Druckschrift 
2 (1855) (1855)
Entstehung
Seite
373
Einzelbild herunterladen
 

373

solchen gütigen Mahnbrief von Dir erhalte, der mich stattverdienter strenger Vorwürfe noch mit Liebe überhäuft, falle ichin das Bewußtsein meiner großen Armseligkeit und werdedadurch wieder fähig zu schreiben. Lieber Georg, mein Kopfwird täglich schwächer, habe Geduld mit mir; o, daß Gott michbessere! Sage doch dem lieben Louis den herzlichsten Dankfür seinen Brief und die Mühe, die er sich gegeben, mir diewohlgemeinte Kritik meines Märchens, durch eine geistreicheDame, abzuschreiben. Ich habe diese Kritik mit großer Bewun-derung gelesen; welche Märchen man über ein Märchen erdenkenkann! Lieb ist mir, daß lauter Tugend und Religion heraus-gefunden ist, und lustig ist mir, daß ein Schweißtropfen, derauf eine der Steinplatten beim Lithographiren fiel und einenweißen Fleck bildete, als ein Stern über dem Bild der Treueerscheint, welche Figur nichts Anderes ist, als eine altmodischeKindermagd, von der ich einmal sprechen hörte. Der Lebküchler,welcher auf allerlei Religionskriege deuten soll, ist nichts als einhier durchreisender Bildhauer, der alle Leute koroo inSuppenteller mit Wachs s» bssreliok Porträtiren wollte u. s w.,ist Alles ganz lustig vertrösten. Das Ganze jedoch mit weitgrößerin Scharfsinn ausgewickelt, als das kindische Märchenverwickelt. Herzlichen Dank, lieber Georg, für die Mittheilung. Jüngst schriebst Du mir, Bettine komme; Du habest so schöneBriefe von ihr; und heute ist sie schon wieder fort. Lieber Georg,wie stürzt die Zeit vorüber; ich muß schließen, sonst ist die Zeitvorüber. Der Tod des Thomas hat auch hier Jedermannbestürzt. Die Stadt verliert mit ihm eine Art Herz, welchesJeder darin liebte. Wer soll die Leute nun vereinen, die sichan ihn schlossen?

Adieu, liebster Georg, Gott lohne alle Deine Liebe undhelfe mir und uns Allen!

Dein treuer

Clemens.