Druckschrift 
1 (1855) (1855)
Entstehung
Seite
176
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Die Güte, mit der Sie meinen letzten Brief ausgenommen,ist mir Bürge für Ihr Verstehen; ja, dieses Verstehen hat michinnig gerührt, und ich glaube, daß Sie mehr sind als eineschöne Frau, die einen jungen Dichter duldet, der ihr Artigkeitensagt. Ich glaube, daß Sie eine Huldigung verdienen, die manauf der Bühne nie erobert, ich glaube Ihren Ernst schöner, alsIhr Spiel, und somit war es mir vergönnt, Ihrer Weiblichkeitvertraulich zu nahen, ohne der Schauspielerin zu nahe zu treten.Sehr leid thut es mir, daß ich Ihnen nicht früher begegnet,Ihre Seele wäre vielleicht von treuen Händen herrlichergeschmückt und die meine wäre früher erquickt.

Alles das schreibt sich leicht auf das Papier, es ist geduldig,aber der Mensch ist schuldig, und wenn ich Ihnen gegenübersitzen werde, werde ich und Sie wahrscheinlich sein, wie man ist das heißt, wie ich nicht bin, und Sie gewiß auch nicht seinmöchten, wenn Sie wüßten, wie viel Sie dabei verlieren.

Daß ich Nostitz gesehen und gehört habe, ist mir ungemeinviel werth; daß ich ihn bei Ihnen sah, noch mehr. Er ist, seitich Soldaten gesehen, der Erste, der mir recht lieb geworden; soernst und kindlich, ehrlich, kräftig, besonnen, frei, vertrauen-erregend; doch Sie fühlen das gewiß tiefer noch, als ich. Esgibt keine Sache, der ich, nachdem ich denken gelernt, fechtenddienen könnte; aber ihm würde ich gern dienen, stritte er gleichfür eine Sache, die mich nicht interessirte; ja, die neue Geschichteist mir respektabler, weil er für sie gestritten.

Indem ich überlese, was ich Ihnen geschrieben, wundere ichmich nicht, daß ich Ihnen das Alles nicht lieber mündlich sage;es ist ungemein schwer, ja, es ist eine Fähigkeit, die man durchden Verlust des Besten zu erkaufen pflegt, einer liebenswürdigenFrau gegenüber gerade so viel auszusprechen, als genug ist, unddoch Alles gesagt zu haben. Man spricht immer zu viel oder zuwenig, und ich besonders, da das gewöhnlich sogenannte Dis-