Druckschrift 
1 (1855) (1855)
Entstehung
Seite
292
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Du würdest sie lesen Aug' in Aug', Herz in Herz, Seelein Seele. Gott sei barmherzig und zeige Dir im Innern,was ich Dir nicht deutlich erklären kann.

Ich will Dir hier aus jener geheimen Pflicht, die ich, solange ich wirken kann, und wäre es auch nach deni Tode, treugegen Dich üben werde, mein liebes gefundenes Herz, nieder-schreiben, so viel ich vermag. Nimm es hin, denn ich dankeDir Alles! Du hast mein Herz, als es versteinert war, durch-brochen. Du hast es geheilt, Du hast es gepflegt, hast ihm einneues, schönes Leben gegeben, hast es getröstet, verlassen, gestraft,Dich wieder zu ihm gewendet. Du warst mild und strengach! immer gütiger, als ich es verdiente, Du warst ein folgsamesWerkzeug Gottes. Dank, herzlichen Dank! ohne Dich verstündeich nicht, was ich verstehe, liebte ich nicht, was ich liebe.-

Das waren die Äußerungen unserer sehenden, geistreichen,

holdseligen, liebsten Freundin.--

Vor etwa vier Tagen las ich ihr Abends allein im Taulerusvor, worüber sie, wie gewöhnlich, in Extase fiel und erstarrte;sie ist dann ganz unbiegsam, und man kann sie am Kopf auf-heben wie ein steinernes Bild. Ihre Hände lagen über demMagen hohl hintereinander. Sie lächelte immer freudiger undseliger, und ihr Angesicht war unendlich sehend und redend, ihreAugen jedoch fest geschlossen. Ihr Anblick rührte mich tief, und dasie ganz offen ist in Jesu Christo, redete ich sie in Gedankenan:Du liebe Seele, siehst göttliche Dinge, siehst freudige Dinge,ich armer Mensch liege an der Erde und kann mir nicht helfen,und bin voll Sünde, ach bete für mich!" Bei dem Gedankendes letzten Wortes: bete für mich, drückte sie augenblicklich meineHand fest in die ihrige. Ich betete mit ihr, und jedes Wortder Trauer und Angst in meinen Gedanken beantwortete einDruck ihrer geheiligten Hände. Mich faßte eine wunderbare,