Das erste Zusammentreffen dieser Freundin mit Clemenswurde uns aus verlässigster Quelle in folgender Weise erzählt:
Im September 1816, an einem Donnerstag Abend, tratClemens Brentano in Berlin in eine Gesellschaft, die, in einemdurch Rang und Geist ausgezeichneten Hanse stattfindend, meistauch von den ersten Geistern Berlins besucht ward. Es warenerst wenig Leute da; der Sohn und ein alter Freund desHauses erzählten so eben einem jungen Mädchen, daß der aus-gezeichnete, geistreiche Clemens Brentano kommenund etwas von sich vorlesen werde. Man sprach von seinenschlagenden Witzen, seinen Sarkasmen u. s. w.; und da manöfters das Wort geistreich wiederholte, ward es der jungen,zum tiefsten Ernste geneigten Freundin des Hauses bald zu viel,und sie äußerte: „Wenn er weiter nichts ist als geistreich, kanner dabei noch ein sehr erbärmlicher und unglücklicher Mensch sein."
In diesem Augenblicke stand er dicht neben ihr, die alleinauf dem Sopha saß, und sagte düster: „Guten Abend!" Dieganze Gesellschaft war erschrocken, denn die Flügelthüren zumVorzimmer waren geöffnet gewesen, Zimmer und Vorzimmermit Teppichen belegt und die Lampen gedämpft, da die Hausfrauan Augenweh litt.
Man fürchtete, er werde Alles gehört haben und sich durchWitze rächen, für das Lob, das Einige ans Kosten seines Herzensseinem Geiste gezollt hatten; man hatte ihn boshaft n. s. w.genannt. Nur die, welche bei seinem Eintritt obige Wortegesprochen, war nicht verlegen, da sie ihre Äußerung im Allge-meinen vertreten konnte, und so erwiederte sie seinen Gruß ganzunbefangen und bot ihm den Platz neben sich. Er sah ihrstarr und düster ins Gesicht, mit den Worten: „Mein Gott, wiegleichen sie meiner verstorbenen Schwester Sophie!" — „Es istmir lieb, daß ich ihrer Schwester gleiche und daß sie nnS etwasvorlesen wollen. Bitte, fangen sie an."