10
pflichtmäßige Miene der mütterlichen Strenge hatte denSchmelz der bräutlichen Heiterkeit. Dieses waren dieEigenschaften eines weiblichen Wesens, in welchem vomKopf bis zu den Füßen, Alles Ucbcrcinstimmung derrechten Maße, Alles Gemüth, Alles arglose Jugend war;in deren Anschauung Gocthe's edle Leidenschaft, zugleichmit seiner Hochachtung, täglichen Wachsthum erhielt.
Mit diesen Seelenzuständen der trefflichsten Art,in welche Goethe sich hineinlebte, übereinstimmend, sahendie Verlobten in seinem stets offenen Herzen, daß esedel war. In solchem, von ihnen Allen getheiltenSelbstgefühl konnte es unter solchen Menschen geschehen,daß er das Bekenntniß jeder seiner Empfindungen zumGegenstand des freiesten Verkehres mit beiden Verlobtenmachte. Unter ihnen gab es keine argwöhnische Eifer-sucht, die den Nebenbuhler ängstlich bewacht, und ihmdie Thür der Geliebten versperrt; unter ihnen keinenStolz des Siegers, keinen Groll des minder Begün-stigten, keine Eitelkeit der Angebeteten, die in ihremTriumphe sich gefiele. Denn kein Gedanke war voneinem dieser drei redlichen Freunde gedacht, keine Em-pfindung gefühlt, die nicht das gemeinschaftliche Eigen-thum aller drei war, eine Harmonie, zuvor von zweien,jetzt von dreien gebildet, ein Verhältniß, wovon wohlselten ein ähnliches Beispiel in der Geschichte der Mensch-heit erscheinen mögte. Was wir hier entwickelten, ist die