchtung flimmerten selber die Wasserfälle in den Grotten und die Wasscrsprüngc in den Seen — überall auf dcu Hügeln, in den Gängen wandelten selige Schatten, und auf den fernen Wicderklängen schienen die fernen Gestalten zu schweben — alle Menschen schienen einander wiederzufindeu, und die Töne sprachen das aus, was sie entzückte — das Leben hatte ein weißes Brautkleid ungezogen — wie in einem vom Mondschein glimmenden Abcndthau, und in Lindenduft und Sonnen-Nachröthe schienen der seligen Theoda die weißgekleideten Mädchen zu gehen, und sic liebte sic alle von Herzen — und sic hielt alle Zuschauer für so gut und warm, daß sie öffentlich wie vor einem Altäre hätte dem Geliebten die Hand geben können. — In dieser Minute ließ der Fürst eine heimliche, nach dem Abendhimmel gerichtete Eichenpfortc des Höhlen-Bergs aus- rcißcn, und ließ die Abendsonne wie einen goldncn Blitz durch die ganze Unterwelt schlagen, und mit einer Fcucrsänle durch sic lodern. „Ach Gott, ist denn dieß wahr, sehen Sie cs auch?" sagte Theoda zu ihm, welche glaubte, sie erblicke nur ihr innrcs Entzücken in das äußere Glänzen ansgcbro- chen und ihr Gesichte vorspielend, da gleichsam die goldne Axe des Sonncnwagens in der Nachtwelt ruhte und mit dem Glanz-Morgen, den er ewig mitbringt, die Lichter anslöschte und die Höhen und die Wasser übergoldete — da der ferne Mond-Tempel wie ein Sonnen-Tempel glühte — da die bleiche Bildsäule am See sich in lebendigem Roscnlichtc badete und auseinander blühte — da das angezündete Frnhroth des Lebens an der einsamen Abend-Welt plötzlich einen bevölkerten Lustgarten voll wandelnder Menschen anfdcckte. — Und doch, Theoda, ist dein Jrrthum keiner! Was sind denn Berge und Lichter und Fluren, ohne ein liebendes Herz und ein geliebtes? Nur wir beseelen und cntscclcn den Leib der Welt. Ist ein Garten eine engere Landschaft, so ist die Liebe nur ein verkleinertes All; in jeder Freudenthräne wohnt die große Sonne rund und licht, und in Farben eingefaßt. 180 Lange noch immer war's Theoda'n, als wenn die Stra- len hineinwehetcn und zitterten. Die Sonne senkte sich höher an der seltsamen Klippendcckc hinweg, bis alles mit einem kurzen Nachschimmern entschwand. Während der Finsterniß, ehe drinnen die Lichter wieder, wie draußen die Sterne, auf- gingen, begleitete Thcudobach die Geliebte aus der unvergeßlichen Höhle. 41. S u in nr u l a. Drei Abreisen. Unter dem srischcn, wehenden, lebensfrohen Abcndhimmel fanden beide den Doktor und den Zoller. Theoda erinnerte sich sogleich an Thendobachs Versprechen, dem letzten die langsame Fnßreise abznnehmcn, und berichtete dem Zoller das Anerbieten. Er verbeugte sich häufig, aber der Doktor uahm das Wort: „Du möchtest nur gern, ich merk' cs, recht bald ans Wochenbett deiner Bona kommen, und zum Pathchen. Hältst du aber die Nacht-Strapaze aus?" Sie erschrak ordentlich, denn sie hatte, als sic zuerst die Bitte für Mehlhorn gcthan, daran keinen andern Antheil für sich erwählen können, als den, Tags daraus allein die Fnßreise zu machen. „O Fräulein!" sagte der Hauptmann bittend und plötzlich aufgeheitert, als er eine Minute vorher bewölkt geworden von der Aussicht, daß er, gemäß seinem Versprechen der Abreise und Fracht, eben jetzt, da ihm Sonne, Mond und Sterne über Maulbronn aufgcgangcn, nichts davon vor der Hand wegzu- 181 fahren habe, als den Umgeldcr. Theoda sann einen Augenblick nach, sah ihren Vater an, fragte noch einmal den Zoller: ob ihm ein zweites Nacht-Wachen nicht beschwerlich sei, und gab, da er versetzte; „im Mindesten nicht, da man ihn ja Nachts tagtäglich wecke," leise die Antwort: so wie Sie denn wollen, Vater! Alle waren nun zufrieden mit ihren Perspektiv-Malereien — die Liebenden mit der stcilrechtcn Himmelfahrt, Mehlhorn mit der wagrcchtcn, Katzenberger mit der Aussicht in eine Höllenfahrt zu Strykius, als ein aufcrstandcner Gekreuzigter. Theoda nahm ihren Vater noch bei Seite, und bat ihn mit mehr Ernst als gewöhnlich um einen leichten Gefallen; sie habe, sagte sie, allerdings noch französisches Blut genug, um ihre unerschrockene Mutter uachzuahmeu, die ihr von ihren kühnen Reisen mit Männern erzählt habe, nur aber an diesem Orte, wo die Menge ihre öffentliche Verwechslung des Hauptmanns mit dem Dichter nicht vergessen, wol aber mißdeuten werde, sei cs nöthig, daß er ihre Abreise einige Tage verschweige, und daß sie jetzt zu Fuß ins nächste Dorf vor- ausgehcn dürfe, indeß beide Herren während des tumultuari- schcn Abendessens abreisen könnten, um weniger bemerkt zu seyn.- „Was willst du denn eigentlich? (fragte Katzeubcrgcr) Ich thu's ja." Sie mußte ihm noch kühner die Bitten wiederholen. — „Und weiter nichts? — Wahre Weiber-Schul- füchserei! So laufe nur, denn etwas ist doch daran, an deinem Zartgehör; ich sogar höre ungern mich vcrläumdcn von Rezensenten: geschweige ein Mädchen; empfindliche Ohren sind, bei Mädchen so gut wie bei Pferden, gute Gesundheit-Zeichen. 182 Nur vergiß nicht — setzt' er noch dazu bei ihrem Abschiede — schändlich vor lauter Lieben und Lieben den Vater und dich." — O Vater! sagte sie. — „Ja du ganz besonders (fuhr er fort); oder was gilt denn dir Vaterlicbc, Gesundheit und Wirthschast und Alles gegen deine-— Bona? Sag' es?" Denn nur letzte hatt' er gemeint. So flog sie denn noch seliger aus dem Badeorte hinaus, als in denselben hinein, nachdem sie vorher dem Dichter von Nicß seine falschnamigcn Geschenke zurückgesandt. Jeder gute Mensch, sogar ein böser, der sic einsam, und ihrer Mutter ihr Seelen-Glück mit betenden Thränen zuschreibcnd, auf dem Wege nach dem nächsten Dorfe hätte laufen und sich anstren- gcn sehen, hätte ihr nachgcwünscht: „so werde nur recht glücklich, du furchtloses und schuldloses Mädchen! Es wäre für einen, der dich kennt, zu hart, dich im Unglück und das kalte Messer des Grams in deinem Rosen-Herzen zu sehen. Nein, ihr Liebenden, in dieser nie wieder kommenden Nacht sprecht euch beide selig und heilig, in höherem als römischen Sinn!" Thcudobachs Wagen rollte schon hinter ihr, da sie kaum das Dörfchen erlangt hatte. 42. S u m m u l a. Theoda's kürzeste Nacht der Reise. Warum wollen wir in der schönsten Julius-Nacht nicht lieber zuerst den Paradiesvögeln nachflicgen, und erst später in Maulbronn uns mit Katzcnbcrger und seinem Stiefbruder 183 an die Tafel des Unliebe-Mahls setzen? Wenigstens ich für meine Person fliege mit ihnen; in der nächsten Summe! sind ich und die Leser wieder beisammen im Bad. ES vergehen viele Jahre und viele — Herzen, eh' einmal das Schicksal den Himmel der Liebe wieder so mit einem äußern voll Sterne einbaut und verdoppelt; denn nur im Schlachtgctümmcl der Noth wird meistens der Zaubcrkclch der Liebe schleunig geleert; aber diesmal wollte irgend ein Liebe-Engel, der die Erde regiert, zwei unschuldige Jugend-Herzen mit allem segnen und belohnen, was fich unsre frühen Träume malen. Eine gestirnte duftende Sommernacht hindurch, über welche das Mutter-Auge des Mondes wachte, durften beide, nach dem ersten Feuer-Worte der Liebe, einander fortschcn und forthören. Ihr Begleiter schlummerte anfangs scheinbar aus Höflichkeit, dann wahrhaft aus Nothwendigkeit. Und wie flog das Leben vorbei, und die Bäume und die schlafenden Dörfer, und nur einzelne Töne der Nachtigall zogen ihnen nach und sprachen ihren Seelen nach! Theoda's Herz zitterte, aber freudig, mit dem Boden unter dem aufrollenden Wagen; ihr war immer, als höre sie die Töne der Höhle fort, überall klang die Welt zurück, und cs wurde ihr zuletzt im Rausche der Nacht, als stehe sie wieder mit ihrem Geliebten an der Felsenwand, an der sich ihr Leben entschieden. — Die Dörfer, die Städte, das Erdcngctümmel schwanden hin, und nur die Sterne und die Berge blieben der Liebe. — Die Welt schien ihnen die Ewigkeit, die Sterne gingen nur aus und keine unter. — Endlich stieg der Stern der Liebe wie ein kleiner hellblinkender Mond im Morgen auf, die Morgcnröthe glühte ihnen entgegen und die Sonne zog in die Rosen-Glut hinein. — Hinter ihnen, über den Bergen, wo sie sich gesunden 184 hatten, wölbte sich ein Regenbogen hoch in den Himmel. Und so kamen sie an, eine Seele in die andere gesunken, den Nachtschimmer in den Tag-Glanz ziehend, nnd ihre Blicke waren traumtrunkcn. O Schicksal, warum lassest du so wenige deiner Menschen eine solche Nacht, ach.nur eine Stunde daraus erleben? Sie würden sie nie vergessen, sie würden mit ihr, als mit dem Frühling-Weiß nnd Roth, die Wüsten des Lebens färben — sie würden zwar weinen und schmachten, aber nicht nach Zukunft, sondern nach Vergangenheit — und sie würden, wenn sie stürben, auch sagen: auch ich war in Arkadien! —- Warum muß bloS die Dichtkunst das zeigen, was du versagst, und die armen blütenloscn Menschen erinnern sich nur seliger Träume, nicht seliger Vergangenheiten? Ach Schicksal, dichte doch selber öfter! 43. S u m m u l a. Präliminar-Frieden und Präliminar-Mord und-Todtschlag. Wir kehren vom Nachfluge hinter den unschuldigen Paradiesvögeln zurück, um i^ch einen Abend lang in die Bühne hineinzusehcn, wo freilich kein erster Liebhaber spielt, obwol ein letzter Haßhaber. Katzenberger ist Held und Regisseur zugleich. Gewissermaßen sing' ich in der 43. Summcl, wie Homer den Zorn des Achilles, so Katzcnbergers seinen. Dieser — seit dem tückischen Handschlag in stiller Trauer und Wuth — hatte diesen Abend dazu erlesen, um die Wolf- grubt für seinen Freund mit noch einigen Blütenzweigen mehr zu bedecken, und ihn an dieselbe zu geleiten, um den Jsegrimm,-wenn er unten saß, oben zu empfangen und anzu- redcn mit einem und dem andern Wort. Zufällig mußt' er sich an der Wirthstafcl dem Fürsten nahe setzen, folglich auch dessen Hintersassen und Unedelknaben oder Edelknechte, dem Arzte StrykiuS. Der Doktor pries vor dem Landesherrn stark die Höhle und alles; aber blos um überall auf den Inspektor derselben, auf StrykiuS, schmeichelhafte Lichter zu werfen. Dieser wollte überall den Weihrauch wieder auf ihn zurückblascn; der Doktor versicherte aber, sein Lob sei um so unbestochner, da sie beide oft in ärztlichen Sachen frei auseinander gingen. — Da er absichtlich blos mit der Linken aß: so fragte ihn der Fürst darüber; er antwortete: wie mehre damit gemalt, so esse er noch leichter damit, bis eine schwache Wunde seiner Rechten, die er im Höhlen-Eingänge von einem mit'der Lampe herabfallcnden Stein erhalten, sich geheilt; — und dabei schüttelte er die schlaffe Rechte und sah heiter genug aus. Nur der Brunncnarzt stutzte innerlich darüber hin und her; inzwischen erhob er die Höhle und den Höhlen-Bären, den Doktor, hoch, doch zu hoch; aber er gehörte unter die wenigen Seelen, die von Natur klein sind; mit Seelen ist's nun, wie mit Vergrößcr-Linsen; je kleiner und winziger diese sind, desto breiter und ansgezogener stellen sic den Gegenstand vor. So, je kleiner Herz oder Auge ist, desto größer stellt es das Kleinste dar; — am Großen erliegt das Vergrößerglas;— vielleicht ein Wink für Fürsten, welche gern sich und der Welt groß erscheinen wollen, daß sic sich mehr nach Menschen umschcn, welche klein genug zngcschliffen sind zu bedeutenden Vergrößerungen. 186 Dcr Fürst schlich sich am Ende unter die Bäume — und gar davon; wie die nachzichcndcn Lakaien bewiesen. Katzcn- berger hätte nun endlich die Freude haben können, seinen Strykins ganz allein zu genießen, und die Frucht abzuscha- lcn; aber die alte widerwärtige Landedcldamc, die schon früher über seine medizinischen Tischreden ein Fi! ausgerufen, war so spät sehr nahe sitzen geblieben, nicht ctwan aus heimlicher Hinneigung zu Katzcnbergcr, sondern aus Dorfgehorsam gegen ein lindes, sieches, weiches Hofsränlein, das gerade von den Gerüchten seiner kecken Acußerungcn nach ihm und nach seinen Rathgebungcn für ihr Wohl und Wehe, desto lüsterner gemacht worden; denn für eine Dame von Stand war ein wilder, zackiger Doktor blos ein englischer Park voll Stcch- gcwächsc. Die junge Dame hatte die alte, wie gewöhnlich, zum Schilderhaus oder zur Brandmauer ihrer freundschaftlichen Gefühle verbraucht, oder als weibliches Meßgcleitc des Anstandes. Da nun der Doktor — dcr fein erricth, um grob zu handeln — sehr leicht fand, daß er blos die Alte fortzu- trciben habe, um beide weg zu haben: so that er das Scinige und gcnirtc vorzüglich die Alte. „Es zeige, zu seiner ärztlichen Freude, — wandte er sich an sie — schöne Jngcnd- kräfte, daß sie sich so spät und kühn dcr Nachtlnft aussctze, die oft viel Jüngern schlecht Zuschläge." — Meine Brust ist ganz gesund, antwortete sie kurz. — „Doch dadurch allein, meine Schönste, versetzte Katzcnbergcr, wäre wol Ihr Brustfell nicht vor nächtlicher Entzündung gedeckt? Aber Sie haben gewiß damit allzeit selber gesäugt, und wie viel Kinder wol? Schon an und für sich eine der edelsten thicrischcn Verrichtungen, um die ich Sie bis ans jedes Säugthier von Amme beneide." — Strykins, dcr sie kannte, nahm eiligst das Wort für die 187 Stumm-Entrüstete, und sagte hastig: er sei im vollständigsten Jrrthum über das Fräulein. „Nu, nu, mein Freund, crwie- derte der Doktor, unter die Saugthicre gehören wir doch alle, wenn sich auch gleich nur die schönere Hälfte unter die Sängthiere zählen darf.-Aber unser Herr Brunncn- arzt — fuhr er gegen die beiden Fräulein fort — lag von jeher gern vor Damen auf den Knieen, und dicß, glaub' ich, mit Recht; denn er weiß, als Arzt, der Schelm, recht gut, daß die Knie, wie stark man sie auch beuge, den feurigsten Blutumlaus nicht im Geringsten cinhcmmen. Wenn ein un- medizinischer Liebhaber vielleicht dächte, die großen Aderstämme der Beine liefen an den Kniescheiben hinauf, und würden also durch das Drücken der Scheiben auf den Boden so gut wie unterbunden: so weiß dagegen unser Arzt aus seinem Sömmerung, daß es anders ist, und daß die großen Adern unten um die Kniekehle liegen, und nicht leiden und stocken durch Biegen...." Da war des Bleibens nicht mehr für das Landfräulein, das unter die seinem Dorsdamen gehörte, welche vor einer Hofdame nie Füße, Strümpfe, Knie, Beine anbchaltcn, sondern sie zu Hanse ablegen, um nicht am Hofe damit anzustoßen; zarte Wesen, welche, wie Sirenen, nur ihre Hälfte zur Sprache bringen, und aus Anstand sich nur als Büsten geben. — Zögernd und mit einer freundlichen Abschied- Verbeugung an den Doktor, zog das Hosfräulein dem anfbre- chendcn Landsränlein nach, das sich die größte Mühe gab, blos von Strykius den Abschied zu nehmen, durch Knicks und Blick und gute Nacht. — Endlich saß Katzenberger ohne Scheidewand und Ofenschirm neben seinem Strykius. Er ließ sogleich viel Acht 188 nnd Vierziger bringen, nnd verrichtete vor der Welt das Wunderwerk, daß er den Brunnenarzt mitzutrinken bat. „Längst schon Hab' er sich verwundert — hob er an — daß die Acrztc, ungeachtet des Sprichworts (Experiment,im 6->t in corp. vil.), so wenig Versuche an ihrem eignen Körper machten, und nicht die verschiedenen Arten, wenigstens der angenehmen Unmäßigkeiten durchgingen, um nachher besser zu verordnen. Ob sich nicht ein ganzes LolleAinm meckicum so in die verschiedenen Unmäßigkeiten theilcn könnte, daß z. B. das eine Mitglied sich auss Sausen, das andere aufs Essen, das dritte auss Denken legte, das vierte auss sechste Gebot, davon oder von der Unnützlichkeit wünsche er doch einen Beweis zu vernehmen, nnd zwar um so mehr, da z. B. so viele glückliche Kuren der Aphroditen- oder Cypris-Seuche durch junge Acrzte in Residenzstädten bewiesen, daß ein solches Vorarbeiten, nnd solche sich gelesene Selber - Privatissima der Praxis gar nicht schaden. — Er wolle nicht hoffen, daß man sich dabei ans Laster stoße, das hier als ein Pestimpfsioff der Arzt ja nur, so wie der Schauspieler oder Dichter, an sich selber darstclle, um zu lehren und zu heilen." „Ich weiß fast — versetzte Strykius, der da saß mit dem Oelblatt im Schnabel, und, wie Buridans Esel, zwischen Ernst nnd Lächeln— wohinaus Sie damit wollen." „Hinein will ich damit, mit dem Weine nämlich," sagte der Doktor, nnd cröffncte ihm ganz frei, er sei gesonnen, sich gegenwärtig vor seinen Augen zu betrinken, um den Effekt mit wissenschaftlichen Augen zu beobachten, und jede Thatsache rein aus- gespclzt znrückzulegcn für die Wissenschaft. „Es wird — fuhr er fort — meinen Handel gewiß nicht schlechter machen, daß ein Mann vom Fache, wie Sie, dabei fitzt, den ich bitten 189 kann, von seiner Seite mehr die nüchternen Beobachtungen über mich anzustcllen, und deshalb langsamer, als ich, zu trinken, da es genug ist, wenn Einer sich opfert. Spätere Folgen am nüchternen Morgen, beobacht' ich allein." „Wie gebeten, zngesagt!" versetzte der Arzt. Darauf rückte der Doktor noch mit einer Bitte ganz leise heraus, Strykius möge, da seinen schwachen Kopf der Wein leicht so zurichte, wie der verschluckte Traubenkern den Anakreon, in diesem Falle seinen Leib- und Scelenhirten, seinen Gesundheit- und Gewissen-Rath machen, und besonders dann, wenn er, wie alle Trinker, am Ende anfangen sollte zu weinen, zu umhalsen, zu verschenken, ja, die größten Geheimnisse ausznplaudern, ihn warnen und lenken, und Noth-Falls mit Gewalt nach Hause ziehen; er geb' ihm Vollmacht zu jeder Maßregel, mög' er selber betrunken dagegen ausschlagcn, wie er wolle. Der Brunnenarzt sagte lächelnd, er vcrsprech' es für den undenklichen Fall, erwarte aber denselben Liebe-Dienst, falls er selber hincingeriethe. In der That ging bisher der Doktor mit Anschein genug zu Werke, — und Strykius fing an, aus den geleerten Flaschen schöne Hoffnung Katzenbcrgerischer Ehrlichkeit zu schöpfen; doch war es mehr Trug; denn jenem, der sich längst als einen ehemaligen (wie Pitt in London) sogenannten Sechs- Flasche»-Mann gekannt, blieb das schöne Bewnßtseyn, daß er bei allem Trinken nicht aus den Fußstapfen der Griechen wanke, welche bekanntlich den Rachegöttinnen nur nüchtern opferten, und deshalb keinen Wein vor ihnen libirten oder weggosscn. Jetzo berührt' er wieder von weitem den Rezensenten und sagte, er sei im Badcmonate blos nach Maulbronn, wie die 190 Juden zum Ostcrmonat nach Jerusalem, gegangen, um das kritische Passahlamm oder den Passahsiindcubock zu schlachten und zu genießen; noch aber fehle der Bock, und kam' er an, so sei doch manches anders, als er's haben möchte. Strykius konnte nicht anders, als er mußte stutzen. Bei der dritten Flasche oder Stazion hielt es der Doktor für seinen Schein zuträglich, ein wenig mit seinem Verständigscyn nachzulassen, und mehr inS Auffallende zn fallen; überhaupt mehr den Mann zu zeigen, der nicht weiß, was er will. „Noch geht's gut, Herr Kollege, sagt' er, doch fleht man, was der Mensch verträgt. Ich wäre jetzt im Stande, jedem, der wollte, unangenehme Dinge mit einer solchen juristischen Kautelarjurisprudenz zn sagen, daß der Mann an keine Jnjuricnklagc denken dürste. Es böte mir z. B. eine vornehme Residenz-Frau ihr Herz und Hand, so könnt' ich, da es, nach Quistorp *), für Kleinigkeiten einen recht hämischen Dank zu sagen, keinen -eniiinis injnrikwcki, Schimpf- oder Schmäh-Willen vcrräth, der trefflichen Dame inS Gesicht versichern: gut! Ich nehme noch Ließ an; aber nun beschämen Sie mich mit keinen größer» Geschenken, da ich noch nicht einmal Ihre Kleinigkeiten zu vergelten vermocht. — Dieß könnt' ich. So weiß ich aus demselben Quistorp die andere Einschränkung, daß man nie beschimpfe, wenn man blos die Sachen seines Neben- und Mit-Menschen (nicht ihn) verächtlich heruntcrsctzt, als etwan seinen Anzug, seine Gastmählcr u. s. w. Ich würde also mit Vorbedacht, da doch am Menschen alles nur fremde Sache ist, außer seiner Moralität, die er sich, wie *) Quistorps Grundsätze des teutschen peinlichen Rechts. Ir Bd. 2te Auflage. 191 der preußische Soldat die Knöpfe, auf eigne Kosten anschaffcn muß, ohne Ehrenklagc, im höchsten Grade anzüglich und geringschätzig, z. B. non den schwachen Talenten oder Gcsicht- zügen eines Rezensenten sprechen, beides Sachen, die der Tropf sich nicht geben kann; eben so wollt' ich auf viele deutsche Kronen und Thronen sein schöner weiblicher Reim) losziehen, ohne die Besitzer, die ja beides, thcils halb auf, thcils unter sich haben, im Geringsten zu meinen. Doch ich kehre zu meinem Satze zurück — beiläufig ein ganz gutes Zeichen, denn Trnnkne können, wie Verrückte, nie dieselbe Sache unverändert wiederholen, und stehen hier tief unter Autoren und Advokaten. — Und Rcchtwisscnschaft ist nicht einmal mein Fach — sdoch trinken wir recht ans sie!); aber Heilkunde bleibt cs stets. Wie gesagt, ich sagte vorhin von Injurien und dergleichen. Wo finden Sie hier, Herr Doktor, den Voll- Ms?" Strykins beschwor nach allen Seiten hin das Widerspiel. „Dieß sag'ich, beim Teufel, ja selber, versetzte der Doktor,— und wozu denn Ihr Fluchen? Ich denke, ich kenne mich und Viele. Manches bringt mich auf, darüber ist keine Frage. Nur wünscht' ich zu wissen, ob jemand von der trefflichen, nie hoch genug zu achtenden Gesellschaft um uns her etwas an mir merke; aber freilich Fox und Pitt konnten nur halb so viel vertragen. Mein lieber Hr. Brnnnenarzt, Sie brauchen, bei Gott, nicht zu lächeln, als läg' ich schon in den Lagen, für welche ich Ihre Vormundschaft bestellte. Sie sehen, ich weiß noch alles. Hab' ich aber ein Gcheimniß verrathen? Seh' ich irgend einen Kopf doppelt? Kaum einfach. — Verschenk' ich schon außer dem Einschenken? Und wo stehen mir dumme 192 Thräncn dcr Liebe und Trunkenheit im Auge? Im Gegenthcil verspür' ich eher harten Humor zum Todtschlagen, besonders schlug' ich gern einem Manne auS Ihrer Residenzstadt, der mir mit seinen Augen - und WciShcitzähncn ins Bein gefahren, diese ans der Stelle aus. Die Bestie kommt aber erst, wie Sie sagten, künftige Woche." „Sie erhitzen sich, Guter," sagte Strykius. „Aber für das Recht, und für jeden Rechtschaffnen, der cs mit mir so redlich meint, als du, Stryk! — Herr Brnnncnarzt, ich sage Du zu Ihnen, wie dcr Russe zu seinem Kaiser. Einen Kust, aber einen Judas den zweiten! Denn du weißt ans dem neuen Testament, wo dcr Brief des zweiten Judas steht. Der erste Judas war nie mein Mann." — Strykius gab Katzcnbcrgern einen Bühnen-Knß. „Trinke zu, heize ein, zünd' an, mein Zünd-Stryk! Ohne Wein war dem Urdcutschen kein Vertrag heilig. — O, wenn ich daran denke! Ein Freund ist's höchste. Ich sage dir, Stryk, einst hatt' ich einen, und wir herzten einander, und er mich — alles that ich für ihn, und machte meinen Schnitt für ihn — ich hätt' in seinem Namen gestohlen. Halt, dacht' ich, hältst du auch Stich? Ich wollte ja in dcr Eile etwas Ihnen dar- stcllcn; sage mir's, Bruder?" — Das Bewähren Ihres mir unbekannten Freundes, versetzte dcr Brunncndoktor. „Und dieß willst du besser wissen, als ich? Stich, sagt' ich ja vorhin, hält er, wenn er sich bewährt und seinem Freunde zu verzeihen weiß. Dcr nur ist mein Freund. Deshalb macht' ich mir eine leichte Streitsache mit ihm zu Nutz, und schleuderte diesem Freund, um recht zu wissen, woran ich mit ihm wäre, eigentlich um seine Liebe gegen mich zu erproben, einen vollen Bumper oder Willkommen mit allen Kräften an den 193 Kopf; darauf beobachtete ich scharf und kalt, wie er bei dieser ersten Freundschaft-Aukcr-Probe Stand halte und sich betrage. — Aber wir prügelten sogleich uns mit vier Händen durch, und der Treulose haßte mich hinterher, wie einen Hund. Dieß hatt' ich von meiner ersten leichten Liebe-Probe; — was hätt' ich mir vollends von einem so wankelmüthigen Freunde zu versprechen gehabt, hätt' ich ihn noch ganz anders und schärfer aus die Kapelle gebracht, z. B. um Haus und Hof, oder gar ums Leben? Anders sollen, hoff' ich, unsere Freundschaft-Proben ablanfcn. Mich meiner Seits erschlagen Sie, wenn Sie wollen; ich umhalse Sie stets sogleich in der frohen Ewigkeit, und sage: willkommen, mein Stryk, mein herauf- führcnder Franziskaner-Strick und Galgen- und Treppcn- Strick! -— Doch dieß sind Wortspiele und elend genug." Der Bruunenarzt hatte bisher, zumal vor mehren Maus- Ohren an der Tafel, den bedächtigen Mann gespielt, und sich wenig anders gegen den Trunk-Sprecher ausgelassen, als mit leichtem Nein, Ja und Wink. Nur Neugier nach dem Ansgange, Scheu vor dem wild-begeisterten Doktor, mehr Hoffnung, ihn vor der Welt zuletzt beschämend zu verwickeln, und sogar einiger angetrunkener Muth pichten ihn ans dem Foltcr- stnhle fest. Nüchtern erhielt er sich übrigens durch Mcid- Künste — ja mehr als der Doktor selber, der sich zuletzt doch durch Reden betrank. Erst bei der vierten Flasche überzeugte jener sich, daß im Weine oder im Doktor wirklich Wahrheit sei; mehre versprochene Ransch-Nachwehcn und Feucrmäler waren schon da, nur das gewcissagte Verschenken wollte sich nicht einstcllcn. Der Doktor warf allerlei seltsame Winke hin, daß er sehr gern wolle, der Fürst wäre nicht da, aber wol dafür ein anderer Jean PauUs aurgew. Werke. XV. > 194 Mann für einen dritten, der prügelt: „kennst du seinen Lcib- medikuS Scmmclmann recht?" sagt' er. „Längst als den gelehrtesten Arzt und feinsten Mann und meinen Freund," versetzt' er etwas laut, um von fürstlichen Spionen, die den Geblendeten der Tasellichtcr rings umher im Blätter-Dunkel ungesehen belauschen konnten, besser vernommen zu werden. „Nun so sag' ich dir, ich bin noch schwankend, ob ich gegen Taganbruch diesen deinen Freund ganz todtschlage, oder nur halb. Weißt du (fing er leise an, und fuhr sogleich laut fort), wer dieser Scmmclmann im Innersten ist, Stryk? Der Fallstrick, der Galgenstrick, der Ehrcnkroncnränber, kurz, der Rezensent meiner Werke." „Wie? — Herr Kollege!" sagte Strykius. „Kein Wort weiter, er wird todtgcmacht! — Flcx, heda! mein Kerl fährt augenblicklich vor bei Herrn Brunnenarzt Strykius, meine Tochter wird nicht geweckt — ste soll nichts wissen, bis ich wiedcrkomme, und das ohne alle Umstände. " Wenn wirklich, wie schon Swift, nach Rochefoucauld, sagt, wir iu jedes Freundes Unglück etwas weniges finden, was uns heimlich erlabt: so mußte allerdings der Brunnenarzt in der Aussicht aus die Ausprügelung seines Freundes Scmmclmann etwas Behagliches finden, da er so lange diese sich selber zugcdacht geglaubt; auch wurde diese Behaglichkeit durch die Betrachtung eher vermehrt, als vermindert, daß der Leibmedikus, sein Nebenbuhler, der, als Weg-Ausseher der ersten und zweiten Wege des Fürsten, mehre Wege Rechtens und Himmclsahrten und bedeckte Wege und enge Pässe des Landes besetzte, vom berühmten Katzcnbcrger vielleicht durch Prügel könnte um einigen Kredit, wenn nicht um Glieder, und mehr gebracht werden. Dieß hielt ihn aber nicht ab. 195 vielmehr spornte cs ihn an, sich nicht mir unter vier Augen, sondern vielleicht vor mehr als zehn Hörmaschinen des Hoss im Finstern entschieden des Lcibmcdikns oder der Semmel- mannschen Unschuld anzunehmcu, und zwar mit so größerer Wärme der Uebcrzcugung, je gewisser er wußte, daß er selber die Rezension gemacht. „Mein bester Kollege, begann er, möge mich nur hören! Wie stark der Argwohn gegen den Herrn Lcibmcdikns gegründet, entscheid' ich am wenigsten, da ich Journale, worin etwas stehen soll, als z. B. die Gothaischen Anzeigen, die Oberdeutsche Literatur-Zeitung, die neue allg. deutsche Bibliothek und dergleichen Unrath, mehr mithalte, als mitlese. Aber trefflicher, kühner Amt- und Waffenbruder! Lasten Sie mich doch auch reden! Kennen Sie die Mißlichkcit solcher Namen- Ablauschungcn, wie die Ihres Herrn Richters? Ich halte Semmelmann, so weit ich ihn kenne, durchaus für unschuldig; doch gesetzt, aber nicht zugegeben, Sie hätten Recht; aber Freund, wie kann ein Gelehrter mit einem andern Gelehrten (zur Abwägung zweier Solcher Hab' ich keine Gewichte) den geistigen Zwist mit Waffen ausfcchten wollen, die nichts treffen, als Leiber? — Bei Gott, ich bin hier nicht bestochen, und die fremde Sache nchm' ich kühn für eigne." „Ich habe dich Spitzbuben wirklich ruhig ausgehört, blos nur um dir vorläufig darzuthun, daß ich, bei Gott! bei Verstand bin, wie einer, und nach niemand frage. — Was verschlagen alle Flaschen im Magen gegen das Wenige, was aus ihm davon in den Kopf steigt? Aber, wie gesagt, das ist mein Satz, oder ich weiß nicht, was wir sagen. Und doch ein Spitzbube bist du selber, so groß, wie Semmelmann, weil du ihm ähnelst und bcistehst. Denn du bist, nimm mir's 13 * 196 mcht übel, lieber Stryk — von Hause aus — ein milder Maun mit einem weichen Herzen im Brustkästchen, und es ist dir nachzusehen, wenn du aus verdammter, verhaßter Liebe Schubjacke und Stricke (ich rede gesetzt) verfichst; denn dein Angesicht ist ein sanfter Oclgarten, wo man Blut schwitzt, und du bist am ganzen Leibe mit Selber-Dämpsern, wie mit Blutigeln besetzt. Du weißt nur zu gut, wer mich rczensirt hat; aber siehst ihn nur nicht gern erschlagen. Ein Knicker ist Semmclmann auch, und nichts hass' ich mehr, als so einen geizigen Hund, der mir nichts herschenkt, der selber seinem Hund nichts zu fressen gibt, als Gras, das dem Thier nur schmeckt, wenn sich das Wetter ändert. — Hat er nicht blos aus Geizhalsigkeit meine Praxis beneidet, obwol außer Lands, und meinen Ehrensold und die wenigen Ehrenpforten und Ehrenlegionen, die ich mir etwa erschricbcn? Ist der Lcib- medikus nicht der größte Schmeichler des Hofs, und denkt bei dem Fürsten, weil ich, bei Gelegenheit der Hämatosen und Mißgeburten, nichts von den mineralischen Bcstandthcilen des Landes-Bades angebracht, Ehre cinzulegen, wenn er mir eine größere nimmt, als er hat? Die Sache ist, seine Zunge gleicht der Biencnzunge, welche einem Fuchsschwanz ähnlich ist, und die für sich Honig saugt, und für andere Gift. Wie gesagt, Bruder! — Ich erhebe dich vielleicht zum Leibmcdikus, wenn ich den alten erschlage, mag's hören, wer will." „Guter Amtbrudcr, sagte Strykius, jetzt in der Nachtkälte tritt die vorher abgeschlossene Bedingung ein, nolvno voltzns." — „Dummes Wort, ich will entweder nolons oder volsns." — „Fein bemerkt! Wir gehen dann mit einander zu mir, ans einen warmen Thce," sagte Stryk, und nahm ihn mit. 197 44. S u m m u l a. Die Stuben-Treffen — der gebotene Finger zum Frieden. Unterwegs stammelte er nach Vermögen, und was er sagte, sollte nicht sowol Sinn haben, als wenigen: „ich brauche keinen guten Rath, sagt' er, so wenig als ein Hund Zahnpulver und Stocher — ich werde meine Sache schon so machen, daß man vielleicht dieß oder jenes davon sagt — Mancher ist ein geiziger Hund, und ziehe mir einmal einen Hundschwanz gerade, ich bitte sehr — Gut. der Maun soll abstehen, wie Fische vom Donnerwetter, auch ungetroffen. oder wie ein Wagen voll Krebse, wenn unten ein Schwein durchkriecht." — Sie fanden den Wagen vor Strykius Thüre, der fich wieder laut gegen das Nachtfahrcn erklärte und den Doktor die Treppe hinaufzog. um droben leiser sich über den Leibmedikus anszuschütten. Er schickte sogar den Bedienten, sobald er den Ofen für den Thee geheizt, mit Aufträgen in ferne, schon zugesperrte Häuser davon, um unbehorcht zu bleiben. Der Wein — die Nacht — die Einsamkeit — der Schlag auf die Hand — dieses Jncinandergrcifen so vieler Zufalls- Räder brachte den Doktor aus einmal in der Stube so weit, als er, nach andern Planen, kaum in einer Woche sehn konnte. Er zog daher einen Taschen-Wind-Puffer heraus, schoß die Kugel in die Wand — zog und spannte einen zweiten und 198 sagte: „ein lautes Wort von dir, so schieß' ich dich leise nieder, und ich fahre davon. Du bist mein Rezensent, Dieb, nicht der ehrliche gelehrte Semmelmann — und ich bin noch nüchterner, als du, Saufaus. Schweig; ein Wort, ein Schuß! Es macht mich schon dein bloßes Waschschwamm- Gesicht mit seinen schlappen Vordcrbacken und seinem Gelächcl halb wüthig. Ein Strafcxempel muß ich nun an dir, zum Vorthcil der ganzen gelehrten Welt, diese Nacht statuircn; nur steh' ich noch an, ob ich dich ganz aufreibe, oder blos lahm schlage, oder gar nur ins Gesicht mehrmals streiche. Hier schleudr' ich noch zum Ucberfluß den Hakcnstock von dem Giftpfeil auf deinen Nabel ab (der Stock fuhr aber ans Knie) — sieh den ausländischen Pfeil, womit ich dich har- punire auf ewig, wenn du schreiest oder läufst. Jetzt verantworte dich leise, nenne mich aber Sie; denn ich bin der Richter, und du der Jnquifit." „In der That (hob der Brunncnarzt an), es wird mir schwer, nach vielen heutigen geschickten scherzhaften Rollen von Ihnen — und in so fern so angenehmen — diese, mit einem Ueberfall auf Leib und Leben, nicht für Scherz zu nehmen, besonders da Sie ja nicht ganz gewiß wissen können, ob ich die Rezensionen gemacht." „Hier wcrf' ich dir — sagte der Doktor, in die Tasche fahrend, und nahm das Heft des Pfeils in den Mund, um mit dem Windpistol fort zu zielen — deine Handschrift aus der Druckerei vor die Füße, Räuber zu Fuß." „Gut, dieß entschuldigt Ihre erste Hitze gewiß; aber erwägen Sie auch, daß überall von jeher der Gelehrte, besonders der Kunstrichter, gegen den Gelehrten, zum Vortheile der 199 Wissenschaft, auf dem Papier eine freie Sprache führt, die er sich nie im Zimmer unter vier Augen . . . „Zum Wissenschaft-Vorthcil? — Ist es nicht jammerschade, daß Leute, wie du, auch nur das Geringste davon verstehen? Können solche Leute unwissend genug sehn? Die Wissenschaft ist etwas so Großes, als die Religion — für jene sollte man eben so gut Muth und Blut daran setzen, als für diese — und doch wagen die Rezensenten nicht einmal ihre Namens-Unterschrift daran. Eine Sünde pflanzt sich nicht fort, und jeder Sünder erkennt sie an; ein unterstützter Jrrthum kann ein Jahrhundert verfinstern. Wer sich der Wissenschaft weiht, besonders als Lehrer der Leser, muß ihr entweder sich und alles, und jede Laune, sogar seinen Nachruhm opfern —" „Wie schön gesagt und gedacht!" lispelte Strykius. „Schweig! — oder er ist ein Rezensent, wie du; und der Teufel hole jeden Esel, der schreibt, und den er reitet; cs ist genug, wenn das Thier spricht. Mache mir jetzt etwas Thce zurecht, denn das Wasser kocht; schneide aber deine Hosenknöpfe ab, damit du mir nicht entläufst." „Lieber mein Leben lass' ich, als meine Ehre, sagte Stryk, blos aufknöpsen will ich den Hoscnsack und herunter lassen; und cs thut ja der Länge wegen denselben Dienst..." Während er im Hemd mühsam das Theewasscr ausgoß: zog der Doktor den Widerruf hervor und sagte, wenn er ihn beschwöre und unterschreibe, so woll' er ihm das Leben selber schenken, und ihn nur an den Gliedern, wo er cS für gut befinde, mit dem Stab-Sanft bestreifen. Strykius schwur und schrieb. Darauf begehrte der Doktor, daß er's auswendig vor ihm lerne, weil er selber das Dokument wieder zu 200 sich stecken müsse. Der Arzt predigte den Aussatz endlich auswendig (der Hosensack war seine Kanzel) her. „Gut! sagte Katzcnbcrgcr. Nun haben wir Beide nichts Wichtiges weiter mit einander abzumachcn, als kollegialisch zu überlegen, welches von den Gliedmaßen ich denn vor dem Einfitzen zu zerschlagen habe; wir haben die Wahl. Wir könnten die Nase nehmen, und solche breit schlagen; thcils weil du auf meine grobe, knollige, kurze Fuhrmannsnasc etwas hernntcrsichst, thcils weil, nach Lavatcr, sich unter allen Gliedern die Nase am wenigsten verstellen kann, und du also bei deiner Vcrmummerci Gott und mir danken wirst, wenn du ein aufrichtiges Glied weniger hast. — Wir könnten aber auch zum Kopse greifen, womit oder worin du besonders gesündigt und rezcnsirt, und ich könnte, da er noch nicht offen genug scheint, wenigstens die sieben Sinncnlöchcr, die der Vordcrkops hat, auch dem Hintcrkopf durch den Natur-Trcpan eines sogenanten Stocks einoperircn. — Oder vor und von der Hand könnten so viele Finger, als leider rczeptircn und rezensieren, bequem dezimirt werden. — Oder ich könnte auch das Pistol an deine Wade halten und sie durchschießen, um aus der Hämatose zu sehen, ob sie eine falsche sei. -— Die Auslese wird schwer, du hast verdammt viel Glieder, und ich glaube, gerade so viel, als Pestalozzi in seinem Buch der Mütter aufzählt. — Oder wählt man am besten das Ganze, die drcihäutige Oberfläche, und zeigt man sich dir mehr von der liebenden Seite, wenn ich eben auf dich, als meinen Nachfolger, beeidigten Priester und Lchrboten, gerade so, wie der Franziskus und andere Heilige die Wundenmälcr von ihrem erscheinenden Herrn bekamen, alle die blauen und braunen und gelben Flecken, womit mich in mehr als einer Prügel-Disputa mancher Raphael 201 angemalt, gleichsam als ütiZmata übertrage und abfärbe, um unsere Vereinigung zu zeigen. — Nun so stimme doch mit, über das Glied, sage, welches!" — — „Mein Herz," versetzte er. „So vertraut spricht man nicht mit mir," sagte Katzenberger. „Meines, mein' ich ja," sagte Stryk. „In dieß Glied mögen die Weiber ihre dummen Wunden machen! Herr, hier liegt Euer dummer Dachsschlieser, der niemand anbellt und anwedelt; das unnütze Vieh sollt Ihr mir, wenn ich unter den wählbaren Gliedmaßen etwas naschen soll, zum Zerschneiden mitgcben, und vorher vor meinen Augen erdrosseln, da ich die Bestie sonst nicht sortbringe!^ „Er ist, sagte der Arzt, nur so still, weil er vor Alter keine süns Sinne mehr hat; erdrosseln kann ich das treue Thier unmöglich, aber hergeben will ich ihn, da er doch bald abgcht." Hier hob er den lebens- und schlastrnnkncn Dachsschliefer auf, und gab ihm den Judas- und den Todeskuß. „Behalt' ihn, unwissenschaftlicher Narr! rief der Doktor; eh' ich ein veraltetes Vieh, lieber meine zehn Finger gab' ich her!" — Dieser Zufall öffnete Plötzlich dem Brunnenarzt einen Himmel und eine Aussicht: „ich besitze hier, sagt' er, im Kabinet aus dem Fraisch-Archiv eine alte abgedürrte Hand, zwar keine ausnehmende Mißgeburt, aber es ist doch eine Hand mit sechs Fingern, die nicht jeder am Arme hat." „8i llo»! — Ganzer Mann! Schatz, gebt mir die Hand, nicht Euere -— so geh' ich ab und schone jeden Hund." — Während Strykins die Sechsfingerhand, als einen Rcichsab- schied gegen das Faustrecht, aus dem Kasten holte, säcte Katzenberger hinter dessen gebognem Rücken mehre Knallkügelchcn auf verschiedne erwärmte Plätze des Ofens, und legte nicht 202 sowol Feuer, als Donner ein, um auch in seiner Abwesenheit das Strykische Gewissen Nachts oder sonst mehrmals fürchterlich zu wecken durch Lärmkanonen, Nothschüsse, Türkcnglockcn oder andere Metaphern. Während der Donnersaat sprach er fort, und sagte ins Kabinet hinaus: ich bin aber heute so weich, wie ein Kind; das macht der Trunk. Darwin bemerkt schon längst, daß sich den Säusern die Leber, folglich die Galle verstopfe, daher ihre Gallensteine und Gelbsüchten." Strykius brachte die eingeräuchcrtc Hand, wogegen Esau'S und Van Dyks Hände dem Doktor nur als invalide oder defekte erschienen. Nachdem er diese Plus-Finger genau daran besehen, mußte sie ihm jener selber in die Tasche stecken, damit er in der gerüsteten Stellung verbliebe. Freundlich und ganz verändert bat er, ihm ein Fläschchen mit Thee mitzugeben, um es ruhiger im Wagen zu trinken. „Nach der Schenkung der fremden Hand Verzicht' ich gern auf jeden lebendigen Handdruck; Eure Kußhand in meiner Tasche hat alles ins Reine und uns einander näher gebracht, und wir lieben uns, so gut wir können. Nur bitt' ich Euch noch, mir die Stockscheide womit ich vorher in die Scheibe des Knies getroffen, selber an den Giftpfeil anznstoßcn, weil ich mich aus Mißtrauen nicht bücke, Schatz!" Als Stryk etwas ängstlich die obere Hälfte des Hakenstocks an die untere angeschienct hatte, händigte Katzenbergcr mit dem Gemsenhorn noch schleunig einen beträchtlichen Schlag den Schrcibknöcheln des Mannes ein —- cs sollte ein Siegel auf die Bundakte seyn — und sagte: „nur ein Katzenpfötchen und Handschlag für den in der Höhle, -4cl— — — Ich glaube, dadurch kommt Enthusiasmus in die Welt; nämlich jener allgemeine Enthusiasmus gegen den Enthusiasmus, jene bessere Tollheit, die nicht aus Hitze entsteht. sondern aus Frost. — Das jetzige, so viel Lärm machende Jahrhundert schlägt, mit schwarzem Knallsilber gefüllt, nur bei dem Berühren kalter Körper los. Man kann noch die Aehnlichkeit beifügen, daß die. die es entzünden, wie bei anderem Knallsilber, (der Gefahr wegen) Masken vorthun. Ich gestehe, cs weht selber am ersten Tage der Sonnenregierung eben nicht die wärmste Luft um unsere Kirche; aber gute Kronprinzen sangen strenge an. wie Titns, nicht mild, wie Nero, es geht daher, zumal da sie so nahe und kalt ist*), alles schneller, die Geschäfte, die Menschen und die Erde, sogar die — Predigten. Meine schneid' ich durch die Schnelle der Kälte — wie ich an der Kanzeluhr und am Himmel sehe — gerade so richtig für dreißig Minuten zu, als ständ' ich in einer englischen Kanzel. ) Im Winter ist die Sonne in der Erdnähe; und die Erde läuft schneller. 220 Blickt nach Morgen — die Direktrice unsers Wclttheaters kann nicht über drei Wolken weit von nns sehn. — Die alte Frau*), die Aurora, streuet ihre gelbe Sonnenblumen immer dicker — ich sehe schon neugeprägte Krönung- stittcrn, goldnc und silberne, auf der Erde ausgcworfen — höret daS Rauschen des Zugs — jetzo wird eine Fackel vor- ausgctragcn — sie brennt die Wolken au — die Fürstin soll über Feuer ciuziehen.-Da steigt sic heraus die Königin unsers Tags und unsers Jahrs. Sei gcgrüßct, Mutter der Erden und Blüten und Früchte! Wie blickst du so mild und weich das scheidende Jahrhundert au! — O, seine Schlachtfelder sind jetzt nur unter unschuldigen Schnee versteckt. — Zieh dem Jahrhundert, diesem wilden Titan**), wie sonst, das Schwert aus der Hand, und gib ihm deinen geheiligten Oelzweig ins Grab! — Wie, war nicht seine letzte Bahn, wie die einer Königleichc, mit Trauertuch belegt, und wird es nicht, wie diese, unter Kanonen cin- gesenkt? Gib 'uns Liebe und Friede, Mutter des Lebens und der Wärme! Schick' uns den weißen, sanften Schwan, der dir heilig ist, und baue mit deiner reinen Leier die Menschheit wieder aus, welche Mißtöne zertrümmert haben! — Gib uns Liebe und Friede, das bleibe unser letztes Gebet! — Ach, der Dädalus der Menschheit, die Zeit, schloß uns Statuen die Augen auf, hob unsere Hände empor, und band die Füße los; —- aber siehe, Plötzlich zerschlagen die Statuen, wie cmporwachsendc Drachenzähne, einander selber, und stürzen, wie jene Noseukreuzcrische Statue, die ewige Lampe um, die sic gehütet haben. *) Eine thut cs in London am Krönungtagc des Königs. **) Apollo stand dcm Jupiter gegen die Titanen bei. Aber wenn du über den letzten Tag des Jahrhunderts gezogen bist, und über schönere Saaten unter dem Winter, als jetzo vermodern — und wenn der letzten Nacht des Sä- kulums dein lieblicher verklärter Friedenengcl, der Mond, ins erblassende Antlitz schauet: ach! wirst du dann noch, segnendes Gestirn, unter unsern Füßen auf eine ganz neue Welt voll geraubter, mit Narben und Schweiß bedeckter Menschen scheinen, welche dein heiliges Licht nur quälen kann? -— O gib Liebe der alten Welt, und Freiheit der neuen! — — II. Ueber Hebels allemannische Gedichte. (An den Herausgeber der Zeitung für die elegante Welt. 1803.) Eben habe ich zum fünften oder sechsten Male eine Sammlung Volklicder von Einem Dichter gelesen, welche in der Herderschcn stehen könnte, wenn man in einen Blumenstrauß wieder einen binden dürfte. Sie betitelt sich: „Alle- manuischc Gedichte. Für Freunde ländlicher Natur und Sitten." Größere Kunstrichter werden den Titel beurtheilcn, und gegen den Sprachfehler „ländlicher Natur und Sitten" (entweder statt Sitte, oder Naturen) ins Feld rücken mit Klammern und Fragzcichcn; ich als Liebhaber schränke mich blos auf die Gedichte ein, und lobe sie früher öffentlich, als irgend ein Nachfolger. Ich wünschte, lieber Spazier, es wäre iil der eleganten Welt, an die ich hier zugleich, wie aus dem Konzeptpapier zu sehen, mit geschrieben haben will, das 222 Schwäbische nur halb so einheimisch, als das Französische. Denn nur die Mundart jenes Landes, das sonst das Mutterland einer unvergleichlichen Dichtkunst war, und das jetzt das Vaterland einiger großer Dichter ist, spricht das zarte spielende Muscnkind; und mit der schwäbischen Mundart entzöge man ihm seine halbe Kindlichkeit und Anmuth. Manchem Dichter wären die Wohllauten schwäbischen Znsammenziehungcn — z. B. Sagi' m, statt: sage ich ihm — zu gönnen, und das Ausmustcrn unserer engen n; das Eintauschen des i gegen das ewige deutsche c*); und die Verwandlung des harten Verkleinerung-chcn in das süße li; und am meisten der Reichthum an Diminutiven, den mit den Schwaben noch Schweizer, Ocstreicher und Letten theilen. In allen Sprachen verkleinert die Liebe ihr Geliebtes, gleichsam um es zu verjüngen und zum Kinde zu machen, das ja der Amor selber ist. Und das Kleine, gleichsam als das Liebere, verkleinert chian wieder, daher man öfter Lämmchen, Täubchen, Kindlcin, Büchelchcu (letzteres ist nach Voß dreimal verkleinert) sagt, als Elephantchcn, Fürstchcn, Tyrannchcn, Walfischchcn. Manche Völker reden die ganze Natur mit diesen Liebcwörtcrn an, und ziehen sic, wie mit Zauberformeln, sich näher an die Brust; aber in solchen Ländern wohnet gern der Dichter. Daher kommen in den altdeutschen Dichtern die zahlreichen Verkleiucrwörter; daher unsere guten Voreltern, welche statt *) Da »ach Fulda e der Vokal der Liebe und der Familie ist — daher das Wort für beide mit seinen beiden e, Ehe — und da nach Wenzel (in seinen Entdeckungen über die Sprache der Thicre. 1800) eh der Schmerzlaut aller Thiere ist: so malt unsere E-Sprache uns fast als ein famiiienlicbe-volleS, und etwas martervolles Volk zugleich. der Philanthropie und dcS Kosmopolitismus Bruderliebe und Christcnliebe besaßen, und aus den Rosen dcr Liebe noch nicht den seinen Roscncssig der Selbsucht zogen, sogar in ihrer Prosa die lebendigen Wesen gern mit Verklcinerwörtcrn nannten, z. B. das Söhnlein und die Kindlcin Luthers, bis zum Jesulein und Christkindchen. Was wir etwa noch jetzt verkleinern möchten in Zirkeln, dich suchen wir doch weniger zu vergrößern und zu lieben, als fast zu hassen. Noch ist jetzt dcr falschen Ironie, als einer spöttischen Nachäffung der Liebe, das Vcrklciuerwort gewöhnlich. In meiner Vorschule der Acsthctik finden Sie Beispiele, und vorher überall. Unser allcmannische Dichter — denn ich sehe nicht ein, warum ich ihn über ihn vergesse — hat für alles Leben und alles Seyn das offne Herz, die offnen Arme dcr Liebe, und jeder Stern und jede Blume wird ihm ein Mensch. Durch alle seine Gedichte greift dieses schöne Zueigncn dcr Natur, der allcgorisirenden Pcrsonifikazion, die er oft bis zur Kühnheit der Laune steigert.*) Die Dichtkunst ist nur ein anderes Wort für höhere, weitere Liebe; sie scheidet und erlöset die Natur vom dienstbaren Tode, und beseelt wie ein Gott, um nur zu lieben, und schmückt wie eine Mutter, um noch mehr zu licbcu. Freilich können wir den Bergen, Bäumen und Sternen, worin sonst die Griechen Götter zauberten, jetzo nur Seelen einblaseu, und was jene vergötterten, nur beleben. — Ich komme aber sehr aus dem einkleidenden Brieftone heraus, lieber Sp., vielleicht weil ich zu lebhaft an die Zeitung denke, deren Welt ich das Mcinige von dem allemannischcn Dichter sagen wollte. Ich will also alles ohne weitere Mühe Z. B. im ganzen ersten Gedichte: „die Wiese/ 224 folgender Gestalt herauswcrfen: er ist naiv — er ist von alter Knnst erhellt und von neuer erwärmt — er ist meistens christlich-elegisch -— zuweilen romantisch-schauerlich*) — er ist ohne Phrasen-Triller — er ist zu lesen, wenn nicht Einmal, doch Zehnmal, wie alles Einfache. Mit andern, noch bessern Worten: Das Abendroth einer schönen friedlichen Seele liegt auf allen Höhen, die er vor uns sich hinzichcn läßt — Poetische Blumen ersetzt er durch Poesie. — Das Schweizer Alpenhorn der jugendlichen Sehnsucht und Freude hat er am Munde, indeß er mit der andern Hand auf das Abendblüheu der hohen Gletscher zeigt, und zu beten ansängt, wenn auf den Bergen die Betglocken schön hcrnberrnfen. — Gleich Griechen und einigen Malern umschließet er seine Gemälde, aus Verachtung der Pointe, zuweilen mit Bildern, die sich in den Rahmen verlieren**), und so ist der Mann. Wahrlich eine liebliche Erscheinung, aber keine außer der Jahrzeit! Denn auf dem deutschen Museuberg, der eben unter einer stechenden Frühling- sonne zugleich blüht und dampft, kann jetzt Alles auffah- ren: Gleicher-Blumen und nordisches Gestrüppe, und Gift und Dust. Ich hätte gern meine Freude mit einigen Proben gerechtfertigt, wenn Schönheiten, die immer ein Ganzes bilden, so leicht einen Auszug vertrügen, als Mängel, die eben darum eines stören. Auch gab' ich am liebsten das längste Gedicht zur Probe, indeß der Zeitungraum das kleinste vorzieht; und es bleibe Ihren Rück- und Einsichten überlassen, ob sie eines als Postskript für den zweiten Druck hier wählen und geben wollen. *) Z. B. in der hohen Erzählung: „der Karfunkel." **) Fast überall, z. B. S. 50 u. 68 — S. 81 u. s. w. 225 Doch bescheidc ich mich gern, daß es immer Gedichte geben kann (worunter vielleicht die allcmannischcn zu rechnen), welche jedem Leser mißfallen, der gar keinen Sinn für Dichtkunst besitzt. Einem solchen würd' ich freilich, statt dieser allemannischcn Drossel ans dem Schwarzwalde, lieber eine da geschnitzte Guckgnck-Uhr, oder irgend einen da gedrechseltem Viehstand im Kleinen, in die Hand zu geben rathen. — k. ?.*) III. Rath zu urdeutschen Taufnamen.'**) Ich rücke hier in Briefform in die Zeitung f. d. c. W. für Leser, welche sie mithalten — worunter Sie gewiß auch gehören, lieber Spazier — in so fern einer davon an mich etwas zu schreiben hat, vorher die Nachricht ein, daß ich von Koburg nach Baireuth gezogen bin. Die Ursachen des Zugs gehören nicht in Ihre Zeitung, sondern in die Flegeljahre, nämlich in den vierten Thcil. Was diesen Brief selber anlangt, so versprach ich Ihnen leider für solchen in einem früheren Auszüge und Sentenzen aus meiner Aesthctik, welche zu Michaelis erscheint. Aber ich muß um die Erlaubniß bitten, gelogen zu haben. Einem ') kostj-onenllis postgositib. **) Zuerst gedruckt in der Zeitung für die elegante Welt. 1804. Jean Paul'e ausgew. Wcrle. XV. ^ 226 Autor wird cs eben so schwer, mit seinen Gedanken das jeu äs dntenux*) zu spielen, als einer Mutter mit ihren Kindern. Gnomen, sagt er, die er in alter Bedeutung als Denk- sprüchc gebe, können andern leicht in neuer als Zwerge erscheinen. Zögen Sie aber, lieber Spazier, statt meiner aus: so war' cs zehn Mal besser, leichter und vernünftiger. Lieber hält' ich für diesen Brief aus Tiecks acht poetischem Oktavian die Geburt der Rose und die Geburt der Lilie auszichen mögen — zwei Dichtungen, welche ihm die Bln- mcngöttin selber wie reise Frühlingblüten zugeworfen. Auch war' es in der ersten Entzückung über sein Buch — und in der ersten Entrüstung über Merkels schäm- und sinnloses Geschwätz über dasselbe, verzeihlich gewesen, viel Worte über diesen italiänischcn wortreichen Dichter zu machen. Wenn er indcß, wie die Feuerwerker, seine poetischen Feuerwerke zu gern aus dem Wasser gibt, und die Wicderscheine zu sehr sucht: so ist wenigstens dieses leichte Nachglanzen eines wahren Feuers poetischer und lieblicher, als das schwere Feuerwerkgerüste von Statuen und Gebäuden, das uns manche berühmte Dichter für das Feuerwerk selber verkaufen. Wär' ich die elegante Welt, Spazier, so würd' ich ein frommes poetisches Kind; dann könnte Ticck, der eines ist, leichter mit mir spielen. Auch diesen Auszug aus Oktavian wird ein Anderer besser geben als ich. Wichtiger als jeder ans Gedichten und Aesthetikcn schien mir für die elegante Welt einer aus Wiarda, Dieses war einmal in Paris eine moralische Spiel-Frage, welche unter gleich lieben Personen in einem untersinkenden Kahne man opfern müsse und welche retten. 227 der über deutsche Namen geschrieben. Wir leben jetzo, wenn nicht in, doch vor einer bösen Zeit, und wer die Ohren nahe an die deutsche Erde legen will, kann leicht darunter die Mineurs arbeiten und höhlen, und mit Pnlvertonnen und Leit- seuern gehen hören. Sollte nun einmal Deutschland zum ersten Male erobert werden, wiewol nicht, wie Amerika, aus Mangel an zahmen Thieren, sondern aus Ueberfluß daran: so war' es ja um die deutschen Namen geschehen, wenn vorher Niemand einen mehr führte. Leider bitten wir gegenwärtig lieber alle Propheten, Apostel, Heilige und Völker zu Gevattern, als einen alten Deutschen. Wer am Hofe einen deutschen Taufnamen hat, sucht ihn wenigstens französisch aus- zuschrciben und zu unterschreiben — ausgenommen Friedrich der Einzige, der sich sogar an Voltaire IUeclsrie unterschrieb, welches (wie 6oc>aric, ^rcloric ete.) nur deutsch ist; denn rio heißt reich, und ibViocl Schirm. Wenn man wenige Thiere ausnimmt, welche sich Hans nennen, wie Rehe, Pferde, Schwanen: so gibt's nicht viele deutsche Menschen und Möbeln, die nicht ein Franzose, sobald er sie entdeckt, wie ein Seefahrer die Inseln behandelte; er benennt, besetzt und besitzt sie. Schon bei den Weinhändlern bedeutet Taufen und Heirathcn des Weins dieselbe Verdünnung. Ein zweiter Grund für nrdeutsche Namen ist ihr Wohlklang. Der Ausländer verstümmelt nicht schöne Namen am meisten, sondern schlechte. Nur bei unfern Kunstwerken kehrt er's um. Hätte z. B. Nontesguieu einen klingender» Namen gehabt: so war' er nicht in Rom angemeldet worden, tm ersten Zimmer als Nontäieu — im zweiten als Nontiou — im dritten als Alorckiau — bis er endlich im letzten als Hr. von k'orliü eintrat. Chamfort erzählt, daß der Wüstling Richelieu 15 * me im Stande gewesen, den Namen eines Bürgerlichen aus- zusprcchen, ohne ihn zn verstümmeln. Da wir Deutsche gegen die Franzosen — denn diesen müssen wir uns täglich mehr zu- und cntgcgcnbilden, damit sie künftig mit uns besser vorlieb nehmen — als geborne Bürgerliche erscheinen: so werden sie einst neben der geöffneten Mine jeden Namen, wenn er nicht halb-italiänisch, wie etwa Bonaparte tönt, entweder erbärmlich verrenken, oder uns gar, als neuen Mitgliedern ihrer großen Akademie der Arkadicr, neue arkadische Namen geben, z. B. ?exe, Ilule», vexo», Laib, Outlle, 6002. Der Eindruck eines wohllautenden Namen, so wie eines mißtönigcn, wird oft kaum von Jahre langer Gegenwirkung überwunden; und er wird gar verdoppelt, wenn der Mensch so handelt, wie er heißt; so sehr ist unser Schicksal, wie nach Bonnct der Baum, eben sowol in die Lust als in die Erde gepflanzt. War' ich z. B. Rapinat gewesen, so hätt' ich mich in der Schweiz Fenclon, oder Jean Jaques, oder Teil getauft, um wie die Mühle schön zu klingeln nach dem Zermahlen. Ich schlage daher noch, da es für Deutsche Zeit ist, aus Wiarda und Fischart zur Probe einige urdcutsche köstliche Namen vor; erstlich weibliche: Amala (von uinal, unbefleckt), Amalobcrga — Theoda (von tlieock, vornehm), Theodelinda, Theudogotha, Theuberga — Liuba (von lieb) — Witta (die Weise) — Hilda (Heldin) — Torilda (von toro, kühn) — Festrada (von fest) — Egwia (die Treue) — Diotwina (Siegerin) — Liota (von lull, berühmt) — Liebwarta — Adelinda — Aethelwina — Gisa (die Mächtige) — Folka (die Vollkommene) — Oda (von ock, glücklich). Der schönen männlichen Namen sind weit mehre: Toti- 229 lar (tbooll) — Thcudobach (von tlieut, Volk) — Theodulph (ult) Helfer) — Likolf — Adalmar (der große Edle) — Ewald (der Mächtige) — Walland — Torwald — Fastulf — Toro, Torald, Thorismuud, Thnrstan — Hariobaud — Osmund (von Mund, Mann und Beschützer) — Gummunder, Hildemund — Britomar, Wisimar, Marobod, Theodomir (von -nur, berühmt und mehrend) — Eoric, Ardaric (von lienr, geehrt) — Ollo, Almot, Allorico (von ul, groß) — Odo, Athulf, Eodric (von oll, glücklich) — Adclfried, Adalland (von otliel) —^ Clodic (von lull) — Degenwcrd — Manrich etc. etc. Das Herz erhebt sich froh vor unfern cdcln Urvätern und Urmüttcrn, deren bloße Namen so großsinnig zu uns sprechen; und das Ohr findet sich von spanischen und italiäni- schen Aehulichkeiten geschmeichelt. Gerade für die zwei größten Welttheile der eleganten Welt sind nrdeutschc Namen Geschenke. Erstlich für die Weiber. — Ein schöner Taufname (z. B. Amala, oder unbefleckt) ist die einzige Schönheit, die ihnen Männer und Jahre nicht rauben. Zweitens für Fürsten. -— Bekanntlich haben sie keine andere als Taufnamen, aber deren viele (Kaiser Joseph hieß noch: Benedikt August Johann Anton Michael Adam) und sic regieren mit einem davon (wie man aus dem Unterschreiben sieht) die Länder. Ein wohllautender Taufname aber, z. B. Theodulph (Volksoder erhabener Helfer), könnte gewiß über der Unterschrift des Ministers, dessen angeborner Name, z. B. Kretschmann, selten so lieblich klingen kann, als ein gewählter, die schönsten Kontraste machen. Auch Vätern überhaupt sollten Taufnamen mehr am Herzen liegen, da sic bei diesen das Verdienst, sie gegeben zu haben, herrlicher außer Zweifel setzen können, als bei irgend 230 einem vornehmen Geschlecht-Namen, den sie den Kindern geben. — — Ob ich gleich hier der Welt unbezahlbare Namen, wozu sie, wie zu Tugenden, nichts zu erfinden braucht als die Träger, mit einer gewissen Verschwendung anbiete — da ich in meinen künftigen Biographien Helden und Heldinnen genug habe, welche ohne die köstlichsten Namen gar nicht existiren können: — so bin ich doch, oder eben darum, nicht im geringsten gesonnen, auch nur einen davon an die zeitigen Romanschreiber abzustehen, sondern ich erkläre hiermit öffentlich jeden für einen Namendieb, der irgend einen in diesem Briefe, oder auch im Wiarda, für seine erbärmlichen Helden abborgt, und ihn dadurch natürlich so abnutzt, daß ihn nachher die meinigen so wenig tragen wollen, als einen durchschossenen Trödel-Mantel. Gedachter Schreibtroß besitzt ja Italien; in diesen Namen-Bruch und Schacht fahr' er ein. Ich habe kaum den Muth zu sagen: leben Sie wohl, lieber Sp-, so wenig brieflich ist dieser Brief geschrieben. Jean Paul. Nachschrift. Was ein bloßer Name vermag, sieht man an meinem; sonst könnt' ich ihn leicht vertauschen, um mir nicht zu widersprechen. 231 IV. vr. Fenks Leichenrede auf den höchstseligen Magen des Fürsten von Scheerau. vr. Fenk hielt die Predigt im Kloster Hopf an die Patres, da sie aßen. Schon vor acht Jahren Hab' ich jedermann in der unsichtbaren.Loge*) berichtet, daß er vorher in der Klosterkirche die Disposizion dazu entworfen, während daß man den Magen beisetzte. Seitdem las ich in Mosers Archiv, daß aus Leichenpredigtcn für Fürsten vieles von ihrer Geschichte zu schöpfen sei; ich vcrthcile daher mit Freuden einige Exemplare vom Sermone an die Welt, zumal da man mich fast versichert, daß selber der Konfistorial-Direktor From- man, der (nach Moser) siebentausend fürstliche Leichenpredigtcn aufgespeichcrt, die v. Fcnkischc noch nicht hat erwischen können. Die Patres im Kloster Hops verdienen hier meinen öffentlichen Dank und Preis, daß sie den Spaß, der den ernsten Mann oft mitten in der Trauerrede auf den hohen Magen überfiel, ganz gut verstanden und vergeben haben. Dieses vermag die katholische Kirche leichter als unsere. Gerade in die andächtigsten Zeiten fielen die Narren - und Eselfeste, die Mysterienspiele, und die Spaßpredigten am ersten Oster- 3 Erster Band S. 110. 232 tage, blos weil damals das Ehrwürdige noch seinen weitesten Abstand von diesen Travestirungen behauptete, wie der Zeeno- phontische Sokrates vom Aristophanischen. Späterhin verträgt die Zweideutigkeit des Ernstes nicht mehr die Annäherung des Scherzes, so wie nur Verwandte und Freunde, aber nicht Feinde einander vor den komischen Hohlspiegel sichren dürfen. v. Fenk machte schon vor dem Essen die Patres dadurch ausmerksam, daß er anmcrkte, er würde nie, wenn er auf dem Throne säße und davon todt heruntersänke, sich in so großen, breiten Bruchstücken begraben lassen, wie die Oestreichischen Erzherzoge, nämlich nie, wie diese, blos Herz und Zunge in die Lorettokapellc bei der Hoskirchc zu den Augustinern, Eingeweide und Augen in die heil. Stephanskirchc, und den Torso in die Gruft bei den Kapuzinern:— sondern jeder Stummel, schwur er, und jede Subsubdiviflon seines Gewächs müßte, wie vom Osiris, in ihren eigenen Gottesacker einlauscn. Denn — fragt' er die Väter — warum soll ein Regent nicht nach dem Tode eben so gut überall in seinem Lande seyn, wie vorher, und zwar durch Repräsentanten, wozu seine Glieder so gut wie Staatsgliedcr passen? Und wenn das gelte, fuhr er fort, so könn' er ja recht gut das geheime Kabinct zur Begräbnißkapclle für seine Schreibsinger erlesen, die Anticham- bre für Milz und Leber, den Audienz- und Landtagsaal für die Ohren, die Kammer für die Hände, den Regensburger Re- und Korrclazionsaal als Familiengruft für die Zunge; — ja er könne die Kaiserstraßen oder Königwege zur gcwcihetcn Erde seiner ersten Wege ausheben, und den fernen Fuhrleuten die letzten geben, und die Landständc können sich (die Residenz besitze sein Herz) in seine einsaugendcn Gefäße thei- 233 len. „Mich dünkt — sagt' er etwas stolz, da er ans einmal die ganze schöne Idee überschanete — gegen ein solches topographisches llnivcrsalbcgräbniß kommt wol wenig das elende kleine Parzialbcgräl'niß auf, wozu es einer und der andere gekrönte Stammhalter dadurch treibt, daß er noch bei Lebzeiten aus eignen Gründen nach dem Chirurgus schickt." — Die Eßkongregazion fand den Doktor so oratorisch, daß sie ihn bat, statt des Novizen, der eine Predigt über die Speisctascl hinlesen wollte, selber eine eigne zu halten. Er zog eine Schrcibtasel heraus, und sagte, diese setz' ihn in Stand, dem eingesargten Magen eine kleine rührende Tisch - und Trauerrede zu halten; er bitte sich blos vom Hörsaale die Gefälligkeit aus — weil er im Redcfeucr etwas vor sich sehen müsse zum Ansehen und Anreden — daß es einen im Zimmer liegenden, zum Knaul eingerollten Retter und Schirmer (oder war's ein anderer Jagdhund) für den Leichenmagen halte, und sich sämmtlich für das Traucrkondukt des Schirmers. Dann trat er nach dem ersten Tischgebet ganz bewegt als Parentator vor das Thier, besah cS lange und hob an: „Betrübte Traucrversammlung! Nun haben wir unfern Landes-Magen verloren, hier liegt sein kalter Rest auf die Bahre hiugcstrcckt. Er, der sonst für uns arbeitete und sorgte, wenn wir schliefen, ruht endlich aus von seiner Bewegung, welche so peristaltisch war. Wir wollen über das Staatsglied, das wir hier zur Ruhe bestatten, zugleich die allgemeinsten und besondersten Betrachtungen durch einander werfen. Ein Fürst repräscntirt das Volk, aber nicht blos mit dem 234 Herzen den allgemeinen Willen, sondern auch in mehren Ländern mit dem Magen den allgemeinen Appetit; in Spanien setzen die Rcichsgcsetze dem Könige täglich eine Schüssel- Zcnturie vor; und in Frankreich ließen sie sür ihn nach dem Tode — denn der König stirbt da nie, nach der Fikzion — gerade so viele Tage lang kochen, als Christus hungerte, nämlich 40*), ja die Bienen weisen auf etwas Aehnliches; ihre Dogarcfsa oder Fürstin wird durch zwei Umstände groß und thronfähig, durch eine größere Zelle — ein Biencn-Louvre und Eskurial — und durch fettern Fraß, aus zerdrückten Bienenjungen bereitet. Im letzten hält sich der König von Makoko ganz wörtlich an die Natur; er läßt sich täglich (nach Dappcr) 200 gesottene und gekochte Landskindcr serviren. Wie hart! Wäre cs nicht genug und etwas Aehnliches, wenn er entweder, wie ein durchpassirender ausschmausender Pascha, Zahngeld für das Ab nutzen seiner Hundszähne cintriebe, oder für die Vakanz derselben außerordentliche Steuern einsorderte? — Daher wird sogleich nach der Krönung der Thron als ein Sessel an den Eßtisch gerückt, und speisen ist der erste öffentliche Aktus des Ncugckrönten; daher müssen der Erbhcrr aus Bardolf, der die Grütze auf die brittische Königstafel trägt, der Herr von Lyston, der das Gebäck aussetzt, der Erbhcrr auf Skoultou, welcher Oberspcckverwalter ist, sammt andern Erblandküchcnmeistern und Erblandvorschneidern, früher ihren Posten vorstchcn, als andere Staatsbedientcn von weni- *) Erst 40 Tage nach dem Tode wurde ein gallischer König begraben; und so lange speiset er auf der Serviette. Ein Prälat oder Kardinal verrichtet das Tischgebet vor ihm. 235 ger Wichtigkeit, z. B. der Lord-Major oder der Sprecher des Unterhauses. Darum wird in bessern Ländern daraus gesehen, daß der Mundkoch nicht mit dem Regierungrathe, den man so gern über jenen heben möchte*), in Eine Klasse geworfen werde, da jener doch am Ende sür die längere Sessiontafel arbeitet. Daher speisete der verewigte Magen, den wir hier versenken, so oft öffentlich vor seinem ganzen Fnrstenthume, wie der Groß-Sultan eben deswegen jeden Freitag in die Kirche geht. Der Dalai Lama hält es für hinlänglich, wenn er die Folgen von der Sache sehen läßt. Der Negerkönig ist so despotisch, daß er stets hinter der Decke ißt. Das Gesandtenpersonal glaubt seinem repräsentirenden Charakter durch Gastmahle genug zu thun, die cs theils gibt, theils besucht. Auch geringem Staatsdicnern darf er nicht ganz fehlen. Es verdient bewundert zu werden, wie ich sonst in der Fleischscharre eines Marktfleckens stand, und mehrmal aus einem Rind, das eben ausgehauen wurde, den Adreßkalender der Honorazioreu so komplct herstellte, wie die Passionhistorie aus einem Hechtkopf; ich theilte die Männer blos, wie Frisch die Vögel, nach dem Futter ein. Dem regierenden Konsul, der am meisten zu sagen hatte, starb vom Thier die Zunge an — fette Kollegen erhielten Fettstücke— innere Rathglieder Hintere Rindglieder — äußere nur vordere — der magern Canaille, die nichts an sich hat, als Haut und Knochen und -) Im Kölnischen aber erhielt (S. Magazin zur geisi- und weltlichen Statistik 1. Jahrg. VIII- 2) der Mundkoch 602 Thaler Salar, und ein Ncgicrnngrath 250; so daß jeder nach Ver- hältniß das bekam, was er fordern konnte. 236 leeres Gedärm, kam von dem Maststücke auch nichts anders zu, als was sie schon in sich selber herumführtc. In den Opserschalen, welche die Künstler den alten römischen Kaisern, wie dem dorischen Fries, anbildcn und anmalen, behauptete ich stets, daß sic nicht das Ausgicßcn, sondern das Ein- schöpfen verstellten. In der Natur fließt zwar von den Bergen den Thälern fette Erde zu, aber im Staate mästen besser die Tiefen die Höhen. So ist der päpstliche Thron zwar ein Hnngcrthnrm, aber nicht für den Bischof Hatto droben, sondern für die zappelnden Kirchenmäuse unten, die nicht hinaus können. Betrübtes Trauer - und Eßgclag! Du seufzest unter dem Genuß des Lcichcnmahls, womit du das Abscheidcn nnscrs Magen feierst, und die Bissen treiben dir Thräncn ans. Wische sic ab, setze deine Trauer darein, daß du in den Fuß- tapfcn des hingcgangencn Gliedes wandelst. Ihr wisset. Leid- träger, daß ihr im Kirchenschiff, eurem Proviantschiff, nicht umsonst fahret, sondern daß euer Leben ein langes Nachtisch- gebet sehn soll, hingebracht nicht in gelehrter Zerstreuung, sondern in genossener. Da der Klerus-Magen in den Klostcr- Prytancen der erweichende Vogelkropf am Staats - Phönix scyn soll; da die Kirche auch blos darum, wie Epikur und andere Alte, so oft fasten läßt, um den Hunger zu reizen, und sie euch sogar das Gelübde des Schweigens unter dem Essen anflegt, damit euch alles besser zuschlage: so seid ihr verbunden, der großen Welt voranzugchen, die so schwache Eßlust und doch so viel zu essen hat; weil sie das Brokardi- kon Marcians nicht blos ans Dokumente einschränkt: non solent, guas kibanclant, vitiaro scrlpturno, d. h. es thut nichts, was zuviel dasteht. — Ritter Michaelis bewies, daß die Priester des alten Bundes bloße Schlächter wären; und dieß spreche für euch. Muntern euch keine Staatsglieder auf, die in ihren Pflichten starben? — Hier liegt ein betrübtes, aber großes Beispiel vor uns; der hier unten seinem Erwachen entgegenschlasende Magen kam durch Arbeitsamkeit an den Ort, wo wir ihn betrauern. Er wollte zuviel auf sich nehmen und in Saft und Blut verwandeln -— er wollte, gleich dem Wasser der Neptunisten, ganze ausgelcerte Austcrbänke für die Nachwelt absctzcn — er wollte eine europäische Niederlassung wichtiger Konsumtibilicn werden und alles einsühren in sich: — jetzt schläft er. Wird er aber wieder erwachen, unser hoher Magen, zum Lohne seiner Arbeiten? Hoch — Hochwohl — Wohl — Hochedelgcborne Trauerversammlung! Das ist ausgemacht! Nicht zwar der irdische schwere Magen ersteht, aber der verklärte. Bonnet und Platner kundschafteten im jetzigen Körper und Seclcnorgan einen zweiten Körper aus, mit seinem zweiten Seclcnorgan, und führten Gründe an, die cs glauben lassen, daß sich das zweite konservire und letzlich aufschwingc. Ist das, und füttert in der That ein seiner Untcrziehmensch den äußern groben aus: so muß sich auch in dem ersten Magen ein präsor- mirter ätherischer aushaltcn, wie beim Krebs der alte im neuen. Schon Van Helmont wickelt die sensitive Seele in die Magenhant, und Parmcnides gar den ganzen Geist. -Wie, sollte keine glückliche Erfahrung die Hypothese eines Acthermagens stützen? — Woher kommt es denn, daß die vornehme Welt, wenn sie den Erdenmagen ausgefüllt hat, sich doch immer nach feinerer Zehrung für den Himmelmagen 238 umsteht? — Himmel! was sind denn Schaugcrichtc? — Sind diese nicht eben die vollen Schüsseln für den ewigen Magen, der sic daher blos mit den feinsten Freßspitzcn, mit den Sehnerven aufzehrt? Das Phänomen der Schaugerichte wurde bisher noch schlecht erklärt; und wenige Leute in Schulen wußten, warum sic den Namen Schau-Essen Materien und Formen lassen sollten, die höchstens nur für den Vogel Strauß brauchbar und nahrhaft wären. Allein es bringt Licht in die Sachen, wenn man erkennt, daß eine speisende Hoftasel ja nicht blos die untern Seclcnkräste des Unterleibs, die nur materiellere Trebern fordern, sondern auch die obcrn Seelen- und Magenkräste, die, wie bei den Krebsen, im Kopfe, und zwar im Auge sitzen, entwickeln will an optischem Manna. Veredelte, übersinnliche Seelen dieser Art, welche, dem Volke des Ktesias so ungleich, das sich nur vom Geruch der Früchte erhält, viel seiner von der Physiognomie derselben leben, diese haben in ihrem eignen Bcwußtscyn den gewissern, Hähern Beweis einer schönern, hohem Natur, gleichsam des Magens eines neuen Adams; und blos daraus können sie die Hoffnung ihrer Fortdauer bauen. Die Völker, welche Todten Speise versetzen und mitgcben, die er mit dem gestorbenen Magen nicht verdauen konnte, scheinen etwas von einem fort- lebenden vorausgesetzt zu haben. Jndeß. so wie ein Lasterhafter im ganzen Himmel kein Vergnügen fände, so würde ein Hungerleider — voll grober Begierden >— in einer ganzen Garküche voll Schaugerichte keine Sättigung gewinnen; er muß erst veredelt (oder gesättigt) seyn. Gebildete Damen haben meist den irdischen Magen dermaßen ertödtet, daß sie — so wie Christus, nach dem Clemens von Alexandrien, Essen genoß, nicht weil er's brauchte (eine himmlische Kraft machte 239 ihn satt), sondern um sich nicht das Ansehn eines Schcin- körpers zu geben — daß, sage ich, die Damen gleicherweise grobe Sachen essen, nicht um satt zu werden (Schaugerichte beköstigen sie genug), sondern um zu zeigen, daß sie selber keine Schau- oder Schein-Körper sind, um so mehr, da ihre Pariser Schau- oder Schein-Wangen, Schein-Adern und Haare so leicht diesen Jrrthum weiter säen. Und so wird denn der selige Magen vor uns einst die irdischen Schlacken abschütteln, und geläutert erwachen, und im Anschauen ewiger Küchenstücke leben." — — Soweit war v. Fenk, als der Pater Küchenmeister aus Bosheit den Schirmer mit einem Tritt auf den Schwanz erweckte, und ihm ein leeres Markbein zuwars, so daß der Hund anfing, mit dem Bein im Maul herumzugehen. Inzwischen da der Lcichenredner nur noch fünf bis sechs Kadenz- periodcn nachzutragen hatte: so ging er lieber fortfahrend hinter dem Thiere nach und sagte: „Und wir, wenn wir Landes-Waisen einst unserm hohen Magen wieder begegnen und ihm danken wollen für "-Da aber der Hund, voll Verdruß über das Nachsetzen, vielleicht präsumireud, der Redner woll' ihm den Knochen nehmen, zu murren anfing und sich wehren wollte: so fiel jetzt die Sache ins Lächerliche, und selber der Pareutator mußte mitten im Jammer lachen und brach ab. 240 V. Ueber den Tod nach dem Tode; oder der Geburttag. Das Schloß des Jünglings, dessen Taufname Ernst uns genügen mag, ruhte einem großen englischen Garten im Schooß, und der Garten wieder einer stolzen Ebene voll Berg- Häupter. Darin sollte sein Gcburttag von seiner Mntter, von mir und — wenn fie noch Morgens käme — von seiner Verlobten schön gefeiert werden; auch niemand hatte etwas dawider, ansgenommen der Festhcilige selber. Ich nenn' ihn so, weil er oft sagte: er wünsche um keinen Preis irgend ein Schutzheiliger oder gar die Maria zu sehn, wenn er an seinem Namentage das widrige Preisen und Posaunen der Menschen im Himmel hören müsse; wicwol es mit dem Allcrhei- ligstcn — oder richtiger, mit dem Alleinheiligcn — noch schlimmer stehe. Ordentlich mit der Härte des Egoismus gegen Feindseligkeiten könne er Frcundseligkeiten ansallen und berenncn; ein Gcburttag, sagt' er, wenn cs nicht ein fremder wäre, sei vollends dumm. Lasset den Jüngling! Eine rechte Jungfrau ist auch eine Heilige, warum nicht der rechte Jüngling ein Heiliger? — Beide sind unschuldig höhere Kinder, denen nur nach der Laubknospe auch die Blütcukuospc zerspringt. Ein Jüngling ist ein Lebens-Trunkener, und darum glüht er — wie einer, der sich durch physische Trunkenheit die jugendliche zurückholt — vom Wangen - und vom Her- zcnsfeuer des Muthes und der weichsten Liebe zugleich. Die menschliche Natur muß tiesgcgründcte Güte haben, da sie gerade in den beiden Zuständen des Rausches, die sie verdoppeln und vor den Vcrgrößerspiegel bringen, statt vergrößerter Mängel nichts enthüllt, als das Schönste und Beste gereift, nämlich Blume und Frucht, Liebe und Muth. Der schön-widerspenstige Jüngling, der, wie meistens Jünglinge, nichts von seinem morgendlichen Wiegenfeste wußte, sollte am Morgen von der Ankunft seiner Verlobten und seines Festes zugleich überrascht werden mit einer neuen Hellen Welt; wir sprachen zusammen tief in die Nacht, aber Gespräche an dem Vigilien- und heiligen Abende einer geschloß- neu Lcbcnsfrist werden leicht ernst. Unversehends hatten wir uns wieder in den Staub unsers alten Kampfplatzes verlaufen; er behauptete: man werde in der zweiten Welt wieder sterben, und in der dritten u. s. w. Ich versetzte, man müsse gar nicht sagen zweite, sondern andere Welt;— nach dem Zerbröckeln unseres körperlichen Riudcnhauscs sei ja die sinnliche Laufbahn abgeschlossen, die Erwartung einer neuen sinnlichen, gleichsam ihrer Wiederholung in einer höhcru Oktave, werde blos von der Phantasie untergeschoben, die ihre Welten nur mit den Armen der fünf Sinne baue und halte — und wir dächten wie die sincsischen Tataren, die ihre Todtcn mit goldpapierenen Häusern und Gcräthschasten, im Vertrauen deren Verwirklichung droben, aussteuern, und besonders sei die Seelenwandcrung außerhalb der Erde durch die Leiber auf andern Sternen ganz unstatthaft, schon nach Seite 106 im Kampancrthal. Ernst warf mir den ganzen rein-blauen Sternenhimmel vor uns ein, dessen Welten ja ein solcher jüngster Tag unse- Jean Pauvr ausgew. Wcrlc. XV. ig 242 res Todes alle so einschmelze, daß aus dessen ganzer versperrter Unendlichkeit uns blos das einzige Erd-Sternchen wäre offen geblieben. Ich antwortete: dieß folge zwar nicht — da wir nicht alle Wege der Erkenntniß neben unfern snnfen kennen, nnd da wir Blindgeborne die Sonne durch den Tod der Gefühlnervcn verlieren, und doch durch das Erwecken der Sehnerven wieder bekommen können — aber gesetzt, so sei es, so wären wir dann nur eben so von den Welten, wie jetzo von den zahllosen Jahrtausenden vor uns, geschieden. — Hingen die Sterne näher nnd als Erdmassen vor uns, oder sähen wir außer denen droben zugleich die drunten: so wäre man schwerlich aus die Hoffnung dieser himmlischen Völkerwanderungen verfallen, und hätte unserer heiligsten Sehnsucht nicht die Richtung nach einer blos metaphorischen Höhe gegeben. — Der Zeltische Himmel ans Wolken, und der jetzige aus Welten, wären uns nur in der Größe verschieden, ja der griechische sei besser, der die schattige, träumerische Unterwelt cinnehme. Ernst versetzte mystisch, es gebe ein absolutes Oben, welches, im Siege über die Schwerkraft, in der Freiheit bestehe, und das die Flammen und die Wurzclkeime aus dem Avers nnd Revers unserer Kugel suchen. — Gegen meinen Unglauben an eine zweite Verkörperung und Menschwerdung fragt' er: ob das Erkennen und das sittliche Handeln ohne irgend eine möglich sei — — „bei endlichen Wesen meinen Sic ohnehin, setzt' ich dazu: denn vom unendlichen ist's gewiß" m,d wenn das künftig seyn könne, warum man denn überhaupt die erste hiesige umbekommen? — Aber das völlige Ausscheiden aus unserer Körperwelt sei undenkbar, insofern der Tod es vollführcn solle, der sie ja, wie der Schlaf und 243 die Ohnmacht, nicht dadurch für den Geist aufhebe, daß er sie verändere; und wenn einmal das Gehirn eine Tastatur des Geistes war, so behalte er doch nach dessen Zersetzung noch die Körper übrig, wodurch und worin dasselbe zersetzt geworden; zumal da keine Kraft im Universum zu verlieren sei. — Das Universum ist der Körper unsers Körpers, fuhr er fort, aber kann nicht unser Körper wieder die Hülle einer Hülle seyn, und so fort? Für die Phantasie wird cs faßlicher, wenn man ihr cs auszumalen gibt, daß, da jede mikroskopische Vergrößerung eine wahre, nur aber zu kleine ist*), unser Leib ein wandelnder organischer Kolossus und Weltbau ist; ein Weltgcbäude voll rinnender Blutkugeln, voll elektrischer, magnetischer und galvanischer Ströme, ein Universum, dessen Univcrsalgeist und Gott das Ich ist. Aber wie die Schmettcrlingpsyche eine Haut nach der andern absprengt, die *) Dieses ist mathematisch wahr. Die Vergrößerung — die nichts als eine nähere Annäherung — erschafft und organisirt ja z. B. nicht den Flaum der Schmetterling-Flügel, den sic aus der relativen Ferne hcrüberzieht (so wie nicht die nahe Größe, sondern die ferne Kle inhei t einer Gegend scheinbar ist), mithin, da jede Mücke unter dem Mikroskop die enthüllten Acdcrchcn u. s. w. und deren Verhältnisse wirklich hat, die jenes zeigt: so wird sie ja darunter nicht vergrößert, sondern nur weniger verkleinert gezeigt; weil die Vergrößerung im umgekehrten Vcrhältniß der Fokus-Ferne besteht, und diese am Ende so klein gedacht werden kann, daß nur noch die der Krystalllinsc von der Retina übrig bliebe, und man das Objekt in, nicht vor dem Auge haben müßte. — Die absolute Größe ergebe sich ans dem Zusammenfällen des Gegenstandes, des Fokus und der Retina. Es gibt also auf der Erde gar keine Vergrößerung, sondern nichts als Verkleinerungen. 16 * Ei-Haut, die vielen Raupen-Häute, die Puppenhaut, und endlich doch mit dem schön bemalten Papillonkörper vorbricht: so kann ja unsere Psyche den muskulösen, daun den nervösen Ueberzug durchreißen, und doch mit ätherischem glänzenden Gefieder steigen. Schon hier bereiten ihr oft Berglust, Getränke, Krankheit ein dünneres Element, worin sie leichter und mit den aufgehobenen Flügeln halb außer der Welle flatternd schwimmt; wie muß sie nicht erst im hohen Acther, im leichten weißen Brautkleidc des zweiten Lebens, fliegen und eilen'? — Aus der Wirklichkeit war freilich gegen diese Möglichkeit, den goldncn Wiederschcin derselben, nichts zu schließen. Dabei hatte der feurige Jüngling, nach Landcsart der Schwärmer, Einwürfe verschiedener Gattung wie ausländische Truppen in eine Linie gestellt. Ich macht' es nachher nicht besser, als ich triplizirte. Aber er ließ mich noch nicht dazu kommen, sondern trug erst diese Möglichkeit gar nach: „Wir kennen nur die äußersten Ueberzich-Kleider der Seele, aber nicht ihr letztes und nächstes, ihr Hemde. Unter allen Erscheinungen von Verstorbenen sind z. B. die von eben Verstorbenen, oder von Sterbenden am schwersten rein abzuläugncn; die unzähligen Todten der Jahrtausende verhüllen sich uns, aber der Tvdte der Stunde trägt gleichsam noch Erdenstanb genug an sich, um damit noch einmal im Sonnenstral des Lebens vor einem geliebten Auge zu spielen." Ich wollte beinahe entgegensetzen, warum uns keine verstorbene Thicrscelen erschienen, und daß die Erscheinung blos verwandter Sterbenden und Gestorbenen ja deutlich ihre Ursache und Erklärung, nämlich die Täuschung der Liebe und Furcht, ansage; aber ich unterließ den Zweifel; über Geister- 245 erscheinungen wurde ohnehin bisher noch nicht mit rechter Religion und Freiheit zugleich gcurtheilt, und am wenigsten können gegen sie, so wie gegen den thicrischen Magnetismus, negative Erfahrungen entscheiden, die eben darum gar keine sind. Mich besticht jeder Gebildete, der Geistererscheinungcn glaubt, weil er mich an die religiösere deutsche Zeit erinnert, wo man sie eben so fest glaubte, als aushielt. Ich tri- plizirte aber nun auf alles Vorige: man nehme das Körperkleid so sein gewoben an, als man wolle, so verhalte sich's doch zum Ich, wie der unorganifirte Rock zum organischen Leibe; ein einziger irdischer Nerve sei aber schon der Sperrstrick vor der andern Welt, und ein einziges Erdstäubchen ziehe die ganze Erde, unser ganzes irdisches Treiben nach sich; das Leben nach dem Tode sei dann eines vor demselben, und der Gestorbene vom Lebenden nur dadurch verschieden, daß er hinter dem Alter alt, und aus dem Neunziger ein Millionär werde; wir hiesige Nacht-Raupen verwandeln uns dann nicht in Schmetterlinge, sondern in Tag-Raupen, und fressen und kriechen dann blos im Sonnenschein. „Aber, fuhr ich im Enthusiasmus fort, was wir begehren, und was allein zu beweisen ist, das muß etwas anderes seyn; die Welt des moralischen Herzens klingt, wie ein Ton unsichtbar und zum Wehen unwirksam, in der groben der Sinnen; — will denn unsere Liebe, unsere Freude, unsere Gottes-Ahnung etwas. Was auf einer harten Körper-Welt, sei es auch die schönste, erscheinen kann? Die schönste, die ich in dieser Art kenne, ist die von der Phantasie, dieser rechten Weltschöpferin; und doch muß eben diese allgewaltige Weltseclc alle ihre Weltkugeln, damit sie Zauberlicht gewinnen, mit der Morgenröthc und Milchstraße der künftigen Unendlichkeit ahnend umziehen. Wie 246 die Geister-Furcht sich vor wahnsinnigen neuen Schmerzen entsetzt, die nicht vor dem Einflüsse, sondern vor der bloßen Gegenwart des Gegenstandes beben, und die uns gar keine Gestalt dieses Mittaglcbens machen oder heilen könnte: so gibt cs auch eine Geister-Hoffnung und Geister-Liebe, die nicht Wirkungen, sondern Dascyn der Wesen begehrt, und welche keiner irdischen Freude abborgt, sondern höchstens den besten heimlich darlciht. Unser armes, wunden-volles Herz habe sich auch nach allen Seiten noch so oft wieder geschlossen, so bleibt doch daran eine angcbornc Wunde offen, die nur in einem andern Elemente des Dascyns zufällt, wie sich am ungebornen Kindcrherzcn die eiförmige Ocffnung erst verschließet, wem: es ein leichteres Leben athmet. Darum wendet sich ja unsere obere Blattseitc, wie bei Blumen, so oft man sie auch gegen den irdischen Boden umdrehe, immer wieder gegen ihre Himmclscite herum." „Angcborne Wunde!" wiederholte der Jüngling mit einem Seufzer; „unsere Wunde oder unser Himmel ist offen, sagt' ich angcseuert, dich ist eins und kein Wortspiel. Oder soll der Tod auch in jener Welt uns wie sklavische Krieger immer wieder von neuem einquarticren? — Wir, jetzt der Libellen-Nymphe gleich, deren vier Flügel sichtbar in den Scheiden kleben, sollen einmal nur neue Scheiden aus alten ziehen, und dieses Ausscheiden Fliegen heißen? Und wenn wir, vor der Sündfluth des Irdischen uns rettend, zu heiligen: Bergen geflohen, sollen wir auf jedem, wie auf dem Pilatusbergc, wieder einem See begegnen? Und die Ewigkeit wäre blos ein ewiger Verhalt auf der Dissonanz?" Jetzt kam der Jüngling durch mich zu sich, und er fragte mich kalt: „Demnach müßte ich doch irgend eine Original- 247 Vorstellung vom andern Leben geben können; weil nur dieses Urbild jedes Urtheil über ein Nachbild rechtfertigen könne." — Ich antwortete: Könnt' ich das künftige Leben beschreiben, so hätt' ich es und der, der mich verstände; der ncuge- borne Säugling aber drängte sich durstend nach einer Kost, die er nicht chemisch prophezeien könne, und die doch der Instinkt verbürge und treffe. Von der andern Welt sprechen wir jetzo, wie Blinde vor dem Staarstcchen von der sichtbaren — alle Malereien ihres Morgcnroths würden, wie bei jenem Blinden, auf Dcfinizioncn vom Trompetenton hinauslauscn. Hier spräche aber — versetzte der Jüngling — der Blinde doch nur zum Blinden, und Aehnlichcs orientirtc sich durch Aehnliches. Aber eben darum, da kein Sinn durch die vier andern (und hier sollen sie gar über Nicht- und Ucbcr-Sinne richten) gegeben sei, und das so wenig als z. V. durch alle Far- bcnebcncu ein Ton, daß wir diesen für ein Ich unter den sprachlosen Flächen halten würden, wenn sich nicht Geruch, Geschmack, Gefühl eben so schneidend und selbständig, wie der Ton, von den Farben schieden; und da doch diese fünf unähnliche Welttheile sich zusammenknüpsten und unterstützten: so sei aus ihrer irdischen Entfernung von einem künftigen sechsten, siebenten u. s. w. gar nichts gegen das Dascyn und Verhältniß eines ähnlich-unähnlichen eben besagten sechsten, siebenten u. s. w. zu folgern; umgekehrt vielmehr alles dafür. Das war etwas, und doch nur einseitig und halbseitig. „Das Herz, sagt' ich, braucht aber etwas anderes als Sinnen, man geb' uns tausend neue; der Lebensfaden bleibt doch auf dieselbe Weise leer-verglimmend, der leichte Punkt des Augenblicks lodert an ihm hinauf, und der lebendige Funke läuft zwischen dünner Asche und leerer weißer Zukunft. Die Zeit ist ein Augenblick, unser Erden-Seyn, wie unser Erden- Gang, ein Fall durch Augenblick in Augenblick. Unser Sehnen wird uns für dessen Gegenstand, so wie der wirkliche Durst im Traum für sein wirkliches Löschen im Wachen, Bürge, so oft auch der Traum mit geträumtem Trinken Hin- Halte. Ja diese Aehnlichkeit wird Gleichheit; denn gerade dann, wenn dieses Leben am reichsten austheilt, z. B. in der Jugend, und wie eine Sonne uns mit Morgenrots) und Mittaglichtern und Mondschein blendet, gerade dann, wenn das Leben unsere höchsten Wünsche aussüllt, da erscheint das fremde Sehnen am stärksten, und nur um ein ebenes Paradies des Erdbodens wölbt sich der tiefe gestirnte Himmel der Sehnsucht am größten. Woher dieß sogar bei den geistigsten Seligkeiten? Eher sollte man das Sehnen erwarten von der Leere." — „Die Sehnsucht konnte ja ihr eigener Gegenstand sehn" — versetzte Ernst. „Ich begehre (antwortete ich, gleichsam zur Parodie) keine Antwort auf meiuc Frage, ob man nach Dürsten dürsten würde, ohne getrunkenes oder zu trinkendes Wasser: sondern Sie fahren fort." „Ich antwortete eben — versetzte er — daß, wenn wir nach Ihren Behauptungen mit der ganzen sogenannten andern Welt schon in der hiesigen leben und ausdauern, und jene als einen himmlischen Regenbogen des Friedens schon über diese spannen: so könnte sich dich ja so fort vererben von Erde zu Erde (wir brächten immer die andere Welt dahin mit.)" „Dann, erwiederte ich, wär's einerlei, wo man lebte, und kein Weiser könnte etwas Höheres verlangen vom Leben, als es fort zu erleben, d. h. neue Geburttage." 249 „Sehen wir uns denn wieder, wenn wir aus der Zeit in die Ewigkeit gehen?" fiel die liebe Mutter ein; denn das liebende Herz der Weiber sucht in der Zukunft zuerst das Geliebte; daher hört man diese sorgende Frage nach Wiedersehen zuerst von ihnen. „Was göttlich ist an der Liebe, das kann nie untcrgchcu, sagt' ich, oder sonst, da das Irdische ohnehin vermodert, bliebe gar Nichts. Aber der altchristliche Ausdruck, ans der Zeitlichkeit in die Ewigkeit, das ist der rechte; hinter dem Leben gibt's keine Zeit, so wenig wie vor dem Leben; über das andere Leben lastet sich so wenig etwas darüber hinaus denken, als über den Urgrund alles Scyns." Ernst wandte noch schnell ein: „und doch spreche man von Fortdauer, und wolle mit diesem Zeitpleonasmus alle Zeit vernichten; aber gesetzt, warum wolle man denn vor der Ewigkeit vorher, für welche Millionen Jahre nicht mehr wären als achtzig, uns nur letzte, nicht auch die Millionen zugestehen?" Ich mußte dieß einräumen, und sogar noch fester machen, indem ich versetzte: „dieß komme denn und Trillionen dahinter; denn so gut der Schöpfer hier unsere Spiel- und Laufbahn über Eine Erde gehen ließ, so kann er sie noch über tausend Erden ziehen, nur muß der Weg ein Sonnenziel haben, oder wir jagen ewig einem rückenden Regenbogen nach." Wir waren nun einander freundlich, wie vorher feindlich, näher gerückt, und hörten aus mit Recht; ein solcher Streit kann nur abgebrochen, nicht abgeschlossen werden, er lässet, wie die ganze Philosophie, nur Waffenstillstände, nicht Frie- deuschlüsse zu. Alle Untersuchungen sollten daher, wie die platonischen und lesfingischen, poetisch, nämlich dramatisch sehn, damit sich hinter dem Reichthum der Ansichten die Ansicht des 250 Autors versteckt erhielte, weil der blinde Gläubige so gern und zuerst diese als eine Autorität aussucht und annimmt, um sich dann in ruhigem Besitze aller übrigen nur zu deren Vcrthcidigcru und Geschästträgern, statt zu Richtern zu machen *). Ich wende mich wieder zur Geschichte, die sreilich in so vielen Schlußkctten kaum drei Schritte thut. Ich und die alte fromme Mutter hatten uns beredet, den Jüngling zum Gcburttag, wie den Montaigne, mit Musik zu wecken, womit sich andere einschläfern. Blos mit einer Flöte wollt' ich ihn hcrausblaseu aus dem dunkeln Reich. Am Morgen, da ich diese in die Hand genommen, kam schon seine verlobte Ernestine eingerollt, welche deshalb die ganze Nacht gefahren war. Es stand noch nichts weiter vom Morgen am Himmel — nicht drei Aurora's-Sonnenblumen — als der kühle weiße Morgenstern. Aber der Wiegenfest-Schläfer, den ich ins Leben blasen wollte, war gar noch nicht daraus gekommen, sondern hatte die Nachmitternacht und den Vormorgen im Freien verwacht. Wir hatten ans der Ernestinischen Ucberraschung «ine noch schönere für ihn bilden wollen, und glaubten uns durch eine schlimmere um jede andere gebracht. Ich sucht' ihn im Park, und fand ihn endlich, doch im — Schlafe; er hatte sich auf der anmnthigsten Moosbank gesetzt, wahrscheinlich um der Nachtigall und der Kaskade hinter sei- ") Alle diese flüchtigen Untersuchungen sollen sich in tiefere verwandeln, wenn mir die Vorsehung Kräfte und Tage gönnt, das Kampanerthal (über die Unsterblichkeit der Seele), an welchem ein Vierteljahrhundert lang mein Inneres und meine Leiden und Freuden weiter gearbeitet haben, in Kampancr- thäler auszudehnen. 251 nein Rücken zuzuhören, und den Strom und den Morgen vor sich zu sehen, aber der Abendkricg und die Morgcnkühle und Sonnennähe hatten wieder die Sinncnthore langsam zugezogen. Das Morgenrot!) glühte aus seinem gesundrothen Gesicht, und Träume zitterten durch die zarten Fibern. Ernestine allein stellte sich mit Augen voll Freudentropscn vor die ruhige Gestalt. Ich fing von ferne leise Flötentöne an, die noch wie Mattgold in seine Traumaurora zu verweben waren. Die Sonne brannte immer Heller ins Morgengcwölk hinauf. Plötzlich regte er bange die Arme — seine Lippe zuckte — sein Augenrand quoll weinend über — die Flötentönc bebten aus seinen Zügen nach. — Da fürchtete Ernestine, ihn quäle ein harter Traum; sie winkte mir, ihn mit Tönen zu erlösen, und legte, seine Hände nehmend, ihre schöne Wange leise an seine Brust. Er fuhr aus dem Traum — er sah Ernestine groß an, und kam, als gehöre sie in den Traum-Wahnsinn, durch ihr freundliches liebes Antlitz wieder in denselben zurück — bis ihn endlich das Wort und das Licht zu allen Freuden wach und lebendig machten. Hört nun seinen Traum. Der Tod in der letzten zweiten Welt. Endlich sind wir im Vorhofe der Ewigkeit, und sterben nur noch einmal, sagten die Seelen, und dann sind wir bei Gott. Aber wie rinnend und flatternd ist das Land der Seelen! Im ganzen Himmel waren Sonnen, die ein Menschenantlitz hatten, nmhergelegt, sie sahen uns blos mit einem Mondlicht an, eine nach der andern ging blos in der Höhe unbegreiflich unter, aber an keinem Erdenrand, und wurde vorher ihre eigne Abendröthe. Jetzo sind nur noch tausend Mondsonnen lebendig, sagten wir, wenn die letzte im Zenith cinsinkt, so geht Gott auf und tagt. Nach jeder versiegten Sonne wurden unsere Gestalten verkleinert. Wir sind doch keine Träumer mehr, wie aus der Erde, sondern schon Nachtwandler, und wir müssen bald erwachen, sagte ich; ja, wenn wir aber erst kleine Kinder sind, sagten die andern. Die Körperwelt wurde immer flüssiger und rann leicht. Mit bloßen Gedanken bogen wir goldne Bäume nieder, und rückten Gartenberge von thauigcn Auen weg. Ein Eisberg, aus dichtem Mondlicht gegossen, stand mitten unter Rosen, ich nahm meine Gedanken und löste ihn auf, und goß ihn gleißend über die breite Rosenflur. Ich stand vor einem glatten blauen Pallast ohne Thore, und mein Herz klopfte sehnsüchtig davor; siche, wie vor dem Erdbeben Thüren aufspringen und Uhren schlagen, so that sich vor meinem Herzklopfen der Tempel auseinander; siehe, mein Erdenleben blühte darin an seinen Wänden, in Bilderchen angemalt, kleine Harmonikaglöckchen schlugen meine Jugendstunden nach; und ich weinte, und ein alter Erden-Garten war an der Wand, und ich rief: schon darin, schon in jenen grauen Zeiten drunten, sehnt sich dein armes Herz wie jetzt, ach, das wird lange! — Da segelte die weißschuppige, endlose Schlange durch die hohen Blumen an mich heran, um sich unaufhörlich um mich zu gürten, aber ich nahm unter ihrem Aufsprunge meine Gedanken, und wand die Schlange unausgesetzt als Perlenschnur um meinen Leib; da vertropften wieder diese Perlen als Thränen: gut, sagt' ich, ich weinte ja schon vorhin, eh' sie kam, und noch viel länger. „Es ist schon Ewigkeit, sagten einige, denn die Körper gehorchen dem Sehnen; die Raupen auf Blumen fliegen als Schmetterlinge aus, wenn wir's denken — der dicke Schlaf kommt, sogleich wird er ein durchsichtiger Traum — wir blicken ins dunkle Grab, und schlagen cs durch mit dem Augenfunken, und unten sieht aus dem zweiten Himmel ein mildes Sonnengcficht herauf." — „Nein, es ist erst Zeit, sagten die andern, seht nach dem Zifferblatt." — Aus einer weißen hohen Gcsctztafcl flogen noch die wimmelnden Kugelschatten umlaufender Welten durcheinander. Nur die Töne allein konnten wir nicht verändern, denn sie sind selber Seelen, sagten wir. Sie waren schon aus der alten tiefen Erde bei uns gewesen, und waren uns nachgegangen durch die Sonne, durch den Sirius und den unendlichen Sternen-Weg; sie waren die Engel Gottes, die uns von seinen Himmelhohen erzählten, daß das Herz vor lauter Sehnsucht in seinen eignen Thränen starb. Jetzt zog die Ewigkeit näher. Die Sonnen rings am Himmel-Rand waren alle eingegangen, und nur noch einige sanfte blickten mit einander an der dunkeln Höhe zusammen. Wir waren alle Kinder geworden, und der eine sagte zum andern: Du kennst mich, und ich dich sehr gut, aber wir haben keine Namen. Helle gespannte Farben erklangen; hohe Töne blitzten oben im Flug, und die ticfern ließen am Boden Blumen fallen. Es donnerte; jetzo bricht das Welten- Eis, sagten wir, es wird schmelzen, und rinnen und verrinnen. Wo bleibt aber mein kleines aus der Erde verstorbenes Kind, sagte selber eines. Es schwimmt in seiner Wiege auf dem Weltenmeer daher, antwortete das andere. Nun stand nur noch eine Sonne mild und bleich am gewölbten Blau. — Der rollende Eisdonner verlief sich zu tiefen Tönen, und endlich zu fernen Melodien. — In Abend 254 stiegen goldnc Wolken aus dem Boden gen Himmel, und Sternbilder schlichen sich hinter ihnen zu dem Boden nieder. — In Morgen stand die Ewigkeit hinter den letzten vergehenden Wolken, es war eine große verhüllte Glut hinter einer im Sturme umgctricbncn Regenwolke. Aber die Kinder sahen nur noch hinauf zur letzten Sonne, die oben untergehen wollte.— Da kamen die Töne, in denen ihre letzten Welten sprachen und starben; und die Kinder weinten alle, weil sic ihre lieben alten Erden-Melodien hörten, nnd sie beteten kindisch so zu Gott: „Wir sind ja deine Kinder, Vater, wir sind in allen Welten gestorben, und wir weinen immer noch fort, weil wir ja nicht zu dir, zu der ewigen Liebe und Freude kommen. -— O wurde nicht der Himmel so tausendmal oft höher über uns, und so tausendmal tiefer, und unser liebes Erdclein verschwand bald rechts, bald links, und wir blieben immer allein? Höre, wie die guten Töne für uns beten!" — Plötzlich glomm hoch in der fernen Unendlichkeit die goldne Flügelspitze eines unsichtbaren Engels an — die schmachtend- bebenden Kinder wurden unsichtbarer, wie Saiten, wenn sic zittern und tönen, und verklangen im Gebete... Da sing die letzte Sonne oben zu lächeln an, und schlug blaue Augen auf. — Der Engel mit rothen ausgebreiteten Feuerflügeln rauschte herunter, um mit ihnen die Welten-Aurora weg zu streifen, die um Gott hing... Und siehe, die letzte Sonne stand als Gott unten bei mir, die Welten waren verschwunden, und ich sah nichts weiter — und erwachte... Aber der Jüngling erwachte, mit seiner Geliebten an der Brust, und sie lächelte angeschmiegt in sein Auge empor. Gegenüber fuhr die Morgenröthe auseinander, die Erden- 255 Sonne trat zwischen ihre Goldbcrge, nnd warf schnell einen Flammenschleier über die entzückten Angen, nnd die lächelnde Mutter kam zur Seligkeit; der Strom floß schneller, der Wasserfall sprang lauter, und die Nachtigallen sagten alles inbrünstiger, was ich hier sage. „O Freunde— sagte Ernst, von dem Traume und allem begeistert, und wollte gleichsam durch das Aufopsern des Gestern und durch das Einstimmen in den mütterlichen Glauben an eine Ewigkeit ohne Tod, dankbar die liebende Rücksicht aus sein Glück abwenden und belohnen — o Freunde, wie licht ist das Leben! Das Wachen ist nicht blos ein hellerer Traum; dieser Affe unsers heiligen Bewußtseyns stirbt vor den Füßen des wachen inncrn Menschen, das geträumte Erwachen wird vom wahren vernichtet. -— Und so werden einmal von der Ewigkeit alle unsere Träume über sie vertilgt." — Und hier endige der endlose Streit! Eine Braut weint selig über den ersten Geburttag des Herzens, das nun dem ihrigen bleibt; aber das wiedergeborne weint selig über die sympathetische Seligkeit des fremden; so muß cs seyn und so gehören wir der Liebe au. Ernestine fragte in sanfter Rührung: kann es denn droben etwas Höheres geben, als die Liebe? — Wahr, Ernestine! Nur in ihr — und in einigen andern seltenen Blitzen des Lebens — reicht die Wirklichkeit blühend in unser innrcs Land der Seelen herein, und die äußere Welt fällt in eins zusammen mit der künftigen; die Liebe ist unser hiesiges Seegesicht*), und die tiefen Küsten unserer Welt erheben sich vor der alten. *) Die Erhebung oder das Secgcsicht ist die optische Täuschung, daß ferne, noch unter dem Gesichtkreise liegende Küsten sich heraufgehoben zeigen. 256 Mit dieser Gesinnung wurde das schöne Fest froher gefeiert. Unser ganzes Leben ist ein nie wiederkommender Gehurttag der Ewigkeit, den wir darum heiliger und freudiger begehen sollten. Dem ganzen Tage hing der frühe Thanglanz an — der Abend fand den Morgen noch im Schimmer, und der Mond spiegelte sich im Sonnenthau — die Sterne zogen in das Herz herab und erleuchteten die schönsten Nachtstücke darin — und was wollen wir Menschen denn weiter?- VI. Die Kunst, einzu schlafen. (Aus der Zeitung für die elegante Welt.) Für die jetzigen langen Nächte und für die elegante Welt zugleich, die sie noch länger macht, ist eine Kunst, einzuschlafen, vielleicht erwünscht, ja für jeden, der nur einigermaßen ausgebildet ist. Es gibt jetzo wenige Personen von Stand und Jahren, die, das Glück ihrer höhern Feinde ausgenommen, irgend ein anderes so sehr beneideten, als das einer Haselmaus, oder auch eines nordischen Bären, dessen Nacht- fchlummer bekanntlich gerade so lange als seine Nordnacht währt, nämlich fünf Monate. Unsere Zeit bildet uns in Kleidern und Sitten immer mehr den wärmcrn Zonen an und zu, und folglich auch darin, daß man wenig, und nur in Morgen- und Mittagstunden schläft; so daß wir uns von den Negern, welche die Nacht kurzweilig vertanzen, in nichts unterscheiden, als in der Länge unserer Weile und unserer Nacht. 257 Hoch oben wird immer mehr die eigne Menschheit — nicht, wie von Alexander, aus dem Schlafe — umgekehrt aus dem Mangel desselben errathen. Gibt es nicht in allen Residenzen Jünglinge von Welt und Geburt, welche (besonders wenn die Gläubiger erwachen) gern so lange schliefen, bis sie stürben, oder doch bis ihre Väter? Und was hilft's manchem jungen Menschen, daß er Franklins Wink, Nachts zum bessern Schlafe die Betten zu wechseln, so gut er weiß, befolgt? Ans dem Gegengift wird in die Länge ein Gift. Kurz, wer jetzo noch am festesten schläft — die Glücklichen in den Wachstuben aus der Pritsche ausgenommen — ist einer oder der andere Homer, und die sogenannten zehn thö- richtcn Jungfrauen, welche in der Bibel den Bräutigam verschlafen. Wenn ich gleichwol mehre geistige Mittel, einzuschlafen, freigebig anbiete, noch dazu in einem kurzen Aufsatze — nicht in langen, dicken Bänden: — so sind sie in der That nicht jenen Wüstlingen gegönnt und geschrieben, welche — durch lauter mnitros clo plni8ii8 zu e8elnvs8 cks pIaisil-8 gemacht — in der Nachtzeit, in welche sonst die alte Jurisprudenz die Folter verlegte, blos darum die ihrige ausstehcn, weil sie sonst ihre Freuden und Nachtviolen darin pflückten. Sie mögen wachen und leiden, diese Sabbathschänder des täglichen Sab- baths der Natur. Gibt es hingegen einen Minister, der an einem Volke — oder einen Autor, der an einem Werke arbeitet, und beide so feurig, daß sie eben soviel Schlaf verlieren, als versüßen — oder irgend einen weiblichen Kopf, der das Näh- und Fang- Gewebe seiner oder fremder Zukunft — so wie die Spinnen die ihrigen gern um Betten, und immer in der Nacht ab- Jean PauNS ausgew. Werke. XV. 258 weben — eben so im Finstern ansspinnt, und der folglich kein Auge znthnt — oder gibt cs irgend einen andern von Idee zu Idee sortgetriebencn Kopf — z. B. meinen eignen, den bisher der Gedanke, die Kunst, einzuschlafen, für die Zeitung für die elegante Welt zu bearbeiten, an der Kunst selber hinderte: — so sei allen diesen so geplagten und geschätzten Köpfen mit Vergnügen der Schatz von Mitteln, einzuschlafen, mitgctheilt, worunter so manche oft nichts helfen dem einen, doch aber dem andern und den übrigen. Nicht Einschlafen, sondern Wiedcreinschlascn ist schwer. Nach dem ersten schlummernden Ermatten fährt der obige Staatsmann wieder auf, und irgend eine Finanz-Idee, die ihm zuflicgt, hält er, sich abarbcitend, fest, wie der Habicht eine in der Nacht erpackte Taube bis an den Morgen in den Fängen ausbewahrt; dasselbe gilt ganz vom Bücherschreiber, dessen Jnnres im Bette, wie Nachts ein Fischmarkt in Seestädten, von Schuppen phosphorcszirt und nachglänzt, bis cs so licht in ihm wird, daß er alle Gegenstände in seinen Gehirnkammern unterscheiden kann, und an seinem Tagwerke wieder zu schreiben anfängt unter der Bettdecke. Dicß ist ungemein verdrießlich, besonders wenn man keine Mittel dagegen weiß. Ich weiß und gebe sie aber; sämmtlich lausen sie in der Kunst zusammen, sich selber Langweile zu machen, eine Kunst, die bei gedachten logischen Köpfen auf die unlogische Kunst, nicht zu denken, hinaus kommt. Wir wollen indeß einen weitern Anlauf zur Sache nehmen. Es wird allgemein von Philosophen und Festungkommandanten angenommen, daß ein Mensch, z. B. eine Schildwache, im Stande sei, schläfrig und wach zu bleiben. Ja, ein Philosoph kann sich zu Bette legen, Augen und Ohren 259 verschließen, und doch die Wette ausbieten und gewinnen, die ganze Nacht zu verwachen blos durch ein geistiges Mittel, durch Denken; — folglich setzt diese Willkür die andere voraus, einzuschlafen, sobald man das Mittel der Wette nicht anwendet, wie wir Abends ja an ganzen Völkern sehen, wenn sic zu Bette gehn. Der Schlaf ist, wie ich im Hesperus bewiesen, das stärkende Ausruhen nicht sowol des ganzen Körpers, oder der Muskeln u. s. w., als des Deukorgans, des Gehirns, daher Lurch lange Entziehung desselben nichts am Körper erkrankt, als das Gehirn, nämlich zum Wahnwitz. Wird es bei dem Thierc durch kein Empfinden, beim Menschen durch kein Denken mehr gereizt, so zittert dieses willkürliche Bewegorgan endlich aus. Sobald der Mensch sagt: ich will keine einzige Vorstellung, die mir aufstößt, mehr verfolgen, sondern kommen und laufen lassen, was will: so fällt er in Schlaf; nachdem vorher noch einzelne Bilder ohne Band und Reihe, wie aus einer Bilderuhr, vor ihm aufgesprungen waren, bloße Nachzuckungen des gereizten Denkorgans, denen der Muskelfasern eines getödtetcn Thieres ähnlich. Das Erwachen dagegen beginnt das gestärkte und nun reizende Organ, wie das Einschlafen der nachlassende Geist. Die göttliche Herrschaft des Menschen über sein inneres Thier - und Pflanzenreich wird zu wenig anerkannt und eingeübt, zumal von Frauen; ohne jene schleppt uns die Kette des ersten besten Einfalls fort. „Tritt aber nicht, kann eine Frau sagen, das Leichenbild meines Schmerzes überall unge- rufen, mitten im Frühling und im Garten desselben, wie ein Geist, aus der Luft, bald hier, bald da, und kann ich der Geistcrerscheinung wehren?" 17 * 260 Wende das Auge von ihr, sag' ich, so verschwindet sie, und kommt zwar wieder, aber immer kleiner; siehst du sie hingegen lange an, so vergrößert sie sich, und überdeckt dir Himmel und Erde. — Nicht die Entstehung, sondern die Fortsetzung unserer Ideen unterscheidet das Wachen vom Traume; im Wachen erziehen wir den Fündling eines ersten Gedankens, oder lassen ihn liegen; im Traume erzieht der Fündling die Mutter, und zügelt sie an seinem Laufzanmc. Um zum nahen Einschlafen wieder zu kommen, so bekenn' ich indeß, daß jenes gewaltsame Abbestellen und Ein- fiellen alles Denkens, ohne Philosophische Uebnng, wol wenigen gelingen wird; nur der Philosoph kann sagen: ich will jetzt blos mein Gehirn walten lassen, ohne Ich. Dieses Vermögen, nicht zu denken, kann also nicht überall bei der eleganten und denkenden Welt vorausgesetzt werden. Die Inden haben, unter ihren hundert Danksagungen an jedem Tage, auch eine bei dem Krähen des Hahns, worin sie Gott preisen, daß er den Menschen hohl erschaffen, desgleichen löcherig. Jeder elegante Welt-Mensch wird bis zu einem gewissen Grade — bis zum Kopse — in das Dankgebet einsallen, weil er in der That keine Lücken in der Welt lieber anszu- süllen sucht, als seine eignen. Allein nicht jeder hat Abends das Glück, hohl zu sehn, und also, da die Leerheit des Magens nicht halb so sehr, als die des Kopfes, das Einschlafen begünstigt, letztes zu erringen. Es müssen folglich brauchbarere Anleitungen, den Kopf, wie einen Barometer, luftleer zu machen, damit darin das zarte elektrische Licht der Träume in seinem Acthcr schimmere, von mir angegeben werden. Wenn alle Einschlasmittel, nach den vorigen Absätzen, 261 d. h. Grundsätzen, in solchen bestehen müssen, die den Geist vom Gehirne scheide», und dieses seiner eignen Schwere überlassen: so muß man, da doch die wenigsten Menschen verstehen, nicht zn denken, solche Mittel wählen, die zwar etwas, aber immer dasselbe etwas zn denken zwingen. Da ich wol ein guter Einschläscr und Schläser, aber einer der mittelmäßigsten Wicdereinschläser bin: so geben mir meine Nacht- und Bett-Luknbrazionen vielleicht ein Recht, über die Selbeinschläserkunst hier der Welt nach eignen Diktaten zu lesen. Ich müßte von mir selber sprechen, und mich über mich ansbrciten, wenn ich die Leser an mein Bette führen wollte, um sie, von diesem Heidenvorhof ans, weiter zu geleiten zum Katheder. Nur dieß kann ich vielleicht sagen, daß ich ganz andere Anstalten als die meisten Leser treffe, um nicht auszuwachen. Wenn z. B. so mancher Leser bei dem Einschlafen eine Hand aus Unvorsicht auf die Stirn oder an den Leib, oder nur ein Bein aufs andere legt, so kann das geringste, dem Schlafe gewöhnliche Zucken der vier Glieder sämmtlichcn Rumps aufwecken und anfkratzen; — und dann ist die Nacht ruinirt, und er mag znsehen. Dagegen man sehe mich im Bett! — Nie berühre doch jemand im Schlaf ein lebendiges Wesen, welches ja er selber ist. Der kleinlicher» Vorsichtregeln gedenk' ich gar nicht, z. B. gegen den Hund, der auf der Stnbendielc mit dem Ellenbogen hämmert, oder auf einem wankenden Stuhl mit zwei Stuhlbeinen aus- und abklappert, wenn er sich kratzt. Und doch leidet der unvorsichtige Leser so viel im Bette als ich, weil wir beide nie schärfer denken und reicher empfinden, als in der Nacht, dieser Mutter der Götter, und mithin Großmutter der Musen; und ginge am 262 Morgen nicht der Körper mit Nachwchen herum, es gäbe kein besseres Braut- und Kindbett geistiger Sonntaggeburten, als das Bette, ordentlich als wenn die Schlaffedcrn zu Schreibfedern auswüchsen. Eh' ich endlich meine elf Mittel, einzuschlasen, folgen lasse, merk' ich ganz kurz an, daß sie sämmtlich nichts helfen; — denn man strengt sich sehr dabei an, und mich hat jedes Schlaf genug gekostet; — aber dieß gilt nur für das erstemal. — Eben hat mir mein scharfsinniger Freund E. noch ein zwölftes entdeckt, nämlich gar nicht einschlasen zu wollen. Aber seitdem, d. h. seit anderthalb Jahrzchenden, Hab' ich noch drei neue Selberwiegen im Bette zur Welt gebracht, so daß cs künftig eines jeden eigne Schuld bleibt, wenn er, mit meinen vierzehn Handgriffen zum Einwiegcn seines Kopfs in Händen, glcichwol seine Augen noch so offen behält, wie ein Hase, der indessen darüber nicht zu tadeln ist, da er's eben im Schlafe thut. Nach langem Ueberlegen, wie ich meine drei neuen Schlafmittel in dieser dritten Auflage unter die elf alten einschalten könnte, mit Beibehaltung alles Spaßes der frühem Rangordnung, fand ich's endlich als zweckdienlichst, sofort nach dem neunten Einschlasmittel die drei neuen einznschieben, und daraus mit den alten bis zum vierzehnten ordentlich sortzu- fahren; anders wüßt' ich nicht einzuflcchten, ohne namhaften Verlust meiner und der Leser. Das erste Mittel, das schon Leibnitz als ein gutes vorschlug, ist Zählen. Denn die ganze Philosophie, ja die Mathematik hat keine abstrakte Größe, die uns so wenig in- teressirt als die Zahl; — wer nichts zählt, als Zahlen, hat 263 nichts Neues und nichts Altes, indessen doch eine geistige Thätigkcit, obwol die leichte der Gewohnheit, so wie ein Virtuose ohne große geistige Anstrengung nach dem Generalbasse phantafirt, den er doch mit großer erlernte. Buxton, der eine Zahl von 39 Ziffern im Kopse mit ihr selber mnltipli- zirte, sank nach tiefen Rechnungen in tiefen Schlaf. Die Alten hatten an den Bettstellen das Bildniß Merkurs, dieses Rechners und Kaufmanns, und thaten an ihn das letzte Gebet. Es läßt sich wetten, daß niemand leichter cinschläst, als ein Mathematiker, so wie niemand schlechter, als ein Verse- und Staatsmann. Allein dieses Leibnitzische Zählen wird an schwachen Schläfern nnsers Jahrhunderts nur mittelmäßige Wunder thun, wenn man entweder schnell, oder über hundert (wodurch es schwerer wird), oder mit einiger Aufmerksamkeit zählt. Eben so muß man, wie höhere Rechenkammern, nichts danach fragen, daß man sich verzählt. Unglaublichen Vorschub thut aber dem Schlafe ein kleiner, meines Wissens noch unbekannter Handgriff, nämlich der, daß man im Kopfe die Zahlen, welche andere Schläfer schon fertig ausgeschrieben anschauen, selber erst groß und langsam hinschreibt, auf was man will. Verfasser dieses nahm dazu häufig eine lange Wetter- oder auch Störstange, und zeichnete, indem er sie am kurzen Hebelarme hielt, mit dem langen oben an das Zifferblatt einer Thurmnhr (indeß ist Schnee eben so gut) die gedachten Zahlen an, so lang und so dick, daß er sie unten lesen konnte. Diese so unendlich einförmige Langsamkeit der Operazion ist eben ihr punctum salions, oder Hüpfpunkt, und schläfert so sehr ein; und was das Lächerliche dabei anlangt, so geht wol jeder im Bette darüber hinweg. Einem solchen Langsam- 264 -und Stangcnschrcibcr rathc man aber unsere arabischen Ziffern ab, deren jede einen neuen Zickzack fordert, sondern er schreibe römische an seinen Thurm (wie alle Thurmuhrblätter haben), welche bis 99 nichts machen, als lauter herrliche, recht her- passende Linien, nämlich gerade.— Will ein Einschläser Thurm und Stange nicht: so kann man ihm rathen, recht lange Zahlen, und zwar wie Trochäen auszusprechendc, sich vorzuzäh- len, z. B. ein und zwanzig Billionen Seelen Zahl, zwei und zwanzig Billionen Seelen Zahl u. s. w.; nur aber kann man einem Einschläser nicht genug einschärsen, das Zählen äußerst langsam und schläfrig zu verrichten. Jndcß diese Beobachtung höchst möglicher Faulthierlangsamkcit ist wol Kardinalregel aller Einschläfermittcl überhaupt. 2) Töne, sagt Bako, schläfern mehr ein, als ungegliederte Schälle. Auch Töne zählen, und werden gezählt. Da aber hier nicht von fremden, sondern von Selbcntladungen — das Einschläfern ist der einzige schöne Sclbermord — die Rede.ist: so gehören nur Töne her, die man in sich selber hört und macht. Es gibt kein süßres Wiegenlied, als dieses innere Hören des Hörens. Wer nicht musikalisch phantaflren kann, der höre sich wenigstens irgend ein Licblinglied oder eine Trauermusik iu seinem Kopse ab; der Schlaf wird kommen, und vielleicht den Traum mitbringcu, dessen Saiten in keiner Luft mehr zittern, sondern im Acthcr. 3) Vom zweiten Mittel ist das dritte nicht sehr verschieden, sich nämlich in gleichem Sylben-Dreschen leere Schilderungen langsam innen vorzusagen, wie ich z. B. mir: wenn die Wolken fliegen, wenn die Nebel fliehen, wenn die Bäume blühen re. Darauf lass' ich auss Wenn kein So folgen, sondern nichts, nämlich Entschlafen; denn die kleinste Rücksicht 265 auf Sinn, oder Zusammenhang, oder Sylbenzahl würde, wie ein Nachtwächter-Gesang, alles wieder cinreißen, was das poetische Selberwicgenlied aufgebant*). Da aber nicht jeder Talent zum Dichten hat — zumal so spät im Bette — so kommen ja dem Nicht-Dichter zu tausenden Bett-Lieder mit diesem poetischen faulen Trommelbaß entgegen, wovon er nur eines auswendig zu lernen braucht, um für alle Nächte damit sein Glück zu machen. Unschätzbar ist hier unser Schatz von Sonetten, an denen, wie an Raupen-Puppen, nichts sich lebendig regt, als das Hintertheil, der Reim; man schätzet es nur noch nicht genug, wie sicher das Reim-Glockenspiel uns in einen kürzer» Schlaf einläute, als der längste ist. — Ich würde hiezu auch auswendig gelernte Abendsegen Vorschlägen, da sich durch sie wahrscheinlich sonst Tausende cingewiegt, wenn ich nicht besorgte, daß sie ungewohnten Betern, z. B. Hosleutcn, durch den Reiz der Neuheit mehr Schaden und Wachen brächten, als Nutzen. 4) Ein gutes Mittel, einzuschlafen nicht sowol, als wieder einzuschlafen, ist, falls man aus einem Traum erwacht, sich in diesen mit den schläfrigen Augen, indem man ihm unaufhörlich nachschaut, wieder einzusenkcn; bald wird die Welle eines neuen Traumes wieder ansallcn, und dich in ihr Meer fortspülcn und cintauchen. Der Traum sucht den Traum. Im großen Schatten der Nacht spielt jeder Schatten mit uns Sterblichen, und hält uns für seines Gleichen. 5) Hefte dein inneres Nachtauge lange auf einen optischen Gegenstand, z. B. auf eine Morgenaue, auf einen Berg- *) Man kann sich auch eine lange Handlung, z. B. das Säen des Korns bis zu dessen Dreschen und Backen, in freien Trochäen oder Jamben ohne Schmuck vorsagen, wie ich. 266 gipset, es wird sich schließen. Ueberhaupt sind Landschaften — weil sie nnserm inneren Menschen, der mehr Augen hat, als Ohren, leicht zu erschaffen werden, und weil sie uns in keine mit Menschen bevölkerte und erweckende Zukunst ziehen — die beste Schaukel und Wiege des unruhigen Geistes. 6) Das sechste Mittel half mir mehre Nachmittcrnächte durch, aber es fordert Uebung; man schaut nämlich blos unverrückt in den leeren schwarzen Raum hinein, der sich vor den zugeschloßncnAngen ausstreckt. Nach einigen Minuten, wenn nicht Sekunden, wird sich das Schwarze färben und erleuchten, und so den Chaosstoff zu den bunten Traum- oder Empfindbildern liefern, welche in den Schlaf hinüber führen. 7) Wer seine Augen schließen will, mache an seinem innern Januskopfe zuerst das Paar, das nach der Zukunft blicket, zu; das zweite, nach der Vorzeit gerichtet, lasse er immer offen. Am Tage vor einer Reise oder Hauptthat schläft man so schwer, als am Tage nachher so leicht; die Zukunft ergreift uns (so wie den Traum) mehr, als die Gegenwart und Vergangenheit. Im Hanse eines Todten, aber nicht eines Sterbenden, kann man schlafen. Daß Kato in der Nacht vor seinem Entleiben schlief — wie die Seidenraupe vor der Einpuppung — ja sogar schnarchte, ist schwerer, als was er nachher that. Daß Papst Klemens XIIII.*) am Morgen vor seiner Krönung geschlafen, merkt die Weltgeschichte mit Recht an; denn am Abende darauf, da er auf dem Stuhle saß, war es ganz leicht; aus dem Wege zum Throne, und auf ') So, aber nicht XIV, und so VIIII, nicht aber IX u. s. w., muß vor jedem obigen Einschlafen geschrieben werden, wenn man nicht vom Denken erwachen will. 267 dessen Stufen, wird überall weniger geschlafen und das Auge zugemacht, als eben in den weichsten Betten der Ehren und lit» cts justice. Euere Vergangenheit könnt ihr daher — zu große Tiefen und Höhen darin ausgenommen — mit Vortheil vor dem Einschlafen durchlaufen; aber nicht an den kleinsten Plan und Brief und Aufsatz des nächsten Morgens denken. 8) Für manche geübte, gewandte Geister im Kopfe mag das wildeste Springen von Gegen- zu Gegenstand — aber ohne Vcrgleichungzweck — mit welchem der Verfasser sich sonst ciuschläferte, von einiger Brauchbarkeit seyn. Eigentlich ist dieses Springenlassen nichts anders, wenn es gut seyn will, als das obige Geheulasscn des Gehirns; der Geist läßt das Organ auszucken in Bildern. 9) Seelenlehrer und deren Seelenschüler schläfern sich ein -— falls sie wollen — wenn sie geradezu jede Gedankenreihe ganz vorn abbrechen, die neue wieder und so fort: indem sie sich fragen bei jedem Mächtigen, was sie ausdenken und vollenden möchten: „kann ich denn nicht morgen eine Stunde länger wach liegen, und meine Kopfarbeit auf dem Kopfkissen verrichten? Und warum denn nicht?" — Wer aber so wenig Denkkrast hat, daß er sie damit nicht einmal hemmen kann, wo er will, der höre wieder ein Auskunftmittel; nämlich er horche sich innen zu, wie ihm ohne sein Schassen ein Substan- tivum nach dem andern zutönt und zufliegt, z. B. mir gestern „Kaiser — Rothmantel — Purpurschnecke — Stadtrecht — Donnersteiue — Hunde — Blutscheu — ntgue — xanis — xiocis — criois — Carol rnaZnuo — Usrtslionn — et so weiter." — 10) Niemand merkte noch scharf genug darauf, daß er zwei der besten Säemaschinen der Schlummerkörner au seinem 268 eignen Kopfe herum trage, nämlich seine beiden Gehörgänge nach außenhin, Ohren genannt. Höchstens nahm vielleicht einer und der andere wahr, daß ihm Einschläferndes zuflicste durch die Gehörgänge in Hofkirchcn, in Rcdesälen akademischer Mitglieder, in Freimaurerlogen und in Theatcrlogeu, wiewol er am Hellen Tage wenig Gebrauch davon zu machen wußte; aber ich darf wol mich als den Erfinder ansehcn, welcher die eignen Gehörwcrkzeuge, auch ohne alle Unterstützung fremder Sprachwerkzcuge, und folglich in der Einsamkeit der Nacht und der Bettstelle, als die besten Schlaftrunkznbringer zuerst beobachtet hat. Wie nämlich Mäzen sich durch Wasserfälle einschläfcrte, oder wie in den achtziger Jahren der Wunderdoktor Schlippach in der Schweiz ein besonderes Schlafzimmer hatte, worin alle Kranke entschliefen an dem nm dasselbe niederrauschendeu Strome: so tragen wir alle ja ähnliche Wasserfälle in uns, ich meine die Pulsadern-Springbrunnen und Blutadern-Wassersälle, welche unaufhörlich dicht neben unfern Ohrenncrven rauschen, und die jeder — sogar am Tage mit einiger Aufmerksamkeit nach innen, aber noch lauter in der Nacht auf dem Kopfkissen — vernehmen kann. Nun auf dieses innere Rauschen richte ein Bcflißner des Wiedercinschlasens recht bestimmt sein Seelcnohr; — und er wird mir danken, wenn er erwacht, und es rühmen, daß er durch mich früher eingeschlafen. Noch trefflicher wirkt dieses zehnte Mittel ein. Wenn man ihm noch das sechste als ein ncljuvkms beimischt, was ich in meiner nächtlichen Praxis selten vergesse. 11) Das elfte Einschlafmittel ist irgend eine Historie, die man sich metrisch in den freiesten Sylbcnmaßen vorerzählt. Gewöhnlich nehm' ich des biblischen Josephs Geschichte dazu, und halte damit gut sieben, ja bis zwölf Nächte Haus; ich weiß 269 jedoch jedesmal — was mich wundert, ich mir aber nächstens völlig erklären werde — wo ich im Erzählen stehen geblieben. Dabei hat der Schlaflustige nun zum Glück auf Numerus, der ohnehin schon als Zahl im ersten Schlafmittel — oder aus Wohlklang, der im zweiten unter den Tönen vorkommt — nicht die geringste Rücksicht zu nehmen nöthig, eben so wenig als auf falsches Verkürzen oder Verlängern der Füße — da nur das Ausziehen und Ausstrecken der leiblichen von Wichtigkeit ist —; kurz der Schlaflustige pfeife auf dem Haberstroh sein Haberrohr, wie er nur mag, und zwar je falscher, je besser; ja, wenn er sogar mit allen möglichen unpoetischcn Freiheiten jetziger Versübersetzer und Vers- und Sonetten- schmidte sich handhabt: so wird er immer noch finden, daß man dichtend leichter hundert Menschen einschläsert, als einen einzigen, nämlich sich. Um desto mehr ahme er die gedachten Dichter nach, damit er Schönheiten, die im Bett nur Anstöße wären, möglichst vermeide. So sing' ich wenigstens meine epische Josephiade ab, und sänge sie jambisch an: „der tränm'r'sche Joseph käme einst zu seinen Brüdern, erzählte voller Stolze ihnen seine solg'nden Träume" re. — so daß ich mich um kein Rezcnsircn kümmere, sondern mich frage: „stecken denn der Doktor Merkel aus Riga und der Hofrath Müllner aus Weißenfels mit dir unter Einer Decke, und liegen mit ihren Schlafmützen neben deinem Kopfe rechts und links auf Einem Kopskij^n? — Mithin, so dichte nur zu!" 12) Kein gemeines Einschlafmittel — sondern vielmehr ein neues und das zwölfte — ist Buch stabilen unendlich langgestreckter Wörter, wie sie die Kanzleien des Reichstags, des Bundtags, die Wienerischen sämmtlich, ja die meisten deutschen, als höhere Irurenux des lonAlkuclss, uns hinläng- 270 lich zulangen und schenken. Einen solchen Kanzlei-Molossus- Koloß nun erstlich sich langsam vorzubuchstabircn — ja zweitens vorher sich ihn gliederweise hinzumalcn, wäre wol das Höchste, was ein Schlaslustiger von sich fordern könnte zum Dcnkpausiren, wenn ich es nicht drittens darüber hinaus zu treiben wüßte durch meinen neuern Kunstgriff, daß ich, ob ich gleich das innere Aussprechen des unabschlichcn Lang-Wortes durch Zerstückcn in Sylben noch mehr verlängere, und diese Sylben wieder durch Hinschreibcn von neuem auseinander ziehe, mich doch nicht damit begnüge, sondern, wie gesagt, drittens gleich anfangs jeden Buchstaben einer Buchstabirsylbe selber vornehme und ihn geduldig fertig mache, und deswegen, anstatt wie ein Schristgicßer zu eilen, der einen schon in die Patrize oder Schriftpunze eingeschnittenen Buchstaben in der kupfernen Matrize cinschlagend ausprägt, vielmehr meinen Buchstaben, es sei Spaßes halber z. B. das O im Worte Oester- reichisches, Punkt nach Punkt, oder punktatim durch gelbe Mesfingnagelköpfe ausfcrtige, die ich, wie man sonst gepflegt, so lange hinter einander auf einen Kutschenschlag einschlage, bis das O als Zirkel dasteht und ich zum L übergehen müßte — wohin es aber eben nie kommt, weil ich über dem O, als Zyklus und Zirkel, den ich mit meinen Nagclköpfcn, wie ich will, erweitere, längst in Schlaf gefallen bin, — von welchem schon jetzo ich, und wol die Leser selber, durch das bloße langweilige Darstellen aus dem Papiere angefallen werden. Nein, kein Argus behielte von allen seinen Augen nicht zwei im Bette offen, zumal da er die Flöte zum Einschläfern selber bläst. 13) Das dreizehnte Seelen- und Bett-I.r>u6nnum kann jeder gebrauchen, er habe so viele Ideen, als er will, oder so 271 wenige, oder gar keine. Ich schäme mich es aber anzugeben, da es in nichts Geistigerem besteht, als darin, daß man die fünf Finger, einen nach dem andern, langsam auf oder unter dem Deckbette aus- und nieder bewegt, und fortsährt, und daran so lange denkt, bis mau, ohne daran zu denken, an kein Aufheben oder Achtgeben mehr denkt, sondern schnarcht. Es ist erbärmlich, daß unser Geist so oft der Mitbelchnte des Leibes ist, und besonders hier das Faustrecht der todtcu Hand und deren Fingersetzung hat, und daß sein geistiger oder geistlicher Arm in der Armröhre des weltlichen steckt. Schlafdurstige, also Schlaftrunkene, z. B. Soldaten, Postillone, schlummern im Reiten und Marschircn halb ein, blos weil gleiche Bewegungen des Körpers dieselben langweilig-geistigen, die das Gehirn wenig mehr reizen, in sich schließen. Läßt man aber den schlafenden Postillon die Pferde abspannen, cinziehcn, abschirren und füttern: so wird und bleibt der Mann ganz wach; blos weil seine (körperlichen und geistigen) Bewegungen jetzt immer etwas anderes anzufangen und abzusetzen haben. Der Grund ist, die Einförmigkeit fehlt. Wenn man in Tangotaboo (nach Förster) die Großen dadurch ein- schläfcrt, daß man lange und linde auf ihrem Leibe trommelt: so ist der Grund gar nicht von diesem vorletzten Mittel verschieden. Denn das 14) ist das letzte. Da die Kunst, einzuschlafcn, nichts ist, als die Kunst, sich selber auf die angenehmste Weise Langweile zu machen — denn im Bette oder Leibe findet man doch keinen andern Gesellschafter, als sich — so taugt alles dazu, was nicht aushört, und ohne Absätze wiederkehrt. Der eine stellt sich auf einen Stern, und wirft aus einem Korbe voll Blumen eine nach der andern in den Weltabgrund, um ihn 272 (hofft er) zu füllen; er entschläft aber vorher. Ein anderer stellt sich an eine Kirchenthüre, und zählt und sucht die Menge ohne Ende, die hcrauszieht. Ein dritter, z. B. ich selber, reitet um die Erde, eigentlich aus der Wolkenbcrgstraße des Dunstkreises, auf der wahren, um uns hängenden Bergkette von Riescngebirgen, und reitet (indem er unaufhörlich selber das Roß bewegt) von Wolke zu Wolke, und zu Pol-Scheinen und Nebelfeldern, und dann schwimmt er durch langes Blau und durch Aequator-Güffe, und endlich sprengt er zum andern Pole wieder zu uns heraus. — Ein vierter Schlaslnstigcr setzt irgend einen Genius bis an den halben Leib in eine lichte Wolke, und will ihn mit Rosen rund umlegen und überdecken, die aber alle in die weiche Wolke untersinken; der Mann läßt indeß nicht ab, und umblümct weiter — in die Runde — und immer fort — und die Blumen weichen — und der Genius ragt — wahrhaftig ich schliefe hier, hielte mich nicht das Schreiben munter, unter demselben selber ein. So wird uns nun der Schlaf—dieses schöne Stillleben des Lebens — von allem zngeführt, was einförmig so sortgcht. So schlafen Menschen über dem Leben selber ein, wenn cs kaum acht oder neun Jahrzehende gedauert hat. So könnte sogar dieser muntere Aufsatz den Lesern die Kunst, einzuschlafen, mitthcilen, wenn er ganz und gar nicht aufhörte. 273 VII. Das Glück, auf dem linken Ohre taub zu seyn. Der Verfasser dieses Aussatzes, der das eben gedachte Glück schon von Kindheit auf genossen, wird sich für belohnt ansehcn, wenn er durch ihu einige Leser der Zeitung für die elegante Welt, die vielleicht Jahre lang einhörig, wie Kant einäugig, gewesen, ohne es zu wissen, anrcizt, daß sie ein Ohr um das andere zuhalten, um zu erforschen, ob etwan eines davon die Gaben seines linken hat. Außer der Wasscrspitzmaus — die bekanntlich im Wasser die Ohren mit Klappen schließen kann — und außer den Fledermäusen mit Ohrdeckeln, wüßt' ich niemand, am wenigsten Menschen, welche ähnliche, den Augenlicdern gleiche, Ohrcnliedcr hätten; fast jeder hört, und zwar selten die angenehmsten Sachen. Ist man hingegen mit einseitiger Taubheit versehen, so wird leicht — mit Einem Finger — zweiseitige auf so lange, als man's braucht, zusammcngebracht; besonders sieht der Einhörige vier Plätze — gleichsam vier Freudenwclttheilc — vor sich aufgethan, den Musiksaal, das Schauspielhaus, das Gcsellschaftzimmer und das Bette. Ich will, wenn es verziehen wird, die Leser in die vier Pfähle meines Himmels hinein führen, mögen auch sic einige taube Blüten der Freude pflücken. Einseitige Taubheit ist in einem Musiksaale, wo man weniger Ton- als Mißtonkünstler zu genießen bekommt, viel- Zean Paul'S auSgew. Werke. XV. lg 274 leicht so schätzbar, als starkes Gähnen. Nach Haller ist man so lange taub, als man gähnt, und die gütige Natur schreibt also selber das Gähnen als das nächste Schirmmittcl gegen langweilige Einwirkungen vor. Ein Einhöriger aber erreicht denselben Zweck, nur viel höflicher, wenn er die Hand, anstatt vor den Mund, unter leichtem Vorwand vor das Hör-Ohr hält, wie ich, und so lange aufmerksam ausruht, als das Zerrtonstück dauert. Göthe wünscht den Zuhörern Unsichtbarkeit der Spieler, nämlich ihrer Gebcrdungcn; wer nun noch Unhörbarkeit künstlich dazu setzen kann, hat, glaub' ich, alle Vortheile verknüpft, die von schlechten Konzerten zu ziehen sind. In guten gewinnt ein Mann, der steht und geht, noch größere durch Einhörigkeit; denn er kann, so oft neben seinem gesunden Ohre Lob- und andere Sprüche wie Prosa die zarte Poesie des Tönens stören und quälen, sich leicht so gut weg- stcllen, daß er der rohen Klapperjagd neben sich geradehin das todte Ohr zukchrt. Im Schauspielhaus«: ist Einhörigkeit noch nöthiger, ja unschätzbar; nicht nur, weil sich oft das Tonspiel mit dem Schauspiel vereinigt — folglich der vorige Vorthcil mit dem folgenden — noch auch blos, weil beide Künste die Einzigkeit haben (welche die Tanzkunst durch Figuranten vermeidet), daß Meister und Schüler zugleich (es müßten denn jene fehlen) Ein Kunstwerk verknüpft gebären — noch etwa, weil cs hundert Gründe dafür gibt — sondern hauptsächlich, weil unzählige dafür da sind, indeß Einer hinreiche für alle. Es haben nämlich nicht nur mehre Personen, welche ihre Logen auf ganze Jahre miethctcn, die gute Bemerkung gemacht, daß cs bei den meisten Trauer-, oder gar Schau-, oder vollends Lustspielen wenig mehr zu gewinnen gebe, als im 6ree-Spiel, 275 im Pochspiel und im Sticheln, sondern auch ich, aber ohne über Nachtheil zu klagen. Denn mit einem Finger, der sich ans rechte Ohr anlchnt, halt' ich mir den Poeten und seine agirenden Truppen so gut vom Leibe, als ob ich warm zu Hause säße in der Vorstadt, ungemein heiter aussehcnd und wohl verschanzt. — So ost vollends in der Oper die Musik aushört, so eilt niemand mehr als ich mit der Rechten — womit die anderen klatschen — ans gute Ohr, und mauert die heilige Jubelpsorte der Töue, z. B. eines Mozarts, so lange damit zu, bis das Sprechen etwas nachgelassen; — aber eben dieser herrliche Wechsel zwischen zwei Ohren macht mich vielleicht zu einem leidenschastlichern Opcrfrcunde, als ich öffentlich gestehen darf. Le Sage, ein Liebhaber der Pariser Bühne, setzte, als er ganz taub geworden, die Besuche derselben fort, und schöpfte den alten Genuß daraus, zum Erstaunen Vieler; ich aber erkläre mir's ohne Mühe aus dem Vorigen. Ich habe sogar einen wackern Geschäftmann gekannt, welcher, um kein Schauspiel zu versäumen, in jedes, mit seinem Aktenpack unter dem Arme, kam, sich ins Punschzimmcr setzte, und da so lange neben seinem Glase seine Akten durchging, bis das Stück geendet war, und er sich erfrischt und neu belebt mit andern Zuschauern nach Hause begab. Ja, wäre bei der jetzigen Bühnenverbesserung nicht — nach dem Muster der Oricnt- sürsten, welche ihrem Wciberrathe der fünfhundert jungen, nur Männer zu Vorstehern geben, die keine sind, sondern stumme, taube und beinahe (als Zwerge) unsichtbare — eine Bühne zu erbauen möglich, welche die Spieler durch perspektivische Künste in eine so abgemeßne Entfernung von den Zuhörern stellte, daß diese sich wirklich täuschten, und nichts zu hören und zu sehen glaubten? 18 * 276 Nirgend ist aber wol parzielle Taubheit von größerem Nutzen, als da, wo sie am häufigsten anzuwenden ist, im Sprech- oder Hörzimmer, das größte auf der Erde, wenn diese cs nicht selber ist. Da es aus der einen Seite so unschicklich ist, einen Nebenmenschen mitten in seiner Rede stehen zu lassen und davon zu gehen — oder auch ihm ganz laß und abgespannt zuzuhören — oder vollends vor seiner Unterhaltung beide Ohren zuzuhaltcn — und da doch auf der andern Seite in mehren deutschen Reichskreisen und Zirkeln und cer- «Is8 fast an jedem Abend Dinge gesagt werden, an welche man sich den Morgen darauf mit der größten Langweile erinnert: so kenn' ich kein größeres Glück, ich meine keine schönere Ausgleichung zwischen Selber- und Menschen-Liebe, als linke Taubheit; vergnügt und munter ruh' ich vor meinem gesprächigen Nachbar auf der Hand mit dem rechten Ohre um es zu decken, und betreibe ohne Händel und Skandal (das Vcxirohr halt' ich ihm offen hin) meine innern Angelegenheiten während der auswärtigen. Dieß alles muß jetzt viel weitläustiger gesagt, und dann wiederholt werden. Jeder hat Stunden, wo er klagt, daß sie ihm langweilig hinflössen, weniger wegen Mangel an Gesellschaft, als wegen Daseyn derselben. — Jeder hat gesellige Tage, die er Novemberheste des Lebens nennt, um figürlich und beißend zu sehn — er will nämlich damit entweder sagen, jede Sache werde in Gesellschaften zweimal gesagt, gleichsam von Doppelspathcn gezeigt, oder sonst etwas. — Jeder Deutsche hat Jahre, wo er über neue Auflagen des Vademekums in Gesellschaften ergrimmt — über die münd- 277 lichcn Gcschäftbriefe der Geschäftmänner — über die langweilige Theaterjournalistik des Kricgstheaters. — Jeder Deutsche hat seine Zeit, wo er wünscht, die übrigen Deutschen möchten sich mehr auss Reden legen, da sie, ungleich den Kindern, früher schreiben als sprechen gelernt, und wo er ans Sprechklubbs in London und auf llurs-nux ck'esxrit in Paris für sie dringt, damit sie, sagt er, eine lebendige Sprache mehr lebendig als zu todt reden, und nicht, wie Muscheln, die besten Perlen erst durch langes Modern ausdecken und her- gcben. - Und so weiter; denn jeder Deutsche klagt hauptsächlich, daß der andere gesellig lieber Erzählungen mache, als Bemerkungen — lieber fremde Einfälle, als eigne — lieber die längsten Erzählungen, als schöne — lieber Berichte, als con- rs8 — lieber Stichworte des Spiels, als sonst ein gutes Wort. — Wird gar von Amt-, Huldigung-, Kanzclrednern, oder von dem Bruder Redner (einem sehr ernsten Görs terrillle) gesprochen, so sind die Klagen wirklich herb. — — — Aber hier liegt nun die Schuld (darauf sollte die lange Periode, wo möglich, führen) viel weniger au den Sprechern, als an den Hörern selber, welche, anstatt, wie gute Barometer, nur Eine Ocffnung zu haben, zwei Ohren öffnen, und folglich Lust Anlassen. Ein Mann aber mit einhörigem Ohr — das er so leicht zumacht, als ein dummes Buch — schätzt geselligen Verkehr. Kann er denn nicht — dicß weiß er — mitten unter gedachten Reden wie zufällig ans Hör-Ohr den Stockknopf legen — oder den Kopf auf die Hand, oder cs sonst verschließen — oder, ohne es zu thun, sich umdrehen und jedem sein geschloßnes Ohr zuwenden, und dadurch so glücklich 278 werden, als wenige? — Wie selig war ich oft in den vornehmsten Männcrzirkeln, wo, als in Epikurs- und Augias- Ställen, die kothigstcn Anekdoten aller Art umliefen, wenn ich, nichts als mein blindes Ohrthor zeigend, in meinem znge- maucrten Konklave mitten unter moralischen Stcrkoranisten die köstlichsten biographischen Madonnen erzeugte und an- betctc! — Aehnlicher Weise durften sonst in Jülich und Berg (einige Dörfer ausgenommen) Protestanten an katholischen Heiligen-Tagen, nach Reichsgesctzcn, nur arbeiten, wenn sie Thüren und Fenster verschlossen. — Wie wurd' ich oft von mancher Erzählung gelabt, wenn sie lang und langweilig genug war, daß ich während ihres Verlaufs, mit offenem Gesicht am verschlostncn Kopf, heiter am neuesten Druckbogen fortarbciten konnte, z. B. an diesem! Wurd" ich dann wieder, wie ein Siebenschläfer und Epimcnides, wach, so umzog mich eine verjüngte Welt, und frische Gespräche versuchten ihr Heil. -Hier komme ich leider scheinbar in den Fall der Buchhändler und Fürsten, welche das Allgemeinste oft als Herold dem Bestimmtesten vorausschicken, die Ewigkeit dem Markttage, wenn ich auf die Partie Ohren-Korke oder Hörschirme aufmerksam und begierig mache, welche mir ein abgedankter Vielkünstler, der lange auf Bühnen, Flöten, Karten und Weibcrherzen gespielt, als Faustpfänder einer kleinen Schuld aus dem Halse gelassen. Die Schirme (dem Ansühlen nach von Resina mit etwas Baumwolle) sind gut und geschmackvoll genug. — Meine Adresse ist: I. P. F. Richter, Legazionrath, in Hrn. Registrator Schramms Hause in Baireuth*). Als mir der Tonkünstler dieser geselligen Still-Lebcn *) Gegenwärtig in Hrn. Schwabachers Hause in der Friedrichstraße. 279 die mündlichen Empfehlungen derselben vormachte, versucht' ich einige von den Schirmen dem Ohre ein, und fand sie bewährt. Der Künstler erzählte noch zu ihrem Vortheil, er habe, da er leider alles leichter bei sich behalte als ein Ge- hcimniß, zwei seiner Sperrröhren, als er in die Loge zum HI 1^ — ausgenommen worden, aus Meineidangst zu sich gesteckt, und damit kurz vor dem Vortragen der Geheimnisse sich die Ohren, gleich Zähnen, so wohl plombirt, daß er kein einziges vernommen, sondern noch bis diese Stunde seinen Schwur spielend erfülle; ja er stehe, setzt' er hinzu, jedem kühn zur Rede, der ihn probiren wolle, ob er etwas wisse. So viel ist gewiß, daß man mit dieser Ohrklausur — oder diesem Ton-Ablciter und Ohr-Portier — jedem, welchen hohen Standes er auch sei, aus der Stelle Schweigen auferlegen kann, er mag noch so laut fortrcdcn; der Mann ist ein e-wuat (stummes R) für mich, und kann nicht einlaufcn in den gesperrten Hasen der Gesellschaftinsel. --Jetzt aber zum Wichtigem zurück! Da wol der Vortheil kein Publikum in der Welt interes- sirt, daß ich schon von Natur zur Höflichkeit geschaffen bin, nämlich als Linkstanber jeden an meiner Rechten, als der Hör- und Windseite, gehen zu lassen, um doch in Diskurse zu gerathcn: so bitt' ich die Welt, sofort den vierten Nutzen der Einhörigkeit zu betrachten, und mit mir an mein Bette zu treten, wo ich liege — aber eben auf dem Hör-Ohr — und folglich nicht einmal merke, wie viel eintretcn. Je näher man dem längsten Schlafe kommt, desto mehr achtet man das Vorschlafen. Einem alten Manne wäre daher mein linker Vorzug mehr zu gönnen; seinen Regenschirm muß er ja zugleich gegen Schnee und Hagel tragen. Es sei nun. 280 weil der Schlaf ein Vorspiel und Vorzimmer des Todes ist, welcher alle Sinuc früher schließt, als das Ohr, oder weil man in jenem (wie in diesem) die Augen znmacht, auf Angenschluß aber (nach Eschkc's Bemerkung) leiseres Hören folgt, oder weil der schlaue Greis mehr befürchtet und mithin behorcht, genug er kann wenig schlafen vor Lärm. So bedeutet es nasses Wetter, wenn Thüren und Fenster nicht zugchen. Hunde — Mäuse — Wirthshansgäste — Redoutenwagen — der eigne Athcm, der zu laut wird — alles weckt den Mann und wacht um ihn; die Frühlingstürmc, die ihm nicht viel Blumenstaub ins welke Leben wehen, sammt den Passatstürmen der Nachtwächter, brechen in seine Ohren ein und stehlen den Schlaf. Ich hingegen, mit der Gabe, ein Ohr weniger zu haben, lege mich (außer in verdächtigen Zeiten und Orten) ans das behaltene, und höre nichts mehr, sondern nur Träume — am Jannstcmpel des Lebens find die Flügelthürcn geschlossen — der allgemeine Friede kehrt ein — und das Ucbrigc ist aus. VIII. Die Vernichtung. Eine Vision. Jede Liebe glaubt an eine doppelte Unsterblichkeit, an die eigne und an die fremde. Wenn sic fürchten kann, jemals aufzuhören, so hat sic schon aufgehört. Es ist für unser Herz einerlei, ob der Geliebte verschwindet, oder nur seine Liebe. 281 Der Zweifler an unserer Ewigkeit leihet, wenn ein schönes Herz vor ihm ans ewig auseinander bricht, wenigstens der Vollkommenheit desselben, um es fortznlicben, in einem höchsten Wesen Unvcrgäuglichkeit, und findet den Liebling, der unter der dunkeln Erde zusammen finkt, in einem durchbrochnen Sternbilde am Himmel wieder. Der Mensch — der sich immer zu selten und Andere zu oft befragt — hegt nicht nur heimliche Neigungen, sondern auch heimliche Meinungen, deren Gcgcnthcil er zu glauben wähnt, bis heftige Erschütterungen des Schicksals oder der Dichtkunst vor ihm den bedeckten Grund seines Innern gewaltsam entblößen. Daher wird cs uns leicht, die Ueberschrift dieses Aufsatzes kalt zu lesen, oder gar die Vernichtung an- zunchmen und zu begehren; aber wir zittern, wenn unser Herz uns den grausamen Inhalt des Wahns aufdcckt, daß die Erde, in die wir alle unser gesunkenes Haupt zur Ruhe legen wollen, nichts sei, als der breite Enthauptungblock der blassen gebückten Menschen, wenn sie aus dem- Gcsängniß kommen. Alsdann zündet (wie öfter) die Wärme des Herzens wieder Licht in der Nacht des Kopfes an, so wie Thiere, die das Leben durch einen elektrischen Funken verloren, der in den Kopf sprang, es durch einen zweiten wicdcrfindcn, den man in die Brust leitete*).- Ottomar lag im äußersten Hause eines Dorfs, aus dem man die Aussicht auf ein noch unbegrabenes Schlachtfeld hatte, an einem giftigen Faulficber ohne Hoffnung darnieder. In jeder Nacht trieb sein heißes, erschüttertes Herz das aufgelö- sete Blut, wie einen Höllenfluß, voll zerrissener, ungeheurer ') Neimanis neuere Werke vom Blitze. 282 Bilder, vor seinem Geiste vorbei, und der dunkle reißende Strom aus Blut spiegelte den durchwühlten Nachthimmel, und zerstückle Gestalten, und zerrinnende Blitze ab. Wenn der Morgen kühlend wieder kam, und wenn das Gift des Fiebertarantelstichs aus dem müden Herzen verflogen war: so tobte vor ihm das unbewegliche Gewitter des Kriegs mit unaufhörlichen Blitzen und Schlägen; und diese blutigen, durchbohrten Bilder standen dann in seinen mitternächtlichen Phantasien vor ihm als Leichen aus. In der Mitternacht, die ich jetzt beschreiben will, erreichte sein Fieber die kritische und steile Höhe zwischen dem Grabe und dem Leben. Seine Augen wurden Vergrößerspicgel in einem Spiegelzimmcr, und seine Ohren Hör-Röhrc in einem Sprachgcwölbe — sein Krankenwärter streckte Ricscnglicder vor ihm aus — die wimmelnden Gestalten des übermalten Bettvorhangs wurden dick und blutroth, und schossen auf, und fielen in einem Schlachtgetümmel einander an — eine siedende Wasserhose zog ihn in ihren schwülen Qualen hinauf, und rückte ihn brausend und wetterleuchtcnd über Meere weiter — und unten aus dem tiefsten Innersten krochen kleine scharfe Gespenster, die ihn schon in dem Fieber der Kindcrjahre verfolgt hatten, mit klebrigen, kalten Krötcnsüßen an der warmen Seele herauf und sagten: wir quälen dich allemal! — Plötzlich, als das verfinsterte Herz sich aus dem heißen Krater des Fiebers zurückrollend hinauf arbeitete, überzog die Stubendccke der gelbe Wiederschein einer nahen Feucrsbrunst. Sein trocknes, heißes Auge starrte halb geschlossen die erleuchteten durchsichtigen Bilder seines Vorhangs an, die mit der fernen Lohe flatterten. Auf einmal dehnte eine Gestalt sich unter ihnen aus mit einem leichcnweißen, unbeweglichen Angesichte, mit 283 weißen Lippen, mit weißen Augcnbraunen und Haaren. Die Gestalt suchte den Kranken mit gekrümmten, langen Fühlhörnern, die aus den leeren Augenhöhlen spielten. Sie wiegte sich näher, und die schwarzen Punkte der Fühlhörner schossen, wie Eisspitzcn, wehend um sein Herz. Hier trieb es ihn mit kaltem Anhauchen rückwärts; und rückwärts durch die Mauern und Felsen, und durch die Erde, und die Fühlhörner zuckten wie Dolche um seine Brust; aber wie er rückwärts sank — brach die Welt vor ihm ein — die Scherben zerschlagner Gebirge, der Schutt stäubender Hügel fiel danieder — und Wolken und Monde zerflossen, wie fallender Hagel, im Sinken — die Welten fuhren in Bogenschüssen über die lcichcnweißc Gestalt herab, und Sonnen, von ergriffenen Erden umhangeu, sanken in einem langen, schweren Fall danieder — und endlich stäubte noch lange ein Strom von Asche nach.... Weiße Gestalt, wer bist du? fragte endlich der Mensch. „Wenn ich mich nenne, so bist du nicht mehr," sagte sic, ohne die Lippen zu regen, und kein Ernst, keine Freude, keine Liebe, kein Zorn war noch aus dem marmornen Gesichte gewesen, und die Ewigkeit ging vorüber, und veränderte es nicht. Sie drängte ihn aus einen engen Steig, der aus den Erdschollen gemacht war, die unter das Kinn der Todten gelegt werden; der Weg durchschnitt ein blutiges Meer, aus welchem graue Haare und weiße Kinderfinger, wie Blüthen an Wasserpflanzen, blickten, und er war mit brütenden Tauben, und nassen Schmetterling-Flügeln, und Nachtigalleneieru und Mcuschen- herzen überdeckt. Die Gestalt zerquetschte alle durch Darüber- schwebcu, und sic zog ihren langen grauen, aus dem weiten Blute schwimmenden Schleier nach, der aus der nassen Leinwand gemacht war, die über den Augen der Todten gelegen. — 284 Die rothcn Wogen stiegen um den bangen Menschen auf, und der einkricchcnde Weg ging nur noch über kalte, glatte Erd- schwänune, und endlich blos über eine lange, kühle, glatte Natter.... Er glitt herab, aber ein Wirbelwind wandte ihn herum, vor ihm breitete sich unabsehlich eine schwarze Eisscholle aus, auf der alle Völker lagen, die auf der Erde gestorben waren, starre, eingefrornc Leichcnhecrc — und tief unten im Abgrund läutete ein Erdbeben seit der Ewigkeit ein kleines geborstenes Glöckchen; cs war die Todtenglocke der Natur.-„Ist das die zweite Welt?" fragte der trostlose Mensch. Die Gestalt antwortete: „die zweite Welt ist im Grabe zwischen den Zähnen des Wurms." — — Er blickte auf, um einen tröstenden Himmel zu suchen, aber über ihm stand ein fester, schwarzer Rauch, das ausgcbreitcte Bahrtuch, das zwischen den Wcltcn-Himmel und zwischen diese düstere, frostige Lücke der Natur gezogen war; und der Schutthaufen der Vergangenheit dampfte aus der Tiefe auf, und machte das Leichentuch schwärzer und breiter.-Jetzo lief der Wiederschein einer hin- abfallenden entzündeten Welt mit einem rothen Schatten über die finstere Decke, und eine ewige Windsbraut verwehte sinkende Klagstimmen herein. „Wir haben gelitten, wir haben gehofft; aber wir werden gewürgt. — Ach, Allmächtiger, schaffe nichts mehr!" Ottomar fragte: wer vernichtet sie denn? — Ich! sagte die Gestalt, und trieb ihn unter die eingefrornen Leichenheere, unter die Larvenwelt der vernichteten Menschen. Wenn die Gestalt vor einer entseelten Maske vorüberging, so spritzte aus dem zugefallenen Auge ein blutiger Tropfen, wie ein Leichnam blutet, wenn ihm der Mörder nahe tritt. Er wurde unauf- haltsam durch das stumme Trauergefolge der Vergangenheit hindurch geführt, durch die morsche Wescnkette, durch das Schlachtfeld der Geister. Da er so vor allen ciugeäschertcu Geschwistern seines Herzens vorbeiging, in deren Angesicht noch die zerrissenen Hoffnungen einer Vergeltung standen — und vor den armen Kindern mit glatten Rosenwangen, und mit dem erstarrten ersten Lächeln, und vor tausend Muttern, mit den eingcsargtcn Säuglingen ans dem Arm -— und da ersah die stummen Weisen aller Völker, mit der erloschenen Seele und mit dem erloschenen Licht der Wahrheit, die unter dem über sie geworfenen Lcichentnchc verstummt, wie Singvögel, wenn wir ihr Gehäuse mit einer Hülle verfinstern — und da er sah die versteinerten Leidtragenden des Lebens, die unzähligen, welche gelitten, bis sie starben, und die andern, die ein kurzes Entsetzen zerriß — und da er sah die Angesichte derer, die vor Freude gestorben waren, und denen noch die tödtliche Frcudcnthräne hart im Auge hing — und da er sah alle Frommen der Erde stehen mit den eingedrückten Herzen, worin kein Himmel und kein Gott und Gewissen mehr wohnte — und da er sah wieder eine Welt hernntersallcn, und ihre Klag- stimmcn vorüber weheten: „o! wie vergeblich, wie so nichtig ist der Jammer und der Kampf und die Wahrheit und die Tugend des Lebens gewesen!" — und da endlich sein Vater mit der eisernen Kugel erschien, welche die Leichen des Weltmeers einsenkt, und da er aus dem weißen Augenliede eine Blutzähre drückte: so ries sein zu kaltem Grimm gerinnendes Herz: „Gestalt aus der Hölle, zertritt mich nur bald; das Vernichten ist ewig, cs leben nur Sterbende und Du. — Leb' ich noch, Gestalt?" Die Gestalt trieb ihn sanft an den Rand des immer 286 weiter gefrierenden Eisfeldes. In der Tiefe sah er den Schutt von Gehäusen zerdrückter Thierseelen, und in den Höhen hingen zahllos die Eisstrccken, mit den Vernichteten aus höhern Welten, und die Leiber der tobten Engel waren oft aufrechte Sonncnstralen, oft ein langer Ton, oder ein unbeweglicher Dust. — Blos über der Kluft, nahe dem Todtenreiche der Erde, stand allein auf einer Eisscholle ein verschleiertes Wesen — und als die weiße Gestalt vorüber zog, hob sich selber der Schleier ans — es war der tobte Christus, ohne Auferstehung, mit seinen Kreuzcs-Wnndcn, und sie flössen alle wieder, wegen der Nähe der weißen Gestalt!- Ottomar stürzte auf die brechenden Knie, und blickte auf zum schwarzen Gewölle und betete: „O guter Gott, bringe mich wieder auf meine gute Erde, damit ich wieder vom Leben träume!" und unter dem Beten flohen die rothen, blutigen Schatten gestürzter Erden über das weite Leichentuch aus festem Rauch. Jetzt streckte die weiße Gestalt ihre Fühlhörner verlängert wie Arme gen Himmel und sagte: „ich ziehe die Erde herab, und dann nenne ich mich dir." Indem die Fühlhörner mit ihren schwarzen Enden immer höher stiegen und zielten, wurde ein kleiner Spalt des Gewölkes licht; dieser riß endlich auseinander, und unsere taumelnde Erde sank fliehend hindurch, gleichsam zum ziehenden, greifenden Rachen einer Klapperschlange herab. Und indem die umnebelte Kugel näher fiel, regnete es Blut und Thräncn aus ihr in ihr rothes Meer, weil Schlachten und Martern aus ihr waren. Die graue, enge Erde schwankte durchsichtig, mit ihren regen jungen Völkern, nahe über den starren tobten Völkern — ihre Axe war ein langer Sarg aus Magnetstein, mit der 287 Überschrift: Die Vergangenheit; und im Erdkern schwebte ein rundes Feuer, das den Schlüssel des langen Sarges schmolz — die Lilien- und Blütenbcete der Erde waren Schimmel — ihre Fluren waren die grüne Haut auf einer festen Moderlache — ihre Wälder waren Moose und ihr spitzer Alpengurt ein Stachelrad, ihre Uhren schlugen in einem fort aus, und die Stunden wurden eilig Jahrhunderte, und kein Leben dehnte die Zeit ans — man sah die Menschen auf der Erde wachsen, und dann roth und lang werden, und dick und grau sich bücken und hinlegen. Aber die Menschen auf der Erde waren sehr zufrieden. — Aus ihr sprang wol der Todesblitz regellos unter den sorglosen Völkern umher, bald aus das heiße Mutter- Herz, bald aus die glatte runde Kinderstirn, bald aus die kalte Glatze, oder aus die warme Roscnwange. Aber die Menschen hatten ihren sanften Trost; die sterbenden Geliebten, die begrabenden und die weinenden Augen hingen leicht an den brechenden, Freund an Freund, Eltern an Kindern, und sie sagten: so zieht nur hin, wir kommen ja wieder zusammen hinter dem Tode, und scheiden nicht mehr. „Ich will dir zeigen, sagte die Gestalt, wie ich sie vernichte." Ein Sarg wurde durchsichtig — im weichen Gehirn des darin zusammenfallenden Menschen blickte noch das lichte Ich, vom Moder überbauet, von einem kalten, finstern Schlaf umwickelt und vom zersprungenen Herzen abgeschnitten. Ot- tomar rief: „lügende Gestalt, das Ich glimmt noch — wer zertritt den Funken?" — Sie antwortete: „das Entsetzen! — Sieh hin!" Eine Dorskirche hatte sich gespaltet: ein bleierner Sarg sprang aus, und Ottomar sah seinen Körper darin abbröckeln und das Gehirn bersten; aber kein lichter Punkt war im offenen Haupte. Nun machte die Gestalt ihn starr 288 und sagte: „ich habe dich aus dem Gehirn herausgezogcn — du bist schon lange gestorben" — und umgriff ihn schnell und schneidend mit den kalten metallenen Fühlhörnern und lispelte: „entsetze dich und stirb, ich bin Gott" ... Da stürzte eine Sonne herein, die den weiten Himmel cinnahm, zerschmelzte die Eiswüste und das Larvenreich, und flog ihren unendlichen Bogen brausend weiter, und ließ eine Fluth von Licht zurück, und der durchschnittnc Aether klang mit unermeßlichen Saiten lange nach. Ottomar schwamm im Aether, rings mit einem undurchsichtigen Schneegestöber aus Lichtkügclchcn übcrgossen; zuweilen schnitt der Blitz einer fliegenden Sonne durch die weiße Nacht hinab, und eine sanfte Glut wehte dann vorüber. Der dichte weite Lichtnebel wal- lctc auf den Tönen des Acthers, und seine Wogen bewegten den Schwebenden. Endlich sank der weite Nebel in Lichtflocken nieder — und Ottomar sah die ewige Schöpfung ringS um sich liegen, über ihm und unter ihm zogen Sonnen, und jede führte ihre blumigen Erdensrühlingc an sanften Stralen durch den Himmel. Der zusammcugesunkene Sonnenduft waltete schon weit im Aether als eine blitzende Schnccwolke hinab, aber den Sterblichen hielt noch im Himmelblau ein langer Lautenton auf seinen Wellen empor: da hallcte es plötzlich durch den ganzen grenzenlosen Aether hindurch, als liefe die allmächtige Hand über das Saitcnspiel der Schöpfung hinüber. In allen Welten war ein Nachklang wie Jauchzen; unsichtbare Frechlinge flogen mit strömenden Düften vorüber; selige Welten gingen ungesehen, mit dem Lispeln einer übervollen Wonne nahe vorbei; neue Flammen flatterten in die Sonnen; das Meer des Lebens schwankte, als höbe sich sein unermeßlicher 289 Boden; ein warmer Sturm wühlte Sonnenstralen und Regenbogen, und Freudcnklänge und Wolken ans Roscnkclchcn unter einander. — Ans einmal wurd' cS in der Uucrmcßlichkcit still, als stürbe die Natur an einem Entzücken — ein weiter Glanz, als wenn der Unendliche durch die Schöpfung ginge, lief über die Sonnen, über die Abgründe, über den bleichen Regenbogen der Milchstraße und über die Uncrmcßlichkeit — und die ganze Natur bewegte sich in einem sanften Wallen, wie sich ein Men- schenhcrz bewegt und hebt, wenn es verzeihen will — -- Da that sich vor dem Sterblichen sein Innerstes wie ein hoher Tempel auf, und im Tempel war ein Himmel, und im Himmel eine Menschengestalt, die ihn aublicktc mit einem Son- ncnaugc voll unermeßlicher Liebe. Sie erschien ihm und sagte: „ich bin die ewige Liebe, du kannst nicht vergehen;" und sie stärkte das zitternde Kind, das vor Wonne sterben wollte. Der Sterbliche sah durch heiße Frcudcnthräucn dunkel die unnennbare Gestalt — ein nahes warmes Wehen schmelzte sein Herz, daß es zerfloß in lauter Liebe, in grenzenlose Liebe — die Schöpfung drang erblassend, aber nah an seine Brust — und sein Wesen und alle Wesen wurden eine einzige Liebe — und durch die Liebcthränen schimmerte die Natur als eine blühende Aue herein, und die Meere lagen daraus wie dunkelgrüner Regen, und die Sonnen wie feuriger Than — vor dem Sonuen- feuer des Allmächtigen stand die Gcistcrwelt als Regenbogen, und die Seelen brachen, von einem Jahrtausend ins andere tropfend, sein Licht in alle Farben, und der Regenbogen wankte nie, und wechselte nur die Tropfen, nicht die Farben. — Der Allliebende schaute an seine volle Schöpfung, und sagte: „ich lieb' euch alle von Ewigkeit — ich liebe den Wurm im Meer und das Kind auf der Erde, und den Engel auf der Jean Pauvs aiisgew. Werke. X.V. lg 290 Sonne. — Warum hast du gezagt? Hab' ich dir nicht das erste Leben schon gereicht, und die Liebe, und die Freude, und die Wahrheit? Bin ich nicht in deinem Herzen?" — — Da zogen die Welten mit ihren Todtcnglocken vorüber, aber wie mit einem Kirchengeläute von Harmonikaglocken zu einem höheren Tempel, und alle Klüfte waren mit Kräften, und jeder Tod mit Schlaf gefüllt. Nun dachte der Ucbcrglücklichc, sein dunkles Erdcnlebcn sei auch geschlossen; aber tief unten stieg die in Gewölk gekleidete Erde herauf, und zog den Menschen aus Erde wieder in ihre Wolken hinein. Der Allliebendc hüllte sich wieder in das All. Aber ein Schimmer lag noch ans einem langen Eis- gcbirge weit hinter den Sonnen. Die hohen Eisberge flössen am Schimmer stralcnd auseinander, gebückte Blumen flatterten angewcht über die zerschmolzene Mauer aus, ein unabschlichcs Land lag ausgcdcckt im Mondlicht weit ins Meer der Ewigkeit hinein, und er sah nichts darin, als unzählige Augen, die herübcrblickten und scligwcinend glänzten, wie ein Frühling voll warmen Regens unter der Sonne funkelt, und er fühlte am Sehnen und am Ziehen seines Herzens, daß cs alle seine, daß es alle unsere Menschen waren, die gestorben sind. Der Sterbliche blickte, schneller ans die Erde zufallcnd, mit erhobenen betenden Händen nach der Stelle im Himmelblau empor, wo der Unendliche seinem Herzen erschienen war — und ein stiller Glanz hing unverrückt an der hohen Stelle. Und als er noch schwerer den erleuchteten weichenden Dunst unserer Kugel betrat und zcrthcilte: stand noch immer der Glanz im Acther fest, nur tiefer an der umrollcnden Erde.... Und da er unfern kalten Boden berührte, erwachte er; 291 aber der feste Glanz stand im binnen Osten noch, und war die — Sonne. Der Kranke stand nnten im Garten, der erste herbe, giftige Traum hatte ihn hinabgcdrängt — die Morgenluft wehte — das Feuer war gelöscht — sein Fieber war geheilt und sein Herz in Seelenruhe. Und wie die Qual des Fiebers den höllischen, und der Sieg der Natur den himmlischen Traum geboren; und wie wieder der folternde Traum den Schcidepnnkt, und der labende die Genesung beschleunigt hatte: so werden auch unsere geistigen Träume unsere Seelcnfieber nicht blos entzünden, sondern auch kühlen und heilen, und die Gespenster unseres Herzens werden verschwinden, wenn wir von seinen Gebrechen genesen. IX. Wünsche für Luthers Denkmal, von M u s u r u s. Ein gewisser, mir ganz unbekannter Mnsurus — Ehrenmitglied von mehren Ehrcnkörperu deutscher Gesellschaften für Deutsche — schickte mir vor einigen Wochen einen Aufsatz über die Tcmpelkollcktc *) zu Luthers Denkmal zu. Da ich nun *) Damals, als ich diese „Wünsche" in einer Monatschrift, die in Berlin 1805 herauskam, drucken ließ, waren, nach mehren Jahren Kollektircns, 6000 Thaler aufgebracht. 19 * 292 befürchte, daß der Aufsatz, der im Grunde Deutschland mehr tu ein lächerliches, als in ein vortheilhastcs Licht zu setzen sucht, irgend einem Monat- oder Kalender-Autor begegne, der ihn gar drucken läßt: so theil' ich ihn hier selber mit, um die Gelegenheit zu benutzen, manches, was er scherzhaft vorbringt, ernsthaft zu entkräften in einem kleinen Anhang. Hier folgt zuerst seine Arbeit unter dem Titel: „Geldcrsparendcs Jdecnmagazin zu Denkmälern Luthers und Deutschlands." Sechstausend Thaler und einige Groschen, die noch von Woche zu Woche anschwellen, haben wir nun im Lutherischen Deutschland zusammengelegt, was ich auch von der Vereinigung aller Stände sogleich erwartete. Mit solchen Summen — so denk' ich — können wir wahrscheinlich etwas machen, wenn auch keine Statue, doch einen Anfang dazu, irgend ein Glied. Es muß indeß noch unendlich mehr einlausen, wenn wir Deutschland verlassen und den Rcichsanzeiger in Sprachen solcher Länder übersetzen wollen, die mit uns zugleich hinter Luthers Freihcitfahnc vom päpstlichen Stuhle abgegangen sind; denn in Schweden, Dänemark, sächsischem Ungarn, lutherischem Ostindien, der Schweiz, in Holl-, Eng- und Schottland muß jetzt eingefallen, und was nur von Ländern sonst protestirte, mit Kollekteubüchsen durchzogen werden, damit sie der Mans- seldcr Gesellschaft steuern, wie wir alle, wenn sie nicht von uns wollen roth gemacht seyn. Gedenken denn so viele reichere Länder eine Neligionumwälzung, wofür ein ärmeres sechstausend Thaler zusammen schießt, umsonst, ohne Taufgebühren zu genießen? Es mag daher den Vorschlägen, die ich nachher über den besten Verbrauch der gedachten Almosensammlung wage, dieser vorausstehen, daß man die eingegangenen Monu- mcnt- und Ehrcngclder wol nicht ergiebiger verwenden könnte, als blos für Botenmeister, nämlich für Pfennige- und Deut- meistcr, für Thaler-, Kronen-, Adolphd'or- und Croren-^) Meister, welche man um diese Summen gewänne und in die Auslande verschickte, um da die beträchtlichsten Beiträge zu. Luthers Denkmal in Mansfeld einzutreibcn. Gott! wenn wir uns nur ausmalen, daß bloße fünf Lords in London von dem Boten erobert würden zur Unterschrift — bevor sie selber mit den andern von der Landung Napoleons erobert wären: — so langte dieses ja zu, daß wir das Quintupel des ausgegeb- neu Botenlohns, nämlich des bisher eingenommenen Ehrcn- solds für Luther, cinzustccken bekämen! Sesostris Aufschrift auf seinen Tempeln: „kein Eingeborner arbeitete daran," übertrüge wol jeder mit wahrem Vergnügen auf den Lutherischen, Ich theile jetzt — da mich die Mansselder Gesellschaft, wenn nicht im besten, doch in ihrem Style, so dringend dazu anfsordert — meine Ideen über den besten Verbrauch der Ehrensumme mit, welche durchaus in zwei große Klaffen zerfallen; in der ersten werden die Vorschläge gethan, etwas von ihr übrig zn behalten, wenn man Luthern das Seinige setzt; in der zweiten die, wodurch gar die ganze Summe gespart wird. Ich beginne bei der ersten. Zu verwundern ist's — aber noch zu helfen, da wir Geld haben in Mansfeld — daß wir über Luthern einen ganz höhern Mann zu ehren vergessen, dem er selber, wie jeder große Mann, seine Bildung verdankt —- einen Mann, der bis aus den jüngsten Tag sortwirkt, so lange noch ein lebendiger Mensch existirt — der uns eigentlich zu Menschen machte — einen Stammbaum aller Stamm- 0 Eine Crore in Ostindien macht 100 Laks. 294 bäume, ob er gleich die Bürgerlichen mehr begünstigte — unfern Vater aller Landcsvätcr — kurz, einen Mann, den der Schöpfer zuerst inspirirtc, nicht einige Gedanken, sondern die ganze Seele — und welcher nicht nur der größte war, sondern auch (was äußerst selten ist, da es nur einmal ist) der erste, und den ich gern die Muttcrzwicbcl und das Erzhans der Menschheit nenne — denn ich meine offenbar Adam - zu verwundern und schwerlich zu entschuldigen ist es, sag' ich, daß für einen Mann von solchem Einfluß, und mit allen Fürsten verwandt, noch nichts gcthan worden, weder im protestantischen Deutschland, noch sonst wo. Von seiner Frau gilt dasselbe. Ob aber Adam, der Jahrtausende Lnthcrn vorar- bcitete, nicht früher Ehrcnflinten und Ehrcnsäbel und Ehren- trommelstöckc in seine Hände von der Mansfeldcr Gesellschaft zu bekommen verdient, als Luther, wird sic mir öffentlich beantworten. Denn dicß entschuldigt uns nicht, daß allerdings jeder Adams-Sohn von uns oder Postadamit seinem guten Vorvater bisher, so gut er konnte, jenes geistige und bleibende Denkmal in seinem Busen anfrichtcte, das unter dem Namen alter Adam so bekannt ist, als das neue Testament. Aber sind denn Luthern nicht durch den neuen Adam dieselben Denkmäler gesetzt? — Schlägt man die Millionen Nachkommen als lebendige, dem Erzvater gesetzte Statuen hoch an, wovon ihm jeder von uns einige setzt: so besitzt auch Luther an den nmhergehendcn Lutheranern dergleichen Karyatiden seines Ehrentempels genug. Doch dieß ist mehr Scherz; was ich aber ernsthaft Vorschläge, ist, daß, da wir Geld einmal in Händen haben, wir es vertheilcn, und beiden, sowol Lnthcrn etwas setzen, das uns Ehre macht, als auch Adam. — — Und warum ihnen allein? Denn ich gelange jetzt aus den Haupt- 295 und Standpunkt. Warum wollen wir, wenn allen Festen eines gewissen großen Fürsten immer ein Thalcr abging, plötzlich so unerhört verschwenden, daß wir mit sechstausend solcher abgängigen Thalcr nur ein einziges Roscnfcst, eigentlich ein Eichenfest, eines einzigen Mannes begehen wollen, als ob nicht der Sechstauscnd-Thalcr-Stock eine ungeheure Summe für einen Mann aus Luthers Zeiten wäre, wo ein Hering .einen Heller kostete, und Brennholz gar keinen? Wollen wir den Ruhm verlieren, daß wir bisher einerseits immer als Männer in Kredit gestanden, welche das Geld (auch für Ehrensachen) nie weggcworfcn, sondern jeden Heller ansahen, und nmwand- ten, ehe wir ihn einstecktcn? Wir sind ferner auf der andern Seite (etwas ist wahr) bei Europa nicht zum Besten, sondern mehr als Leute ungeschrieben, welche ihren großen Männern ungern etwas Höheres aufrichtcn, als was der Todtcngräber ans ihren Sarg aufsctzt, und der Setzer auf dem Lumpenpapier, und welche die Werke ihrer Lieblingschriftstellcr ungern um den Ladenpreis erstehen; wie denn zu unserer Schande hierein Handelsmann cxistirt, der Wieland ordentlich anbctet, und sich dessen Werke in Einen ungeheueren Band hat binden lassen, um sich schadlos dasür zu halten, daß er keinen Nachdruck erschnappen können. Aber, o Himmel, Glück über Glück! Jetzo kann ja, bei sechstausend Thalcr Tempel-Baubegnadigung, alles wieder gut gemacht werden -— der alte llnehrenflcck ausgewaschen -— die Nazion von sich gcehret und rchabilitirct — Kepler, Hutten, Herder, Lcssing, Kant, Winkclmann, Albrccht Dürer können nun erlangen, wonach mancher von ihnen so lange strebte, warme Anerkennung von der Nazion.-Denn ich schlage nämlich vor, daß diese bisher sündlich vernachlässigten Seelen- 296 Großen nicht blos, sondern auch alles übrige geistige Bergvolk nun von uns in Luthers Pantheon, wozu die sechstausend ans der Nazion gcbrochnen Bausteine schon da liegen, hinein geschafft, und daselbst ausgestellt, und mit einigem Nazioualge- sühl nnd Stolz zusammen aufbcwahrct und verehret werden, nm so die Baukosten zcrstrcuetcr Ehrensaulcn für jeden beson- dern Narren sich ohne Geschrei und Schande zu ersparen. Dieß muß geschehen; denn lassen wir nicht mehre Köpfe unter Einen Lorbeerkrauz zusammcnkommcn, oder auf dem Mausfclder Triumphwagen nicht recht viele Sieger einsitzcn: so sind wir bei der Nachwelt (auf die wir alles bringen) zn wenig entschuldigt, daß wir einem Manne, wie Luther, erst so spät nach der letzten Ehre eine neue erzeigten, und daß er, so wie Tasso Einen Tag vor seiner Krönung, eben so ein Jahrhundert und länger vor der scinigcn sterben mußte, wir müßten uns denn damit helfen — was eben so erbärmlich, als nothwendig wäre — daß wir auf Luthers Denk-Statue oder Kirche wenigstens von zwei jJahrzahlen eine weglicßcn, entweder das Gcburtjahr der Statue, oder sein eignes. Aber warum, wenn nun ganze deutsche Kreise das Beste versuchen, nnd sich vor einen vollbesetzten Sieg- und Krönungwagen gefürsteter Geister spannen, soll man mit Krönungen knausern, sobald alles dazu da ist, Krone und Kopf? Nein, sondern Deutschland sei dann — so ist mein Vorschlag — wie außer sich, und erinnre sich eines jeden, der Gewicht hat, und schütte so mit Einem Schlag den Schwarmsack herrlichster Honigbienen aufs Paradebette aus. — Meusel muß nachgcschlagen, Schlichtegroll exzerpirt — und alles, was nur nothdürftig unsterblich ist (denn die Ehre ist auch danach), zu Papier und in den Tempel gebracht werden, weil ein einziger Teufel, der 297 -unsterblich wäre (wie cs wol jeder in der Hölle ist), der Na- zion als ein ewiger Schandpfahl ihres Patriotismus dablci- bcn würde, falls man ihn ohne Thron und ohne Krone ließe — und alles muß ordentlich rotten- und heerdcnweise durch Ehrenpforten, wie heraldisches Vieh, in Luthers Rotunda auf ewige Ehren- und Nabelplätzc cingetricben werden, und dann, wie gewöhnlich, verehrt. Mir ist's einerlei, ans welche Weise man einen und den andern unsterblichen Tropf, z. K. Gottsched, venerirt, sobald er nur in der Rotunda mit hauset, und es mögen, wenn in diesem Familicnbegräbniß der heiligen Familie des Genies große Männer in Lebensgröße da liegen, die kleinen sich bis zu Schreibfingcrknochen abstnscn. Ist einmal so viel unsterbliche Mannschaft da: so lasse man gar — denn mein Vorschlag soll keine Gränzcn kennen — jeden Rest hinein, der gestorben ist, und gut geschrieben hat — der Fußboden werde mit Gesichtern der Ockonomen, wie in Rom der Götter, musivisch ausgclcgt — gelehrte Wunderkinder, wie Heincke, Tanzmeister, Sprachmeister, Philologen, Numismatiker mögen an den Tempelsäulcn als Schnörkel, Verkröpfungen und Kälberzähne leben — von Tcmpelstuse zu Stufe trete der Fuß ans einen Advokaten von Belang — und da man um das ManSfeldcr Pantheon für den Zustrom der Verehrer Wirth- schaftgebäudc wird führen müssen, so werde auch das Mittelgut wirthschaftlicher, aber guter Merkel-Köpse da untergebracht, bei welchen die Ausgießung des heiligen Geistes so glücklich vorbei gefallen, daß sic trocken geblieben — und endlich, droh' ich's denn zn hindern, daß man zuletzt an den Inkognito-Ort, den schon der gedachte Zufluß verlangt, auch das literarische Schmicrvieh (mit den Schäfern zu reden) erbärmlich, wie gewöhnlich geschieht, mit Namen an die Wand kratzt! 298 Gott! dann sähe ja Deutschland alle seine Nazional-Göt- tcrschastcn in Mansfeld für halbes Geld unter Dach und Fach gebracht und hinlänglich angebctet! Was fehlte noch darin?— Blos was non Unsterblichen noch lebendig wäre! Himmel! nun so schießet doch nach, und nehmt und stellet auch alle Lebendigen in Mansfeld auf, vom gewaltigen Vogel Nock in Weimar an, bis zu seiner kritischen Vogelspinne in Berlin *) herunter, welche vielbcinig und erboßt so lange auf der Reise um den breiten Vogel ist. Und sogar mir Ehrenmitglied kann, freilich mit Einschränkung, darin mit gehuldigt werden! Oder ist nicht jeder lebende Liebling-Kopf, ohne dieses vorgeschlagenc Znrückdatircn seiner Unsterblichkeit, sonst zu schlimm daran in seinem Schlaf- odcr Wachrock, den er mit bloßen Knochen in Reih' und Glieder stellt, wenn ans dem Gcfängniß-U'einple seiner Wirklichkeit erst nach dem Tode ein besserer Tempel, aus einer streitenden Kirche eine trinmphirendc werden soll? Nun hätten wir endlich» alles in die Konfödcrazion-Rotunda abgelicfert, waS nur von Belang zu haben wäre — man müßte denn darin, um nur das beschwerliche gcldsressende Verherrlichen ans einmal und ans immer abzuthun, sogar für zukünftige Köpfe etwas leisten, und ans eine mir ganz unbekannte Weise sic früher auf die Nachwelt bringen wollen, als sie in der Welt erschienen wären, indem man ordentlich, wie freudetrunken, cs zu meinem Erstaunen auf ein Allerheiligen- Fest anlcgt. Ich meines Orts habe gar nichts dawider. Ich gestehe, überschaue ich dieß alles kaltblütiger: so wcrd' ich leicht pon dem hölzernen Hering, der gewöhnlich, als Herold ') Merkel. 299 und Repräsentant ganzer eßbaren Hcringtonncn, an dcnKauf- fcnstcrn hängt, ans den Gedanken geführt, ob nicht eben so alle große Männer auf einmal durch einen allgemeinen großen Mann, durch eine Simultan- und Kompagnie-Bildsäule — alle gewaltigen Walisische durch einen hölzernen — so darzu- stellcn und zu verewigen ständen, als das noch größere Tho- rcnrcich in Italien durch die bekannten vier komischen Maske», indem man für jede der vier Fakultäten eine ernste Maske, einen ernsten Truffaldino für die theologische u. s. w. wählte? Diderot begehrt so, statt der Einzelwesen, ganze Stände auf die komische Bühne gebracht. Doch wcrs' ich dieß alles hin für Klügere als ich. Die Mansselder thätcn mir überhaupt zu wehe, wenn sic mir die Thorheit unterschöben, daß ich auf irgend einem meiner Vorschläge steif bestände. Mir ist wahrlich jeder gleich; ich gebe ja nur Winke; ein sehr schwaches Verdienst, da man znm Winken mehr die Augcnlicdcr, als die Augen gebraucht. Wie gewagt ist nicht folgender Wink! Zwölftauscnd Gulden Tax — 1200 Gulden Subskripzion- Negal dem Vizekanzler (was dieß ist, weiß ich selber nicht, ich schreibe cs blos ab) — 600 dem Sekrctair — und 1200 Kanzlei-Jura müssen, nach der „erneuerten Chur-Mainzischcn Reichshofkanzlei Taxorduuug von 1659 den 6. Jan.," durchaus in Wien dafür entrichtet werden — (und mich dünkt ganz billig, da man neuerer Zeiten in Paris oft viclmal so viel ablieferu mußte, um nur ein Fürst zu bleiben) — wenn mau einer werden will. Ich glaube indeß, so viel Nachschnß wäre wol der Mansselder Operazionkasse noch cinzntrciben möglich, daß Luther ziemlich hoch davon könnte in den Fürstcnstand erhoben werden, besonders da verstorbene Genies nicht mehr 300 verlangen können — sobald man lebendige nur adelt — als daß sic gefürstet werden. Ich füge diesen Vorschlag für Luther vergnügt dem Gelbe bei, das schon cingckommcn. Ein Mann wie Luther, welcher die Steigbügel, die sonst Fürsten dem Papste unterhielten, abschnitt und ihnen reichte, damit sie selber anfstiegcn, verdient wol am ersten zu dem nacherschaffcn zu werden, was er selber wieder schuf — znm Fürsten. Ich erwarte eher alles andere von der Ncichshofkanzlci, als — den Adel nicht ausgenommen — Weigerungen, verdrießliche Mienen, abgeschlagen wie gebeten, Sätze des Widerspruchs, und zwar blos darüber und darum, weil Luther schon todt sei. Wenn cr's ist, wie ich einräumen will, so ist dergleichen seiner Standcrhöhung nicht mehr nachtheilig, als ein ähnlicher Tod der vier bürgerlichen Ahnen, die geadelt einem neuen Edelmann unter der Erde vorausgeschickt und nnterge- bcttet werden. Was den Beweis fürstlicher Einkünfte anlangt, den Luther in Wien zu führen hat, so thut der Reformator nur dar, daß er in Eisleben keinen Heller Ausgaben hat im Sarge; — wodurch er ein so herrliches Nivellircn zwischen Einnahme und Ausgaben beweiset, daß ihm wol wenige Fürsten glcichkommcn dürsten. — Stammbäume werden gewöhnlich mit einer Null von den Wappenkünstlcrn angefangen — wie oft von den Zweigen sortgepflanzt; — bei dem verewigten Luther würde sie ja eben so gut den Ewigkeitzirkcl, seinen Ehering und den päpstlichen Fischcrring, und überhaupt viel bedeuten. Ich las bisher zu meiner Freude manchen Vorschlag, an Luthers Prnnktempel etwas Reelles, Nntzenhaftes, irgend ein Schul- oder Armenhaus anznschlingcn, damit das clulcs sich auf einem utile höbe. Ich glaube darin mein Deutschland 301 wieder zu erkennen, das ich so oft eine lebendige Wirthschaft- Teleologie hieß im besten Sinn. Wenn wir schon in der Poesie, den Bienen gleich -— die daher aus nnscrn Krönungmautcl zu sticken wären — ans der Rose der Schönheit nur den Honig- thau des Nutzens suchten: so wird uns diese kamerale Kenntnis wol mit mehr Recht in gemeinem Verhältnissen von jedem zngemuthet. Wir dürfen gern den ordentlichen Regen himmlisch-rein, thau-schimmcrnd und frnhling-duftend finden; aber er kann uns nicht gleichgültig, statt durstig machen gegen zwei wichtigere Strichregen im Jahre 1665*), wovon der eine in Naumburg, nach Happel, in schön-blauer Seide, der andere in Norwegen, nach Prätor, in gutem Kammertuch niederste!, von welchem sich der damalige Dänenkönig zwanzig Ellen kommen lassen. Aber wollte ein solcher Tuch-Landregen einmal eine Armee in der Revue bedecken, o Gott!-Ohnehin gibt's mehr unnütze, als nütze Sachen in der Welt. Nimmt man es scharf, so möchte man über dergleichen Thränen vergießen — und dabei wünschen, daß letztere, gleich den Hirschthränen, zu etwas Brauchbarem würden, zu Bezoar; und wenn das wenige Kochsalz (stimmt dem Natrum, Phosphorsauren Kalke und Kali), was Schcidekünstler aus deu Zähren ziehen, in Betracht käme gegen die Mcersalzlagcr an Frankreichs Küsten, so würde mit Vergnügen selber der kalte Holländer sowol vor Schmer- - zcn über gegebene Themen weinen, als vor Lust. Die deutsche wahre Achtung für Nutzen (in Norden besteht er aus Pelz und Fraß) verkenne man also auch im Vorschlag nicht, Luthers Ehrenkirche noch, wie so immer den Kirchen, ein Schulhaus anzuhcftcn, wcnn's geht. Ich glaube ') Tharsanders Schauplatz ungereimter Meinungen. I. S. 365. 302 indefi, man wird — wcil's nicht geht, wegen Schwache der Sürplüskassc — vor der Hand die Kirche wcglassen, nnd sich ans das Schulhaus cinschränken, dessen Autlitzscite Lnthern vorläufig zngecignet werden kann. Warum wendet man überhaupt uicht die öffentliche» Gebäude, die doch einmal gemauert werden müssen, zu den uöthigsten Ehrenpforten großer Männer au, nud adressirt blos das Portal? Die Nazion suche doch für ein SpinnhauS, das sie erbauet, einen großen Theologen, nud zeige, wie Nazioncn danken — für ein Schlachtoder ein Gcbciuhaus einen Generalissimus — ein Hatzhaus, ein Findclhaus ehre einen großen Humanisten, nnd der Pranger einen gewöhnlichen Rezensenten — eine Irrenanstalt greife nach ihrem Philosophen, nnd für den seltenen Dichter wird sich immer ein Stockhaus, Hospital und Armenhaus mit einem Eingänge finden. Auf diese Weise dürfte vielleicht die Vermählung der Schönheit mit dem Nutzen, der Unsterblichkeit mit der Sterblichkeit wol so weit fortzutrciben scyn, daß wir sogar Götter- oder Hcrocnstatucn als Schncllgalgen für Leute kurzer Statur, oder als Pranger für langgewachsenc verbrauchen lernten. Erbärmlich ist's überhaupt, daß man so viel köstliches Geld zu Verewigungen verschwenden muß, z. B. zu thencrn Statuen, die man anderswo — in Arabien, in Eisländern, in bremischen Bleikellern und in den syrakusischen Katakomben — umsonst haben könnte, wenn man, da es doch keine ähnlichere Natur von einem Menschen gibt, als ihn selber, nämlich seinen Leib, jeden Unsterblichen, wo nicht cinbalsamirt aufstcl- len könnte, doch ausgebälgt? — Warum haben wir Mumien ohne Namen, und doch Namen ohne Mumien? — Ich merke endlich an, daß für Luther zu viel Krönmünzen 303 ansgcworfen dalicgcn. Ein Knoten ins Schnupftuch für 0000 Rthlr., um jenen nicht zn Vergessen; eine Denkmünze, aus 0000 eingeschmolzen, ist viel. Warum denket überhaupt der Deutsche in und außer Mansfeld aus einmal so hoch hinaus, und schleudert sechstausend Thaler für Einen Lorbeerkranz Eines Kopfes hin, wofür die Lorbccrwälder ganzer re- zcnflrendcr Rcdakzioncn feil stehen? — Ist denn Luther nicht ohnehin schon im größten Tempel ausgestellt, den jemand verlangen kann — da Gott selber keinen größcrn kennt — im Tempel der Natur? Wie, sticht nicht jedes Mansfcldcr Gebäude ab, gegen das Wcltgebändc? — Aber zweitens, ist nicht jede Unsterblichkeit für den, der das snvoir vivi'L (das Lcbcndigblciben) Versteht, fast um nichts zn haben? — Ein Schneider in Rom scherzt nach Gelegenheit — eine alte unkenntliche Bildsäule steht neben seiner Hansthürc — stehe, auf einmal ist sein Name verewigt, welcher Pasquino bekanntlich genug heißt. Eine Königin, die Gemahlin Franz I. von Frankreich, speist gern eine gewisse Pflaume — jetzt wächst ihr Name ewig als Obst am Pflanmenbanm keine Llkuicle. Der Bruder Ludwigs XIV. merkte dicß bei Lebzeiten, und aß eine andere Pslaumenart mit Lust — stehe, auch er hängt verewigt an seinem Lorbeer- und Pflanmenbanm als Nonsienr, sogar nach der Rcvoluzion. — Kato, Cäsar, Pompejus sind noch heute jedem Jäger bekannt und lebendig, weil ihre Schweiß- und Hatzhunde so heißen, so wie in Schottland die alten Heroen durch die fortgesetzten Hunde, die sie zu Gevatter bitten, noch lange leben werden. Ich wollte, ich hätte in meiner Jugend Voltaircn beleidigt: so hätt' ich nicht nur den deutschen Fürsten bekannt wer- 304 den können, sondern mich der Nachwelt. Die gedachte Berliner Vogclspinnc werfe Göthen ein Fenster ein, oder lanse ihm kalt an der Wade hinauf: so wird sic in den Spiritus einer Keine gesetzt, und konservirt sich darin trefflich. Warum überhaupt so viel Umstände und Krönstädte gemacht, da eine Krönstätte, deren Breite nicht über das Thronglicd hinansznrcichcn braucht, schon anslangt und nachhält? Diana hatte winzige Taschcn-Tcmpelchcn von Silber, als Göttin. Nun so nehme Luther, als Mensch, mit seinem Katechismus, als kleinem Tem- pclchcn des Ruhms und Ehrensäulchcn, vorlicb, oder (wie es Voltaire-Kästchen gibt) mit Luthers Katechismnsglas. Ja, fertigt nicht die Kanstcinsche Bibeldruckerci (nebst Waisenhaus) seinen Seelenadelbricf Jedem aus? — Und hat nicht schon v>. Seiler eine gute Bibelanstalt znm Eintreibcn von Luthers Krönkostcn gemacht, und diese eingesteckt? Wollen wir aber alle etwas Ausgezeichnetes für seinen Namen thun: so fragt sich — denn cs kostet wenig — ob wir nicht, den Sincscrn gleich, die ihren großen Männern zn Ehren Thürmc errichten, Luther zn Ehren die Kirchthürme der lutherischen Konfession als Ehrcnsänlen seines Namens betrachten und annchmcn wollen? Welche Menge Säulen! Ja, man könnte noch weiter gehen — die Kosten lasse ich immer nicht wachsen -— und so, wie es Rousseau-, Voltaire-, Shakspcare- Gasscn gibt, nach Achnlichkcit der Judengasscn, Luther- oder- gar Lutheraner-Gassen in Eislcbcn eintauscn, es sei nun im preußischen Anthcil, in der Neuhälfte der Sicbcnhitze, oder im chursächsischen, in der Vo'rstadt Nnßbreite, oder in der Alt-, in der Neustadt, oder auch in Dresden und sonst, z. B. in den verschiedenen Buchhändlergassen, welche so sehr für und von Luther leben? — 305 Findet ein Mansfclder Gesellschafter die Ehre zn winzig, so sag' ich: Herr, wenn noch neben Gassen sich ganze Länder und Kreise nach Lnther nennen, was will er mehr, oder Er? Mich stach vorigen Jahrs in der Kirche ein Frauenzimmer mit einer Nadel in den Fächer mit Namen. Ich schwur der Person, der Unterschied zwischen dem Fächer und dem xe- plmn Mnervne, worin man große Heldennamcn einstickte, sei, was Namen-Unsterblichkeit anlange, nicht der größte, da auf der Erde der Boden zn ewigen Denkmälern ohnehin fehle, indem sie selber vergehe. Knetet mir nur erst eine unsterbliche Kugel, dann lasse ich Unsterbliche auf sie laufen. Und ich selber wurde, ohne diese niedcrschlagcnde Betrachtung, mich vielleicht unsterblicher gemacht habe», als ich absichtlich thun wollen, da ich meinen mathematischen Ehrenpunkt jetzo nur darin setze, ein Ehrenmitglied an andern Ehrenmitgliedern ab- zngcben. Ich rücke nun in meine zweite Klasse, worin ich den Deutschen einen Vorschlag versprochen, dem großen Reformator das ewige Denkmal so zu setzen, daß die Summe von 6000 Thalcrn und einigen Groschen keinen Pfennig ausgibt. Die ganze Summe, und was noch cinkommen möchte, wird nämlich sicher genug auf landesübliche Zinsen ausgelic- hen. Dicß ist's. Das Kapital stehe, sammt seinen Prozenten, nur sechs Jahrhunderte aus: so weiß ich nicht, was wem fehlen soll, Verewigung Lutheru, oder Millionen uns. Man erlaube mir, der Kürze wegen, nur ein wenig anszuholen. An und für sich kann ohnehin Luther noch keinen ausge- strecktcn Triumphwagen begehren, sondern vorläufig erst eine Ovazion, womit sich ein römischer Feldherr abgespeiset sah, wenn er den Krieg weder vollendet hatte, noch gegen Freie Jean Paul's ausgew. Werke. XV. 20 306 geführt. Letzteres Beides ist Luthers Full. Noch stehen Millionen Katholiken da. Luther krähetc allerdings als Streithahn über Europa hinüber, und hoffte auf Thräneu, als Petrus in Rom Christum durch Repräsentanten verläugnet hatte, aber später wurde durch den Schmalkaldcr Kapauncnschnitt das leichte Krähen in feste Federn verwandelt. Man protestirte gegen weiteres Protestiren, und wie Müller nicht mit Mehl handeln dürfen, so wurde Mehlhändlcrn, d. h. lutherischen Kon- scssionistcn, verboten, Müller, d. h. Reformatoren, zu seyu. Das Sprichwort verbietet, auf einem Grabe zu schlafen; dennoch wurde das Lutherische zum gesunden Schlafsaale und Schasstalle eines müden Jahrhunderts gemacht. Folglich kann Luther vor der Hand nur ovircn. Bleibt aber dessen ungeachtet nicht das Buch seiner Konsulat- und Kaiser-Wahl, worin die Nazion ihre Geldsummen eingeschrieben, immer ausgcschla- gcn, der Reichs-Anzeiger nämlich, das goldene Buch für Luthers Adel, überhaupt ein Werk, das in späten Zeiten von ganz andern Deutschen wird studirt werden, als die cs jetzo schreiben, weil mau recht gut einschen wird, daß cs der beste deutsche Dncitns ele inoriüus 6erwnnormn ist, den man seit dem lateinischen hat? >— Wir kehren aber zum Poch-, Wasch-, Nüst-, Schmclz- und Trcibwerke zurück, zum Kapitale, das, als Ehrenschuld an Luther, die Neligionoperazioukafse seyu kann, von der sich mehre, außer mir, so viel versprechen. Stehe doch die Summe nur so lange auf Kredit, als der Protestantismus selber aus: so muß sic ja, hoff' ich, da Geld, wie Schnecken, Seehasen und Blumen, sich mit sich selbst vermehrt, zu solchen Millionen wachsen. ..... In dcr That, ich sonne mich am Geldglanz. Allein eben dieser Ncligionsond, diese lutherische llilllin ia » 307 m,minis (biblisches Münzkabinet) sind's ja, was der Anhänger so wünscht. Nach den ersten Jahrhunderten stiege der Gotteskasten dermaßen, daß man eine Luthers Bank errichten könnte und müßte; — ein Bankodirektor (ein Gencralsnpcrintendent sei es) würde angestellt und zu viele Kassirer, sammt anderem Bankoffiziantcn — jährlich wüchse Geld und Dienerschaft — dieses schöne pnttimonium Unuli, entgegen dem päpstlichen Patrimonium ?etri, gediehe zu lutherischen Besitzungen in Indien oder in Mansfeld. Andere Dinge würden ans die leichteste Art mit dem Luthers Kapitale verbunden, z. B. Bergwerk-Kuren, Lotterie und Lotto n. s. w. Und endlich würde vielleicht das Schönste und Wichtigste versucht, nämlich cs würde jedem Protestanten etwas von der Luthers Kasse vorgestrcckt..... Ich denke, dann ist's genug. Ein Mann, der Kredit gibt, bekommt täglich mehr Kredit; und mehr gehört zu keiner Unsterblichkeit. Luther lebt so lange, als England. Hiemit schließe ich mein kleines Ideen-Magazin ab, und Geld wollt' ich dem corpus evnnAsIieorum überall ersparen; — dessen bin ich mir bewußt; — und sollte die Mansfeldcr Gesellschaft auch nur einen Groschen Einrückgcbühren meinetwegen aufwenden, so könnt' ich nichts davor. Indessen so viel erwartete das Europa, das i ch kenne, von jeher von der Mans- selder iuimaus Society, daß sie, schreibe sie für oder wider mich, und wohne der eine oder der andere auf den 200 Brandstellen in Eislebcn oder in der Sicbcnhitzc, einem Ehrcnmit- glicde stets im Neichsanzciger mit jener Höflichkeit etwas auf fein Magazin antworten und versetzen werde, die bisher den einzigen und daher letzten Unterschied zwischen uns und den Holländern gemacht und unterhalten hat, welche wirklich im 20 * 308 philologischen Fache sonst zuweilen das äußerten, was man früher in Griechenland Grobheit hieß. M u s u r u s, Ehrenmitglied." So weit Musurus. Ich würde mich ordentlich lächerlich machen, wenn ich ausführlich bewiese, daß vieles, wo nicht mehr, in dessen Magazin satirischer gemeint sei, als ernsthaft; weil man den Aufsatz nur einigemal zu lesen braucht, lim gerade hinter dem Feierklcidc des Ernstes die Fastnachtlarve des Spaßes zu erblicken. Freilich fiel manches unter der Aufrichtung von Luthers Obcliskus weniger groß, als (wenn auch nicht kleinlich, doch beinahe) klein aus, von der Einladschrift und Einlaufsummc an, bis zu wenigen Vorschlägen ihres Verbrauchs; und Musurus Scherz und jeder Scherz verkleinert vollends alles, sogar das Kleinste. In unfern kalten, geizigen, glanbcnlosen Tagen, wo die Religion nur noch die Kabinette und-Gcrichtstnbcn hat (nicht diese etwa jene), ist die Erscheinung herzerhebend, daß man noch des alten herrlichen Luthers, dieses Höllenstürmcrs vormaliger Himmelsturmcr, durch ernste Thatcn gedenkt, indem auf der einen Seite eine von seiner Erinnerung begeisterte Gesellschaft rastlos und muthvoll ein anfangs so wenig versprechendes Unternehmen verfolgt, und indem sie auf der andern sich durch einen thätigen Anthcil von vielen Seiten, wenn nicht belohnt, doch ermuntert sicht. Wessen Herz aus Religion und Menschenliebe die Nahrung zieht, dem quillt sie reichlich ans dem Anblicke einer gebenden Vereinigung zu, welche für einen höhcrn Zweck, als gewöhnliche Waisenhaussteucr, und aus höherem Triebe opfert; auch 309 wer seine Hand nicht öffnete, innß geneigt seyn, jede brüderlich zu drücken, die sich aufgcthan. Eine Opfcrflannnc entzündet die andere, und vielleicht ist der edle Schiller seine Todcs- und Unsterblichkeit-Feiertage den Gerüsten zu Luthers Tempel schuldig. Auch dem Neichsanzeiger komme — bei der deutschen Staatenzcrsplitternng, welche nur vertiefte Gläser zum Zerstreuen, nicht erhobene zum Sammeln vorhält — sein Lob, das deutsche Unterhaus zu seyn, welches deutsche Stimmen und Ohren und Gaben sammelt. Oft wiegt die Bewundrung mehr auf der Geisteswage, als ihr Gegenstand; und folglich könnte die Begeisterung für Lu- tber sich selber adeln, unabhängig von Luthers Adel. Aber schauet an diesem immer grünen Eichbaum und seinen Aesten hinauf, an diesem Thurm, der immer, wenn nicht ein Leucht-, doch ein Kirchthurm war mit Sturmglocken und friedlichem Glockenspiele. Nicht seinen Märtcrer-Muth acht' ich am meisten, so viel eiserner er auch war, als er scheinen kann. Denn jedes kühne Leben erscheint aus der Vergangenheit, nach dem Umsturz der Schrcckcnbildcr, nicht so kühn, und daher hat gegen die vielarmige, aus Nebeln schlagende Zukunft nur die große Seele Mnth, gegen die ausgerechnete nackte Vergangenheit aber ein jeder — Luther stand noch in den witterhasten Grubenwettern, die er anzündete, und für uns entwickelte zu reiner Luft. — Folglich bewundere ich's auch nicht am meisten, daß er, zu kräftig, ein bloßer gleitender Dielcnglätter (Zimmerfrotteur) der Kirche zu seyn, lieber, gleich Simson, die Säulen angriff und umwarf. Sogar dieß, daß er einen kern- derben Deutschen in allen festen Muskeln und feinsten Nerven, einen Geharnischten voll Kriegslnst und voll Ton- und Kinderliebe darstellte, sogar diese Gottcsausstcucr reicht nicht an 310 sein anderes, schönstes Herzgut hinan, daß Er nämlich — weder ein Dichter, noch ein Schwärmer, sondern vielmehr ein vielseitiger Geschäftscher — doch an Gott, an sich und sein Recht glaubte, und mit diesem heiligen Glauben des Rechts, ohne welchen das Leben weder Ziel hat, noch Glück, wie neben einem Gott durch seine lange Laufbahn dreist und lustig schritt. Dieser, nur aus der heiligsten Tiefe eines Gemüths wieder in ein heiligstes Leben aufsteigcnde Glaube überwindet die Welt, die fremde und die eigne, die Drohung und die Lust, und die ganze gemeinere Menschheit würde zu einer heiligen werden, ginge ihr der Gott voraus, welchen die höhere in sich mitträgt. Luther hatte jenen himmlischen Muth im Herzen, wodurch sogar sein irdischer an Werth verliert, weil dieser dann dem Muthc von Homers Göttern oder Miltons Engeln gleicht, die nur den Schmerz, aber nicht den Tod empfangen konnten. — O richtet doch dem Seclenmuthe Denkmäler auf, nicht blos weil er das ewig wiederkchrcnde, mehr aus. der Menschheit als auf der Zeit thronende Papstthnm erschüttert, sondern weil er allein die schleichenden Jahrhunderte wie mit zornigen Flügeln in die Höhe auftrcibt. Welche reine, widerirdische, höhere Wünsche und Meinungen halten sich nicht Jahrhunderte lang in tausend stillen Herzen ans -— und nichts geschieht, als das Gegentheil — bis endlich ein Mann zur Keule greift und jede Brust aufspaltct, und dem Himmel so viel Luft macht, als die Hölle vorher hatte. Wir kommen auf das Denkmal endlich. Was will überhaupt irgend eines? Unmöglich Unsterblichkeit geben — denn jedes setzt eine voraus — und nicht der Thronhimmel trägt den Atlas, sondern der Riese den Himmel. Sind die Thaten nicht durch Mund oder Schrift in die Welt übcrgegangen: so 311 ist die Ehrensäulc nur ihre eigne; und der goldneName oben müßte, wie der zufällige Blcifcdername unten wirken, den die vorübcrlaufcnde Kleinheit daran schreibt. Luther vollends — dessen Siegzcichen Länder und Jahrhunderte und dreißigjährige Kriege sind — braucht wenig, als ein blitzendes Wagcngestirn am deutschen Himmel stehend, ja ans gleichzeitigen Sternen damaliger Zeit als Polarstern übrig geblieben. Es gibt also nur zweierlei Denkmale — da das dritte sich der Thaten- Mensch selber aufrichtct auf Jahrhunderten durch ein Jahrhundert — nämlich nur zwei körperliche. Das erste in der Erscheinung gemeine trägt der Seelentriumphatvr, oder cinDon- ncrmcnsch wie Luther, selber an sich, den Leib. Das ehrwürdige Streben der Menschen nach Reliquien eines geheiligten Menschen, wirft Abcndstralen auf das erste Denkmal, das einer großen Seele die Natur selber mitgegcben, den Körper, und dieser zieht alles in seine verklärende Nachbarschaft. Wie Hei- ligcnlciber die Andacht fremder Seelen nähren, die sie vielleicht der eignen erschwerten: so umschließt das Grab eines großen Mannes die wahre Reliquie, welche, zumal an Jünglingen, die Wunder der Särkung und Heiligung thut. Wenn die Griechen ihren Themistoklcs in Magnesia auf dem Markte begruben, und den Euchitas zu Platäa im Tempel Diana's; wenn sonst die Christen ihre Kaiser und Bischöfe in die Vorhöfe der Tempel; und wenn ein Heiliger und ein Altar immer Zusammenkommen: war' es nicht ein seelcnwcckendcr Gebrauch, wenn Herz- und Kraftmenschen, die gegen die Zeit Sturm gelaufen, die ganzen Ländern und Zeiten Angelsterne, Schutzengel oder Huldgötter gewesen, für ihre Ueberrcste in den Kirchen ihre letzte Stätte fänden?— Ja, ließe einmal Deutschland gemeinschaftliche Hauptstädte, und darin etwas höheres, als eine West- 312 minsternbtei — wcil in diese Rang nnd -Rcichthum eben so wol führen, als Werth — nämlich eine Notnnda großer Todten bauen und cinwcihen: wohin könnte der Jüngling schöner wallfahrten nnd sich mit Feuer für das kalte Leben rüsten, als zn und in diesen heiligen Gräbern? Ich hoffe nicht, daß die medizinische Polizei, was das Begraben in Kirchen anlangt, ihre Paragraphen anfschlägt nnd mir entgegen hält, daß die genialen Leiber eben so stänken, wie dumme. Denn falls nicht mehre Menschen in jeder Kirche begraben werden, als das Paar Unsterbliche, die ihr ein Jahrhundert nms andere liefert: so halten die Kirchgänger schon die Luft aus, womit jene zurückwchcn. Auch hätte weder den Dom, noch die St. Nikola's Kirche, noch die Habcrbergische in Königsberg, das Selbcrgebeinhans, womit der alte Kant sich zuletzt ans der Erde herumschob, bedeutend verpestet, wenn cs in einer davon da nntcrgckommen wäre *). Jetzo wird der Zweck eines orientalischen Königs, der sich zwölf Gräber machen läßt, um das geheim zn behalten, worin er liegt, bei großen Menschen noch leichter dadurch erreicht, daß man gar keines weiß, nnd wenn sich fünf Städte um des Cervantes, *) Doch wurden seine Manen von Königsberg auf eine andere Weise würdig geehrt, die mehr griechisch und philosophisch ist. Wenn Epiknr nnd ein anderer Philosoph selber in ihren Testamenten etwas anssetzten, damit sich an ihren Gcburttagen die Jugend ans ihren Gräbern lustig machte: so wurde, ohne Kants Zuthun, die Veranstaltung getroffen, daß sein Wohnhaus zu einem guten Kaffee- und Billardhause eingerichtet worden, worin die Jugend, vornehmlich die akademische, durch Abspannung ihrer Anspannungen sich freudig an den großen Mann erinnern kann, dem sie das Haus zu danken hat. 313 und nach Suidas neunzehn nm Homers Geburtstellc stritten: so können wir nns dadnrch auszcichncn, daß sich vier nnd zwanzig nm die Bcgräbnifistclle eines großen Mannes zanken. Das Denkmal der zweiten Gattung, das einzige, das die Zeitgenossen setzen, ist das künstlerische, wovon eigentlich hier sür Lnthers Namen die Rede ist. Was sprach denn bet den Alten die kolossale Statne, der Portikus, die Ehrensänle, der Ehrenbogen, der Ehrcntcmpcl ans? Gleich der Schauspielkunst, zwei Ideale, ein geistiges durch ein plastisches. Denn ein Denkmal ist etwa nicht der bloße Metall- Dank der Nachwelt — der besser ans einer Goldstange dem Lebenden oder dessen Nachkommen zu reichen wäre; cs ist auch nicht der bloße Herzcrgnß der dankbaren Begeisterung, der viel besser mit Worten, oder vor dem Gegenstände selber strömte; — auch nicht bloße Verewigung für die Nachwelt, sür welche thcils er selber besser und Ein Blatt Geschichte länger sorgt: — sondern ein Denkmal ist dieBcwnndcrung, ideal, d. h. durch die Kunst ansgcdrückt. Eine jährlich vor dem Volke abzulescnde Musterrolle großer Muster wäre noch kein Denkmal, aber wol wäre eine pindarische Ode eines, in Griechenland abgesungcn. Schillers Gcbnrttagfcst, das durch Darstellung seiner Götterkindcr begangen werden soll, erhebt sich künstlich zu einem Denkmale durch eben diese Kinder, die den Vater vergöttern. Doch ist das Gemälde — am stärksten aber ist die Bildsäule nnd die Baukunst, welche beide stets das Große leichter verkörpern, als das Leichte nnd Kleine, nnd welche die gegenseitige Nachbarschaft und Vereinigung ihrer Wirkung verdienen, wie der Leib und die Seele einander, d. h. die Bildsäule nnd der Tempel — das rechte Mutterland der Denkmäler. Die Bewunderung, sagt' ich, nicht die Erinnc- 314 rung — welche ein platter Lcichcnstcin, eine jährlich erneuerte Holzstange mit einem schwarzen Namenbrettchen oben, nnd am Ende eine Schandsäulc auch gewährte; — sie aber darznstellen, dieß vermag nur eben die Kunst, indem sic aus ihrem Himmel der Göttergestaltcn eine sichtbare hernntcrschickt, nnd jene Gefühle des Großen in uns entzündet, mit welchen wir die anf- geftogcne, den Gegenstand des Denkmals, im göttlichen Rausche der Bewunderung verkörpert sehen. Ich stehe vor der Pyramide, vor dem Obelisk: wie von einem Liebe- nnd Zanber- trank berückt, schaue ich weit in eine kolossale Welt hinein, nnd darin sehe ich nun eben den Menschen groß nnd glänzend gehen, dessen bloßer Name an dem Denkmale steht. Erhebt einen Säulentempel in die Lust nnd schreibt darauf: Imitlwrn! so ist's genug, und sogar sein Gesicht entbehrlich, das mit etwas fetter Monchschrift geschrieben ist; — die sichtbare Ehrenkirche führt schon den Krastpriestcr der unsichtbaren heran vor unser Herz. Die eigne Gestalt des Gcdcnk-Menschcn ist folglich dem Denkmale nicht nothwendig, ja — z. B. die von Voltaire durch Pigalle — sogar schädlich, wenn sie nicht von der Taufe der Kunst die Wiedergeburt empfangen hat; daher die Griechen die Ucbcrgröße der Lebensgröße für ihre Statuen wählten. Wie wenig man ähnlich, oder gar ikonisch abbildcn will, sieht man daraus, daß man nicht statt der Bildsäulen, welche durch Nacktheit und Marmorglanz stets größer erscheinen, lieber verjüngte macht, sondern sich der ähnlichen Zwerg- Statuen bei Fürsten nnd Großen enthält. Man stelle eine Spiegclstatne, nämlich ein Wachsbild, sogar in idealen Gewäu- Lerwindcln, in einen Ehrcntempcl: so ist's so viel, als geriethe der lebendige Gegenstand selber als Spaziergänger in seine Vergötternngkirche. Nur die Kunst spricht durch einen äußern 315 Menschen den innen: ans; darum baue sie das Tabor der Himmelfahrt im Prunktempel. Um desto weniger thne das Denkmal im Feierklcidc der Kunst Wochentagdienstc des Nutzens, z. B. als Schul- oder Waisenhaus; eine Mißheirath der Kunst und des Bedürfnisses, die man bei den Barbaren und auf dem römischen Marsfclde wieder findet, wo die heiligen Ruinen zu Viehtränken und Wäschstangen niedersinkcn. Die größten Prunkzimmcr, welche die Erde trägt, sind leer und ohne Stuhl und Tisch, Raphaels Stanzen. Wer wird unter dem Fluge der Bewunderung daran denken, was sic cintragc? Und was ist aller Vortheil so oder anders ernährter, oder unterwiesener Armen gegen die Himmelbcnte, wenn an einer kräftigen Jüngling-Seele im Unstcrblichkeittcmpel, wie in einer lauen Frühlingnacht, alle Knospen aufbrechen und duftend ansfahren — wenn die Statue eines großen Menschen mit Memnons Tönen ein großes Herz anspricht und erweckt, und cs zurecht weiset für ein langes Leben; — und wenn ein Sonntag sechs Wochentage bestimmt und heiligt? In der geistigen Welt ist die Wirkung so oft größer als die Ursache, wie umgekehrt, und eine Maria gebiert einen Gott- menschcn; daher gibt's in ihr keine andere Elle und Wage, als das Höchste, das eben jede verschmäht. Die Erde ist ein Gottesacker voll Scheinlcichen, es wehe ein lebendiger Hauch, und eine Welt erwacht. Er weht aber im Kunsttempel eines großen Mannes. — Wenn in der Zeit eine Religion nach der andern, und eine Göttcrlehre nach der andern nntcrgcht, die die Menschen zu Geistern macht: so bauet wenigstens Mcnschentempel, worin die geistigen Großen an das Größte erinnern, nnd das Be- 316 wundern uns Beten. Schlösser in Aethcr sind besser als die Luftschlösser. Möge Luther — dieser geistige Donncrmonat — uns unch hierin resormirc» und beleben, obwol nur mit dem Re- gendogen seines Denkmals, und die Deutschen den Griechen nucherziehcn! — Ohne Denkmäler für Unsterblichkeit gibt's kein Vaterland, aber freilich auch ohne dieses nicht jene. Soll der gemeinen Vergötterung oder Versteinerung der Fürsten und Neichen nicht die höhere Apotheose regierender und reicher Geister das Gleichgewicht halten? Soll nichts verewigt werden, als ein Name, den wir vergessen oder nicht kennen? Wenn man in Griechenland ans allen Wegen und Höhen nur durch stille Sternbilder der entrückten Unsterblichkeit ging, und wenn das Auge und das Herz voll Feuer, und manches zu einer Sonne wurde, die der Tod in jene schimmernden Reihen selber cinsctzte: so begegnen wir bei uns ans physischen Höhen mir geistiger Erniedrigung, und wie von Heeren werden die Galgen-Anhöhen von zerstörten Misscthätcrn besetzt, und der einzige Sokrates-Genius, der Nein zu nnS sagt, ist der Nach- richtcr. Aber nicht die Furcht, nur die Begeisterung thnt Wunder, nicht der Brcchwein, sondern der Wein berauscht; und welchen der Galgen bessert und hebt, ist fast schon an ihm. O! werft lieber, wie der Russe, aus eine Gestalt in Verzuckungen das verhüllende Tuch, und nehmt von einem glänzenden Angesicht die Mosisdccke, als daß ihr beides umkchrt, und Gebrechen lieber als Kräfte fortpflanzt! Die reinste Empfindung hieniedcn, sagt Chateaubriand, ist die Bewunderung; und zugleich setze ich hinzu, die wirksamste in den edlcrn Lcbcnsthcilen. Ein versinkendes Volk erstickt das heilige Feuer der Achtung in Moderasche; je we- 317 niger Achtung für Andere, desto weniger für sich, nnd umgekehrt. Darum heißt cs, ein Volk heiligen, wenn man es achten lehrt; und darum wärmt die Opfcrflammc auf dem Altar Eines Menschen das Leben ganzer Zeiten auf. Aber nur auf Stein, es sei der Statue oder des Tempels, brennt dieses Feuer. Auf dem bloßen Druckpapier wohnen alle Völker und Zeiten mit ihrer todten Unsterblichkeit; hingegen das steinerne Denkmal trägt einen Helden aus dem Heer aus den Sonucu- thron, der eine Welt auswärmt. Auf dem Papiere bewundert nur der Einsame; hingegen vor dem Denkmale wird die bewundernde Menge begeistert; nicht das Licht, sondern die Wärme wächst, unaufhörlich zurnckgeworsen, in mcnschcnvollen Sälen, weil das Gewissen die Herzen ähnlicher macht, als die Anlagen die Köpfe. Darum könnte das Schauspielhaus — welches beinahe das einzige Olympia, Forum und Ober- und Unterhaus ist, das uns zu Einem Volke für Eine Flamme sammelt und verdichtet — das schönste deutsche Pantheon werden, wo die Na- zion ihre Unsterblichen thronen und zurückglänzen, und ihre Opfcrflammcn zu Einem Feuer und in Einen Himmel steigen steht. Darum ist's so erfreulich, daß einem andern Reformator auf der Buhne, die er selber umgeschaffcu, die Traucr- und Hochzeitsackeln angczündct werden, dem ewigen Schiller. Nicht Er am meisten, der den Mondregenbogen der brittischcn Rcflcrionpocsie zu einem Sounenregeubogcn, wenn auch nicht zu einem reinen Phöbns, entzündete, und den dichterischen Zanberkrcis wenigstens durch ein unendliches Zaubcrviclcck ersetzte, sondern Er, welcher, der Kunst den Künstler opfernd, lieber aufflog, als nur fortflog, und untere Ferne und obere Kalte gern mit höherer Bahn bezahlte, so, daß sogar seine 318 spätem Jrrthümer nur Opfer sind, wie seine früheren Fehltritte nur Fehlsinge. Aber doch wird ein Herz, das Thränen nm den hohen Menschen und Gedanken für die Ewigkeit hat, Seine Todtcnfcier am schmerzlichsten und am innigsten begehen müssen, wenn cs bedenkt, daß Er unter allen deutschen Dichtern gerade mit der Leichcnfackel, die nun ans Ihm brennt, am weitesten in die andere Welt hineinlenchtete, und schon mit Seinem jugendlichen Frühroth das Schattenreich glänzend färbte. Nun zieht er hinter den Abendwolken des Lebens, worauf er so oft Morgen- und Abcndroth (für den Dichter nur Ein Noth) geworfen — und das dankbare 'Auge kann auf nichts sehen, als auf seinen Flug und seine Flucht. Die aus verschiedenen Höhen einander entgegen ziehenden Wolken der Urthcilc werden bald verfliegen; und sein Stern wird alsdann, sowol unbewölkt, als unvergoldet, lichtrein am ewigen Himmel gehen. X. Ueber Charlotte Corday^). Eln Halbgcspräch am 17. Juli. Der regierende Gras von —ß hegte eine solche Liebhaberei für sittliche Heroen, daß er einen Bildcrsaal ihrer Gestalten, und eine Bibliothek weniger von großen Schriftstellern, *) Zuerst gedruckt im „Taschenbuch für 1801. Herausgegeben von Fr. Geuz, I. P. und Joh. Helnr. Voß." 319 als über große Menschen unterhielt, und daß ihm ein Messias thcurer war, als eine Mcssiade, und Plntarch lieber, als Lantus. Er war und handelte selber in Paris.so lange bei dem Niederrcißen der Bastille mit, als die Stadt noch nicht in eine größere durch die Bergpartei verkehrt war. Da ich nun wußte, daß er nach seinem weltlichen Heiligenkalcnder die Geburt-, Todes- und Thaten-Feste großer Menschen feierte — zu welcher stillen Feier er nichts gebrauchte, als ihre Geschichte, ihr Bild, und sein Herz — und daß er folglich auch das unbewegliche Jubelfest von Corday's Todestag, den I7teu Juli, begehen würde; — und da mir ferner bekannt war, daß man ihn in seinem unausgesetzten Allerheiligen-Tag doch immer stören würde, man komme, wenn man wolle: so ging ich am 17tcn Abends zu ihm, wiewol bloS um meinen in ein historisches Bildniß der Taghciligen Oorlln^ verwandelten Auszug aus dem lVIoniteur darznbringcn und vorzulesen. Eigentlich brachte ich ihm weniger eine Gabe, als ein Opfer, da ich unter dem Zusammcnstcllen mich von dem Älonitenr 1793 mit unbeschreiblichem Ekel vor der damaligen Bluttrunkeuheit der blutdürstigen Bergpartei, vor deren leerem, betrunkenen Schwaz- zcn. Poltern und Taumeln mußte erfüllen lasten. Als ich ankam, traf ich schon seinen Regicrungpräsidcntcn bei ihm an; — einen rechtlichen, kühlen Mann, der Zeit und Raum gefunden, zwischen seinen Aktenstößen sogar Kants metaphysische Sittcnlehrc aufzulegen und aufzuschlagcn — er schien seinen regierenden Herrn fast nur zu besuchen, um ihn zu bekriegen und abzusetzen in der Philosophie. Jndcß eben weil nur die poetischen Grundsätze des Grafen, nicht aber dessen besestigt-fortdringende Handlungen den prosaischen Grundsätzen des Präsidenten zuwider liefen: so schloß sich dieser aus 320 Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zugleich desto fester an sein (jetzo nicht mehr unmittelbares) Rcichsfürstchen an und an den Kampf mit ihm. Bei meinem Eintritt war das Gemälde der Dispnta schon anscinandergerollt. Girtanncr schrieb — so sagte der Präsident — folgendes mit Recht: „Maria Anna Charlotte Cor- day, aus Saturicn des Vignaux (in der Nieder-Normandie), jst noch verabscheuungswürdigcr, als Marat, weil er nur Meuchelmorde veranstaltete, sie aber einen beging, und weil der Zweck kein Mittel heiligt." Etwas widerwärtig trat das Zitat mir und dem Cor- day's Tage ans dem Juli- oder Ernte-Monat, und meiner in der Tasche mitgcbrachtcn Geschichte derselben, entgegen. „O Gott! — sagt' ich, mit jener nmgcstürztcn Ucbcrsnllc von Ucbcrzeugung, die eben darum vor Strom es kaum zu Tropfen bringt — gerade umgekehrt!" — Da cs schon bekannt ist, daß der Präsident nicht nur aus meiner Antwort, sondern auch überhaupt aus mir, als Welt- weisen, nichts machte: so führ' ich gern zu seiner Rechtfertigung an, daß er cs mit mir, als Poeten, gut meinte, da er einen ordentlichen Dichter nicht für unwürdig erklärte, der einkleidende Schneidermeister eines philosophischen Schul- und Lchr-Meistcrs zu werden, und als der wahre Volklchrer dem Haufen manches zu versinnlichen, was der Meister vom Stuhle zu sehr vergeistigte, so daß seine Schreibscdcr, indcß die philosophische, als Schwanzfeder, hinten den Vogel steuere, als Schwungfeder im Flügclknochcn ihn hebe. Darauf fuhr ich ruhiger fort: „Das Veranlassen des Mordes scheint niedriger zu scyu, als jedes Begehen desselben, weil es feiger ist — weil cs zwei fremde Leben aussctzt — 321 und weil es die dingende und die mordende Seele zugleich vergiftet. Und wenn eine öffentliche, uneigennützige, kriegerische, dos eigne Leben absichtlich hingebende Hinrichtung ein Meuchelmord ist: wie nennt dann Girtanner einen heimlichen, bezahlten, gefahrlosen Mord?" Der Präsident fragte lächelnd: „ob man das fremde Leben opfern darf? — Ja, ich möchte vorerst wissen, ob nur das eigne wcgzugcbcn ist? Kann die Sittlichkeit ihre eigne Aufhebung durch den Tod gebieten, und sich durch eine Handlung das Mittel (was unstreitig das Leben ist) benehmen, sich zn wiederholen? Denn der Glaube an ein zweites Leben kann die unbedingten Moral-Mandata ohne Klausel für das erste nicht leutcrircn und rcsvrmiren. Wol ist Wagen des Lebens erlaubt, aber nur bei der Möglichkeit seiner Erhaltung, nicht bei der Gewißheit seines Verlustes." „Meiner Antwort — sagt' ich — thut es vielen Vorschub, daß ich geradezu längnen kann, es habe noch irgend Jemand sein Leben geopfert; denn da die Natur cs jedem ohnehin abnimmt, so kann er nur Jahre und Tage hüigebcn, nicht aber das heilige, unschätzbare Leben selber; ja, er legt auf den Opfcraltar eine Gabe von einem ihm unbekannten Gewicht, vielleicht ein Jahrzchcnd, vielleicht eine Stunde. Und wird denn nicht alles rechte geistige Leben eine vergiftete Hostie für das körperliche? Ist nicht sogar jeder Schacht und jede Handwerkstnbe ein Wclkbodcn und Darrofen des Körpers, jo daß nur das Thier-Leben die rechte und längste Spinnschule für die Parze Lachesis bliebe? — Am Ende hätte man, nach einer solchen philosophischen Heil-Lehre, die hypochondrische Berechnung über die Einbuße einiger Lebcnsstnndcn bei jedem einzelnen kleinen Opfer für den andern dnrchznmachcn, — Jean Paiil's ausgew. Werke. XV. 2^ 322 -je Tugend liefe uns Hufclands Rath länger zn leben hinaus, und man müßte Arzneikundc studircn, um nicht verdammt zu werden. — Wenn auch gleich einige Philosophen die Tugend, wie einen Prozeß, nicht gern mit der Ex et uzion anfangcn, sondern gelassener mit münd- und schriftlichen Verhandlungen: so kenn' ich wieder andere, z. B. Sie und Regulus, welche, wie dieser, in der Wahl zwischen gewissem Tode und Meineide, doch lieber die Abkürzung ihres moralischen Spielraumes erwählten. Aber wozu dieß alles? Entweder ist von äußerem Erfolge die Rede — sodann kann die Innerlichkeit (Intensiv») des Lebens die Ausdehnung (Extension) desselben so freigebig vergüten, daß eine Todesstunde, welche Völker beseelt und begeistert, ein kaltes thatenloses Jahrzehcnd übcrwicgt — oder cs wird vom Heiligsten gesprochen: dann setzt die Sittlichkeit, hoff' ich, nicht Vernichtung, nicht einmal Unsterblichkeit voraus, sondern Ewigkeit. Der Engel in der Menschheit kennt, wie Gott, immer seinen ewigen Wohnhimmcl, keine Zeit und Zukunft, oder irgend eine Sinncnrcchnung; dieser Engel, nicht nach und von Jahren wachsend, da cs in der Ewigkeit keine gibt, ist aus Gewohnheit blind gegen die gefärbten Schatten und Nachtschatten der Endlichkeit, weil sein Blick sich in der ewigen Sonne verliert." Der Krieger, sagte der Graf, der auf eine Mine beordert wird, damit er den Feind dahin locke, und mit ihm zugleich ausfliegc, hat nur meine Bewunderung, wenn er cs weiß und doch stirbt. „Zu schließen wäre vielleicht daraus, crwiedcrte der Präsident — entweder, daß demnach cs ganz und gar keinen Sclbmördcr mehr gäbe, oder daß jeder einer, nur ein subtiler, wäre. Aber eine schwierigere Untersuchung steht uns bevor — 323 nämlich, mit welchem Rechte erhebt, frag' ich bei Corday, ein Mensch, der kein vom Ganzen angenommener Richter ist, sein einsames Privatnrthcil zn einem unerwarteten Kabinct-Bcfehlc nnd zu einem Todesurthcilc, das er noch dazu selber, ohne jemand zu verhören oder zu befolgen, in demselben Nn anS- spricht nnd vollstrcckt, wie Corday als Scharfrichtern: eines Scharfrichters that? Welcher Heinrich ist denn vor seinem Navaillac geschirmt? Ja, wie dieser*), irrte Marats Mörderin, nnd griff zugleich in Zweck und Mittel fehl, wiewol keiner eines adeln kann. Denn sie nahm Biarat für den wichtigen Kopf des Staats-Bandwurms, von den Journalen ke-r- ler und Courier traneai-j verleitet; aber sie hätte, wie Ar- chcnholz meint, bester Nobcspicrre und Danton, d. h. die Instrumentenmacher anstatt des Instruments zerstört, oder am besten (wie Gcnz auch glaubt) gar uicmaud eingefallen, weil entweder das Opfer aus der herrschenden Partei zum Blutzeuge», also zum Blutreicher und Verkündiger desselben wurde, oder jede Hingerichtete doch nur einer zweiten, eben so schlimmen zurückte, wie dicßmal der Gcmcinde-Nath zu Paris. In Ihrer Sprache würden Sie sagen: der am Schwänze angeschnittene Blutigcl sog nur durstiger fort; die Ausbrüche auch dieses Vulkans geben nur neue Berge von Bergparteien." Ich versetzte: „Da ich kein Sokrates bin, so behalt' ich lange Reden leicht. Würde Sie, frag' ich von vorncn zurück, falls cs nur Einen All-Mörder gäbe, nicht der Unwille der Retter- und Rächer-Liebe so übermanncn, daß Sic seine Rolle *) Die mit dem edeln Heinrich gescheiterten Entwürfe zur größten Frieden-Allianz sind bekannt. Zum Kriege werden die Quadrupel-Allianzen leichter. 21 * 324 an ihm selber wiederholten? — Würden Sie Gewissensbisse haben, wenn Sie als bloßer Mensch, nicht als Präsident, ohne alle Kriminal-Akten und Pein-Gesetze, eigenhändig den Teufel, den Beelzebub, den Obersten der Teufel uicdergcstoßcu hätten? — Wenn wir uns so sehr fürchten, die Richter eines Menschen zu scyn: so sch' ich doch nicht ab, wie wir nur einen Tag lang leben und gegen andere Menschen handeln wollen, ohne uns, obwol über kleinere Fälle, zu ihren Richtern, zu ihrem Kamps- und Fricdcnrichtcr, zur ersten Instanz, anszu- werfcn und einzusetzen. Und wer darf, oder sollte überhaupt richten, als der geistige König über geistige Kriegsgefangene? Und mußte nicht irgend einmal Ein Kühner über Eine Menge die Todes-Urthcile festsetzcn, nach denen wieder jene Kühnen gerichtet werden, die eines über einen einzelnen fällen mit eigner Gefahr? Sie sprachen, lieber Präsident, von Kabinct-Befehlen eines Einzelnen, der keine Kabineträthe hat. — Aber gäb' cs aus der Erde keine anderen oder schlimmeren Eigcnmacht-Uka- sen, als die der von der Natur selber zu unsichtbaren Obern der unsicht b arenUntc r n gekrönten Magnaten oder der sittlichen Heroen: so könnte die sittliche Mittclwelt ruhig schlafen; nur aber die unsittliche Unterwelt, der eben keine Ruhe gebührt, büßte diese ein. Eine Volkmcnge von Cor- days würde die einzelnen Marats in der Geburt ersticken (wie jetzt die Marats Menge die einzelnen Cordays), eine Brutus Menge würde die Cäsars zwar nicht unterdrücken (denn große Seelen wissen auf mehr als Eine Weise zu regieren, und nur eine schlechte Welt beherrschen sie schlecht), aber wol lenken und veredeln. Uebrigens ist von den einzelnen Cordays so viel für die 325 Menge zu furchten, als von den Steinwürfen der Mond-Vulkane für die Erde. Sic gedachten noch Ravaillacs. Warn», haben noch alle bisherigen Jahrhunderte einen solchen Unterschied zwischen Heinrichs Mörder und Eäsars Tödtcr gemacht, als der zwischen Mord und Tugend ist; — und warum ertrüge kein Herz den Römer auf der Foltcrbühne ungerührt, hingegen mit Freuden den Königs-Moloch? — Aber allerdings entscheidet eben der gewaltige Unterschied, daß Brutus nicht als Einzelwesen, sondern als kriegerisches Oberhaupt einer angegriffenen Verfassung handelte, und daher sich nicht vor Richterstühlcn, sondern blos aus Schlachtfeldern zu rechtfertigen brauchte. Auch Eorday bekämpfte und durchbohrte nicht als Bürgerin einen Staatsbürger, sondern als Kricgcrin in einem Bürgerkriege einen StaatSfcind, folglich nicht als Einzelne einen Einzelnen, sondern als gesundes Partei-Mitglied ein abtrünniges krebs- haftcs Glied*). Ein höchst achtbarer Gelehrter, voll Geist und Herz, wandte obige Stelle sehr irrig auf einen fanatischen Jüngling an, der an einem düstcrn Jugcndfeucr eine That auskochtc, welche, wie er selber nicht an Brutus, so auch nicht an besten That anders erinnern kann, als dadurch, daß in beiden Fällen gerade die Freiheit, wofür Leben geopfert wurde, sich selber noch stärker nachgcopfcrt sah. Der Uuscligst-Bcrblcndetc raubte ein doppeltes Leben — das fremde und seine, denn jeder Mörder ist Sclbmördcr — nicht für Handlungen, sondern für Meinungen, und stellte so sich selber zu etwas Schrecklicher«, als zu einem Jnquisiziontribunal auf; denn er war zugleich Richter — nur Einer, nicht ein Gericht — Ankläger, Zeuge und Scharfrichter, und strafte am Leben sein Opfer, im Winkel, ohne Defensor und Verhör, ohne Aufschub, ohne die Fristen, welche dem 326 In jeder weitgreisenden Handlung wagt das Herz, wenn nicht sich, doch sein Glück; nur wenigen Glücklichen hat das Schicksal ein reines Verhältniß znm Thun bcschiedcn, aller guter Wille der Absicht reicht nicht aus, da wir, obwol nicht sür den Erfolg, aber doch für dessen Berechnung, die oft eine des Unendlichen ist, zu stehen haben. Unsere Psyche kann, möcht' ich sagen, gleich den Vögeln, nie stcilrecht oder gerade auffliegcn, sondern nur aus dein schiefen Umweg. Rechnen wir mit zitternder Hand, so gleichen wir den moralischen Schulmeistern, die oben auf dem Ufer einer Sündfluth sitzen, und die vor einem gedeckten grünenden Scssiontischc voll Zeugenverhöre, Geburtschcincn und Konduitcnlisten so lange über die Frage: wer wol, in Betracht seines besondern Werths und Alters, zuvörderst aus den schwimmenden Völkern hcranszn- bolcn wäre — abrechnen und abstimmcn, bis sammtlichc ans- geschätztc Welt ersoffen ist, und die Fluth vcrtropft. Ich weiß uicht, was mit einem solchen Kleinmuts- noch anders aus der Erde zu wagen und durchzusctzen ist, als etwan das, was z. B. am heutigen 17. Juli oder Alexius-Tage der Kalender anräth: größten llebclthätcr die Menschlichkeit gern bewilligt zur Abrechnung mit den Selnigcn und sich, und unter dem Giftgefühl eigner Schuldlosigkeit und fremder Sündcngcwalt. — O bringet doch nicht, bei solcher Verblendung des Gehirns und Herzens zugleich — welche jedem Brauscjüngling den Dolch statt der Feder in die Hand gäbe, zum Widerlegen des An- ders-Gläubigcn — die Opferung des eignen Lebens in hohen Anschlag, sondern zählt die Selbmvrde des gemeinen Volks, des weiblichen Geschlechtes lm Pöbel, aller Verarmenden, aller Unbesonnenen, der Spieler, der matten LebenSschwelgcr, kurz der Feigen, die keinem Drohen Einer Stunde, oder Einer Woche gewachsen sind. 327 säet Rüben und raufet den Flachs. Ans Hinwageu irgend eines Lebens wäre dann so wenig zn denke», daß man nicht einmal mit der Auflösung der Frage zn Rande käme: ob man nur eines geben dürfe; ob man nicht zu kühn verfahre, wenn man auf die Erde einen ganz neuen unbekannten Menschen einführe, für dessen Anlagen und Einflüsse man gerade so wenig stehen könne, als für dessen Schicksale, indem er ja der jährliche Scptcmbriscnr jeder zwölf Monate und des Jahrhunderts werden, und durch diese in Gift-Gärten des Geistes und in Hnngerwüsten des Körpers unheilbar untcrgehcn könne. Ich erstaune dann über einen, der heirathct." Aber, versetzte der Präsident, was geht die reine Absicht der Erfolg an? Die allwissende und allmächtige Vorsehung mag mit sich selber diesen ausmachen; ich bin keine. Gesetzt, z. B. eine Frau riefe in der Nacht um Hülfe, und ich eilte hinzu, und brächte aus meinem Sandwege einige leicht Fünkchen gebende Sandkörnchen mit in die mir unbekannte Pulver- mühlc, und hundert Menschen flogen in die Luft: was hält' ich denn verschuldet? Nichts, rein nichts! „Gewiß, sagt' ich, aber eine unbesicgliche Trauer bliebe Ihnen doch zurück. Da überhaupt der Mensch nicht blos groß wollen (wo ja, ohne Rücksicht auf Außen und Innen, Mögen und Vermögen ohne Zeit in einander fallen), sondern auch groß handeln will: so muß er durchaus noch auf etwas, was jenseits des Reichs der Absicht liegt, hinübcrstrebcn; zwei gleich reine Helden der Menschheit, wovon der eine im Kerker rasten muß, der andere ein weites Leben ansschaffcn darf, würden den Unterschied ihrer äußeren Rollen wie einen zwischen Unglück und Glück empfinden. Kurz wir wollen wirklich etwas; wir wollen die Stadt Gottes nicht bloS bewoh- 328 neu, sondern auch vergrößern. Nnr dringen wir vor lauter Verboten selten zn den Geboten selber hindurch, und/'rauchen sechs Wochentage, mn ans einem Sonntage anznlanden. O, was zu fliehen ist, weiß sogar der Teufel; aber was zn suchen ist, nnr der Engel." „Wir wollen auf die Corday zurückkommcn, sagte der Präsident; cs wirst sich sogar über Nothwehr, d. h. den Erkauf meines Lebens durch ein fremdes, die Frage der Rcchtmäßig- kcit auf. Warum soll das mcinige stets mehr wiegen, als das fremde? Ich für meine Person könnte deshalb den größer» Vcrthcidignng-Muth weniger gegen Angriffe des meinigcn, als gegen die eines fremden, z. B. meiner Kinder, beweisen, wie eine Mutter nnr für diese, nicht für sich eine Löwin wird." Allerdings entscheiden hier Lebens-Abwägungen nicht, sagt' ich, weil sonst zwei Drittel der Menschen vogelsrei würden, sondern die verletzte Geistes-Majestät, die am Leibe oder Leben so beleidigt wird, wie ein Fürst an seinem beschimpften nächsten Diener, soll gerächt und behauptet werden. Jeder Despot tastet in meinem körperlichen Leben nur mein geistiges an. — Weswegen sonst glaubt der Beleidiger sich Gcnug- thnung durch den Zweikampf zn verschaffen, als, weil dieser die verletzte Geister-Gleichheit durch ein gleiches Doppel- Loosen um das Leben, wieder heilt? „Unsere Moral — fing der Graf an — scheint mir zu sehr eine Häuslichkeit-Moral, und mehr eine Sitten- als Thatenlchre. — Sie ist blos eine Geschmack-Lehre für das schaffende Genie. Es gibt eben sowol sittliche Genie-Züge, die darum nicht in Regeln und von Regeln zn fassen, also nicht voraus zu bestimmen sind, als es ästhetische gibt; beide indcß ändern allein die Welt, und wehren der fortlaufenden Verflachung. Es erscheine ein Jahrhun- 329 dert lang in einer Literatur kein Genie, in einem Volke kein Hochmensch: welche kalte Wasser-Ebene der Geschmack- und der Sittcnlchrc! Alle Größen und Berge in der Geschichte, an denen nachher Jahrhunderte sich lagerten und ernährten, hob das vulkanische, ansangs verwüstende Feuer solcher Uebcrmcn- schcn, z. B. Bonaparte Frankreich durch Vernichtung des, nur durch Schwachen vernichtenden Direktoriums, kühn ans einmal aus dem Wasser. Allerdings hänfen sich auch durch leere Korallen endlich Riffs und Inseln zusammen; aber diese kosten eben so viele Jahrhunderte, als sie dauern und beglücken; wenn hingegen der Fencr-Ncformator mitten ans einer faulenden, moderigen Welt eine grünende, ans einem Winter einen Vorfrühling empor treiben soll: so muß er die zeugenden Jahrhunderte des trägen Werdens zum Vortheilc der genießenden durch eine Kraft ersetzen, welche jedesmal fällend und bauend zugleich ist. Wer nun diese Kraft besitzt, hat das Gefühl derselben oder den Glauben, und darf unternehmen, was für den Zweifler Vermessenheit und Süudb wäre, bei seinem Mangel des Glaubens und folglich auch der Kraft. Was große Menschen in der Begeisterung thun, worin ihnen ihr ganzes Wesen, die höhere Menschheit neu erhöht und verklärt, sich spiegelt, so wie dem tiefer gestellten Menschen in seiner Begeisterung seine dunkele Menschheit erglänzt — das ist Recht und Regel für sic und für ihre Nebcnfnrstcn, aber nicht für ihre Unterthanen; daher kommt ihre scheinbare Unregelmäßigkeit für die Tiefe. Die Sonnen stehen und ziehen überall am Himmel; aber die Wandel-Erden sind ans ihren Thierkreis eingeschränkt, und an Eine Sonne gebunden." — „Es muß, setzt' ich dazu, etwas Höheres zu suchen geben, als blos Recht, d. h. nicht Unrecht zu thun — worauf doch 330 die folgerechte Sittenlehre sich cingräuzt —; aber dieß Höhere ist in einer Unendlichkeit von Reizen nnd Bestimmungen so wenig durch das Sitten-Lineal auszumeffcn, oder gcrad zu richten, als die Raphaelischen und die lebendigen Figuren durch mathematische Figuren." „Mangel an Glaubcnsmuth, kann man sagen, fuhr der Gras fort, nicht etwa Mangel an Wohlwollen, erkältet und erschlafft die Menschen, die meisten würden der Gewißheit eines großen schönen Welt-Erfolgs ihr Leben hinopfcrn, das sie ja so oft, bei kleinern Fällen, für eine Unmäßigkeit, Rechthaberei u. s. w. wcggcbcn. Aber dieser Glaubcnsmuth ist eben entscheidend nnd göttlich, nnd durch nichts zu erstatten. Da, wo Feige ohne Richtung treiben, bestimmt er seiner Welt die Himmels-Gegend, in welcher, wie man für die Luft-Kugeln vorgcschlagcn, er nur von einem Adler-Gespann gelenkt nnd gezogen wird; nnd Flügel sind seine Arme. Mit diesen Flügeln schlägt eben der Adler die weiche Welt häufig mehr wund, als mit Klanen und Schnabel. O ich möchte in keinem Leben lebcn, das kein großer Geist anrührte und dnrchgriffe nnd umschiffe; — vor keiner Bühne möcht' ich stehen, wo es nichts gäbe, als den Chor der Menge, der, wie der theatralische bci den Griechen, blos aus Greisen, Sklaven, Weibern, Soldaten nnd Hirten bestand. Welcher Unterschied, an etwas sterben, nnd für etwas sterben! O sie sollen immer hinziehcn unter ihre Opferthore, auf ihre Blutgerüste, ans ihre tarpejischcn Felsen, jene großen Seelen über der Erde; schwingt euch kühn aus die schwarzen Flügel des Todcscngcls, sie entglimmen bald farbig und glänzend, ihr, Sokrates, Leonidas, Morus und selber du, edle Corday, deren unbewegliches Jubelfest eines heiligen Todes der heutige Tag feiere!" — 331 „Sie find schon, sogt' ich, ans diesem breitesten Flügels der alles wcgträgt, davon geflogen, aber nns sind Hciligen- Bilder auf Altären zurückgeblieben zum Anbeten, und zum Erleuchten mit Altarlichtern. Das schönste Beleuchten ist wol die Wiederholung ihres Lebens, wär's auch blos die historische; das Leben wird nur angeschaut, nicht begriffen. Die Begriffe — die, ihrer Natur nach, schon aus den gemeinsten Wesen das Lebendige Niederschlagen — lasten vollends aus ungemeinen, zum Vortheil des Allgemeinen, gerade das Köstlichste fallen, und bewahren höchstens aus ihnen die Mutter- mäler, indem immer die Mannigfaltigkeit der Irrwege den Begriff mehr bereichert, als die lebendige Einheit der Recht- Bahn. Ein historisches Zusammenleben mit einem Heros kann oft ein wirkliches darum übcrtreffen, warum die Schimmcrfar- bcn eines Vogels nicht ans seinen zum Fluge ausgebrcitctcn Flügeln erscheinen, sondern auf seinem zur Ruhe zusammen gelegten Gefieder." Ich entdeckte nun dem Grafen, daß ich wirklich für den heutigen Abend eine historische Zusammenstellung der Scelcn- Züge Corday's unternommen und mitgebracht hätte. Dicß schien ihn herzlich zu erfreuen, wiewol er neue Züge leichter mittheilcn als empfangen konnte. Er schlug sogleich vor, den freien Himmel und einen in zwei Lindcnbäume cingebauetcn Altar zum Tempel unserer Betrachtung zu wählen, um den Untergang der Heldin und der Sonne vereinigt stärker anzuschauen. Der Präsident versicherte, er höre mit Freuden zu, nur werde man ihm auch den schönsten Eindruck historischer Kunst-Rührung doch für keinen Widerruf seiner Sätze anrcch- nen. Der Abend war reizend, mit Gesang und Duft gefüllt, nur daß in Süden weiße Wolkcnberge aufwuchscn, und mit 332 ihren Kratern voll Feuer dem Norden zurncktcn. Ich muß aber Voraussagen — sagte jetzt der Präsident, der sehr ernsthaft am Himmel über sich hcrumsah — daß ich, sollte das Gewitter näher kommen (denn cs donnerte von ferne schon) mitten im größten Genüsse der Geschichte mich davon machen werde, weil ich gegen meinen Grundsatz, über die moralische Pflicht der Lebcnsschonung, um keinen Preis verstoßen will. Der Graf warf ein, wie cs nie in seinem Thale ungeschlagen; aber er schüttelte nnbckchrt den Kopf. Im Lindcnkabinet empfing uns Corday selber, nämlich das Bildniß ihrer schönen und großen Gestalt, das der Graf mit Mühe ächt erobert hatte*). Denn noch am erblaßten Gesichte, das schon von der Hand des Henkers durch einen Backcnstrcich verunreiniget worden, nagte die Partciwuth fort, und suchte die Schönheit, die sie entseelt hatte, nun auch zu entstellen, so wie die Thes- falischen Hexen sich in Thiere verwandeln, und dann den Tobten das Gesicht abfresscn**). Jndeß mußte derselbe Chabot, der im Convent den gctödtctcn Marat einen zu weichherzigen Mann genannt***), clont ie coeur !>on et clont l'iiuinnnite etoient ncco»tnin68 n cles sncrillce« Iinliituels — die tödtendc Corday hingegen »„ clk8 ino»8tre8 eine In nntnre voinit jiour Itz „inllienr eie i'Innnnnite — dieser mußte gleichwol von ihr sagen: nvec eie I'espiüt, eie8 Arnce8, »ne tnilis et »n ^ort 8»per>,e8 eile pnioit etre ci'nn cielire et ci'nn conrnZe cn- Pkllilen eie tont entreprencire. *) Ihr herrliches Gesicht siche in des I. B. Vtcm Hefte der neuen Klio von 1796. **1 Apuicjns Verwandlungen. Aonitenr äe 1'nnnee 1793. I^ro. 187. 333 Ich sah diese zweite .lenniis lange an — so oft ich sie auch schon angesehen — nnd fing ihre kurze Thaten- und Lcidcngeschichte schüchtern, als sei diese zu kalt gemalt, vorzulescn an. Die redlichen und feurigen Deutschen hatten alle die Nc- voluzion bei deren Anfänge mit keiner ans der Geschichte hoffend vergleichen sollen, weil in dieser noch kein zugleich so verfeinerter nnd moralisch vergifteter Staat — wie sich der gallische in seiner Mnttcrlogc Paris, und in den mitregicrcn- dcn höhern Ständen nnd Städten aussprach —- je sich ans seinen Galecrenringcn gezogen hatte; sic hätten alle von einem Erdbeben, das so viele Gefängnisse und Thiergärten aufriß, nicht viel hoffen, noch weniger dabei an Rom nnd Sparta denken sollen, wo die Freiheit bei einer nicht viel größern Verderbniß anshörte, als die war, bei der sie in Paris anfing. In jedem Jahrhundert wird der Sünder (aber auch der Heilige) in der Brust größer, blos weil er besonnener wird. Die Deutschen sahen cs endlich, wie die weite elektrische Wolke der Ncvoluzion die Kröten und die Frösche nnd den Staub in die Höhe zog, indcß sic die erhabenen Gegenstände um- schtug; glcichwol hielten viele, so lange sic konnten, die Haupt- snmmc für eine zufällige nnd sogar nöthige Partei wider die Gegner, die Vcndee-Parzcu und die Koblenzer Emigrss. Es scheint unglaublich, ohne die Erfahrung in Bürgerkriegen — die Revoluzion aber war ein geistiger durch ganz Europa — wie lange der Mensch politische Nnvcrändcrlichkcit fort behauptet auf Kosten der moralischen; so wie jeder, auch in Familieukriegen, gern ein paar Tage länger bei einer Partei, als sie Recht hat, beharret, ja hinter der zufällig genom- 334 menen Stuhllehne eines Spielers stehen bleibt, mit dem Wunsche, daß er durchaus gewinne. Der Tornado des Säknlums, der eiskalte Sturm des Terrorismus fuhr endlich aus der heißen Wolke, und schlug ' das Leben nieder. Nicht die, deren Vermögen oder Leben geopfert wurde, litten am bittersten, sondern die, denen jeder Tag eine große Hoffnung der Freiheit nach der andern mordete, die in jedem Opfer von neuem starben, und vor die sich allmalig das weinende Bild eines sterbenden, von Ketten und Vampyren umwickelten Reichs als Preis aller Opfer gekrümmt hinstellte! — Dieses Todtcnbild rückte, als am 31. Mai die letzten Republikaner, die Girondisten, den leiblichen und geistigen Plebejern das Feld nicht zum Besäen, sondern zum Verheeren räumen mußten, am schmerzlichsten nahe an ein großes weibliches Herz. Als Louvct mit andern von der Bergpartei am 31. Mai verjagten Republikanern in Cacn bei Barbaroux wohnte: so kam öfters eine schöne stolze Jungfrau, von einem Bedienten begleitet, dahin, und wartete im Saale auf Barbaroux mit einer scheinbaren Vorbitte für einen ihrer Verwandten, wicwol in der wahren Absicht, die verjagten Republikaner näher zu prüfen. Die Jungfrau war schon unter die Unsterblichen gegangen, da sich Louvct ihrer wieder erinnerte, als einer hohen Gestalt voll jungfräulicher Würde, Milde und Schönheit, sittsam, sanft entschlossen, eine Blume, gleich der Sonnenblume, die den ganzen Tag mit ihrer einfachen Blüte der Sonne folgt, die aber nach dem Untergang und vor dem Gewitter sich mit Flammen füllt. Er hatte Charlotte Corday gesehen. Ihr Leben war schon früher ein ungewöhnlicher Vor- 335 Himmel vor ihrem Tode gewesen. Griechen nnd Römer, nnd die großen Schriftsteller der neueren Zeit hatten sie erzogen, und sic (nach ihrer Aussage) zu einer Republikanerin vor der Republik gemacht. Sic war kühn, bis sogar in die Religion hinüber. Als das Nevoluzion-Tribunal sie fragte: haben Sic einen Beichtvater? so antwortete sie: keinen. — Es fragte: halten Sie es mit den vereideten Priester», oder mit den nn- vercidetcn? — Sic antwortete: „Ich verachte beide." Folglich kein religiöser Fanatismus reichte oder wcihctc dem jungfräulichen Würgengel das Schwert. Bei aller Glut ihres inner» Wesens nnd allem Glanz ihrer Gestalt blieb doch fremde nnd crwicdertc Liebe von ihr abgewicscn; sie achtete die Männer wenig, weil eine weibliche Seele in der Liebe ein höheres Wesen sucht*), und ihre erhabnere nicht einmal das AclMiche fand; daher sie, als der Präsident mit gewöhnlicher Härte gefragt, ob sic schwanger sei, versetzte: „ich fand nnd kannte noch keinen Mann, den ich meiner würdig geachtet hätte, denn Ma- rat lebte noch." — Die Expcdizionstnbe des weiblichen Lebens kam ihr enge, dumpf nnd staubig vor. — „Die republikanischen Franzosen (schrieb sie an Barbaroux) begreifen es nicht, wie eine Frau ihr Leben, dessen längste Dauer ohnehin nicht viel Gutes erschafft, kaltblütig dem Vaterlande opfern könne." — „Nur die Jungfrau — unterbrach der Graf — stirbt für Welt nnd Vaterland; die Mutter blos für Kinder und Mann. Jene ist noch eine Alpenpflanze, an welcher die Blume größer ') Wenige Männer würden eine Corday, eine Jcannc d'Arc hcl- ralhcn wollen; aber die meisten Weiber gewiß einen Brutus, und ähnliche; und in sofern steht die weibliche Liebe höher. In der Freundschaft kehren cs aber beide Geschlechter um. 336 ist, als die ganze Pflanze. Du edle Charlotte, du liebtest nicht nnd wärest so groß." — Wenn schon gewöhnliche Weiber — fuhr ich fort — ihr Leben mehr in Phantasien führen, als wir, nämlich in sofern sie mehr mit dem Herzen denken, wir aber mehr mit dem Kopfe, nnd wenn sic daher oft durch ein großes Leben um die zngespcrrtc Wirklichkeit nmhcrirren: so hat dieß noch mehr bei genialen Weibern statt, in welchen die höhere Kraft des Kopses nur mehr der höher» Kraft des Herzens gehorcht (aber nicht wie bei uns befiehlt), nnd deren Unglück daher häufig so groß wird, als ihr Werth. Charlotte Corday, auf einer Freiheit-Hohe einheimisch, nnd cs erlebend, daß sich Plötzlich um sie her ihr ganzes Vaterland als eine geistige oder doppelte Schweiz anfrichtet, und hohe Alpen voll Acthcr, Idyllenleben nnd Hcimwchc der Freiheit in den Himmel stellt; — ergriffen und erhitzt vom Frühlingmonat der großen znrückkchrcndcn Freiheit nnd Welt- Wärme; -— diese Corday, deren langbcdecktcs heiliges Feuer auf einmal mit dem allgemeinen Enthusiasmus zusammen lodern darf, so, daß nun die alten Ideale ihres Herzens lebendig nnd rüstig anfstchen, nnd dem Leben die Fahnen hoch Vorträgen, nnd daß der ganze Mensch That wird, der Kcnntniß kaum mehr achtend, so wie das durch die Nacht rennende Roß nicht die Funken achtet und flicht, die es aus seiner schnellen Bahn ansschlägt; — — diese Corday erlebt dennoch die Bergpartei. Sie erlebt nämlich noch vor dem Listen Mai den Untergang aller heiligsten Hoffnungen, wo die Freiheit entweder entfliehen oder verbluten muß — wo Rcvoluzioncn sich durch die Nevoluzion wälzen, und der Staat ein Meer wird, dessen 337 Bewohner sich blos fressen und jagen — wo am zerfallende», verstäubenden Freiheit-Riesen nichts übrig und fest bleibt, als die Zähne — wo zulctzt'das Vaterland sich in einzelne Glieder zerstückelt muß, um mit gesunden die unheilbaren von sich abzulösen, und wo Corday sagen mußte: „ich bin müde des Lebens unter einem gefallenen, niedrigen Volk!" Sic erlebt einen Marat, das unbedeutende, heuchelnde, rohe, mechanische, auch äußerlich-häßliche, bluttrunkcnc, aufgeblasene*) Wesen, das mehr als Blutigcl, denn als Raubthicr lockte — daü die Septcmbriscurs blos miethcte, bezahlte und lobte, und das wirklich keinen Menschen mit eigener Hand umbrachte, sondern nur sich **) — das die Mörder des Generals Dillou gern noch zu Mördern seiner Offiziere machen und mit dem Blute von noch 230,000 Köpfen die Weinlese der Freiheit erst recht düngen und begießen wollte — das am Listen Mai einen Juterimkönig ***) begehrte, weil die Extreme sich berühren, und der höchsten Freiheit ein unumschränkter Diktator nöthigcr sei, als ein beschränkter — das (nach Cor- day's Aussage) durch ausgcthciltcS Gold zum Bürgerkrieg cut- *) Marat gedachte in seiner Pcrioptrik (s. in Lichtcnbcrgs Magazin der Physik B. I.) etwas Ncwtonischcs zu liefern, und wollte den Prof. Charles erstechen, weil er ihn widerlegte; er schickte an die Akademien zu Neuen und zu Lyon erstlich eine Preisfrage mit 50 L'dor über seine Pcrieptrik, dann eine Antwort, und wollte sein Gels, als man ihn nicht damit krönte. S. Ebcrts Unterhaltungen vermischten Inhalts. 1794. 2tcs Heft. **) Denn Lonvet sagt, in gnelgnes notices ziorir l'Iiistoirs et de recit So viele Jünglinge sah sic um sich her dem Frcihcitzuge nach Paris, dem großen Grabe, Zuströmen: da reichte sie dem Engel die Hand, der sie aus dem Leben führen wollte. y Noniteur llo 1'annöe 1793. dkro. 197. 339 „O wenn man doch, sagte der Graf, in jene tiefe Stunde tiefer schauen könnte, wo die Heldin zu sich sagte: „mein Le- „dcn sei vorüber, alle heiteren Aussichten verschlinge die einzige; Verzicht sei gcthan ans alles Geliebte und Erfreuende, „aus Vater, auf Freunde und Kinder, auf irdische Zukunft und „auf alles, was um mich her die Menschen beglückt; gebt mir „die Todcsfackel statt der Brautfackel; und die Todesgöttiu „drücke als Blumcugöttiu das feste schwarze Siegel ans mein „Nosenlcbcn!" — Es ist bekannt, daß die Heldin darauf einen ganzen Monat laug ihren großen Vorsatz schweigend in der Brust bewahrte. Aber wie leicht und klein mußten ihr in dieser Zeit die Spiele und Plagen des Lebens erscheinen, wie frei ihr Herz, wie rein jede Tugend, wie klar jede Ansicht! Sie stand jetzt ans dem höchsten Gebirge, und sah die Wetterwolken nur ans der Tiefe, nicht ans der Höhe kommen, und sich von ihnen kaum verhüllt und benetzt, indeß die Andern, die tiefen Menschen ans -cm Boden, ängstlich nach dem Gcwölkc auf- blicktcn und ans dessen Schlag harrten. — Der edle Krieger, der handelnde Republikaner, der gottbcgcistcrtc Mensch, sie haben diese hohe Stellung, die sic so sehr für alles häusliche Einnistcn in bequeme, warme Freuden entschädigt und erkältet." Den 7. Juli reifete sie nach Paris ab, nachdem sic ihrem Vater, um Einvcrwickclung und Vaterängste abznwcndcn, geschrieben, Laß sie vor dem harten Anblicke des Bürgerkriegs nach England entweiche. Schweigend, ohne einen Nathgcbcr, ohne eine theilnchmende oder stärkende Seele, schied Las 25jährigc Mädchen von allen geliebten Wesen, und trat in der beißen Jahreszeit die lange Reise zum Altäre an, wo cs bluten wollte. „Ich befand mich, schreibt sie an Barbaroux, in der Postkutsche in Gesellschaft guter Bergbewohner, die ich ganz nach ihrem 22 * 340 Wohlgefallen reden ließ; ihr Geschwätz, das so dumm war als ihre Personen unangenehm, diente nicht wenig, mich ciuzu- schlafcrn. Ich wachte gewissermaßen nicht eher ans, als da ich in Paris ankam." Mit dieser festen Ruhe, so wie mit dieser kalt-hellen Ansicht that sic den ersten, wie den letzten Schritt zu ihrem Blutgerüste hinauf. Den Helden begeistert die mitziehcndc Hüls-Schaar; diese Heldin ging einsam, nur mit ihrem Herzen und mit dem unsichtbaren Todcsschwcrt zur Nichtstättc — des Opfcrthiers und der Opferpricstcriu zugleich — unterbrach der Graf. — Aber es konnte nicht anders seyn; sie wußte ja, sic bringe mit ihrem Marats-Dolche den Freiheit- Zepter mit, und sie sei, obwohl unbekannt der blinden Masse, in ihrem Siegswagcn nach Paris schon angethan mit den Fcierklcidern der glänzenden Zukunft. Ruhe und Stille und Kälte mußten ja der starken Seele kommen, durch den festen Glauben, daß sic, sie allein, mit einem einzigen Tode ihres Körpers einen Bürgerkrieg und Bürgermord verhüte, und dem wunden Vaterland mehr als Eine Schlacht gewinne'"), und daß sie (Ließ mußte sie scheu) gauz anders mit dem hingegossenen Blute der Jugend, der Schönheit, des Geschlechtes und des Vaterlandes beschäme, befeuere, befruchte, als ein sterbender Mann und Greis. O selig, selig ist der, welchem ein Gott eine große Idee beschecrt, für die allein er lebt und handelt, die er höher achtet, als seine Freuden, die, immer jung und wachsend, ihm die abmattende Eintönigkeit des Lebens verbirgt! Als Gott (nach der Fabel) die Hände auf Muham- med legte, wurd' ihm eiskalt; wcnu ein unendlicher GeuiuS ") S. ihr Verhör und das Schreiben an Barbarvur. 341 die Seele mit dem höchsten Enthusiasmus aurührt und begabt, daun wird sic still und kalt, denn nun ist sie auf ewig gewiß." Donnerstags (den 11. Jul!) kam Charlotte Corday in Paris, als aus dem Richtplatz ihres Vaterlandes und ihres vorigen innern Lebens und ihres jetzigen. äußern an, wicwol als ein stiller, weißer Mond, der da aus dem heißen hohlen Krater aufgehcn muß, wie vor Neapel der Mond aus dem Vesuv. Sic ging zuerst zum Deputaten Diiperret (einem noch nicht vertriebenen, aber schon augeklagten Girondisten, den man erst später hiurichtete), übergab ihm einen Brief von Barba- roux, und bat ihn, sie zum Minister des Innern zu begleiten, dem sie Papiere einer Freundin abzuforderu habe. Er entschuldigte sich mit seiner Tischgesellschaft, und versprach, sieden andern Morgen zu sehen und zu begleiten. Er erzählte darauf seinen Gästen, wie sonderbar und außerordentlich ihm das ganze Betragen und Sprechen dieser Jungfrau vorgckommen. Am Freitag Morgen bat sie Marat in einem Billet um Zugang, unter dem Vorwand republikanischer Geheimnisse; sie kam nach einer Stunde, aber umsonst. Eigentlich war dieses Mißlingen schon ein zweites; denn anfangs hatte sie ihn, und folglich sich, mitten im Konvent opfern wollen. Solche Fchlschlagnngcn oder Kleinigkeiten, wie zum Beispiel die lange Reise, das heiße Wetter u. s. w., hätten einem entnervten moralischen Krastgcnie, das leicht für Einen Abend zu einem ähnlichen Feuer auflodcrt, sehr bald die Flamme ausgcweht. Denn die meisten jetzigen moralischen Krastänße- rungcn sind nur epileptische; geistige und körperliche Nüchternheit sind jetzt nöthigc Zuthatcn der Helden, wie sonst Ab- gange derselben. Eorday blieb mit Leib und Seele nüchtern und fest. Endlich knm der rechtschaffene Düperret zu ihr — ihr gewünschter Besuch des Ministers war vereitelt — sie sand Düperret zwar standhast sür das Rechte, aber verschlossen, und sie ricth ihm bloS dringend, anS dem Konvent sich nach Cacn, wo er mehr Gutes wirken könne, zu begeben. Als er ihr am Nicht- und Todestage Marats den Gegenbesuch machen wollte, wich sic ihm aus, um keinen Menschen in ihren Sturz zu ziehen. Die hohe Alpenrose hatte nur Einen stechenden Dorn, blos gegen Einen Menschen. Noch Abends am Freitage schrieb sic an Marat, und ersucht' ihn dringender um einen Einlaß am Morgen. Der Sonnabend kam; sic kaufte erst diesen Morgen ihren Dolch im Palais-Royal, und verbarg die Parzcnschccre in ihrem Busen. Daraus begab sie sich zu Marat mit der doppelten Gewißheit, jetzo sterbe er unter ihren Händen, und zugleich sie selber unter denen des Volks. Er, obwol an Sünden krank und im Bade, ließ sie vor sich. Sic nannte ihm srei alle Namen der in Caen und Evrcux begeisterten Girondisten, die gegen die Bergpartei sich verschworen hätten, d. h. die Namen aller ihrer Lebens- und Ewigkeit-Freunde. Nun, in wenig Tagen, versetzte er, wcrd' ich sie alle in Paris guillotiniren lassen. --^ Da nahm plötzlich die Nemesis Corday's Gestalt an, und drchcte Marats Schlachtmcffer um gegen sein eigenes Herz, und endigte so den niedrigen Menschen. Aber ein gelindes Gericht von Gott und Menschen ergehe über die bisher so unbefleckte Hand, die ein höherer Geist in ein beschmutztes Blut cintauchtc. „Dieß Gericht wird ergehen, sagte der Gras. Nein, wie 343 die Wetterwolke, schlug und zückte sie einmal aus ihrem Himmel auf die kothigc Erde, und zog darauf in ihm weiter. — Aber wie sonderbar wies mit dem Bade und mit den letzten blutdürstigen Worten das Schicksal dem Nachccugcl die tätliche Stelle au! Durch ähnliche Verkettungen der Zufälle fielen fast alle Böscwichtcr; das Verhängnis; stehet über der Welt mit seinem Geschoß, unten knien die Verbrecher hinter ihren Augenbinden, und die Brust trägt ein schwarzes Herz; und au diesem zeigen sic ihm das tödtliche Ziel!" Ruhig und ohne Furcht ließ sic sich gefangen nehmen. Als der Postmeister Drouct*) mit ihr zur Abtei fuhr, und er den Pöbel, der sie umbringen wollte, durch die Erinnerung an das Gesetz zum Gehorsam brachte, so fiel sic in Ohnmacht. Als sic wieder zu sich kam, war sie in Verwunderung, daß der Pöbel sic noch leben lassen, und daß dieser, den sie für eine Zusammensetzung von Kannibalen gehalten, dem Gesetz gehorcht hatte. — Das Weinen der Weiber schmerzte ihre Seele, aber sie sagte: „wer sein Vaterland rettet, den kümmert es wenig, was cs kostet." Die Scheide des Dolchs, einiges Geld, ihr Taufschein und Paß, eine goldene Uhr und eine Adresse ans Volks wurden bei ihr gesunden. Bei dem Eintritt in die Abtei raunte ein Jüngling mit der Bitte herzu, ihm, statt ihrer, Gcfäng- uiß und Tod zu geben; er erhielt beides nur wie sic **). Merans den Todten eine Thränc fallen läßt, stirbt ihm nach, sagt der Aberglaube; so tödtct in der Despotie die Thränc, welche aus das schuldlose Opfer rinnt. — Die ganze Nacht sprach itlonitenr, in angeführter Stelle, Nro. 193. ') Lvuvet, am angeführten Orte. 344 das begeisterte Mädchen von den Rettmitteln der Republik: „ich habe das Mcinige gethan, sagte cs vergnügt (nach Dronets Bericht), die Andern mögen das Ucbrigc thun." Um diese Zeit hörte der edle Mainzer, Adam Lux, von ihr sprechen, wicwol als von einer wahnsinnigen alten Betschwester und aristokratischen Schwärmers»; aber bald darauf schauctc ein starkes Herz in ein zweites; er begegnete ihr auf ihrem Siegs- und Lcichcnznge zur Guillotine, und bestieg ihn bald daraus selber (am kOtcn Oktober)*), weil er die Heldin und die Freiheit vcrthcidigt hatte.- Hier nahm der Präsident, da das Gewitter nicht mehr seitwärts, sondern gerade über ihm spielte, Abschied von uns, und entschuldigte sich. „Nur eine Minute lang will ich, begann der Gras, unterbrechen, um mit Ihnen an das bedeckte vcrschattcte Grabmal dieses herrlichen Adam Lnx, einer Römer-Seele, einer Hermanns-Eiche zu treten, um daran ein altdeutsches Leben wieder zu lesen, wie es wenige führen. Lux, ein Landmaun und glücklicher Vater, war als ein Mainzer Abgesandter nach Paris gegangen, um (friedlicher, als später geschehen) sein Vaterland an Frankreich anzureihcn. Er hatte aber in seiner Kato's-Brust mehr mitgcbracht, als er finden konnte im damaligen Pariser Blut-Sumpf: eine ganze römische und griechische Vergangenheit und Nouffeau's cingcsogncn Geist und die Hoffnung einer steigenden, siegenden Menschheit. Da er nun kam und sah, so gingen ihm die Freuden und Hoffnungen unter, und er behielt nichts, als sich, sein deutsches Herz; nur die verjagten, an der Zeit reisenden Girondisten waren *) Frankreich. 180» St. 7!) w. 345 mit ihren Wunden Balsam für die sinnige. Förster und andere Freunde hielten ihn mühsam ab, daß er sich nicht znm Beweise zugleich seiner Treue und Trostlosigkeit vor dem Konvente den Dolch in die hart auSgeplüudertc Brust einstieß. Nun konnte er nichts weiter thnn (ehe Corday den ihrigen ergriffen), als still und fest sehn, und mit der glühenden Brust ans den fressenden Wunden ruhen; ins Holz von Bouloguc verbarg er sich, und las Brutus Briefe an Cicero; sein Angesicht blieb saltenlos, sogar heiter, denn die hohe Seele hoffet länger das Hohe, als die niedere, und wenn am Hügel schon der Schatten liegt, so glühet der Berg noch lange der Sonne nach. Da begegnete dieser feste, von der Zeit umhüllte Geist der geopferten, wie opfernden Corday auf ihrer Treppe zur Gruft, oder eigentlich bei ihrer Himmellcitcr; er sah ihr stilles, großes Untcrgehcn, und die Henker-Entheiligung ihres Hauptes, und den alles verdrehenden Wahnsinn. — Nun drückte ihn das Leben und die Zeit zu schwer; — die nieder- gebogne alte Flamme seiner Seele loderte auswärts, er schrieb ein sehr gemäßigtes Blatt für Corday, ein zweites gegen den letzten oder Listen Wonnemonat, gegen die Vertrcibcr der Republikaner. Er wurde ins Gcfäugniß In Coree geworfen; aber sein Geist und seine Zunge blieben frei. Er empfing darin keinen Schmerz, als^cn von seinem wohlmeinenden Bekannten We- dckiud, der ins llournal de In NvntnZne, um ihn zu retten, die Lüge ciuschicktc, Lux habe nur aus wirklichem Wahnsinn der Liebe für Corday so geschrieben. Aber er forderte kräftig den Widerruf ab, und wiederholte damit die deutsche Kaltblütigkeit, womit er, in der früheren Schrift für Corday, 346 zugleich sic bewundert und getadelt hatte. Mau bot ihm für Verstummen leibliche Freiheit au; er verwarf den eklen Köder, und sprach nicht nur fort, sondern drang durch Briefe bei den Wohlfahrt- und Sicherheit-Ausschüssen, und bei dem Präsidenten nnd dem öffentlichen Ankläger des Nevoluzion-Tribuna- lcs immer wärmer darauf, daß man ihn vor Gericht bc- schcide.-Endlich erfüllte man ihm am 10. Oktober morgens seine Forderung; Abends 4 Uhr war er da, wo er hin- gchörte, im Lande einer dauerhaften Freiheit, bei dem Genius, der ihn mit diesem himmlischen Herzen herunter geschickt. Und kein Deutscher vergesse ihn! — Aber wie wird alles im Rauschen der fortzichcndcn Zeit übcrtäubt und vergessen! Welche hohe Gestalten stiegen nicht aus dem unreinen Strome, nnd glänzten und sanken, wie Wasserpflanzen in die Höhe gehen, um zu blühen, und dann, mit Früchten beladen, unter- sinkcn." — — Ich fuhr fort: Er starb rein und groß zugleich. Dieß war schwer in einer Zeit, wie die scinigc; denn durch die gewaltsamen cinmüthigcu Bewegungen eines Volks wird leicht das zarte moralische Urthcil, wie durch ein Erdbeben die Magnetnadel, entkräftet und verrückt. Der Geist der Zeit, von welchem jeder durch seinen einzelnen sich rein zu halten glaubt, besteht ja aus nichts, als vielen einzelnen Geistern; und jeder ist früher der Schüler, als der Lehrer des Jahrhunderts, wie früher ein Sohn, als ein Vater; nur aber daß, weil wir die Farbe des säkularischen Geistes blos in großen Massen spüren, jene uns aus den einzelnen Wesen, woraus sic allein zusammenfließt, verschwindet; wie ein einziges, aus dem grauen Frankreich 1. e. Welt-Meer geschöpftes Glas Wasser rein und hell zn sehn scheint. — Auch über den festen Mainzer, der, ungleich dem Revoluzionhaufen, nicht nur Segel, sondern auch Anker hatte, regierte ein Geist der Zeit, oder vielmehr ein Geist des Volks, — er war ein Deutscher. „Ich sehne mich wieder, sagte der Graf, nach der großen Corday; ihr Bild vor mir thnt mir so wohl, wie der jetzige Donner über uns, cs blickt ja so heiter-ruhig, als war' cs das Urbild, in die Blitze." Den dritten Tag der Gefangenschaft — den Corday den zweiten nach ihrer thätigcn Vorbereitung zur innern Ruhe nennt — schrieb sic die unvergeßlichen Briefe an Barbaroux und an ihren Vater. Jhr Urthcil darin über den todtcu Ma- rat hatte noch die alte feste Strenge, von keiner Weichherzigkeit für eine Leiche bestochen. Aus gleiche Weise gab sic dem Revoluziontribunal auf die Frage: wie sie Marat für ein Ungeheuer halten können, da er ihr, nach ihrer schriftlichen Klage über Verfolgung, den Zutritt gestattet, zur Antwort: „was sei denn das, gegen sie menschenfreundlich, und gegen alle Menschen cin Wüthrich gewesen zn scyn?" Sie bat in ihrem zweiten Briese ihren Vater um Verzeihung ihrer Ansopferung, und sagte: „Freuen Sie sich, daß Sie einer Tochter das Leben gaben, die zu sterben weiß. Mich beweine keiner meiner Freunde! Jhre Thräncn würden mein Andenken beflecken, und ich sterbe glücklich." Den Brief an Barbaroux endigte sie mit den Worten: „morgen um 5 Uhr sängt mein ProzeI an, und ich hoffe an demselben Tage in Elysium mit Brutus und einigen andern Alten zusammen zu kommen; denn die Neuern reizen, da sie so schlecht sind, mich nicht." Jean Nanl's ansgcw. Werke. XV. 23 348 Mittwochs, den 17tcn, stand sie vor dem Revolnziontri- bnnal. Was sie davor und überall bisher sagte, würde aus einem andern Munde wie erhabene Sprüche klingen; aber wer im Großen einmal lebt, der zeigt unbewußt und unangestrengt nichts als seine Erhöhung, und er bewohnt blos die Ebene auf einem Gebirge. Wenn indeß die so sanfte Gestalt dem Alba's Blntrathc so schneidend und strafend antwortete: so denke man daran, daß kein edler Mann weniger thnn könnte, der nun die aufgeblasenen, befleckten Richter so vieler unbefleckten Seelen ans einmal vor sich sähe; Leute, der König- schlangc gleich, die sich mit ihren Ringen in Gestalt eines tränkenden Brunnens aufmancrt, um die Thiere anznlocken, und dann erquetschcnd zu umwickeln. Corday's Leben hatte nur noch eine freie Minute, und in dieser gab sic auf lauter schlechte Fragen diese Antworten: „Alle Rechtschaffne sind meine Mitschuldigen. — Die Franzosen haben nicht Kraft genug, um Republikaner zu sehn." *) — Und nach einer Verwechslung **) ihrer mit einer andern Frau, die den Fleischer Legendre sprechen wollen, versetzte sic: „Ihr begreift doch, daß man nicht zwei solche Thatcn aus einmal verrichtet, und mit Marat mußte man beginnen." Sie empfing ihr Todcsurthcil vom Richter so heiter, als sie es einen Monat früher über sich selber ausgesprochen hatte. Sic dankte ihrem Vertheidigcr, dem Bürger Chauveau, für seine muthigc Verthcidignng, und sagte, sie könn' ihn nicht belohnen, bitt' ihn aber, als ein Zeichen ihrer Achtung, den *) Nonitenr I. o. **) Denn Freitags vorher hatte eine Unbekannte diesen Volkmörder mit Heftigkeit zu sprechen gesucht. Auftrag anzunehmen, für sie eine kleine Schuld im Gcfängniß zu bezahlen. Abends bestieg sie ihren Leichenwagen, auf dem sic den schleichenden Weg zum Sterbebette zwei lange Stunden machte, angczischt und angehcult vom Volk, für das sie sterben wollte. Sie war bitter-allcin, ohne irgend einen Verwandten ihres Herzens oder ihres Schicksals. Blos unwissend begegnete sie in der Straße 8t. lllonore dem, der das eine war, und das andere wurde, dem Adam Lux ans Mainz. O, warum mußte ihr Blick, der die anhöhnende Menge vergeblich nach einem glcichflammenden Herzen durchsuchte, diesen Bruder ihres Innern nicht finden und kennen? warum blieb ihr die letzte Entzük- kung der Erde verweigert, die Ucberzengung oder der Anblick, daß der Glaubensgenosse und Vertheidiger ihres Herzens, und der künftige Märterer ihrer That sie jetzo begleite an ihr Grab, dann in dasselbe, und daß eine edle Seele der ihrigen nachweinc, und darauf nachziche? — Und er war ihr so nahe, und sah ihre letzte Minute! Aber er hatte das Glück verdient, sie sterben zu sehen. Die ganze Frühlingwclt in des Republikaners Herz blühte wieder aus, da er diese Ruhe und Verklärung aus der jugendlichen Gestalt im rothcn Sterbeklcide*), diese auf dem langen Todeswege unverrückte Unerschrockenheit in den stolzen und durchdringenden Augen, und wieder diese unter dem ewigen Verhöhnen zärtlichen, mitleidigen und feuchten Blicke sah, deren Engelhuld seinem so männlichen Herzen eben so bitter war, als süß. — Nein, wer ein solches Wesen leben und leiden sah, kann es nicht beweinen, nur nachahmen; das vom Wettcrstrale der Begeisterung getroffene Herz duldet *) Das sogenannte Bluthemd der Verurthellten. 23 * 350 nichts Irdisches mehr an sich; so wie bei den Alten die vom heiligen Blitze des Himmels getroffene Stelle nicht mehr betreten nnd überbaut werden konnte. — „Wär' cs denn Sünde, sagte der Gras, wenn man nach gewissen Gedanken keine mehr denken wollte? Wenn ich jetzt herzlich wünschte, daß mir, gegenüber dem Bilde dieser Ura- nidc, der große schöne Donner das kahle Leben auslöschte? War' dieß Sünde? Ach, warum muß der arme Erdensohn meistens in Wintern aller Art sterben, selten im Feuer und Frühling?" Freundlich nnd ruhig bestieg Charlotte Corday, suhr ich fort, die Trauerbühne, wo sie diesen Erdennamen ablegte, nnd grüßte die wilden Thiere unter dem Gerüste so sanft, daß sogar diese zahm sich niedcrlegten. Lasset uns nicht lange ans dieser blutigen Stelle verweilen, wo so viele Seufzer und Schmerzen wohnen nnd nachtönen; nnd Du selber, Charlotte, hast hier die letzten über dieses Schlachtfeld des würgenden Marats, über dieses Erbbcgräbniß freier Herzen empfunden! — Ein Würger nahm ihr die jugendlichen Locken, enthüllte das jungfräuliche Herz, das noch einmal in der blassen Todesstunde das keusche Blut auf die verschämten Wangen trieb — nnd legte das blühende Leben unter die ansgespannte Parzen- scheere — und cs entflog in die ewige Welt....... O, nur nicht mehr als Einen Augenblick habe der Erdenschmerz, der Erdentod den hohen Geist verfinstert, wie der Berggipfel die Sonne des längsten Sommertags nur eine Minute verdeckt, zwischen ihrem Unter- und Aufgang! — Du aber, edler Mainzer, gehe nun mit deiner entbrannten Seele heim, nnd sage noch einmal die kühne Wahrheit, nnd kehre dann auf dieses Sterbegerüste zurück! — Und niemand von uns weine 351 über die Hohe, sondern er opfere, wie sie, was Gott von ihm begehrt, es sei das Leben oder weniger! — Die Erzählung war geendigt. Ich faßte die Hand des Grafen, der weinend seinen Mund auf Corday's Bild gedrückt. Das Gewitter hing brausend auf uns herein, und schien vom unaufhörlichen Blitze wie übcrschleiert oder verflüchtigt. Aus einmal trat im Westen unten an den Wetterwolken die stille Abendsonne heraus, wie ein großes, aber wolkennasses Auge, und wir sahen die weinende nicdergehen; und dachten schweigend länger über Helden und Heldinnen der Freiheit nach. XI. P o l y m e t e r. Das Menschen-Herz. Mir träumte, ich sei unnennbar selig, aber ohne Gestalten, und ohne Alles, und ohne Ich, und die Wonne war selber das Ich. Als ich erwachte, so rauschte und brannte vor mir der Frühling mit seinen Frcudengüssen, wie ein von der Morgensonne durchstraltcr Wasserfall, die Erde war ein aufgedeckter Göttertisch, und alles war Blüte, Klang und Duft und Lust. Ich schloß froh weinend das Auge, und sehnte mich nach meinem Traume wieder. 352 Der Mensch der Bedürfnisse nnd der höhere Mensch. Der Mensch, gepreßt wie die gekrümmte Feder in der Uhr, dreht an seiner Kette die Stnndcnräder, nm sich wieder ans- zndchncn, nnd hat er sich für Einen Tag befreit: so wird die Uhr schnell aufgezogen, nnd er windet wieder die Kette langsam von neuem ab. Der höhere Mensch geht als eine Welt in dem Himmel, und wendet sich täglich um seine Sonne. Die Menschenfreudc. Stets zwischen zwei Disteln reist die Ananas. Aber stets zwischen zwei Ananassen reift unsere stechende Gegenwart, zwischen der Erinnerung und der Hoffnung. Der Eichenwald. Fälle meinen heiligen Eichenwald nicht, o Fürst, sagte die Dryade, ich strafe dich hart. Er fällte ihn aber. Nach vielen Jahren mußte er sein Haupt ans den Richtblock hin- strcckcn, nnd er sah den Block aufmerksam an und ries: er ist von Eichenholz. Der Pfeil des Todes. Sobald wir anfangen zu leben, drückt oben das Schicksal den Pfeil des Todes ans der Ewigkeit ab — er fliegt so lange, als wir athmcn, nnd wenn er ankommt, so hören wir 353 auf. „O, stürben wir doch auch so alt und lcbenssatt, wie unser Jubel-Greis!" sagen dann diejenige», deren Pfeile noch fliegen. Aehrenlcscn armer Kinder. Seht hier Blüten, die schon Früchte tragen! Die T h r ä n e u. Wir haben alle schon geweint, jeder Glückliche einmal vor Weh, jeder Unglückliche einmal vor Lust. V ö l k e r - P r o b c n. Nur mit den gewaltigen Brennspiegeln werden Edelsteine untersucht, mit Eroberern die Völker. Der Eroberer. O wie gleichst dn so oft deinem Rom! Voll eroberter Weltschäfle, voll Götterbilder und Größen, bist du mit Oede und Tod umgeben — nichts grünt um Rom, als der giftige Sumpf, alles ist leer und wild, und kein Dörfchen schaut nach der Peterskirche. Du allein mit deiner Sünde schwillst unter dem Sturm, wie unter Gewittern Leichen sich aufblähcn. 354 Der traurige Tag. Umfängt dich der traurige . Tag mit seinem Nebel, der leer, dumpf, dicht und grau dir die ganze Welt verhüllt: so denke daran, in was ihn verwandelt die Vergangenheit und Dichtkunst; in leichten, glänzenden Wölkchen steht er am Himmel, oder in Abcndröthcn — oder er schimmert, niedergesallcn, als Morgcnthau ans den Auen, die er dir bedeckt hatte. Die Blumen auf dem Grabe der Jungfrau. Streuet nur Blumen aus sie, ihr blühenden Freundinnen! Ihr brachtet ja sonst ihr Blumen bei den Wiegenfesten. Jetzo feiert sie ihr größtes; denn die Bahre ist die Wiege des Himmels. Die Treulosigkeit. Dem treuen Mädchen brach das Herz, nachdem sie den Treulosen geliebt. Ach, sagte sie, warum bricht es zu spät? Der Demant zerspringt schon, wenn ein treuloses Herz nur annaht, und warnt das treue. Die Verkannte. Unglückliche, du trägst die Dornenkrone auf dem blutigen Haupte, doch ewige Rosen blühen in deiner Brust. 355 Die Zeiten. Die Vergangenheit und die Zukunst verhüllen sich uns; aber jene trägt den Wittwcn-Schleier, und diese den jung- sräulichen. Der Dichte r. Der Dichter gleicht der Saite: er selber macht sich unsichtbar, wenn er sich schwingt und Wohllaut gibt. Das Leben. Ihr nennt das Leben mit Recht die Bühne. Den Geistern, die uns znschauen, sind unsere trüben Versenkungen und srohen Aufflüge aus der Bühne keine von beiden, sondern nur unser Spielen. Die Treue. O ich wohne ja in deinem Auge, sagte der kleine Bruder, als er sich im schwesterlichen erblickte. „Und ich wohne gar in deinem!" sagte die Schwester. — „Gewiß, so lange ihr euch seht, dachte der Vater, denn die Augen der Menschen sind ihrem Herzen ähnlich." Die Hof- und die Landtrauer. Nur der Hof und Große dürfen um einen Fürsten öffentlich trauern; nun so sei es um einen bösen. Aber den Lan- Jean Naiivs ausgew. Werke. XV. 24 356 desvater beweine das ganze Land. Das ärmste Kind ist ja seine Waise. Der Dichter. Wol habe ich Früchte nud Blumen znsammengcbunden, wie im Blüten-Strauße auch die reife Pomeranze erscheint; aber auch die Frucht ist nur Blüte, und der Herbst düstet mit dem Frühling zugleich. Die Freuden des Dichters. Gönnt und gebt dem Dichter Freuden; er bringt sie euch verklärt als Gedichte zurück, und er genießt die Blumen, um sie fortzupflanzen, denn er ist der Biene ähnlich, die von den Blumen, aus denen sie Süßigkeit trinkt, den Blumenstaub weiter trägt, und zu neuen jungen Blumen aussäet. Laßt ihn nach Italien fliegen, denn er bringt es ans seinen Flügeln, als hängenden Garten der Dichtkunst, mit. Rath. Sprecht nicht: wir wollen leiden; denn ihr müßt. Sprecht aber: wir wollen handeln; denn ihr müßt nicht. Die Politik. Sie verhüllt wol sich, aber sie zeigt der Welt ihre Tobten, ihre Schlachtfelder und Schlachtstätten, und ihre neuen Flüsse, die sich halb aus Blut, halb aus Thränen durch die 357 Auen schlängeln. So geht in Nom die Brüderschaft der Leichen weiß vermummt, aber ihren Tobten trägt sie aufgedcckt, und die Mittagsonne scheint auf das kalte, blinde Gesicht. An die Feinde der Freiheit. Zerschlagt nur jeden Bund ihrer Freunde, und zerstückt jedes Buch sogar mit dem, der cs hinstelltc, um darin die Gcister-Sonne, die Freiheit, im Ausgange zu zeigen: nun glänzt die Sonne nicht mehr aus Einem Spiegel, sondern neu aus jeder Scherbe des zertrümmerten. Die ruhige Meerebcue mit Einer stillen Sonne im Busen, lodert aufgestürmt mit vcr- worrnen zahllosen Sonnen aus den zahllosen Wogen. Der All-Geist. Tausend Sonnen schießen in Augenblicken über das Feld des Sternrohrs*), und neue Tausend fliegen nach. Der All- Geist ruht und schauet; und die Sonnen und das All eilen vorüber, aber ihr wetterleuchtender Flug ist ihm ein unbeweglicher Glanz, und vor ihm steht das verfliegende All fest. *) In einer Viertelstunde flogen 116,000 Sterne durch das Feld von Herschels Teleskop.