Druckschrift 
2 (1855) (1855)
Entstehung
Seite
423
Einzelbild herunterladen
 

anpochen. Du mußt nicht denken, ich hätte aus Fahr-lässigkeit so lange aufgeschoben Dir zu schreiben; es ist nichtso. Als ich Deinen Brief las und so auch jetzt, da ich essoeben wieder gethan, befiel mich eine tiefe Wehmuth; wie sollich darauf antworten, und doch muß ich es; sage, lieb Herz!wie ist es möglich oder schicklich zu schreiben, und doch muß iches jetzt thun wie folgt: Ich habe immer in der Natur unsererganzen Familie, aller meiner Geschwister, eine große Anlagezur Güte und Liebe, Theilnahme, Hingabe an das Rechte undWahre gefühlt, ja ich fühlte alles das sogar in meinem Herzen.Ach, ich dachte schon vor vielen Jahren, als ich noch unter denGeschwistern lebte, oft einsam zwischen alten Fässern auf demSpeicher sitzend, ach, was hätten wir doch Alle werden können:so gut, so fromm, hilfreich und trostreich, für einander und einHeil allen Nebenmenschen; o, wir hätten wohl heilend und heiligwerden können, wir hatten wohl Alles dazu, und was ist ausuns geworden? Wie eine Menge kostbarer Mineralien, Kristalleund Erzstufen, die man lose zwischen Wäsche in einem Kofferauf dem Wagen versendet, wie sie ankommen als eine unkennt-liche, zerriebene Masse von Zunder und Staub, so ist Allesgestaltlos und vernichtet; wir sind Nichts mehr, wir gelten Nichts,wir wissen nicht mehr, wer wir sind, ahnen kaum, wer wirwaren. Endlich aufgelöst in Mnd und Wetter und Thränender Leidenschaft, und wieder stillestehend in Noth und Kummer,schossen hie und da wieder einige Krhstalle an und gabenZeugniß, was hier Alles zu Grunde gegangen. O, das fühlteich oft mit herzzerreißendem Weh, während ich mit am tiefstenin der Zerstörung lag. Liebe Sophie! der Grund derZerstörung lag darin, daß man alle diese köstlichen Gottes-Erzstufen nicht mit religiöser Andacht und Weihung umgebenund vor der gegenseitigen Zerstörung bewahrt hatte. O meinKind! wir hatten nichts genährt als die Phantasie, und siehatte uns theils wieder aufgefressen. Wenn ich nun in Deinem