Druckschrift 
2 (1855) (1855)
Entstehung
Seite
408
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LOS

gewagt haben, ihn dazu aufzufordern; ich glaubte, es ziehe ihndie Kunst hieher, daß er dabei auch an mich gedachte, erschütterte,erschreckte und rührte mich tief. Ich stand vor meinen dreizerbrochenen Stühlen und den Lumpen meines innern undäußern Lebens, zitterte und weinte. Was sollte ich ihm bieten?Ich habe nie die Liebe eines Menschen, am wenigsten die seine,verdient, und daß er sie mir bot, gab mir das Gefühl meinesNnwerths im höchsten Grade bis zur Vernichtung.

. Es thut mir leid, daß ich seiner guten Meinung, ich mögemit Frau Streber kommen, die schon in zehn Tagen abreist,nicht entsprechen kann, so gern ich es auch thäte, denn ich kannmit meinen unabweislichen, auf meinem Gewissen schwer lastendenVorarbeiten bis dahin nicht fertig werden. Verzeihe mir undärgere Dich nicht an mir, wenn ich Dir sage, daß mein Kopfschwach geworden, daß mein Gedächtniß mich verläßt, und daßvor meiner Seele nichts liegt als Schuld, die ich beweinen muß.Verzeihe mir, ich habe wahrhaftig nichts Anderes, als dieseBitte. Nimm fürlieb, ich habe kein anderes Brosämlein inmeinem zerstörten Haushalt, ich setze es dem Kreuze täglich,stündlich vor. Verzeihe mir, so ich Deine unverdiente Liebe jebeleidigte, o nimm fürlieb mit Jesus, er nimmt es so geduldigauf. Ich habe nichts Anderes, Gott weiß es, alles Anderemuß er Dir geben, ich habe nichts, als die Bitte:Vergib unsunsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigem."

Es wird mir entsetzlich schwer einen Brief zu schreiben.Wahrhaftig, es ist keine Faulheit, keine Geringschätzung, wennich schweige, ich habe kein Wort, ich weiß nichts als: vergib!vergib! Und nun will man mich aus brüderlicher Liebe sehen,will mir Liebe erweisen, und wenn Reue und Geistesohnmachtmich es stumm und traurig wird aufnehmen lassen, zittere ich,Gefahr zu laufen, daß die gütigen Geschwister mich für undank-bar halten, und doch wahrhaftig habe ich nichts Anderes, alsdie Bitte: Verzeiht, o verzeiht, und betet für mich!