Sie ist nicht schön, aber auch nicht hübsch, und doch ist manin dem beständigen Gefühl des Unrechts, wenn man die Augenvon ihrem lieben, schön besonnenen, edeln und reinen AntlitzMinuten lang auf das trunken lächelnde, träumerisch irrendeGesichtchen ihrer Freundin lenkt. Wenn jene aussieht, wie derTraum, sieht sie ans, wie die Vision; wenn jene dem Mährchengleicht, gleicht sie der Mythe. Ihr Aussehen steht dem Aus-sehen jener Freundin überhaupt gegenüber, wie die Parabel derFabel, die Weissagung der Poesie, die Wahrheit dem Gleichniß,das Sprichwort dem poetischen Satz, die Sentenz dem Epigramm,das Räthsel der Charade, das Epos der Epopöe, die Romanzedem lyrischen Lied, das Schauspiel der Oper, die Beschaulichkeitder Berührung, die Ergründung der Versenkung, das Brod demWein, der Wein dem Most, das Gewürz der Blume, die Bienedem Schmetterling, das Wachs dem Honig, der Honig demZucker, das Andante dem Rondo, die Harfe der Flöte, das Wortdem Ton, der Sinn der Ähnlichkeit, das Gemüth der Erregung,die Erregung der Stimmung, das Gefäß dem Korb, der Apfelder Kirsche, die Pomeranze der Apfelsine, die Erdbeere derBrombeere, die Dornrose dem Mvnatsröschen, der Thymiandem Veilchen, die Reseda dem Maiglöckchen, das Äuch der Hand-schrift, das Ebenbild der Allegorie, die Wahrheit dem Vergleich,meine Emfindung diesem armen Brief. So sehen diese zweiFreundinnen neben einander aus.
Ich habe sie von der linken Seite neulich, da sie den Traumso schön erzählte, recht herzlich angesehen, und da hat sie mirganz ungemein Wohlgefallen. Diese ihre Gesichtsseite hat etwasungemein Edles, Feines und Geistreiches, mit einer Stille, diean Friede nach dem Kampf erinnert. Sie gleicht von dieserSeite meiner verstorbenen Schwester Sophie auf der blindenSeite, denn diese hatte sich ein Auge ausgestochen als Kind.Sie war von Gott mit den seltensten Gaben des Geistes und