Druckschrift 
11 (1847) Kleine Romane und Erzählungen : mit sechs Stahlstichen
Entstehung
Seite
172
Einzelbild herunterladen
 

-»D 172

Kennen Sie Charlotte Walter nicht mehr?" sagtesie mit beklommener Stimme.

Charlotte!" rief der General, und ein glühen-des Roth bedeckte sein Gesicht.Liebe, theure Char-lotte! Ist's möglich, daß ich Sie wieder sehe, nach-dem Sie sich länger als siebzehn Jahre vor mir ver-bargen ?"

Scham und Reue" antwortete siedrängtenmich ans dem Lande; aber die Sehnsucht nach meinerTochter und der Ihrigen zog mich jetzt wiederherein?"

Also lebt es noch das Kind unserer Liebe?" fragteLindcnkron mit freudiger Wärme.

Es lebt und heißt Evelina."

Man denke sich sein Erstaunen!

Charlotte, die verwaiste Tochter eines armen Land-predigers, ward in ihrem fünfzehnten Jahre von derMutter des Generals als Pflegekind ausgenommen. Ersah. liebte und besiegte das schöne Mädchen. Frauvon Lindenkron starb, als eben Charlotte ihre annahendeMutterschaft nicht länger verheimlichen konnte. Cr, durcheine» plötzlich ausgebrochenen Krieg ins Feld gerufen,schenkte ihr zweitausend Thaler und mußte sic übrigenssich selbst überlassen. Sie wandte sich nach Lindenkron,wo sie das Jahr vorher, als sie mit ihrer Wohllhaterinden Sommer dort zubrachte, die Gattin des Schulmei-sters als eine brave, behlllfliche Frau kennen gelernthatte. Nach ihrer Niederkunst trat sie in die Diensteeiner Gräfin, die immer auf Reisen war. Mit ihr be-suchte Charlotte sechszehn Jahre lang alle europäischeLänder, und ward endlich des unstäten Lebens so müde.Laß sie den Heirathsantrag eines wackern Mannes, der