3
Aufenthalt in derselben Stadt fast gleichzeitig war,wirkten zusammen, um die vom Dichter durch denRoman so heftig bewegten Gemüther auszuregen, undtrieben zur Erforschung der Thatsachen, in denen manden Gegenstand so lebendiger Schilderung zu entdeckenbegierig war. Ein Gewirre von Erzählungen und Aus-legungen überschwemmte Deutschland, in denen bald dertodte Jerusalem, bald der lebende Goethe mit demWerther vermengt und verflochten wurde. Solche Be-ziehungen konnten, wie wir sehen werden, grvßtentheilsnur Goethe's Seelenzustand treffen, das Faktische der-selben aber war, zumal in so fern es die Katastrophedes Romans betrifft, schon deßwegen seiner Personfremd, weil er die Lotte' schon in ihrem Brautstandeauf immer verlassen hat, und niemals als junge Frau,sondern erst, als er 70, und sie 60 Jahre alt war, inWeimar, wo sie ihre Schwester besuchte, wieder gesehenhat,, als sie die ehrwürdige Mutter von zwölf Kindernwar, von denen der Verfasser dieser Einleitung dervierte Sohn ist. Unsere Briefe setzen dieses Alles insLicht. Um jedoch das Bild jener Zeit vollständig auf-zufassen, ist es wesentlich, die Personen der Freundekennen zu lernen, mit denen Goethe gleichsam aus demLeben in die Dichtung überging; und hiezu sind die
' Sie war in Wetzlar geboren am 11. Januar 1753 und starbam 16. Januar 1828 in Hannover.