Druckschrift 
1 (1855) (1855)
Entstehung
Seite
408
Einzelbild herunterladen
 

408

Clemens Brentano an Dechant Overberg.

Minen Immlir Ml.

Hochwürdiger Herr Dechant, verehrter geistlicher Vater!

Vielleicht lebt der liebe alte Lambert beim Abgänge diesesBriefes nicht mehr; er hat in der letzten Nacht einen mäßigenBlutsturz aus der Lunge gehabt, welcher die Ärzte überraschte.

Dieser gute Mann, der einen schönen Schatz von frommemPriestergeist besitzt, der Kranken und Nothleidenden und Ster-benden mit großer Treue und Milde so lange gedient, als eres vermochte, hat die große Gnade der vollständigsten Vorberei-tung zu einem seligen Tod von Gott erlangt. Er ward seitetwa vierzehn Tagen immer ruhiger, ergebener, inniger, gefaßter;das Trübe und Verwirrte, das in dem Anfänge seiner Krankheitin sein Gemüth kam, ist zu Boden gesunken; sein ganzes Wesenist unter großen Krankheitsbeschwerden und mancher unfeinenHilfeleistung stets klarer, und endlich nun, am Rande desernstesten Geheimnisses, ganz ruhig, ganz klar, und ein sehrerbaulicher Spiegel geworden.

Vor einer Stunde um sechs Uhr Abends verließ ichihn. Er war sehr ruhig, sehr demüthig, sehr Gott-ergeben

und voll von einem Vertrauen, das mit einem vollen Bewußt-sein des menschlichen Unverdienstes in einer Wagschale liegt,welche den Glauben an die Verdienste und BarmherzigkeitJesu in der anderen Schale schwebend erhält. Ich kann Ihnennicht genug sagen, lieber Vater, wie schön und edel ich dasAngesicht des treuen Priesters verändert gesehen, welche Ruhe,welche Liebe, welcher friedliche und doch ganze Ernst in allenseinen Zügen. Er konnte wenig mehr sprechen. Ich stand alleinbei ihm und faßte seine Hand, ich beneidete und gönnte ihmseinen ehrwürdigen Zustand. Ach, hätte ich diesen Zustand ihm