441
An eine Mngere Freundin.
Mmeii, (KZlern ^I82ä.
Ich hatte Dir auf Deinen Brief bereits augenblicklich einpaar Seiten geschrieben, ich habe sie aber znrückgelegt. Es gehtmir oft so, selbst an Melchior Und Apollonia, denen ich doch soganz vertraut bin. Ich fühle mich nicht gut genug so von Gott zusprechen, daß es nicht überall besser stünde. Ich kann nichtsFreudiges melden, ich bessere mich nicht. Was mich betrübet isteine einsame Trauer, Keiner wird sie je begreifen können, sie istunaussprechlich mir zu tragen gegeben, gerade recht mir zurBuße, weil ich viel gesündigt durch Aussprechen des Unaussprech-lichen, darum bitte ich nur um Gebet. Will man mir Treuegeben und Vertrauen und Aufrichtigkeit dazu, so will ich mitThränen danken; aber vielleicht ist es besser so. Wäre cs iziirje von Menschen ganz geworden, ich wäre vielleicht noch in derRichtung nach dem Nebelspiegel der Sonne und hätte mich nichtnach dem Aufgang gerichtet. Ich halte ein, sonst bleibt auchdieses Blatt zurück.
Hier ist ein Brief von A., ich habe ihn oft mit Thränender Rührung und innerer Beschämung gelesen. Verdenke mir esnicht; es tröstet mich, daß Gott mich brauchte Dich an diesesHerz zu legen Ich kenne kein bescheidneres, demüthigeres,einfältigeres, strebenderes, treueres, da ist keine Spannung, keineGrimasse, keine schöne Linie, keine malerische Geberde, und wiesteht ihm die Armuth, der Schmerz, die Fessel so gut.
Ach lasse uns so werden, auf daß wir Gott gefallen undalle Menschen lieben, auf daß wir schonen und doch uns ganzverständigen können. Bewahre den Brief, bezeichne ihn, er istder wunderbar gelungene Abdruck eines durch sehr ernste Dingesehr schön, sehr tief bewegten, weil reinen, einfältigen, demü-thigen, treuen, christlichen Herzens.