An eine Ungenannte.
Minen den 80. Moder jl818.
Du wirst meinen letzten ausführlichen Brief von Dülmenvor ungefähr fünf Tagen erhalten haben; möge Nichts drinstehen, was Dich betrüben kann, ich meine es von Herzen gut.Ich möchte Alles mit Dir theilen, und insofern ich es mit allerGewalt meiner Seele vermag, muß Alles Dein werden, wasmein wird; Dir ziemt es mehr, Du wirst es leichter tragen, icherliege unter der Gnade, die mir zu Theil wird. Ach, Duerbetest mir gewiß viel; aber unsere Herzfreundin, unsereGespielin, unsere Verfechterin, die lustiger, muthwilliger, liebe-voller ist als ich und Du, sie betet uns Beide nieder undwieder auf.
Ich schreibe diesen Brief mit schwerer Angst und zugleichmit dem Wunsche, ganz klar und scharf zu sprechen, daß Du Allessehest, Alles glaubest; denn was ich Dir schreibe, ist die wahrsteWahrheit und das Ernsteste, was Dir je geschrieben worden, javielleicht das Reinste, was Dir je verkündet wurde, und hättestDu höhere Mittheilungen genossen; denn es ist rein von Dirselbst, es ist aus dem göttlichen Verkehr einer von Jesu unendlichbegnadigten Seele, welche Dich unendlich lieb hat. Sie liebtDich mehr noch, als ich; denn sie ringt um Dich vor Gott imGebet in ihren Gesichten, und stelle Dir mein Glück vor, ichwerde Manches aus diesen Gesichten theilhaftig, mehr, als es jeEiner bei ihr geworden.
Mein liebes Herz, was ich Dir heut' zu geben habe, habeich nicht für Dich gemacht, oder mit Mühe zusammengeschleppt,mit Nachtwachen vorbereitet, mit Arbeit in Deine Wohnunggetragen, mit Zittern Dir geboten; was ich Dir heute zu gebenhabe, ist freie Gabe Gottes; aber ich habe es auch mit Liebeerworben, und Du wirst cs nicht von Dir weisen. So Du