Auch ich mußte des folgenden Tages reisen; doch nichtverwiesen, sondern in Geschäften des Fürsten. Er sandtemich in eine gewisse Hauptstadt des deutschen Reiches, umeinen wichtigen Rcchtshandel — der dort wahrhaft an-hängig war, indem er wie an Ketten hing — zu betrei-ben. Zugleich erhielt ich den Auftrag, eine» erfahrenen Arztund einen geschickten Musikmeister ausfindig zu machenund die Dicnstvcrträge mit ihnen abzuschlicßcn. Ein tüch-tiger Justiz-Dircctor war schon in der Nähe gefunden,und der Posten des Zwerges blieb unbesetzt.
Kurz vor meiner Abreise gewährte mir noch ein günstigerZufall die Freude, mit Helenen ohne Zeugen zu sprechen.Dicß Glück dauerte nur fünf Minuten; ich hätte sie abernicht gegen eben so viel Lebensjahre vertauscht: denn jedesWort, jeder Blick der Jnniggeliebtcn enthüllte mir unwill-kürlich das süße Gehcimniß der Gegenliebe. Wonnetrun-ken warf ich mich in den Wagen, und der einzige Ge-danke meiner langen, einsamen Reise war Helene.
Ich war zwei Monate abwesend. Als ich zurück kamund bei dem Pfarrhause vorbeifuhr, riß Friederike dasFenster auf und rief: „Halten Sie einen Augenblick! Ichhabe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen."
Ich sprang ins Haus. Sie hüpfte mir entgegen undsagte: „Ei, welche Veränderung finden Sic im Schlosse!Es ist seit vier Wochen ein junger Herr angckommcn, vondem man sich ins Ohr flüstert, daß er des Fürste» Sohnsey. Wenigstens gilt er Alles in Allem, und man sprichtallgemein, er hcirathe Fräulein Helenen."
Mich überfiel ein Schrecken, daß ich nmzusinkcn glaubte.Doch ich nahm mich gewaltsam zusammen, erklärte dieNeuigkeit für ein leeres Stadtgeschwätz, und eilte, wiedurch ein Aprilmährchen geärgert, schnell wieder fort.