Druckschrift 
2 (1855) (1855)
Entstehung
Seite
409
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Lorr

Sobald ich auf irgend einem Ruhepunkte meiner Arbeitbin, was, hoffe ich, in den ersten Tagen des Juli sein kann,will ich es wagen, nach Aschaffenburg und Frankfurt zukommen. Mißverstehe das Wort wagen nicht, ich wage aller-dings. Man will mir Liebe beweisen, und ich verdiene sienicht u, s. w. Ich bitte Dich, sei barmherzig und zürne mirnicht, wenn ich Dir sage, daß ich mich fürchte, in die Heimathzu kommen, die mir unaussprechlich fremd und unheimlich ist,wo ich, der sich selbst ganz hilflos und ohnmächtig fühlt, so daßich jeden Tag mit Thränen beginne und oft auch schließe,Niemanden helfen kann, und Liebe empfangen soll in einerArmuth des Herzens, die Niemand kennt als Gott, der sicherbarmen möge, und alles das im Unterlassungsfall unter derGefahr für lieblos gegen meine Geschwister zu gelten.

Es wäre nicht recht von mir, so ich irgend Anspruch aufden Glauben an Geschwisterliebe in mir machen wollte, nein!das kann ich nicht. Ich habe all mein Lebenlang vor ihnengestanden wie der verlorene Sohn, wie ein Bettler, der umDuldung und Hilfe fleht, die mir zu geben Gottes Barmherzig-keit ihr Herz bewegte.

Ach! bewege der barmherzige Gott auch ihr Herz, mir zuverzeihen, daß ich Nichts zu geben habe, daß ich mich schämeund fürchte, vor sie zu treten. Soll ich ihnen mein Herzöffnen? Sie würden es nicht verstehen, oder mich für einenThoren halten. Soll ich es ihnen verschließen? O, das isteine große Pein, es fließt über oder es bricht.

Aber ich muß abbrechen, denn, o ärgere Dich nicht! schonzwei Tage schreibe ich an diesem kurzen, nichtssagenden Brief,so schwach und geschlagen ist meine Seele und ich soll reisenins Getümmel, ins Gerede, ins Getös! O, du mein Gott, seimir gnädig und barmherzig Alles, wie du willst, und nichtwie ich will.