9V
als jenes allmählige und rühmlose Dahinsterben, das diefreud- und hülflose Untätigkeit eines langen Alters langsambeschließt. Während Eveline ihren Vater beweinte, glühteihr der Busen bei der Erinnerung, daß er in dem Glanzeseines Ruhmes und unter den aufgethürmten Haufen seinererschlagenen Feinde gestorben sei; und wenn sie an ihre be-drängte Lage dachte, so geschah es mit dem festen Entschlüsse,durch alle ihr von dem Himmel verliehenen Mittel ihre Frei-heit zu vertheidigen und den Tod ihres Vaters zu rächen.
Die Hülfe der Religion wurde nicht verschmäht. Gemäßder Sitte jener Zeit und den Lehren der römischen Kirchesuchte fie sich die Gunst des Himmels durch Gelübde sowohlals durch Gebete zu erwerben. In einer kleinen Betkapelle,die an die größere Kapelle anstieß, hing über einem Altäre,auf welchem beständig eine Lampe brannte, ein kleines Ge-mälde der Jungfrau Maria, die von der Berenger'schenFamilie als eine besondere Hausgöttin verehrt wurde. Einerder Vorfahren Verengers hatte dieses Bild aus dem heiligenLande, wohin er eine Pilgerfahrt unternommen hatte, zurück-gebracht; es gehörte in die letzten Zeiten des römischenReichs, war von der Hand eines griechischen Künstlers, unddenjenigen, welche oft in katholischen Ländern dem Evangeli-sten Lukas zugeschrieben werden, nicht unähnlich.
Der Kapelle, in der es stch befand, wurde der Charaktereiner außergewöhnlichen Heiligkeit beigelegt, ja man glaubtesogar, sie habe zuweilen Wunderkräfte geoffenbart, und Eve-line war durch die Blumenkränze, die sie hier täglich darbot,so wie durch die beständigen Gebete, mit denen fie fie beglei-tete, zur bcsondern Verehrerin unserer lieben Frau von Ksrllellouloureu8e (denn so wurde das Bildniß genannt) geworden.Sie fiel daher jetzt, ganz allein, in dem Uebermaaße ihres