Druckschrift 
2 (1855) (1855)
Entstehung
Seite
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Ich habe die Briefe der Laveria gelesen, welche sich durchungezierte Bildung, große Reinheit der Gesinnung, ohne Eigen-thümlichkeit, ohne Einfalt, ohne Tiefe, aber durch ernste Jung-fräulichkeit und Sitte, besonders aber durch eine Handschrift vonsolcher Schönheit, Sicherheit und Schärfe auszeichnen, die ichnie bei einem Weibe, selten bei einem Manne bemerkt. Sieschreibt als lese man die schönste in Kupfer gestochene Vorschrift,und soll schnell so schreiben, wenn's wahr ist, denn ein Buch-stabe ist wie der andere von Anfang bis zu Ende. Es gehörtviel Gehorsam, Bildsamkeit, Reinlichkeit und Ruhe dazu, soschreiben zu lernen. Die demüthige A. mußte immer weinen,als sie bei ihr war, so ging es ihr auch hier. Ich war nochbis zum 2. Mai in Bochhold und habe ihre Hinfälligkeit sehrbedauert. Sie wird öfters Morgens wie ohnmächtig, kann nurwenig essen, und leidet von drei Tagen zu drei Tagen etwa anHeiserkeit. Sie war durchaus ernst und liebevoll, und ohne allemerkbare Schwermuth, ruhig, heiter und scharfsichtig, dienend,helfend, versöhnend, jedem von Anderen unbemerkten Mangel,vom Lichtputzen bis zur Abwendung eines unbequemen, wenngleich fernen Redeziels, vorschauend, abhelfend. Sie war wieimmer sehr gütig und vertraut gegen mich und sagte mir,obschon sie alle Menschen liebe, so habe sie doch oft eine großeSehnsucht auf ihre Stube sich einzuschließen und nie wiederans Tageslicht zu kommen. Wir haben Beide einigemalgewünscht, im Garten gehend, Du möchtest da sein; ich, damitIhr Euch hättet, sie, weil sie Dich liebt. Sie ist ein gar treu,arm, genügsam Kinderherz. Was mir an ihr gefällt, ist ihreAnsicht vom geistlichen Ordensstand, zu dem sie sich wohlinnerlich sehnt. Sie fühlt aber auch, daß es in einer Zeit,welche durchaus unklösterlich ist und fortfahrend die Klösterauflöst, nicht weise scheint, in einem alten, durch irgend eineLaune übrig gebliebenen Kloster ein Gelübde abzulegen, und