Druckschrift 
25 (1852) Das gefährliche Schloß [u.a.]
Entstehung
Seite
466
Einzelbild herunterladen
 

Wenn sie ihre alte Gewohnheit bcibehält, so wird sieum diese Tageszeit hier sein," sagte Donald; sogleich aberschwieg er und wies mit seinem Finger, als fürchte er sich,daß seine Worte von Andern gehört würden; ich blickte aufund schaute nicht ohne ein Gefühl des Schreckens eine weib-liche, am Stamme der Eiche liegende Gestalt, mit niedcrhän-gendem Kopf, gefalteten Händen und einem dunkelschwarzen,über ihr Haupt gezogenen Mantel, genau in derjenigen Stel-lung, wie Judäa auf den syrischen Münzen unter einem Palm-baum sitzend, dargestcllt wurde- Mir wurde etwas von derFurcht und Achtung mitgetheilt, welche mein Führer gegendies einsam lebende Geschöpf zu hegen schien; auch dachte ichnicht eher daran, zu ihr hinzutreten, um sie näher anzusehcn,bis ich einen fragenden Blick auf Donald gerichtet hatte;hierauf erwiedcrte er in halbem Geflüster,sie ist ein furcht-bar böses Weib gewesen, Mylady."

Ein verrücktes Weib, meint Ihr," erwiderte ich, dennich hatte nicht recht verstanden, was er sagte,dann ist sievielleicht gefährlich."

Nein, sie ist nicht verrückt," erwiderte Donald,alsdannwäre sie glücklicher als jetzt; obgleich es mit ihrem Verstandnicht richtig sein kann, wenn sie bedenkt, was sie gethan hat,und welche Ereignisse sie veranlaßte, um keine Handbreitvon ihrem gottlosen Willen nachzugeben; aber sie ist wederverrückt, noch stiftet sie Unheil in ihrer Raserei an. Dennoch,Mylady, halte ich es für das Beste, daß Ihr nicht näher zuihr hingeht." Alsdann machte er mich in wenigen eiligenWorten mit der Geschichte bekannt, die ich jetzt im Einzelnenerzählen werde. Ich hörte der Erzählung mit einer Mischungvon Schauder und Mitgefühl zu, welche mich bewog, zurLeidenden hinzuzutreten, und ihr einige Worte der Tröstung