Waller Scott's sämmtliche Z neu übersetzt erke, von Ol. Herrmann, Fr. Richter, Fr. Funck, Oelckers, Ol C. Susemihl, Or. Carl Ändra, W. Zauerwein und Andern. Zweite vermehrte Auslage. Fünfundzwanzigster Band. Das gefährliche Schloß; Chronik von Canongate, und andere Erzählungen. Mit 1 Stahlstich. Stuttgart. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung. 1852 . MW Das gefährliche Schloß; die Chronik von Canongate; -er Zauberfpiegel; das tapezierte Zimmer; -es Gutsherrn Hans. -EZXIM-GEL«- Voii Walter Scott. Neu übersetzt Vr. Fr. Kottenkamp. Mit Stahlstich. . .. > I l! > > > -- Stuttgart. H off,iiain,'sch- Verlags-Buchhandlung. 1852 . Das gefährliche Schloß Ms sn dem verfallene» Thurm ich stand Bon des Abends thauigem Dust umwallt, Hört' ich, wv der Elchen Lauben wand, Wie der Eule Klage dem Mond erschallt; Kaum regte die Luft ein leises Weh'», ES schimmerte mild der Sterne Strahl, ES heulte der Fuchs auf den nahen Hdh'n Und das Echo klang in dem stille» Thal. Robert BurnS. Einleitung. (Folgende Einleitung wurde von Sir Walter Scott im Februar 1832 ans Neapel eingefandt, das Material wurde aber vor dem September I83l i» Schottland gesammelt; die Einleitung erschien somit nicht in der ersten, sondern erst in der zweiten Auflage der Erzählung.) Die Hauptereignifse der Erzählung sind aus der alten Reimchronik „Bruce von Archidiaconus Barbour" und aus der Geschichte der Häuser Douglas und Angus von David Hume de GodScroft entnommen; die Wahrheit derselben wird von den Ueberlieferungen des westlichen Theilcs von Schottland bekräftigt. Dieselben stimmen mit dem Geist und den Das gtsährl. Schloß n. and. Erzähl. I. 1 2 Sitten der unruhigen Zeit, von welcher sie berichtet werden, überein, so daß ich keinen Grund sehe, wcßhalb man die Wirklichkeit der Thatsachen bezweifeln sollte. Auch scheinen die Namen von zahllosen Oertlichkeiten sogar mehrere der kleinsten Umstände in dem Bericht von Godscroft zu bestätigen. Unter den Genossen von Robert Bruce bei seiner großen Unternehmung der Befreiung Schottlands von der Macht Eduards I. von England wird der erste Rang allgemein dem achten Lord Douglas James zugestanden, welchen seine Landsleute noch heut zu Tage den guten Sir James nennen. Der Ruhm, den jener tapfre Mann Sir James Douglas sich gewann, Jsi hier, wo Freiheit er errungen. So wie in Spanien weit erklungen. Von der Zeit an, worin der König von England sich weigerte, ihn bei seiner Rückkehr aus Frankreich, wo er seine Erziehung als Ritter erhalten hatte, mit den ausgedehnten Gütern seiner Familie zu belehnen, welche wegen der Partei seines Vaters, William des Kühnen, eingezogen waren, scheint der junge Ritter von Douglas die Sache des Robert Bruce mit begeistertem Eifer ergriffen und die Schicksale seines Fürsten mit unermüdlichem Eifer und Hingebung getheilt zu haben. „Der Douglas," sagt Hollingshed, „wurde von König Robert sehr vergnügt empfangen und blieb dessen Diensten sowohl in? Frieden wie im Krieg bis an seinem Lebensende treu. Obgleich der Name und die Familie der Douglas schon vor jenen Tagen in einigen Ehren stand, so geschah deren eigentliche Erhebung durch diesen James Douglas; denn Andere dieses Stammes erhielten durch seine Erhebung Gelegenheit , sich in Mannheit und Tapferkeit in Vertheidigung 3 des Reiches auszuzeichnen. So erreichten sie eine solche Höhe in Bedeutung und Ansehen, daß ihre große Macht in Vasal- leuländereien und Schlössern zuletzt zum Theil die Ursache ihres Falles war, weil die nachfolgenden Könige Argwohn gegen sie hegten." In jeder Erzählung des schottischen Unabhängigkeitskrieges nehmen die Jahre gefährlicher Abenteuer und Leiden des erlauchten Freundes von Robert Bruce einen bedeutenden Platz ein, eines Ritters, welcher die englischen Truppenabthctlungen, die nach einander sein väterliches Gebiet besetzten, in wiederholten und glücklichen Versuchen bekämpfte, um die furchtbare Festung Douglas Castle ihrem Besitz zu entreißen. Sowohl in englischen wie schottischen Chroniken und in Rpmcrs Foedera werden die verschiedenen Offiziere häufig genannt, welchen König Edward die Vertheidigung dieser berühmten Feste vertraute, besonders Sir Robert Clifford, der Vorfahr des hel- denmüthigen Geschlechts der Cliffords, der Grafen von Cum- derland, dessen Lieutenant Sir Richard de Thurlevalle von Thirwall Castle am Tippal in Northumberland und Sir John de Walton, dessen romantische Geschichte der von ihm gegen seiner Geliebten eingegangenen Verpflichtung, Douglas Castle ein Jahr lang zu halten, oder auf alle Hoffnung hinsichtlich derselben zu verzichten, nebst den tragischen, in dieser Erzählung etwas gemilderten Folgen, durch Hume de Godscroft weitläufig berichtet und als eines der rührendsten Ereignisse in der Chronik des Ritterthums dargestellt ist. Ehe noch der Verfasser in der Entwerfung vorliegender Erzählung, lwahrscheinlich der letzten, die er schreiben wird, ziemlich weit gekommen war, machte er eine Reise nach DouglaSdale, um die Trümmer des berühmten Schlosses, die Kirche von St. Bride von Douglas, die Schutzheiligen dieser großen Familie und die verschiedenen durch Hume de Godscroft in seinem Bericht von den ersten Abenteuern des guten Sir James erwähnten Oertlichkeiten zu untersuchen; obgleich er jedoch so glücklich war, einen eifrigen und unterrichteten Cicerone in Herrn Thomas Haddow und jeden Beistand von Herrn Alexander Finlay, dem Verwalter seines Freundes Lord Douglas zu erhalten, befand er sich damals in so üblen Gesundheitsumständen, daß er seine Untersuchungen nicht so sort- setzen konnte, wie er es in besseren Tagen mit Freuden gcthan haben würde; er mußte sich mit einer flüchtigen Ucbersicht der an sich höchst interessanten Gegend begnügen, wie er eine solche an einem einzigen Morgen ertragen konnte, an welchem jede körperliche Bewegung ihm schmerzlich wurde. Herr Haddow batte die Güte, dem Verfasser später einige Mittheilungen über Punkte zu machen, deren Untersuchung derselbe für wünschenswerth zu halten schien. Diese Mittheilungen erreichten ihn erst, als er das Werk, wie es vorliegt, hatte beenden-müssen, um Vorbereitungen zu einer Reise in fremde Klimate zu treffen, in denen er Gesundheit und Kraft wieder zu finden hoffte. Die Reste des alten Schlosses von Douglas sind unbeträchtlich. Sie bestehen wirklich nur aus einem verfallenen Thurm in geringer Entfernung von dem neueren Wohngebäude, welches selbst nur einen Theil des vom Herzog Douglas beabsichtigten Baues bildet, den derselbe nach der Zerstörung des Schlosses durch eine zufällige Feuersbrunst aufführen lassen wollte *). Der Herzog hatte die alte Prophezeihung im *) Die folgende Beschreibung von Douglas-Castle ist aus einem im Anfänge des verflossenen Jahrhunderts geschriebenen Werke, welches vom Maitland,Club in Glasgow 1831 gedruckt wurde, entnommen. Douglas 5 Auge, daß Douglas-Castle, so oft es zerstört sei, mit erweitertem Umfang und Glanz sich wieder erheben würde; er entwarf deshalb den Plan zu einem Gebäude, welches in seiner Vollendung jeden Wohnsitz eines Edelmanns in Schottland damals übertroffen haben würde; der ausgebaute Theil, ein Achtel des ursprünglich beabsichtigten Baues, ist ausgedehnt genug für eine große Haushaltung und enthält einige Zimmer von großartigem Umfang. Die Lage ist prächtig; obgleich die Nachfolger des Herzogs das Schloß in dem Zustande ließen, worin sie dasselbe antrafcn, so haben sie dagegen auf die Verschönerung der Umgegend große Kosten verwandt; dieselbe zeigt jetzt einen ungeheuren Strich mit wellenförmigem Boden und Baumgruppen, bis zum Fuße der Cairntable- Berge, welche häufig als der Lieblings-Zufluchtsort des großen Ahnen der Familie in den Tagen des Unglücks und der Verfolgung erwähnt werden. In dem anstoßenden Flecken steht noch das Chor der alten Kirche von St- Bride, unter deren Kirchspiel, Baronie und Lordschafr hat der Familie Douglas lange ange- hvrt nnd blieb im Besitz der Grafen Douglas, bis deren Vermögen >45L eingezogen wurde; während dieser Zeit sind viele edle und wichtige Hand, lungen, wie die Geschichte berichtet, von den LordS und Grafen dieses mächtigen Stammes vollbracht worden. Alsdann ward die Baronie Douglas den Grafen von Angus übertragen und blieb bei der Familie, bis Wllliain Graf AnguS IKZ3 zum Marquis von Douglas ernannt wurde; jetzt ist es der hauptsächlichste Sitz des Marquis von Douglas und seiner Familie. Es ist eine große Baronie und Kirchspiel mit weltlichem Patronat, denn der Marquis hatte »ichrere Pfarrstellen z» besehen; nahe bei der Kirche liegt das Schloß und ein schöner Flecken mit Stadtrechr. In der Kirche finden sich viele alte Monumente mit Inschriften über den Gräbern der Grafen. Der kleine Strom Douglas durchfließt das ganze Kirchspiel, welches deshalb auch Dauglasdale genannt wirb. ES ist ein liebliches, an GraS, Getreide und Wald reiches Thal, und der Pfarrer flat ein gutes Einkommen u. s. w. 6 Fußboden sich das Grabgewölbe seiner hohen Familie befindet, welches erst in neuester Zeit aufgcgeben wurde, als die im Laufe von fünf bis sechs Jahrhunderten aufgehäuftcn steinernen und bleiernen Särge keinen weiteren Raum zur Hinzu- fügung Anderer übrig ließen Dort wird noch ein silbernes Kästchen gezeigt, welches den Staub von dem einst edlen Herzen des guten Sir James enthält; in dem verfallenen Chore findet sich noch das einst prächtige Grabmahl des Kriegers, obgleich in einem traurigen Zustande. Nachdem Barbour die wohlbekannten Umstände vom Tode Sir James in Spanien (20. August 13Z0) berichtet hat, als derselbe auf seiner Rückkehr von Jerusalem, wohin er das Herz von Bruce gebracht hatte, sich einem Feldzuge des Königs von Arragon gegen die Mauren angeschlvssen hatte, erzählt uns dieser alte Dichter: seine Leute hätten den Leichnam einbalsamirt, denselben nach Schottland eingeschifft, und dort auf seinem Gute beigesetzt, nachdem ihm sowohl in Spanien wie zu Hause alle Ehren der Ritterschaft erwiesen waren; sein Sohn habe alsdann das Grabmahl erbauen lassen. Eine Abtheilung von Cromwells Truppen soll das Grabmahl aus Muthwillen verstümmelt haben, als dieselben nach der damaligen Gewohnheit des vom Protector befehligten Heeres die Kirche von Douglas in eine» Pferdestall verwandelten. Es ist jedoch genug noch übrig, um den Ruheplatz des großen Sir James zu erkennen. Das Bildniß von dunklem Stein hat kreuzweiß gelegte Beine, ein Zeichen, wodurch angedeutet ist, daß er seinen Tod nach Vollbringung der Pilgerschaft zum heiligen Grabe im wirklichen Kampf mit den Ungläubigen in Spanien fand; die Anbringung eines Herzens im alten Wappen der Douglas, in Folge der Vollbringung des letzten Willens von Bruce, scheint neben der 7 Stellung der Figur die Gewißheit herzustellen, daß hier sich das Grabmahl von Sir James befindet. Dasselbe muß in seinem ursprünglichen Zustand den besten Bildwerken der Westmünster-Abtey aus derselben Zeit an Werth gleichgekommen sein. Da der Verfasser sich einige Freiheit mit den historischen Ereignissen genommen hat, welche diesen Erzählungen zu Grunde liegen, so ist es seine Pflicht, dem Leser diejenigen Auszüge aus seinen Quellen mitzutheilen, wodurch derselbe einen falschen Eindruck wieder ausgleichen kann. Die Hauptquelle wurde zu einer Zeit verfaßt, wo Schottland noch von dem Ruhme derer erfüllt war, die es vom Joche der Plantagenet befreiten. Sir James Douglas nimmt unter denselben einen bedeutenden Rang ein. Hume de Godscroft sagt über ihn: „wir wollen nicht das Urtheil jener Zeiten über ihn verschweigen, welches zwar in einem plumpen Verse, jedoch in einem solchen gegeben ist, welcher seine wahre Großmut- und seine unbefiegliche Seele unter allen Glücksumständen bezeugt." James Douglas alter Flecken baar. Ein Herr, der klug und tapfer war, Behielt im Siege kalreS Blut, Nach Niederlagen guten Muth; In gleicher Wage wog er ab. Was ihm das Glück und Unglück gab. 8 Auszüge aus der Geschichte der Häuser Douglas und Angus, von David Hume von Godscroft verfaßt. „Hier nun beginnt das Unglück des Königs einen Halt zu machen, uns einem glücklicheren Erfolge in seiner eigenen Person, noch mehr aber in der Person von Sir James zu weisen, welcher seine Schlösser und Ländereien wieder eroberte. Er ging nach Douglasdale, wo er mit Hilfe von seines Vaters altem Diener, Thomas Dickson, das Schloß DouglaS nahm. Weil er es aber nicht behaupten konnte, so ließ er es verbrennen, indem er sich damit tröstete, daß seine Feinde jetzt eine Feste weniger wie zuvor hätten. Die Art, wie er das Schloß nahm, soll folgende gewesen sein: Sir James nahm mit sich nur zwei von seinen Bedienten, und ging zu Thomas Dickson, der ihn mit Thränen empfing, nachdem er sich demselben entdeckt hatte, denn zuerst erkannte der gute alte Mann ihn nicht, weil er ein sehr niedriges und schlechtes Kleid trug. Derselbe versteckte ihn in einer stillen Kammer, und brachte ihm nur solche Leute, welche vertraute Diener seines Vaters gewesen waren, auch nicht ans einmal, sondern immer nur Einen nach dem Andern, da man befürchten mußte, daß er entdeckt würde. Die Meinung derselben ging dahin, daß seine Mitverschworncn am Palmsonntag, wenn die Engländer in der Kirche wären, sich sammeln sollten, und daß er dann die Loosung gebe, und daß man des Douglas Schlachtruf anstimmen werde. So wolle man über die zufällig Gegenwärtigen herfallen und könne das Schloß leicht nehmen, 9 wenn dieselben abgethan wären. Als man nun so übereingekommen war, und als nun die Engländer mit Zweigen in den Händen nach der Gewohnheit des Tages in die Kirche gegangen waren, wobei sie nichts der Art beargwöhnten oder fürchteten, rief Sir James nach der Verabredung, aber zu früh, »ein Douglas, ein Douglas!" Als man nun das in der Kirche hörte (es war aber die St- Bride Kirche in Douglas), zog Thomas Dickson in der Meinung, daß er unterstützt werde, sein Schwert, und stürzte auf die Engländer ein; er ward aber nur von einem Andern unterstützt, so daß er von der Zahl seiner Feinde überwältigt, niedergeworsen und erschlagen wurde. Mittlerweile aber war Sir James herbeigekommen; die Engländer in der Kapelle hielten die Schotten zurück, den» sie hatten den Vortheil eines engen Eingangs, den sie mannhaft vertheidigten. Sir James aber ermuthigte seine Leute nicht sowohl durch Worte wie durch Thatcn und gutes Beispiel; auch erschlug er die Tapseisten, die ihm Widerstand leistete», drang zuletzt in den Ort, tödtete 26 Mann und nahm die übrigen zehn oder zwölf gefangen; er wollte mit denselben der Kapitulation gemäß in das Schloß dringen und hereinkommcn, wenn die Thore, um sie herein zu lassen, geöffnet würden, allein das war nicht einmal nvthwendig, denn die im Schlosse waren so von ihrer Sicherheit überzeugt gewesen, daß nur der Thorwächter und der Koch darin zurückgeblieben waren. Diese wußten gar nichts von den Vorgängen in der Kirche, welche etwa eine Vicrtelmeile entfernt lag; sie hatten deshalb das Thor weit offen gelassen; der Thorwächter hatte das Schloß verlassen und der Koch bereitete die Speisen zum Mittagessen- Sie zogen ohne Widerstand ein, und da das Fleisch fertig und derTisch gedeckt war, so verschlossen sie das Thor und nahmen mit aller Behaglichkeit ihr Mahl ein. Als nun Douglas das Schloß so erobert hatte, dachte er bei sich (denn er war ein Mann nicht weniger klug im Rath wie tapfer im Kriege), er werde es doch nicht behaupten können, denn die Engländer waren noch die Stärkeren im Lande und er wußte, daß er auf keinen Entsatz rechnen konnte, wenn dieselben ihn belagern würden; deshalb hielt er es für besser, Alles sortbringcn zu lassen, was sich am leichtesten transportiren ließ. Gold, Silber und Kleidung mit Kriegsbedarf und Waffen, das er am meisten brauchte; die übrigen Vorräthe wollte er nebst dem Schlosse zerstören, denn cs balf zu nichts, die Zahl seiner Anhänger durch Zurücklassung einer Besatzung zu vermindern. Somit ließ er Mehl und Malz und anderes Korn und Getreide i» den Keller bringen und Alles zusammen auf einen Hausen legen; und dann nahm er die Gefangenen und erschlug sie, um den Tod seines treuen und tapferen Dieners Thomas Dickson zu rächen, vermischte jene Lebensmittel mit ihrem Blut und begrub ihre Leichen in den Getreidehaufen; hierauf ließ er den Fässern den Boden cinschlagcn, so daß alles Getränk herauslief, und dann warf er die Leichen der tobten Pferde und anderes Aas hinein und ließ Salz über Alles berstreuen, so daß der Feind gar nichts davon brauchen konnte; solcher Keller wird noch heut zu Tage die Douglas-Speisekammer genannt. Zuletzt entzündete er das Haus und verbrannte jegliches Holzwerk, so wie Alles, was vom Feuer zerstört werden konnte, so daß er nur die rauchigen Mauern zurückließ. Das war seine erste Eroberung von Castle Douglas, denn er nahm das Schloß zweimal. Für diesen Dienst und andere seinem Vater erwiesene gab Sir James dem Thomas Dickson die Ländereien von Hazcl- side, welche ihm vor der Einnahme des Schlosses als Ermu- thigung, um ihn recht eifrig zu machen, versprochen waren; 11 derselbe wurde aber, wie gesagt, in der Kirche erschlagen. Cs war aber von Sir James sowohl freigebig wie weise gehandelt, daß er die Männer in seinem Dienste durch so edles Thun ermuthigte. Als nun das Schloß verbrannt war, zog sich Sir James zurück; er «heilte seine Leute in verschiedene Kompagnicen, so daß sie so geheim wie möglich bleiben konnten; er ließ die im Kampfe Verwundeten heilen und hielt sich so viel wie möglich in der Nähe auf, indem er eine Gelegenheit erwartete, um gegen den Feind etwas zu unternehmen- Sobald er fort war, kam Lord Clifford, als er die Vorgänge erfahren hatte, in Person nach Douglas: er ließ das Schloß in sehr kurzer Zeit wieder aufbauen und fügte auch einen Thurm hinzu, welcher nach ihm Harry's Thurm genannt wird; und so ging er denn nach England zurück, indem er einen gewissen Thurswall als Schloßhauptmann zurückließ. Als Sir James Douglas wieder nach DouglaSdale kam, brauchte er gegen jenen Thurswall, den Schloßhauptmann unter besagtem Lord Clifford, folgende Kriegslist: Er ließ durch einige seiner Leute das Vieh wegtreiben, welches in der Nähe des Schlosses weidete, und als der Hauptmann der Garnison ausrückte, um das Vieh wieder zu holen, ließen seine Leute cs nach seinem Befehl zurück und flohen. Dieß that er so oft, daß der Hauptmann solche Angriffe gering- schäßte und sich für sicher hielt; als das nun nach seiner Meinung genug geschehen war, legte er einige Leute in Hinterhalt und schickte andere fort, damit sie die Thiere vor dem Schloß wegtrieben wie zuvor, als seien sie Diebe und Räuber. Als der Hauptmann davon hörte, war er der Meinung, die Gefahr sei nicht größer wie zuvor; er zog aus dem Schlosse und 12 verfolgte ihn mit solcher Eile, daß seine Leute während ihres Laufes in Unordnung und aus ihren Reihen kamen. Auch die Viehtreibcr flohen so schnell sie konnten, bis sie den Hauptmann etwas jenseits des Hinterhalts gelockt hatten; als die im Hinterhalte das sahen, brachen sie plötzlich aus ihrem Versteck hervor, griffen den Hauptmann und seine Leute an, erschlugen ihn und jagten Letztere in's Schloß zurück; einige derselben wurden cingeholt und erschlagen; Andere kamen in's Schloß und wurden gerettet. Da Sir James das Schloß zu erstürmen nicht vermochte, nahm er die Beute, die er außerhalb desselben bekommen konnte, und zog ab. Dadurch und durch solche andere Thaten schreckte er so sehr den Feind, daß die Behauptung des Schlosses für sehr gewagt gehalten wurde, und daß man cs das gefährliche Schloß Douglas zu nennen begann. Als nun Sir John Walton sich um die Hand einer englischen Dame bewarb, schrieb sie ihm, er müsse das gefährliche Schloß Douglas sieben Jahre lang behaupten; dann könne er sich für würdig halten, als ihr Freier aufzutrcten. Bei der Gelegenheit übernahm Walton die Behauptung des Schlosses, und wurde der Nachfolger von Thurswall; es ging ihm aber ebenso wie den Andern vor ihm. Als nämlich Sir James einen Hinterhalt an den Platz gelegt hatte, ließ er vierzehn seiner Leute eben so viele Säcke nehmen und mit Gras füllen, als seie dasselbe Getreide, welches sie nach Lan- nark, dem hauptsächlichsten Marktflecken trügen; er hoffte durch diesen Köder den Schloßhauptmann herauszulockcn, um ihn oder das Schloß oder Beide zu nehmen; auch wurde diese Erwartung nicht getäuscht, denn der Hauptmann biß an und kam heraus, um den vermeintlichen Proviant für sich zu nehmen- Ehe er jedoch die Sackträger erreichen konnte, war Sir James mit seiner Kompagnie zwischen dem Schloß und ihm 13 hervorgebrochen; die verkleideten Sackträgcr aber legten, als sie sich vom Hauptmann verfolgt sahen, sehr schnell die Oberkleider ab, womit sie sich vermummt hatten, warfen ihre Säcke auf den Boden, stiegen zu Pferde und machten gegen den Hauptmann einen scharfen Angriff. Derselbe war um so mehr erschrocken, weil der Angriff unerwartet war; als er nun sah, daß die Sackträger sich in Krieger verwandelten und ihn an- griffen, besorgte er, daß ihm eine Schlinge gelegt sei, und kehrte deshalb um, damit er sich in'S Schloß zurllckziche. Aber auch dort begegnete er seinen Feinden, worauf er mit seinen Leuten zwischen den zwei Haufen erschlagen ward und Niemand entwischte. Als man den Leichnam des HauptmannS nachher aufsuchte, fand man, wie berichtet wird, bei demselben den Brief seiner Geliebten. Dann nahm Sir James das Schloß; es ist aber ungewiß, ob durch Gewalt oder Vertrag; es scheint jedoch, daß der zurückgebliebene Befehlshaber und die Besatzung dasselbe freiwillig übergaben, denn Sir James behandelte sie so mild, wie er cs nach einer Erstürmung sicherlich nicht gethan haben würde, denn er schickte sie sammtlich unverletzt nach Hause zum Lord Clifford und gab ihnen auch Lebensmittel und Geld, damit sie unterwegs zu essen hätten. Das Schloß, welches er früher nur verbrannt batte, ließ er jetzt schleifen und die Mauern niederreißen. Durch dieses und ähnliches Verfahren befreite er in kurzer Zeit Douglasdale, Attrick Forest und Jedward Forest von der englischen Herrschaft. Diese ganze Erzählung Hume's ist nur ein Auszug aus der erwähnten Reimchronik, oder vielmehr eine Uebertragung des dortigen Textes aus dem weitläufigen Stpl des Mittelalters in eine einfachere und verständlichere Schreibart einer neueren Zeit. 14 Er st cs Kapitel. Die Feinde flvh'n, als sie den Schall vernahmen i AlS Douglas siel, gewann den Sieg sei» Namen. John Höre. An einem Tage im Beginn des Frühlings, als die Natur in einer kalten Provinz Schottlands vom Winterschlaf erwachte, und als wenigstens die Luft, wenn auch nicht der Pflanzenwuchs, die Abnahme der kalten Jahrszeit verkündete, kamen zwei Reisende, deren Aeußeres zu jener Zeit ihren wandernden Charakter zur Genüge anzeigte und ihnen zugleich eine ungehinderte Reise, sogar in einem gefährlichen Lande, damals zu verschaffen pflegte, aus Südwesten her und schlugen ihre Richtung nach dem Schloß Douglas am Laufe des Flusses ein, dessen Thal eine Art Zugang zu jener merkwürdigen, mittelalterlichen Festung darbot. Der Strom, klein im Verhältniß zur Ausdehnung seines Rufes, diente als eine Art Abtrocknungskanal für das umliegende Land und gewährte zugleich einen rauhen Pfad nach dem Schloß und Dorf. Die mächtigen Feudalherren, denen das Schloß schon seit manchen Menschenalters angehörig war, hätten den Zugang weit bequemer machen können, allein damals waren die Talente der scharfsichtigen Herren noch wenig oder gar nicht geübt worden, welche der Welt die Lehre verkündet haben, daß es besser ist, einen Umweg um den Fuß eines Berges zu machen, als in gerader Richtung auf der einen Seite hinauf und auf der andern hinab zu steigen, ohne einen einzigen Schritt von dieser geraden Bahn zu weichen, wodurch der 15 Uebergang dem Reisenden leichter werden könne. Noch viel weniger träumte man von den Geheimnissen, welche Mac Adam kürzlich enthüllt hat. Wozu jedoch hätten die alten Herren Douglas diese Grundsätze anwenden sollen, sogar wenn sie ihnen in aller Vollkommenheit bekannt gewesen wären? Räderwagen waren gänzlich unbekannt, mit Ausnahme solcher von der plumpesten Art und derjenigen, welche für die einfachsten Verfahrungöwcisen des Ackerbau's gebraucht wurden. Sogar die zartesten Frauen hatten keine anderen Transportmittel, wie ein Pferd, und im Fall einer schweren Krankheit eine Sänfte. Die Männer brauchten ibre eigenen derben Glieder oder kräftigen Pferde, um sich von einem Ort zum andern zu begeben; Reisende und besonders Frauen erduldeten keine geringe Unbequemlichkeit wegen der rauhen Natur des Bodens. Ein angeschwollener Fluß durchschnitt bisweilen ihren Weg und zwang sie zu warten, bis das Wasser seinen wüthenden Strom gemindert hatte; das Ufer eines kleinen Flusses wurde gelegentlich durch die Wirkungen eines Gewitters, einer heftigen Ueberschwemmung oder anderer gewaltsamer Naturereignisse hinweggerissen; der Wanderer mußte alsdann sich auf seine Kenntniß der Gegend verlassen, oder die möglichst beste örtliche Kundschaft sich zu verschaffen suchen, damit er seinem Pfade zur Uebcrsteigung solcher widerlicher Hindernisse eine Richtung geben könne. Der Douglas strömt aus einem Amphitheater von Gebirgen, welches im Süden das Thal begrenzt, aus dessen Bächen sowie aus plötzlichen Regengüssen er sein geringes Wasser erhält. Der allgemeine Anblick des Landes ist derselbe, wie überall in den zur Viehzucht geeigneten Gebirgsgegenden des Südens von Schottland, worauf sich gewöhnlich wild gelegene und ärmliche Pachthöfe vorfinden; zur Zeit unserer Ge- 18 beträchtliche Aestc jener alten Wälder enthielt, womit aller hochgelegene Boden jener Gegend und besonders die Berge bedeckt waren, auf denen die Ströme, sowohl die ostwärts fließenden, wie auch diejenigen, welche in den Solway münden, Einsiedlern ähnlich, ihre ursprünglichen und wasserarme« Quellen verstecken. Die Landschaft war noch durch den Widerschein der Abendsonne erleuchtet, welche von Teichen oder Strömen bisweilen zurückgeworfen wurde, bisweilen auf grauen Felüstücken ruhte, welche die Arbeit des Ackerbau's seitdem entfernt hat, und bisweilen sich damit begnügte, die Ufer des Stromes zu vergolden, an denen eine graue, grüne oder rötdlichte Färbung abwechselte, je nachdem der Boden aus Fels, Nasen oder Erdhaufen bestand, und in der Entfernung wie eine Mauer von dunkelrothem Porphyr aussah. Gelegentlich auch ruhte das Auge auf dem ausgedehnten braunen Moorland, wenn der Sonnenstrahl von dem kleinen Teicbe oder Bergsee zurückgeworfen war, dessen Glanz, wie das Auge im Menschen- Antlitz, einem jeden dasselbe umgebenden Theile Ausdruck und Lebendigkeit ertheilt. Der ältere und stärkere der zwei Reisenden, die wir erwähnten, war eine gut und sogar prunkhaft nach der Mode jener Zeiten gekleidete Person und trug auf dem Rücken, wie cs bei wandernden Sängern der Fall zu sein pflegte, ein Futteral, worin sich eine kleine Harfe, Leper oder Geige, oder ein anderes musikalisches Instrument zu Begleitung der Stimme befand. Das lederne Futteral gab hierüber Andeutung, obgleich es die Natur des Instruments nicht anzeigte. Das Wams des Reisenden war blau und sein Beinkleid violett, mit Schlitzen, welche ein Futter in der Farbe des erstem zeigte. Ein Mantel hätte nach der gewöhnlichen Sitte 19 seine Kleidung bedecken wüsten, allein die Sonnenwärme hatte, ungeachtet der frühen Jahrszcit, den Mann bewogen, jenes Kleidungsstück zusammen zu legen und über die Schultern zu heften, wie die Infanterie-Soldaten der Gegenwart ihre militärischen Kapote zu tragen pflegen. Die Pünktlichkeit, womit der Mantel zusammengelegt war, wies aus einen erfahrenen Reisenden hin, welcher an jedes von der Veränderung des Wetters erheischte Hilfsmittel gewohnt war. Eine große Menge von schmalen Bändern oder Schnüren, welche die Schleifen bildeten, womit unsere Vorfahren Wams und Beinkleider zusammenknüpften, bestand hier aus Blumen oder violetten Knoten, die des Reisenden Person umringten, und so in Farbe den Kleidungsstücken gleich kam, zu deren Verknüpfung sie bestimmt waren. Die bei dieser prunkhasten Kleidung gewöhnlich getragene Mütze war derselben Art, wie diejenige, womit man Heinrich VIII. und Edward VI., dessen Sohn, gewöhnlich abbildet. Sie war nach dem schmucken Zeug, woraus sie bestand, eher für ein öffentliches Auftreten, als für eine Reise in Sturm und Regen geeignet. Sie war buntfarbig, denn sie bestand aus verschiedenen Streifen brauner und violetter Farbe; derjenige, welcher sie trug, nahm einen gewissen Grad höheren Standes dadurch in Anspruch, daß er mit einer Feder derselben Lieblingssarbc und von beträchtlicher Größe seine Mütze geschmückt hatte. Die Züge, über welche die Feder hinabhing, zeichneten sich durch keinen eigenthümlichen Ausdruck aus; jedoch in einer so öden Gegend, wie in dem Westen Schottlands, war es nicht wohl leicht, an dem Manne vorüber zu gehen, ohne ihm eine genauere Aufmerksamkeit zu erweisen, die ihm vielleicht nicht in einer Gegend zu Theil geworben wäre, wo der Charakter 2 » 20 derselben den Blick des Reisenden mehr auf sich hingelenkt haben würde- Ein schnelles Auge, ein Geselligkeit bezeugender Blick, welcher zu sagen schien: „seht mich an, ich bin Eurer Aufmerksamkeit wert-," ließ nichts destoweniger eine Auslegung zu, die günstig oder ungünstig hätte ausfallen können, je nachdem der Charakter der Person sein mochte, welche dem Reisenden begegnete. Ein Ritter oder Soldat würde blos gedacht haben, er sei einem munteren Gesellen begegnet, welcher ein tolles Lied singen, oder eine tolle Geschichte erzählen, oder ihm mit allen für gute Gesellschaft in einem Wirthshause erforderlichen Eigenschaften behilflich sein könne, eine Flasche zu leeren, wobei ihm vielleicht die Bereitwilligkeit, seine Rechnung zu zahlen, fehlen könnte. Ein Geistlicher andererseits würde vielleicht geschloffen haben, der blau und violett gekleidete Mann sei ein Gesell von lockeren Gewohnheiten, und zu wenig darauf bedacht, sich in den Grenzen geziemender Heiterkeit zu halten, als daß er eine passende Gesellschaft für einen Mann von heiligem Berufe sein könne. Der Mann des Gesanges zeigte jedoch in seinem Antlitz den Ausdruck einer gewissen Festigkeit, welche sowohl für ernste Geschäfte, wie für Heiterkeit geeignet schien. Ein wohlhabender Reisender (eine damals nicht zahlreiche Klasse) hätte vielleicht in ihm einen Räuber von Gewerbe, oder einen Menschen gefürchtet, welcher bei sich darbictcnder Gelegenheit ein solcher leicht hätte werden können; ein Frauenzimmer konnte an unartige Behandlung und ein Knabe oder eine furchtsame Person an Mord, oder an ähnliche furchtbare Dinge denken. Der Sänger jedoch war für gefährliche Beschäftigungen schlecht ausgerüstet, wenn er nicht geheime Waffen trug. Seine einzige sichtbare Waffe war ein gekrümmtes Schwert von der- 21 jenigen Art, welche man jetzt Säbel nennt. Der Zustand jener Zeiten würde aber Jedermann bei noch so friedlicher Gesinnung gerechtfertigt haben, sich wenigstens soweit gegen die Gefahren des Weges zu bewaffnen. Hätte ein Blick auf diesen Mann bei dem Begegnenden Vorurtheile erwecken können, so mußte ein Blick auf seinen Gefährten, soweit sich dessen Charakter errathen ließ (denn derselbe war ziemlich verhüllt), eine Bürgschaft für den Elfteren finden. Der jüngere Reisende stand offenbar noch in früher Jugend; er war ein sanfter und artiger Bursch, dessen sclavonischer Rock, das geeignete Kleid des Pilgers, dichter an den Leib gezogen war, als die Kälte des Wetters es zu rechtfertigen oder anzuempfehlen schien; seine Züge, unter dem Hute seiner Pilgerkleidung nur unvollkommen gesehen, waren einnehmend im höchsten Grade, und obgleich er einen Degen trug, schien dies eher aus Nachgiebigkeit gegen die vorherrschende Mode, als aus gewaltthätigen Zwecken zu geschehen. Auf seiner Stirn ruhten Spuren von Kummer, und in seinen Augen Spuren von Thränen; seine Müdigkeit war solcher Art, daß selbst sein rauherer Gefährte Mitgefühl für ihn zu empfinden schien, während er auch im Geheimen an dem Grame Theil nahm, der auf einem so liebenswürdigen Antlitz sichtbare Spuren zurückgelassen hatte. Beide sprachen zusammen, und der Acltere, welcher in seinen Mienen die Hochachtung offenbarte, die einem Manne von untergeordnetem Range während einer Anrede an einen höher Gestellten zukommt, erwies durch Ton und Benehmen, daß er Theilnahme und Zuneigung empfand. »Freund Bertram," sagte der Jüngere der beiden, „wie weit sind wir noch von Douglas Castle entfernt? Wir haben schon mehr wie die 20 Meilen zurückgelegt, welche, wie du 22 sagtest, die Entfernung von Cammock abgeben, oder wie nanntest du die letzte Herberge, die wir bei Tagesanbruch verließen?" „Cumnock, theuerste Dame — ich bitte zehntausend Mal um Verzeihung, mein gnädigster junger Herr." „Nennt mich Augustin," erwiderte sein Gefährte, „wenn Ihr mit mir reden wollt, wie cs sich für die Zeiten schickt." „Was das betrifft," sagte Bertram, „so ist weine eigene gute Erziehung, wenn auch Eure Ladyschaft sich herabläßt, Euren Stand bei Seite zu legen, nicht so dicht an mir fest- genähet, daß ich sie oblegen und wieder annchmen kann, ohne einen Stich zu verlieren. Wenn nun Eure Ladyschaft, der ich Gehorsam geschworen habe, zu befehlen geruht, daß ich sie wie meinen eigenen Sohn behandle, so wäre es eine Schande, wenn ich ihr nicht die Liebe eines Vaters erwiese, besonders, da ich meinen schwersten Eid darauf leisten kann, daß ich ihr diese Pflicht schuldig bin, obgleich ich sehr wohl weiß, daß es in unserem Fall das Loos des Vaters war, von der Freigebigkeit und Güte seines Kindes ernährt zu werden. Denn, wenn geschah es, sobald ich hungerte oder dürstete, daß nicht der Seitcntisch von Berkeley meine Bedürfnisse befriedigte?" „Das war wenigstens mein Wille," antwortete der junge Pilger. „Wozu helfen die Berge von Rindfleisch und das Meer von Bier, welches, wie man zu sagen pflegt, auf unfern Gütern erzeugt wird, wenn ein hungriges Herz unter unfern Vasallen sich vorfindct, und besonders, wenn du, Bertram, der als Sänger unseres Hauses länger wie 20 Jahre gedient hat, ein solches Gefühl empfinden solltest?" »Gewiß, Dame," erwiderte Bertram, „das gliche der Katastrophe, welche vom Baron von Fastenough erzählt wird, als die letzte Maus in seiner Speisekammer verhungert war; 23 entgehe ich auf dieser Reise solchem Unglück, so werde ich der Meinung sein, daß Hunger und Durst mir mein ganzes Leben lang nichts anhaben können." »Du hast schon einmal oder zweimal darunter sehr gelitten, mein armer Freund." sagte die Dame. „Irgend etwas, was ich gelitten habe, hat wenig zu bedeuten; ich wäre sehr undankbar, wollte ich der Unbequemlichkeit, ein Frühstück zu entbehre», oder ein Mittagessen zur Unrechten Zeit cinnehmen zu müssen, einen so ernstlichen Namen crtheilen. Ich kann aber kaum begreifen, daß Eure Ladyschaft diesen Marsch länger ertragen wird. Ihr müßt selbst empfinden, daß das Herumziehen in diesen Hochlanden, in denen uns die Schotten ein so gutes Maaß ihrer Meilen geben, durchaus kein Spaß ist, und was Douglas-Castle betrifft, so ist cs noch drei gute Meilen weit entfernt." „Es ist also die Frage," sagte die Dame mit einem Seufzer, „was wir zu thun haben, wenn wir noch so weit gehen müssen, da das Schloßthor lange vor unserer Ankunft geschloffen sein muß " „Die Thore von Douglas unter der Bewachung von Sir John de Walton öffnen sich nicht so leicht, wie die unseres Butterschrankes in Eurem eigene» Schloß, wenn die Angeln gut geschmiert find; wenn nur Eure Ladpschaft meinen Rath annehmcn und umkehrcn will, so sind wir höchstens nach zwei Tagen wieder in einem Lande, wo für des Menschen Bedürfnisse, wie die Gasthöfe verkünden, mit möglichst geringem Verzug gesorgt ist; von dem Geheimniß dieser kleinen Reise wird dann ein Sterblicher niemals etwas wissen, mit Ausnahme unserer selbst, so wahr ich ein geschworner Sänger, und ein Mann von Wort bin." „Ich danke dir für deinen ehrlichen Rath, Bertram," sagte 24 die Dame, »kann aber keinen Gebrauch davon machen. Solltest du bei der Kenntniß dieser Gegend irgendwo etwas von einem anständigen Hause wissen, mag es Reichen oder Armen gehören, so würde ich gerne dort zur Nacht bleiben, wenn ich Quartier bis morgen früh erhalten kann. Die Thore von Douglas-Castle werden sich dann für Gäste von unserem friedlichen Aussehen eröffnen, — und — cs will heraus — wir könnten alSdann Zeit haben, für unfern Anzug so zu sorgen, daß wir einer guten Aufnahme gewiß wären, wenn wir unsere Locken gehörig kämmen, oder auf andere Weise uns her- ausputzen würden." „Ach, Madame!" sagte Bertram, „wäre nicht Sir John de Walton im Spiele, so würde ich zu erwidern wagen, daß eine ungewaschene Stirn, ein ungekämmter Haarkopf und ein schmutzigeres Aussehen, wie jemals Eure Ladpschast zeigte oder zeigen konnte, weit geeigneter wären, um die Verkleidung eines Sängerburschen zu bewahren, den Ihr in Eurem gegenwärtigen Aufzug darstellen wollt." „Leidet Ihr, Bertram, daß Eure jungen Zöglinge wirklich so tölpelhaft und schmutzig sind?" erwiderte die Dame, „ich wenigstens will sie hierin nicht nachahmen, und mag Sir John im Schlosse Douglas sein oder nicht, so will ich die Soldaten, welchen eine so ehrenvolle Bewachung aufgetragen ist- mit einer gewaschenen Stirn und einem etwas geordneten Kopf meine Kunst zum Besten geben. Was aber die Rückkehr betrifft, ohne daß ich ein Schloß gesehen habe, welches sogar meinen Träumen sich darbot, so kannst du gehen, Bertram, ich aber werde dich nicht begleiten." „Und wenn ich mich von Eurer Ladpschast unter solchen Bedingungen trenne," erwiderte der Sänger, «jetzt, da Eure Vermummung beinahe vollbracht ist, so wird es nur der böse 25 Feind selbst und kein mehr einschmeichelndes oder weniger gefährliches Wesen sein, welches mich von Eurer Seite zu reißen vermag. Es ist nicht weit bis zum Hause eines gewissen Tom Dickson von Hazel Side, eines der ehrlichsten Gesellen im Thale, welcher, obgleich nur ein Bauer, einen ebenso hohen Rang, wie ein Krieger oder wie ein Edelmann einnahm, der in der Schaar des Douglas ritt, als ich in diesem Lande war." „Er ist also ein Soldat?" fragte die Dame. „Wenn sein Vaterland oder sein Herr sein Schwert braucht," erwiderte Bertram, „und um die Wahrheit zu sagen, sitzen die Schotten selten ruhig: sonst aber ist er nur ein Feind der Wölfe, die seine Heerde plündern " „Vergeht aber nicht, mein treuer Führer," erwiderte die Dame, „daß unser Blut in unfern Adern ein englisches ist, und daß wir folglich von Allen Gefahr besorgen müssen, welche sich Feinde des rothen Kreuzes nennen." „Hegt keine Besorgniß wegen der Treue dieses Mannes," erwiderte Bertram, „Ihr könnt ihm ebensowohl trauen, wie dem besten Ritter oder Edelmann im Lande. Wir erwerben vielleicht unser Quartier durch eine Melodie oder einen Gesang, und ich möchte Euch daran erinnern, daß ich es unternommen habe, mich etwas auf guten Fuß mit den Schotten zu stellen, wenn es Eurer Ladyschaft gefällig ist, denn die Schotten, die armen Seelen, hören gern Gesang und Musik, und wenn sie nur einen Silberpfennig haben, so geben sie denselben sehr gern her, um die scienee zu ermuthigen- Ich versprach Euch ja, daß wir ihnen so willkommen sein würden, als wären wir unter ihren wilden Bergen geboren und, was die beste Bewirthung, die Dickson geben kann, betrifft, so wird des Sängers und SpielmannS Sohn keinen Wunsch 26 vergeblich aussprechen. Wollt Ihr jetzt nicht Eurem sich hingehenden Freunde und AdoptiwVaier, oder vielmehr Eurem geschmornen Diener und Führer Bertram, dem Sänger oder Spietmann, Eure Meinung sagen, was Ihr in dieser Angelegenheit thun wollt." „O, wir wollen sicherlich die Gastfreundschaft dieses Schotten annehmen," sagte die Dame, „da Ihr Euer Wort als Sänger darauf gegeben habt, daß er ein zuverläßiger Mann ist. Ihr nanntet ihn Tom Dickson?" „So ist sein Name," erwiderte Bertram, „da ich dort Schafheerde sehe, so bin ich überzeugt, daß wir uns auf seinen Ländereien befinden." „Wirklich!" sagte die Dame mit einiger Ueberraschung, „wie kann Eure Weisheit das bemerken?" «Ich sehe, daß die Schafe mit seinem Anfangsbuchstaben bezeichnet sind," antwortete der Führer, „ja, ja, Gelehrsamkeit bringt einen Mann durch die Welt, als besäße er den Ring, durch dessen Zauberkraft, wie alte Dichter sagen, Adam die Sprache der Thiere im Paradiese verstand; ach, Madame, weit klügere Sachen werden in des Schäfers Hütte gelehrt, als wie die Dame glaubt, welche in ihrem sommerlichen Gemach ihr buntes Kleid näht." „Es mag so sein, Bertram, ob ich gleich in der Kenntniß geschriebener Sprache nicht so bewandert bin, wie Ihr, so muß ich doch ihren Werth höher schätzen, wie bisher; drum wenden wir uns auf dem nächsten Wege zum Hause dieses Tom Dickson, welchen sogar dessen Schafe anzeigen. Ich hoffe, daß wir nicht weit mehr gehen müssen, obgleich die Gewißheit, daß unsere Reise um einige Meilen verkürzt werden wird, mich von meiner Ermüdung so erholt hat, daß ich den ganzen noch übrigen Weg tanzend zurücklegen könnte." 27 Zweites Kapitel. Rosalinde: So, dies ist also der Ardenncr Wald! Prüfstein: Wir sind also jetzt im Ardenner Walde? NM so größer ist meine Thorhett, — Ms ich zu Hause war, befand ich mich an einem weit besseren Orte, aber Reisende müssen zufrieden sein. Rosa linde: So sei es, guter Prüfstein; seht Ihr, wer kömmt dort? ein junger Mann und ein alter, und zwar im feierlichen Gespräch. Wie eS Euch gefällt. Act II,, Scene 4, Als die Reisenden zusammen sich unterredcten, erreichten sie eine Wendung des Weges, welche eine ausgedehntere Aussicht darbot, als die zerklüftete Oberfläche des Landes ihnen bisher gezeigt hatte. Ein Thal, durch welches ein kleiner Nebenstrom sich wand, eröffnet« ihnen den wilden aber nicht unangenehmen Anblick einer Bergwicse, auf welcher hier und da Gruppen von Erlen, Haselsträuchen und niedrigen Eichen standen, die in den Thalschluchten noch geblieben, obgleich von den höheren und dem Blick sich mehr darbietendcn Seiten der Höhen verschwunden waren. Die Pachterswohnung, oder das Haus des Grundbesitzers (nach Größe und Aussehen konnten es beide sein) war ein großer aber niedriger Bau, und die Mauern der Nebengebäude waren stark genug, um einer jeden Schaar von Räubern Widerstand zu leisten. ES fand sich jedoch keine Vorrichtung zur wirksamen Ver- theidigung gegen eine größere Streilkraft, denn in einem durch Krieg verwüsteten Lande war der Landwirt- damals wie jetzt genöthigt, den großen Uebclständen sich zu fügen, die mit 28 einem solchen Zustand der Dinge verknüpft sind; sein niemals sehr wünschenswerter Zustand wurde durch die Unsicherheit noch gesteigert, welche bei jenen Umständen nicht ausblei- ben konnte. Ungefähr in der Entfernung einer halbe» Meile erblickte man einen gotischen Bau von kleiner Ausdehnung, mit einer halb nicdergerissenen Kapelle, welche der Sänger als die Abtei St. Bride bezeichnete- „Wie ich höre," sagte er, „hat man den Ort stehen lassen, da zwei oder drei alte Mönche und eben so viel Nonnen, die dort wohnen, von den Engländern die Erlaubniß erhalten haben, in ihrem Kloster dem Herrn zu bienen, und bisweilen schottischen Reisenden Unterstützung zu reichen; sie haben demgemäß dem Sir John de Walton gehuldigt, und als ihren Vorgesetzten einen Geistlichen angenommen, auf welchen derselbe sich verlassen zu können glaubt. Wenn aber die Gäste dieses Klosters einige Geheimnisse zu enthüllen haben, so glaubt man, daß die Bewohner desselben auf irgend eine Weise dem englischen Gouverneur die Anzeige machen. Wenn deßhalb Eure Ladpschaft kemcn bestimmten Befehl hierüber erteilt, so hielte ich es für das Beste, Laß wir uns ihrer Gastfreundschaft nicht anvertrauen." „Gewiß nicht," sagte die Dame, „wenn du uns nämlich ein Quartier verschaffen kannst, wo wir einen mehr verschwiegenen Wirth haben." In diesem Augenblick wurden zwei Personen erblickt, welche in einer den Reisenden entgegengesetzten Richtung auf das Pachtbaus zugingcn und so laut in einem Streit andeutenden Tone mit einander redeten, daß der Sänger und sein Gefährte die Stimmen, ungeachtet der beträchtlichen Entfernung, unterscheiden konnten. Bertram hielt seine Hand einige Minuten lang, um besser sehen zu können, wie einen Schirm 29 an die Stirne, und rief zuletzt aus: „bei der Mutter Gottes, cs ist mein alter Freund, Tom Dickson! Was bringt ihn in solchen Aerger gegen den jungen Mann dort, welcher, wie ich glaube, der kleine wilde Bursch, sein Sohn Carl ist, der vor einigen zwanzig Jahren herumzulaufen und Binsen zu flechten pflegte. Es ist jedoch unser Glück, daß wir unsere Freunde noch auf den Beinen antreffen, denn ich wette, Tom hat ein herzhaftes Stuck Rindfleisch im Topfe, ehe er zu Bett geht, und er müßte seine Gewohnheit gänzlich verändert haben, wenn ein alter Freund nicht seinen Antheil bekäme. Wer aber weiß, wenn wir später gekommen wären, zu welcher Stunde er es für passend halten würde, die Thürklinke aufzudrücken und den Riegel wegzuschieben, weil eine feindliche Besatzung sich in der Nähe befindet? Nennen wir nämlich die Dinge bei ihrem wahren Namen, so ist das der passende Ausdruck für eine englische Besatzung im Schlosse eines schottischen Edelmannes." „Alberner Mann," erwiderte die Dame, „du urtheilst über Sir John de Walton, als wäre derselbe ein grober Bauer, dem die Gelegenheit, nach Belieben zu bandeln, eine Versuchung zur Ausgelassenheit ist, um Grausamkeit und Unterdrückung zu üben. Ich aber könnte Euch mein Wort geben, daß Ihr, abgesehen von dem Streit um die Königreiche, welcher natürlich im ritterlichen Kampf von beiden Seiten entschieden werden wird, in diesem Gebiete finden werdet, wie Engländer und Schotten unter dem Bereich der Herrschaft von Sir John de Walton zusammen als eine Heerde von Schafen und Ziegen unter einem Schäferhunde leben- Er mag ein Feind sein, vor welchem die Schotten bei gewissen Gelegenheiten fliehen, sie werden sich aber nichts desto weniger eifrig um ihn als ihren Beschützer sammeln, sobald irgend ein Wolf sich zeigen sollte." 30 „Eurer Ladyschaft wage ich nicht meine Meinung darüber zu sagen," erwiderte Bertram, „der junge Ritter jedoch in seine Rüstung gehüllt, ist ein ganz anderes Wesen wie derjenige, der in der Halle sich unter das Gedränge der Damen mischt. Derjenige, welcher sich am Kamine eines wackern Mannes nährt, besonders aber wenn der Gutsherr von allen Menschen in der Welt der schwarze Douglas ist, hat Grund genug, mit seinen Augen scharf um sich zu blicken, wenn er sein Mahl einnimmt. — Es ist jedoch besser, daß ich mich nach unserer eigenen Adendersrischung umsehe, als daß ich hier müßig verweile und über die Angelegenheiten anderer Menschen schwatze." Mit den Worten rief er mit donnernder Stimme aus: „Dickson! Holla, Thomas Dickson! wollt Ihr nicht einen alten Freund erkennen, der Eurer Gastfreundschaft sein Abendessen und sein Nachtquartier anverlraut?" Der Schotte, durch den Ruf aufmerksam gemacht, schaute über die Ufer des Stromes, alsdann über die nackte Seite der Anhöhe, und richtete zuletzt seinen Blick auf die zwei Gestalten, welche von derselben binabstiegen. Der Pächter aus Douglasdale, welcher eine größere Abendkälte empfand, als er aus dem vor Winden mehr geschützten Theile des Thaies herauskam, hüllte sich, um dem Fremden entgegen zu gehen, enger in seinen rauhen Mantel, der bei de» Schäfern des südlichen Schottlands von frühester Zeit an gewöhnlich den Landleuten und Bürgern ein romantisches Aeußere ertheilt - ein Kleidungsstück, welches, obgleich an Farbe weniger glänzend und in seinem Faltenwurf weniger prunkend, ebenso malerisch ist, wie der mehr militärische Mantel der Hochländer. Als beide einander nahe kamen, konnte die Dame beobachten, daß dieser Freund ihres Führers ein derber 31 kräftiger Mann war, welcher schon über die mittleren Lebens-, jadre etwas hinauSgekommen, einige Spuren ron der Annäherung des Greisenalters, aber nicht von dessen Schwächen aus einem Antlitz zeigte, das manchem Sturme ausgesetzt gewesen war. Scharfe Augen und ein Blick schneller Beobachtung deuteten auf die einem Manne zur Gewohnheit gewordene Wachsamkeit, welcher lange Zeit in einem Lande gewohnt hatte, wo er fortwährend Gelegenheit erhielt, mit Vorsicht um sich zu blicken. Seine Züge waren noch von Berger angeschwollen, und der hübsche ihn begleitende junge Mann schien unzufrieden, als habe er keine sanften Zeichen von seines Vaters Unwillen erfahren; durch den finstern Gesichtsausdruck, welcher sich mit einem Anschein von Schaam vermischte, war eS offenbar, daß er sowohl Aerger wie Scldstvorwürfe empfand. „Erinnert Ihr Euch meiner nicht, alter Freund," sagte Bertram, als beide nahe genug gekommen waren, um mit einander zu reden, „oder haben zwanzig Jahre, welche über unsere Häupter hinweggingen, alle Erinnerung an Bertram, den englischen Spielmann und Sänger, mit sich fortgenommen?" „Wahrlich," erwiderte der Schotte, „es fehlt nicht an Euren Landsleuten, um mich an Euch zu erinnern, und kaum habe ich einen von ihnen pfeifen hören: Auf, auf, die Sonne steigt empor! so erinnerte ich m ch auch an Eure heitere Geige; aber doch sind wir solche Thiere, daß ich das Grsicht meines alten Freundes vergaß, und ihn kaum in einiger Entfernung erkannte. Wir haben aber kürzlich viele Unruhe hier gehabt. Tausend von Euren Landsleuten Hallen Besatzung in dem gefäk lichen Schlosse Douglaü dort, sowie an andern Plätzen im Thale^ und das ist ein trauriger Anblick für einen wahren Schölten. 32 Sogar mein eigenes armes Haus ist der Würde nicht entgangen, eine Besatzung von einem Schwerbewaffneten nebst zwei oder drei Bogenschützen, und außerdem noch von einem Paar unartigen und muthwilligcn Knaben, Pagen genannt, u. s. w. zu bekommen, welche einem Maune nicht gestatten, an seinem Herde zu sage»: dies ist mein Eigenthum. Hegt deßhalb von mir keine üble Meinung, alter Kamerad, wenn ich Euch einen etwas kälteren Willkommen biete, wie Ihr von einem alten Freunde erwarten könnt, denn bei St. Bride am Douglas, mir ist kaum etwas übrig geblieben, womit ich Euch willkommen heißen kann." „Ein geringes Willkommen genügt," sagte Bertram; „mein Sohn, mache dem alten Freunde deines Vaters eine Verbeugung. Augustin erlernt mein heiteres Gewerbe, es wird aber noch manche Uebung erforderlich sein, bis er dessen Mühseligkeiten ertragen kann. Wenn Ihr ihm etwas Nahrung und ein ruhiges Bett für die Nacht geben wollt, so braucht man nicht zu fürchten, daß es uns beiden gut genug geht; ich kann Euch sagen, daß Ihr, wenn Ihr mit meinem Freunde Carl dort reisen solltet, — ich glaube nämlich, daß jener schlanke junge Mann mein alter Bekannter Carl ist — so werdet Ihr stets Euch behaglich finden, wenn für seine Bedürfnisse gut gesorgt ist." „Der böse Feind hole mich, wenn das der Fall sein wird," erwiderte der schottische Landmann, „ich weiß nicht, aus welchem Stoff die heutigen Bursche geschaffen find, sicherlich aber nicht aus demselben wie ihre Väter. Sie find nicht wie Heidekraut, welches weder Regen noch Wind fürchtet, sondern von einer zarten Pflanze fremder Lande entsprungen, welche nicht gedeihen will, wenn sie nicht unter Glas gezogen wird. Der Henker mag sie holen! Der gute Lord von Douglas — ich 33 bin sein Lcibdiencr gewesen, und kann cS verbürgen — wünschte als Page nicht solche Nahrung und Wohnung, wie sie gegenwärtig solch einen Burschen wie Euren Freund Carl kaum zufrieden stellt." „Nun," sagte Bertram, „mein Augustin ist nicht besonders wählerisch, wegen anderer Gründe aber muß ich Euch um ein besonderes Bett für ihn ersuchen; er ist kürzlich unwohl gewesen." „Ha, ich verstehe," sagte Dickson, „Euer Sohn hat etwas von der Krankheit gehabt, die so häufig mit dem schwarzen Tode endet, an welchem Eure Engländer so häufig sterben. Wir hören, die Krankheit hat im Süden große Verheerung angerichtet. Kömmt sie auch hiehdr?" Bertram nickte. „Wohlan, meines Vaters Haus," fuhr der Pächter fort, „hat mehr Zimmer wie eines, und Euer Sohn soll ein luftiges und bequemes erhalten; was das Abendessen betrifft, so sollt ihr einen Theil von dem bekommen, was für eure Landsleute zubereitet wurde, obgleich ich lieber an ihrer Stelle sein möchte, denn ihre Gesellschaft gefällt mir nicht. Da ich ein Dutzend von ihnen füttern muß, so werden sie nicht einem so geschickten Spiclmann wie Ihr die Gastfreundschaft einer Nacht verweigern. Ich schäme mich, sagen zu müssen, daß ich ihre Gebote in meinem eigenen Hause ausführen muß. Ha, wenn mein guter Lord nur sein Eigenthum besäße» so habe ich auch Herz und Hand genug, um das ganze Gesindel aus meinem Hause zu schmeißen, wie —" . „Um deutlich zu reden," fiel Bertram ein, „wie ein Gesindel südlicher Landstreicher aus RedeSdale; ich sah ja, wie Ihr diese Leute wie einen Schwarm junger und blinder Hunde aus Eurem Hause warfet und wie keiner der Leute hinter sich Das gefährl. Schloß ». and. Erzähl. I. z 34 zu blicken wagte, um zu sehen, wer ihnen die Höflichkeit erwiesen habe, als bis sie die Hälfte des Weges dis zu dem Cairntablegebirg zurückgelegt hatten." „Ja," antwortete der Schotte, indem er sich wenigstens um sechs Zoll höher aufrichlete, „damals hatte ich mein eigen Haus und eine Sache zu vertreten und einen Arm dazu. Jetzt bin ich — was ist daran gelegen was ich bin? — der edelste Lord in Schottland findet sich in wenig besserer Lage." „Wahrlich Freund," sagte Bertram, „jetzt betrachtest du die Sache in vernünftiger Weise. Ich will nicht sagen, dag der weiseste, reichste und stärkste Mann in dieser Welt irgend ein Recht besitzt, seinen Ncbenmenschen zu tyrannisiren, weil derselbe schwächer, unwissender und ärmer ist; wenn er sich aber in solchen Streit einläßt, so muß er sich dem Lauf der Natur unterwerfen, und dieser ertheilt im Kriege den Vortheil dem Reichthum, der Kraft und der Gesundheit." „Mit Eurer Erlaubniß jedoch," antwortete Dickson, „kann der schwächere Theil, wenn er seine Fähigkeiten bis zum Aeußersten anstrengt, am Ende Rache am Urheber seiner Leiden erlangen, welche ihm wenigstens einige Ausgleichung für seine augenblickliche Unterwerfung gewährt, und Jeder handelt einfältig als ein Mann, und höchst thöricht als ein Schotte, welcher sowohl dies Unrecht mit der Unempfindlichkeit eines Blödsinnigen erträgt, als auch dasselbe voreilig zu rächen sucht, bevor die vom Himmel dafür eingesetzte Zeit eingetroffen ist. Wenn ich aber so rede, so werde ich Euch, wie schon viele Eurer Landsleute, verscheuchen, so daß Ihr keine Speise und kein Nachtlager in einem Hause annehmt, in welchem Ihr am Morgen zu einer blutigen Entsche.dung unseres Nationalkampfes berufen sein könntet." „Besorgt das nicht," sagte Bertram, «wir find von Alters 35 her bekannt mit einander, und ich besorge eben so wenig, von Euch eine ungütige Aufnahme zu erlangen, als Ihr erwartet, ich sei gekommen, um zu den Beleidigungen, worüber Ihr Euch beklagt, neue hinzuzufügen." „So sei es," sagte Dickson, „und Ihr, mein alter Freund, seid in meiner Wohnung eben so willkommen, als zu der Zeit, wo nur Gäste, die ich selbst eingeladen hatte, hier sich einfanden. Ihr, mein junger Freund, Herr Augustin, sollt eine eben so gute Pflege erhalten, als kämet Ihr mit heiterer Stirn und rother Wange, wie es der Gay Science geziemt." „Und weßhalb, wenn ich fragen darf," sagte Bertram, „wäret Ihr jetzt über meinen jungen Freund Carl so ärgerlich?" Der junge Mann erwiderte, bevor sein Vater Zeit zum Reden hatte, „mein Vater, guter Herr, mag die Sache darstellen, wie er will, so zeigt cs sich, daß kluge und schlaue Leute während dieser unruhigen Zeiten im Kopfe schwach werden. Er sah, wie zwei oder drei Wölfe drei unserer besten Widder holten, und weil ich rief, um der englischen Garnison das Allarmzeichen zu geben, wurde er so zornig, daß er mich hätte morden können, und zwar für weiter nichts, als um die Schafe aus den Rachen zu retten, welche sie sonst würden verschlungen haben." „Das ist ein sonderbarer Bericht über dich, alter Freund," sagte Bertram, „bist du mit den Wölfen einverstanden, daß sie deine eigene Heerde bestehlen?" „Laß uns nicht weiter davon reden, wenn du mich lieb hast; Carl könnte dir etwas Näheres darüber sagen; für jetzt aber schweigen wir von der Sache." Der Sänger, als er sah, daß der Landmann sich ärgerte und in Verlegenheit kam, drängte ihn nicht weiter. Als sie in diesem Augenblick die Schwelle von DicksonS 3 » Hause überschritten, wurden sie mit den Stimmen von zwei englischen Soldaten im Hause begrüßt; „Still, Anthony," sagte eine Stimme, „still, Mann, des gesunden Menschenverstandes, wo nicht der guten Manieren wegen; Robin Hood selbst hat sich nie an den Tisch gesetzt, bevor der Braten fertig war.« „Fertig," rief eine andere rauhe Stimme, „das heißt, einen elenden Braten richten, und gering wäre des Schurken Dick- son Antheil sogar an diesem elenden Braten, wäre es nicht der ausdrückliche Befehl des würdigen Sir John de Walton, daß die Soldaten, die auf den Vorposten liegen, den Einwohnern diejenigen Vorräthe liefern, die von ihrem engeren Lebensunterhalte übrig bleiben." „Still, Anthony, still, schäme dich!" erwiderte der Kamerad des Soldaten, „hörte ich jemals den Schritt unseres Wirthes, so höre ich ihn jetzt; drum laß dein Knurren, da unser Hauptmann, wie wir Alle wissen, bei strenger Bestrafung allen Zank zwischen seinen Leuten und den Bewohnern dieses Landes verboten hat." „Ich habe sicherlich Keinem die Gelegenheit zum Zank gegeben," erwiderte Anthony, „ich wünschte aber nur, daß ich ebenso von der guten Gesinnung dieses finsterblickenden Thomas Dickson gegen die englischen Soldaten überzeugt wäre; denn ich gehe selten in seinem Loche zu Bett, ohne daß ich daran denke, mein Hals werde, bevor ich erwache, so weit wie eine durstige Auster klaffen. Hier kömmt er jedoch," fügte Anthony hinzu, indem seine scharfen Töne etwas leiser wurden, „und ich will in den Kirchenbann gethan werden, wenn er nicht das tolle Thier, seinen Sohn Carl und sogar andere Fremde mit sich bringt; ich schwöre darauf, alle die sind hungrig ge- 37 nug, um uns das ganze Abendessen zu verzehren, wenn sie uns keinen andern Schaden thun sollten." „Schäme dich, Anthony," erwiderte sein Kamerad, „du bist ein so guter Armbrustschütze,.wie ein solcher jemals einen grünen Rock trug, und dennoch thust du, als crschräckest du vor zwei müden Reisenden und fürchtetest dich vor den Verheerungen, die vielleicht ihr Hunger in unserem Abendessen anrichtet. Wir find unserer vier oder fünf, wir haben unsere Armbrüste und unsere Partisanen bei der Hand und verachten jede Besorgniß, daß wir von unserem Abendessen vertrieben oder um unfern Antheil daran von einem Dutzend Schotten geprellt würden, mögen sie ansässig oder Landstreicher sein. Was sagst du dazu (er wandte sich zu Dickson), was sagt Ihr, Quartiermeister? Es ist Euch kein Geheimniß, daß wir nach den unserem Posten gegebenen Anweisungen uns nach den Beschäftigungen solcher Gäste erkundigen müssen, die Ihr, mit Ausnahme unserer selbst, Eurer ungebetenen Gäste, in Eurem Hause aufnehmt. Ihr seid, wie ich glaube, zum Abendessen eben so bereit, wie das Abendessen für Euch; ich will Euch und meinen Freund Anthony, der furchtbar ungeduldig ist, nur so lange aufhalten, als bis Ihr mir zwei oder drei Fragen über das, was Ihr wißt, beantwortet habt." „Bogenspanner," erwiderte Dickson, „du bist ein höflicher Gesell, und obgleich es hart ist, daß man von seinen Freunden Rechenschaft ablegen muß, weil man sie eine oder zwei Nächte im Hause aufnimmt, so unterwerfe ich mich doch den Zeitumständen und leiste keinen eigentlichen Widerstand. Ihr mögt doch in Eurem Brevier dort niederschreibcn, daß Thomas Dickson am vierzehnten Tage vor Palmsonntag nach seinem Hause am Hazelside, worin ihr auf Befehl des englischen Gouverneurs, Sir John de Walton, als Besatzung liegt, zwei 38 Fremde brachte, denen besagter Thomas Dickson Erfrischungen und ein Bett für die Nacht versprochen hat, wenn cs ihm zu dieser Zeit und an diesem Ort erlaubt war." „Aber wer sind diese Fremde?" fragte Anthony etwas scharf. „Eine schöne Welt," murmelte Thomas Dickson, „worin man gezwungen ist, die Fragen eines jeden niedrigen Gesellen zu beantworten —" dann aber milderte er seine Stimme und sagte weiter, „der älteste meiner Gäste ist Bertram, ein englischer Sänger und Spielmann, welcher in seinen Angelegenheiten nach Schloß Douglas geht und dem Sir John de Walton selbst mittheilen wird, was er ihm zu sagen hat; ich habe ihn zwanzig Jahre lang gekannt und hörte nie etwas Anderes von ihm, als daß er ein guter und braver Mann war; der jüngere Fremde ist sein Sohn: er ist von der englischen Krankheit, welche in Cumberland und Westmoreland so sehr gewüthet hat, gegenwärtig in der Genesung begriffen." „Sage mir," sagte der Bogcnspanner, „ob derselbe Bertram dort nicht vor einem Jahre im Dienste einer edlen Dame in unserem Vaterlande stand." „Ich hörte das," sagte Dickson. „Für den Fall glaube ich, ist uns wenig Gefahr geboten, wenn wir diesen alten Mann und seinen Sohn in's Schloß gehen lassen." „Ihr seid älter und mein Vorgesetzter," erwiderte Anthony, „ich muß Euch aber daran erinnern, daß wir nicht so unbedingt einen freien Eingang in eine Garnison von tausend Mann jeden Ranges einem jungen Manne gewähren dürfen, welcher erst kürzlich an einer ansteckenden Krankheit gelitten hat. Es ist die Frage, ob unser Befehlshaber nicht lieber hören möchte, daß der schwarze Douglas mit tausend Teufeln, 39 so schwarz wie er selbst, da das seine Farbe ist, den Vorposten Hazelside mit Schwert und Streitart genommen hat, als daß diese einzige Person mit einer so unheilvollen Krankheit friedlich und durch die geöffnete Pforte in das Schloß gelangt ist." „In dem, was du sagst, ist etwas Wahres, Anthony," erwiderte sein Kamerad; „in Betracht nun, daß unser Gouverneur einer der vorsichtigsten und argwöhnischten Leute in der Welt geworden ist, seitdem er die mit vieler Unruhe verknüpfte Aufgabe übernommen hat, ein Schloß zu halten, welrbes für gefährlicher wie irgend ein anderes in Schottland gilt, so ist es nach meiner Meinung am besten, daß wir ihn von den Umständen benachrichtigen, und seine Befehle ent- gegennehmen, wie wir mit dem Gelbschnabel verfahren sollen." „Damit bin ich zufrieden," sagte der Armbrustschutze. „Zuerst nun, glaube ich, ist es gut, dem Gelbschnabel da einige Fragen vorzulegen, wie lang er krank gewesen ist, welcher Arzt ihn behandelt hat, welche Zeugnisse er von seiner Heilung besitzt u. s. w.; wir müssen doch zeigen, daß wir etwas davon wissen, was für einen solchen Fall geziemt." «Du hast Recht, Bruder," sagte der mit dem Namen Bo- gcnspanncr bezeichnet- Soldat. „Du hörst, Spielmann, daß wir deinem Sohn einige Fragen verlegen wollen, wo ist er hingekommen? er war doch so eben im Zimmer." „So ist es," antwortete Bertram; „er ist aber hinausgegangen, Herr Thomas Dickson hat ihn auf meine Bitte, so wie auch aus achtungsvoller Rücksicht für Euer Gnaden Gesundheit ohne Verzug herausgebracht, denn er glaubte, das Schlafgemach sei der geeignetste Platz für einen jungen Mann, 40 der erst von einer schweren Krankheit genesen ist und eine Tagereise von nicht geringen Mühen zurückgelegt hat." «Wohlan denn," erwiderte der ältere Armbrustschütze, „obgleich es ungewöhnlich ist, daß Leute wie wir, die von der Bogensehne und dem Köcher leben, sich mit Fragen und Untersuchungen befassen, so müssen wir doch bei der Beschaffenheit des Falles einige Fragen über Euren Sohn thun, ehe wir ihm erlauben, nach Schloß Douglas aufzudrechen, wo er, wie Ihr sagt, eine Botschaft abzustatten hat." «Ich habe eher die Botschaft abzugeben, edler Herr," sagte der Sänger, „wie jener junge Mann dort." „Ist das der Fall," erwiderte Bogenspanner, „so genügen wir unserer Pflicht, wenn wir Euch beim ersten Grau der Morgendämmerung in's Schloß schicken, und Euren Sohn im Bett lassen, welches sicherlich der geeignetste Ort für ihn ist, bis wir Befehl von Sir John de Walton empfangen, ob er in'S Schloß gebracht werden soll oder nicht." „Und wir können ebensowohl," sagte Anthony, „da wir dieses Mannes Gesellschaft zum Abendessen haben werden, ihn mit den Regeln unserer Besatzung bekannt machen, die auf diesem Vorposten für jetzt aufgestellt sind." Mit den Worten zog er eine Pergamentrolle aus seinem ledernen Beutel und fragte: „Spielmann, kannst du lesen?" „Das erfordert mein Gewerbe," sagte der Sänger. „ES hat jedoch mit meinem nichts zu schaffen," bemerkte der Armbrustschütze, „deshalb lese diese Vorschriften mit lauter Stimme; denn da ich diese Zeichen mit den Augen nicht verstehe, so verliere ich keine Gelegenheit, sie mir laut vorlesen zu lassen, so oft cs möglich ist, damit ich ihren Sinn in mein Gedächt- niß einpräge; drum nimm dich in Acht, daß du die Worte herliesest, so wie ein Buchstabe nach dem andern gesetzt ist. Du thust es auf deine Gefahr, Spielmann, wenn du nicht wie ein wahrhaftiger Mann ablesen wirst." »Ich gebe Euch mein Wort als Sänger," sagte Bertram, und begann sehr langsam zu lesen, denn er wünschte einige Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen, da er vorauösah, er werde sich von seiner Gebieterin trennen müssen, die alsdann viele Angst und Kummer erleiden müsse. „Er begann deshalb: »Vorposten von Hazelstde auf der Waldwiese des Bauern Thomas Dickson — Thomas wird dein Haus so genannt?" „Es ist der alte Name," sagte der Schotte. „Denn eS war von einem Haselgebüsch umringt." „Haltet Euer schwatzendes Maul, Spiclmann," sagte Anthony, »und leset weiter, wenn Ihr Eure Zunge oder Eure Ohren behalten wollt, welche letztere zu gebrauchen Ihr weit weniger geneigt scheint, wie erstere " „Die Besatzung," fuhr der Sänger lesend fort, „besteht aus einer Lanze mit Zubehör — also eine Lanze oder mit andern Worten, ein mit dem.Schwert umgürteter Ritter befehligt diese Abtheilung?" „Das geht dich nichts an," sagte der Bogenschütze. „Es geht mich an," erwiderte der Sänger, „wir besitzen ein Recht, von der hier befindlichen Person höchsten Ranges befragt zu werden." „Ich will dir zeigen, Schuft," sagte der Armbrustschütze, indem er ausspranq, „daß ich für dich vornehm genug bin, und ich will dir den Kopf zerschlagen, wenn du nur Ein Wort mehr sagst." „Still, Bruder Anthony," sagte sein Gefährte; „es ist uns vorgeschrieben, Reisende höflich zu behandeln, und mit Eurer Erlaubniß vorzugsweise diejenigen Reisenden, welche aus unserem Vaterlande kommen." „So steht auch hier geschrieben," sagte der Sänger und fuhr fort zu lesen. „Die Wiche an diesem Borposten von Hazelsive soll alle Fremren anhallen und befragen, welche bei dem besagten Posten vorüberkommen; sie soll dieselben nach der Stadt Douglas oder Douglas-Castle passtren lassen, nachdem sie dieselben mit Höflichkeit befragt hat, und soll diejenigen zurückhalten und zuruckschicken, bei welchen Verdacht vorhanden ist; in jeder Hinsicht aber soll sie sich höflich und artig gegen die Bewohner des Landes und gegen Reisende benehmen, Ihr seht also höchst ausgezeichneter und tapferer Arm- brustfcbüke," fügte Bertram als Erklärer des Befehls hinzu, „daß Höflichkeit und Artigkeit. vor Allem Eurer Gnaden in Eurem Benehmen gegen Einwohner und Reisende vorgeschrie- ben ist, die in solchen Angelegenheiten wie wir jetzt in die Ausführung Eurer Vorschriften gerathcn." „Man braucht mir nicht zu sagen," bemerkte der Armbrustschütze, „wie ich M ch in Ausführung meines Dienstes zu benehmen habe; laßt Euch den Rath geben, Herr Spielmann, daß Ihr freimüthig und offen unsere Fragen beantwortet; dann sollt Ihr keine Ursache zur Klage haben." »Ich hoffe jedenfalls," sagte der Spielmann, daß Ihr meinen Sohn berücksichtigt; er ist ein guter Bursch und nicht gewohnt, eine Nolle unter den Menschenhaufen zu spielen, welche diese wilden Wälder bewohnen." „Wohlan," fuhr der ältere und höflichere der Bogenschützen fort, „ist dein Sohn ein Neuling auf dieser irdischen Fahrt, so schließe ich aus deinem Blick und deiner Redeweise, Freund, daß du Geschicklichkeit genug besitzest, um einen Compaß zu gebrauchen; um dich zu trösten, sage ich dir, daß du vielleicht, obgleich du selbst die Fragen des Gouverneurs oder des Lieutenant-Gouverneurs beantworten mußt, damit diese sehen, es 43 sei an dir nichts Arnes, vielleicht nach meiner Meinung für deinen Sohn Erlaubniß erhältst, in dem Kloster hier in der Nähe zu kleiden, bis du dein Geschäft in Douglas Castle beendigt hast, und wieder bereit bist, die Reise anzutreten. Beiläufig gesagt, find die Nonnen in dem Kloster dort eben so alt wie die Mönche und haben beinahe eben so lange Bärte; somit kannst du über die Moral deines Sohnes beruhigt sein." „Wenn ich diese Erlaubniß," sagte der Sänger, „erlangen kann, so wäre es mir lieber, ihn in der Abtei zu lassen und vorher selbst wegzugehen, um die Befehle des kommandirenden Oifiziers einzuholen " „Sicherlich," erwiderte der Bogenschütze, „ist dies das sicheiste und beste Verfahren- Mit einem oder zwei Goldstücken kannst du dir den Schutz des Abtes verschaffen." „Du redest weise," erwiderte der Sänger; „ich kenne das Leben und bin mit jedem Abhang, Schlucht, Fußweg und Paß in der Wildniß unserer Bahn schon zwanzig Jahre lang vertraut; wer seinen Lauf nicht wie ein geschickter Seemann hin- durchzusteuern vermag, nachdem er solche Lehrjahre durchgemacht hat, wird schwerlich jemals etwas lernen, würde ihm dazu auch ein Jahrhundert gestattet." „Da du ein so geschickter Seefahrer bist," antwortete der Armbrustschütze Anthony, „so ist dir sicherlich auch auf deinen Wanderungen ein Trank, Morgenschluck genannt, vorgekommen, welchen diejenigen, die durch andere auf Bahnen geführt werden, wo sie selbst keine Erfahrung besitzen, denen zu geben pflegen, welche die Rolle eines Führers bei der Gelegenheit übernehmen." „Ich verstehe Euch, Herr," sagte der Sänger; „und obgleich Geld oder Trinkgeld, wie die Flamländer das nennen, etwas Seltenes in der Börse eines Mannes von meinem Berufe ist, so sollst du dennoch meiner schwachen Fähigkeit gemäß keine Ursache zur Klage haben, daß deine Augen oder die deiner Kameraden durch einen schottischen Nebel Schaden litten, so lange wir noch ein englisches Geldstück zur Bezahlung des guten Getränkes finden können, womit dieselben des besseren Gesichtes wegen auszuwaschen find." „Damit bin ich zufrieden," sagte der Armbrustschütze; „wir verstehen jetzt einander; sollten Schwierigkeiten auch unterwegs entstehen, so sollst du die Unterstützung Anthonp's nicht entbehren, um siegreich hindurch zu segeln. Du handelst aber zweckmäßig, wenn du deinen Sohn bald von dem Besuche in Kenntniß setzest, den er dem Abte Morgen früh erstatten muß. Denn du kannst dir wohl denken, daß wir unfern Gang nach dem Kloster keine Minute verzögern dürfen, sobald der Himmel sich morgen geröthet hat. Junge Leute haben ja oft neben andern Schwächen eine Neigung zur Faulheit und Liebe zur Bequemlichkeit." „Du sollst keine Ursache haben, das zu glauben," erwiderte der Sänger; nicht die Lerche selbst, wenn der erste durch die Wolken blickende Strahl sie erweckt, schwingt sich leichter zum Himmel empor, wie mein Augustin morgen derselben Aufforderung entsprechen wird, und da wir einander verstehen, so möchte ich Euch nur noch bitten, alle leichten Reden zu unterlassen, so lange mein Sohn sich in Eurer Gesellschaft befindet; er ist ein Knabe von unschuldigem Lebenswandel und furchtsam im Gespräche." „Munterer Spielmann," sagte der ältere Bogenschütze; „du gibst uns hier ein zu plumpes ^erspiel vom Satan, welcher die Sünde tadelt; hast du zwanzig Jahre lang die Gewerbe betrieben, wie du vorgibst, so muß dein Sohn, der -L5 doch seit der Kindheit dir Gesellschaft leistete, jetzt eine Schule eröffnen können, um dort sogar die Ausübung der sieben Todsünden zu lehren, deren Wesen Niemand besser, wie die Leute kennt, welche die Gay Science betreiben." „Wahrlich, Kamerad, du sagst die Wahrheit," erwiderte Bertram, „und ich muß anerkennen, daß wir Spielleute in dieser Hinsicht sehr zu tadeln sind. Dennoch ist der Fehler wahrlich nicht einer derjenigen, deren ich besonders mich schuldig gemacht habe; im Gegenthcil bin ich der Meinung, daß der Mann, welcher sein eigenes Haar geehrt zu sehen wünscht, wenn die Zeit dasselbe mit Silber bestreut hat, seine Munterkeit in Gegenwart von jungen Leuten zügeln muß, so daß er dadurch die der Unschuld zu erweisende Achtung zeigt. Ich werde deshalb, wenn Ihr es erlaubt, ein Wort mit Augustin reden, daß wir morgen in der Frühe auf sein müssen" „Das thue, Freund," sagte der englische Soldat, „und zwar um so schneller, da unser ärmliches Abendessen warten muß, bis du bereit bist, daran Theil zu nehmen." „Hiezu, ich verspreche es dir," antwortete Bertram, „will ich durchaus meiner Neigung gemäß keine Verzögerung bieten." „So folge mir," sagte Dickson; „ich will dir zeigen, wo dieser dein junger Vogel sein Nest hat." Ihr Wirth stieg demgemäß eine hölzerne Treppe hinauf und klopfte an eine Thür, welche er dadurch als die seines jungen Gastes anzeigte. „Euer Vater," sagte er, als die Thür sich öffnete, „will mit Euch sprechen, junger Herr Augustin." „Entschuldigt mich, Wirt-," erwiderte Augustin; „weil dies Zimmer gerade über Eurem Speisezimmer liegt, und da 46 der Fußboden nicht im besten Zustande sich befindet, wurde ich zum unanständigen Verfahren des Horchens gezwungen. Kein Wort ist mir entgangen von demjenigen, welches über meine beabsichtigte Wohnung in der Abtei, über die morgige Reise und die etwas frühe Stunde gesagt wurde, worin ich den Schlaf abschütteln oder nach deinem Ausdruck von der Hühnerstange fliegen muß." „Und wie gefällt dir," sagte Dickson, „die Aussicht, daß .du bei dem Abte in St. Bride'S kleiner Heerde bleiben sollst?" „Gut genug," sagte der Jüngling; „wenn der Abt ein achtbarer Mann ist, wie es seinem Berufe geziemt, und keiner von jenen prahlenden Geistlichen, welche mit dem Schwert einherstolziren und sich wie rohe Soldaten in diesen unruhigen Zeiten benehmen." „Was das betrifft, junger Herr," sagte Dickson, „so wird er schwerlich über irgend Etwas Händel anfangen, wenn Ihr ihm erlaubt, die Hand tief genug in Euren Beutel zu stecken " „Dann will ich ihn meinem Vater überlass n," erwiderte Augustin, der ihm keine'vernünftige Forderung adschlagen wird." „In dem Fall," erwiderte der Schotte, „könnt Ihr Euch auf unfern Abt hinsichtlich guter Bewinhung verlassen, und somit werden beide Theile zufrieden sein." „Gut, mein Sohn," sagte Beriram, der jetzt dem Gespräch sich anschloß, „und damit du morgen zur frühen Reise bereit bist, will ich unfern Wirth bckten, dir einige Nahrung zu schicken; nach dem Essen solltest du zu Bett gehen, um nach den Mühen des Tages zu schlafen; morgen wird neue Arbeit komme» " „Und was drin Versprechen betrifft, weiches du diesem ehrlichen Armdrustschützen gegeben hast," erwiderte Augustin, „so 47 hoffe ich, du werdest so viel lieben, daß unsere Führer zufrieden sind, wenn sie höfliche und treue Leute sein wollen." „Gott segne dich, mein Kind," erwiderte Bertram. „Du weißt schon, was alle englischen Armbrustschützen hinter dir herziehen würde, welche sich auf dieser Seite des Solwap befinden. Du brauchst keinen befiederten Schaft zu fürchten, wenn du ein Reverllez demjenigen ähnlich singst, welches so eben aus jenem seidenen Netz von Goldfinken erklang." „Haltet Euch also in Bereitschaft," sagte der angebliche Jüngling, „wenn Ihr morgen früh fort wollt. Wie ich glaube, kann ich die Glocken der St. Brise Kapelle vernehmen, und besorge nicht ungearl'tct meiner Faulheit Euch und Eure Gesellschaft warten zu lassen " „Gute Nacht, Gott segne dich, Kind," sagte der Sänger. „Bedenke, daß dein Vater in der Nähe schläft und beim geringsten Zeichen bei Euch sein wird; ich brauche dich kaum zu ermahnen, daß du dich mittlerweile dem großen Wesen empfiehlst, welcher unser aller Freund und Vater ist." Der Pilger dankte seinem vermeintlichen Vater für seinen Abendsegen und die Andern entfernten sich ohne weitere Worte, indem sie die junge Dame den ängstlichen Besorgnissen überließen, welche bei rer Neuheit ihrer Lage und der natürlichen Zartheit ihres Geschlechtes auf sie eindrangen. Das Stampfen von Pferdehufen wurde bald darauf im Hause von Hazelfioe vernommen, und der Reiter wurde von der Besatzung mit Zeichen der Achtung bennllkommt. Bertram bemerkte an dem Gespräche der Bogenschützen, daß der neue Ankömmling Aymer re Balence war, der Ritter, welcher die kleine Schaar deiehligte, zu dessen Lanze, nach dem damaligen militärischen Ausdruck, die Armbrustschützen, womit wir bekannt geworden find, ein oder zwei schwer Bewaffnete und 48 eine verhältnißmäßige Anzahl von Pagen und Stallknechten gehörten. Kurz, er war der Befehlshaber der Besatzung in Thomas Dicksons Hause und seinem Range nach Gouverneur- Lieutenant von Douglas-Castle. Um allen Verdacht hinsichtlich seiner und seines Gefährten so wie die Gefahr einer Unterbrechung der Ruhe des Letzteren zu vermeiden, stellte sich Bertram dem Ritter vor, dem gewaltigen Manne dieses kleinen Platzes. Er traf ihn an, wie er, mit so wenig Bedenklichkeit als bisher die Armbrustschüßen, sein Abendessen an den Ueberbleibseln des Rinderbratens hielt. Bertram mußte sich einer Befragung dieses jungen Ritters unterwerfen, während ein alter Soldat die Antworten des Befragten niederschrieb, sowohl in Bezug auf die Einzclnhei- ten seiner Reise und seines Geschäftes in Douglas-Castle, wie auch über seine Rückreise nach Beendigung dieses Geschäftes. Die Befragung war bei weitem genauer als diejenige von Seiten des Bogenschützen, und vielleicht auch ihm durchaus nicht angenehm, weil er wenigstens ein Geheimniß verschweigen mußte, was er auch sonst beabsichtigen mochte; dieser neue Befrager zeigte übrigens durchaus keine Strenge oder finsteres Wesen in Blicken und Worten, dieselben waren mild, gütig „und süß wie ein Mädchen"; sein Wesen zeigte überhaupt das höfliche Verfahren, welches unser Dichtervater Chauccr jenem Muster der Ritterlichkeit zuschreibt, das er auf seiner Pilgerfahrt nach Canterbury uns schildert. Bei aller seiner Höflichkeit zeigte jedoch Valence einen bedeutenden Grad von Scharfsinn und Genauigkeit in seinen Fragen; Bertram war auch sehr damit zufrieden, daß der junge Ritter nicht darauf bestand, seinen angeblichen Sohn zu sehen, obgleich sein an Auskunftsmitteln reicher Kopf bereits beschlossen hatte, 49 daß er wie ein Seefahrer im Sturme einen Theil opfern wolle, um den andern zu retten. Er wurde jedoch nicht zum Aeußersten getrieben, denn Sir Aymer behandelte ihn mit demjenigen Maß von Höflichkeit, zu welchem nach der damaligen herrschenden Meinung die Männer des Liedes berechtigt waren. Der Ritter gab höflich und gern seine Einwilligung, daß der junge Mann im Kloster, als einem passenden und ruhigen Wohnsitz für einen jungen und von einer Krankheit kaum genesenen Burschen, bleibe, bis Sir John de Walton seinen Willen hierüber aussprechen würde; Sir Apmer gab um so bereitwilliger seine Zustimmung, da hierdurch alle mögliche Gefahr abgewendet wurde, die englische Garnison mit einer Krankheit anzustecken. Durch den Befehl des jungen Ritters wurden alle Anwesenden in Dicksons Hause früher als gewöhnlich zur Ruhe geschickt; das Morgcngeläute in der nahen Kapelle sollte bei Tagesanbruch das Zeichen ihrer Wiedervereinigung sein. Sie versammelten sich demgemäß und begaben sich zum Kloster von St. Bride, wo der Sänger eine Unterredung mit dem Abt Hieronymus hielt. Der Letztere übernahm mit Erlaub- uiß von de Valence die Beherbergung von Augustin in seiner Abtei auf wenige Zeit, deren Dauer kürzer oder länger sein könne; dafür versprach Bertram eine Bezahlung in der Form von Almosen, womit Jener vollkommen zufrieden gestellt wurde. „So sei es," sagte Bertram, als er von seinem angeblichen Sohne Abschied nahm; „ich werde keinen Tag länger in Douglas-Castle verweilen, sobald ich mein Geschäft dort beendet babe, und dieses besteht darin, die alten Bücher, von denen Ihr gehört habt, nachzuschlagcn; alsdann werde ich mich Das gefährd Schieß u. and. Erzähl. I. 4 50 sogleich zur Abtei begeben, damit wir unsere Reise nach Hause antreten." „Vater," erwiderte der Jüngling mit einem Lächeln, »ich besorge, daß Ihr, sobald Ihr Euch in Gedichten und Chroniken vertieft habt, Euren Augustin und dessen Angelegenheiten vergessen werdet." „Sei ohne Besorgniß, Augustin," erwiderte der alte Mann mit einer Handbewegung, als ob er dem jungen Burschen einen Kuß zuwerfe. „Du bist gut und tugendhaft und der Himmel wird dich nicht vergessen, wäre dein Vater unnatürlich genug, deiner nicht zu gedenken. Glaube mir aber, alle alten Lieder seit den Tagen des Zauberers Merlin werden mich nicht dahin bringen, daß ich dich vergesse." Hierauf trennten sie sich; der Sänger begab sich mit dem englischen Ritter und dessen Gefolge nach dem Schlosse, und der Jüngling blieb mit pflichtgemäßen Achtungsbezeugungcn bei dem ehrwürdigen Abte, welcher zu seinem Vergnügen bemerkte, daß die Gedanken seines Gastes sich eher auf geistliche Angelegenheiten als auf das Frühstück richteten, an dessen Nähe er selbst mit Sehnsucht zu denken nicht unterlassen konnte." 51 Drittes Kapitel. Heut' ist die Nacht ein krankes Tageslicht, Ein wenig blasser nur; sie gleicht dem Tage, An welchem sich der Sonne Licht verbarg. Kaufmann von Venedig. Um die baldige Zurücklegung des Weges nach Douglas- Castle zu bewirken, bot der Ritter von Valence dem Sänger den Gebrauch eines Pferdes an, welches derselbe in Betracht seiner Mühseligkeiten am vergangenen Tage, auch sehr bereitwillig annahm. Jeder, welcher mit dem Reiten bekannt ist, muß bemerkt haben, daß kein Stärkungsmittel das Gefühl der Ermüdung von angestrengtem Gehen so leicht beseitigt, wie ein Ritt, welcher andere Muskeln in Anspruch nimmt, und denjenigen, die zu sehr angestrengt waren, eine Gelegenheit gewährt, durch die Veränderung der Bewegung vollkommener auszuruhen, als wie es bei unbedingter Ruhe möglich wäre. Sir Apmer de Valence trug seine Rüstung und ritt sein Schlachtpserd, zwei Armbrustschützen, ein Stallknecht niederen Ranges und ein Knappe, welcher die Ehre der Ritterschaft in Aussicht hatte, bildeten die Abtheilung, welche geeignet schien, den Sänger ebenso an der Flucht zu verhindern, wie ihn gegen Gewaltthätigkeit zu schützen. „ES ist zwar gewöhnlich für Reisende in diesem Lande," sagte der junge Ritter, „eben so wenig Gefahr vorhanden, wie in den ruhigsten Gegenden Englands, allein wie Ihr gehört haben werdet, sind vergangenes Jahr einige Unruhen ausgebrochen, und haben uns veranlaßt, das Schloß Douglas genauer zu bewachen. 4 » Reiten wir jedoch weiter, denn das Wetter entspricht dem ursprünglichen Namen des Landes und der Beschreibung der Häuptlinge, denen es gehörte; diese wurden dunkelgrau — Slwlto »du Ulss — genannt, und dunkelgrau ist heute unser Marsch, obgleich er glücklicher Weise nicht lange dauern wird." Der Morgen war allerdings solcher Art, wie der erwähnte galische Ausdruck bezeichnete. Das Wetter war feucht, dunkel und neblicht; der Nebel hatte sich auf die Höhen niedergelassen, und wallte über Bäche, Bergwiesen und Moräste; der Frühlingswind war nicht stark genug, um den Schleier zu erheben, obgleich man nach den gelegentlich auf den Bergrücken und in den Thälern vernommenen wilden Tönen hätte glauben sollen, daß er über daö Gefühl seiner Unfähigkeit klage. Der Weg der Reisenden war durch den Lauf des Stromes im Thale bedingt; die Ufer desselben zeigten im Allgemeinen das dunkelgraue Aussehen, welches Sir Apmcr de Valence als die vorherrschende Färbung des Landes bezeichnet halte. Einige unwirksame Kämpfe der Sonnenstrahlen mit dem Nebel ließen bisweilen einige Strahlen durchdringen, um die Höhen der Hügel zu begrüßen, jedoch konnten dieselben die Düsterkeit eines Morgens im März und i» so früher Stunde nicht überwinden, so daß eher eine Mannigfaltigkeit von Schatten wie ein Glanz der Helle am östlichen Horizont zum Vorschein kam. Der Anblick der Gegend war einförmig und niederschlagend; der junge Ritter Apmcr suchte offenbar einiges Vergnügen im Gespräch mit Bertram, welcher, wie es bei Leuten seines Gewerbes gewöhnlich war, viele Kenntniß und Gewandtheit im Gespräche besaß, so daß er der geeignete Mann war, um die Zeit an einem trüben Morgen durch Gespräch zu vertreiben. Der Sänger zog auch gern einige Kunde über den gegen- 53 wärtigen Zustand des Landes ein und benutzte jede Gelegenheit, um das Gespräch zu unterhalten. „Ich möchte mich gern mit dir untcrreden, Herr Sänger," sagte der junge Ritter, „wenn du nicht die Lust dieses Morgens zu rauh für deine Sprache findest, so wünsche ich von Herzen, daß du mir sagst, wodurch du offenbar, ein Mann von Verstand, bewogen wurdest, zu solcher Zeit dich in ein so wildes Land zu begeben, und ihr, meine Leute (er wandte sich an die Armbrustschutzen und die übrige Abtheilung), mich däucht, es werde paffend und geziemend sein, daß ihr eure Thiere etwa auf eine Pferdelänge zurückhaltet, denn nach meiner Meinung könnt ihr ohne den Zeitvertreib der Dichtkunst euren Weg zurücklegen." Die Armbrustschützen folgten dem Winke und hielten fich in einiger Entfernung, wie aber ihre murrenden Bemerkungen bezeugten, waren sie darüber sehr mißvergnügt, daß sie keine Gelegenheit hatten, das Gespräch mit anzuhören, welches der junge Ritter und der Sänger führten. Dasselbe hatte seinen Fortgang in folgender Weise: „Ich habe also zu bedenken, guter Sänger," sagte der Ritter, „daß Ihr, der Ihr zu Eurer Zeit Waffen trüget, und sogar dem rvthen Kreuze St. Georgs nach dem heiligen Grabe folgtet, der Gefahren unseres Berufes so wenig müde seid, daß Ihr Euch nutzloser Weise nach Gegenden hingezogen fühlt, wo das Schwert, auf immer lose in der Scheide, bei der geringsten Veranlassung gezogen werden kann." „Es wäre schwer," erwiderte der Sänger etwas derb, „eine solche Frage bejahend zu beantworten; wenn Ihr jedoch beachtet, wie das Gewerbe dessen, welcher Waffenthaten feiert, demjenigen des Ritters nahe verwandt ist, welcher dieselbe vollbringt, so wird Euer Gnaden es für rathsam -al- 54 ten, daß kin Sänger, welcher seine Pflicht zu thun wünscht, wie ein junger Ritter die Wahrheit von Abenteuern an Or ten aufsucht, wo sie zu finden ist, und daß er eher Gegenden, wo die Kenntniß von hohen und edlen Thaten bewahrt wird, wie solche träge und ruhige Reiche durchreist, worin die Menschen in Faulheit leben und auf unedle Weise in Frieden oder durch den Spruch des Gesetzes sterben. Ihr selbst, Herr und Euresgleichen, die Ihr das Leben mit Ruhm verglichen, gering schätzt, leitet Eure Bahn durch diese Welt nach demselben Grundsatz, welcher Euren armen reimenden Diener Bertram aus einer fernen Provinz des fröhlichen Englands in diese finstere Gegend des rauhen Schottlands, genannt Douglasdale, herbeiführt. Ihr wünscht Abenteuer, die der Kunde werth find, zu erfahren, und ich, wenn es mir erlaubt ist, uns Beide in demselben Athemzuge zu nennen, suche einen kärglichen und ungewissen, aber nicht unehrenwcrthen Lebensunterhalt, indem ich, so gut ich kann, die Einzelnheiten solcher Thaten, besonders aber die Namen derer, welche sie vollbrachten, der Unsterblichkeit zu überliefern trachte. Ein jeder deßhalb arbeitet in seinem Berufe, auch darf man sich über den Einen.nicht mit mehr Recht, als über den Andern wundern, denn cs liegt nur der Unterschied in den Graden der Gefahr, denen der Held und der Dichter sich aussetzt; der Muth, die Kraft, die Waffen und die Gewandtheit des tapferen Ritters geben ihm größere Sicherheit, wenn er sich in Gefahren begibt, als eine solche dem armen Manne des Reimes zu Theil wird." „Ihr redet verständig," erwiderte der Krieger, „und obgleich es für mich etwas Neues ist, Euer Gewerbe auf gleicher Stufe mit meiner eigenen Lebensweise gestellt zu sehen, so wäre es dennoch eine Schmach, zu sagen, daß der Sänger, 55 welcher so sehr sich bemüht, die Thaten tapferer Ritter im Gedächtnis; zu behalten, nicht selbst den Ruhm seinem Dasein und eine einzige tapfere That einem ganzen Leben ohne Namen verziehen sollte, oder zu behaupten, daß er ein niedriges und unwürdiges Gewerbe betreibe." „Euer Gnaden wird also anerkennen," sagte der Sänger, „daß es bei mir, der ich, so schlicht ich auch bin, meine regelmäßigen Grade von den Lehrern der Gay Science zu Aiguesmortes erhalten habe, ein gerechtfertigter Zweck ist, wenn ich in diese nördliche Gegend mich wage; ich bin überzeugt, daß viele Dinge sich hier ereignet haben, welche von Dichtern großen Namens in alten Tagen zur Harfe gesetzt und der Gegenstand von Liedern wurden, die in der Bibliothek von Castle Douglas niedergelegt worden sind. Wenn sie dort Niemand abschreibt, welcher die alte britische Schrift und Sprache versteht, so müssen sie mit allem Inhalt, mag derselbe zur Erbauung oder zur Unterhaltung dienen, sehr bald für die Nachwelt verloren gehen. Werden diese verborgenen Schätze aufbewahrt und durch meine und anderer Sänger Kunst verbreitet, so kann das wohl das Wagniß eines Schwertstreiches oder eines Pfeils ausgleichen, die ich erhalten könnte, wenn ich mich mit der Einsammlung beschäftige. Ich wäre unwürdig des Namens von einem Manne und noch mehr von einem Finder'-"), ich würde dies Leben, ein stets ungewisses Gut, zu verlieren verdienen, wenn ich es nickt gegen die Möglichkeit jener Unsterblichkeit cinzusetzen bereit wäre, welche in meinem Liede leben wird, wenn meine ge- «) Finder, Trvuoerre i», Nordfranzösischen und Trobador im Pro- oenzalischen, der Name für Dichter. brochene Stimme und meine zertrümmerte Harfe nicht länger mehr ein Lied zu singen oder zu begleiten vermag." „Gewiß," sagte Sir Aymcr, „habt Ihr ein unzweifelhaftes Recht, solch einen Beweggrund auszusprechen, da Ihr ein Herz besitzt, welches solche Empfindungen hegt; auch wäre ich gar nicht geneigt gewesen, diese Fragen zu stellen, hätte ich gefunden, dag viele Spiellcute und Sänger, wie Ihr, den Ruhm ihrem Leben vorzögen, welches die Mehrzahl der Menschen für weit wichtiger hält." „Allerdings gibt cs, edler Herr, viele Sänger," erwiderte Bertram, „und mit Eurer Erlaubniß auch sogar manche mit dem Schwert umgürtcte Ritter, welche denjenigen Ruhm nicht genügend schätze», der mit dem Wagniß des Lebens erworben wird. Solchen unedlen Leuten überlasse man ihre Belohnung; man lasse ihnen die Erde und die Dinge der Erde, da sie nach dem Ruhm nicht streben können, worin die Belohnung Anderer besteht." Der Spielmann sprach die letzten Worte mit solcher Begeisterung, daß der Ritter den Zaum anzog und Bertram mit einem Gesichtsausdruck anblickte, welcher seine Gemüths- bewegung bezeugte; dann sagte er nach kurzem Zwischenraum mit gleicher Lebhaftigkeit: „Glücklich sei dein Troß, fröhlicher Genoß! ich freue mich, noch so viel Begeisterung in der Welt zu finden. Du hast den Sängerlohn mit Recht gewonnen, und bezahle ich ihn dir nicht, meinen Ansichten über dein Verdienst gemäß, so ist das die Schuld der Fortuna, die mir meine Arbeiten in diesem schottischen Kriege mit dem knickerigen Solde schottischen Geldes belohnte. Ein Goldstück oder zwei müssen noch vom Lösegeld eines französischen Ritters übrig sein, der das Glück in meine Hand gab; dieser Lohn, mein Freund, wird sicherlich dein Eigenthum werden und höre 57 mich an: ich Aymer de Valence, der ich jetzt mit dir rede, stamme aus dem edlen Hause von Pembroke und werde, obgleich jetzt ohne Land, durch die Gnade der Jungfrau Schloß und Ländereien dereinst besitzen, worin ein Sänger und Spielmann wie du, genug Platz finden wird, wenn deine Talente in jener Zeit nicht einen besseren Beschützer finden sollten." „Ich danke Euch, edler Ritter," sagte der Sänger, „ebenso für Eure jetzige Abficht, wie ich auch hoffe, daß ich Euch dereinst für Eure zukünftigen Gaben danken werde: ich kann aber mit Wahrheit sagen, daß ich nicht die schmutzigen Neigungen vieler meiner Brüder theile." „Wer den wahren Durst nach edlem Ruhm empfindet," sagte der Ritter, „kann in seinem Herzen wenig Raum für die Liebe zum Golde haben; du hast mir aber noch nicht gesagt, Freund Sänger, von welcher Art die besondern Beweggründe sind, die deine wandernden Schritte in dies wilde Land geführt haben." „Wurde ich dieß thun," erwiderte Bertram, indem er die Frage zu umgehen wünschte, die in mancher Hinsicht zu nahe an seine geheimen Zwecke streifte, „so würde das wie eine studierte Lobrede deiner eigenen kühnen Thaten, Herr Ritter, und derjenigen deiner Waffengefährten klingen, und solche Schmeichelei Haffe ich, obgleich nur ein Spielmann, wie einen leeren Becher an den Lippen eines Gefährten. Ich kann Euch aber in wenig Worten sagen, daß Castle Douglas und die tapferen Thaten, welche dasselbe erblickte, weit in England ertönten; auch gibt es keinen tapferen Ritter, oder einen Sänger, welcher des Vertrauens würdig wäre, dessen Herz nicht bei dem Namen der Feste höher klopfte, die früher niemals von dem Fuße eines Engländers, mit Ausnahme einer gastlichen Aufnahme, betreten wurde- ES liegt ein Zauber 58 in dem Namen von Sir John de Walton und Sir Aymer de Valence, den tapfern Vertheidigern einer Feste, die so oft von ihren alten Herrn und unter solchen Umständen von Tapferkeit und Grausamkeit wieder erobert wurde, daß dieselbe in England den Namen des gefährlichen Schlosses führt." „Ich möchte gern," erwiderte der Ritter, „Euren eigenen Bericht von den Sagen hören, welche Euch bewogen haben, zur Vergnügung späterer Zeiten ein Land zu besuchen, welches jetzt so unruhig und gefährlich ist." „Wenn Ihr nicht bei der Erzählung eines Sängers die Geduld verliert," sagte Bertram, „so finde ich stets Vergnügen an der Uebung meines Berufes und habe nichts dagegen, Euch meine Geschichte zu erzählen, vorausgesetzt, daß ich an Euch einen geduldigen Zuhörer finde." „Was das betrifft," sagte der junge Ritter, „so sollst du an mir einen aufmerksamen Zuhörer haben, und ist auch meine Belohnung nicht groß, so wird meine Aufmerksamkeit wenigstens ausgezeichnet sein." „Und der," sagte der Sänger, „ist ein elender Fiedler, welcher sich damit nicht für besser bezahlt hält, als mit Gold und Silber, wären auch die Stücke englische Rosenobles. Auf die Bedingung hin beginne ich eine lange Geschichte, welche vielleicht in ein oder zwei Einzelnheiten besseren Dichtern, wie ich, zum Stoffe dienen und von Hunderten solcher Krieger, wie Ihr, angehört werden kann." 59 Viertes Kapitel Sie wünschten auf dem Pfad noch lang zu bleibe», U», so die Zeit sich selber zu vertreiben; Doch bald hat sich der rauhe Weg gewandt, Und auf dein Zaubcrgrund sie festgebannt. John so », „Es war ungefähr im Jahr der Erlösung 1285 ," begann der Sänger, „als Alexander III, von Schottland seine Tochter Margaretha verlor, deren einziges Kind desselben Namens, die Jungfrau von Norwegen genannt, da ihr Vater König dieses Landes war, die Erbin dieses Königreiches Schottland und der Krone ihres Vaters wurde. Dies war ein unglücklicher Tod für Alexander, welcher keine andern Leibeserben als dieses Enkelkind besaß. Die Jungfrau konnte zwar auf dies Königreich wegen ihrer Geburt Anspruch erheben, allein die Schwierigkeit, einen solchen Erbanspruch geltend zu machen, mußte im Voraus von Allen begriffen werden, welche über den Gegenstand nachdachtcn. Der schottische König bemühte sich deshalb, seinen Verlust dadurch auszugleichen, daß er seine verstorbene Königin, welche eine englische Prinzessin und Schwester unseres Königs Edward war, durch Joletta, die Tochter des Grafen von Dreux ersetzte- Die Feierlichkeiten der Vermählung in der Stadt Jeddbourgh waren sehr groß und bemerkenswert-, und besonders als unter einem bei der Gelegenheit gehaltenen Aufzuge ein furchtbares Gespenst in der Form eines Gerippes erschien, wie man sagt, daß der König der Schrecken dargestellt wird. Euer Gnaden mag darüber lachen, wenn Ihr dies für einen paffenden Gegenstand des Scherzes haltet; es leben jedoch noch Menschen, die es mit eigenen Augen sahen, und der Erfolg zeigte nur zu sehr, welches Unglück diese seltsame Vorbedeutung vorher verkündete." „Ich habe von der Geschichte gehört," sagte der Ritter, „der Mönch jedoch, welcher sie mir erzählte, berichtete, daß die Gestalt, wenn auch unglücklich gewählt, vielleicht absichtlich als ein Theil des Gepränges angebracht war." „Davon weiß ich nichts," sagte der Sänger in trockenem Tone, „es herrscht aber kein Zweifel, daß bald darauf König Alexander zum großen Kummer seines Volkes starb. Die Jungfrau von Norwegen, seine Erbin, folgte ihrem Großvater schnell in's Grab und unser englischer König, Herr Ritter, brachte einen Anspruch von Abhängigkeit und Lehenspflicht Schottlands vor, von welchem weder die Rechtsgelehrten, die Edclleute und Priester, noch sogar die Sänger jemals etwas gehört hatten." „Ich will verflucht sein," unterbrach ihn Sir Apmer de Valence, „wenn dies nicht über unscrn Vertrag hinaus geht- Ich bin mit Euch übereingekommen, Eure Erzählung mit Geduld anzuhören, ich habe mich jedoch noch nicht dazu verpflichtet, daß dieselbe auch Gegenstände des Vorwurfes gegen Edward I. gesegneten Andenkens enthalten dürfe; auch will ich nicht erlauben, daß sein Name vor meinen Ohren ohne die Achtung erwähnt wird, die seinem hohen Range und seinen edlen Eigenschaflen gebührt." „Nun," sagte der Sänger, „ich bin kein hochländischer Sackpseifer oder Genealogist, um die Achtung vor meiner Kunst so weit zu treiben, daß ich mit einem würdigen Manne Zank anfangen sollte, der mich im Beginn eines Liedes un- 61 terbricht; ich bin ein Engländer und wünsche meinem Vaterlande Glück, vor Allem aber muß ich die Wahrheit reden. Streitige Punkte will ich jedoch übergehen. Euer Alter, Herr, obgleich noch nicht in seiner Reise, berechtigt mich zu der Annahme, daß Ihr die Schlacht von Jalkirk oder andern Treffen gesehen habt, worin die Ansprüche von Bruce und Baliol tapfer vertreten wurden, und Ihr werdet mir die Erlaubniß ertheilen, zu sagen, daß die Schotten, wenn sie nicht das Recht auf ihrer Seite hatten, wenigstens das Unrecht mit den Anstrengungen tapferer und wahrhaftiger Männer vertreten haben." „Was ihre Tapferkeit betrifft," sagte der Ritter, „so kann ich dieselbe verbürgen, denn ich habe keine Feiglinge unter ihnen gesehen, was aber die Wahrhaftigkeit betrifft, so können diejenigen am besten darüber urtheilen, welche wissen, wie oft sie England den Huldigungseid leisteten und wie sie denselben zu wiederholten Malen brachen." „Ich will die Frage nicht in Anregung bringen," sagte der Sänger, „und überlaste es Euer Gnaden, zu bestimmen, wer die meiste Falschheit besitzt, — ob derjenige, welcher eine schwächere Person einen ungerechten Eid zu leisten zwingt, oder derjenige, welcher durch Roth gedrungen den Eid ohne die Absicht, sein Wort zu halten, leistet." „Nun, nun," sagte de Valence, „behalten wir unsere Meinungen, denn wahrscheinlich zwingt Keiner von uns Beiden dem Andern die Ansicht auf, die er sich hierüber gebildet hat; befolge jedoch meinen Rath, und hüte dich, so lange du unter dem englischen Banner reisest, ein solches Gespräch in der Halle und Küche zu versuchen, wo vielleicht der Soldat nicht so duldsam ist, wie der Führer. Und nun in kurzen Worten, von welcher Art ist deine Sage über das gefährliche Schloß?" 62 „Davon," erwiderte Bertram, „hat Euer Gnaden wahrscheinlich eine bessere Ausgabe, wie ich, weil Ihr schon so viele Jahre im Lande seid; es geziemt mir jedoch nicht, meine Meinung mit der Euren, Herr Ritter, auszutauschen; ich will Euch nur die Geschichte erzählen, wie ich sie vernahm. Wie ich glaube, brauche ich Euer Gnaden nicht davon zu benachrichtigen, daß die Lords von Douglas, welche dies Schloß erbauten, keinem Geschlecht in Schottland an Alterthum ihres Stammes nachstehen. Sie selbst rühmen sich sogar, daß ihre Familie nicht, wie andere große Häuser, allmälig bekannt wurde, und sich auszeichnete, sondern daß dieselbe sich plötzlich auf einem gewissen Grade der Auszeichnung befand. „Ihr könnt uns in dem Baume sehen," sagen die Douglas, „aber uns nicht als schwaches Reis erblicken; ihr könnt uns im Strome sehen, aber nicht bis zur Quelle folgen." Kurzum, sie läugnen, daß Historiker oder Genealogisten den ersten niedrigen Mann Nachweisen können, welcher, Douglas genannt, die Familie ursprünglich erhob, und es ist auch wahr, daß dieselbe, soweit sie bekannt ist, stets wegen Tapferkeit und Kühnheit berühmt war und die Macht besaß, wodurch ihre Kühnheit erfolgreich wurde." „Genug," sagte der Ritter, „ich habe von dem Stolz und der Macht dieser großen Familie gehört; auch habe ich gar nicht die Absicht, ihre kühnen Ansprüche auf Ansehen in dieser Hinsicht zu läugnen oder herabzusetzen." „Ohne Zweifel müßt Ihr auch, edler Herr," erwiderte der Sänger, „mancherlei von James, dem gegenwärtigen Erben des Hauses Douglas, vernommen haben." „Mehr wie genug," erwiderte der englische Ritter, „man weiß von ihm, daß er ein standhafter Anhänger des geächteten Verräthers William Wallace war- Als darauf dieser 63 Robert Bruce, welcher König von Schottland zu sein vorgibt, sein Banner erhob, stand dieser junge James Douglas alsbald als Rebell auf. Er raubte seinem Oheim, dem Erzbischof von St- Andrews, eine beträchtliche Geldsumme, um die nicht überfüllte Schatzkammer des schottischen Thronräubers mit Geld zu versehen, verführte die Diener seines Verwandten, ergriff die Waffen, setzt seine Prahlereien, obgleich im Felde zu wiederholten malen gezüchtigt, noch immer fort, und droht denjenigen Unheil, die im Namen des rechtmäßigen Fürsten das Schloß Douglasdale vertheidigen." „Euch beliebt es, dies zu sagen," erwiderte Bertram, „ich bin jedoch überzeugt, daß Ihr mich, wäret Ihr ein Schotte, geduldig anhören würdet, wenn ich dasjenige erzähle, was über diesen jungen Mann von denjenigen berichtet wird, die ihn gekannt haben. Die Angaben Solcher erweisen, in wie durchaus verschiedener Art dieselbe Geschichte sich erzählen läßt. Dieselben Leute sprechen von dem gegenwärtigen Erben der alten Familie, als sei er vollkommen allen Erfordernissen zur Erhaltung und Vergrößerung seines Namens gewachsen; er sei bereit, jeder Gefahr für die Sache von Robert Bruce sich zu unterziehen, weil er Bruce als seinen rechtmäßigen König betrachtet; er habe geschworen, und sich der Ausführung seines Eides geweiht, um sich mit der kleinen Streitmacht, die er zusammen bringen kann, an jenen Südländern zu rächen, die sich seit mehreren Jahren, und wie er glaubt, mit Unrecht, in den Besitz der Wohnung seines Vaters gesetzt haben." „O," erwiderte Sir Aymer de Valence, „wir haben viel von seinen Thaten in dieser Hinsicht und von seinen Drohungen gegen unfern Schloßhauptmann und uns selbst vernommen; wir halten cs jedoch nicht für wahrscheinlich, daß Sir John de Walton ohne Befehl des Königs Douglasdale ver- 64 lassen wird, wenn auch dieser James Douglas, ein bloßes Küchlein, sich herausnimmt, seine Stimme so laut erschallen zu lassen, daß er wie ein Kampfhahn kräht." „Herr," erwiderte Bertram, „unsere Bekanntschaft ist nur kurz, und dennoch empfinde ich, sie sei so wohlthätig für mich gewesen, daß ich darauf vertraue, meine Hoffnung werde keinen Anstoß erregen, nach welcher Ihr und James Douglas nicht eher einander begegnen möge«, als bis der Zustand der zwei Länder eine friedliche Zusammenkunft gestattet " „Ich bin dir sehr verbunden, Freund," erwiderte Sir Apmcr, „und ich zweifle nicht an deiner Aufrichtigkeit, und wahrlich auch scheinst du ein richtiges Gefühl von der Achtung zu hegen, welche diesem jungen Ritter gebührt, wenn man in diesem Thale Douglas, dem Orte seiner Geburt, von ihm redet. Waö mich betrifft, so bin ich nur der arme Apmer de Balence, ohne einen Acker Land oder großer Hoffnung, einen solchen zu erlangen, wenn ich nicht ein großes Stück a»S diesen Hügeln mit meinem Schwerte mir heraushaue. Nur hierauf, guter Sänger, ich bitte dich, verwende deine gewissenhafte Gewohnheit, die Wahrheit aufzusuchcn, wenn du am Leben bleibst, um meine Geschichte zu erzählen, daß du nicht entdeckest, dein jetziger Bekannter eines Frühlingsmorgens, er mag leben oder sterben, habe zu den Lorbeeren von James Douglas eine» neuen Kranz mit Ausnahme desjenigen hinzugefügt, welchen der Tod einem Manne gewähren muß, wenn es sein Loos ist, durch einen stärkere» Arm oder durch das größere Glück seines Gegners zu fallen." „Ich fürchte für Euch nicht, Herr Ritter," sagte der Sänger; denn Ihr besitzt den glücklichen Charakter, der kühn in der Jugend, wie es einem jungen Ritter geziemt, in vorgerücktem Alter die heilsame Quelle des klugen RathcS ist. Ich mochte 65 nicht, daß dein Vaterland durch frühzeitigen Tod desselben beraubt würde." „Du bist also so aufrichtig, England den Vortheil guten Rathes zu wünschen," sagte Sir Aymer, »obgleich du dich auf die Seite Schottlands in der Streitfrage neigest." „Sicherlich, Herr Ritter," sagte der Sänger; »denn da ich wünsche, daß Schottland und England ihr wahres Interesse erkennen, bin ich auch verpflichtet, beiden gleicherweise Glück zu wünschen, und nach meiner Meinung sollten sich beide bemühen, in Freundschaft zusammen zu leben- Wenn eine jede Nation ihr Theil auf der ganzen Insel bewohnt, unter denselben Gesetzen lebt, und mit einander in Frieden steht, so konnten beide ohne Furcht der Feindschaft der ganzen Welt trotzen." „Ist dein Glaube so freisinnig," erwiderte der Ritter, „wie es einem guten Manne geziemt, so mußt du sicherlich, Herr Sänger, für den Erfolg Englands im Kriege beten, wodurch allein diese mörderischen Feindseligkeiten des nördlichen Volkes sich mit einem günstigen Frieden beendigen lassen. Die Aufstände dieses hartnäckigen Landes sind nur wie der Kampf eines tödtlich verwundeten Hirsches. Das Thier wird bei jedem Kampfe schwächer und schwächer, bis sein Widerstand durch die Hand des Todes wirksam gezähmt ist." „Nicht so, Herr Ritter," sagte der Sänger; „habe ich meinen Glauben richtig erlernt, so dürfen wir nicht so beten. Wir dürfen ohne Vergehen den Zweck, den wir zu erreichen wünschen, in unseren Gebeten aussprechen; es geziemt uns armen Sterblichen aber nicht, einer allwissenden Vorsehung die genaue Weise anzugeben, worin unsere Gebete erfüllt werden sollen, oder den Untergang eines Landes, damit dessen Bewegungen beendet werden, ebenso zu wünschen, wie der Das g-fährl. Schloß u. and. Erzähl. I. S 66 Todesstoß, der die Schmerzen des verwundeten Hirsches beendet. Mag ich mich auf mein Herz oder auf meinen Verstand berufen, so muß ich den Himmel bitten, Recht und Billigkeit in dem Falle zu beschließen; und würde ich um Euretwillen in einem Zusammentreffen mit Sir Douglas Besorgniß hegen, Herr Ritter, so wäre cS nur deßhalb, weil er nach meiner Meinung die bessere Partei vertritt; auch haben ihm überirdische Gewalten den Sieg verheißen." »Ihr sagt mir das, Herr Sänger," erwiderte de Valence mit drohendem Tone, „und Ihr wißt doch, wer ich bin und welches Amt ich bekleide?" „Eure persönliche Würde und Gewalt," sagte Bertram, „vermag nicht, das Recht in Unrecht zu verwandeln, oder den Beschluß der Vorsehung abzuwenden. Ihr wißt, wie ich glaube, daß der Douglas durch verschiedene Entwürfe sich schon dreimal zum Besitzer dieses Schlosses gemacht hat, und daß Sir John de Walton, der jetzige Gouverneur, es mit einer an Streitkräften dreimal stärkeren Macht und nach erhaltener Verheißung behauptet, daß er die Baronie DouglaS mit allem ausgedehnten Zugehör als freies Eigenthum zur Belohnung erhält, wenn er dasselbe auf Jahr und Tag gegen die schottische Streitmacht, ohne überrumpelt zu werden, behauptet, daß er aber andererseits, wenn er die Feste während dieses Zeitraums entweder durch List oder durch offene Gewalt sich entreißen läßt, wie es schon mehrere Male den Hauptleuten des gefährlichen Schlosses geschehen ist, als Ritter entehrt und als Unterthan zum Verräther wird; daß endlich die Häuptlinge, die mit ihm Antheil am Befehl haben und unter ihm dienen, auch seine Schuld und seine Strafe theilen müssen." „Alles das weiß ich sehr wohl," sagte Sir Apmer, „und 67 wundere mich nur, daß die Bedingungen, deren Kunde in's Publikum kam, mit so vieler Genauigkeit berichtet sind; was hat das aber mit dem Ausgange des Kampfes zu schaffen, wenn Douglas und ich einander treffen sollten? — ich werde sicherlich nicht mit geringerem Eifer kämpfen, weil ich mein Glück auf meiner Schwertspitze trage, und eben so wenig werde ich ein Feigling werden, weil ich sowohl für einen Theil des Gutes der Douglas, wie für Ruhm und Vaterland kämpfe und überhaupt —" „Hört mich an," sagte der Sänger, „ein alter Dichter hat gesagt, daß keine wahre Tapferkeit in einem falschen Kampfe sich zeigt, nnd daß der darin gewonnene Preis, mit ehrlichem Ruhm verglichen, so werlhlos ist, wie eine kupferne Halskette verglichen mit einem Rosenkranz von ächtem Gold; ich bitte dich aber, halte mich nicht für deinen Gewährsmann in dieser wichtigen Angelegenheit. Du weißt sehr wohl, wie James von Thirkwall, der letzte englische Schloßhauptmann, von Sir John de Walton überrumpelt und das Schloß mit großer Unmenschlichkeit geplündert wurde." „Wahrlich," sagte Sir Aymer, „ich glaube, daß Schottland und England von jenem Gemetzel und von dem ekelhaften Verfahren des schottischen Häuptlings gehört haben, welcher Gold, Silber, Kriegsbedarf und Waffen, kurz Alles, was leicht entfernt werden konnte, in den wilden Wald bringen ließ, und eine große Masse Lebensmittel auf eben so rohe wie unerhörte Weise zerstörte." « „Vielleicht, Herr Ritter," sagte Bertram, „wart Ihr selbst ein Augenzeuge des Verfahrens, welches weit und fern verkündet ist, und von der sogenannten Speisekammer des Doug- , las handelt." »Ich sah nicht die wirkliche Ausführung der Thai," erwi- 5 . " 68 Lerte de Valence, „d. ich sah nicht die Vollbringung, habe aber von den traurigen Resten genug gesehen, um die Speisekammer des Douglas als einen Gegenstand des Schauders und Abschcues niemals zu vergessen- Ich schwöre das bei der Hand meines Vaters und bei meiner Ehre als Ritter! Ur- theile du selbst, ob die That geeignet war, das Lächeln des Himmels zu Gunsten der Vollbringer zu erwerben- Folgendes ist meine Ausgabe der Geschichte „Eine große Menge Lebensmittel war während zweier Jahre oder ungefähr während dieser Zeit aus verschiedenen Gegenden her angesammelt worden, und wir bestimmten das damals ausgebesscrte, und wie wir glaubten sorgfältig bewahrte Schloß Douglas zum Aufbewahrungsort, wo aller Proviant für den Dienst des Königs von England oder des Lord Clifford, je nachdem der Eine oder der Andere die westlichen Sümpfe zuerst mit einem Heer betreten und der Vor- räthe bedürfen würde, aufgehäuft werden sollte. Dieses Heer sollte auch uns in unfern Unternehmungen unterstützen, — ich meine die Truppen meines Oheims, des Grafen Pembroke, welcher einige Zeit vorher fich mit einer beträchtlichen Streitmacht in der Stadt Apr, in der Nähe des caledonischen Waldes gelagert hatte, wo wir heiße Kämpfe mit den aufständischen Schotten zu bestehen hatten." „Wohlan, Herr, es ereignete sich oft wie in ähnlichen Fällen, daß Thirkwall, obgleich ein kühner und thätiger Soldat, sich in Douglas-Castle zur Zeit des Allerheiligen-Festes von diesem würdigen James Douglas überrumpeln ließ. Dieser befand sich in keiner guten Laune, wie Ihr Euch wohl denken könnt, denn sein Vater William der Kühne oder William Langbein genannt, wurde ein Gefangener nach dem Recht des Krieges, weil er kein Engländer werden wollte, und starb 69 als solcher bei strenger Einsperrung im Schlosse von Berwick, oder wie Einige sagen, in New-Castle. Die Nachricht von seines Vaters Tod hatte den jungen Douglas in keine geringe Wuth versetzt und ihm, wie ich glaube, das Verfahren eingegeben, womit er seine Rache ausführte. Durch die Menge der Vorräthe, die er im Schlosse vorfand, in Verlegenheit gesetzt, da er dieselben bei der Ueberlegenheit der Engländer im Lande, weder fortschaffen, noch in aller Muße dableibend verzehren konnte, kam er, wie ich glaube, durch Eingebung des Teufels auf den Gedanken, sie nutzlos für menschlichen Gebrauch zu machen. Urtheile selbst, ob ihm der Plan von einem guten oder bösen Geiste eingegeben war?" „Diesem Plane gemäß ließ er Gold, Silber und anderes leicht fortzubringende und werthvolle Gut nach geheimen Plätzen schaffen und alsdann Fleisch, Malz und anderes Korn in den Schloßkeller schleppen, wo er den Inhalt der Säcke auf Einem ekelhaften Haufen auSzulecren und den Fässern den Boden auszuschlagen befahl, so daß das gemischte Getränk durch Mehl, Getreide u. s. w. hindurch lief. Die zum Schlachten bestimmten Ochsen ließ er in gleicher Weise todtschlagen und deren Blut durch die Masse von eßbaren Stoffen laufen, und endlich wurde das Fleisch dieser Ochsen in der ganzen Masse begraben, worein man auch die Leichen der Besatzung legte, denn Douglas hatte keinen Pardon gegeben, und Jene mußten theuer genug ihr Vergehen, daß sie nicht bessere Wache gehalten hatten, bezahlen. Dieser niedrige und unwürdige Mißbrauch der Lebensmittel, die für den Gebrauch des Menschen bestimmt find, sowie auch der Umstand, daß man in den Schloßkeller Leichen von Menschen, Pferden und anderen Unrath zur Verderbung derselben hineinwarf, ist seitdem die Douglas-Speisekammer genannt worden." 70 „Ich habe nicht die Anmaßung, guter Herr Apmer, dasjenige vertheidigen zu wollen, was Ihr mit Recht mißbilligt, auch kann ich nicht begreifen, wie Vorräthe nach der Anordnung der Douglas-Speisekammer für Christen noch brauchbar fein sollten; dieser junge Herr hat aber vielleicht unter dem Stachel natürlicher Rache gehandelt, wodurch diese sonderbare That mehr zu entschuldigen sein mag, als cs zuerst erscheint. Bedenkt nur, wenn Euer eigener edler Vater in langdauernder Gefangenschaft gestorben, sein Erbtheil eingezogen, und von der Besatzung eines fremden Feindes in Besitz genommen wäre, so würden sicherlich solche Dinge Euch zu einer Rache treiben, die Euer Gnaden bei kaltem Blute und vom Standpunkt eines Feindes aus mit natürlichem und lodenswerthem Abscheu betrachten müßte; — würdet Ihr tobten und gefühllosen Gegenständen Achtung erweisen, wenn Euch Niemand tadeln könnte, daß Ihr dieselben für Euren Gebrauch Euch aneignetet? würdet Ihr sogar Bedenken tragen, Gefangenen Pardon zu crtheilen, da dies ja so oft in Kriegen vorkömmt, die man sonst als gut und menschlich geführt bezeichnet?" „Ihr drängt mich, Sänger," sagte Apmer de Valence. „Ich habe wenigstens kein großes Interesse, den Douglas in dieser Angelegenheit zu entschuldigen, denn deren Folgen bestanden darin, daß ich selbst und das übrige Heer meines Oheims Clifford beim Wiederaufbau dieses gefährlichen Schlosses große Mühe hatten; da auch unsere Mägen gegen die von Douglas zurückgelaffenen Speisen sich wehrten, hatten wir eine harte Zeit, obgleich ich anerkennen muß, daß wir kein Bedenken trugen, solche Schafe und Ochsen zu gebrauchen, welche die armen Schotten noch bei ihren Pachthöfen übrig hatten. Ich scherze nicht, wenn ich in traurigem Ernst anerkenne, daß wir Leute des Krieges mit besonderer Zerknirschung den Himmel um Gnade bitten müssen, wenn wir an das mannigfache Elend denken, welches unser Gewerbe uns Andern zuzufügen zwingt." »Mir scheint es," erwiderte der Sänger, „daß diejenigen, welche den Stachel ihres Gewissens empfinden, milde sein müssen, wenn sie von dem Vergehen Anderer reven; auch vertraue ich nicht sehr einer Art Prophezcihung, welche, wie die Leute dieser Gebirgsgegend sagen, dem jungen Douglas von einem Mann gegeben wurde, welcher nach dem Laufe der Natur schon längst todt sein muß; dieser verhieß ihm nämlich eine siegreiche Laufbahn gegen die Engländer, weil er sein eigenes Schloß geopfert habe, um zu verhindern, daß sie eine Besatzung hineinlegten." „Wir haben Zeit genug für die Geschichte," sagte Sir Aymer, „und mich däucht, sie würde sich besser für einen Ritter und Sänger eignen, als das bisher von uns geführte Gespräch, welches sich eher für den Mund von zwei reisenden Mönchen geziemt haben würde — Gott schütze uns." „So sei es," sagte der Sänger, „die Laute oder die Geige wechselt ihr Tempo und ihre Note." Fünftes Kapitel. Die Mähr' ist traurig, und Ihr weint vielleicht; Sie ist voll Grau'n; Ihr könnt dabei erzittern; Sie ist rrstaunenSwerth; die Stirne runzeln Müßt Ihr gewiß, wenn nufmerksam Ihr leset. Altes Schau spiel. „Euer Gnaden muß zuerst erfahren, edler Herr Apmer de Valence, daß ich diese Geschichte vor langer Zeit aus dem Lande, wo sie sich ereignete, erfuhr, und zwar von einem be- 72 - - eidigten Spielmann und Dichter, dem alten Freund und dem Diener des Hauses Douglas, einem der Besten, wie es heißt, welcher jemals zu dieser edlen Familie gehörte. Der Dichter Hugo Hugonct mit Namen, war bei seinem jungen Herrn während dieses furchtbaren Ereignisses, sowie er sich auch stets in dessen Nähe aufzuhalten pflegte." „Das Schloß war in gänzlichem Aufruhr; in einem Winkel waren die Kriegsleute beschäftigt, die Vorräthe herbeizuschaffen und zu zerstören; in einem anderen erschlugen sie Männer, Pferde und Rindvieh, und diese Handlungen waren mit den geeigneten Tönen begleitet. Das Rindvieh besonders hatte das Schicksal, womit es bedroht wurde, geahnet, und bezeugte durch unbeholfenen Widerstand und klägliches Brüllen den Widerwillen, womit die armen Geschöpfe auf den Schlachtplatz blickten. Das Gestöhne und das Geschrei der Männer, welche den Todesstreich erlitten oder erleiden sollten, und der ängstliche Schrei der armen Pferde, die im Todeskampf lagen, bildeten einen furchtbaren Chor. Hugonct wünschte sich dem so unangenehmen Anblick und jenen Tönen zu entziehen; sein Herr, der Douglas, war ein Mann von einiger Belesenheit, und sein alter Diener wünschte sich die Handschrift eines Gedichtes zu verschaffen, das er einst so gern gelesen hatte. Die Handschrift enthielt die Lieder eines alten schottischen Barden, der ein gewöhnliches Menschengeschöpf zu seinen Lebzeiten gewesen sein mochte, aber vielleicht jetzt nicht als solches zu bezeichnen ist. „Kurzum, es war jener Thomas, welcher mit dem Namen der Reimer bezeichnet wird, ein Mann, welcher mit den begabten Wesen, Feen genannt, so vertraut war, daß er wie sie, eine zukünftige That, bevor sie eintrat, vorhersehen konnte, und in seiner Person die Eigenschaft des Sängers und Wahr- 73 sagers vereinigte. Seit Jahren schon war er jedoch von dem Schauplatz der Sterblichen verschwunden, und obgleich die Zeit und die Art seines Todes niemals öffentlich bekannt wurde, so glaubte man doch allgemein, daß er nicht dem Lande der Lebendigen entzogen sei, sondern im Lande der Feen lebe, von wo er bisweilen Ausflüge mache, und sich nur mit Angelegenheiten, die kommen würden, beschäftige. Hugonet wünschte um so ernstlicher, den Untergang der Werke dieses alten Sängers zu verhindern, da viele seiner Gedichte und Vorhersagungen im Schlosse bewahrt sein und besonders das alte Haus Douglas, sowie andere Familien von alter Abkunft betreffen sollten, die dieser Greis zum Gegenstand seiner Prophezeihung gewählt hatte; somit beschloß er, dies Buch vor der Zerstörung in der allgemeinen Feuersbrunst zu retten, welche der Erbe der alten Besitzer dieses Gebäudes demselben bestimmt hatte. Mit dieser Absicht eilte er in ein kleines und altes gewölbtes Gemach, welches das Studierzimmer der Douglas hieß, worin etwa einige Dutzend alter Bücher sich vorfanden, welche die Caplane in der von uns Sängern sogenannten schwarzen Schrift geschrieben hatten. Er entdeckte sogleich das berühmte Sir Tristan genannte Lied, welches so oft abgekürzt und verändert worden war, daß es nur noch wenig Aehnlichkeit mit dem Originale zeigte. Hugonet, der sehr wohl mit dem Werthe bekannt war, welchen die alten Herren des Schlosses auf dieses Gedicht setzten, nahm den Pergamentband aus dem Fach der Bibliothek und legte ihn auf einen kleinen Schrank am Armstuhle des Barons. Als er so seine Vorbereitungen getroffen hatte, um es in Sicherheit zu dringen, versank er in ein kurzes Nachdenken, worein ihn die Abenddämmerung, die Vorbereitungen für die Douglas-Speisekammer, besonders aber der letzte Anblick der Gegenstände versenkte, mit denen seine Au- gen so lange vertraut gewesen waren, und die jetzt im Begriffe standen, zerstört zu werden- Der Sänger dachte deshalb an die ungewöhnliche Mischung des mostischen Gelehrten und Kriegers in seinem alten Herrn, als er seine Augen auf das Buch des alten Reimers richtete, und erstaunte, wie es langsam vom Schranke, worauf es lag, durch eine unsichtbare Hand entfernt wurde. Der alte Mann blickte mit Schauder auf die von selbst entstehende Bewegung des Buches, an dessen Erhaltung ihm gelegen war, und besaß auch den Muth, dem Tisch etwas näher zu treten, damit er entdecken könne, durch welche Mittel cs entfernt werde. Ich habe schon gesagt, daß das Fenster sich verdunkelte, so daß es schwierig wurde, eine Gestalt in dem Lehnstuhle zu erkennen; bei schärferem Hinblicken schien es aber, daß eine Art schattenhaften Umrisses einer Menschengestalt darin saß, obgleich dieselbe nicht deutlich genug war, um der Seele eine bestimmte Gestalt einzuprägen, und obgleich die Einzclnheiten nicht in solcher Weise sich erkennen ließen, daß das Verfahren genau bemerkt worden wäre. Der Sänger des Douglas blickte deshalb auf den Gegenstand seiner Besorgnisse, als sei derselbe nicht sterblich; nichts destoweniger vermochte er bei schärferem Hinblicken den Gegenstand, welcher sich ihm zeigte, zu erkennen. Seine Augen wurden allmälig schärfer, um dasjenige, was sie sahen, zu durchdringen. Eine große dünne Gestalt, mit einem langen und schwellenden Rocke angcthan, oder vielmehr davon beschattet, mit einem so wilden und mit Haaren bedeckten Gesicht, daß dasselbe kaum als menschlich erschien, boten die einzigen bestimmten Umrisse der Erscheinung. Als Hugonet aufmerksamer hinsah, erkannte er noch zwei andere Gestalten, deren Umrisse, wie es schien, die eines Hirsches und einer Hirschkuh waren; dieselben schienen hinter der Gestalt und 75 unter dem Kleide dieser übernatürlichen Erscheinung Schutz zu suchen." „Eine wahrscheinliche Erzählung," sagte der Ritter; „für Euch, Herr Sänger, der Ihr doch ein Mann von Verstand zu sein scheint, um dieselbe mit solchem Ernst zu erzählen! Von welchem weisen Gewährsmann habt Ihr die Mähre, die vielleicht unter klingenden Bechern hingehcn mag, aber während der nüchternen Stunden des Morgens sehr in Zweifel gezogen werden muß." „Bei meinem Wort als Sänger, Herr Ritter," erwiderte Bertram, „ich bin kein Verbreiter dieser Fabel, wenn es eine solche ist; Hugonet, der Geiger, hat ste mir so mitgetheilt, wie ich sie jetzt erzähle, als er sich in ein Kloster am See Pempelmere in Wales zuruckzog. Da ich sie deshalb von dem Augenzeugen als Gewährsmann habe, so rechtfertige ich mich nicht deshalb, weil ich sie Euch erzähle, denn eine noch mehr unmittelbare Quelle der Erkenntniß würde ich nicht entdecken können." „Sei es so, Herr Sänger," fahre fort in deiner Erzählung und möge deine Sage Zweifel sowohl bei Andern wie bei mir finden." „Hugonet, Herr Ritter," erwiderte Bertram, „war ein heiliger Mann und bewahrte einen guten Ruf während feines ganzen Lebens, wenn man auch sein Gewerbe als leichtfertig betrachten mag. Das Gesicht redete mit ihm in einer alten Sprache, welche früher im Königreiche Strath-Clyde gebraucht wurde, eine Art Schottisch oder Gälisch, welches gegenwärtig nur sehr wenige verstehen können." „Ihr seid ein gelehrter Mann," sagte die Erscheinung, und mit den früher in Eurem Lande gebrauchten Dialekten nicht unbekannt, obgleich dieselben jetzt nicht mehr gesprochen wer- 76 den, und Ihr sie in das gewöhnliche Sächsische von Teira oder Northumberland übersetzen müßt. Ein alter britischer Barde muß aber in dieser schon ihm fremden Zeit Jemanden hoch schätzen, der auf die Poesie seines Vaterlandes solchen Werth setzt, daß er an deren Erhaltung in einem Augenblick solcher Schrecken, wie derjenigen des heutigen Abends denkt " „Es ist wirklich," sagte Hugonet, „eine Nacht des Schreckens, welche sogar die Tobten aus dem Grabe ruft und sie zu furchtbaren und grauenhaften Genossen der Lebendigen macht- Im Namen Gottes, wer bist du, welcher du die Grenzen, die uns trennen, überschreitest und den Zustand so sonderbar wieder aufsuchst, dem du so lange Lebewohl gesagt hast?" „Ich bin," erwiderte die Erscheinung, „jener berühmte Thomas, der Reimer, von Einigen Thomas Ercel doun oder Thomas der wahre Sprecher genannt. Wie andern Weisen wird es mir zu Zeiten erlaubt, den Schauplatz meines früheren Lebens wieder zu besuchen, auch vermag ich die schattigen Wolken und das Dunkel zu entfernen, welches die Zukunft umhüllt. Wisse deshalb, du jetzt betrübter Mann, daß Alles dies, was du jetzt in diesem unglücklichen Lande siehst, nicht ein allgemeines Zeichen desjenigen ist, welches nachher darin sich ereignen wird, denn im Vcrhältniß wie die Douglas jetzt den Verlust und die Zerstörung ihrer Wohnung wegen ihrer Treue gegen ihren rechtmäßigen Erben deö schottischen Königreiches leiden, so hat der Himmel für sie eine gerechte Belohnung bestimmt. Da sie jetzt ihr eigenes Haus und das ihrer Väter in der Sache von Bruce nicht verschonten, sondern es verbrannten und zerstörten, so ist es der Beschluß des Himmels, daß die Mauern von Douglas-Castle, so oft sie bis zum Boden verbrannt und geschleift werden, stattlicher und prächtiger wie zuvor aufgebaut werden sollen." Man vernahm jetzt einen Schrei der Menge im Hofe nebst einem trotzigen Jubel des Entzückens; zugleich schien sich eine breite und rothe Gluth von den Balken und Sparren zu erheben, und Funken flogen umher wie in einer Schmiede, während das Element den brennbaren Stoff ergriff und die Feuersbrunst durch jede Oeffnung cmporloderte. „Seht Ihr das," sagte die Erscheinung, indem sie das Auge auf die Fenster richtete und verschwand. „Gehe, die festgesetzte Stunde zu Wegbringung dieses Buches ist noch nicht erschienen; auch ist deine Hand nicht dazu bestimmt. Es wird dort in Sicherheit sein, wo ich es berge, und die Zeit wird dereinst kommen, worin man es sortbringen darf." Die Stimme wurde gehört, nachdem die Gestalt verschwunden war, und Hugonet schwindelte der Kopf über dem seltsamen von ihm geschauten Auftritt; seine äußerste Anstrengung war kaum genügend, um ihn von dem furchtbaren Platze hinwegzuziehen, und Douglas-Castle versank während jener Nacht in Asche und Rauch, um sich bald darauf in stärkerer Weise wie jemals wieder zu erheben." Der Sänger schwieg und sein Zuhörer, der englische Ritter, sprach ebenfalls einige Minuten lang kein Wort; endlich erwiderte er: „Allerdings ist Eure Erzählung in so weit un- läugbar, daß dies Schloß dreimal von den Erben des Hauses und der Baronie verbrannt, bis jetzt eben so oft von Henry Lord Clifford und andern Heerführern der Engländer wieder aufgebaut wurde, welche bei jeder Gelegenheit sich bemühten, es künstlicher und fester als früher zu errichten, da es eine für die Sicherheit unserer schottischen Grenze zu wichtige Lage einnimmt, als daß man es jemals aufgebcn sollte. Dessen bin ich zum Theil selbst Zeuge gewesen. Ich kann mir jedoch nicht denken, daß dies Schloß, nachdem cs so zerstört wurde, deshalb 78 in Zukunft nach der erwähnten Weise wieder aufgebaut werden soll, weil solche Grausamkeiten, die doch nie die Billigung des Himmels erlangen können, mit den Thaten der Douglas verbunden waren. Ich sehe jedoch, daß du entschlossen bist, dir deinen Glauben zu bewahren, und kann dich deshalb auch nicht tadeln, da die wunderbaren Schicksale dieser Festung vollkommen genügen, um Jeden zu rechtfertigen, welcher dabei die besonderen Anzeichen der besonderen Beschlüsse des Himmels erkunden will; du darfst jedoch glauben, guter Sänger, daß es meine Schuld nicht sein wird, wenn der junge Douglas Gelegenheit erhält, seine Kocherei in einer zweiten Auflage seiner Familien-Speisekammer zu üben, oder die Vorhersagung Thomas des Reimers zu benutzen." „Ich bezweifle nicht Eure schuldige Umsicht, was Euren Dienst betrifft, ebenso wie diejenige von Sir John de Walton," sagte Bertram, „ich begehe aber kein Verbrechen, wenn ich sage, daß der Himmel seine eigenen Zwecke ausführen kann. Ich betrachte Douglas-Castle als einen gewissermaßen verhängnißvollen Ort, und wünsche die Veränderungen zu sehen, welche die Zeit im Laufe von 26 Jahren dort vollbracht hat. Vor Allem wünsche ich wo möglich das Buch dieses Thomas von Erceldoun in Sicherheit zu bringen, da sich darin ein solcher Schatz vergessener Lieder und Prophezeihungen über die zukünftigen Schicksale der brittischen Königreiche, sowohl des nördlichen wie des südlichen, vorfinden." Der Ritter gab keine Antwort, sondern ritt etwas voran, indem er sich auf dem Rücken des hochgelegenen Ufers an jenem Bache hielt, an welchem der Weg in's Thal sich etwas steil hinabzog. Zuletzt führte derselbe auf eine Anhöhe von beträchtlicher Länge. Von diesem Punkte aus bot sich hinter einem in die Augen fallenden Felsen, welcher wie die Decora- tion eines Theaters bei Seite geschoben zu sein schien, um eine Aussicht in den unteren Theil des ThaleS zu gestatten, den Reisenden der Anblick der ausgedehnten Niederung, von welcher sich einzelne Theile schon gezeigt hatten, die sich aber jetzt, als der Fluß enger wurde, in ihrer ganzen Ausdehnung ausbreitete, während in einiger Entfernung vom Strome sich das mit Thürmen geschmückte stolze Schloß erhob, wovon das ganze Thal den Namen führte. Der Nebel, welcher sortfuhr, das Thal mit seinen flockigen Wolken zu belasten, zeigte unvollkommen die rohen Vertheidigungswerke des Städtchens Douglas, welche einen vorübergehenden Angriff zurückhalten, aber keiner regelmäßigen Belagerung widerstehen konnten. Der auffallendste Bau des Städtchens war dessen Kirche, ein im Mittelpunkt des elfteren auf einer Anhöhe errichtetes gothischcs Werk, welches sich aber damals in sehr verfallenem Zustande befand. Links sah man in einiger Entfernung andere Thürme und Zinnen; das gefährliche Schloß Douglas endlich war von der Stadt durch einen Wassergraben getrennt, welcher sich beinahe gänzlich um dasselbe -erumzog. Dasselbe war in dem finsteren Stil des Mittelalters mit Schloßthürmen und Zinnen befestigt; vor allen andern ragte ein großer Thurm hervor, der den Namen Lord Henry Clif- fords führte. „Das ist das Schloß," sagte Aymer de Valence, als er den Arm ausstreckte, während ein triumphircndes Lächeln auf seiner Stirn ruhte; „jetzt urtheile selbst, ob die von Clifford hinzugefögten Werke die nächste Einnahme zu einer leichteren That wie die früheren machen werden " Der Sänger schüttelte den Kopf und citirte die Worte des Psalmisten „nisi üoinmus Etockiet"; er setzte die Unterhaltung nicht weiter fort, obgleich de Valence ärgerlich antwor- tcte: „Meine eigene Ausgabe des Textes hat keine großen Abweichungen von der deinigen, wie cs mir aber scheint, ist deine Seele geistiger, als man es sonst von wandernden Sängern sagen kann." „Gott weiß es," sagte Bertram, „daß ich oder ein Mann wie ich, wenn wir den Finger der Vorsehung, wie ste ihre Zwecke in dieser Welt vollbringt, nicht beachten, weit schwereren Tadel wie andere Leute verdienen, da wir stets in der Ucbung unseres phantasiercichen Gewerbes Gelegenheit erhalten, die Schicksalsveränderungen zu bewundern, wodurch Glück und Unglück entsteht, und wodurch diejenigen, welche nur an ihre Leidenschaften und Zwecke denken, die Vollstrecker der Beschlüsse des Himmels werden." „Ich unterwerfe mich dem, was Ihr sagt, Herr Sänger," erwiderte der Ritter, „und es wäre sehr ungerecht von mir, setzte ich einigen Zweifel in die Wahrheit, die Ihr so feierlich aussprccht, oder in Euren Glauben, womit Ihr darauf vertraut. Ich füge nur noch hinzu, Herr, daß ich genug Gewalt in dieser Besatzung besitze, um Euch in derselben Willkommen zu bieten; auch wird Sir John de Walton wie ich hoffe, einen Mann Eures Gewerbes, durch dessen Unterhaltung wir vielleicht manches lernen können, den Zutritt znm Schloß, zur Halle oder zum Gemach eines Ritters nicht verwehren; ich kann jedoch nicht bei Euch die Erwartung erregen, daß solche Bewilligungen auch Eurem Sohn zu Thcil werden., in Betracht seines jetzigen Gesundheitszustandes; verschaffe ich ihm aber das Vorrecht im Kloster St- Bride zu bleiben, so wird er dort unbelästigt und in Sicherheit wohnen können, bis Ihr Eure Bekanntschaft mit Douglasdale und seiner Geschichte erneut habt und zu Eurer Rückreise geneigt seid." „Ich nehme den Vorschlag Euer Gnaden um so bereitwil- 81 liger an/' sagte der Sänger, „als ich dem Vater Abt eine Belohnung geben kann." „Das ist ein Hauptpunkt bei -eiligen Männern und Frauen," erwiderte de Valence, „welche in Zeiten des Krieges davon leben, daß sie ihren Besuchern Wohnung und Lebensunterhalt in ihren Klöstern auf einige Zeit geben." Die Abtheilung war jetzt den Wachen vor dem Schlosse näher gekommen, welche zahlreich und dicht ausgestellt, den Sir Aymer de Valence als nächsten im Befehl unter Sir John de Walton, achtungsvoll einließen. Fabian — dies war der Name des jungen Knappen im Dienste des de Valence — erwähnte es als den Willen seines Herrn, daß der Sänger ebenfalls Zutritt erhielte. Ein alter Armbrustschütze jedoch faßte den Sänger scharf in's Auge, als derselbe dem Sir Aymer folgte. „Es geziemt uns nicht," sagte er, „oder einem unseres Standes, dem Willen des Sir Aymer de Valence, des Neffen vom Grafen Pembroke, sich in solchen Angelegenheiten zu widersetzen und was uns betrifft, Herr Fabian, so seid Ihr unS willkommen, wenn Ihr den Sänger auf einige Wochen im Schlosse von Douglas z» Eurem Gefährten an Tisch und Bett und zu Eurem Gaste macht, allein Euer Gnaden kennt den strengen uns ertheiltcn Befehl, und wenn Salomo, König von Israel, in eigener Person als reisender Sänger hieher käme, so dürfte ich ihn auf mein Wort nicht einlassen, wenn ich nicht besondern Befehl von Sir John de Walton hätte." „Bezweifelt Ihr, Kerl," sagte Sir Aymer de Valence, welcher wieder umkehrte, als er den Streit zwischen Fabian und dem Bogenschützen hörte, „bezweifelt Ihr, daß ich Gewalt besitze, einen Gast zu bewirthen, oder nehmt Ihr Euch heraus, dies mir streitig zu machen?" Das geführt. Schloß u. and. Erzähl. I. g 82 „Bewahre der Himmel," sagte der alte Mann, „daß ich es mir herauSnehmcn sollte, mich Euer Gnaden zu widersehen, da Ihr Euch so chrenwerth vor Kurzem Eure Sporen verdientet. In dieser Angelegenheit aber muß ich bedenken, welcher Art der Wunsch von Sir John de Walton sein wird, welcher Euer Gouverneur sowohl wie der meine ist, deshalb halte ich cs für passend, Euren Gast zurückzuhalten, bis Sir John von seinem Ritt nach den Vorposten heimgekehrt ist; da dies Verfahren meiner Pflicht entspricht, so wird Euer Gnaden daran keinen Anstoß nehmen." „Ich glaube," sagte der Ritter, „daß cs sich für dich nicht geziemt, vorauszusetzen, daß meine Befehle an sich etwas Unpassendes haben oder denen des Sir Walion widersprechen können. Du kannst mir wenigstens so weit vertrauen, daß du in keine Unannehmlichkeiten gerathen wirst. Behalte diesen Mann im Wachzimmer, lasse cs ihm nicht an guter Bcwirthung fehlen und sage dem Sir John de Walton, wenn er heimkehrt, es sei ein Mann, welcher durch meine Einladung Zutritt erlangt habe. Wenn noch mehr zu deiner Entschuldigung erforderlich ist, so werde ich ohne alles Widerstreben dasselbe dem Gouverneur angeben." Der Armbrustschütze machte mit der Pike, die er in der Hand trug, ein Zeichen des Gehorsams, und nahm dann das ernste Wesen einer Schildwache auf dem Posten wieder an. Er führte jedoch zuvor den Sänger in die Wachstube und versah ihn mit Nahrung und Getränk, während er zugleich mit Fabian, der hinter ihm blieb, redete. Dieser hübsche Bursch war kürzlich sehr stolz geworden, weil er den Namen von Sir Apmers Knappe erhalten hatte, und auf eine Stufe der Ritterschaft ebenso wie Sir Alpiner etwas früher wie gewöhnlich vorgerückt war, der ebenfalls in derselben Weise die Nitter- würde ziemlich früh erhalten hatte. »Ich sage dir, Fabian," sagte der alte Armbrustschühe, dessen Ernst, Scharfsinn und Geschicklichkeit in seinem Berufe ihm das Vertrauen Aller, welche im Schlosse waren, erworben halten, während er gelegentlich aber auch, wie er selbst sagte, zum Gespött der jungen Windbeutel und endlich auch zugleich etwas schulmeisterisch und empfindlich gegen diejenigen geworden war, welche höher als er selbst an Rang und Geburt standen. „Ich sage dir, Fabian, du wirst deinem Herrn Sir Aymer einen großen Dienst erweisen, wenn du ihm einen Wink ertheilst, er möge einem alten Bogenschützen und Kriegsmann oder anderen Leuten solcher Art eine schöne und höfliche Antwort hinsichtlich seiner Befehle ertheilen; denn ohne Zweifel hat er nicht im ersten Dutzend seiner Jahre die verschiedenen Formen des Militärdienstes erlernt und Sir John de Walton, ohne Zweifel ein besserer Befehlshaber, besitzt den ernstlichen Willen, seine Pflicht streng zu vollführcn, und wird ebensowohl gegen deinen Herrn wie gegen untergeordnete Personen pünktlich streng sein; er besitzt sogar jeden Eifer für seinen Dienst, welcher ihn bewegen wird, beim geringsten Versehen dem Ritter Aymer de Valence selbst einen Verweis zu ertheilen, obgleich dessen Oheim, der Graf Pcmbroke, Sir John de Waltons steter Beschützer war und den Grund zum Glücke desselben legte; wegen alles dessen hat Sir John sich dem alten Grasen in der passendsten Weise dadurch dankbar erzeigt, daß er seinen Neffen für den Krieg aufzog " „Mag das sein, wie es will, alter Gilbert, Greenleas," erwiderte Fabian, „so weißt du, daß ich niemals mich in einen Zank über deine Predigten einlasse, und glaube mir, daß ich mir manche Vorlesungen von Sir John de Walton und dir 84 selbst unterwerfe; allein du treibst eS ein wenig zu weit, wenn du keinen Tag vorübergchen lasten kannst, ohne mich durchzubecheln. Glaube mir, Sir John de Walton wird dir keinen Dank wissen, wenn du sagst, er sei zu alt, um sich daran zu erinnern, daß er selbst ein Bursch gewesen ist. Ja, so ist es, der alte Mann wird nicht vergessen, daß er selbst einmal jung war, und der junge, daß er eines Tages alt werden muß; der Eine verändert sein Wesen in die langsame Förmlichkeit des vorgerückten Alters, und der Andere bleibt wie ein Waldstrom, der im Sommer vom Regen anschwillt, worin jeder Tropfen von Wasser Lärmen macht, Schaum bildet und uberfließen will- Das ist ein Spruch für dich, Gilbert, um darnach zu verfahren! Hast du jemals einen bessern gehört? Hänge ihn auf unter deine Lehren der Weisheit und steh, ob er nicht sich dort verhält wie fünfzehn zum Dutzend. Die Lehre wird dir auch dienlich sein, Mann, wenn der Weinkrug dein einziger Fehler, dich gelegentlich in Verlegenheit gebracht hat." „Behaltet diese Lehre für Euch selbst, guter Herr Knappe," sagte der alte Mann, „mich däucht, sie wird dir wahrscheinlich dereinst sehr zu gute kommen. Wer hat jemals von einem Ritter oder vom Holze, woraus ein Ritter geschnitten wird, d. h. von einem Knappen gehört, daß ein solcher wie ein alter armer Armbrustschütze oder Reitknecht körperlich gezüchtigt wurde? Euer schlimmster Fehler wird durch einige Eurer witzigen Sprüche gebessert werden, und Euer bester Dienst wird kaum eine passendere Belohnung erhalten, als wenn man Euch Fabian den Schwätzer, oder überhaupt mit einem so witzigen Namen benennt." Nachdem der alte Mann seine Antwort bis zu dieser Ausdehnung erweitert hatte, nahm er einen gewissen ernsten Ge- 85 fichtsausdruck wieder an, welcher bei solchen Leuten als charakteristisch sich bezeichnen läßt, deren Vorrücken durch dessen Langsamkeit gleichsam erfroren ist, und welche deshalb einen Aerger gegen Alle zeigen, die eine höhere Stellung, wonach Alle streben, leichter, früher und wie sie glauben, bei geringerem Verdienst, als ihr eigenes ist, erlangen. Von Zeit zu Zeit richteten sich die Augen des alten Kriegsmannes von der Spitze seiner Pike und ruhten mit einem triumphirenden Ausdruck auf dem jungen Fabian, als wolle er sehen, wie tief die Wunde ihn geschmerzt habe, während er zu gleicher Zeit wachsam blieb, um jede von seinem Posten erheischte mechanische Pflicht auszuführen. Sowohl Fabian wie sein Herr befanden sich in der glücklichen Lebensperiode, worin solche Unzufriedenheit, wie die des ernsten Armbrustschutzen, sie nur wenig kümmerte, und im schlimmsten Fall als der Scherz eines alten Mannes und guten Soldaten betrachtet wurde, um so mehr, da derselbe stets den Dienst seiner Gefährten gern übernahm und das Vertrauen von John de Walton in hohem Grade besaß, welcher, obgleich weit jünger als Greenleaf, in den Kriegen Edwards I. auferzogcn war und sehr eifrig auf strenge Disciplin hielt, welche nach dem Tode dieses großen Fürsten von der jungen und heißblütigen Tapferkeit Englands sehr vernachlässigt worden war. Mittlerweile fiel es Sir Aymer de Valence ein, daß der angebliche Sänger in Wirklichkeit nicht der Mann derjenigen Würde, die er annahm, sein könne, mochte er auch nur den gewöhnlichen Grad der Gastfreundschaft, der einem solchen Manne, wie Bertram, gewöhnlich zu Theil wurde, erwiesen, und bloß dasjenige gethan haben, was sich für seinen eigenen Rang, da er die höchste Würde der Ritterschaft besaß, geziemte. Es fand sich in seinem Gespräch ein größerer Ernst wo nicht Strenge, als bei Leuten seines Berufes gewöhnlich war. Wenn er sich an manche Punkte von Sir John de WaltonS Pünktlichkeit erinnerte, empfand er einige Zweifel, ob der Gouverneur es billigen werde, daß er in das Schloß einen Mann von Bertrams Charakter eingeführt habe, welcher Beobachtungen machen könne, durch welche der Garnison nachher viele Gefahr und Unannehmlichkeit entstehen möchte. Er bedauerte deshalb im Geheimen, daß er dem wandernden Sänger nicht mit klaren Worten gesagt habe, seine Aufnahme und überhaupt die eines jeden Fremden in das gefährliche Schloß sei unter den jetzigen Umständen nicht gestattet. In diesem Fall würde die genaue Beobachtung seiner Dienstvorschriften ihm zur Rechtfertigung gedient haben, und es-wäre ihm Lod und Ehre von seinem Vorgesetzten zu Theil geworden, während er vielleicht jetzt Kaltsinn und Tadel zu erwarten habe. Als diese Gedanken ihm durch den Kopf fuhren, erhoben sich auch einige stille Besorgnisse vor einem Verweise des befehlenden Offiziers, denn Sir Aymer liebte denselben ungeachtet seiner Strenge eben so sehr, als er ihn fürchtete. Er ging deshalb nach dem Wachzimmer des Schlosses unter dem Vorwand, nachzusehen, daß die Pflichten der Gastfreundschaft seinem Reisegefährten gehörig erwiesen würden. Der Sänger stand achtungsvoll auf, und schien nach der Weise, wie er seinen Gruß adstattete, wenn er auch diese neue Befragung nicht erwartet hatte, dennoch darüber durchaus nicht zu erstaunen. SirAymer nahm andererseits einen Ausdruck größerer Zurückhaltung an, als er gegen Bertram früher gezeigt hatte; indem er auf seine frühere Einladung zurückkam, bestimmte er jetzt dieselbe dahin näher, daß er sagte, der Sänger wisse, 87 daß er nur der zweite im Oberbefehl sei, und daß die wirkliche Erlaubnis, das Srloß zu betreten, von Sir John de Walton gegeben werden muffe. Es gibt eine höfliche Weise, womit man den Schein an- uimmt, als glaube man an eine Entschuldigung, welche ein anderer auch geneigt ist als Bezahlung anzunehmen, ohne daß ein Verdacht über die wahre Geltung des ComplimenteS laut wird. „Es war ein bloßer Wunsch vorübergehender Neugier," sagte er, „welcher nicht gewährt, weder unbequeme noch unangenehme Folgen nach sich ziehen kann. Thomas von Ercel- doun war der Dreiheit von Wales gemäß, einer der drei Barden Britanniens, welche weder einen Speer mit Blut befleckt hatten, noch jemals der Einnahme und Wiedereinnahme von Schlössern und Festen schuldig waren; somit war er auch kein Mann, bei welchem man kriegerische Thaten nach seinem Tode beargwöhnen könnte. Ich kann jedoch leicht begreifen, weshalb Sir John de Walton die gewöhnlichen Gebräuche der Gastfreundschaft in Abnahme kommen ließ, und weshalb ein Mann von öffentlichem Charakter wie ich, Nahrung und Wohnung nicht erwarten darf, wo dies für so gefährlich gehalten wird; Niemand darf auch erstaunen, daß der Gouverneur nicht einmal seinem würdigen jungen Stellvertreter die Gewalt ertheilte, Andere von einer so strengen und ungewöhnlichen Regel zu entbinden." Diese Worte, sehr kalt gesprochen, hatten etwas Beleidigendes für den jungen Ritter, weil damit angedcutet war, daß er nicht genügende Eigenschaften besitze, um des Vertrauens von Sir John de Walton werth zu sein, mit dem er auf dem Fuße großer Freundschaft und Vertraulichkeit gelebt hatte, obgleich der Gouverneur schon über sein dreißigstes 88 Jahr hinaus, und der Stellvertreter selbst noch nicht 2t Jahre alt war; das volle Alter des Ritterthums war ihm nämlich früher erlassen worden, weil er Thaten früherer Mannheit vollbracht hatte. Ehe er noch die ärgerlichen Gedanken, die in seiner Seele sich erhoben, verscheuchte, wurde der Schall eines Jagdhornes am Thore vernommen, und aus der allgemeinen in der Besatzung sich verbreitenden Bewegung ergab es sich, daß der Gouverneur von seinem Ritte bcimgekehrt war. Eine jede Schildwache, durch seine Heimkehr offenbar belebt, schulterte die Pike aufrechter, gab das Losungswort mit stärkerer Stimme und schien sich ihrer Pflicht mehr bewußt zu sein. Nachdem Sir John de Walton von seinem Pferde gestiegen war, fragte er Greenleaf nach den Vorgängen während seiner Abwesenheit, worauf dann der alte Armbrustschütze cs für seine Pflicht hielt, zu sagen, daß ein Sänger, der ein Schotte oder ein herumstreichender Grenzbewohner zu sein scheine, in das Schloß eingelassen sei, während sein Sohn, der an der jetzt so viel besprochenen Pest leide, auf einige Zeit sein Unterkommen im St. Bridekloster gefunden habe. „Wir brauchen keinen solchen Zeitvertreib," erwiderte der Gouverneur, „und es hätte uns mehr zur Zufriedenheit gereicht, wenn unser Stellvertreter andere Gäste für uns auf- gcfunden hatte, welche sich für offenen und freimüthigen Verkehr besser eignen, als ein Mann, welcher seinem Gewerbe nach ein Lästerer Gottes und ein Betrüger der Menschen ist." „Ja," sagte der alte Soldat, der sogar kaum seinen Befehlshaber anhören konnte, ohne sich seiner Neigung zum Widerspruch -inzugeben, „ich habe Euer Gnaden bemerken hören, daß Las Gewerbe eines Sängers, wenn es gerecht betrieben wird, ebenso viel Werth besitzt, als sogar die Würde der Ritterschaft." 89 „Das mag in früheren Tagen der Fall gewesen sein," erwiderte der Ritter, „die gegenwärtigen Sänger aber haben die Pflicht zur Tugend anzuseuern vergessen, und cs ist noch ein Glück, wenn die Dichtkunst, die unsere Väter zu edlen Thatcn anregte, deren Kinder nicht zu niedrigem und unwürdigem Leben antreibt. Ich will jedoch darüber mit meinem Freund Aymer sprechen, im Vergleich mit welchem ich keinen ausgezeichneteren oder muthigeren jungen Mann kenne." Während er mit dem Armbrustschüßen in dieser Weise sich untcrredete, trat Sir John de Walton, eine schlanke und schöne Gestalt, unter den weiten Bogen des Kamincs im Wachzimmer; der zuverlässige Gilbert horchte auf ihn mit achtungsvollem Schweigen, und füllte mit Winken und Zeichen als ein aufmerksamer Zuhörer die Pausen im Gespräche aus. Das Verfahren eines anderen Zuhörers war nicht in gleicher Weise achtungsvoll; wegen seiner Stellung entging derselbe aber der Beobachtung. Diese dritte Person war Niemand anders, als der Knappe Fabian, welcher durch seine Stellung hinter dem Vorsprunge des Kamins der Beobachtung entging und sich noch sorgfältiger versteckte, als er vernahm, daß das Gespräch zwischen dem Gouverneur und dem Armbrustschüßen, sich auf die Ansichten seines Herrn, die er für Vorurtheile hielt, richtete. Die Beschäftigung des Knappen war die niedrige Aufgabe, Sir AymcrS Waffen zu reinigen, was dadurch geschah, daß die einzelnen Stücke der Stahlrüstung auf dem schon erwähnten Vorsprung erwärmt wurden, damit sie den gewöhnlichen dünnen Ueberzug von Firniß annehmen könnten. Wurde er entdeckt, so konnte sein Benehmen deshalb nicht als unverschämt oder achtungswidrig gelten. Er wurde vor der Entdeckung um so mehr geschützt, da ein dicker Rauch aus Eichenholz mit Schnißwerk emporstieg, von 90 welchem manches das Wappen und die Thaten der DouglaS- Familie darstellte; dies Holzwerk, welches qerade für Feuerung bereit gelegen war, dampfte auf dem Kamine, um bald in Hellen Flammen auizuschlagcn. Der Gouverneur setzte sein Gespräch mit Gilbert fort, ohne daß er merkte, die Zahl seiner Zuhörer habe sich vermehrt. „Ich brauche Euch nicht zu sagen, daß ich ein Interesse an der schnellen Beendigung dieser Belagerung oder Blokade habe, womit der Douglas uns zu bedrohen fortfährt; meine eigene Ehre und meine Gefühle erheischen, daß ich dies gefährliche Schloß für England bewahre, aber die Zulassung dieses Fremden macht mir Unruhe. Der junge de Valence wäre seinen Vorschriften genauer nachgekommen, wenn er dem Wanderer jede Verbindung mit der Besatzung ohne meine Erlaubniß untersagt hätte." „Es ist Schade," erwiderte der alte Gilbert, indem er seinen Kopf schüttelte- „daß dieser gutmüthige und tapfere junge Ritter bisweilen durch den unbedachten Rath seines Knappen, des Knaben Fabian, von seiner Bahn abgebracht wird, welcher zwar tapfer ist, allein so wenig Beharrlichkeit besitzt, als eine Flasche von gegornem Dünnbier." „Der Henker hole dich," dachte Fabian. „Altes Ueber- bleibsel aus den Kriegen, voll von Eigendünkel und Kriegsausbrüchen, wie ein Soldat, welcher sich zum Schutz gegen die Kälte in eine zerlumpte Fahne als Mantel eingewickelt hat, damit selbst seine Außenseite nichts wie Lumpen und kriegerische Sinnbilder zeigt." „Ich würde nicht zweimal an die Sache denken, wäre mir der Mann weniger theuer," sagte Sir John de Walton; „ich möchte diesem jungen Mann aber von Nutzen sein, selbst 91 wenn ich seinen Fortschritt in militärischer Kenntniß auf Kosten einigen Schmerzes erkaufen müßte, der ihm durch mich dabei ertheilt würde. Die Erfahrung sollte der Seele eines jungen Mannes eingebrannt und nicht bloß ihm durch Zeichnung einiger Umrisse mit Kreide, wie bei einer Landkarte, ertheilt werden. Ich will des Winkes gedenken, den Ihr mir, Gilbert, gegeben habt, um diese beiden jungen Männer von einander zu trennen; obgleich ich den Einen sehr liebe, und weit davon entfernt bin, dem Andern Böses zu wünschen, so führt doch jetzt, wie Ihr sehr richtig bemerkt, der Blinde nur den Blinden. Denn der junge Ritter hat als Gehülfen und Rathgeber einen zu jungen Knappen; das aber muß gebessert werden," „Der Teufel hole dich, alte Wanderraupe," dachte der Page, „habe ich dich also auf der That ertappt, daß du mich und meinen Herrn verlästerst, wie du deiner Natur gemäß gegen alle hoffnungsvollen jungen Knospen der Ritterschaft verfahren mußt. Müßte ich nicht die Waffen eines Zöglings im Ritterthum dadurch beschmutzen, daß ich sie mit einem Manne deines Ranges kreuzte, so mochte ich dich mit einer ritterlichen Aufforderung zum Kampfe beehren, so lange die von mir gesprochene Verläumdung noch stinkend auf deiner Zunge ist; wie es jetzt steht, sollst du nicht eine Art Sprache öffentlich im Schlosse auf der Zunge haben, und eine andere für den Gouverneur bereit halten, weil du mit ihm unter dem Banner von König Edward gefochlen hast. Ich will meinem Herrn diese deine bösen Absichten berichten, und wenn wir unsere Verabredung getroffen haben, wird cs sich zeigen, ob die jungen Leute mit kühnem Muth oder die Graubärte die Ordnung und der Schutz dieses Schlosses Douglas sein werden." Wir brauchen hier nur zu bemerken, daß Fabian seinen Zweck ausfübrte und seinem Herrn in nicht sehr guter Laune die Unterredung zwischen Sir John de Walton und dem alten Soldaten berichtete. Es gelang ihm, das ganze als eine förmliche gegen Sir Apmer de Valence beabsichtigte Beleidigung dar,»stellen, während Alles, was der Gouverneur that, um den Verdacht des jungen Ritters zu beseitigen, bei diesem keine freundschaftliche Ansicht von den Gefühlen seines Befehlshabers gegen ihn erwecken konnte. Er behielt den Eindruck, den er von Fabians Erzählung erhalten hatte, und glaubte jetzt, er erweise dem Sir John de Walton kein Unrecht, wenn er bei ihm den Wunsch voraussetze, den größten Antheil am Ruhme in der Vertheidigung des Schlosses für sich in Anspruch zu nehmen und seinen Gefährten zu entziehen, welwe einen bedeutenden Antheil nach aller Billigkeit daran erhalten mußten. Die Mutter des Unheils, sagt ein schottisches Sprüchwort, ist nicht größer als ein Mückenflügel. In dieser Ursache zum Streit hatten weder der junge Mann noch der ältere Ritter einander gerechte Ursache zur Beleidigung gegeben. De Walton war ein strenger Beobachter der MilitärdiSciplin, worin er von frühester Jugend an erzogen worden war, und wodurch er sich beinahe ebenso wie durch seinen natürlichen Charakter bestimmen ließ; seine gegenwärtige Lage crtheilte um so größere Kraft seinen durch Erziehung erlangten Eindrücken. Das Gerücht hatte die militärische Geschicklichkeit, die Liebe zu Abenteuern und die Mannigfaltigkeit der Unternehmungen sogar noch übertrieben, welche James, dem jungen Lord von Douglas, zugeschrieben wurden. Er besaß in den Augen der englischen Garnison eher die Fähigkeiten eines Teufels als eines bloßen Sterblichen; wenn nämlich die englischen 93 Soldaten die Langeweile einer fortwährenden Wache verfluchten, welche keinen Nachlaß von ihrem strengen Dienste gestattete, so konnten sie »ach ihren übereinstimmenden Angaben sich darauf verlassen, daß ihnen eine große Gestalt mit der Streitaxt in der Hand erschien, sich mit ihnen auf höchst einschmeichelnde Weise in ein Gespräch einließ, und jedesmal mit einer Freimüthigkeit und Bcredtsamkeit, wie sie nur ein gefallener Geist besitzen konnte, der unzufriedenen Wache eine Weise angab, wodurch dieselbe sich in Freiheit setzen könne, wenn sie Beistand beim Verrathe der Engländer leiste. Die Mannigfaltigkeit dieser Entwürfe und die Häufigkeit ihres Vorkommens hielt de Walton's Aengstlichkett so fortwährend rege, daß er zu keiner Zeit sich für gesichert vor dem schwarzen Douglas hielt, eben so wenig wie der gute Christ sich für unerreichbar hinsichtlich der Schlingen des Teufels hält; jede neue Versuchung bestätigt alsdann nicht die Hoffnung, daß man den weiteren entgehe, sondern scheint nur anzukündigen, daß auf den augenblicklichen Rückzug des bösen Feindes, ein neuer mit größerer Schlauheit ersonnener Angriff folgen wird. Bei diesem allgemeinen Zustand der Aengstlichkeit und der Besorgniß verschlimmerte sich stets die Stimmung des Gouverneurs; sogar diejenigen, welche ihn am meisten liebten, bedauerten, daß er sich stets über Mangel an Sorgfalt von Seiten derjenigen beklage, welche nicht mit derselben Verantwortlichkeit wie er behaftet, noch auch von der Hoffnung so glänzender Belohnung beseelt, nicht denselben Grad wachsamen und unaufhörlichen Verdachtes -egten. Die Soldaten murrten, daß die Wachsamkeit ihres Gouverneurs zu streng sei; die Offiziere und Männer höheren Ranges, von welchen mehrere im Schlosse sich befanden, da dasselbe als Waffenschule berühmt war, und sogar der bloße Dienst innerhalb seiner 94 Mauern ein gewisses Ansehen crtheilte, beklagten sich, daß Sir John de Walton keine Hirsch- oder Falken-Jagden an- stellle, und überhaupt keine Vergnügungen erlaubte, welche die Strenge der Kriegführung mildern könnten, sondern kein anderes Treiben, als die Uedung der pünktlichsten Disciplin gestattete. Andererseits muß man gewöhnlich zugestehen, daß ein Schloß wohl bewacht ist, wo der Gouverneur aus strenge Kriegszucht hält; daß ferner bei Streitigkeiten und persönlichen Zänkereien in einer Besatzung die jüngeren Leute mehr Schuld haben, als diejenigen, deren größere Erfahrung sie von der Nothwendigkeit strenger Vorsichtsmaßregeln überzeugt hat. Eine großmüthige Seele, wie eine solche sich bei Sir John de Walton vorfand, wird oft in dieser Weise durch die Gewohnheit zu großer Wachsamkeit verändert und über die natürlichen Grenzen der Aufrichtigkeit hinausgeführt. Auch Sir Apmer de Valencc war nicht frei von ähnlicher Veränderung; Verdacht, obgleich aus verschiedener Quelle entsprungen, schien auf seinen offenen und edlen Charakter, Eigenschaften, die bisher ihm eigen gewesen waren, Einfluß zu üben. Vergeblich suchte Sir John de Walton mit Eifer nach Gelegenheiten, um seinem jüngeren Freunde Nachsicht zu zeigen, welche zu Zeiten sich so weit ausdehnte, als die Pflicht der Besatzung es gestattete. Der Schlag war geschehen, ein stolzer und feuriger Charakter war auf beiden Seiten in Unruhe versetzt worden; während de Valence die Meinung hegte, daß ein Freund, welcher in mancher Hinsicht ihm verbunden sei, ihn ungerechter Weise im Verbackt habe, meinte de Walton andererseits, daß ein junger Mann, den er mit eben so voller Sorgfalt behandelte, als sei derselbe sein eigener Sohn, welcher ferner seinen Lehren Alles verdankte, was er vom Kriege 95 wußte und was er an Erfolgen während seines Lebens gewonnen hatte, sich wegen Kleinigkeiten für beleidigt und auf sehr unpassende Weise für mißhandelt hielt. Der so zwischen Beiden gesäte Samen der Zwietracht verbreitete sich bald wie der unter dem Walzen durch einen Feind verbreitete Lolchsamen, von einer Klaffe der Besatzung zu einer andern; die Soldaten, obgleich aus keinem andern Grunde als wegen des Zeitvertreibs, nahmen Partei für den Gouverneur oder dessen Lieutenant; als so der Ball der Zwietracht zwischen Beide geworfen war, fehlte es nicht mehr an dem einen oder anderen Arm, um ihn in Bewegung zu erhalten. 96 Sechstes Kapitel. Einst hat die Freundschaft sie umschlungen, Doch Glft erzeugten andre Zungen; Gar selten ist Beständigkeit, Die Jugend eitel, so ist das Leben, Wenn statt der Liebe Zorn sich beut, Wird Wahnsinn das Gehirn burchbeben — Hohn wird dem Trotz zurückgegebcn, DaS Herz des Bruders z» verwunden, Ein Mittler auch ward nie gesunden, Um Haß und Aerger zn zerstieben; Sie schienen fremd, die Wunde» blieben, Gleich Felsen, die zerklüftet waren, Von wilder Mecreeflnth durchflossen, Sind beide jetzt: Wird man gewahren, Daß an dem Bund, der sie umschlossen, Sich dunkle Spure» nicht bewahre»? Col cridge. In Verfolgung des Zweckes, welcher bei kühlerem Blut dem Sir John de Walton am zweckmäßigsten schien, beschloß derselbe die äußerste, nur mögliche Nachsicht gegen seinen Lieutenant und seine jüngeren Offiziere zu üben, ihnen jede Art von Vergnügung zu gewähren, welche der Platz gestattete, und dadurch, daß er sie mit Höflichkeit überlud, Scham über ihre Unzufriedenheit zu erwecken. Das erste Mal deshalb, daß er Sir A-mer de Vaience nach seiner Rückkehr zum Schlosse sah, redete er ihn in heiterer Laune an, mochte dieselbe wirklich oder erzwungen sein. »Was hältst du davon, junger Freund," sagte de Walton, 97 „wenn wir hier in den Wäldern einige Jagden versuchen, welche diesem Lande eigenthümlich sind? In unserer Nähe gibt es noch einige Heerden des kaledonischen wilden Rindviehs, welches sonst nicht mehr zu finden ist, als hier in dem Moor- landc an der kahlen und zerklüfteten Grenze des Landes, welches im Alterthum das Königreich von Strathclhde ge< nannt wurde- Es gibt auch noch einige Jäger, welche an diese Jagd gewöhnt sind und einen Eid darauf oblegen, daß diese Thiere die wildesten und kühnsten Gegenstände der Jagd auf der ganzen britischen Insel sind." „Thut, was Euch beliebt," erwiderte Sir Apmcr mit Kälte, „ich jedoch pflege nicht, Sir John, wegen einer Jagd Euch anzuempfehlen, daß Ihr die ganze Garnison in Gefahr bringt; Ihr kennet am besten Eure Verantwortlichkeit wegen Eures Amtes, und müßt dieselbe sorgfältig überlegt haben, bevor Ihr einen Vorschlag solch einer Art macht." „Ich kenne allerdings meine Pflicht," sagte Sir Walton seinerseits ärgerlich, „und darf auch wohl an die Eure denken, ohne mehr wie meine gewöhnliche Verantwortlichkeit auf mich zu nehmen; es scheint mir jedoch, als ob der Befehlshaber dieses gefährlichen Schlosses unter anderem Mißgeschick, wie die alten Leute des Landes sagen, auch einem Zauber unterworfen sei, wodurch es ihm unmöglich werde, sein Betragen so einzurichten, daß er denjenigen, die er sich am meisten zu verpflichten wünscht, irgend ein Vergnügen gewähre. Noch vor wenigen Wochen würden die Augen des Sir Apmer bei dem Vorschläge einer allgemeinen Jagd nach einem neuen Wilde gefunkelt haben; und was ist jetzt, da ich solche Jagd vorschlage, sein Benehmen, und zwar bloß, wie ich glaube, um meine Absicht, ihm einen Gefallen zu erweisen, zu vereiteln? — eine kalte Einwilligung fällt halb erfroren von Das grsährl. Schloß ». and. Erzähl. 7 98^ seinen Lippen, und er macht den Vorschlag zum Aufbruch, damit man die wilden Stiere aufscheuche, mit einer so ernsten Miene, als unternehme er eine Pilgerfahrt nach dem Grabe eines Märtyrers." „Nicht so, Sir John," erwiderte der junge Ritter, „in unserer gegenwärtigen Lage haben wir Beide zusammen mehr Aufträge, wie Einen, und obgleich die größere Verantwortlichkeit der Herrschaft Euch, als dem älteren und fähigeren Ritter, aufgedürdct ist, so empfinde ich doch, daß auch mein Antheil kein geringer ist- Ich vertraue deßhalb, daß Ihr mit Nachsicht meine Meinung anhört und ertragen werdet, wenn es auch scheinen sollte, daß dieselbe sich auf denjenigen Theil unserer gemeinschaftlichen Pflicht bezieht, welcher hauptsächlich Eurer Sorgfalt anvcrtraut ist. Die Würde der Ritterschaft, welche ich mit Euch zu theilen die Ehre habe, sowie der vom königlichen Plantagenet mir ertheiltc Ritterschlag geben mir, wie mich däucht, Ansprüche auf diese Gnade." „Ich bitte Euch um Verzeihung," sagte der ältere Ritter, „ich vergesse, welch eine wichtige Person ich vor mir habe, welche vom König Edward selbst zum Ritter geschlagen wurde, der doch ohne Zweifel seine besonderen Gründe haben mußte, um Euch die Ehre so früh zu übertragen- Auch fühle ich sicherlich, daß ich meine Pflicht überschreite, wenn ich etwas wie eitles Vergnügen einer Person von so großer Bedeutung vorschlage." „Sir John de Walton," erwiderte de Valence, „dergleichen Reden sind schon zu oft vorgekommen, schweigen wir hier. Ich will nur sagen, daß ich bei dieser Bewachung von Castle Douglas meine Einwilligung nicht ertheilen werde, wenn irgend eine Vergnügung, welche eine Nachlassung der DiSciplin bestimmt in sich begreift, unnöthig eingegangen 99 wird, und besonders eine solche, welche uns zwingt, zu unserem Beistände eine Anzahl von Schotten aufzubieten, deren üble Gesinnung gegen uns wir sämmtlich kennen; auch will ich nicht leiden, obgleich meine Jahre solchem Verdachte mich ausgesetzt haben, daß Etwas der Art mir vorgeworfen wird. Wenn wir unglücklicherweise die Bande der Freundschaft beseitigen sollten, welche uns früher verbunden haben, obgleich ich sicherlich nicht weiß, weßhalb dicß geschehen sollte, so sehe ich dennoch keinen Grund, weßhalb wir nicht in unseren gegenseitigen Mittheilungen wie Ritter und Edelleute verfahren, und die beste Auslegung bei unseren Beweggründen gegenseitig anwenden könnten, da doch kein Grund vorhanden sein kann, um das Schlimmste irgend einer Handlung von uns irgend zum Vorwurf zu machen." „Ihr habt vielleicht Recht, Sir Apmer de Valence," sagte de Walton mit einer steifen Verbeugung; „da Ihr sagt, daß wir nicht länger mit einander als Freunde verbunden sind, so könnt Ihr dennoch die Ueberzeugung hegen, daß ich niemals einem feindlichen Gefühle, dessen Gegenstand Ihr sein könntet, Raum in meiner Brust gestatten würde. Ihr seid lange Zeit, und ich hoffe, nicht nutzlos, mein Schüler in den Pflichten des Rittcrthums gewesen, Ihr seid ein naher Verwandter des Grafen von Pembroke, meines gütigen und beharrlichen Beschützers, und werden diese Umstände wohl erwogen, so bilden sie eine Kette, die ich wenigstens nicht so leicht zerbrechen könnte; seid Ihr nach Eurem Gefühle, wie Ihr anzudeuten scheint, weniger fest durch frühere Verbindlichkeit gebunden, so müßt Ihr Eure Wahl treffen, um unsere Beziehungen gegen einander zu bestimmen." „Ich kann nur sagen," erwiderte de Valence, „daß mein Verfahren natürlich durch das Eurige bedingt werden wird. 7 » Ihr, Sir John, könnt nicht aufrichtiger, als ich, die Hoffnung hegen, daß unsere militärische Pflichten nach Gebühr vollbracht werden, ohne daß sie unserem freundschaftlichen Verkehre Eintrag thun-" Die Ritter trennten sich nach diesem Gespräch, welches ein- oder zweimal beinahe mit einer vollkommenen und herzlichen Erklärung hätte enden können; es fehlte aber von beiden Seiten ein freundschaftliches, herzliches Wort, um gleichsam das Eis zu brechen, welches in ihren Unterredungen schnell sich bildete; keiner wollte der Erste sein, um dem Andern mit genügender Herzlichkeit entgegen zu kommen, obgleich zu letzterem ein Jeder gern bereit gewesen wäre, hätte der Andere den Wunsch gezeigt, die Erklärungen mit demselben Eifer anzunehmcn; der Stolz Beider war jedoch zu groß und verhinderte einen Jeden, dasjenige zu sagen, was ein offenes und männliches Verfahren hcrgestellt haben würde. Sie trennten sich deßhalb, ohne wieder aus den Gegenstand der beabsichtigten Vergnügung zurückzukommen, bis dicß nachher in einem förmlichen Schreiben geschah, welches Sir Aymer de Valence ersuchte, die Commandantcn von Douglas- Castle auf eine feierliche Jagd zu begleiten, deren Gegenstand die wilden Stiere des benachbarten Thales sciit sollten. Die Zeit der Zusammenkunft war um 6 Uhr Morgens, außerhalb des Thvres des äußeren Bollwerks festgesetzt, und die Jagd sollte am Nachmittag enden, wenn das Signal zur Heimkehr unter der große» Eiche, genannt Sholo's Keule, geblasen würde — ein Baum, der als ein in die Augen fallender Gegenstand auf dem Platze stand, wo DouglaSdale durch mehrere zerstreute Baumgruppen, gewissermaßen den Ausläufern des gebirgigen Waldlandes, begrenzt war. Das 101 gewöhnliche Aufgebot wurde an das niedere Volk oder an die Vasallen der Gegend gesandt, welches diese, ungeachtet ihrer Abneigung, im Allgemeinen mit Vergnügen nach dem großen epicuräischen Grundsatz earpe lliein aufnahmen, d. h. verliere keine Gelegenheit zur Erholung, welche das Leben gewahrt, unter welchen Umständen sich dieselbe auch darbieten mag. Eine Jagd hatte noch immer viel Anziehendes, sogar wenn ein englischer Ritter im Douglaöwalde seinem Vergnügen nachging. Es war ohne Zweifel betrübend für die treuen Vasallen, daß sie einen andern Herrn, wie den gefürchteten Douglas, anerkennen mußten, und im Wald, sowie am Strom aus den Befehl englischer Offiziere und in'Gesellschaft ihrer Armbrustschützen, die sie für ihre natürlichen Feinde hielten, dem Treibjagen sich zu stellen gezwungen waren. Es war jedoch die einzige Vergnügung, die ihnen auf lange Zeit noch gestattet war, und sie waren nicht geneigt, die sich ihnen darbietende Gelegenheit vorübergehen zu lassen. Die Jagd des Wolfes, des wilden Ebers, oder sogar die des furchtsamen Hirsches erheischte eine Bewaffnung; bei dem wilden Rindvieh war die Ausrüstung von Armbrusten und Pfeilen, Eberspießen und scharfen Schwertern, sowie von anderen Jagdwaffen, die denen des wirklichen Krieges glichen, noch bei weitem mehr erforderlich. In Betracht dessen wurden den schottischen Einwohnern nur selten gestattet, der Jagd sich anzuschließen und auch alsdann wurden Anordnungen hinsichtlich ihrer Zahl und Waffen, und besonders letztere insoweit vorgeschrieben, daß ihnen von den Streitkräften der Engländer das Gleichgewicht gehalten wurde; Umstände, die den Schotten sehr anstößig waren- Der größere Theil der Besatzung wurde bei solchen Gelegenheiten dazu entboten und verschiedene Abtheilungen, 102 nach den Bestimmungen des Gouverneurs gebildet, wurden, für den Fall eines plötzlich ausbrcchenden Streites, auf verschiedenen Punkten ausgestellt. Siebentes Kapitel. Als Treiber weithin aus sich dehnen. Den Hirsch empor zu scheuchen, Erprobten Schütze» ihre Sehne»! Ob weit die Pfeile reichen, ES lief dnS Wild erschreckt i»> Wnld, An jeder Seit' umgeben, Als das Gebell der Hunde schnür, Die Hirsche zu erlcgeu, , Ballade der ChePY-Jagd. Der festgesetzte Morgen war kalt und rauh und nach Art des schottischen Wetters rein; die Hunde kläfften, gähnten und zitterten; die Jäger, obgleich abgehärtet und voll freudiger Erwartung hinsichtlich der Jagd des Tages, zogen ihre niederländischen Mäntel dicht an den Hals zusammen und schauten mit einiger Furcht auf die Nebel, welche am Horizont schwebten, um bald auf die Gipfel und Rücken der vorragenden Berge zu sinken, bald aber unter dem Einfluß ungewisser Winde, die durch das Thal wehend, abwechselnd höher und niedriger blieben, ihre Lage an den Bergseitcn zu verändern. Dennoch bot das Aussehen des Ganzen, wie es bei allen Theilen der Jagd gewöhnlich ist, ein heiteres und vergnügtes Schauspiel. Ein kurzer Waffenstillstand schien zwischen den 103 Völkern stattzufindcn; cs schien eher, als ob das schottische Volk die Jagd seiner Berge in freundschaftlicher Weise den englischen, für die damalige Zeit hochgebildeten Rittern und den muthigen Bogenschützen Alt-Englands zu zeigen sich bemühe, als ob es einen Lehendienst, welcher weder leicht, noch ehrenvoll war, auf Befehl der mit Gewalt herrschenden Nachbarn zu vollbringen habe. Die Gestalten der Reiter, bald zur Hälfte erblickt, bald vollkommen sichtbar, und in starker Körper-Anstrengung dem Charakter des gefährlichen und zerklüfteten Bodens gemäß sich zeigend, zogen die Aufmerksamkeit der Fußgänger auf sich, welche, die Hunde leitend, oder das Dickicht durchschreitend, die Gegenstände der Jagd aufscheuchten, die sie in den Schluchten vorfanden und ihr Auge auf die Jäger hefteten, welche sowohl als beritten, wie durch die Schnelligkeit, wozu sic ihre Pferde antrieben, mehr in's Auge fallen mußten; diese Jäger nämlich kümmerten sich um etwaige Unglücksfälle dort eben so wenig, wie die Jäger der Gegenwart auf Melton Mowbrap, oder einem andern berühmten Jagdfelde. Die Grundsätze, nach welchen neuere und ältere Jagden ausgeführt wurden, waren aber, so weit cs überhaupt nur möglich ist, von einander verschieden. Ein Fuchs oder ein Hase gilt in unfern Tagen als ein genügender Rechtfertigungsgrund, um 4o bis so Hunde und beinahe eben so viel Menschen und Pferde auf einen Tag lang in Bewegung zu er'«alten; die alte Jagd aber, wenn sie auch nicht, wie dieß härsig der Fall war, mit einem Kampfe endigte, hatte einen wichtigeren Zweck, und erweckte eine weit größere Aufregung. Läßt sich wirklich eine Art Körperübung als allgemein erheiternd und jede Thätigkeit in Anspruch nehmend, vor allen ander, bezeichnen, so ist dieß sicherlich die Jagd- Der arme, 104 überarbeitete Taglöhner, welcher sein ganzes Lebenlang gedient und alle seine Kräfte als Untergeordneter von Neben- menschcn aufgcrieben hat, welcher viele Jahre lang der Sclav des Ackerbaues, oder, was noch schlimmer ist, der Fabriken war, welcher von Jahr zu Jahr sich nur damit beschäftigt, eine Metze Getraide zu ziehen, oder welcher jeden Tag die einförmige Arbeit an einem Stehpulte vollbringt — ein solcher kann kaum für das allgemeine Glück unempfindlich bleiben, wann die Jagd mit Hunden und Hörnern an ihm vorüber fährt, und muß auf einen Augenblick alles Entzücken des stolzesten Cavalieres empfinden, der am Vergnügen Anthcil nimmt. Ein jeder, welcher Zeuge eines solchen Anblicks war, mag sich die Kraft und die lebhafte Theilnahme in's Gedächt- niß zurückrufen, die man einem ganzen Dorfe, mit Einschluß der ältesten und schwächsten Einwohner, bei solchen Gelegenheiten eingeflößt sieht. Nach den Worten von WordSworth läßt sich alsdann sagen: Auf, Temothy, sei mit dem Stabe bereit! Keine Seele verbleibt in dem Dorfe heut! Bon Hamilton's Gut ist der Hase verscheucht, Skiddo» ist erfreut, weil Gebell cs erreicht. Man vergleiche aber diese aufregenden Töne mit dem Getümmel einer ganzen feudalen Bevölkerung, welche an der Jagd Theil nimmt und deren Leben statt bei der einförmigen Arbeit neuerer Berufsgeschäfte zu vergehen, durch die Wagnisse des Krieges und der Jagd, dem Bilde desselben, bewegt wurde; alsdann muß man nothwendig voraussetzen, daß die Aufregung sich schnell wie ein Feuer verbreitete, welches über eine dürre Haide hinfährt. Um uns eines gewöhnlichen Ausdrucks zu bedienen, den wir einem andern Vergnügen entlehnen, so wird das Netz alsdann bei solchen Ge- legenheiten schnell mit Fischen angefüllt. Eine alte Jagd war, mit Ausnahme der Natur des Gemetzels, einer neueren Schlacht beinahe gleich, wenn der Kampf auf einer mannigfach gestalteten und ungleichen Oberfläche statifindet. Eine ganze Gegend ergoß alsdann ihre Einwohner, welche einen Ring von großer Ausdehnung bildeten, allmälig vordrangen und ihren Kreis verengten und so die erschreckten Thiere jeder Art vor sich Hertrieben, dieselben waren sämmt- lich in Rudeln oder vereinzelt, wenn sie aus rem Dickicht oder Moor hervordrangen, das Ziel des Bogens, des Wurfspießes oder anderer geschleuderter Waffen, welche die Jäger besaßen; andere dagegen wurden niedergerannt und durch große Jagdhunde zerrissen oder noch häufiger zum Stehen gebracht, worauf dann die angesehensten gegenwärtigen Personen für sich das Vergnügen in Anspruch nahmen, sie mit ritterlicher Hand zu erlegen, wobei ein Jeder sich einer solchen Gefahr auSsetzte, wie man sie bei einem tödtlichen Kampfe, sogar von einem furchtsamen Redbock erwarten kann, wenn demselben keine Wahl bleibt, als sein Leben herzugeben, oder sich mit seinem Geweih und mit allem Muthe der Verzweiflung zur Wehre zu setzen. Die Masse des damals in Douglasdale befindlichen Wildes war sehr beträchtlich, denn wie schon angegeben wurde, hatte eine große Jagd schon lange nicht mehr unter den Douglas stattgefunden, deren Unglück seit mehreren Jahren mit dem ihres Landes begonnen hatte. Die englische Garnison hatte sich vorher nicht für stark und zahlreich genug zu Ausübung dieses hochgeschätzten Feudalvorrechtes gehalten. Somit hatte sich das Wild beträchtlich vermehrt- Rothwild, wildes Rindvieh und wilde Schweine verweilten nahe am Fuß der Gebirge und drangen häufig in den niederen Theil des Thales, welcher in Douglasdale keine geringe Aehnlichkeit mit einer Oase bietet, denn er ist von dichten Wäldern, von Moorland mit Teichen gelegentlich auch von felsigem Boden umringt, so daß große Strecke» öden Gebietes vorhanden find, in welche das Wild von der Nähe des Menschen gedrängt, sich gerne zu verstecken Pflegt. Als die Jäger die Orte durchzogen, welche das Feld vom Walde trennten, herrschte unter ihnen die aufregende Ungewißheit, welche Art Wild zuerst sich finden werde. Der Jäger mit gespannter Armbrust oder mit zum Wurf bereiten Speere, beobachtete sorgfältig, während sein gutes mit Gebiß wohl versehenes Pferd zum Sprung bereit gehalten wurde, welche Thiere aus dem Dickicht Hervordringen würden, so daß er bereit war, mogten Hirsche, Eber, Wölfe, wildes Rindvieh oder andere Arten von Wild ihm in den Wurf kommen. Der Wolf, welcher durch seine Räubereien das gefährlichste der wilden Thiere war, gewährte jedoch nicht die von seinem Namen zu erwartende Unterhaltung; er floh gewöhnlich auf große Entfernung, bisweilen auf mehrere Meilen, ehe er Muth genug faßte, sich seinem Feinde zu stellen, obgleich er in solchen Augenblicken furchtbarer war, und sowohl Hunde wie Menschen durch seinen furchtbaren Biß häufig tödtete, so wird er dagegen zu andern Malen wegen seiner Feigheit verachtet. Der Eber war andererseits ein weit zornigeres und muthige- res Thier. Das wilde Rindvieh''), das furchtbarste aller Bewohner des 6) Diese Stiere werden oon Hector BobthiuS in folgender Weise geschildert: ..In diesem caledvnischen Walde sieht man bisweilen wilde Stiere mit krausen und lockigen Mähnen, gleich trotzigen Löwen; obgleich sie sanft und zahm in der übrigen Gestalt ihrer Körper scheinen, waren sie wilder als andere Thiere, und hegten solchen Haß gegen die 107 alten caledonischen Waldes, war übrigens für die englischen Ritter der interessanteste Gegenstand ihrer Verfolgung. Der Schall der Hörner, das Gestampf der Pferdchufe, das Brüllen des wüthenden wilden Rindviehs, das Gestöhn der von erwür- Gesellschaft des Menschen, daß ge niemals in die Wälder oder ans die Wiesen kamen, wo sie die Spur eines Fußes ober einer Hand fanden, und daß sie viele Tage nachher keine Kräuter fraßen, welche von Menschen berührt worbe» waren. Diese Stiere waren so wild, daß man sie nur mit großer List fangen konnte, und so unzähmbar, daß sie einige Tage nach ihrem Einsangen an unerträglichen Schmerzen starben; sobald ein Mensch diese Stiere angriff, stürzten sie mit so gewaltigen; Andrang auf ihn ein, daß sie ihn zu Boden warfen; sie fürchteten sich dabei weder vor Hunden, noch scharfen Lanzen, noch andern Waffe» der tödtlichsten Art." (lliroiiioou Lcotorum. Val. I.) Das wilde Rindvieh dieser Nasse, welches man seht nur noch auf einem Gute in England, dem Chillingham-Castle in Nvrkhumberland antrifft, fand sich, soweit Menschen sich jetzt noch erinnern können, auch auf drei Plätzen, in Schottland, Drumlanrig, Cumbernauld und dem oberen Parke von Hamilton Pallace; an diesen Orten sind die Thiere jedoch, wie ich glaube mit Ausnahme des letzteren, wegen ihrer Wildheit ausgerottet worden. Obgleich dieses wilde Rindvieh der Neuzeit, sich durch weiße Farbe und schwarze Schnauze anszeichnet, und auch noch die schwarze, drei oder vier Zoll lange Mähne zeigt, wodurch die Stiere sich besonders auszcichnen, kommen sie durchaus nicht der furchtbaren Beschreibung alter Schriftsteller gleich; einige Naturforscher sind deshalb auf den Gedanken gekommen, daß diese Thiere wahrscheinlich einer verschiedenen Unterart angehörcn, obgleich sie dieselben Gewohnheiten besitzen und zu derselben Specics gehören. Die Knochen, die man in den schottischen Torfmooren oft entdeckt, gehören auch sicherlich zu einer größeren Nasse wie der vom Chillingham, welche selten schwerer wie >8 Stvne lje 14 Pf.) sind, indem bas allgemeine Gewicht von kg bis 8V Stone ist. DaS Fleisch dieses Rindviehs hat einen ausgezeichneten Geschmack und ist in schöner Weise mit Fett durchzogen. Sir Walter Scott erhielt über dies Rindvieh folgende Mittheilungen: „Wist man ein Thier in Chillingham tödten, so begibt sich der Wildhüter zu Pserd unter die Heerde, welche auf diese Weise zugänglich ist, 108 gcndcn Hunden zerfleischten Hirsche, der wilde Jubel der Männer bildete einen Chor, welcher sich weit über die Gegend, worin er entstand, ausdehnte, und die Einwohner des Thales in ihren verborgensten Schlupfwinkeln zu bedrohen schien. sucht sich ei» Opfer aus, legt mit einer großen Büchse an und verfehlt selten sein Ziel. Wann das arme Thier in seinem TvdeSkampfe viel brüllt, und besonders wenn der Boden mir seinem Blute befleckt ist, ge> rathcn die übrigen in heftige Wuth und nehmen, wie ich glaube, an seinem Tode großen Antheil; alsdann fliehen sie in einen entlegeneren Theil des ParkeS, und der Leichnam wird auf einer Schleife fortgebracht. Lord Tankerville, der Eigenthümcr des Gutes, hält sehr auf die Erhaltung dieser merkwürdigen Thiere. Er gibt um keinen Preis ei» lebendiges Exemplar ab, und gestattet kaum die Tödtung einer erforderlichen Anzahl, damit für die Anderen genügende Waide bleibt. Bor einigen Jahren besuchte eine Gesellschaft daS Schloß,'worunter sich auch einige Offiziere befanden, die auf Büffeljagden in fremden Länder» gewesen waren. Nachdem diese Erlaubniß erhalten hatten, das Werk des Wildhüterö zu vollbringen und eines dieser Thiere zu erschießen, ritten fle für die Jagd ausgerüstet, zu Pferde aus, und griffen einen Stier an. Das arme Thier erhielt mehrere Wunden, da aber keine derselben tödtlich war, zog cs sich vor seinen Verfolgern zurück, wobei es aus Schmerz und Wuth brüllte, bis es sich gegen die Parkmauer oder gegen einen Baum stellend, seinen Feinden sich stellte, und ihnen eine trotzige Stirne bot. Als es in dieser Stellung sich befand, ritt der jugendliche Erbe des Schlosses, Lord Ossulsion herbei, um ihm den Tvdesschuß zu geben. Obgleich mau ihn gewarnt hatte, dem wüthen- den Thiere nicht zu nahe zu kommen, und besonders nicht zu feuern, ohne zuerst den Kopf des Pferdes »ach einer Richtung gewandt zn haben, worin dasselbe zur Flucht bereit war, feuerte er sein Gewehr ab; che er jedoch sein Pferd zur Flucht umwendeu konnte, hatte das wüthende Thier seine gewaltigen Hörner in die Seiten desselben getaucht. Das Pferd wankte und war dem Falle nahe, machte sich aber durch heftigste Anstrengungen von seinem wüthcnden Verfolger frei, indem es mit aller Schnelligkeit, welche seine verschwindende Kraft ihm noch ertheilte, davon- cilte, während seine Eingeweide auf dem Boden einhergeschleist wurden, bis eS zuletzt stürzte und sogleich starb. Das Thier war jetzt dicht hin- 109 Während des Verlaufs der Jagd kam ein wilder Stier, wenn man einen Hirsch oder Eber erwartete, .aus dem Gebüsch hervor, riß die jungen Bäume nieder, zerbrach beim Hindurchlaufen die Zweige und vereitelte gewöhnlich jeden Widerstand, der ihm von den Jägern geboten wurde. Sir John de Wal- ton war der einzige Ritter, dem es gelang, eines dieser gewaltigen Thiere zu überwältigen; wie ein spanischer Stierkämpfer warf er nieder und tödtete mit der Lanze einen gewaltigen Stier; zwei Rinder und drei Kühe wurden ebenfalls getödtet, weil sie die Menge der Pfeile, Wurfspeere und andere Geschoße nickt aushalten konnten, welche die Armbrustschützen und die Treiber gegen sie richteten; viele Andere entwichen ungeachtet aller Bemühungen sie aufzufangen, in die finstersten Schlupfwinkel der entlegenen Waldungen des Cairn- tablegebirges, nachdem ihre Häute mit allen Zeichen menschlicher Feindschaft befiedert waren. Ein großer Tbeil des Morgens war in dieser Weise verbracht, bis das Jagdhorn des Jagdmeisters verkündete, daß er die verständige Gewohnheit der Mahlzeit nicht vergessen habe, welche bei solchen Gelegenheiten im Verhältniß zur Menge zugerichtet wurde, die zur Theilnahme an der Jagd zusammengekommen war. Das der Zeit eigenthümliche Signal versammelte die ganze ter dem jungen Lord und derselbe würde ohne Zweifel das Schicksal seines unglücklichen NosseS getheilr haben, wenn nicht der Wildhütcr, der eS für hohe Zeit hielt, das sogenannte Jagdverguügen zu beschließen, in dem Augenblick sein Gewehr abgefeuerr hätte. Sei» Schuß warf das Thier zu Boden, und er beendete dessen Dasein, nachdem er mit seinem Hirschfänger herbeigeeilt war. Diese», Auftritt wurde ovn einem Thürm- chen im Schloß durch Lady Tankerville und deren weibliche Gäste zu- geseheu. Die Lage der Mutter des jungen Lords war sicherlich nicht bcneidenSwerth. ' 110 Gesellschaft aus eine Waldwiese, wo deren Zahl Plaz genug vorfand um sich auf dem grünen Rasen niederzulaffen; das erschlagene Wild gewährte genügenden Vorrath zum rösten und braten, eine Beschäftigung, zu welcher sich sogleich die unteren Volksklassen wandten, während Fässer bereit gehalten und kundig eröffnet den Wein der Gascogne und starkes Bier zum Vergnügen derjenigen hergaben, welche sich zum Genuß desselben zu wenden Lust hatten. Die Ritter, deren Rang sie vom geselligen Verkehr mit Andern abschloß, saßen besonders und wurden von ihren Knappen und Pagen bedient, für welche diese niederen Dienstleistungen nicht als schimpflich, sondern im Gcgentheil als eine Stufe ihrer Erziehung galten. Die Zahl dieser ausgezeichneten Personen, welche bei dieser Gelegenheit an dem sogenannten Tisch mit dem Thronhimmel saßen, welcher mit einer aus grünen Zweigen gebildeten Decke überschattet war, begriff den Sir John de Walton, den Sir Apmer de Valence und einige ehrwürdige, dem Dienst der St. Bride geweihte Mönche, welche, wenn auch schottische Geistliche, von den englischen Soldaten mit geziemender Achtung behandelt wurden. Einige schottische Afterlehnsleute, welche vielleicht der Klugheit wegen, den englischen Rittern gehörige Achtung zollten, saßen am unteren Theil des Tisches und eben so viele englische Armbrustschützen, welche besonders von ihren Vorgesetzten geehrt wurden, waren nach der neueren Phrase zu den Ehren der Versammlung zugelassen worden. , Sir John de Walton saß oben am Tische; sein Auge schien zwar keinen bestimmten Gegenstand zu haben, blieb aber keinen Augenblick ruhig, sondern blickte von einem Gesicht zum andern im Kreise seiner Gäste, denn dies waren ohne Zweifel alle Anwesende, obgleich er selbst kaum hätte angcben können, nach 111 welchem Grundsatz er seine Einladungen erlassen habe; offenbar konnte er sogar sich nicht denken, wodurch die Gegenwart von Einem oder Zwei veranlaßt war. Eine Person besonders zog de WaltonS Blick auf sich, denn dieselbe hatte das Aussehen eines gefürchteten Kriegers, obgleich ihm das Glück bei kürzlichen Unternehmungen nicht ge- lächelt zu haben schien; cs war ein großer derber Mann, von außerordentlich rauhen GcsichtSzügcn; seine Haut, welche durch manches Loch seiner Kleidung zum Vorschein kam, zeigte eine Farbe, welche alle Wechsel eines geächteten Lebens durchgemacht haben mußte; dieselbe schien einem Manne anzugehören, welcher mit Robert Bruce das Schwert gezogen, oder in anderen Worten, mit ihm als Aufständischer in den Sümpfen gelebt haben mußte. Eine solche Vorstellung kam auch de Walton in den Sinn- Die offenbare Kälte, und die Abwesenheit jeder Furcht, während der Fremde am Tisch des englischen Offiziers saß, und sich somit gänzlich in dessen Gewalt begeben batte, war aber mit einer solchen Voraussetzung gänzlich unverträglich. De Walton und mehrere seiner Umgebung hatten im Laufe des Tages beobachtet, daß dieser in Lumpen gekleidete Cava- licr, bei welchem der auffallendste Theil der Kleidung in einem alten Stahlrock und einer verrosteten aber gewaltigen Partisane von acht Fuß Länge bestand, durch überlegene Gewandtheit in der Kunst der Jagd alle andern in der zahlreichen Gesellschaft übertraf. Als der Gouverneur auf diese verdächtige Gestalt geblickt hatte, bis der Fremde die besondere von ihm erregte Aufmerksamkeit merkte, füllte er zuletzt einen Becher mit vorzüglichem Wein und ersuchte ihn als einen der besten Zöglinge des Sanct Hubertus, unter Allen, welche an der Jagd des Tages Theil genommen hatten, ihm in einem 112 bessern Wein Bescheid zu thun, als die übrige Gesellschaft trank. »Ich hoffe, Herr," sagte de Walton, „Ihr werdet nichts dagegen haben, meiner Aufforderung zu einem Becher zu entsprechen und denselben im Weine der Gascogne zu leeren, der auf des Königs eigenen Landgütern wuchs, für dessen Lippen gekeltert wurde und deshalb am meisten dazu geeignet ist, auf die Gesundheit und das Glück Sr. Majestät geleert zu werden." „Eine Hälfte der brittiscben Inseln," sagte der Jäger mit großer Fassung, „wird derselben Meinung wie Euer Gnaden sein; da ich aber zur andern Hälfte gehöre, so kann sogar der ausgesuchteste Wein der Gascogne diese Gesundheit mir nicht annehmbar machen." Ein GeMrmel der Mißbilligung lief durch die gegenwärtigen Krieger; die Priester ließen ihre Köpfe hängen, wurden todtcnbleich und murmelten ihr Unter noster. „Ihr seht, Fremder," sagte de Walton mit finsterem Tone, „daß Eure Worte die Gesellschaft aus der Fassung bringen." „Das mag sein," erwiderte der Mann in selbem derben Tone, „und vielleicht auch liegt dennoch nichts Böses in meiner Rede." „Bedenkt Ihr, daß Ihr dies in meiner Gegenwart sagt?" entgegncte de Walton. „Ja, Herr Gouverneur." „Und habt Ihr die nothwendige Folge bedacht?" fuhr de Walten fort. „Ich kann so ungefähr errathen," erwiderte der Fremde, „was ich vielleicht zu fürchten hätte, wenn Euer sicheres Geleit und Ehrenwort, als Ihr mich zu dieser Jagd einludet, weniger zuverlässig wäre, wie ich vollkommen weiß, daß das Gcgentheil der Fall ist. Ich bin Euer Gast; Euer Fleisch 113 ging durch meine Kehle; Euer Becher mit gutem Wein gefüllt, ist von mir geleert worden, ich wurde nicht den niedrigsten Ungläubigen fürchten, wenn ich zu ihm in solchem Verhältniß stände, viel weniger einen englischen Ritter. Ich sage Euch außerdem, Herr Ritter, Ihr schätzt den Wein zu gering, den Ihr geleert habet. Der Wohlgeschmack und der Wohlgeruch Eures Bechers, mag er wachsen wo er will, ertheilen mir den Mut-, Euch einen oder zwei Umstände zu sagen, welche die vorsichtige Nüchternheit in einem Augenblicke wie diesem ungesagt lassen würde. Ihr wünscht ohne Zweifel zu wissen, wer ich bin, mein Taufnahme ist Michael, mein Familienname ist Turnbull; es ist ein gefürchteter Clan, dessen Ehren ich sowohl in der Jagd wie im Kampfe etwas vermehrt habe. Meine Wohnung ist unter dem Berge am Rubieslaw, an den schönen Strömen des Teviot. Ihr erstaunt, daß ich die Jagd des wilden Rindviehs kenne, ich, der ich von Kindheit an in den einsamen Forsten von Jedd und Souihdcan daran Vergnügen fand und mehr von jenen wilden Thieren erlegte, wie Ihr oder irgend ein anderer Engländer in Eurem Heere jemals gesehen habt, sogar wenn Ihr die wackeren Thaten dieses Tages mit einbegreift." Der kühne Gränzbewohner machte seine Erklärung mit demselben herausfordernden Grad von Kälte, welcher in seinem ganzen Wesen nur herrschte und wirklich auch sein hauptsächlichster Charaktcrzug war. Seine Keckheit unterließ cs nicht, auf Sir John de Walton cinzuwirken, welcher sogleich auS- rief: „zu den Waffen, ergreift den Spion und Verräthcr! Holla; Pagen und Kriegsleute — William, Anthony, Bogen- spanncr und Greenleaf, ergreift den Verräthcr und bindet ihn mit Bogensehnen und Hundeleinen! bindet ihn, sogleich, bis das Blut unter seinen Nägeln hervorschießt!" Dos geführt. Schloß ». and. Erzähl. I. 8 114 „Eine schöne Aufforderung," sagte Turnbull mit rauhem Gelächter; „wüßte ich gewiß, daß zwanzig Leute, die ich nennen könnte, mir antworten würden, so herrschte wenig Zweifel am Ausgange dieses Tages " Die Armbrustschützen drängten sich um den Jäger, legten aber nicht Hand an ihn, denn keiner wollte der Erste sein, um den bei dieser Gelegenheit herrschenden Frieden zu brechen. „Sage mir," sagte de Walton, „Verräther, weshalb bist du hier?" „Nur deshalb," sagte der Jäger, „damit ich dem Douglas das Schloß seiner Ahnen überliefern kann, sowie auch, damit ich dir, Herr Engländer, deine Verdienste dadurch bezahle, daß ich dir die Kehle abschneide, von welcher du einen so kreischenden Gebrauch machst." Zugleich wandte sich der Jäger, als er sah, daß die Kriegs - leute sich hinter ihn drängten, um die Befehle ihres Herrn zu vollführen, sobald dieselben wiederholt wurden, nach denjenigen um, welche, wie es schien, im Begriff standen ihn zu ergreifen; als er sie durch die Plötzlichkeit seiner Handlung veranlaßt hatte, einen Schritt zurück zu treten, fuhr er fort: „Ja, John de Walton, es war vorhin meine Absicht, dich als den Mann zu tödten, welchen ich im Besitze jenes Schlosses und Gebietes finde, die meinem Herrn einem würdigeren Ritter wie du, angehören; ich weiß aber nicht, weshalb ich es unterließ — du hast mir Nahrung gegeben, als ich 24 Stunden gehungert hatte, und ich hegte deshalb nicht den Muth, dir nach deinem Verdienste zu zahlen. Gehe aus diesem Ort und aus diesem Lande und empfange die gutgemeinte Warnung eines Feindes; du hast dich zum tödtlichen Feinde dieses Volkes gemacht, und cs gibt Leute unter denselben, denen man selten ungestraft eine Beleidigung oder einen Trotz bot; t15 nimm dir nicht die Mühe mich aufsuchcn zu lassen, es wird vergeblich sein, dis ich dir zu einer Zeit begegne, die nach meinem Belieben nicht nach deinem angcsetzt werden wird. Treibe deine Nachforschungen nicht bis zur Grausamkeit, um zu entdecken, mit welchen Mitteln ich dich betrogen habe, denn es ist für dich unmöglich dies zu erfahren. Nach diesem freundlichen Rath blicke mich an, und nimm deinen Abschied, denn obgleich wir uns eines Tages begegnen werden, so kann es vielleicht noch lange dauern, bis ich dich wieder sehe." De Walton schwieg, denn er hoffte, daß sein Gefangener, dessen Entkommen ihm unmöglich schien, in seiner Laune Mittheilungen zu geben, einige für ihn nützliche Aeußerungen um ihm Kundschaft zu ertheilen, machen werde; auch wünschte er nicht, den Lärm zu beschleunigen, womit her Auftritt allem Anschein nach schließen mußte, und merkte zugleich nicht den Vortheil, welchen er dem kühnen Jäger dadurch ertheilte- Als Turnbull seine Rede schloß, machte er einen plötzlichen Sprung rückwärts, der ihn aus dem um ihn gezogenen Kreise führte, und bevor noch die Andern seine Absichten merkten, war er im Untcrholze verschwunden. „Ergreift ihn, ergreift ihn!" widerholte de Walton, „laßt ihn wenigstens in unserer Gewalt bleiben, wenn ihn nicht die ^ Erde verschlingt." Dies schien wirklich nicht unwahrscheinlich, denn in der Nähe wo Turnbull seinen Sprung ausgeführt hatte, gähnte ein tiefer Abgrund, in welchen er sich hineinwarf, und durch Beistand von Gebüschen und Krüppelholz hinabstieg, bis er Len Boden erreichte, wo er irgend einen Pfad nach dem Saume des Waldes fand; er entkam unter den Bäumen, während die erfahrensten Jäger unter den Verfolgern gänzlich ungewiß 8 * 116 über seine Richtung waren und seine Spuren nicht zu finden vermochten. Achtes Kapitel. Dies Zwischenspiel brachte einige Verwirrung in die Jagd; die Jäger stutzten über die Erscheinung von Michael Turnbull, einem bewaffneten und sich offen erklärenden Anhänger des Hauses Douglas — ein neuerwarteter Anblick in einem Gebiete, wo sein Herr als Ausrührer und Räuber galt, und wo er selbst den meisten anwesenden Landlcuten bekannt sein mußte. Der Umstand machte einen offenbaren Eindruck bei den englischen Rittern. Sir John de Walton sah ernst und gedankenvoll aus, befahl den Jägern fich sogleich zu versammeln, mit den Soldaten eine genaue Untersuchung unter den Personen zu beginnen, welche die Jagd begleitet hatten, um zu entdecken, ob Turnbull einige Gefährten unter denselben habe; es war jedoch schon zu spät, um die Untersuchung in der strengen Weise anzustellen, welche de Walton anbcfohlen hatte. Als die schottischen Theilnehmer an der Jagd bemerkten, daß dieselbe, unter deren Vorwand sie zusammen berufen waren, unterbrochen wurde, um Hand an ihre Personen zu legen, und sie einer Untersuchung zu unterwerfen, gaben sie sorgfältig überdachte Antworten auf die ihnen vorgelegten Fragen, und bewahrten ihr Geheimniß, wenn sie nur ein solches wußten. Viele von ihnen besorgten im Bewußtsein der schwächere Theil zu sein, einen Hinterhalt, schlüpften deshalb von den Orten weg, die ihnen angewiesen waren und verlie- 1l7 ßen die Jagd wie Leute, denen es klar wurde, daß sie in keiner freundschaftlichen Absicht eingeladen waren. Sir John de Walton merkte die Verminderung in der Zahl der Schotten; ihr allmähliges Verschwinden erweckte bei dem englischen Ritter den Grad von Verdacht, welcher seit Kurzem sein hervorragender Charakterzug geworden war. „Nehmt," sagte er zu Sir Aymer de Valence, „so viele Kriegsleute, als ihr in 5 Minuten zusammen bringen könnt, wenigstens aber hundert berittene Bogenschützen, und reitet so schnell wie möglich ohne zu gestatten, daß sie sich von der Fahne entfernen, um die Garnison von Douglas zu verstärken; ich habe meine eigenen Gedanken über einen Versuch gegen das Schloß, wenn wir hier mit eigenen Augen ein solches Nest von Verräthern versammelt sehen." „Gestattet mir die Bemerkung, Sir John," erwiderte Aymer, „daß Ihr in dieser Angelegenheit über das Ziel hinaus schießt. Ich will durchaus nicht ableugnen, daß die schottischen Bauern feindliche Gedanken gegen uns hegen, da sie aber so lange Zeit alles Jagdvergnügen entbehrten, so könnt Ihr Euch jetzt nicht darüber wundern, daß sie bei irgend einer Vergnügung im Walde oder am Fluß sich zahlreich einstellen; noch weniger dürft Ihr erstaunen, daß sie leicht eine Besorgniß über die Gewißheit mit uns auf gutem Fuße zu stehen, hegen. Die geringste rauhe Behandlung muß sie sogleich mit Furcht erfüllen und ihnen den Wunsch zu entkommen cinflößen." „Deßhalb," sagte Sir John de Walton, welcher mit einem Grade von Ungeduld zugehört batte, der mit der ernsten und förmlichen Höflichkeit, womit Ritter sich einander anzureden pflegten, kaum verträglich war, „deßhalb wäre es mir lieber, wenn Sir Aymer de Valence die Hufe seiner Pferde bei der 118 Ausführung meines Befehles beschäftigte, als daß er seiner Zunge die Mühe gebe, demselben zu widersprechen." Bei diesem scharfen Verweise sahen sich alle Anwesenden mit Anzeichen bestimmten Mißvergnügens gegenseitig an. Sir Apmer war in hohem Grade beleidigt, erkannte aber, daß eine Antwort für den Augenblick ungeeignet sei. Er verbeugte sich, daß die Feder seines Barettes die Mähnen seines Pferdes berührte. Da er sogar nicht einmal sich auf seine Stimme, um im gegenwärtigen Augenblick Antwort zu geben, verließ, führte er einen beträchtlichen Trupp Reiter auf dem geradesten Weg auf Castle Douglas zurück. . Als er auf eine jener Anhöhen kam, von denen aus er den massenhaften und verwickelten Bau von Thürmen und Mauern der alten Festung, mit dem Widerschein des breiten, an drei Seiten sie umringenden See's bemerken konnte, empfand er Selbstgefühl beim Anblick des großen Banners von England, welches auf dem höchsten Lhcile des Gebäudes wehte. „Ich wußte das," dachte er, „ich war überzeugt, daß Sir John de Walton ein Weib in der schwachen Hingebung an seine Furcht und seinen Argwohn geworden ist. Ach! daß eine verantwortliche Lage einen Charakter verändern konnte, den ich als so edel und ritterlich gekannt habe! Jetzt aber weiß ich wirklich nicht, in welcher Weise ich mich benehmen soll, da ich so öffentlich vor der Garnison einen Verweis bekommen habe. Er verdient sicherlich, daß ich zu einer oder andern Zeit ihm zu verstehe» gebe, wenn er auch jetzt in der Hebung seines kurz dauernden Oberbefehls triumphircn könne, so müsse er dennoch sehr in Verlegenheit kommen, um seine Ueberlegenheit über mich zu zeigen, sobald es sich davon handelt, daß Mann gegen Mann steht; vielleicht sogar vermag er es mir nicht einmal gleich zu thun. Wenn jedoch im Ge- gentheil seine Furcht, so phantastisch sie auch sein mag, im Augenblick, wo er sie ausspricht, aufrichtig gemeint ist, so geziemt es mir, den Befehlen pünktlich zu gehorchen, welche, wie abgeschmackt sie auch sein mögen, in Folge der vom Gouverneur gehegten Ansichten gegeben werden, daß sie durch die Zeitumständc nöthig werden, nicht aber Erfindungen sein sollen, um die Offiziere zu ärgern und ihnen seine amtliche Herrschaft fühlbar zu machen. Ich möchte wissen, wie sich die Sache wirklich verhält, und ob der einst so berühmte Walton seine Feinde mehr fürchtet, als es einem Ritter geziemt, oder ob er seine eingebildete Besorgniß zum Vorwand macht, um seine Freunde zu tyrannisiren- Ich kann nicht sagen, ob dies bei mir einen großen Unterschied machen würde; ich möchte aber doch lieber, daß der einst von mir geliebte Mann ein kleinlicher Tyrann, als ein schwachsinniger Feigling geworden wäre; es wäre mir lieber, daß er suchen sollte, mich zu plagen, als daß er vor seinem eigenen Schatten erschrickt." Der junge Ritter ritt mit diesen Gedanken über den Damm weg, welcher den Wassergraben durchzog; als er durch das stark befestigte Thor gekommen war, ertheilte er strenge Befehle, das Fallgatter herunierzulaffen und die Zugbrücke aufzuziehen, sogar wenn de Waltons eigene Fahne vor derselben erscheinen sollte. Eine langsame und vorsichtige Bewegung vom Jagdgrunde nach Castle Douglas gab dem Gouverneur genügende Zeit, um sich wieder zu fassen, und um zu vergessen, daß sein junger Freund weniger Bereitwilligkeit wie gewöhnlich in der Ausführung seiner Befehle gezeigt hatte. Er war sogar geneigt, die Länge der Zeit und den äußersten Grad von Förmlichkeiten als Scherz zu betrachten, womit jeder Umstand kriegerischer Disciplin bei seiner eigenen Zulassung in das Schloß beobachtet wurde, obgleich die rauhe Luft eines Frllhlings- abcnds um seinen durch warme Kleidung nicht geschützten Körper und diejenigen seiner Begleiter pfeifend wehte, als sie vor dem Sckiloßthore wegen des Austausches der Losungswörter, derUebergebung der Schlüffelund aller langsamen Kleinigkeiten warten mußten, welche mit den Bewegungen einer Garnison in einer wohl bewachten Festung verknüpft sind. „Kommt," sagte er zu einem alten Ritter, der in groben Worten auf den Gouverneurlieutenant schmähte, „es ist meine eigene Schuld, ich sprach soeben mit Apmer de Valence in einem Tone nachdrücklicheren Befehles, als es dem vor Kurzem zum Ritter geschlagenen Herrn gefiel; dieses genaue Verfahren des Gehorsams ist keine unnatürliche, und eine sehr verzeihliche Rache- Wohlan, wir wollen es ihm schon zurückgeben, Sir Philipp, es ist dies keine Nacht, um uns außerhalb des Thores zu halten-" Dieses Gespräch hörten einige der Knappen und Pagen, es wurde alsbald von Einem zum Andern überliefert, bis cs den Ton der guten Laune, worin cs gesagt war, gänzlich verlor und jenes Verfahren von Sir Apmer als Beleidigung galt, wegen welcher Sir John de Walton und der alte Sir Philipp sich zu rächen suchten. Es hieß, der Gouverneur habe die Beleidigung als eine tövtliche und absichtlich durch einen untergeordneten Offizier ihm zugesügte Beschimpfung dargestellt. So mehrte sich die Feindschaft von Tag zu Tag zwischen zwei Kriegern, welche ohne gerechte Ursache zum Streit im Grunde ihres Herzens Achtung und Liebe gegen einander hegten. Dieselbe wurde in der Festung sogar den Waffenlcuten vom niedersten Range bemerkbar, die einige Bedeutung dadurch zu erlangen hofften, daß sie sich in die Art Nebenbuhler- schast einmischten, welche durch die Eifersucht der kommandiren- den Offiziere erzeugt wurde — eine Nebenbuhlerschaft, die auch gegenwärtig noch stattfindcn kann, aber sicherlich nicht dieselben Gefühle verwundeten Stolzes und eifersüchtiger Würde hervorruft, die in Zeiten vorhanden waren, worin die persönliche Ehre der Ritterschaft diejenigen, welche dieselbe besaßen, auf jede Kleinigkeit eifersüchtig machte." Es fanden sich zwischen den zwei Rittern so viele kleine Zänkereien, daß Sir Apmer de Valence es für nothwendig hielt, seinem Oheim gleichen Namens, dem Grafen von Pem- broke zu schreiben; er erklärte demselben, sein Befehlshaber, Sir John de Walton, habe unglücklicher Weise ein Vorurtheil gegen ihn gefaßt; nachdem er mehrere empfindliche Beispiele seines Mißfallens ertragen habe, müsse er jetzt darum nachsuchen, daß seine Stelle in Castle Douglas durch einen Andern ersetzt werde, wie viel Ehre auch man dort gewinnen könne, und obgleich vielleicht die Zeit seine gegenwärtige Beschwerde gegen seinen Befehlshaber beendigen könne. In dem ganzen Brief war der junge Sir Apmer besonders vorsichtig in seinen Ausdrücken über Sir John de Waltons Eifersucht oder strenge Behandlung; solche Gefühle lassen sich aber nicht leicht verbergen, und ungeachtet seiner Vorsicht ließ sich Mißvergnügen über seines Oheims alten Freund und Waffengefährten, sowie über den Bereich des Militärdienstes erkennen, welchen sein Oheim ihm zugewicsen hatte. Eine zufällige Bewegung unter den englischen Truppen überbrachte dem Sir Apmer eine Antwort weit früher wie er damals nach dem gewöhnlichen Verlauf des Briesvcrkehrs erwarten konnte, welcher ungemein langsam und häufig unterbrochen war. Pembroke, ein strenger alter Krieger, hegte eine höchst par- 122 teische Meinung über Sir John de Walton, welcher gleichsam ein Werk seiner eigenen Hände war, und ärgerte sich, daß sein Neffe, nach seiner Ansicht noch ein bloßer Bursch, welcher durch die Uebertragung der Ritterwürde in einem viel zu frühen Alter erhoben sei, nicht gänzlich mit seiner Meinung übereinstimme. Er erwiderte ihm somit in einem Tone starken Mißvergnügens, und sprach sich aus, wie eine Person von Rang einem jungen und abhängigen Verwandten über die Pflichten seines Berufes zu schreiben pflegt. Da er die Ursachen der Klagen seines Neffen aus seinem eigenen Brief ersah, so glaubte er, daß er demselben keine Ungerechtigkeit erweise, wenn er sie für geringer halte, wie es wirklich der Fall war. Er erinnerte den jungen Mann an die Pflicht der Ritterschaft, welche in der treuen und geduldigen Ausführung des Militärdienstes hoher wie niederer Art bestand, je nachdem die Umstände es erheischten, worein der Kriegsmann durch sein Gewerbe gelangt sei. Vor Allem aber sei der Posten der Gefahr, den Alle in Douglas-Castle erkennen müßten, zugleich der Posten der Ehre; ein junger Mann müsse vorsichtig sein, um nicht den Verdacht zu erregen, er wünsche seinen gegenwärtigen ehrenvollen Befehl zu verlassen, weil ihm die Dis- ciplin eines so berühmten Befehlshabers, wie Sir John de Walton, mißfalle. Viel auch stand in jenem Briefe, wie es in jenen Zeiten natürlich war, von den Pflichten junger Leute, welche sich im Rath oder in Waffen von älteren unbedingt leiten lassen müßten. Mit Recht war bemerkt, daß ein Befehlshaber, welcher sich in eine Lage versetzt habe, worin er mit seiner Ehre, wo nicht mit seinem Leben für den Ausgang der Belagerung oder Blokade verantwortlich sei, die unbedingte Leitung der ganzen Vcrtheidigung in Anspruch nehmen müsse. Zuletzt erinnerte Pembroke seinen Neffen an den Um- stand, daß sein Ruf während des späteren Lebens in großem Maße von den Berichten Sir John de Waltons abhängig sei; wenige Handlungen verwegener und unüberlegter Tapferreit würden seinen militärischen Ruf nicht so fest begründen, wie Monate und Jahre in regelmäßigem, demüthigem und beharrlichem Gehorsam gegen die Befehle verbracht, welche der Gouverneur von Douglas-Castle in so gefährlichen Zeit- umständcn für nothwendig halten würde. Dies Schreiben langte in so kurzer Zeit nach Absendung des Briefes an, worauf es die Antwort war, daß Sir Apmer beinahe in Versuchung kam zu glauben, de Walton verfüge über ein Mittel des Briefverkehrs mit seinem Oheim, welches dem jungen Ritter selbst, sowie der übrigen Garnison unbekannt war. Da der Graf eine Anspielung auf besonderes Mißvergnügen machte, welches de Valence bei einer kürzlichen unbedeutenden Gelegenheit gezeigt batte, so schien seines Oheims Bekanntschaft mit diesem Umstande und anderen Kleinigkeiten seine Vorstellung zu bestätigen, daß sein Betragen in einer Weise überwacht werde, die er nicht für ehrenvoll hinsichtlich seiner selbst, noch auch von Seiten seines Verwandten für geziemend hielt; kurzum, er glaubte, daß er derjenigen Art Oberaufsicht ausgesetzt sei, hinsichtlich welcher die jungen Leute aller Zeiten eine Anklage gegen die älteren erhoben haben. Es ist kaum nothwendig, hier zu bemerken, daß die Ermahnungen des Grafen Pembroke den feurigen Geist seines Neffen heftig reizten; dies war so sehr der Fall, daß der Graf, wenn er absichtlich die Vorurtheile hätte steigern wollen, die er zu beendigen wünschte, keine zu dem Zweck besser berechneten Ausdrücke hätte wählen können. Die Wahrheit bestand darin, daß der alte Armbrustschütze Gilbert Greenleaf, ohne daß der junge Ritter es wußte, sich 124 nach Pembroke's Laster in Aprshire begeben hatte, und von Sir John de Walton dem Grafen als ein Mann empfohlen war, der über Apnicr de Valence ihm so genaue Nachricht zu geben vermöste, wie er dieselbe nur wünschen könne. Der alte Armbrustschütze war, wie wir gesehen haben, in den Formen des Militärdienstes befangen, und trug auch kein Bedenken, als er über einige Punkte hinsichtlich der Disciplin Sir Apmcrs befragt wurde, einige Winke zu geben, welche mit denjenigen im Briefe des Ritters an seinen Oncle verbunden, den alten strengen Grafen zur Meinung brachten, daß sein Neffe dem Geiste der Insubordination und einer Neigung, sich gegen seinen Befehlshaber aufzulehnen hingebe, die dem Ruf eines jungen Soldaten höchst gefährlich sei. Einige nähere Erklärungen hätten eine vollkommene Uebereinstimmung in den Ansichten beider erzeugen können, allein dazu gestattete das Schicksal weder Zeit »och Gelegenheit, der alte Graf wurde unglücklicherweise bewogen, eine Partei statt eines Unterhändlers im Streite zu werden, „Und sein Beschluß verwirrte nur den Streit." Sir John de Walton bemerkte bald, daß der Empfang von Pembroke's Brief die Kälte im Benehmen seines Lieutenants nicht änderte; der Verkehr beider blieb auf denjenigen beschränkt, welcher durch ihre Lage unvermeidlich wurde, und zeigte kein Entgegenkommen zum Zweck einer freimüthigercn oder freundschaftlicheren Verbindung. Somit blieben beide, wie es jetzt bisweilen bei Offizieren in ihren bezüglichen «Stellungen der Fall sein mag, in jenem kalten und steifen amtlichen Verkehr, worin ihre beiderseitigen Gespräche auf wenige Ausdrücke hinsichtlich ihres Dienstes beschränkt waren, welche ihre Lage durchaus erheischte. Ein solcher Zustand des Mißverständnisses ist wirklich schlimmer wie ein offener Streit; letzterer läßt sich durch Erklärungen oder Entschuldigungen schlichten, oder ein Gegenstand der Vermittlung werden; in solchem Fall jedoch wie dem ersteren ist eine Erklärung ebenso unwahrscheinlich, wie ein allgemeiner Kampf zwischen zwei Heeren, welche starke VertheidigungSstellungen beiderseitig eingenommen haben. Ihr Dienst jedoch zwang die zwei Hauptpersonen in der Garnison von Douglas-Castle zu häufigen Zusammenkünften, wobei sie so weit entfernt waren, eine Gelegenheit zur Ausgleichung zu suchen, daß ste sogar gewöhnlich ihre alten Veranlassungen zur Uneinigkeit wieder hervorsuchtcn- Bei einer solchen Gelegenheit geschah es, daß de Walton in sehr förmlicher Weise de Balence fragte, zu welchem Zweck und auf wie lange Zeit er den Sänger, Bertram genannt, im Schlosse lassen wolle. „Eine Woche," sagte der Gouverneur, „ist in solchen Zcit- umständen, und solchem Orte wie diesem hier, sicherlich genügend, um die einem Sänger schuldige Gastfreundschaft zu leisten." „Sicherlich," erwiderte der junge Mann, „habe ich nicht genug Interesse an dem Gegenstände, um darüber einen einzigen Wunsch zu hegen." „In dem Fall," bemerkte de Walton, „werde ich diese Person ersuchen, ihren Besuch im Schloß Douglas abzubrechen." „Ich weiß von keinem besondern Interesse," erwiderte Aymer, „welches ich an dem Verfahren dieses Mannes hegen könnte. Er befindet sich hier unter dem Vorwände, die Schriften eines Thomas von Erccldoun, Reimer genannt, aufzusuchen, welche, wie er sagt, sehr merkwürdig sind, und von welchen sich ein Buch in des alten Barons Studierzimmer 126 befindet, das auf irgend eine Weise aus den Flammen bet der letzten Feuersbrunst gerettet wurde. Dies gab so viel Kunde von seinen Abfichten, wie ich Euch mittheilen kann; haltet Ihr aber die Gegenwart eines wandernden alten Mannes und die Nähe eines Knaben für gefährlich hinsichtlich des von Euch bewachten Schlosses, so handelt Ihr ohne Zweifel Eurem Rechte gemäß, wenn Ihr ihn fortschickt; dazu ist nur Ein Wort aus Eurem Munde erforderlich." „Verzeiht mir," sagte de Walton, „der Sänger kam hieher als Einer aus Eurem Gefolge, und ich konnte ihn nicht nach Gebühr der Höflichkeit ohne Eure Erlaubniß fortschicken." „Alsdann," erwiderte Sir Aymer, „thut es mir leid, daß Ihr Euren Willen nicht eher erwähnt habt. Ich habe niemals einen abhängigen Vasallen oder Diener bewirthet, dessen Aufenthalt im Schlosse ich nur einen Augenblick mehr wie Ihr wünscht, auszudehnen gewünscht hätte." „Zu meinem Bedauern," sagte Sir John de Walton, „find wir beide seit Kurzem so außerordentlich höflich gegen einander geworden, daß cs für uns sehr schwierig geworden ist, uns verständlich zu machen. Wir wissen nicht, von wo dieser Sänger und sein Sohn gekommen ist, und wohin die Beiden gehen wollen. Unter einigen Leuten Eures Gefolges herrschte ein Gerede, daß dieser Kerl Bertram untcrweges die Keckheit hatte, Euch in's Gesicht das Recht des Königs von England auf die Krone Schottland in Frage zu stellen, und daß er die Sache mit Euch besprach, nachdem Ihr de» Wunsch ausgesprochen hattet, Eure andern Begleiter möchten Zurückbleiben, so daß sie nicht zuhören konnten." „Ha," rief Sir Apmer aus, „wollt Ihr aus dem Umstande eine Anklage gegen meine Lehenstreue schmieden! Ich bitte Euch, zu bemerken, daß eine solche Behauptung meine Ehre verletzt, die ich Willens und bereit bin, bis zum letzten Athem- zug zu vertheidigen." „Daran zweifle ich nicht, Herr Ritter," erwiderte der Gouverneur, „meine Beschuldigung betrifft aber den umherstreichenden Sänger und nicht den hochgebornen englischen Ritter- Wohlan! der Sänger kömmt in dies Schloß und spricht seinen Wunsch aus, daß sein Sohn in dem kleinen alten Kloster der St. Bride Quartier nehmen dürfe, wo zwei oder drei schottische Nonnen und Mönche die Erlaubniß erhalten haben zu wohnen, und zwar hauptsächlich eher aus Achtung vor ihrem Orden, wie wegen des guten Willens, den man gegen die Engländer oder deren König bei ihnen voraussetzt. ES ist auch zu bemerken, daß diese Erlaubniß, wenn die von mir eingezogene Kundschaft richtig ist, durch eine weit größere Geldsumme erkauft wurde, wie gewöhnlich in den Börsen der herumstreichcnden Sänger zu finden ist — einer Claffe von Reisenden, die ebenso bemerkenswert- wegen ihrer Armuth wie wegen ihres Geistes erscheint. Was haltet Ihr von allem dem?" „Ich?" erwiderte de Valence, „es ist mir lieb, daß meine Lage, als ein Soldat unter dem Befehl eines Andern mich jeder Verpflichtung daran zu denken, entbindet. Mein Posten als Lieutenant Eures Schlosses ist solcher Art, daß ich nicht glauben kann, mir stehe viel freier Wille zu Gebote, wenn ich einmal mit meiner Ehre und meiner Seele Abrechnung getroffen habe; ich verspreche Euch, Ihr sollt mich darin nicht zu tadeln haben oder keinen schlechten Bericht an meinen Oheim deßhalb schicken müssen." „Das ist mehr, wie sich ertragen läßt," sagte Sir John de Walton halb bei Seite und fuhr dann laut fort: „Erweist um des Himmels willen Euch und mir nicht die Unge- 128 rcchtigkeit, daß Ihr voraussetzt, ich wolle Euch durch diese Fragen einen Vortheil abgewinnen. Bedenkt, junger Ritter, daß wenn Ihr Fragen ausweicht, um Eurem kommandirendcn Offizier auf dessen Verlangen Eure Meinung zu sagen, Ihr in Bezug auf den Dienst ebenso ein Vergehen begeht, als wenn Ihr Euch weigern würdet, ihm den Beistand Eures Schwertes und Eurer Lanze zu leihen." „Wenn das der Fall ist," erwiderte de Valence, „so laßt mich in deutlichen Worten wissen, worin Ihr mich um meine Meinung fragt. Ich will fie mit deutlichen Worten sagen, und das Ergebniß vertreten, sogar wenn ich das Unglück haben sollte (ein für einen jungen Mann und einen untergeordneten Offizier unverzeihliches Verbrechen), verschiedener Anficht wie Sir John de Walton zu sein." „Ich frage Euch also, Herr Ritter von Valence," erwiderte der Gouverneur, „was Eure Meinung über diesen Sänger Bertram ist, und ob der Verdacht hinsichtlich seiner und seines Sohnes nicht solcher Art ist, daß ich fie zur Ausführung meines Dienstes in genaues Verhör mit der gewöhnlichen und außergewöhnlichen Befragung nehmen muß, wie es in solchen Fällen gewöhnlich ist, und ob fie nicht aus dem Schloß und dem Gebiet von Douglasdale unter Strafe der Geißelung zu vertreiben sind, wenn fie sich wieder in diesen Gegenden um- herstreifend antreffen lassen." „Ihr fragt mich um meine Meinung," sagte de Valence, „und ich will Euch dieselbe, Herr Ritter von Walton, so frei und offen sagen, als ständen wir noch auf einem so freundschaftlichen Fuße wie jemals. Ich stimme mit Euch darin überein, daß die meisten derjenigen, welche heut zu Tage die Kunde des Gesanges ausüben, durchaus ungeeignet find, die höheren Ansprüche dieses edlen Standes zu erheben. Sänger 129 von Rechtswegen sind Leute, welche sich der edlen Beschäftigung gewidmet haben, ritterliche Thaten und großmiithige Grundsätze zu feiern; durch ihre Verse wird der tapfere Ritter dem Ruhme überliefert und der Sänger besitzt ein Recht, oder hat vielmehr die Verpflichtung, den von ihm gepriesenen Tugenden nachzueisern. Die lockeren Sitten der Zeit haben die Bedeutung dieser Klaffe von Wanderern vermindert und ihre Moralität geschmälert; ihre Satire und ihr Lob werden jetzt zu oft nur aus Liebe zum Gewinn erthcitt; es steht aber zu hoffen, daß cs einige unter ihnen gibt, welche ihre Pflicht kennen und gern vollbringen. Meine Meinung nun geht dahin, daß dieser Bertram sich für einen Mann hält, welcher die Entwürdigung seiner Genossen nicht theilt und nicht das Knie vor dem Mammon dieser Zeiten beugt. Es bleibt Euch überlassen, Herr, zu beurtheilen, ob solch eine ehrenwerthe und sittlich gesinnte Person dem Schlosse Douglas irgend wie gefährlich werden kann. Da ich jedoch, nach den von ihm geäußerten Gefühlen, der Meinung bin, daß er unfähig ist, die Rolle eines Verräthers zu spielen, so muß ich entschiedene Vorstellungen dagegen machen, daß er innerhalb der Mauern einer englischen Besatzung als Verräthcr bestraft oder der Folter unterworfen wird. Ich würde für mein Vaterland er- röthen, wenn es von uns verlangen sollte, solch unglückliches Elend Wanderern zuzufllgen, deren einziger Fehler in ihrer Armuth besteht; Eure ritterlichen Empfindungen werden Euch dasselbe eindringlicher machen, als es mir Sir John de Waltvn gegenüber erlaubt ist, ausgenommen in so weit, wie ich ihm meine eigene Meinung sagen darf." Sir John de Walton's finstere Stirne wurde geröihet, als er eine Meinung im Widerspruch zu seiner eigenen vernahm, welche seine Absicht als ungroßmüthig, roh und unritterlich Das gchihrl. Schloß u. and Sr>ähl. I. g brandmarkte. Er machte eine Anstrengung, um seinen Gleichmut- zu bewahren, während er mit einer gewissen Ruhe antwortete: »Ihr habt Eure Meinung gesagt, Sir Apmer de Valence, und ich danke Euch, daß Ihr mir sie offen und kühn ohne Rücksicht auf die mcinige geäußert habt. Es ist nicht ganz so klar, daß ich meine eigenen Gedanken den Eurigen unterordnen müßte, im Fall die Vorschriften, unter denen ich meinen Oberbefehl habe, die Befehle des Königs und die Beobachtungen, die von mir selbst ausgingen, mir ein anderes Verfahren vorschreiben, als Ihr mir anzurathen für gut findet." De Walton verbeugte sich zum Schluß mit großem Ernst; der junge Ritter gab den Gruß mit demselben Grade steifer Förmlichkeit zurück, fragte, ob ihm besondere Befehle über seinen Dienst im Schloß zu ertheilcn seien, und entfernte sich, als er eine verneinende Antwort erhalten hatte. Sir John de Walton äußerte einige Worte des Aergers, als sei seine Hoffnung getäuscht, daß seine Zuvorkommenheit hinsichtlich einer Erklärung mit seinem jungen Freunde wider Erwarten erfolglos geblieben sei, runzelte die Stirn, als ergebe er Ich tiefem Nachdenken, und ging mehrere Male im Gemache auf und ab, während er überdachte, welches Verfahren unter diesen Umständen einzuschlagen sei. „Es ist hart für mich," dachte er, „ihm einen strengen Tadel zu crtheilen, wenn ich bedenken muß, daß meine eigenen Gedanken und Gefühle bei meinem ersten Auftreten im Leben dieselben, wie bei diesem schwindelhaften und heißblütigen aber großmüthigen Burschen gewesen sein würden. Die Klugheit lehrt mich bei tausend Umständen, gegen die Menschen Verdacht zu' hegen; wo kein genügender Grund vorhanden ist, will ich auch meine Ehre und Vermögen eher wagen, als daß ich einem faulen, herumstreichenden Sänger einigen Schmerz 131 verursache, der sich jedenfalls mit Geld wieder ausgleichen läßt; ich besitze aber kein Recht, mich dem Wagniß einer Verschwörung gegen den König auszusetzcn und so die verratheri- sche Uebergabe des Schlosses Douglas zu befördern, wozu, wie ich weiß, so manche Entwürfe geschmiedet werden. Hinsichtlich derselben ist kein Plan so verzweifelt, daß Werkzeuge mit genügender Kühnheit sich nicht finden ließen, um die Ausführung zu unternehmen. Ein Mann in meiner Lage muß, wenn auch der Sclave seines Gewissens, die falschen Bedenklichkeiten bei Seite setzen, welche scheinbar aus unserem moralischen Gefühl entspringen, da sie in Wirklichkeit nur die Eingebungen einer gezierten Weichlichkeit sind- Ich schwöre beim Himmel, ich will mich nicht.von den Thorheiten eines solchen Burschen wie Apmer anstecken lassen; ich will nicht, damit ich seinen Launen nachgebe, Alles verlieren, was Liebe und Ehrgeiz für einen zwölfmonatlichen Dienst der wachsamsten und widerwärtigsten Art mir darbieten kann; ich will geradezu auf meinen Zweck losgehen und in Schottland dieselben Vorsichtsmaßregeln wie in der Gascognc und der Normandie in Anwendung bringen — Holla, Page!" Einer seiner Diener erschien, — „Hole mir Gilbert Green- leaf, den Armbrustschützen, und sage ihm, daß ich mit ihm über die zwei Bogenstäbe und Bündel Pfeile reden will, hinsichtlich derer ich ihm einen Auftrag nach Ayr gab." Nach wenigen Minuten trat der Armbrustschütze ein, indem er in seiner Hand zwei noch nicht gänzlich fertige Bogenstäbe und eine Anzahl Pfeile in einem Bündel hielt. Er zeigte die geheimnißvollen Blicke eines Mannes, dessen offenbares Geschäft von keiner großen Wichtigkeit ist, aber als Paß für andere Angelegenheiten geheimer Natur dient. Als der Ritter schwieg, und keine andere Gelegenheit gab, das Gespräch zu 9 * 132 eröffnen, begann der geschickte Unterhändler mit dem ihm auf der Hand liegenden Geschäft- „Hier sind die Bogenstäbe, edler Herr, die ich auf Euren Wunsch aus Ayr mitgebracht habe, als ich beim Heere des Grafen Pembroke war- Sie sind zwar nicht so gut, wie ich hätte wünschen mögen, vielleicht aber besser, als sie irgend ein Anderer hätte verschaffen können, welcher kein genauer Kenner der Waffe ist. Des Grafen Pembroke ganzes Lager ist darauf versessen, sich ächte spanische Bogenstäbe aus Corunna oder andern spanischen Häfen zu verschaffen; obgleich aber zwei damit beladene Schiffe, vorgeblich für des Königs Heer bestimmt, in dem Hafen von Apr landeten, so glaube ich doch nicht, daß die Hälfte davon in englische Hände gekommen ist. Diese zwei wuchsen in Sherwood, und da dieselben seit der Zeit von Robinhood gezeitigt sind, so werden sie weder in Kraft noch in Richtigkeit des Schusses bei so starken Händen und scharfen Augen versagen, die man bei den KriegSleutcn Eurer Gnaden vorfindet-" „Und wer hat die Uebrigen bekommen, da zwei Schiffsladungen neuer Bogenstäbe in Ayr angelangt sind, und du nur mit Schwierigkeit zwei alte gebracht hast?" fragte der Gouverneur. „Wahrlich, ich mache nicht genug Anspruch auf Geschicklichkeit," erwiderte Grccnleaf die Achsel zuckend, „man spricht aber dort ebenso wie hier von Verschwörungen- Die Schotten sagen, daß ihr Bruce und seine übrigen Vettern einen neuen Maientanz beabsichtigen, und daß der geächtete König bei Turnderry im Beginn des Sommers mit einer Anzahl derber Bauern aus Irland landen will. Ohne Zweifel Hallen sich die Leute seiner angeblichen Grafschaft Carrick bereit, um mit Bogen und Speer an einem so hoffnungsvollen Unternehmen 133 Anthcil zu nehmen. Ich verlasse mich daraus, daß es uns nur einige Bündel Pfeile kosten wird, um die Sache dort in Ordnung zu bringen." „Ihr sprecht also von Verschwörungen in diesem Tbeile des Landes, Greenleaf", sagte de Walton, „ich kenne Euch als scharfsinnigen Gesellen, der manchen Tag an den Gebrauch des Bogenstabes und der Sehne gewöhnt ist, und der nicht gestatten wird, daß solch ein Treiben unter seiner Nase vorgeht, ohne daß er es bemerkt." „Der Himmel weiß, ich bin alt genug," sagte Greenleaf, „habe genug Erfahrung in diesen schottischen Kriegen und weiß genug, ob diese Schotten ein Volk sind, dem Ritter und Kriegsleutc vertrauen können. Sagt nur, cs sei ein falsches Geschlecht, und sagt auch, ein guter Bogenschuß habe Euch das gesagt, der mit gutem Zielen selten eine Handbreit über die Mitte der Scheibe hinausschoß. Ach, Herr, Euer Gnaden weiß mit ihnen umzugehen; Ihr reitet sie scharf und zieht straff den Zügel an. Ihr seid nicht wie die einfältigen Neulinge, welche glauben, daß man mit Milde bei ihnen etwas ausrichtet, und welche als artige und großmüthige Herren vor jenen treulosen Bergbewohnern salutiren möchten, welche ihr ganzes Leben lang von Artigkeit und Großmuth nichts wissen " „Du machst da eine Anspielung auf Jemand," sagte der Gouverneur, „und ich befehle dir, Gilbert, klar und aufrichtig gegen mich zu sein. Wie ich glaube, weißt du, daß Vertrauen auf mich dir nicht zum Schaden gereichen wird." „Das ist wahr, Herr," sagte das alte Ueberbleibsel der Kriege, indem er die Hand an die Stirn hob, „es wäre jedoch unvorsichtig, alle Bemerkungen mitzutheilen, welche in einer so wichtigen Besatzung, wie dieser, durch eines alten Mannes Hirn kommen. Man stolpert unversehens über Einbildungen 13L wie über Wirklichkeiten, und so erhält man nicht ohne Grund den Ruf eines Zwischenträgers und Unheilstifters bei den Kameraden; ich jedoch möchte nicht gern freiwillig einer solchen Bezeichnung anheimfallen." „Sprich offen mit mir," erwiderte de Walton, „und fürchte dich nicht vor übler Deutung, von welcher Art auch der Stoff deines Gesprächs sein mag." „Um die Wahrheit zu sagen," erwiderte Gilbert, „so fürchte ich nicht die Vornehmheit dieses jungen Ritters, denn ich bin der älteste Soldat in der Besatzung und spannte die Armbrust schon lange bevor er von der Muttermilch entwöhnt war." „Euer Verdacht also richtet fick auf de Valence," sagte de Walton, „auf meinen Lieutenant und Freund?" „Auf nichts," erwiderte der Bogenschütze, „was die Ehre des jungen Ritters selbst betrifft, welcher so tapfer ist, wie das Schwert, welches er trägt, und in Betracht seiner Jugend einen hohen Rang in der englischen Ritterschaft einnimmt, allein er ist jung, wie Euer Gnaden weiß, und ich gestehe, daß er durch die Wahl seiner Gesellschaft mich beunruhigt und besorgt macht." „Wie Ihr wißt, Greenleaf," erwiderte der Gouverneur, „kann ein Ritter in der Unthätigkeit einer Besatzung seine Vergnügungen nicht immer auf Leute seines Ranges beschränken, welche nicht zahlreich und zum Theil auch nicht zu Spielen und zur geselligen Unterhaltung so geneigt find, wie er wünschen würdet „Ich weiß das," erwiderte der Bogenschütze, „und würde kein Wort über Euer Gnaden Lieutenant sagen, wenn er sich ehrlichen Leuten, wie sehr dieselben ihm am Range auch untergeordnet sein mögen, im Ringen oder Stockfechten anschließen würde. Wenn jedoch Sir Apmer de Valence eine Liebhaberei 135 ^ an kriegerischen Erzählungen früherer Tage hat, so glaube ich, daß er dergleichen besser von den alten Soldaten, die Edward I-, Gott erlöse ihn, begleiteten, erlernen könnte, denn diese haben vor seiner Zeit die Bürgerkriege und andere Schlachten gekannt, worin die Ritter und Bogenschützen des lustigen England so viele tapfere Thaten vollbrachten, die der Nachwelt erzählt werden müssen. Ich sage, das würde sich für den Neffen des Grafen von Pembroke besser ziemen, als daß er sich täglich mit dem herumziehenden Sänger einschließt, welcher seinen Lebensunterhalt durch das Hersagen von Unsinn gewinnt, den er jungen Leuten vorlügt, die ihm zuhören wollen- Man kann kaum von ihm sagen, ob er schottisch oder englisch in seinen Meinungen ist, und noch weniger läßt es sich Nachweisen, ob er von den Engländern oder von den Schotten stammt, oder weshalb er an diesem Schloß umherschlendert, und Alles, was darin vergeht, den alten Mönchen in St. Bride berichtet, die mit ihrer Zunge sagen: Gott erhalte » König Edward, in ihren Herzen aber beten» Gott erhalte König Modert de Bruce. Eine solche Verbindung kann er leicht durch seinen Sohn unterhalten, der sich im St. Bride- Kloster, wie Euer Gnaden weiß, unter dem Vorwand einer Krankheit befindet." „Was sagt Ihr," rief der Gouverneur aus, „unter einem Vorwand? er ist also nicht wirklich krank?" „Nun, er mag todeskrank sein, so viel ich weiß," erwiderte der Armbrustschütze, „wenn dies aber der Fall ist, so wäre es doch weit natürlicher, daß der Vater am Krankenbette des Sohnes sich befände, als daß er hier im Schloß umherstreift, wo man ihn stets im Studierzimmer des alten Barons oder in einem andern Winkel antrifft, in welchem man ihn am wenigsten erwarten sollte." 136 „Wenn er keinen gesetzlichen Zweck bat," erwiderte der Ritter, „so ist es vielleicht wie Ihr sagt; er soll jedoch die Gedichte und Erzählungen von Merlin, vom sogenanten Reimer oder von einem andern alten Barden hier aufsuchcn, und i» Wahrheit, es ist für ihn natürlich, daß er seinen Vorrath von Kenntnissen und sein Vermögen, Vergnügen zu wecken, zu erweitern sucht. Wo aber sollte er hiezu die Mittel finden, wennnicht in einem mit alten Büchern gefüllten Studierzimmer?" „Ohne Zweifel," erwiderte der Bogenschütze mit einer Art trockenen und höflichen Lächelns, welches Unglauben ausdrückie; „ich habe selten einen Aufstand in Schottland gekannt, den nicht irgend ein alter und vergessener Reimer prophezcihte, den man aus Staub und Spinnengeweben hervorgesucht hatte, um den Rebellen Muth zu machen; denn diese hätten sonst nicht das Pfeifen unserer Pfeile zu erwarten gewagt. Aber Lockenköpfe sind unbesonnen, und mit Eurer Erlaubniß, Herr Ritter, hat Euer eigenes Gefolge zu viel an feuriger Jugend, für so ungewisse Zeiten wie die jetzigen." „Du hast mich überzeugt, Gilbert, und ich will das Treiben und die Beschäftigung dieses Mannes genauer wie bisher untersuchen. Es ist jetzt nicht die Zeit, die Sicherheit eines königlichen Schlosses wegen großmüthiger Ziererei hinsichtlich eines Mannes auf's Spiel zu setzen, von dem wir so wenig wissen, und von dem wir einen schweren Verdacht hegen können, ohne ihm Ungerechtigkeit zu erweisen, bis wir eine sehr vollständige Aufklärung erlangen. Befindet er sich jetzt in dem Gemache, welches man das Studierzimmer des Barons nennt?" „Euer Gnaden wird ihn sicherlich dort antreffen," erwiderte Grecnleaf. „So folge mir mit zwei oder drei deiner Kameraden, in solcher Weise, daß man dich nicht sieht, daß du mich aber 137 hören kannst; es ist vielleicht nothwcndig, diesen Mann zu verhaften." „Mein Beistand." sagte der alte Arnibrustschütze, „soll bereit sein, wenn Ihr ruft, aber —" „Was aber," fiel der Ritter ein, „ich werde Zweifel und Ungehorsam doch nicht überall antreffen?" „Sicherlich nicht bei mir," erwiderte Greenleaf, „ich möchte Euer Gnaden nur erinnern, daß Alles, was ich sagte, nur der Ausdruck meiner aufrichtigen Meinung in Beantwortung der Fragen Euer Gnaden war, daß ferner Sir Aymer de Valence fich zum Beschützer dieses Mannes erklärt hat und ich nicht gern der Rache desselben auSgesetzt sein möchte." „Bah," erwiderte Sir Walton, „ist Sir Ahmer der Gouverneur dieses Schlosses» oder bin ich's? Wem sonst wie mir seid Ihr verantwortlich, um Fragen zu beantworten, die ich Euch vorlege?" „Nun," erwiderte der Bogenschütze, im Geheimen nicht unzufrieden, daß de Walton einige Eifersucht auf seine Gewalt zeigte, „glaubt mir, Herr Ritter, daß ich die Stellung Euer Gnaden so gut wie meine eigene kenne, und daß man mir nicht zu sagen braucht, wem ich zu gehorchen habe." „Gehen wir also zum Studierzimmer, um den Mann aufzusuchen," sagte der Gouverneur- „Eine schöne Angelegenheit," meinte Greenleaf, als er ihm folgte, „daß Euer Gnaden in Person gehen muß, um nach der Verhaftung eines so niedrigen Gesellen zu sehen. Euer Gnaden hat jedoch Recht; diese Sänger sind oft Taschenspieler, und besitzen die Gewalt, durch Mittel zu entfliehen, welche unwissende Leute, wie ich, der Zauberei zuzuschreiben geneigt sind." Ohne auf diese letzten Worte zu achten, begab sich Sir 138 John de Walton in's Studierzimmer, indem er mit schnellen Schritten ging, als -ade dies Gespräch seinen Wunsch gesteigert, sich in den Besitz der Person des verdächtigen Sängers zu setzen. Als der Gouverneur die Gänge des Schlosses durchschritt, erreichte er bald das Studierzimmer, ein Gemach mit steinernem Gewölbe und einer Art eisernen Schrankes zur Aufbewahrung von werthvollen Gegenständen und Papieren für den Fall einer Feuersbrnnst. Hier traf er den Sänger an, wie er an einem kleinen Tische saß, und ein offenbar sehr altes Manuscript in den Händen hielt, indem er damit beschäftigt schien, Auszüge aus demselben zu machen. Die Fenster des Zimmers waren sehr klein und zeigten noch einige Spuren, daß sie ursprünglich die Geschichte der St. Bride in Glasmalereien enthalten hatten — ein weiteres Zeichen der Andacht, welche die mächtige Familie der Douglas ihrer Schutzheiligen widmete. Der Sänger, welcher in die Betrachtung seiner Aufgabe tief versunken schien, erhob sich, als er durch das unerwartete Eintreten von Sir John de Walton gestört wurde, mit jedem Zeichen der Achtung und Dcmuth; indem er vor dem Gouverneur stehen blieb, schien er die Fragen zu erwarten, als dabe er geahnt, daß der Besuch aus ihn besonders Bezug habe. „Ich vermuthe, Herr Sänger," sagte Sir John de Walton, „daß Ihr in Euren Nachsuchungcn Erfolg hättet, und daß Ihr in dem Manuscript die Gedichte oder Prophezeibungen gesunden habt, welche Ihr unter diesen zerbrochenen Simsen und durcheinander geworfenen Büchern suchtet." „Ich war glücklicher, als ich erwarten konnte," erwiderte der Sänger, „in Betracht der Verbrennung des Schlosses. Dies, Herr Ritter, ist offenbar das verhängnißvollc Buch, 139 welches ich suchte, und es ist merkwürdig, daß ich, in Betracht der Zerstörung anderer Bücher in dieser Bibliothek, einige wenige, obgleich unvollkommene Stücke daraus finden konnte." »Da Ihr also Eure Neugier befriedigen konntet," sagte der Gouverneur, »so hoffe ich, Sänger, daß Ihr nichts dagegen haben werdet, auch die meinige zu befriedigen." Der Sänger erwiderte mit derselben Demut-: „wenn Etwas in dem geringen Bereiche meiner Geschicklichkeit liegt, welches Sir John de Walton irgendwie zufrieden stellen kann, so werde ich meine Laute holen und alsbald seinen Befehlen gehorchen." „Ihr irrt Euch, Herr," sagte de Walton in einem etwas harten Tone, „ich bin keiner von denen, welche Zeit zu verlieren haben, um auf die Erzählungen oder auf die Musik früherer Tage zu hören: mein Leben hat mir kaum Zeit übrig gelassen, um die Pflichten meines Standes zu lernen, noch weniger hat cs mir Muße für solche klimpernde Thorheitcn gelassen. Es ist mir nichts daran gelegen, daß Andere wissen, mein Ohr vermöge so wenig über Eure Kunst zu urthei- len, die Ihr ohne Zweifel für eine edle haltet, daß ich kaum die Melodie eines Gesanges von derjenigen einer andern unterscheiden kann." „In dem Fall," erwiderte der Sänger gefaßt, „darf ich mir kaum das Vergnügen versprechen, Euer Gnaden die Unterhaltung zu gewähren, die ich Euch sonst darbieten könnte." „Ich wünsche von Euch keine Unterhaltung," sagte der Gouverneur, indem er ihm einen Schritt näher trat und in einem strengeren Tone sprach: „Ich bedarf der Kundschaft, die Ihr mir nach meiner Uebcrzeugung geben könnt, wenn Ihr dazu Lust habt; cs ist meine Pflicht, Euch zu erklären, daß ich, für den Fall Eures Widerstrebens mir die Wahrheit 140 zu sagen, verschiedene Mittel kenne, wodurch es bei mir zur peinlichen Pflicht wird, ein Bekenntniß in unangenehmerer Weise zu erzwingen, als ich dazu de» Wunsch hege " „Wenn Eure Fragen, Herr Ritter," erwiderte Bertram, „solcher Art sind, daß ich sie beantworten kann oder muß, so werdet Ihr keine Gelegenheit haben, dieselben mir mehr wie Einmal vorzulegen. Sind dieselben aber solcher Art, daß ich sie nicht beantworten kann oder darf, so könnt Ihr glauben, daß keine Drohung oder Gewaltthätigkeit mir eine Antwort entreißen wird." „Ihr redet mit Kühnheit," sagte Sir John de Walton, „ich gebe Euch jedoch mein Wort, daß Euer Muth auf die Probe gesetzt werden soll. Ich greife ebenso ungern zu solchen äußersten Mitteln, als Ihr dieselben ungern ertragen werdet; das wird jedoch die natürliche Folge Eurer Hartnäckigkeit sein. Ich frage Euch deßhalb, ob Bertram Euer wirklicher Name ist, ob Ihr noch ein anderes Gewerbe, wie dasjenige eines wandernden Sängers habt, und endlich, ob Eure Verbindungen oder Bekanntschaft mit Engländern oder Schotten über die Mauern dieses Schlosses Douglas reichen." „Auf diese Fragen," erwiderte der Sänger, „habe ich schon dem würdigen Ritter Sir Apmer de Valence Antwort gegeben, und da ich ihn vollkommen zufrieden gestellt habe, so ist cs nach meiner Meinung nicht nothwendig, daß ich mich einer zweiten Untersuchung unterwerfe; auch ist es unverträglich mit der Ehre Eurer Gnaden, oder mit derjenigen Eures Stellvertreters, daß solch eine zweite Untersuchung vorgenommen wird" „Ihr nehmt sehr genau meine Ehre und diejenige von Sir Apmer de Valence in Betracht. Ich gebe Euch aber mein Wort, daß Beide in meiner Aufbewahrung vollkommen 141 sicher sind, und Eurer Aufmerksamkeit nicht bedürfen. Ich frage Euch, wollt Ihr die Fragen beantworten, die ich meiner Pflicht gemäß an Euch thun muß, oder soll ich den Gehorsam dadurch erzwingen, daß ich Euch der Folter unterwerfe? Es ist meine Pflicht, Euch zu sagen, daß ich schon die Antworten gesehen habe, die Ihr meinem Lieutenant ertheilt habt, und daß ich damit nicht zufrieden bin." Er klatschte in die Hände, worauf 2—3 Bogenschützen eintraten, welche die Röcke abgelegt hatten, und allein die Hemdärmel und Beinkleider trugen. „Ich merke," sagte der Sänger, „daß Ihr mir eine Strafe ertheilen wollt, die den Gesetzen Englands widerstrebt, weil sich kein Beweis für meine Schuld Vorbringen läßt. Ich habe schon gesagt, daß ich von Geburt ein Engländer, von Gewerbe ein Sänger bin, und daß ich mit Niemand in Verbindung stehe, bei welchem sich feindliche Absichten gegen dies Schloß Douglas, oder gegen Sir John de Walton, oder seine Besatzung vermuthen lassen- Welche Antworten Ihr mir vielleicht durch körperlichen Schmerz erpressen mögt, so kann ich für dieselben, um als rechtlicher Christ zu reden, nicht verantwortlich gemacht werden. Ich glaube, daß ich so viel Schmerz ertragen kann, wie irgend ein Mensch, ich bin aber überzeugt, daß ich noch niemals einen Grad des SchmerzenS empfand, der mich hätte bewegen können, mein verpfändetes Wort zu brechen, oder falsche Anklagen gegen unschuldige Personen zu erheben; ich gestehe jedoch, daß ich nicht weiß, bis zu welcher Ausdehnung die Kunst der Folter getrieben werden kann, und obgleich ich Euch nicht fürchte, Sir John de Walion, so muß ich doch anerkennen, daß ich mich selbst fürchte, denn es ist mir unbekannt, welchem Grade der Pein Eure Grausamkeit mich zu unterwerfen vermag, oder wie weit ich dieselbe ertrage» kann. Vorerst erhebe ich deßhalb meine Einrede, daß ich in keiner Weise verantwortlich gegen die Worte gemacht werde, die ich vielleicht im Verlauf meiner Folterung äußer» mögtc. Unter solchen Umständen müßt Ihr deßhalb zur Ausführung einer Verrichtung schreiten, welche ich kaum von einem Ritter, wie Ihr, erlaubt mir cs zu sagen, erwartet haben würde." „Hört, Herr," erwiderte der Gouverneur, „wir Beide sind seht am Ende, und vollsührte ich meine Pflicht, so sollte ich sogleich zum Acußersten, womit ich drohte, schreiten; vielleicht jedoch empfindet ihr sogar weniger Widerwillen gegen die' Euch bevorstehende peinliche Befragung, als ich, indem ich deren Ausführung ancmpfehle; vorerst will ich Euch deßhalb an einem Orte einschließen lassen, welcher sich für einen Mann eignet, den man als Spion dieser Festung im Verdacht hat. Bis es Euch gefällt, diesen Verdacht zu beseitigen, ist Eure Wohnung und Kost die eines Gefangenen. Mittlerweile merkt, daß ich, bevor ich Euch der peinlichen Frage unterwerfe, zur Abtei St. Bride reiten und mich überzeugen will, ob der junge Mann, den Ihr für Euren Sohn ausgebt, dieselbe Entschlossenheit besitzt, als diejenige, worauf Ihr Anspruch zu machen scheint. Vielleicht beleuchtet seine Befragung, sowie die Eure, Euer Verhältnis, so daß Eure Schuld oder Unschuld dadurch erwiesen wird, ohne daß die Anwendung der Folter erforderlich ist. Verhält sich die Sache anders, so zittert für Euren Sohn, wo nicht für Euch selbst — habe ich Euch erschüttert, Herr? oder fürchtet Ihr für die jungen Sehnen und Glieder Eures Knaben die Maschinen, denen Ihr in Eurem eigenen Fall zu trotzen Willens seid." „Herr!" antwortete der Sänger, indem er sich von seiner augenblicklichen Erregung, die er gezeigt hatte, erholte, „ich 143 ' überlasse es Euch selbst als Mann von Ehre und Aufrichtigkeit, zu beurtheilen, ob Ihr nach der gewöhnlichsten Rechtlichkeit des Verfahrens eine schlimmere Meinung von einem Menschen hegen dürft, weil er bereit ist, an seiner eigenen Person Mißhandlungen zu leiden, hinsichtlich deren er sein Kind zu verschonen wünscht — einen kränklichen jungen Mann, welcher erst vor Kurzem von einer gefährlichen Krankheit genesen ist." »Es ist meine Pflicht," antwortete de Walton nach einer kurzen Pause, „einen jeden Stein umzuwenden, wodurch diese Angelegenheit sich bis zu ihrem Ursprung verfolgen lassen wird; wenn du Gnade für deinen Sohn willst, so wirst du selbst sie leicht erlangen, wenn du ihm das Beispiel der Ehrlichkeit und Offenheit gibst." Der Sänger warf sich auf seinen Stuhl zurück, als sei er entschlossen das Aeußerste, welches man ihm bieten konnte, eher zu ertragen, als eine weitere Antwort zu geben, wie er schon gegeben hatte. Sir John de Walton befand sich in einiger Ungewißheit, welches Verfahren für ihn das geeignetste sein würde. Er fühlte einen unwiderstehlichen Widerwillen gegen die Anwendung der Tortur auf Vater und Sohn, ohne gehörige Betrachtung dessen, was die meisten Leute für eine unbedingte Folge seiner Dienstpflicht gehalten haben würden; so tief aber auch sein Gefühl der Anhänglichkeit an den König, und wie zahlreich auch die Hoffnungen und Erwartungen sein wogten, die er hinsichtlich der strengen Vollbringung seines gegenwärtigen wichtigen Auftrags hegte, so konnte er sich doch nicht dazu entschließen, zu dieser grausamen Weise einer Zerschneidung des Knotens seine Zuflucht zu nehmen. Bertram's Erscheinung war ehrwürdig und die 1.1L Gewalt seiner Worte nicht unwürdig seines Aeußeren und seines Benehmens. Der Gouverneur erinnerte sich, daß Ap- mer de Balence, dessen Scharfblick man im Allgemeinen nicht ableugnen konnte, ihn als einen der seltenen Männer beschrieb, welche die Ehre eines verdorbenen Standes durch ihr persönliches gutes Benehmen wiedcrherstellten. Er mußte sich selbst eingestehen, daß cö rohe Grausamkeit und Ungerechtigkeit sein würde, wenn er dem Gefangenen den Glauben an dessen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit verweigere, bis er, um dieselbe zu beweisen, eine jede Sehne angespannt und ein jedes Glied in seinem Körper, sowie in demjenigen seines Sohnes zerbrochen haben würde. „Ich habe kein Prüfungsmittel," dachte er bei sich, „welches die Wahrheit von der Falschheit unterscheiden kann; Bruce und seine Anhänger sind bereit; derselbe hat sicherlich die Galeeren ausgerüstet, die den Winter über bei Rochrin vor Anker lagen. Auch diese Geschichte von Greeuleaf über Waffen, welche für einen neuen Aufstand herbcigeschafft sein solle», stimmt in auffallender Weise mit der Erscheinung des wild auösehenden Fremden auf der Jagd zusammen; Alles scheint zu beweisen, daß etwas auf dem Amboß liegt, welches ich meiner Pflicht gemäß verhüten muß. Ich werde deßhalb keinen Umstand übergehen, womit ich die Seele durch Furcht oder Hoffnung erregen kann; der Himmel aber gebe mir Licht aus anderer Quelle, damit ich es nicht für gesetzlich halte, diese unglücklichen und vielleicht ehrlichen Leute zu quälen." Er entfernte sich somit aus der Bibliothek, indem er Grcenleaf ein Wort hinsichtlich des Gefangenen zuflüsterte. Er hatte die äußere Thür deö Studierzimmers erreicht, und seine Trabanten hatten schon an den Sänger Hand angelegt, als die Stimme des alten Mannes vernommen wurde, 145 wie er de Walton aufforderte, auf einen Augenblick zurückzukehren. „Was hast du zu sagen, Herr?" sagte der Gouverneur, „sei schnell, denn ich habe schon mehr Zeit verloren, dich anzuhören, als ich verantworten kann; deßhalb rathe ich dir um deinetwillen —" „Ich rathe dir um deinetwillen, Sir John de Walton, dich in Acht zu nehmen, wenn du deinen gegenwärtigen Zweck ausführen willst, denn du allein wirst unter allen lebendigen Menschen am schwersten darunter leiden. Wenn du ein Haar am Haupte dieses jungen Mannes krümmen solltest — ja, wenn du auch nur gestattest, daß er irgend eine Entbehrung leidet, deren Verhinderung in deiner Macht steht, so wirst du dir dadurch einen schärferen Schmerz verschaffen, als irgend Etwas, das dir sonst wehe zu thun vermag. Ich schwöre es bei den höchsten Segnungen unserer heiligen Religion, ich rufe das heilige Grab zum Zeugen, dessen unwürdiger Besucher ich war, daß ich nichts als die Wahrheit rede, und daß du eines Tages deine Dankbarkeit für dasjenige, was ich thue, aussprechen wirst. Es ist sowohl mein eigenes, wie Euer Interesse, den Besitz dieses Schlosses Euch zu sichern, obgleich ich sicherlich Einiges in Bezug auf dasselbe, wie auf Euer Gnaden weiß, was ich ohne Einwilligung jenes Jünglings nicht enthüllen darf. Bringt mir nur ein Schreiben seiner Hand, mit seiner Einwilligung Euch in's Geheimniß zu ziehen, und glaubt mir, daß diese Wolken bald hinweggezaubert werden; denn niemals wechselte eine schmerzliche Ungewißheit schneller in Freude, oder wich plötzlich eine Gewitterwolke dem Sonnenscheine, als dieser jetzt so furchtbar erscheinende Verdacht." Er sprach mit solchem Nachdruck, daß er auf Sir John de Das geführt. Schloß u. and. Erzähl. I. u» Walton die Wirkung nicht verfehlte, welcher wiederum nicht wußte, welches Verfahren sein Dienst erheischte. „Es wäre mir sehr lieb," sagte der Gouverneur, „wenn ich meinen Zweck durch möglichst milde Mittel erreichen könnte, und ich werde diesem armen jungen Burschen kein weiteres Unheil zufügen, als deine Hartnäckigkeit und die seinige zu verdienen scheinen wird. Mittlerweile bedenkt, Herr Sänger, daß meine Pflicht ihre Grenzen hat, und daß es dir geziemen wird, wenn ich sie auf einen Tag verschiebe, jede dir mögliche Anstrengung zu machen, um meiner Herablassung entgegen zu kommen. Ich werde dir Erlaubniß geben, ein Schreiben von deiner Hand an deinen Sohn zu richten und ich werde seine Antwort erwarten, bevor ich in dieser Angelegenheit vorschreite, welche sehr geheimnißvoll zu sein scheint. Mittlerweile beschwöre ich dich, so wahr du auf Erlösung hoffest, die Wahrheit zu sagen, und mir zu erklären, ob deine Geheimnisse, deren treuer Bewahrer du zu sein scheinst, auf das Treiben von Douglas, Bruce, oder eines ihrer Bevollmächtigten Bezug hat, um dieses Schloß in ihre Gewalt zu bekommen." Der Gefangene bedachte sich einen Augenblick und erwiderte: „Ich kenne, Herr Ritter, die schwere Verantwortlichkeit, unter welcher dieß Schloß Euren Händen anvertraut ist; stände es in meiner Gewalt, Euch als treuer Sänger und loyaler Untcrlhan mit Hand oder Zunge dabei Beistand zu leisten, so würde ich mich für verpflichtet halten, dieß zu thun; ich bin aber von dem Charakter, worauf Euer Argwohn hinweist, so weit entfernt, daß ich es für gewiß gehalten haben würde, der Bruce und der Douglas hätten ihre Anhänger versammelt, um nach Aufgebung ihrer rebellischen Plane nach dem heiligen Lande zu pilgern, wenn nicht kürzlich 1-47 der Jäger erschienen wäre, welcher, wie ich höre, Euch auf der Jagd zum Zorn reizte; dadurch habe ich den Glauben erlangt, daß Douglas und seine Gefährten nicht weit entfernt sein können, weil ein so entschlossener Anhänger und Diener von ihm ohne Furcht unter Euch sich niedersetzte. Wie weit die Absichten gegen Euch freundschaftlich sind, muß ich zu beurtheilen Euch überlassen, glaubt mir nur, daß Folter, Winde oder Feuerzangen mich niemals gezwungen haben würden, als Angeber oder Rathgeber in einem Streite aufzutreten, woran ich so wenig oder gar keinen Antheil habe, wenn ich bei Euch nicht den Glauben zu erregen wünschte, daß Ihr mit einem redlichen Manne zu thun habt, dem Euer wahres Wohl am Herzen liegt. Mittlerweile laßt mir Schreibmaterialien dringen, oder die meinigen mir zurückgeben, denn mir stehen in einigem Maße die höheren Künste meines Berufes zu Gebote; auch besorge ich nicht, daß ich Euch ohne mehr Zeitverlust eine Erklärung dieser Wunder verschaffen kann." „Gott gebe, daß dies der Fall ist," sagte der Gouverneur, „obgleich ich nicht wohl begreifen kann, weßhalb ich einen so günstigen Ausgang hoffen darf und vielleicht dadurch großes Unglück erleiden kann, daß ich Euch bei dieser Gelegenheit zu sehr vertraue. Meine Pflicht jedoch erheischt, daß Ihr Euch mittlerweile in enger Haft befindet." Mit diesen Worten überreichte er dem Gefangenen die Schreibmaterialien, welche von den Armbrustschützen bei ihrem ersten Eintritt ergriffen worden waren, und befahl alsdann jenem Trabanten, dem Sänger die Bande zu lösen. „Muß ich also," fragte Bertram, „aller Härte einer strengen Gefangenschaft ausgesetzt sein? Ich bitte jedoch nicht um den Nachlaß irgend einer Härte an meiner Person, kann ich Euch dadurch von einem raschen und unbedachten Handeln l o * 148 zurückhalten, welches Ihr Euer ganzes Leben lang bereuen müßtet, ohne daß Ihr die Mittel der Ausgleichung besäßet." „Sprecht kein Wort weiter, Sänger," sagte der Gouverneur; „da ich meine Wahl getroffen habe, mag dieselbe für mich auch noch so gefährlich sein, so laßt uns dieß Zaubermittel zur Ausführung bringen, von welchem du sagst, daß es mir solche Dienste leisten wird, wie das Oel nach Angabe der Seeleute, wenn man cs über die tobenden Wogen gegossen hat, deren Wuth besänftigen wird." Neuntes Kapitel. Habt Acht vor dem Mönch, vor dem düster» Geist, Er wandelt noch einher, Da er noch als des Klosters Herr sich erweist, Sind Lai'n es auch seither. Amandeville ist der Herr bei Tag; Dieß ist der Mönch zur Nacht. Kein nächtlicher Wein, kein Trinkgelag Hat den Mönch um sein Recht gebracht. Lord Byron'« Don Juan, Gesang XVII. Der Sänger batte sich nicht auf eitle Weise seiner Geschicklichkeit im Gebrauch von Feder und Tinte gerühmt, wirklich hätte kein Priester in jener Zeit ein kleines Pergamcnt- blatt schneller, in besserer Sprache und in schönerer Schrift beschreiben können, wie es in den Zeilen geschah, welche adres- firt waren, an „den Jüngling, genannt Augustin, den Sohn BertramS des Sängers." 1L9 „Ich habe den Brief nicht zusammcngelegt," sagte er, „noch ihn mit einem seidenen Faden zugebundcn, denn er ist nicht so verfaßt, daß er Euch das Geheimniß verrathen kann; um Euch offen meine Meinung zu sagen, glaube ich nicht, daß Ihr dadurch einige Kunde erhaltet; Ihr mögt Euch jedoch zufrieden stellen über dasjenige, was nicht im Briese steht. Ich will damit sagen, daß er von einer Person geschrieben und an eine zweite adresstrt ist, die es Beide sowohl mit Euch, wie mit Eurer Besatzung gut meinen." „Das," sagte der Gouverneur, „ist ein Betrug, den man nicht ausführen kann; der Brief jedoch zeigt, wenn nicht mit Gewißheit, daß Ihr geneigt seid, mit Offenheit zu handeln. Bis das Gegcntheil sich ergibt, werde ich es für meine Pflicht halten, Euch mit so viel Güte zu behandeln, wie die Angelegenheit gestattet. Mittlerweile will ich selbst zur Abteilen St. Bride reiten und den jungen Gefangenen in Person befragen. Da Ihr sagt, er besitze die Gewalt, so bitte ich zum Himmel, daß er den Willen hat, dies Räthsel zu lösen, welches uns sämmtlich in Verwirrung bringt." Mit den Worten befahl er, sein Pferd bereit zu halten, und während dasselbe gesattelt wurde, durchlas er mit großer Fassung den Brief des Sängers. Derselbe war folgenden Inhalts. „Theurer Augustin! „Sir John de Walton, der Gouverneur dieses Schlosses, hat denjenigen Verdacht geschöpft, auf den ich Euch als wahrscheinliche Folge unserer Reise hieher hinwies, weil wir in dies Land ohne bestimmt ausgesprochenen Zweck gekommen find. Ich bin wenigstens verhaftet und werde mit Befragung auf der Folter bedroht, damit ich den Zweck unserer Reife aussage; man soll mir eher aber das Fleisch von den Knochen reißen, als mich zum Bruche des Eides zwingen, den ich 150 Euch geleistet habe. Der Zweck dieses Brieses geht dahin, Euch von der Gefahr zu benachrichtigen, daß Ihr in eine ähnliche Gefahr gerathet, wenn Ihr nicht geneigt seid, mir Erlaubniß zu crtheilen, diesem Ritter die Entdeckung zu machen; darüber aber braucht Ihr nur Eure Wünsche auszusprechen und könnt versichert sein, daß nach denselben sich jedenfalls richten wird Euer ergebener Bertram." Dieser Brief warf nicht das geringste Licht auf das Ge- heimniß des Schreibers. Der Gouverneur las ihn mehr wie Einmal, wandte ihn zu wiederholten Malen in der Hand herum, als hätte er gehofft, durch dieses mechanische Verfahren aus dem Schreiben etwas hcrauszulocken, was die Worte beim ersten Durchlcsen nicht ausdrückten; da jedoch kein Ergebniß der Art sich zeigte, begab sich de Walton in die Halle, wo er den Sir Aymer de Valence in Kenntniß setzte, daß er zur Abtei von St. Bride reiten und dem Sir Aymer verpflichtet sein werde, wenn dieser die Pflichten des Gouverneurs während seiner Abwesenheit übernehmen wolle. Sir Aymer sprach natürlich seine Zufriedenheit mit dem von ihm zu übernehmenden Auftrag aus und der Zustand der Veruneinigung, worin beide sich gegen einander befanden, gestattete keine nähere Erklärung. Bei der Ankunft von Sir John de Walton an dem zerfallenen Kloster erschien sogleich der Abt mit zitternder Eile, um seine Dienstfertigkeit dem Befehlshaber der englischen Besatzung zu bezeugen, von welchem jenes Kloster für den Augenblick hinsichtlich der ihm erwiesenen Nachsicht, sowie auch des Unterhaltes und des Schutzes wegen, in so gefährlichen Zeitläufen abhängig war. De Walton befragte den alten Mann über den im Klo- 151 ster wohnenden Jüngling und erfuhr, derselbe sei krank gewesen, seit er seinen Vater, einen gewissen Sänger Bertram verlassen habe. Der Abt war der Meinung, die Krankheit sei von jener ansteckenden Art, welche damals die englischen Grenzen verheerte und bereits auf einigen Punkten in Schottland eingedrungen war, in welchem Lande sie nachher furchtbare Verheerungen anrichtete. Nach einigem weiteren Gespräch legte Sir John de Walton in die Hand des Abtes das Schreiben an den jungen Mann, welcher sich unter seinem Dache befand; als aber der ehrwürdige Vater diesen Brief dem Augustin überliefert batte, erhielt er von letzterem eine so kühne Botschaft an den englischen Gouverneur, daß er bei der Ueberbringung aus Furcht zitterte. Die Botschaft lautete, der junge Mann könne und wolle nicht den englischen Ritter in diesem Augenblick empfangen; wenn er aber nächsten Morgen nach der Messe wieder kommen wolle, so könne er vielleicht Etwas, was er zu wissen wünsche, erfahren." „Das ist keine Antwort," sagte Sir John de Walton," „die ein Bursch wie dieser einem Manne meines Standes übersenden darf, mich däucht, Vater Abt, daß Ihr an Eure eigene Sicherheit nur wenig gedacht habt, als Ihr es übernahmt, mir eine so unverschämte Botschaft zu öberbringen." Der Abt zitterte unter den Falten seines weiten und rauhen Kleides; de Walton glaubte, sein Schrecken sei die Folge schuldiger Furcht, und forderte ihn auf, die Pflichten, die er gegen England habe, die Wohlthaten, die er von ihm selbst empfing, und die wahrscheinliche Folge eines Verfahrens zu bedenken, wenn er an dem unverschämten Trotz An- theil nehme, den ein naseweiser Bursch dem Gouverneur der Provinz biete. Der Abt rechtfertigte sich mit äußerster Aengstlichkeit gegen 152 diese Vorwürfe; er verpfändete sein -eiliges Wort, daß der unbedachte Charakter in der Botschaft des Knaben der mürrischen Stimmung zuzuschrciben sei, welche aus Krankheit hervorgehe- Er erinnerte den Gouverneur, daß er als Christ und Engländer Pflichten gegen das Kloster von St. Bride zu beobachten habe, von welchem der englischen Regierung niemals die geringste Ursache zur Klage dargeboten sei- Während der Geistliche sprach, schien er wegen der Vorrechte seines Ordens Muth zu fassen. Wie er sagte, konnte er nicht gestatten, daß ein kranker junger Mann, der im Heiligthum der Kirche Zuflucht gefunden habe, irgend einer Gewalt ausgesetzt oder verhaftet werde, wenn nicht eine Anklage wegen eines besondern Verbrechens vorliege, wovon man sogleich den Beweis liefern könne. Die Douglas, obgleich ein leidenschaftliches Geschlecht, hatten stets das Hcilig- thum der St. Bride geachtet, und es ließ sich nicht vermu- then, daß der König von England, der pflichtgetreue und gehorsame Sohn der römischen Kirche, mit geringerer Verehrung gegen ihre Rechte, als die Anhänger eines Thronräu- bers, eines Mörders und einer im Kirchenbann befindlichen Person, wie Robert Bruce, handeln würde. De Walton wurde durch diese Vorstellungen sehr erschüttert. Er wußte, daß der Papst bei den damaligen Zeitumständen eine große Gewalt in jedem Streit besaß, in welchen es ihm beliebte, sich einzumischen. Er wußte, daß Se. Heiligkeit sogar in dem Streit über die Oberherrschaft Schottlands Ansprüche auf das Königreich erhoben hatte, welche vielleicht nach den damaligen Zeitanfichten für besser wie die von Robert Bruce und die von Edward von England gehalten werden konnten; somit sah er ein, daß sein König ihm wenig Dank dafür wissen werde, wenn er einen neuen Streit mit der Kirche veranlasse. Es war ohnedem leicht, eine Wache aufzustellen, um Augustin an der Flucht während der Nacht zu verhindern; am folgenden Morgen werde er sich dann eben so sicher in der Gewalt des englischen Gouverneurs befinden, als sei er durch offene Gewalt im gegenwärtigen Augenblick verhaftet worden. Sir John de Walton besaß jedoch so viel Gewalt über den Abt, daß dieser das Versprechen gab, er werde, im Fall das Heiligthum für diesen Zeitraum geachtet würde, mit seinem geistlichen Ansehen ihm behilflich sein und Beistand leisten, damit der junge Mann ausgeliefert werde» wenn derselbe keinen genügenden Grund hinfichtlich des Gegentheils Vorbringen könne. Diese Verabredung, welche dem Gouverneur die Aussicht einer schnellen Beendigung des kitzlichen Streites darbot, bewog ihn zur Gestattung des Vorzuges, welchen Augustin eher verlangte, als daß er darum nachsuchte. „Auf Euer Gesuch, Vater Abt, will ich jetzt, da ich Euch bisher stets als rechtlichen Mann habe kennen lernen, diesem jungen Manne die Gnade, um die er bittet, gewähren, bevor ich ihn verhaften lasse, vorausgesetzt jedoch, dag er nicht die Erlaubniß erhält, diesen Ort zu verlassen; du bist dafür verantwortlich und ich gebe dir, wie es vernünftig ist, auch die Vollmacht, über unsere kleine Garnison in Hazelside zu verfügen; ich werde bei meiner Rückkehr zum Schloß dorthin eine Verstärkung für den Fall abschicken, daß cs nothwendig wäre, Gewalt zu gebrauchen, oder daß die Umstände die Ergreifung anderer Maßregeln nothwendig machen sollten." „Würdiger Herr Ritter," erwiderte der Abt, „ich kann mir nicht denken, daß der Eigensinn dieses jungen Mannes ein anderes Verfahren als Uebcrredung nothwendig machen sollte, und ich wage es zu behaupten, daß Ihr selbst im hoch- 154 sten Grade das Verfahren billigen werdet, womit ich mich meines jetzigen Auftrages entledigen werde." Der Abt vollbrachte weiterhin die Pflicht der Gastfreundschaft, indem er aufzählte, mit welcher einfachen Kost das Kloster den englischen Ritter der Ordensregel gemäß bewir- then könne. Sir John de Walton lehnte jedoch das Anerbieten der Bewirthung ab, nahm Abschied von dem Geistlichen in höflicher Weise und spornte sein Pferd zu größerer Eile, bis das edle Thier ihn wieder zum Schloß Douglas zurückgetragen hatte. Sir Apmer de Valcnce kam ihm auf der Zugbrücke entgegen, und berichtete, im Zustand der Garnison habe sich nichts verändert; er habe jedoch Nachricht erhalten, daß zwölf oder fünfzehn Mann auf ihrem Marsche nach La- nark erwartet würden. Da diese Abtheilung aus der Nähe von Apr käme, so würde sie für die Nacht ihr Quartier im Vorposten von Hazclside aufschlagen. „Das ist mir lieb," erwiderte der Gouverneur, „ich stand gerade im Begriff, diese Abtheilung zu verstärken. Dieser naseweise Bursch, der Sohn von Bertram dem Sänger, oder wer er sonst sein mag, hat sich verpflichtet, sich morgen früh zur Befragung zu stellen. Da diese Abtheilung Soldaten zu den Leuten Eures Oheims, Lord Pembroke, gehört, so ersuche ich Euch, derselben entgegen zu reiten und zu befehlen, daß sie in Hazclside bleibt, bis Ihr weitere Erkundigungen über den jungen Mann eingezogen habt; dieser muß das Geheim- niß, welches ihn umgibt, aufklären, und einen Brief beantworten, welchen ich mit eigener Hand dem Abt von St. Bride überreichte. Ich habe in dieser Angelegenheit schon zu viel Nachsicht gezeigt, und ich verlasse mich darauf, daß Ihr die Sicherheit dieses jungen Mannes im Auge habt, und ihn mit aller schuldigen Wachsamkeit und Aufmerksamkeit hieher bringt, weil er ein Gefangener von einiger Wichtigkeit ist." „Sicherlich, Sir John," erwiderte Sir Aymer, „soll Eurem Befehle gehorcht werden, da Ihr keinen wichtigeren Jemand -u crtheilen habt, welcher die Ehre hat, nur Euch in diesem Platze nachzustehen." „Ich bitte Euch um Verzeihung," erwiderte der Gouverneur, „wenn der Auftrag unter Eurer Würde ist; es ist jedoch unser Unglück, daß wir einander mißverstehen, wenn wir sehr verständig zu reden uns bemühen." „Was soll ich aber thun?" fragte Sir Aymer — „ich stelle Euren Befehl durchaus nicht in Abrede, sondern erkundige mich nur nach den Regeln meines Verfahrens — was soll ich thun, wenn der Abt von St. Bride sich mir widersetzt?" „Wie!" erwiderte Sir John de Walton. „Mit der Verstärkung von Lord Pembroke's Abtheilung befehligt Ihr wenigstens zwanzig Kriegsleute mit Bogen und Speer, und habt gegen Euch nur fünf oder sechs furchtsame alte Mönche mit weiter nichts wie Mönchsgewändern und Kaputzen." „Allerdings," sagte Sir Aymer; „aber Kirchenbann und Ercommunication siikd heut zu Tage bisweilen zu schwer für den Harnisch, und ich möchte nicht gern aus dem Bereich der christlichen Kirche gestoßen werden." „Wohlan denn, argwöhnischer und bedenklicher junger Mann," erwiderte de Walton, „wisse, daß der Abt versprochen hat, diesen jungen Mann mir einzuhändigen, wenn er nicht selbst dir aus freien Stücken sich überliefert." Hierauf konnte nichts erwidert werden; de Valcnce legte in der Meinung, daß er mit der Ausführung eines unbedeutenden Auftrags nutzloser Weise geplagt werde, die Art hal- 156 der Rüstung an, welche die Ritter zu gebrauchen pflegten, wenn sie aus den Mauern der Besatzung ritten, und begab sich fort, um die Befehle de Walton's auszuführcn. Es begleiteten ihn einige Reiter nebst dem Knappen Fabian. Der Abend schloß mit einem jener schottischen Nebel, welcher den Regenschauern glücklicher Klimate gleich sein soll; der Pfad wurde immer dunkler, die Höhen hüllten sich in Dünste und wurden schwieriger zu ersteigen; alle kleinen Unbequemlichkeiten, welche eine Reise durch diese Gegend langsam und ungewiß machten, wurden durch die Dichtigkeit des Nebels gesteigert, welcher sich über alle Gegenstände verbreitete. Sir Aymer ritt deshalb schneller und setzte sich oft dem Schicksal eines Mannes aus, welcher sich verspätet hat, und durch seine Anstrengungen schneller weiter zu kommen, seine Reise verzögert. Der Ritter dachte, er könne auf einen geraden Weg gerathen, wenn er durch die beinahe öde Stadt Douglas hindurch ritte, deren Einwohner von den Engländern während dieser heftigen Kämpfe mit solcher Härte behandelt worden waren, daß die meisten dieselbe verlassen und sich nach verschieden Thcilen des Landes entfernt hatten. Dieser beinahe verlassene Platz wurde von einem plumpen Pallisaden- werk und einer noch roheren Zugbrücke vertheidigt, welche den Eingang in so enge Straßen bot, daß drei Pferde nur mit Schwierigkeit neben einander gehen konnten; die schlechten Vertheidigungswerke erwiesen, wie fest die alten Herrn des Dorfes an ihrem Borurtheil gegen Befestigungen und ihrer Meinung zu Gunsten der Kriegführung im offenem Felde festhielten, welches durch das wohlbekannte Sprüchwort der Familie mit den sonderbaren Worten ausgedrückt ist, „es ist besser, daß man die Lerchen im Felde singen, wie die Maus im 157 Hause piepen hört." Die Straßen oder vielmehr die Gaffen waren finster, mit Ausnahme eines hin und wieder einfallenden Mondlichtcs, welches, da dieser Himmelskörper aufging, bisweilen auf einem steilen und engen Dache sichtbar wurde. Man vernahm keinen Schall häuslicher Thätigkeit oder Vergnügung, kein Schein eines Kerzen- oder Feuerlichtes strahlte durch die Fenster der Häuser; der alte Befehl des Feueraus- löschens mit der Abendglocke, welchen William der Eroberer, in England eingeführt hatte, stand damals in voller Geltung in allen Theilen Schottlands, die man für unzufrieden und für geneigt zum Aufstand hielt; man braucht aber kaum zu sagen, daß die alten Besitzungen der Douglas vorzüglich als solche betrachtet wurden. Die Kirche, deren gothischen Denkmale von prächtiger Art waren, hatten die Engländer so viel wie möglich mit Feuer zerstört; die Ruinen aber bezeugten, nebst dem Gewicht der massenhaften Steine, woraus sie bestanden, noch zur Genüge die Macht der Familie, auf deren Kosten sie errichtet war, und deren Gebeine seit undenklichen Zeiten in den Grabgewölben ruhten. Sir Apmer de Valence richtete wenig Aufmerksamkeit auf diese Reste vergangenen Glanzes, sondern rückte mit seiner kleinen Abtheilung vor und war bei den zerstreuten Trümmern des Kirchhofes der Douglase vorübergekommen, als der Schall von den Hufen seines Rosses zu seiner Ueberraschung durch Töne erwidert zu werden schien, welche wie diejenigen eines anderen Ritterpferdes klangen, das mit schweren Schritten, als wolle cs ihm entgegen kommen, sich die Straße hinauf bewegte. Valence konnte nicht die Ursache dieser kriegerischen Töne vermachen; der Schall der Hufe und der Klang der Rüstung war aber deutlich genug, und der schwere Schritt eines Kriegs- roffes konnte vom Ohr eines Kriegers nicht verkannt werden. 158 Die Schwierigkeit, Soldaten von nächtlichem Umherschweifen ausserhalb ihres Quartiers zu verhindern, hätte die Erscheinung eines herumschweifenden Fußsoldaten erklären können; es war aber nicht so leicht, diejenige eines gewaffneten Reiters in voller Rüstung auf gewöhnliche Vorfälle zurückzuführen. Dieser Art aber war die Erscheinung, die ein besonderes Helles Strahlen des Mondlichtes am Fuße der Anhöhe zeigte, über welche der Weg hinführte; vielleicht auch bemerkte der unbekannte Krieger in demselben Augenblick Apmer de Valence und sein bewaffnetes Gefolge; ein jeder rief wenigstens das Allarmzeichen jener Zeiten, „Wer da!" aus, und die tiefen Antworten, „St. Georg!" von einer und „Douglas!" auf der andern Seite, erweckten das stille Echo der kleinen und zerfallenen Straße, sowie der schweigenden Gewölbe in der verfallenen Kirche. Erstaunt über das Schlachtgeschrei, woran sich so manche Erinnerungen knüpften, spornte der englische Ritter sein Pferd in vollem Galopp den steilen und unbequemen Abhang hinab, welcher zu dem südlichen oder südöstlichen Thore der Stadt führte; es war das Werkeines Augenblicks, daß Apmer de Valence seine eigene lange Lanze einlegte, die er dem Knappen, welcher sie trug, entriß, wobei er auS- rief: „Ha, St- Georgl greift alle den unverschämten Schotten an! Fabian, begieb dich an's Thor und schneide ihm die Fluchtab! St. Georg für England! Bogen und Partisanen!" — Das Licht jedoch kam und schwand in einem Augenblick,Znnd obgleich de Valence der Meinung war, daß der feindliche Krieger kaum Platz hatte, seinen Angriff zu vermeiden, so konnte er doch nicht sein Ziel zum Zusammentreffen anders als auf's Gerathewohl nehmen und drang den dunklen Abhang unter zerstreuten Steinen und andern Hindernissen des Weges hinab, ohne daß er mit der Lanze den Gegenstand seiner Verfolgung 159 in der Finsterniß berühren konnte; er ritt im kurzen und gebrochenen Galloppe einen Abhang von fünfzig bis sechzig Ellen hinab, ohne daß er irgend einen Grund zur Vermuthung hatte, die vom ihm erblickte Gestalt erreicht zu haben, obgleich die Enge der Straße ihm kaum gestattete, daß er bei ihm vorüberkommen konnte, wenn nicht Pferd und Reiter im selben Augenblicke wie eine Luftblase verschwunden wären. Die Reiter seines Gefolges wurden von einem Gefühl des Schauders wie bei übernatürlichen Dingen erfüllt, — ein Schrecken, welcher die meisten von ihnen, wegen einer Reihe merkwürdiger Ereignisse, bei dem Namen Douglas empfanden; als er das Thor erreichte, womit die holperige Straße sich endigte, war Niemand dicht hinter ihm als Fabian, in dessen Kopf keine Eingebungen furchtbarer Art länger dauern konnten, sobald er die Stimme seines geliebten Herrn vernahm. Es befand sich dort ein Posten englischer Armbrustschützen, welche sich in beträchtlicher Bestürzung befanden, als de Va- lence und sein Page unter sie hinein ritten, „Schurken!" rief de Valence, „warum habt ihr nicht auf euren Dienst geachtet? Wer ist durch eure» Posten gerade jetzt mit demverräthe- rischen Geschrei Douglas hindurchgeritten?" „Wir wissen nichts davon," sagte der Hauptmann der Wache- „Das heißt," erwiderte der junge Ritter, „ihr einfältigen Schurken habt euch betrunken und wäret eingeschlafen." Die Leute behaupteten das Gegentheil, allein in so verwirrter Weise, daß der Verdacht von de Valence bei weitem nicht beseitigt wurde; derselbe befahl mit lauter Stimme, Leuchter, Fackeln und Lichter zu bringen; die wenigen noch zurückgebliebenen Einwohner begannen widerstrebend mit den verschiedenen Mitteln zum Vorschein zu kommen, welche ihnen 160 für die Beleuchtung zu Gebote standen. Sie vernahmen mit Erstaunen die Geschichte des jungen englischen Ritters; obgleich dieselbe von seinem ganzen Gefolge bestätigt wurde, schenkten sie der Erzählung keinen Glauben, sondern dachten, daß die Engländer auf die eine oder andere Weise einen Zank mit den Einwohnern des Ortes unter dem Vorwände anfangen wollten, daß sie einen Anhänger ihres alten Lords zur Nachtzeit in die Stadt gelassen hätten. Sie gaben deshalb Betheurungen, hinsichtlich ihrer Unschuld an der Ursache des Tumultes, und bemühten sich thätig zu scheinen, um von Haus zu Haus, von einem Winkel zum andern mit ihren Fackeln zu laufen, und den unsichtbaren Ritter zu entdecken. Die Engländer hegten nicht weniger gegen sie den Verdacht des Verrathes, wie die Schotten die ganze Angelegenheit für einen Vorwand von Seiten des jungen Ritters hielten, um eine Anklage gegen die Bürger anzubringen. Die Weiber jedoch, welche jetzt die Häuser zu verlassen begannen, besaßen einen Schlüssel zur Deutung der Erscheinung, welcher zu jener Zeit für wirksam genug gehalten wurde, um das Geheim- niß zu lösen. „Der Teufel," sagten sie, „muß unter den Engländern erschienen sein," eine Erklärung, die übrigens schon den Begleitern des jungen Ritters in den Sinn gekommen war; der Umstand nämlich, ^>aß ein lebendiger Mann und ein Pferd, beide wie es schien von Riesengröße, in einem Augenblick heraufbeschworen wurden, und in einer Straße erscheinen konnten, die an einem Ende von den besten Armbrust- schützen, sowie am andern von den Reitern unter de Valence selbst bewacht war, schien jedenfalls eine Unmöglichkeit zu sein. Die Einwohner wagten nicht ihre Gedanken darüber der Sprache zu vertrauen, weil sie befürchteten Anstoß zu geben; sie deuteten nur durch einzelne Worte, die sie mit einander wechselten, ihr geheimes Vergnügen über die Verwirrung und Verlegenheit der englischen Garnison an. Dennoch fuhren sie fort, eine angebliche große Theilnahme an der Beunruhigung von de Valence und der Aengstlichkeit zu zeigen, mit welcher er die Ursache zu entdecken suchte. Zuletzt ließ sich eine weibliche Stimme in dem Babel der verwirrten Töne hören, „wo ist der Ritter aus dem Süden? Ich kann ihm sicherlich sagen, wo er die einzige Person finden wird, die ihm aus seiner gegenwärtigen schwierigen Lage heraushelfen kann." „Und wer ist das, gute Frau?" fragte Aymer de Valence, welcher mit jedem Augenblicke über den Verlust der Zeit ärgerlicher wurde, die in einer Nachforschung schnell verstrich, welche etwas Verdrießliches und sogar Lächerliches hatte- Zugleich aber schien der Anblick eines bewaffneten Anhängers der Douglas in deren eigenem Geburtsorte zu ernste Folgen anzudeuten, als daß man dieselbe hätte vorüberlaffen dürfen, ohne sie bis zum Grunde zu untersuchen. „Kommt hiehcr," sagte die weibliche Stimme, „dann will ich Euch die einzige Person nennen, welche Euch alle Angelegenheiten dieser Art erklären kann, die sich in diesem Lande zutragen." Auf diese Worte hin, riß der Ritter einem der Umstehenden eine Fackel aus der Hand, hielt sie empor und erblickte eine große Frau, welche offenbar seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen suchte. Als er ihr näher trat, gab sie ihm die Kunde die er haben wollte, in einem ernsten und feierlichen Tone der Stimme. „Einst hatten wir weise Leute, die eine jede Parabel hätten beantworten können, welche ihnen zur Erklärung auf dieser Seite unserer Insel vorgelegt worden wäre. Ob ihr Das gefährl- Schloß u. and. Erzähl. I. 11 162 Herren selbst nicht dabei die Hand im Spiel gehabt habt, um dieselben auszurotten, geziemt mir wahrhaftig nicht zu sagen; jedenfalls kann man nicht so guten Rath erhalten, wie früher in diesem Lande der Douglas; auch ist es nicht ganz sicher, darauf Ansprüche zu machen, daß man ihn ertheilen will " „Gute Frau," sagte de Valence, „wenn Ihr mir eine Erklärung dieses Geheimnisses gebt, so will ich Euch dafür ein Mieder vom besten grauen Wollenzeug schenken." „Ich bin cs nicht," sagte die alte Frau, „die Ansprüche macht, diejenige Kunde, welche Euch -elfen kann, zu besitzen; ich muß aber wissen, daß der Mann, den ich Euch nennen werde, weder Unbill noch Schaden erleidet. Wollt Ihr mir das auf Euer Ritterwort und Eure Ehre versprechen?" „Sicherlich," sagte de Valence, „solch eine Person soll sogar Dank und Belohnung erhalten, wenn sie mir die Wahrheit sagt; auch noch dazu verspreche ich Verzeihung, wenn sie auch auf gefährliche Entwürfe gehört, oder sich in Verschwörungen eingelassen hat." „O, das ist bei dem nicht der Fall," erwiderte die Frau, „es ist unser alter Gevatter, Powheid, der die Aufsicht über die Munumente hat, (sie meinte wahrscheinlich Monumente) d- h. denjenigen Theil derselben, die ihr Engländer habt stehen lassen; ich meine den alten Küster der Kirche von Douglas, welcher mehr Geschichten von diesen alten Leuten erzählen kann, die Euer Gnaden nicht so gern nennen hört, daß dieselben von heute bis Weihnachten währen könnten." „Weiß Jemand," fragte der Ritter, „wen diese alte Frau meint?" „Ich vermuthe," erwiderte Fabian, „daß sie von dem alten kindischen Narren spricht, der wie ich glaube, der allgemeine Gewährsmann über die Geschichte und die Alterthümcr die- 163 ser alten Stadt und der wilden Familie ist, die hier vielleicht vor der Sündfluth lebte." „Und welcher, wie ich glaube," sagte der Ritter, „eben so viel von der Sache weiß, als diese Frau; wer aber ist dieser Mann? Ist er ein Küster? Dann ist er vielleicht mit Verstecken bekannt, die oft in gothischen Gebäuden angebracht und denjenigen bekannt sind, welche wegen ihrer Geschäfte dieselben besuchen müssen- Kommt gute alte Dame, bringt diesen Mann zu mir, oder was noch besser ist, ich will mich zu ihm begeben, denn wir haben hier schon zu viel Zeit verbracht." „Zeit," erwiderte die alte Frau, „bringt Euer Gnaden die Zeit in Anrechnung? ich kann kaum sicherlich so viel noch von der meinigcn zusammenbringen, um damit Leib und Seele zusammenzuhalten. Ihr seid nicht mehr weit von des alten Mannes Hause entfernt " Sie ging somit voran, indem sie über Hausen von Schutt stolperte, und alle Hindernisse einer verfallenen Straße zu überwinden hatte, als sie dem Sir Apmer den Weg leuchtete. Dieser gab sein Pferd einem seiner Begleiter, bat Fabian, sich auf seinen Ruf bereit zu halten, und kletterte hinter seiner Führerin her, so gut es der langsame Gang derselben gestattete. Beide befanden sich bald unter den Trümmern der alten Kirche, welche durch die muthwillige Zerstörung der Soldaten sehr beschädigt und so gefüllt von Schutt war, daß der Ritter sich wunderte, wie die alte Frau den Weg habe finden können. Sie schwatzte mittlerweile fortwährend, als sie auf dem Wege voranstolpertc; bisweilen ries sie mit kreischendem Tone, „Powheid! Lazarus Powheid!" dann murmelte sie vor sich hin, „der alte Mann wird bei einer seiner Pflichten, wie 164 rr dies nennt, beschäftigt sein; mich wundert nur, daß er sich damit in diesen Zeiten plagt; doch daran ist nichts gelegen; ich stehe dafür ein, die Zeiten werden für sein Leben und auch für meines noch etwas ausreichen. Die Zeiten aber, Gott helfe uns, find nach allem, was ich sehen kann, gut genug für diejenigen, welche darin leben." „Wißt Ihr gewiß, gute Frau," sagte der Ritter, „daß ein Bewohner unter diesen Ruinen lebt? Was mich betrifft, so möchte ich eher glauben, daß Ihr mich zu einem Leichenhause der Todten gebracht habt." „Vielleicht habt Ihr Recht," sagte die alte Frau mit einem gräßlichen Lachen. „Alte mürrische Leute und alte Klatschweiber eignen sich für Grabgewölbe und Leichenhäuser, und wenn ein alter Todtengräber in Nähe der Todten wohnt, so lebt er, wie Ihr wißt, unter seinen Kunden. Hallo, Pow- heid, Lazarus Powheid, hier ist ein Herr der Euch sprechen will!" dann fügte sie mit einigem Nachdruck hinzu, „ein englischer edler Herr aus der ehrenwerthen englischen Garnison." Es wurde jetzt der Schritt eines alten Mannes und zwar so langsam vernommen, daß das schimmernde von demselben gehaltene Licht auf der verfallene« Mauer des Gewölbes sichtbar wurde, noch bevor die Person, welche es trug, zum Vorschein kam. Der Schatten des alten Mannes fiel ebenfalls auf die erleuchtete Wand, bevor seine Gestalt zum Vorschein kam; seine Kleidung war in beträchtlicher Verwirrung, weil er vom Bette aufgesprungen war; da nämlich künstliches Licht durch die Vorschriften der Besatzung verboten war, so verbrachten die Einwohner von Douglasdale im Schlafe die Zeit, die sie auf keine andere Weise sich vertreiben konnten. Der Küster war ein großer durch Alter und Entbehrungen abgemagerter Mann; n-iMiiiil'niH-l'f-? 165 sein Körper war durch die Gewohnheit seiner Beschäftigung, das Gräbergrabcn, gebeugt und sein Blick von Natur niederwärts auf den Schauplatz seiner Arbeit gerichtet; seine Hand trug eine kleine Lampe, die er in solcher Weise hielt, daß das Licht auf seinen Besucher fiel; zugleich enthüllte dieselbe dem jungen Ritter die Gestchtszüge der Person, welcher er gegenüber stand, — Züge, welche zwar weder hübsch noch angenehm, aber stark bezeichnet, scharfsinnig und ehrwürdig waren, und zugleich einen gewissen Grad würdevollen Ausdruckes zeigten, welchen das Alter und sogar die bloße Armuih gelegentlich ertheilt, als werde dadurch die letzte traurige Art der Unabhängigkeit übertragen, welche denjenigen eigenthümlich ist, deren Lage durch irgend denkbare Mittel kaum schlimmer werden kann, als sie durch Alter und Schicksal schon geworden ist. Das Kleid eines Laienbruders verlieh seiner Erscheinung eine religiöse Wichtigkeit. „Was wollt Ihr von mir, junger Mann?" sagte der Küster. „Eure jugendlichen Züge und Eure weltliche Kleidung bezeichnen einen Mann, der weder für sich noch für Andere meines Dienstes braucht." „Ich bin," erwiderte der Ritter, „wirklich ein lebendiger Mensch, und brauche deshalb für mich selbst weder Schaufel noch Hacke; wie Ihr seht, trage ich keinen Traueranzug und brauche Eure Dienste deshalb auch nicht für einen Verwandten, ich wünsche Euch nur einige Fragen vorzulegen." „Was Ihr haben wollt, muß geschehen," antwortete der Küster, „denn Ihr seid einer von denen, die uns jetzt regieren, und wie es mir scheint ein Mann von höherer Stellung; folgt mir jetzt in meine ärmliche Wohnung; früher hatte ich eine bessere, und dennoch, Gott weiß es, ist sie gut genug für 166 mich, da so viele Menschen von weit höherem Stande mit einer weit schlechteren zufrieden sein müssen." Er öffnete eine niedrige Thüre, welche unregelmäßig zu- gcrichtet war, um als Eingang in ein gewölbtes Gemach zu dienen, wo der alte Mann, wie es schien von der lebendigen Welt gesondert, seine elende und einsame Wohnung hatte. Der Fußboden aus Pflastersteinen, die mit Genauigkeit zusammengelegt waren und hie und da noch Buchstaben und Sinnbilder zeigten, als hätten sie einst zu Grabsteinen gedient, war ziemlich gut gefegt, und ein Feuer am oberen Ende richtete seinen Rauch in ein Loch, welches als Kamin diente. Die Schaufel und die Hacke nebst anderen Werkzeugen, welche der Verwalter eines Kirchhofs gebraucht, lagen im Zimmer zerstreut umher, und bildeten nebst einigen rohen Stühlen und einem Tisch, wo eine unerfahrene Hand ohne Zweifel die Arbeiten des Tischlers ersetzt hatte, den einzigen Hausrath mit Einschluß des Strohlagers dieses alten Mannes, das sich in einem Winkel befand und in Unordnung gebracht war, als habe sich derselbe erst davon erhoben. Am unteren Ende des Zimmers war die Wand beinahe gänzlich von einem großen Wappenschilde bedeckt, wie man dergleichen gewöhnlich über den Gräbern von Leuten hohen Ranges aufhängt; dasselbe hatte sechszehn besondere Wappenfelder, welche, ein jedes mit eigcnthümlichen und besonderen Sinnbildern, als Verzierung das hauptsächlichste Familienwappen umringten. „Setzen wir uns," sagte der alte Mann, „diese Stellung wird meine schwachen Ohren besser befähigen, Eure Worte zu vernehmen, und der Husten wird gnädiger mit mir umgehen, um Euch zu gestatten, daß Ihr die weinigen versteht." Ein Anfall von kurzem, Engbrüstigkeit andeulendem Husten bestätigte die Heftigkeit der zuletzt erwähnten Krankheit, und der junge Ritter befolgte das Beispiel seines Wirthes, indem er sich auf einen der krüppelhaften Stühle am Feuer niederließ. Der alte Mann brachte aus einem Winkel seines Zimmers eine von ihm gelegentlich getragene Schürze herbei, die aber jetzt mit zerbrochenen Brettern in unregelmäßigen Stücken gefüllt war, von denen einige mit schwarzem Tuch bedeckt, oder mit schwarzen, zum Theil auch vergoldeten Nägeln beschlagen waren. „Diese frische Feuerung," sagte der alte Mann, „wird nothwendig sein, um einigen Grad der Wärme in diesem öden Gemach zu erhalten; auch sind die Dünste der Gräber, womit dies Gewölbe sehr alsbald sich anfüllt, wenn man das Feuer ausgehen läßt, für die Lungen und die Behaglichkeit der Gesunden, wie Euer Gnaden schädlich, obgleich ich mich daran gewöhnt habe. Das Holz wird Feuer fangen, mag es auch einige Zeit dauern, bis die Feuchtigkeit des Grabes von der trockenen Luft und der Wärme des Kamins überwunden sein wird." Demgemäß begannen die Reste der Gräber, welche der alte Mann auf seinen Kamin gehäuft hatte, allmälig einen dicken, schmierigen Dampf zu entzünden, aus welchem zuletzt eine Flamme aufloderte und das Gemach erleuchtend dem finsteren Schauplatz einige Lebendigkeit ertheilte. Das Wappen des großen Schildes empfing die Strahlen, und warf fit in so glänzendem Widerschein zurück, als es dieser düstere Gegenstand vermogte; das ganze Zimmer erhielt den Anblick phantastischer Heiterkeit in sonderbarem Gemisch mit den finsteren Vorstellungen, welche die Verzierungen der Einbildungskraft einzuflößen geeignet waren. „Ihr seid erstaunt," sagte der alte Mann, „und vielleicht, Herr Ritter, habt Ihr niemals zuvor gesehen, daß die Reste 168 der Tobten zu dem Zwecke gebraucht wurden, um den Lebendigen größere Behaglichkeit zu verschaffen, als der Zustand derselben sonst gestatten wurde." „Behaglichkeit!" erwiderte der Ritter von Valence, indem er die Achseln zuckte, „es wäre mir leid, alter Mann, wüßte ich, daß ein Hund von mir so schlecht wohnen müßte, wie du, dessen graue Haare sicherlich bessere Tage gesehen haben." „Vielleicht," antwortete der Küster, „und vielleicht auch nicht; wie ich glaube, schien jedoch Euer Gnaden nicht geneigt mir einige Fragen über meine Geschichte vorzulegen, ich wage deshalb mich zu erkundigen, worauf Eure Fragen Bezug haben." „Ich will klar mit Euch reden," erwiderte Sir Aymer, „und Ihr werdet alsbald die Nothwendigkeit anerkennen, mir eine kurze und bestimmte Antwort zu geben. Ich bin in den Straßen dieses Dorfes so eben einer Person begegnet, welche mir nur durch einen einzigen Lichtstrahl gezeigt, die Kühnheit besaß, die Waffenzeichen der Douglas zu tragen und sogar deren Kriegsruf erschallen zu lassen; darf ich meinem vorübergehenden Blick vertrauen, so hatte dieser kühne Ritter sogar die Züge der Douglas und die ihnen eigenthümliche dunkle Gesichtsfarbe. Man hat mich an dich als einen Mann verwiesen, welcher die Mittel besitzt mir diesen außerordentlichen Umstand zu erklären; als englischer Ritter, welcher unter König Edward einen Posten begleitet, bin ich dazu berufen, die Sache zu untersuchen." „Erlaubt mir, eine Unterscheidung hier zu machen," sagte der alte Mann, „die Douglas der'früheren Menschengeschlechter sind meine nächsten Nachbarn, und nach der Meinung meiner abergläubischen Mitbürger dieser Stadt meine Bekannten und Besucher; ich kann die Verantwortung für ihr gutes Betragen auf mein Gewissen nehmen, und kann mich dafür ver- 169 bürgen, daß keiner der alten Barone, bis auf welche man den Wurzeln dieses mächtigen Baumes der Sage nach, nachspüren kann, durch ihr Kriegsgeschrei die Städte und Dörfer ihres Vaterlandes wieder stören werden — Niemand wird im Mondlicht mit der schwarzen Rüstung paradiren, welche lang auf ihren Gräbern verrostet ist. In Staub ist der Leib zerfallen, DaL Schwert dem Roge verfallen, Die Seele wird bei den Heiligen wallen Seht Euch um, Herr Ritter, über Euch und in der ganzen Umgebung habt Ihr die Männer, von denen Ihr redet- Unter uns in einem kleinen Nebengewölbe, welches nicht geöffnet wurde, seit diese meine Locken braun und dicht waren, ruht der erste Mann, den ich als merkwürdig in dieser merkwürdigen Linie nennen kann- Es ist derselbe, den der Thane von Athol dem Könige von Schottland als Sholto Dhuglaß oder den dunklen eisenfarbigen Mann vorstellte, durch dessen Anstrengungen seine Fürsten die Schlacht gewonnen hatten; der Sage nach hat derselbe seinen Namen unserem Thale und unserer 2) Die Stelle ist folgendem Schluß eines Gedichtes von Coleridge entnommen : Wo ist das Grab von Sir Arthur Orellan — Wo wird das Grab des guten Ritters sein? Am Rande des Bachs, an den Höhe» von Helvellyn, Wo der Buche Zweig' eS mit Blättern bestreu'». Die Eiche, die rauschend im Laub ertönte, Wann im Sommer es grünt' und ln, Herbst verdorrte, Die entblößt in dem Winde des Winters stöhnte, Sie fiel und die Buche steht an dem Orte. Jn Staub ist der Leib zerfallen, Dem Roste das Schwert verfallen, Die Seele wird bei den Heiligen wallen- 170 Stadt hinterlaffen, obgleich Andere meinen, daß das Geschlecht den Namen Douglas von dem Strom erhielt, der seit undenklichen Zeiten so genannt wurde, bevor noch die Familie ihre Burgen an dessen Ufern besaß. Andere, seine Nachkommen, genannt Eachain oder Hector I. und Orod oder Hugo, William der erste dieses Namens, und Gilmaur der Held von manchem Sängcrliede, welches Thatcn berichtet, die unter der Oriffamme Carls des Großen, Kaisers von Frankreich vollbracht wurden — sie alle wurden hier zu ihrem letzten Schlafe beigesetzt und ihr Gedächtniß ist vor der Verheerung der Zeiten nicht genug geschützt worden. Etwas wissen wir über ihre großen Thaten, große Macht und ach! ihre große Verbrechen. Etwas wissen wir auch von einem Lord Douglas, welcher in einem Parlament zu Torfur saß, das König Malcolm I. hielt, und wir erfahren, daß er wegen seiner Vorliebe, den wilden Hirsch zu jagen, sich einen Thurm, Blackhause genannt, im Walde von Ellrich baute, der vielleicht noch vorhanden ist." „Ich bitte Euch um Verzeihung, alter Mann," sagte der Ritter, „ich habe jetzt keine Zeit, Eurer Hersagung des Stammbaumes der Douglas zuzuhören- Eine geringere Sache könnte einem Sänger mit gutem Athem auf einen ganzen Kalendermonat mit Einschluß der Sonntage und Feiertage genügenden Stoff zum Hersagen liefern." „Welche andere Kunde könnt Ihr von mir erwarten," sagte der Küster, „als diejenige über die Helden, von denen einige zur ewigen Ruhe zu bestatten, mein Loos war, das die Tod- ten von den Pflichten dieser Welt auf ewig trennen wird? Ich habe Euch gesagt, wo dies Geschlecht bis zur Regierung des königlichen Malcolm ruht. Ich kann Euch auch von einem zweiten Gewölbe erzählen, worin Sir John von Dou- glaS-Burn mit seinem Sohn Lord Archibald und einem dritten 171 William ruht, der wegen eines Vertrages mit Lord Aberdeen bekannt ist. Endlich kann ich Euch von demjenigen erzählen, dem jenes Wappenschild mit aller Beigabe des Glanzes und der Würde angehört- Beneidet Ihr jenen Edelmann, den ich ohne Bedenken, sogar wenn der Tod die Folge meiner Worte wäre, meinen ehrenwerthen Beschützer nennen würde? Hegt Ihr die Absicht, seine Reste zu entehren? Der Sieg wäre ärmlich, auch geziemt es nicht einem Ritter und Edelmann in Person herbei zu kommen, um einen solchen Sieg über den Todten zu genießen, welchem nur wenig Ritter, so lange er lebte, ihre Roste entgegcnzuspornen wagten. Er kämpfte zur Verlhcivigung seines Vaterlandes, hatte aber nicht das Glück wie die meisten seiner Vorfahren auf dem Schlachtfelde zu sterben. Gefangenschaft, Krankheit und Gram und das Unglück seines Vaterlandes, brachten sein Haupt zum Grabe in seinem Kerker und im Lande der Fremden." Des alten Mannes Stimme wurde durch Rührung unterbrochen, und der englische Ritter fand es schwierig, seine Un- suchung in der finstern Weise fortzusetzen, welche sein Dienst erheischte. „Alter Mann," sagte er, „ich will nicht von dir diese Einzelheiten hören, die mir nutzlos und dir peinlich sind. Du thust nur deine Pflicht, indem du dem alten Lord Gerechtigkeit erweisest, du hast mir jedoch noch nicht erklärt, weshalb ich in dieser Stadt und noch diesen Abend und noch nicht ganz vor einer Viertelstunde einen Schwerbewaffneten mit der Gesichtsfarbe der schwarzen Douglas erblickte, welcher sein Kriegsgeschrei ausstieß, als wolle er damit den Siegern Hohn sprechen." „Sicherlich," erwiderte der Küster, „ist es nicht meine Sache, eine solche Einbildung anders, wie durch die Voraus- setzung zu erklären, daß die natürliche Besorgniß des Südländers das Gespenst eines Douglas zu jeder Zeit heraufbeschwören wird, wenn er das Grab der Familie vor Augen hat. Mich däucht, in solcher Nacht, wie dieser, würde der schönste Cavalier die Gesichtsfarbe dieses dunkelfarbigen Geschlechts zeigen, und ich kann cs nicht für wunderbar halten, daß der Kriegsruf, den einst so viele Tausende dieses Landes im Munde führten, gelegentlich auch aus dem Munde eines einzelnen Kämpfers erschallt." „Ihr seid kühn, alter Mann," erwiderte der englische Ritter, „bedenket, daß Euer Leben in meiner Gewalt liegt, und daß es in gewissen Fällen meine Pflicht sein kann, den Tod mit demjenigen Grade der Pein Euch zuzuerkennen, worüber die Menschlichkeit einen Schauder empfindet." Der alte Mann erhob sich langsam beim Lichte des lodernden Feuers, welches seine mageren Gesichtszüge solcher Art zeigte, wie sie die Maler dem St. Antonius in der Wüste ertheilen; er wies auf die plumpe, schwach leuchtende, auf dem Tische stehende Lampe und sagte dem Ritter mit dem Ausdruck vollkommener Festigkeit und sogar dem Anschein von Würde: „junger Ritter von England, Ihr seht dieß Gerät-, welches das Li»t diesen verhängnißvollen Gewölben ertheilt, — es ist so schwach, wie nur irgend ein Ding sein kann, dessen Flamme vom lebendigen Element genährt wird, welches in einem aus Eisen bestehenden Rahmen enthalten ist. Es liegt ohne Zweifel in Eurer Gewalt, den Dienst dieses Dinges zu beendigen, indem Ihr den Rahmen zerschlagt, oder auch nur das Licht auslöscht. Droht mit solcher Vernichtung, Herr Ritter und seht, ob Eure Drohung irgend ein Gefühl der Furcht dem Element oder dem Eisen ertheilen wird; wisset, daß Ihr nicht mehr Gewalt über den schwachen 173 Sterblichen besitzt, den Ihr mit ähnlicher Vernichtung bedroht. Ihr könnt an meinem Körper die Haut reißen, worein dieselbe jetzt gehüllt ist, obgleich jedoch meine Nerven während des unmenschlichen Verfahrens brennende Schmerzen empfinden mögen, so wird dieß nicht mehr Eindruck auf mich Hervorbringen, als zöget Ihr dem Hirsche die Haut ab, welchem ein Pfeil vorher das Herz durchbohrt hat. Mein Alter entführt mich dem Bereiche Eurer Grausamkeit; seid Ihr anderer Meinung, so ruft Eure Leute und beginnt Euer Verfahren; weder Drohung noch Mißhandlung wird Euch in Stand setzen, etwas Anderes von mir zu erpressen, als ich aus freien Stücken Euch zu sagen bereit bin." „Ihr foppt mich, alter Mann," sagte de Valcnce, „Ihr redet, als wüßtet Ihr einige Geheimnisse über das Treiben dieser Douglas, die Euch als Götter gelten; dennoch gebt Ihr mir durchaus keine Mittheilung." „Ihr werdet bald Alles wissen," erwiderte der alte Mann, „was ein armer Küster Euch mittheilen kann; dasselbe wird Eure Kenntniß hinsichtlich der Lebendigen nicht vermehren, ob es gleich einiges Licht über das mir eigenthümliche Gebiet, nämlich das der Todten, verbreiten kann. Die Geister der verstorbenen Douglas ruhen nicht in ihren Gräbern, während der Entehrung ihrer Grabmäler und während der Erniedrigung ihres Hauses. Die Religion gestattet uns nicht zu glauben, daß der größere Theil jenes Stammes nach dem Tode in die Gefilde ewiger Seligkeit oder eines niemals endenden Elends gelangt, und wir müssen glauben, daß viele eines Geschlechtes, welches so großen Antheil an weltlichem Triumph und weltlichem Glück besaß, mit Recht zum Schicksal einer zwischen beiden befindlichen empfindlichen Strafe ver- urtheilt wurde. Ihr habt die Tempel zerstört, welche von ihren Nachkommen erbaut wurden, um den Himmel für die Wohlfahrt ihrer Seelen günstig zu stimmen; ihr habt die Gebete zum Schweigen gebracht und die Chorgesänge beendet, durch deren Vermittlung die Frömmigkeit der Kinder den Grimm des Himmels gegen ihre Ahnen zu mildern suchte, welche zum Fegefeuer vcrurthcilt wurden. Könnt Ihr Euch wundern, daß die gequälten Geister, der Milderung beraubt, welche für sie festgesetzt wurde, dem gewöhnlichen Ausdruck gemäß, nicht in ihren Gräbern ruhen können? Könnt Ihr Euch wundern, daß sie unzufrieden an den Orten umherschweifen, die ihnen noch Ruhe gewähren könnten, wenn Ihr nicht den Krieg auf so rücksichtslose Weise geführt hättet? Oder wundert Ihr Euch, daß diese fleischlosen Krieger Eure Märsche unterbrechen und Alles thun, was ihre lustige Natur zur Störung Eurer Rathschläge ihnen gestattet, daß sie, so weit cS ihnen möglich ist, den Feindlichkeiten entgegentrcten, auf deren Ausführung sowohl gegen die Verstorbenen, wie gegen diejenigen, welche Eure Grausamkeit überlebt haben, Ihr Euren Stolz setzt?" „Alter Mann," erwiderte Aymer de Valencc, „Ihr könnt nicht erwarten, daß ich als Antwort eine Geschichte, wie diese, aufnehmen soll, welche sogar eine gar zu plumpe Erdichtung ist, um einen an Zahnweh leidenden Schulknaben in Schlaf zu lullen; dennoch danke ich Gott, daß dein Schicksal nicht meinen Händen anheimgegeben ist. Mein Knappe und zwei Armbrustschützen sollen dich als Gefangenen zum würdigen Sir John de Walton, dem Gouverneur des Schlosses und des Thales, bringen, damit er mit dir verfährt, wie er es für passend halten wird. Er ist kein Mann, um an deine Erscheinungen von Geistern aus dem Fegefeuer zu glauben — 175 Hella, Fabian, komm' hieher, und bringe mit dir zwei Arm- drustschötzcn der Wache." Fabian, welcher am Eingänge des verfallenen Gebäudes gewartet hatte, fand jetzt beim Lichte der Lampe des alten Küsters und beim Schalle der Stimme seines Herrn seinen Weg in das eigenthümliche Gemach des alten Mannes, dessen sonderbare Ausschmückung den Jüngling mit Ueberraschung und einigem Schauder erfüllte. „Nimm zwei Armbrustschlltzen mit dir," sagte der Ritter von Valence, und bringe mit ihrer Hülfe diesen alten Mann zu Pferde oder in einer Sänfte zum würdigen Sir John de Walton. Sage ihm, was wir gesehen haben, und was du, so gut wie ich, bemerkt hast; sage ihm, daß dieser alte Küster, den ich abschicke, damit er von seiner überlegenen Weisheit befragt werde, über unfern geisterhaften Ritter mehr zu wissen scheint, wie er zu enthüllen Willens ist, obgleich er uns keine andere Nachricht von ihm geben will, als daß er der Geist eines der alten Douglas aus dem Fegefeuer ist — eine Angabe, welcher Sir John de Walton nach Belieben Glauben schenken mag Ihr könnt ihm sagen, mein Glaube gehe dahin, daß der Küster entweder aus Älrmuth, Altersschwäche und Schwärmerei geisteskrank geworden ist, oder daß er mit einer Verschwörung in Verbindung steht, welche die Landleute ausbrüten. Ihr könnt ihm auch sagen, daß ich mit dem jungen Mann beim Abt von St. Bride nicht viel Umstände machen werde. Es liegt etwas Verdächtiges in all' den Umständen, die jetzt in unserer Umgebung Vorkommen." Fadian versprach Gehorsam; der Ritter nahm ihn bei Seite und gab ihm noch weitere Warnung auf sein Geschäft genau zu achten, denn er müsse bedenken, daß weder sein eigenes Urtheil, noch das seines Herrn von dem Gouverneur 176 besonders beachtet würden; er möge fich wohl hüten vor einem Vergehen in einer Angelegenheit, bei der vielleicht die Sicherheit des Schlosses auf dem Spiel stehe." „Seid unbesorgt, würdiger Herr," erwiderte der junge Mann, „erstens kehre ich in die frische Lust und zweitens zu einem guten Feuer zurück, beides Dinge, die einen sehr angenehmen Tausch mit diesem Loch erstickender Dünste und verabscheuungswürdiger Gerüche bilden. Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich keinen Verzug machen werde; ein sehr kurzer Zeitraum wird mich nach Castle Douglas zurückbringcn, wenn ich sogar mit der gebührenden Aufmerksamkeit auf den Knochen des alten Mannes reiten sollte." „Behandle ihn menschlich," erwiderte der Ritter, „und du, alter Mann, wenn du unempfindlich gegen Drohungen persönlicher Gefahr bist, so bedenke, daß deine Strafe, wenn du uns betrügen solltest, noch strenger sein wird, als irgend eine, die wir deiner Person zufügen können." „Könnt ihr die Folter auf die Seele anwenden?" fragte der Küster. „Hinsichtlich deiner besitzen wir diese Gewalt," erwiderte der Ritter, „wir werden jedes Kloster oder jede kirchliche Gründung aufheben, welche zum Heil der Seelen dieser Familie Douglas eingesetzt wurde; wir werden alsdann allein den Andächtigen gestatten, dort auf die Bedingung hin zu wohnen, daß sie für das Seelenheil König Edward I. ruhmvollen Andenkens beten, welchen man den inslleus Seotorum. den Hammer der Schotten zu nennen pflegt; wenn nun die Douglas der geistlichen Wohlthat von Gebeten und Gottesdienst in solchen Heiligthümern beraubt werden, so liegt die Schuld an deiner Hartnäckigkeit." 177 „Eine solche Art Rache," erwiderte der alte Mann in demselben kecken Tone, welchen er bisher gebraucht hatte, „würde sich eher für die Teufel in der Hölle, als für christliche Menschen ziemen." Der Knapve erhob seine Hand, der Ritter schritt ein, „vergib ihm, Fabian," sagte er, „der Mann ist sehr alt und vielleicht wahnsinnig. Und Ihr, Küster, bedenkt, daß die gedrohte Rache nach dem Gesetz gegen eine Familie gerichtet werden kann, deren Mitglieder sammtlich die hartnäckigen Anhänger des im Kirchenbann befindlichen Rebellen waren, welcher den rothen Coinyn in der Kirche von Dumfries ermordete" Mit den Worten schritt Aymer aus den Ruinen, indem er seinen Weg mit großer Schwierigkeit suchte; er nahm sein Pferd, das er am Eingänge fand, wiederholte seine Warnung gegen Fabian, er möge sich klug benehmen, ging zum südwestlichen Thore und gab die eindringlichsten Ermahnungen zur Hebung einer strengen Wache mit Patrouillen und einzelnen Posten, wobet er zugleich seinen Argwohn durchblicken ließ, daß die Wachen am vorhergehenden Abend vernachlässigt seien- Die Kriegslcute murmelten eine Entschuldigung; die dabei gezeigte Verlegenheit schien anzudeuten, daß sie Ursache zum Verweise gegeben hatten. Sir Apmer setzte dann seinen Ritt nach Hazelside fort, wobei sein Gefolge durch die Abwesenheit von Fabian und seinen Begleiter vermindert war. Nach einem hastigen, aber nicht kurzen Ritt stieg er bei Thomas Dicksons Hause ab, wo er die Abtheilung aus Ayr schon eingetroffen sah, welche sich für die Nacht bequem untergebracht hatte. Ec schickte einen der Bogenschützen ab, um seine Nähe dem Abt von St. Bride und dem jungen Gaste desselben anzukündigen, wobei er zu- DaS geführt- Schloß u. and- Erzähl. I. 12 178 l gleich dem Armbrustschützen den Auftrag gab, letzteren im Auge zu behalten, dis er selbst zur Kapelle gelangt sei, was sehr schnell geschehen werde. Zehntes Kapitel. Wen» die Nachtigall singt ln des Waldes Grün, Wenn Gräser keimen und Blumen blüh», Wird dem Herzen die scharfe Pein verlieisin, Um Tag wie Nacht in den Adern z» giüh'n. Roman der Rose, nach einer handschristli, chen Ueberseyung von Warton citirt- Sir Aymer de Valence war nicht sobald seinem Bogenschützen zum Kloster Si. Bride gefolgt, als er auch sogleich den Abt rufen liest. Dieser kam mit dem GestchtSausdruck eines Mannes, welcher die Ruhe liebt, und sich plötzlich vom Lager aufgerafft hat, wo er sich einem behaglichen Schlaf hingegeben hatte; man sah ihm an, daß er sich der Aufforderung eines Mannes stellte, gegen welchen er keinen Ungehorsam wagte, dem er aber auch seinen Aerger nicht verbergen mochte, soweit es ihm noch immer gestaltet war. »Das ist ein später Ritt," sagte er, „der Euer Gnaden in dies Kloster gebracht hat; darf ich mich nach der Ursache erkundigen, nachdem wir erst vor Kurzem mit dem Gouverneur hinsichtlich der Anordnungen übereingekommen sind?" »Ich hoffe," erwiderte der Ritter, »daß Ihr, Vater Abt, nicht schon etwas davon wißt; man hegt Verdacht, und ich 179 selbst habe diese Nackt etwas gesehen, welches denselben bestätigt, daß einige hartnäckige Rebellen dieses Landes ihr gefährliches Treiben zum Schaden der Garnison wieder im Sinne haben; ich komme hieher, Vater, um nachzusehen, ob Ihr als Erwiderung so mancher Gunstbezeugung, die Ihr vom englischen Fürsten erhalten habt, dessen Güte und Schutz nicht dadurch verdienen wollt, daß Ihr dazu beitragt, die Pläne seiner Feinde zu entdecken." „Das werde ich sicherlich," erwiderte Vater Hieronymus mit bewegter Stimme, „ohne Zweifel steht Alles, was ich weiß, zu Eurem Befehle, d. h. wenn ich etwas weiß, dessen Mittheilung Euch vortheilhaft sein kann." „Vater Abt," erwiderte der englische Ritter, „es mag zwar von meiner Seite eine Unbesonnenheit sein, daß ich in den jetzigen Zeiten die Verantwortung für einen Schotten übernehme; ich gestehe jedoch ein, daß ich Euch als einen Mann betrachte, welcher dem König von England immer treu unterworfen war, und ich hoffe gern, daß Ihr es auch bleiben werdet." „Ich habe wahrlich eine schöne Ermuthigung," sagte der Abt, „denn ich werde um Mitternacht bei diesem rauhen Wetter aus dem Bett geholt, um den Befragungen eines Ritters mich zu unterziehen, welcher vielleicht der jüngste seines ehrcnwerthen Ranges ist, und mir nicht den Gegenstand seiner Befragung sagen will, sondern mich hier auf dem kalten Pflaster hält, dis mir das Podagra, welches in meine» Füßen lauert, nach der Meinung des Celsus in den Magen tritt; dann muß ich gute Nacht meiner Würde als Abt und allen späteren Befragungen sagen." „Guter Vater," sagte der junge Mann, „der Geist dieser Zeit muß Euch Geduld lehren; bedenkt, daß ich kein Vergnü- 12* 180 gen an diesem meinem Dienste habe, und daß die Rebellen, welche sehr mit dir unzufrieden sind, weil du den englischen König anerkannt hast, dich im Fall eines Aufstandes an deinem eigenen Kirchthurm aufhängen würden, damit du dort die Krähen fütterst, oder daß der englische Gouverneur, wenn du mit den Aufständischen, deinen Feinde», einen geheimen Vertrag abgeschlossen hast, dich ebenfalls als Rebellen behandeln wird; früher oder später wird er aber die Oberhand rehalten." „Es mag auch scheinen, mein edler Sohn," erwiderte der Abt, offenbar aus der Fassung gebracht, „daß ich in diesem Fall an beiden Enden der von Euch angegebenen Klemme aufgehängt werde; nichtsdestoweniger gebe ich Euch die Versicherung, daß ich jeder mir hierüber vorzulegendcn Frage mit vollkommener Aufrichtigkeit antworten werde, vorausgesetzt, Ihr laßt mir die Zeit, einen Trank zu genießen, welchen Celsus für meinen gefährlichen Fall empfiehlt " Mit den Worten überreichte er einem Mönche, der ihm beim Aufstehen bchülflich gewesen war, einen großen Schlüssel und flüsterte ihm dabei etwas in's Ohr; der Becher, welchen der Mönch herbeibrachte, war so groß, daß er eine beträchtliche Masse des von Celsus empfohlenen Arzneimittels enthalten konnte; ein starker Geruch, welcher sich durch das Zimmer verbreitete, bestärkte jedoch den Verdacht des Ritters, daß die Medizin hauptsächlich aus dem Getränk bestand, welches man damals deflillirte Wasser nannte, deren Zubereitung in den Klöstern schon einige Zeit bekannt war, bevor jenes zur Behaglichkeit dienende Geheimniß den Laienstand im Allgemeinen erreicht hatte. Der Abt, weder durch die Kraft, noch durch die Masse des Getränkes überwältigt, schlürfte dasselbe mit einem Gefühle, das er selbst als Trö- fiung und Wohlbehagen bezeichnet haben würde; seine Stimme wurde gefaßter; er bekannte, durch die Medizin eine außerordentliche Stärkung erlangt zu haben, um zur Beantwortung jeder Frage bereit zu sein, die ihm sein tapferer junger Freund vorlegen könne. „Gegenwärtig," sagte der Ritter, »müssen Reisende in diesem Lande, wie Euch sehr wohl bekannt ist, vorzugsweise unserem Argwohn und unserer Untersuchung ausgesetzt sein. Was ist z. B. Eure Meinung von dem Augustin genannten Jüngling, dem Sohn einer Person, welche sich Bertram den Sänger nennt, oder welcher sich wenigstens für dessen Sohn ausgibt und welcher einige Tage in Eurem Kloster gewohnt hat?" Als der Abt die Frage hörte, drückten seine Augen Erstaunen aus, daß dieselben von dem Ritter kamen. »Sicherlich," sagte er, »nach Allem, was ich von ihm gesehen habe, ist er ein Jüngling von ausgezeichnetem Charakter, sowohl in Bezug auf Loyalität wie Religion; ich mußte das auch erwarten, in Betracht der achtungswerthen Person, die ihn meiner Sorgfalt übertrug " Bei den Worten verbeugte sich der Abt vor dem Ritter, als wolle er sagen, daß diese Antwort ihm einen nicht ausgesprochenen Vortheil bei jeder Frage crtheile, welche noch darüber an ihn gerichtet werden könne; er war deßhalb wahrscheinlich überrascht, als Sir Aymer in folgender Weise Antwort gab. „Allerdings, Vater Abt, empfahl ich Euch diesen Burschen als einen Jüngling von harmlosem Charakter, hinsichtlich dessen cs nutzlos sein würde, die Strenge der unter ähnlichen Umständen auf Andere ausgedehnten Wachsamkeit zu üben; das Zeugniß jedoch, welches die Unschuld dieses jungen Man- nes mir zu verbürgen schien, ist meinem Vorgesetzten und Befehlshaber nicht in gleicher Weise genügend erschienen, und dem Auftrag desselben gemäß, muß ich jetzt weitere Erkundigungen von Euch einziehen. Ihr könnt denken, daß dieselbe von Bedeutung sind, da wir Euch in so ungewohnter Stunde in Unruhe setzen." „Ich kann nur bei meinem Orden und bei dem Schleier der St. Bride betheuern," erwiderte der Abt, indem der Geist des Celsus dem Zöglinge desselben auszugeben schien, „daß alles Uebel, was darin liegen mag, mir gänzlich unbekannt ist, und auch nicht durch die Werkzeuge der Tortur aus mir herausgebracht werden kann. Welche Zeichen von böser Gesinnung dieser junge Mann auch gegeben haben mag, so habe ich keine bemerkt, obgleich ich sein Betragen sehr genau überwachte." „In welcher Hinsicht," fragte der Ritter, „und was ist das Ergedniß Eurer Beobachtung?" „Meine Antwort," sagte der Abt von St. Bride, „soll aufrichtig sein- Der Jüngling willigte ein auf die Bezahlung einer gewissen Anzahl goldener Kronen, nicht als Vergütung der Gastfreundschaft des Klosters von St. Bride, sondern allein —" „Nun Vater," sagte der Ritter, „Ihr könnt Euch kurz fassen, denn der Gouverneur und ich, wir kennen sehr wohl die Bedingungen, auf welche hin die Mönche von St. Bride ihre Gastfreundschaft gewähren. Nothwendiger ist die Frage, in welcher Weise dieser Bursch die Gastfreundschaft aufnahm." „Mit äußerster Güte und Mäßigung, Ritter," erwiderte der Abt; „es schien mir zuerst wirklich, daß er ein lästiger Gast sein könne, denn der Betrag seiner dem Kloster verabreichten Gaben war solcher Art, daß dadurch ein Verlangen 183 nach größerer Bequemlichkeit, als wir gewähren können, er- mulhigt und sogar gerechtfertigt wäre " „Alsdann," sagte Sir Apmcr, „hättet Ihr die Angelegenheit gehabt, ihm einen Theil des empfangenen Geldes wieder zurückgeben zu muffen." „Das," erwiderte der Abt, „wäre eine Ausgleichungsweise gewesen, welche unseren Gelübden widerstrebt. Was in den Schatz der St. Bride bezahlt wird, darf unserer Ordensregel gemäß keinesfalls wieder herausgegeben werden. Jndcß, edler Ritter, das war nicht erforderlich; eine Rinde weißen Bro- des und ein Trank Milch war genügende Speise, um den armen Jüngling auf einen Tag zu ernähren; meine eigene Besorgniß wegen seiner Gesundheit veranlaßte mich, seine Zelle mit einem weicheren Bett nebst Bettdecke auszustatten, wie es den Regeln unseres Ordens genau entspricht." „Hört auf das, was ich sage, Herr Abt, und antwortet mir die Wahrheit," sagte der Ritter von Valence, „welchen Verkehr hat dieser junge Mann mit den Einwohnern dieses Klosters oder mit Leuten außerhalb desselben gehabt? Befragt darüber Euer Gedächtniß und gebt mir eine bestimmte Antwort, denn die Sicherheit Eures Gastes, ebenso wie die Eure, sind davon abhängig." „So wahr ich ein Christ bin," sagte der Abt, „habe ich nichts bemerkt, welches den Verdacht Euer Gnaden begründen könnte; der Knabe Augustin, denjenigen ungleich, die ich in der Welt erzogen gesehen habe, zeigte eine entschiedene Vorliebe zu der Gesellschaft derjenigen Schwestern, welche das Kloster St. Bride enthält; er verkehrte mit denselben weit mehr, als mit meinen Brüdern, den Mönchen, obgleich einige darunter angenehme und umgängliche Leute sind." 184 „Die Klatscherei/' sagte der junge Ritter, „wird einen Grund dieses Vorzuges leicht auffinden." „Nicht in dem Fall der Schwestern von 8t. Bride/' sagte der Abt, »die meisten derselben sind entweder von der Zeit arg mißhandelt worden, oder ihre Schönheit wurde durch ein Unglück zerstört, bevor sie sich in dies Kloster zurückzogen." Diese Bemerkung des guten Vaters wurde mit einer inneren Bewegung der Heiterkeit gemacht, welche offenbar durch die Vorstellung veranlaßt war, die Schwesterschaft der St. Bride habe Jemand durch persönliche Schönheit weggezogen; alle dortigen Nonnen waren nämlich in auffallender und beinahe possenhafter Weise durch Häßlichkeit entstellt. Auch der englische Ritter, welchem die Schwesterschaft sehr wohl bekannt war, empfand bei diesem Gespräch einige Neigung zum Lächeln. „Ich spreche," sagte er, „die fromme Schwesterschaft von jeder Anklage frei, daß sie in anderer Weise als durch Freundlichkeit und Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse des kranken Fremden, einen Zauber auf denselben ausübt." „Schwester Beatrice," fuhr der Mönch fort, indem er seinen Ernst wieder annahm, „ist mit einer, die Neigung der Menschen gewinnenden Gabe gesegnet, um Eingemachtes und angenehmes Getränke aus Milch zu bereiten; bei genauer Untersuchung habe ich aber nicht gefunden, daß der junge Mann etwas der Art gekostet hätte; auch ist Schwester Ursula nicht von Natur, sondern wegen der Wirkungen eines Unglücksfalles so häßlich; Euer Gnaden weiß aber, daß die Männer sich nicht um die Ursache der Entstellung bekümmern, sobald letztere sich bei einem Weibe vorfindet. Ich will mit Eurer Lrlaubniß sortgchen und Nachsehen, in welchem Zustande der junge Mann sich jetzt befindet; ich will ihm sagen, daß er jetzt vor Euch erscheinen muß." „Ich ersuche Euch dazu, Herr Vater, denn die Angelegenheit ist dringender Art; auch mache ich Euch ernstlich darauf aufmerksam, daß Ihr das Benehmen dieses Augustin sehr genau beobachten müßt. Ich will Eure Rückkehr erwarten, und den Knaben entweder in das Schloß bringen oder denselben hier erwarten, je nachdem die Umstände es erheischen werden " Der Abt verbeugte sich, versprach sein Aeußerstes zu thun, und hinkte aus vem Gemach, um den Jüngling Augustin in seiner Zelle aufzusuchen, denn er zeigte großen Eifer, die Wünsche des de Valence zu erfüllen, den er als seinen militärischen Beschützer unter den vorhandenen Umständen betrachtete. Er blieb lange Zeit aus, und Sir Aymer begann schon die Meinung zu hegen, daß die Verzögerung verdächtig sei, als der Abt mit dem Gesichtsausdruck der Verlegenheit und Verstörtheit zurückkehrtc. „Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euer Gnaden so lange habe warten lassen," sagte Hieronymus mit großer Aengst- lichkeit, „ich bin jedoch durch nutzlose Förmlichkeiten und Bedenklichkeiten von Seiten dieses unbeholfenen Jünglings aufgehalten worben; erstens öffnete der Jüngling, als er vernahm, daß mein Fuß seinem Schlafgemach näher kam, nicht die Thür, wie cs sich mit Rücksicht auf meine Würbe geziemt haben würde, sondern schob im Gegentheil einen starken Riegel von innen vor; dieser Riegel aber ist auf Schwester Ursula's Befehl dort angebracht worden, damit sein Schlummer nicht gestört werde. Ich sagte ihm, so gut es mir möglich war, er müsse ohne Verzug vor Euch erscheinen, und sich anschicken, Euch zum Schlosse zu begleiten; er wollte jedoch kein Wort erwidern, sondern empfahl mir Geduld zu haben, wozu ich 186 dann auch ebenso wie Euer Armbrustschutz genöthigt war, der vor der Thüre der Zelle Schildwacht stand und sich bei der Aussage der Klosterschwestern zufrieden stellte, daß ein Ausgang nicht vorhanden sei, durch welchen Augustin entschlüpfen könne; zuletzt öffnet sich die Thüre, und der junge Mann zeigte sich mit Rcisekleidern vollkommen angethan. Ich glaube wahrlich, daß ein Anfall seiner Krankheit ihn auf's Neue ergriffen habe; vielleicht ist er durch einen Anfall von Hppochondria oder schwarzer Galle verstört worden, d. h. von einer Art Seelenverrücktheit, welche bisweilen das Uebel begleitet; jetzt aber ist er gefaßt, und wenn Euer Gnaden ihn sehen will, so steht er zu Befehl." „Ruft ihn hieher," sagte der Ritter. Es verging wieder ein beträchtlicher Zeitraum, bis der Abt halb mit Schelten halb mit Bitten die verkleidete Dame bewog, sich in das Sprechzimmer zu begeben, wo sie zuletzt mit einem Antlitz zum Vorschein kam, worauf die Spuren von Thronen und ein eigensinniger Aerger sich entdecken ließ, wie ihn Knaben oder besonders Mädchen zu zeigen pflegen (bei aller Achtung vor dem schönen Geschlechte sei es gesagt), wenn sie entschlossen sind, ihren eigenen Weg in irgend einer Angelegenheit zu gehen, und eigensinnig die Gründe, weßhalb sie so verfahren, nicht sagen wollen. Ihr in der Eile gemachter Anzug, hatte sie nicht daran verhindert, alle Vermummungen und Verkleidungen genau zu beachten, woraus ihr Pilgeranzug bestand; derselbe war auf solche Weise angelegt, daß er ihre Erscheinung veränderte und auch wirklich ihr Geschlecht verbarg; da jedoch die Höflichkeit ihr untersagte, ihren Hut mit breiten niederhangenden Krempen zu tragen, so wurde ihr Gesicht mehr als in offener Luft blosgestellt: indeß waren ihre Züge, die der Ritter als sehr lieblich erblickte, nicht solcher Art, daß 187 dieselben mit dem angenommenen Charakter, den sie bis zum Acußersten zu behaupten entschlossen war, in Wirklichkeit unverträglich gewesen wären. Sie hatte ihren Umständen gemäß einen Grad von Muth gefaßt, welcher ihr nicht natürlich war, und welcher vielleicht durch Hoffnungen unterhalten wurde, die durch ihre Lage kaum zulässig scheinen mußten. Sobald sie sich in demselben Zimmer mit de Valence befand, nahm sie ein kühneres und entschlosseneres Wesen an, als sie bisher gezeigt hatte. „Euer Gnaden," redete sie ihn an, bevor er noch selbst ein Wort zu ihr gesagt hatte, „ist ein Ritter von England und besitzt ohne Zweifel die Tugenden, welche sich für diese edle Stellung geziemen. Ich bin ein unglücklicher Knabe, welcher wegen mehrerer Gründe, die ich geheim halten muß, in einem gefährlichen Lande zu reisen gezwungen ist, wo man ihn ohne gerechte Ursache als Theilnehmer an Complotten und Verschwörungen beargwöhnt, die meinem eigenen Interesse entgegen sind, und die meine Seele sogar verabscheut; ich kann dieselben mit aller Sicherheit abschwören, indem ich alle Flüche unserer Religion auf mich herabwünsche, und auf alle ihre Versprechungen für den Fall verzichte, daß ich in Worten, Gedanken oder Thaten irgendwie daran Theil genommen hätte. Dennoch steht Ihr, die Ihr meinen feierlichen Betheu- rungen nicht glauben wollt, gegen mich im Begriff, als eine schuldige Person zu verfahren; ich muß Euch aber, Herr Ritter, die Warnung crtheilen, daß Ihr darin eine große und grausame Ungerechtigkeit begehen werdet." „Ich werde mich bemühen, das zu vermeiden," sagte der Ritter, „indem ich die gan,e Sache dem Gouverneur Sir John de Walton überweise, welcher entscheiden wird, was zu thun 188 ist. In diesem Fall besteht meine Pflicht nur darin, daß ich Euch in seine Hände nach Douglas-Castle überliefere." „Müßt Ihr das thun?" fragte Augustin. „Sicherlich," erwiderte der R tter, „oder ich bin wegen der Verletzung meiner Pflicht verantwortlich." „Wenn ich aber mich verpflichte, Euren Verlust mit einer großen Geldsumme, einem großen Landstrich auszugleichen —" „Kein Schatz, kein Land — vorausgesetzt, daß Ihr darüber verfügen könnt," erwiderte der Ritter, „kann mir die Schande ersetzen, und außerd,m, Knabe, wie könnte ich Eurem Versprechen trauen, wäre meine Habsucht wirklich solcher Art, daß ich auf dergleichen Versprechungen hören würde?" „Ich muß mich also bereit halten, Euch sogleich zum Schloß Douglas und zu Sir John de Walton zu begleiten," erwiderte Augustin. „Junger Mann," erwiderte de Valence, „dies ist unvermeidlich; wenn Ihr noch länger wartet, so muß ich Euch mit Gewalt dahin bringen." „Welche Folgen wird dieß auf meinen Vater haben?" fragte der junge Mann. „Das," erwiderte der Riiter, „wird durchaus von der Natur Eures Bekenntnisses und von dem seinigen adhängen; ihr habt Beide Etwas zu offenbaren, wie aus den Ausdrücken des Briefs erhellt, den Sir John de Wrlton euch hat überbringen lassen; ich versichere euch, daß ihr das besser auf Einmal sagt, als daß ihr euch den Folgen längeren Verzuges aussetzt. Ich kann keine weitere Hin - und Herreden gestatten: glaubt mir, euer Schicksal wird gänrlich durch eure Offenherzigkeit und Aufrichtigkeit bestimmt werden." „Ich muß mich also vorbereiten, auf Euren Befehl abzu- reiscn," sagte der Jüngling, „von meiner grausamen Krank- 189 heit bin ich aber noch nicht genesen, und der Abt Hieronymus, welcher wegen seiner Arrneikunde berühmt ist, wird Euch selbst versichern, daß ich ohne Lebensgefahr nicht reisen kann, und daß ich während meines Aufenthalts in diesem Kloster jede Gelegenheit zur Körperbewegung in freier Luft ablehnte, welche mir durch die Güte der Besatzung in Hazelside ange- boten wurde; ich befürchtete nämlich, daß ich die Leute anstecken würde." „Der Jüngling sagt die Wahrheit,'.' bemerkte der Abt, „die Bogenschützen und Waffenleute haben mehr wie einmal den jungen Mann einlade» lassen, an ihren militärischen Spielen Theil zu nehmen, oder sie vielleicht mit seinen Gesängen zu vergnügen; er hat aber stets das Anerbieten abgelehnt, und nach meiner Meinung haben ihn die Wirkungen seiner Krankheit daran verhindert, eine seinem Alter so natürliche Vergnügung an einem so langweiligen Orte anzunehmen, wie das Kloster St. Bride einem jungen Mann erscheinen muß, der in der Welt auferzogen ist." „Glaubt Ihr denn, ehrwürdiger Vater," sagte Sir Aymer, „daß wirkliche Gefahr dabei vorhanden ist, wenn wir heute Nacht, wie ich die Absicht hegte, den jungen Mann in's Schloß dringen?" „Nach meiner Meinung," erwiderte der Abt, „ist solche Gefahr vorhanden, denn der junge Mann selbst bekommt vielleicht einen Rückfall, oder, was noch wahrscheinlicher ist, weil keine Vorbereitungen stattgefunden haben, verbreitet sich die Krankheit unter Eurer ehrcnwerthen Besatzung; hauptsächlich in diesen Rückfällen ist nämlich die Krankheit, wie man erkannt hat, ansteckender als im ersten heftigen Anfall." „Alsdann," sagte der Ritter, „müßt Ihr zufrieden sein, 190 Freund, einen Theil Eures Zimmers einem Armbrustschützen als Schildwache einzuräumen." „Ich kann nichts dagegen einwenden," sagte Augustin, „vorausgesetzt meine unglückliche Nähe bringt nicht die Gesundheit des armen Soldaten in Gefahr." „Er wird ebenso vor der Thüre des Gemachs seine Pflicht thun können, wie innerhalb desselben," sagte der Abt, „und wenn der junge Mann einen festen Schlaf hat, was die Gegenwart einer Wache in seinem Zimmer verhindern möchte, so ist er wahrscheinlich morgen zu demjenigen mehr bereit, was Ihr mit ihm vorhabt." „So sei es," sagte Sir Aymer, „vorausgesetzt, daß Ihr ihm keine Gelegenheit zum Entwischen gebt " „Das Zimmer," sagte der Mönch, „hat keinen andern Eingang, wie denjenigen, welchen der Armbrustschütze bewachen soll, um Euch jedoch zufrieden zu stellen, will ich die Thüre in Eurer Gegenwart verschließen." „Wohlan denn," sagte der Ritter von Valencc, „ist das geschehen, so will ich ohne Ablegung meines Panzerhemdes mich niederlegen und ein wenig schlafen, bis die Dämmerung mich zum Dienst zurückruft; alsdann, Augustin, müßt Ihr Euch bereit halten, mich zum Schloß Douglas zu begleiten." Beim ersten Schein der Morgenröthe rief die Glocke des Klosters die Einwohner von St. Bride zum Morgengebet. Als diese Pflicht vollbracht war. verlangte der Ritter seinen Gefangenen. Der Abt führte ihn zur Thür Augustins; die dort stehende Schildwache, mit einer Partisane bewaffnet, berichtete, sie habe während der ganzen Nacht keine Bewegung im Gemache vernommen, der Abt klopfte an die Thür, 191 erhielt aber keine Antwort; er klopfte lauter, allein das Stillschweigen ward von Innen nicht unterbrochen- „Was bedeutet das," sagte der ehrwürdige Beherrscher des Klosters von St. Bride, „mein junger Kranker ist sicherlich in eine Ohnmacht gefallen!" „Ich wünsche, Vater Abt," sagte der Ritter, „daß er statt dessen nicht entkommen ist, ein Vorfall, den wir Beide verantworten müßten, da wir unserem strengen Dienste gemäß ihn nicht außer Augen lassen durften, sondern ihn bis Tagesanbruch in strenger Bewachung hatten halten sollen. „Ich hoffe, Euer Gnaden," sagte der Abt, „setzt ein Unglück voraus, welches ich nicht für möglich halten kann." „Wir werden das alsbald sehen," sagte der Ritter. Er erhob seine Stimme und rief so laut, daß er im Zimmer gehört werden mußte: „Bringt Brecheisen und Hebel und schlagt die Thür ohne Verzug in Splitter." Der laute Schall seiner Stimme und der finstere Ton, womit er redete, versammelte bald um ihn die Mönche des Klosters und zwei oder drei Soldaten seiner Gesellschaft, welche sich schon damit beschäftigten, ihre Pferde herzurichten. Die Unzufriedenheit des jungen Ritters war durch seine Gc- sichtsröthe und die abgebrochene Weise bezeugt, womit er seine Befehle zur Erbrechung der Thüre wiederholte- Dieß wurde schnell vollführt, obgleich beträchtliche Kraft dazu erforderlich war- Als die zerbrochenen Reste krachend in das Gemach fielen, sprang de Valence und hinkte der Abt in die Zelle des Gefangenen, welche sie zur Erfüllung ihres schlimmsten Verdachtes leer fanden. 192 Elftes Kapitel. Wo ist er? Nahm der Erde Schlund ihn auf? Ist er entschwunden wie ein Lufracbild, Das vor des Morgens erstem Strahl sich scheut? Hat er in Dunkelheit sich eiugeliüllt, Und ist er mit den Wesen mächt'ger Schatten Aus dem Bereiche des Gesichts entwichen? Altes Schauspiel. Das Verschwinden des jungen Mannes, dessen Verkleidung und Schicksal, wie wir hoffen, bei unfern Lesern einige Theilnahme erweckt hat, erfordert eine weitere Erklärung, bevor wir auf die übrigen Personen der Geschichte zurückkommen, und wir werden dieselbe somit hier mittheilen. Als Augustin am vorhergehenden Abend zum zweitenmal in seine Zelle verschlossen wurde, hatten der Mönch und der junge Ritter von Valence gesehen, daß der Schlüssel seiner Thüre umgedreht wurde; sie hatten alsdann gehört, daß von Innen der Riegel vorgeschoben ward, welchen man dort auf das Gesuch der Schwester Ursula angebracht hatte. Die Jugend, die ungemeine Schönheit und vor Allem die Leibeskrankheit, sowie die Bekümmerniß des jungen Augustin hatten nämlich die Zuneigung jener Nonne in hohem Grade gewonnen. Als Augustin wieder in sein Zimmer trat, wurde er von dem Geflüster der Klosterschwester begrüßt, welcher es gelungen war, in die Zelle zu schlüpfen, und welche hinter dem kleinen Bette versteckt, jetzt hervorkam und mit großer Freude die Rückkehr des Jünglings begrüßte. Die große Zahl kleiner 193 Aufmerksamkeiten, die Anbringung von Stechpalmen und andern immergrünen Zweigen, welche die Jahreszeit gestattete, erwiesen den Eifer der heiligen Schwestern, die Kammer ihres Gastes auszuschmücken; die Begrüßungen der Schwester Ursnla sprachen dasselbe freundschaftliche Interesse aus, und gaben zugleich zu verstehen, daß sie schon einigermaßen im Besitze des Geheimnisses der Fremden sich befinde. Als Augustin und die heilige Schwester sich mit dem Austausch ihres Vertrauens beschäftigten, hätte der außerordentliche Unterschied ihrer Gesichtszüge und Personen einem Jeden auffallend sein müssen, welcher durch Zufall ein Zeuge ihrer Unterredung gewesen wäre. Das dunkle Pilgerkleid der verkleideten Dame bot keinen stärkeren Gegensatz gegen das weiße wollene Gewand der Klosterschwester von St. Bride als das Antlitz der Nonne, welches mit mancher furchtbaren Narbe durchzogen war, und das für immer erloschene Licht eines ihrer Angen, wodurch das gesichtslose Lichtvrgan in ihrem Kopfe umherrollte, gegen das reizende Antlitz Augnstin's darbot, der sich mit vertrauensvollem und sogar liebendem Blicke zu den außerordentlichen Gesichtszügcn der Gefährtin hinncigte. „Ihr kennet," sagte der angebliche Augustin, „den hauptsächlichsten Thcil meiner Geschichte; könnt Ihr, oder wollt Ihr mir Euren Beistand leihen? wo nicht, theuerste Schwester, müßt Ihr einwilligen, eher ein Zeuge meines Todes, als meiner Schande zu sein. Ja, Schwester Ursula, ich will nicht, daß man höhnisch auf mich mit Fingern weise, als auf ein gedankenloses Mädchen, welches so viel für einen jungen Mann opferte, von dessen Liebe sie nicht so überzeugt war, wie sie cs hätte sein sollen; ich will mich nicht vor de Wal- DaS geführt. Schloß ». a»i>. Erzähl. 13 ton schleppen lassen, um durch Drohungen der Tortur zu der Erklärung gezwungen zu werden, ich sei dieselbe Dame, welcher zu Ehren er dieses Schloß Douglas hält. Ohne Zweifel gäbe er gerne seine Hand einer Dame zur Permäh- lung, deren Mitgift so groß ist; wer aber kann sagen, ob er jemals mich mit derjenigen Achtung betrachte» wird, worauf jede Frau Anspruch zu erheben wünscht, oder ob er mir die Kühnheit, deren ich mich schuldig machte, verzeiht, obgleich die Folgen derselben zu seinem eigenen Vorthcil hätten ansfallen müssen?" „Meine theure Tochter," sagte die Nonne, „tröstet Euch, denn ich werde Euch sicherlich in Allem unterstützen, worin ich Euch Hülfe leisten kann. Meine Mittel reichen vielleicht etwas weiter, als meine gegenwärtige Lage auzudenten scheint; seid versichert, daß ich dieselben bis zum Aenßersten anzuwenden versuchen werde. Mich däucht, ich höre noch jenes Lied, welches Ihr den andern Schwestern und mir selbst vorsanget, obgleich ich allein, durch ein dem Euer» verwandtes Gefühl gerührt, die Gewandtheit besaß, zu begreifen, daß dasselbe Eure eigene Geschichte verkündete." „Ich muß noch immer erstaunen," sagte Augustin in einem kaum hörbaren Tone, „daß ich die Kühnheit hatte, vor Euren Ohren das Lied zu singen, welches die Geschichte meiner Schande enthielt." „Es ist beklagenswerth, daß Ihr solches sagt," erwiederte die Nonne, „es fand sich darin kein Wort, welches nicht den Liebesgeschichten und den Erzählungen muthigcr Kriegsthaten glich, welche die Sänger gern zu feiern pflegen, und wobei Ritter und Mädchen, wenn sie znhören, zugleich weinen und lächeln. Die Lady Augusta Berkeley, eine reiche Erbin, wird nach den Gesetzen der Welt, an Land und beweglichem Gute, 195 des Königs Mündel durch den Tod ihrer Eltern, und ge- räth somit in die drohende Gefahr, einem Günstling des Königs von England als Gemahlin überliefert zu werden, — jenes Fürsten, den wir in unfern schottischen Thiilern ohne Bedenken einen gewaltsamen Tyrannen nennen." „Ich darf das nicht sagen, Schwester," erwiederte der Pilger; „dennoch ist cs wahr, daß der Vetter des elenden Schmarotzers Gaviston, welchem der König meine arme Hand übertragen wollte, weder durch Geburt, Verdienst, noch äussere Umstände einer solchen Vermählung würdig war. Mittlerweile hörte ich von dem Ruhme Sir John de Waltons; ich hörte davon mit nicht geringerer Theilnahme, weil es hieß, die Thaten des Ritterthums schmückten einen Herrn, welcher, mit allen andern Dingen sonst reich begabt, arm an weltlichem Gute und an dem Lächeln des Glückes war. Ich traf mit diesem Sir John de Walton zusammen, und ich bekenne, daß ein Gedanke, welcher sich schon meiner Einbildungskraft aufgedrängt hatte, nach dieser Unterredung mir gewöhnlicher und willkommener wurde. Ich glaubte, daß die Tochter einer mächtigen englischen Familie, welche mit ihrer Hand den Reichthum hinweggeben könne, von welchem alle Welt sprach, denselben mit größerem Recht und größerer Ehre verwenden würde, um den Mißgriff des Schicksals bei einem so tapfern Ritter wie de Walton wieder auszuglcichen, als um die Einkünfte eines bettelhaften Franzosen zu vermehren, dessen einziges Verdienst darin besteht, daß er der Vetter desselben Mannes ist, welchen ganz England verflucht, mit Ausnahme des in Thorheit befangenen Monarchen." „Das war ein edler Plan, meine Tochter," sagte die Nonne; „welche Handlung kann eines edlen Herzens im Be- 13 " 196 sitz von Schönheit, Geburt und Rang würdiger sein, als alle diese Gaben einem dürftigen, aber verdienstvolle» Ritter zu übertragen." „Dieß war meine Absicht, theuerste Schwester," crwiederte Augustin, „ich habe jedoch vielleicht noch nicht genügend die Weise erklärt, in welcher ich zu verfahren gedachte. Auf den Rath eines Sängers unserer Familie, desselben, welcher jetzt in Douglas ein Gefangener ist, ließ ich im Weihnacht- Abend ein großes Fest geben, und schickte Einladungen an junge Ritter edlen Stammes umher, von welchen man wußte, daß sie ihre Muße in Waffenthaten und Abenteuern vollbrachten. Als das Mahl geendet und das Fest geschloffen war, wurde Bertram, der vorhergegangcnen Verabredung gemäß, aufgefordert, die Harfe zu ergreifen. Er sang, und erhielt von allen Anwesenden die Aufmerksamkeit, welche einem Sänger solchen Ruhmes gebührte. Der von ihm gewählte Stoff war die häufige Einnahme dieses Douglas Castle, oder wie der Dichter es nannte, des gefährlichen Schlosses. „„Wo sind die Ritter des berühmten Edwards I.,"" sagte der Sänger, „„wenn das Reich England keinen genug tapferen oder im Kriege genug erfahrenen Mann aufstellen kann, um eine elende Hütte im Norden gegen die schottischen Rebellen zu vertheidigen, welche gelobt haben, dasselbe, ungeachtet unserer Kricgsleute, einzunehmen, bevor noch das Jahr zu Ende geht? Wo sind die edlen Damen, deren Lächeln die Ritter vom Kreuze des St. Georg Ermuthignng zu ertheilen pflegten? Ach, der Geist der Liebe und der Ritterschaft erstirbt unter uns — unsere Ritter beschränken ihre Thaten auf kleinliche Unternehmungen; unsere edlen Erbinnen werden als eine Beute Fremden verschenkt, als gäbe es im eigenen Land keinen Mann, der sie verdient."" — Hier schwieg die Harfe, 19? und ich schäme mich zu sagen, daß ich selbst, als sei ich von dem Lied des Sängers begeistert, mich erhob, von meinem Halse eine goldene Kette nahm, welche ein Kruzifix von besonderer Heiligkeit trug, und ein Gelübde mit Vorbehalt der Einwilligung des Königs ablegte, daß ich meine Hand und das Erbe meiner Väter dem guten Ritter von edler Geburt und Abstammung geben wolle, welcher das Schloß Douglas im Namen des Königs von England auf Jahr und Tag behaupten würde. Ich setzte mich nieder, theuerste Schwester, von dem Jubel betäubt, wodurch meine Gäste ihren Beifall meiner vermuthlichen Vaterlandsliebe aussprachen. Es entstand eine Pause unter den jungen Rittern, von denen man voraussetzen konnte, daß sle dieß Anerbieten anzunchmen bereit seien, obgleich dasselbe mit dem Wagniß belastet war, daß Angusta von Berkeley mit in den Kauf genommen werden müsse." „Schande über den Mann, welcher einen solchen Gedanken hegen sollte," sagte Schwester Ursula; „bringt Eure Schönheit allein, meine theure, in Anschlag, um zu erkennen, daß ein wahrer Ritter sich den Gefahren von zwanzig Schlössern Douglas eher hätte aussehen müssen, als daß ihm die unschätzbare Gelegenheit, Eure Gunst zu gewinnen, verloren gehe." „Einige dachten vielleicht wirklich so," erwiederte der Pilger, „man glaubte jedoch, daß die Gunst des Königs von Denen verscherzt würde, welche mit zu großem Eifer seiner königlichen Absicht über die Hand seines Mündels entgegentreten möchten. Jedenfalls war zu meiner großen Freude die einzige Person, welche mein Anerbieten benutzte, jener Sir John de Walton, und da seine Annahme durch eine Klausel hinsichtlich der Beistimmnng des Königs gewahrt war, 198 so hoffe ich, daß er in der Gunst Edwards nicht gesunken ist" „Seid versichert, edle und großmiithige Dame," crwiederte die Nonne, „daß keine Ursache zur Besorgniß vorhanden ist, Eure großmiithige Hingebung werde Euren Liebhaber beim König von England in Ungunst bringen. Wir hören etwas über weltliche Vorgänge sogar in diesem entlegenen Winkel von St. Bride's Kloster, und es geht ein Gerücht unter den englischen Kriegsleutcn, daß ihr König allerdings zornig wurde, weil Ihr Euren Willen seinem eigenen entgegengesetzt habt; andererseits aber sei Euer begünstigter Bewerber Sir John de Walton ein Mann von so ausgedehntem Rufe, und Euer Anerbieten stimme so sehr mit dem Charakter besserer, aber nicht vergessener Zeiten überein, daß sogar ein König beim Beginne eines langen und hartnäckigen Krieges einen irrenden Ritter seiner Braut nicht berauben durfte, wenn dieselbe durch Schwert und Lanze nach altem, pflichtgemäßem Brauch erworben würde." „Ach, theuerste Schwester Ursula," seufzte der verkleidete Pilger, „wie viel Zeit muß aber bei der Belagerung vorüber gehen, durch deren Aufhebung seine Bewerbung nothwendig befördert wird? Als ich in meinem einsamen Schlosse saß, kam Botschaft über Botschaft, um mich durch die zahlreichen oder vielmehr immerwährenden Gefahren zu erschrecken, die meinen Liebhaber umringen, bis ich zuletzt in einem Augenblick der Tollheit, wie ich jetzt glauben muß, den Entschluß faßte, in dieser männlichen Kleidung aufzubrechen; ich beabsichtigte, nach eigener Anschauung der Lage, in welche ich meinen Ritter versetzt habe, Maßregeln über die Abkürzung der Prüfungszeit oder auf andere Weise zu treffen, wie mir dieselben der Anblick von Douglas Castle und — weßhalb 199 sollte ich cs längnen? — auch von Sir John de Walton eingeben könnten. Vielleicht, theuerste Schwester, könnt Ihr nicht ganz begreifen, weßhalb ich in Versuchung kam, von dem Entschluß abzuweichen, den ich wegen meiner eigenen Ehre und derjenigen meines Liebhabers gefaßt hatte; bedenkt jedoch, daß mein Entschluß die Folge eines Augenblickes derWrregnng war, und daß jenes Verfahren nach einem langen, aufreibenden und krankmachenden Zustande der Ungewißheit von mir beschlossen wurde, deren Wirkung darin bestand, die Nerven zu schwächen, welche nicht nach meinem Glauben durch Vaterlandsliebe, aber in Wirklichkeit durch zärtliche und besorgte Gefühle selbstsüchtiger Art angespannt waren." „Ach," sagte Schwester Ursula, indem sie die stärksten Anzeichen ihrer Theilnahme und ihres Mitleids äußerte, „bin ich, thenerstes Kind, ein Weib, bei dem Ihr Unempfindlichkeit gegen Unglück vermuthet, welches die Folge der Liebe ist? Glaubt Ihr, daß die in diesen Mauern geathmete Luft auf das weibliche Herz die Eigenschaft jener wunderbaren Quellen übt, welche die in ihr Wasser gesenkten Stoffe in Stein verwandeln sollen? Hört meine Geschichte und urtheilt, ob dieß der Fall bei einem Weibe sein kann, welches Ursachen wie ich zum Grame hat. Ich fürchte nicht den Zeitverlust; unsere Nachbarn in Hazelside müssen sich für den Abend ruhig eingerichtet haben, bevor ich Euch die Mittel zur Flucht verschaffe; Ihr müßt auch einen treuen Führer erhalten, für dessen Zuverlässigkeit ich verantwortlich bin, damit er Euch durch diese Wälder führt, und im Fall irgend einer Gefahr beschützt, welche in diesen unruhigen Zeiten nur zu leicht rintreten kann; vor einer Stunde könnt Ihr deßhalb nicht aufbrechen, und sicherlich könnt Ihr die Zwischenzeit nicht 200 besser verbringen, als wenn Ihr der Erzählung eines Unglücks zuhört, welches dem Eurigen nur zu ähnlich ist, und aus der Quelle vereitelter Liebe entspringt, mit welcher Ihr sicherlich Mitgefühl hegen werdet." Der Kummer der Lady Augusta verhinderte nicht, daß sie beinahe den Eindruck des Lächerlichen bei dem sonderbaren Gegensatz zwischen dem scheußliche» Gesicht dieses Opfers der zärtlichen Leidenschaft und der Ursache empfand, welcher sie ihre Leiden zuschrieb. Sie überließ sich jedoch nur einen Augenblick dem Gefühl des Lächerlichen, welches der Klosterschwester von St. Bride im höchsten Grade hätte anstößig sein müssen, während sie jeden Grund hatte, sich das Wohlwollen derselben zu erwerben. Es gelang ihr deßhalb alsbald, sich in Bereitschaft zu setzen, um mit einem Schein des Mitgefühls auf die Erzählung der Unglücklichen zu hören, ^ so daß sie dadurch die Theilnahme belohnen konnte, die ihr von Seiten der Schwester Ursula erwiesen war; die unglückliche Nonne erzählte alsdann folgende Umstände beinahe in einem flüsternden Tone und in einer Aufregung, wodurch ihre Häßlichkeit^ um so mehr in die Angen fiel. „Mein Unglück begann, lange bevor ich Schwester Ursula genannt, oder als Nonne in diesem Kloster eingeschlossen wurde. Mein Vater war ein normännischer Edelmann, welcher, wie viele seiner Landsleute, das Glück am Hofe des Königs von Schottland suchte und fand. Er erhielt die She- rifwürde dieser Grafschaft, und Moriz von Hattely, oder Hautlieu, galt als einer der reichsten und mächtigsten Barone Schottlands. Weßhalb sollte ich läugnen, daß die Tochter dieses Barons, damals Margarethe de Hautlieu genannt, unter den hohen und mächtigen Damen des Landes ausgezeichnet wurde? Es kann keine tadelnswerthe Eitelkeit sein, welche mich reizt, die Wahrheit zu sagen, und wenn ich cs nicht selbst sage, so könnt ihr kaum vermuthen, welch' eine Aehnlichkeit ich sogar mit der schönen August« de Berkely darbot. Um diese Zeit brachen jene unglücklichen Fehden zwischen Bruce und Baliol aus, welche so lange Zeit der Fluch dieses Landes gewesen sind. Mein Vater wurde in der Wahl seiner Partei durch seine mächtigen Verwandten am Hofe Edwards bestimmt und ergriff deßhalb mit Leidenschaft diejenige der Engländer; er wurde einer der eifrigsten Anhänger zuerst von John Baliol, und nachher vom englischen König. Niemand von den anglisirten Schotten, wie man die Partei nannte, war so eifrig wie er für das rothe Kreuz, und Niemand bei seinen Landsleuten verhaßter, welche dem Nationalbanner von St. Andrews und dem Patrioten Wal- lace folgten. Unte.r den Kriegsleuten seines Gutes befand sich Malcolm Fleming von Biggar als einer der Ausgezeichnetsten durch edle Geburt, hohe Thaten und Ruhm in der Ritterschaft. Ich sah ihn, und das grauenhafte Gespenst, welches jetzt an Euch seine Worte richtet, darf sich nicht schämen, zu sagen, daß es einen der schönsten Ritter in Schottland liebte, und von demselben geliebt wurde. Unsere Neigung ward meinem Vater entdeckt, bevor wir sie einander gestanden hatten, und derselbe wurde wüthend, sowohl gegen meinen Liebhaber als gegen mich; er gab mich unter die Aufsicht einer Nonne dieses Ordens, und ich wurde nn Kloster St. Bride eingemauert, während mein Vater sich nicht schämte, der Welt zu sagen, er werde mich mit Gewalt zwingen, den Schleier zu nehmen, wenn ich nicht einwillige, einen am englischen Hofe erzogenen jungen Mann, seinen Neffen, zu heirathen, welchen er zum Erben des Hauses Hautlieu bestimmte, da ihm der Himmel keinen Sohn gewährt hatte. 202 Ich schwur, der Tod werde eher meine Wahl sein, als daß ich einen anderen Gemahl wie Malcolm Fleming annchmen würde. Auch war mein Geliebter nicht weniger treu; er fand Mittel, mit mir eine bestimmte Nacht zu verabreden, in welcher er den Angriff des Klosters von St. Bride versuchen, und mich von dort zur Freiheit nach dem grünen Walde bringen wolle, als dessen König Wallace allgemein bezeichnet wurde. In einer bösen Stunde — einer Stunde, worin ich durch Zauberkunst und Hexerei, wie ich glaube, bethört war, ließ ich mir das Geheimniß durch die Schmeicheleien der Aebtisstn entreißen, ob ich gleich hätte bedenken müssen, daß der Entwurf ihr verbrecherischer erscheinen mußte, als irgend einem lebendigen Weibe; ich hatte jedoch noch nicht mein Gelübde abgelegt, und ich glaubte, daß Wallace und Fleming für Jedermann dieselben Reize besäßen, wie für mich. Auch gab mir das schlaue Weib Ursache zum Glauben, daß ihre Anhänglichkeit an Bruce ohne den Hauch eines Verdachtes sei, und ließ sich in die Verschwörung ein, welche meine Befreiung zum Zweck hatte. Die Aebtissin gab das Versprechen, daß sie die englischen Wachen auf einige Entfernung fortschaffen werde; und die Truppen wurden auch scheinbar wcggezogen. Somit wurde das Fenster meiner Zelle, welches zwei Stockwerke hoch vom Boden entfernt war, um die Mitte der festgesetzten Nacht geräuschlos geöffnet; und nie waren meine Augen erfreuter, als jetzt, wo ich, angethan und verkleidet zur Flucht, wie Ihr, schöne Lady August«, im Anzug eines Reiters, den Malcolm Fleming in mein Gemach springen sah. Er stürzte auf mich zu, aber zu gleicher Zeit erfüllte auch mein Vater mit zehn seiner stärksten Leute das Gemach unter dem Schlachtruf Baliol. Schwerterhiebe wurden sogleich von jeder Seite gewechselt. 203 Eine riesenhafte Gestalt jedoch erschien in der Mitte des Aufruhrs und zeichnete sich sogar vor meinem halb schwindelnden Auge durch die Leichtigkeit aus, womit sie diejenigen niederwarf und zerstreute, welche gegen unsere Freiheit fochten. Mein Vater allein leistete Widerstand, welcher tödilich für ihn zu werden drohte, denn Wallace, hieß es, könnte stets zwei Kämpfer auf Einmal überwältigen, mochten dieselben auch so kriegerisch sein, wie irgend Ritter, die jemals das Schwert zogen. Indem er die Bewaffneten ebenso vor sich herscheuchte, wie eine Dame einen Schwarm lästiger Fliegen vertreiben würde, hielt er mich in einem Arm und brauchte den andern zu unserem gegenseitigen Schutze. So stand ich im Begriff, die Leiter mit aller Sicherheit hinabgetragen zu werden, auf welcher meine Befreier von außen hereingestiegen waren; allein ein böses Schicksal war diesem Fluchtversuche beschieden. Mein Vater, welchen der Kämpfer Schottlands um meinetwillen, oder vielmehr wegen des Fleming, verschont hatte, erlangte einen furchtbaren Vortheil durch das Mitleid und die Milde seines Siegers, und machte einen gewissenlosen Gebrauch davon. Da Wallace nur mit einer Hand sich den rasenden Versuchen meines Vaters widersehen konnte, so konnte seine Kraft Jenen nicht daran verhindern, daß derselbe mit aller Gewalt der Verzweiflung die Leiter niederriß, auf welcher sich seine Tochter gleichsam wie eine Taube im Griffe eines Adlers schwebend befand. Wallace sah unsere Gefahr, machte sich und mich mit beispielloser Kraft und Behendigkeit von der Leiter frei und sprang in den Klvstergra- bcn, in welchen wir sonst hätten gestürzt werden müssen. Der Vorkämpfer Schottlands rettete sich bei dem verzweifelten Versuche, allein ich, die ich auf einen Haufen von Steinen und Schutt fiel, ich, die ungehorsame Tochter, beinahe die abtrünnige Nonne, erwachte nur von einem langen Krankenbett, um mich als die entstellte Unglückliche zu finden, die Ihr jetzt vor Ench seht. Ich erfuhr alsdann, daß Malcolm sich aus dem Tumult gerettet hatte, und bald darauf vernahm ich, vielleicht mit weniger herbem Gefühl, als mir geziemt haben würde,, daß mein Vater in einer der endlosen Schlachten gefallen sei, welche zwischen den kämpfenden Parteien statt fanden; wenn er am Leben geblieben, so hätte ich mich vielleicht der Erfüllung meines Schicksals unterworfen, da er aber todt war, so empfand ich, das Loos eines Bettlers in den Straßen eines schottischen Dorfes sei demjenigen einer Aebtissin in diesem elenden Hause von St. Bride vorzuzie- hen; auch war dieser ärmliche Gegenstand des Ehrgeizes, den mir mein Vater vorznhalten pflegte, wenn er mich durch mildere Mittel, wie durch einen Sturz von den Zinnen seines Schlosses, zum Eintritt in das Klosterleben überreden wollte, mir nicht länger mehr eröffnet. Die alte Aebtissin starb an einer Erkältung, von welcher sie am Abend des Ueberfalls ergriffe» wurde, und jenes Amt, welches unbesetzt hätte bleiben könne», bis ich fähig sein würde, dasselbe einzunehmcn, wurde eingezogen, als die Engländer nach ihrem Ausdruck die Disciplin des Hauses zu reformiren für gut fanden; anstatt eine neue Aebtissin wählen zu lassen, schickten sie hieher einige ihnen ergebene Mönche, welche jetzt die unumschränkte Regierung des Klosters in Händen haben und dieselbe gänzlich nach dem Belieben der Engländer führen. Ich aber, die ich die Ehre hatte, in den Armen des Kämpfers von Schottland gehalten zu werden, will nicht hier bleiben, um Befehle vom Abte Hieronymus zu empfangen; ich will fort, und besorge auch nicht, Verwandte und Freunde anzntreffen, die mir, der Margarethe de Hautlieu, einen passenderen Zufluchts- 205 ort wie das Kloster von St. Bride verschaffen werden; auch Ihr, theuerste Dame, werdet Eure Freiheit erhalten; es ist jedoch geeignet, daß Ihr einige Bemerkungen hier zurücklaßt, wodurch Sir John de Walton die Hingebung erkennen kann, die sein glückliches Schicksal Euch cingeflößt hat " „Es ist also nicht Eure Absicht," fragte Lady Augusta, „in die Welt wieder zurückkehren, und Ihr wollt auf Euren Geliebten verzichten, obgleich Ihr in der Vermählung mit demselben einstens Euer Glück zu finden hofftet." „Das ist eine Frage, thenres Kind," sagte Schwester Ursula, „die ich mir nicht vorzulegen wage, und hinsichtlich deren ich auch durchaus nicht weiß, welche Antwort ich erthei- len müßte. Ich habe nicht das letzte und unwiderrufliche Gelübde abgelegt; ich habe nichts gethan, um meine Lage in Bezug auf Malcolm Fleming zu verändern. Durch unser gegenseitiges Gelübde, welches wir in Gegenwart des Himmels ablegten, ist er mein verlobter Bräutigam; auch bin ich mir bewußt, daß ich in jeder Hinsicht seine Treue nicht weniger jetzt verdiene, wie zur Zeit, als er mir sie verpfändete; ich gestehe jedoch, theuerste Dame, daß Gerüchte mich erreicht haben, die mein Herz mit Schmerz erfüllten; der Bericht von meinen Wunden und Narben soll den Ritter meiner Wahl mir entfremdet haben. Jetzt bin ich arm," fügte fie mit einem Seufzer hinzu; „ich besitze nicht länger jene persönlichen Reize, von denen man sagt, daß sie die Liebe des andern Geschlechts erregen und dessen Treue befestigen. Ich suche mich deßhalb in Augenblicken festen Entschlusses an den Gedanken zu gewöhnen, daß Alles zwischen Malcolm Fleming und mir beendigt ist, mit Ausnahme des Umstandes, daß wir uns beiderseitig alles Gute wünschen. Dennoch herrscht noch ein Gefühl in meinem Busen, welches mir mei- 206 ner Vernunft zum Trotze zuflüstert, daß kein Gegenstand auf Erden Werth genug besitzt, damit ich das Leben bewahre, um einen solchen zu erlangen, wenn ich an dasjenige, was ich so eben sagte, unbedingt glauben müßte. Diese mir schmeichelnden Vornrtheile geben, meiner Vernunft und meinem Verstände entgegen, mir den Gedanken ein, daß Malcolm Fleming, welcher sein Alles auf den Dienst seines Vaterlandes setzen konnte, unfähig ist, die wandelbare Neigung eines gewöhnlichen rohen und feigen Charakters zu hegen. Für den, Fall, daß das Mißgeschick ihn und nicht mich betroffen hätte, so glaube ich, daß er in meinen Augen nichts verloren haben würde, wäre sei» Antlitz von ehrenvollen Narben durchfurcht, die er für die Freiheit seiner Geliebten erlangt hätte; solche Wunden würden im Gegcntheil nach meiner Ansicht seine Verdienste steigern, wie sehr auch seine persönliche Anmuth darunter hätte leiden müssen. Vorstellungen erheben sich in meiner Seele, als könne Malcolm und Margareth einander noch Alles sein, was ihre Neigungen einst mit so viel Sicherheit bei einander vorausseyten, als müsse ein Wechsel, welcher die Ehre und Tugend der geliebten Person nicht beeinträchtige, die Reize der Vereinigung eher steigern wie vermindern. Blickt mich an, theuerste Lady August«! blickt mich an, wenn Ihr den Mutb habt, seht mir voll in's Gesicht und sagt mir, ob ich nicht in Raserei verfalle, wenn meine Phantasie die bloßen Möglichkeiten in dasjenige, was natürlich und wahrscheinlich ist, verwandelt." Die Lady Berkeley erhob ihre Augen zur unglücklichen Nonne, indem sie der Nothwendigkeit sich bewußt und besorgt war, ihre eigene Aussicht auf Befreiung durch ihr Benehmen in dieser Entdeckung zu verlieren; sie wollte jedoch nicht der unglücklichen Ursula durch Erregung von Gedanken schmei- 207 cheln, hinsichtlich deren ihr Verstand ihr sagte, daß sie kaum vernünftige Gründe vorfinden könne. Ihre Einbildungskraft jedoch, mit den Gesängen jener Zeit reichlich versehen, brachte ihr die häßliche Dame des Gedichtes, „die Ehe des Sir Sawain," in's Gedächtniß, und veranlaßt- ste zu folgender Antwort. „Ihr legt mir, thenre Lady Margareth, eine Frage mit schwerer Prüfung vor; cs wäre nicht freundschaftlich, dieselbe in anderer Weise, als mit Aufrichtigkeit zu beantworten, und es wäre höchst grausam, eine Erwiederung mit unbedachter Hastigkeit zu geben. Allerdings ist Schönheit die erste Eigenschaft, worauf wir, das schwächere Geschlecht, einen Werth sehen müssen; wir finden uns geschmeichelt, wenn man uns persönliche Reize zuschreibt, mögen wir dieselben wirklich besitzen oder nicht; ohne Zweifel aber auch legen wir denselben größere Wichtigkeit bei, als sie in Wirklichkeit haben- Man weiß jedoch auch, daß Weiber, welche, nach der Meinung ihres eigenen Geschlechtes, und vielleicht auch nach ihrer eigenen geheimen Ansicht, aller Ansprüche auf Schönheit entbehrten, durch Verstand, Talent und ausgezeichnetes Benehmen der unzweifelhafte Gegenstand der wärmsten Anhänglichkeit wurden. Weßhalb solltet Ihr in den heftigen Empfindungen Eurer bloßen Furcht cs für unmöglich halten, daß Euer Malcolm Fleming ans demjenigen feineren Thon der Erde gebildet ist, welcher die vorübergehenden Reize der äußeren Form in Vergleich mit denjenigen verachtet, die durch wahre Liebe und durch die Vorzüglichkeit der Talente und der Tugend gewährt werden?" Die Nonne drückte die Hand ihrer Gefährtin an den Busen und erwiedertc mit tiefem Seufzer: „Ich besorge, daß Ihr mir schmeichelt; in solcher Entschei- 208 dnng, wie dieser, empfindet man bei Schmeicheleien eine Tröstung, ebenso wie hitzige Getränke, welche sonst der Gesundheit schädlich sind, dem Kranken mit Recht bei heftigen und schmerzvollen Anfällen gegeben werden, damit er wenigstens ertragen kann, was sich nicht heilen läßt. Antwortet mir nur auf eine Frage, alsdann wird es Zeit sein, das Gespräch abzubrechen. Könntet Ihr, süße Dame, die Ihr vom Schicksal so manche Reize zum Geschenk erhalten habt, könntet Ihr den nicht wieder herzustellendcn Verlust Eurer persönlichen Reize zugleich nebst dem damit wahrscheinlich verbundenen Verlust Eures Geliebten, für den Ihr schon so viel gethan habt, geduldig ertragen?" Die englische Dame richtete wieder ihre Blicke auf ihre Freundin und konnte sich eines leichten Schauders bei dem Gedanken nicht erwehren, daß ihr eigenes schönes Antlitz mit den durchfurchten und vernarbten Zügen der Lady von Haut- lieu vertauscht werden könnte, welche jetzt durch die Strahlen eines einzigen Auges unregelmäßig beleuchtet wurden. „Glaubt mir," sagte sie, feierlich aufwärts blickend, „daß ich sogar in diesem von Euch vorausgesetzten Falle nicht so viel Kummer wegen meiner selbst, als wegen der ärmlich gesinnten Gedanken des Geliebten empfinde» könnte, welcher mich verlassen würde, weil diese vorübergehenden Reize, von denen wir uns doch einmal trennen müssen, vor dem Hochzeitstage entschwunden wären. Es ist jedoch durch die Beschlüsse der Vorsehung »ns verborgen, in welcher Weise oder bis zu welcher Ausdehnung andere Personen, mit denen wir nicht zur Genüge bekannt sind, den Einfluß solcher Veränderungen erleiden. Ich kann Euch allein die Versicherung geben, daß meine Hoffnungen mit den Eurige» zusammenfallen und daß keine Schwierigkeit auf Eurem Pfade in Zukunft sich dar- 209 bieten wird, wenn es in meiner Macht steht, dieselbe zu entfernen. — Horcht! —" „Das ist das Zeichen unserer Freiheit," erwiederte Ursula, indem sie auf einen Ton achtete, welcher dem Geschrei der Nachteule glich; „wir müssen uns vorbereiten, das Kloster in wenigen Minuten zu verlassen; habt Ihr Etwas mitzunehmen ?" „Nichts," erwiederte die Lady Berkeley, „mit Ausnahme der wenigen Kostbarkeiten, die ich mit mir nahm, ich weiß nicht zu welchem Zwecke. Diese kleine Pergamentrolle, die ich zurücklassen werde, ertheilt meinem treuen Sänger die Vollmacht, sich dadurch zu retten, daß er dem Sir John de Walton gesteht, wer die Person wirklich ist, die er in seiner Gewalt hatte " „Es ist sonderbar," sagte die Novize von St. Bride, „durch welche Jrrgänge die Liebe gleich einem Irrlicht ihre Anhänger führt. — Habt Acht bei Eurem Absteigen; diese sorgfältig versteckte Fallthür mit merkwürdig gebildeten und eingeschmierten Angeln führt zu einer geheimen Hinterthür; vor derselben warten schon die Pferde, die uns in Stand sehen werden. St. Bride's Haus eiligst zu verlassen. Der Himmel segne sie und ihr Kloster! Wir dürfen kein Licht benutzen, bis wir in der freien Luft sind." Während dem wechselte Schwester Ursula, welcher wir jetzt den Klosternamen zuletzt ertheilen, ihre Stola, oder ihr weites oberes Klosterkleid mit dem fester anschließenden Rock und dem Gürtel eines Reiters; sie ging durch verschiedene, absichtlich verwickelt gebaute Gänge voran, bis die Lady Berkeley mit klopfendem Herzen in dem blassen und ungewissen Mondlicht stand, welches grau und unbestimmt auf die Das gefährl. Schloß u. and. Erzähl. l4 210 Mauern des alten Gebäudes fiel. Die Nachahmung eines Enlenschreis führte sie an eine nahe und große Ulme; als sie derselben nahe kamen, bemerkten sie drei Pferde, welche Jemand hielt, den sie nur als groß, stark, und der Kleidung nach als Kriegsmann erkennen konnten. Zwölftes Kapitel. Groß war das Erstaunen des jungen Ritters von Valence und des ehrwürdigen Vaters Hieronymus, als sie beim Aufbrechen der Zelle die Abwesenheit des jungen Pilgers entdeckten; aus den zurückgebliebenen Kleidern konnten sie schließen, daß die einäugige Novize, Schwester Ursula, denselben ans der Flucht aus der Haft begleitet hatte. Tausend Gedanken drangen auf Sir Aymer ein, weil er sich auf so schmachvolle Weise von der List eines Knaben und einer Novize hatte hintergehen lassen- Sein ehrwürdiger Gefährte in der beiderseitigen Täuschung empfand nicht weniger Zerknirschung, weil er dem Ritter eine milde Ausübung seiner Gewalt anempsoh- len hatte- Vater Hieronymus hatte seine Beförderung als Abt durch den allgemeinen Glauben von seinem Eifer für die Sache des englischen Königs erhalten; mit dieser angeblichen Partei-Gesinnung konnte er nur schwer sein Verfahren während der vergangenen Nacht vereinigen. Eine eilige Untersuchung wurde gehalten, woraus man wenig Anderes erfuhr, als daß der junge Pilger sicherlich mit der Lady Margareth Hautlieu 211 durchgegangen sei — ein Vorfall, über welchen die Frauen des Klosters ihr Erstaunen zugleich mit vielem Abscheu aus- sprachen, während dasjenige der Mönche, welche die Nachricht erreichte, mit einiger Verwunderung gemischt war, die auf der verschiedenen persönlichen Erscheinung der zwei Flüchtlinge beruhte. „Heilige Jungfrau," sagte eine Nonne, „wie konnte unsere hoffnungsvolle, andächtige Novize, Schwester Ursula, welche »och vor Kurzem sich wegen des frühzeitigen Todes ihres Vaters in Thränen badete, mit einem Knaben durchgehen, der kaum vierzehn Jahre alt ist " „Heilige St. Bride!" sagte Abt Hieronymus, „wie konnte ein so hübscher, junger Mann einer solchen Vogelscheuche, wie Schwester Ursula, seinen Arm in Begehung eines solchen Verbrechens leihen? Er kann sicherlich weder Versuchung oder Verführung zu seiner Vertheidigung anführA sondern er muß, wie die weltliche Phrase lautet, mit einem Scheuerlappen zum Teufel gegangen sein." „Ich muß meine Kriegsleute zerstreuen, um die Flüchtlinge zu verfolgen," sagte de Valence, „wenn nicht dieser Brief, den der Pilger zurückgelassen haben muß, einige Aufklärung über den geheimnißovllen Gefangenen ertheilt." Nachdem er de» Inhalt mit einiger Ueberraschung angesehen hatte, las er mit lauter Stimme: „Ich Unterzeichneter, welcher kürzlich im Hanse St. Bride wohnte, thue Euch, Vater Hieronymus, dem Abte besagten Hauses, kund und zu wissen, daß ich mich entschlossen habe, als ich erkannte, Ihr seied geneigt, mich als Gefangenen und Spion im Heiligthum zu behandeln, worin Ihr mich als unglückliche Person aufnahmet, meine natürliche Freiheit zu ge- 14 '' brauchen, die zu beschränken Ihr kein Recht besitzt, deßhalb habe ich mich von Eurer Abtei entfernt. Da ich ferner finde, daß die Novize, welche in Eurem Kloster Schwester Ursula genannt, nach der Regel und Disciplin Eures Ordens ein begründetes Recht besitzt, zur Welt nach ihrem Belieben zurückzukehren, im Fall sie nicht nach dem Noviziat eines Jahres sich als Schwester in Euren Orden aufnehmen lassen will, und da besagte Novize von diesem ihrem Vorrechte Gebrauch zu machen entschlossen ist, so benutze ich mit Vergnügen die Gelegenheit ihrer Gesellschaft bei diesem ihrem gesetzlichen Beschlüsse, weil derselbe mit dem Gesetze Gottes und den Vorschriften der St. Bride übereinstimmt, welche Euch keine Gewalt ertheilt hat, irgend Jemand durch Zwang im Kloster zurückzuhalten, von welchem nicht das unwiderrufliche Gelübde des Ordens abgelegt worden ist. Euch, Sir John de Waltop^ünd Sir Aymer de Valence, Rittern von England, die Ihr die Besatzung von Douglasdale befehligt, habe ich nur zu sagen, daß Ihr gegen mich gehandelt habt und handelt, indem Ihr Euch unter dem Bann eines Geheimnisses befindet, dessen Lösung nur durch meinen treuen Sänger Bertram geschehen kann, für dessen Sohn mich auszugeben ich für zweckmäßig hielt. Da ich nun jetzt es nicht über mich vermag, persönlich ein Geheimniß zu enthüllen, welches ohne Gefühl der Scham nicht entdeckt werden kann, so gebe ich nicht allein besagtem Sänger Bertram Erlaubniß, sondern ertheile ihm auch den Auftrag und Befehl, Euch den Zweck zu enthüllen, wegen dessen ich ursprünglich zum Schlosse Douglas gekommen bin. Ist diese Entdeckung geschehen, so bleibt mir weiter nichts übrig, als meine Gefühle gegen die beiden Ritter als Erwiederung auf den Kummer und den Seelenschmerz auszudrücken, welche mir ihre Ge- 213 waltthätigkcit und die Drohung eines weiteren harten Verfahrens erregte." „Was zuerst Sir Aymer de Valence betrifft, so vergebe ich ihm freiwillig und gern den Umstand, daß er in ein Versehen verwickelt wurde, wozu ich selbst die Veranlassung gab; ich werde gerne mit ihm zu jeder Zeit als einem Bekannten zusammentreffen, und seine Theilnahme an dieser Geschichte weniger Tage nicht anders als eine Sache des Scherzes und des Spottes betrachten. Was jedoch Sir John de Walton betrifft, so muß ich ihn ersuchen, zu bedenken, ob sein Benehmen gegen mich in der Weise, wie wir jetzt zu einander stehen, von solcher Art ist, daß er es vergessen müßte und sich selbst verzeihen muß. Ich hoffe, daß er mich verstehen wird, wenn ich ihm sage, daß alle früheren Verbindungen von jetzt an beendet sind zwischen ihm und dem angeblichen Augustin." „Das ist Verrücktheit," sagte der Abt, als er den Brief gelesen hatte, „eine solche Verrücktheit, als wäre dieselbe durch einen Sonnenstich bewirkt, ein Uebel, welches häufig diese pestartige Krankheit begleitet; ich möchte den Soldaten, welche diesen Jüngling zuerst ergreifen, die Warnung geben, daß sie seine Nahrung sogleich auf Brod und Wasser beschränken, und zugleich Sorge tragen, daß dieselbe nicht mehr beträgt, wie zum äußersten Bedürfniß der Natur erforderlich ist; auch würde ich durch den Ansspruch von gelehrten Aerzten gerechtfertigt sein, wenn ich einige genügende Beimischung von Hieben mit Sattelgurten, Steigbügelledern und Leibgürteln anempfehle, oder wenn diese fehlen sollten, mit Reitpeitschen, Ruthen u. dgl." „Still, ehrwürdiger Vater," sagte de Valence, „es be- 214 ginnt mir ein Licht aufzugehen; John de Walton würde eher, wenn mein Argwohn richtig ist, sich selbst das Fleisch von den Knochen reißen lassen, als daß er einen Finger von diesem Augustin durch eine Mücke stechen ließe. Anstatt diesen jungen Mann als Verrückten zu behandeln, will ich sehr gern meines Theils eingestehen, daß ich selbst behext und bcthvrt wurde; bei meiner Ehre, wenn ich einen meiner Leute ausschicke, um diese Flüchtlinge aufzusuchcn, so soll es nur mit dem strengen Befehle geschehen, daß man sie, im Fall sie eingcholt werden, mit aller Achtung behandelt, und daß man sie, wenn sie nach diesem Hause nicht zurückkchrcn wollen, zu jedem ehrenwerthcn Zufluchtsort, den sie sich answählen, mit gehörigem Schuhe geleitet." »Ich hoffe," sagte der Abt, welcher sonderbar verstört aussah, „daß man zuerst ans mich von Seiten der Kirche in der Angelegenheit dieser entführten Nonne hört. Ihr seht ja selbst, Herr Ritter, daß dieß Gekritzel eines Sängers weder Reue noch Zerknirschung über seinen Antheil an einer so verbrecherischen That bezeugt." „Ihr sollt vollkommene Gelegenheit haben, daß man Ench anhört," erwiederte der Ritter, „wenn Ihr zuletzt finden werdet, daß Ihr wirklich eine solche wünschen könnt. Mittlerweile muß ich ohne Aufschub zurück, um ohne Verzug Sir John de Walton von der jetzigen Wendung der Angelegenheit in Kenntniß zu sehen. Lebt wohl, ehrwürdiger Vater; auf meine Ehre, wir können einander Glück wünschen, daß wir einem lästigen Auftrag entgangen sind, welcher so viel Schrecken wie die Phantome eines furchtbaren Traumes mit sich führte, und dennoch durch die höchst einfache Behandlung verscheucht werden kann, daß man den Schläfer erweckt. Allein bei St- Bride, sowohl Geistliche wie Laien sind ver- bunden, Mitgefühl mit dem unglücklichen Sir John de Walton zu hegen; ich sage dir, wenn dieser Brief (er berührte das Schreiben mit seinem Finger) wörtlich ausgelegt werden muß, so weit er auf ihn Bezug hat, so ist er der bemitlei- denswertheste Mann zwischen dem Ufer des Solway und dem Orte, wo ich jetzt stehe. Verschiebe deine Neugier, höchst ehrwürdiger Geistlicher, damit du nicht mehr in der Sache siehst, wie ich selbst sehe, so daß ich erkennen müßte, dich wieder in Jrrthnm verleitet zu haben, während ich selbst glaube, daß die wahre Erklärung von mir entdeckt ist. Jetzt schnell zu Pferde! Holla! (er rief dieß aus dem Fenster seines Gemaches,) die von mir hieher geführte Abtheilung mag sich bereit halten, aus der Rückkehr die Wälder zu durchsuchen." „Meiner Treu," dachte Vater Hieronymus, „es ist mir lieb, daß dieser junge Nußknacker fort geht, um mich meinen Gedanken zu überlassen; mir ist es verhaßt, wenn eine junge Person Ansprüche macht, alle Vorgänge zu verstehen, während deren Vorgesetzte gestehen müssen, daß ihnen Alles Geheimniß ist. Eine solche Anmaßung ist wie diejenige der eingebildeten Närrin, Schwester Ursula, welche vorgab, mit ihrem einzigen Auge ein Manuscript lesen zu können, welches ungeachtet des Beistandes meiner Brille mir unverständlich blieb." Diese Worte hätten dem jungen Ritter nicht ganz gefallen können, noch sprachen sie eine Wahrheit aus, welche der Abt in solcher Weise, daß er es hören konnte, gesagt haben würde. Der Ritter aber hatte ihm die Hand gedrückt, Lebewohl gesagt, und sich schon nach Hazelside begeben, wo er der kleinen Truppe von Armbrustschützen und andern Kriegsleuten besondere Befehle ertheilte, und den Thomas Dickson gelegentlich ausschalt, weil derselbe mit einer Neugier, welche der englische Ritter zu entschuldigen nicht sehr geneigt war, sich einen Bericht von den Vorgängen der Nacht zu verschaffen gesucht hatte. „Still, Kerl," sagte er, „bekümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten; sei überzeugt, daß die Stunde kommen wird, worin dieselben alle von dir zu leistende Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen werde»; überlasse es Andern, ihre Angelegenheiten zu besorgen." „Hegt man gegen mich irgend einen Verdacht," erwiederte Dickson in einer mürrischen und grollenden Stimme, „so wäre cs nach meiner Meinung Recht, mir die Art der gegen mich vorgebrachten Anklage zu sagen. Ich brauche Ench nicht zu sagen, daß die Ritterehre einen Angriff auf einen nicht herausgeforderten Feind untersagt." „Wenn Ihr ein Ritter seid," erwiederte Sir Aymer de Valence, „so ist es für mich noch Zeit genug, um mit Ench über die Förmlichkeiten abzurechnen, welche Euch nach den Gesetzen des Ritterthums gebühren. Mittlerweile wäre es besser, daß Ihr mir Euren Antheil sagtet, den Ihr an der Vorstellung des kriegerischen Gespenstes genommen habt, welches den rebellischen Schlachtruf Douglas in der Stadt jenes Namens erschallen ließ." „Ich weiß nicht, wovon Ihr redet," erwiederte der Wirth von Hazelstde- „Gebt Acht," erwiederte der Ritter, „daß Ihr Ench nicht in die Angelegenheiten anderer Leute einmifcht, sogar wenn Euer Gewissen Ench die Bürgschaft gibt, daß Ihr wegen der Eurigen keine Gefahr zu besorgen habt" Mit den Worten ritt er fort, ohne eine Antwort zu er- 217 warten. Die Vorstellungen, welche seinen Kopf füllten, waren folgender Art. „Ich weiß nicht, wie es kömmt, daß ein neuer Nebel uns einhüllt, sobald der eine sich zerstreut zu haben scheint. Ich halte es für gewiß, daß die verkleidete Dame Niemand anders ist, als die Göttin von Walton's besonderer Verehrung, die seit den letzten Wochen mir und ihm so viele Unruhe gemacht und einen gewissen Grad Mißverstiindniß erregt hat- Bei meiner Ehre! die schöne Dame ist recht freigebig mit der Verzeihung, die sic mir so freimüthig ertheilt hat, und wenn sie weniger gefällig gegen Sir John de Walton sein will — nun, was denn? — Daraus ist sicherlich noch nicht zu schließen, daß sie mich in diejenige Stelle ihrer Neigungen aufnehmen würde, aus welcher sie so eben de Walton vertrieben hat. Selbst aber auch im Fall sie so bandelte, so könnte ich eine solche Veränderung zu Gunsten meiner auf Kosten meines Freundes und Waffengefährten nicht benutzen. Es wäre eine Thvrheit, an eine so unwahrscheinliche Sache auch nur zu denken. Was aber die übrigen Angelegenheiten betrifft, so sind dieselben der Beachtung werth. Jener Küster scheint mit Leichnamen in Gesellschaft gelebt zu haben, bis er sich für die Gesellschaft der Lebendigen nicht mehr eignet, und was den Dickson von Hazelside betrifft, so hat kein Versuch gegen die Engländer während dieser endlosen Kriege stattgefunden, wobei er nicht betheiligt gewesen wäre; wäre mein Leben davon abgehangcn, so hätte ich es nicht unterlassen können, ihm meinen Verdacht zu sagen, er mag denselben anfnchmen wie er will." Mit den Worten spornte der Ritter sein Pferd und fragte, als er ohne weitere Vorfälle in Douglas-Castle angekommen war, in einem Tone größerer Herzlichkeit wie bisher seit Kurzem, ob er Sir John de Walton sprechen könne, weil er ihm etwas Wichtiges mitzuthcilcn habe; er wurde sogleich in ein Zimmer geführt, worin der Gouverneur bei seinem einsamen Frühstück saß. Derselbe war über die leichte Vertraulichkeit, womit de Valence ihm jetzt nahte, in Betracht des gegenseitigen Verhältnisses, etwas überrascht, worin Beide seit Kurzem gestanden waren. „Einige ungewöhnliche Nachrichten," sagte Sir John in ziemlich ernstem Tone, „haben mir die Ehre der Gesellschaft des Sir Aymer de Valence verschafft." „Es ist," erwiederte Sir Aymer, „eine Angelegenheit, die für Euch, Sir John de Walton, von hoher Wichtigkeit ist, und ich wäre deßhalb sehr zu tadeln, wenn ich einen Augenblick verlöre, dieselbe Euch mitzutheilen." „Ich werde stolz darauf sein, Enre Kundschaft zu benutzen," sagte Sir John de Walton. „Und auch ich," sagte der junge Ritter, „verliere ungern die Ehre, ein Geheimnis; durchdrungen zu haben, welches Sir John de Walton blendete. Zugleich aber möchte ich nicht, daß man mich für fähig hielte, mit Euch zu scherzen, wie es der Fall sein würde, wenn ich aus Mißverständniß einen falschen Schlüssel zu dieser Angelegenheit gäbe. Mit Eurer Erlaubnis; wollen wir in folgender Weise verfahren; wir wollen zusammen an den Ort von Bertram des Sängers Gefängniß gehen; ich habe in meinem Besitz eine Pergamentrolle des junge» Mannes, welcher der Sorgfalt des Abt Hieronymus anvertrant war; sie ist mit zarter weiblicher Handschrift geschrieben und ertheilt dem Sänger Vollmacht, den Zweck zu eröffnen, der Beide in die Stadt Douglas führte." „Es muß geschehen, wie Ihr sagt," erwiederte Sir John 219 de Walton, „obgleich ich kaum eine Veranlassung sehe, weß- halb so viel Umstände mit einem Geheimnisse gemacht werben, das sich mit sowenig Worten ausdröckcn läßt." Die zwei Ritter begaben sich somit in das Gefängniß, wohin ver Sänger gebracht worden war, indem der Gefangen- wärtcr voranging. Dreizehntes Kapitel. Als die Thüren des Gefängnisses geöffnet waren, zeigte sich einer jener Kerker, welcher damals seine Opfer ohne Hoffnung der Flucht umschloß, worin jedoch der sinnreiche Spitzbube neuerer Zeiten kaum einige Stunden zu verweilen gewürdigt haben würde. Die großen Ringe, womit die Fesseln verbunden und an den menschlichen Körper geheftet waren, zeigten bei der näheren Untersuchung eine so dünne Vernietung, daß sie mit einer ätzenden Säure befeuchtet, oder gegen ein Stück Sandstein mit Geduld gerieben, sich leicht auseinander reißen ließen, wodurch ihr Zweck sich gänzlich vereiteln ließ. Auch die großen und offenbar sehr starken Schlösser waren so plump gearbeitet, daß ein Künstler von einiger Erfindsamkeit sehr leicht auf ein Verfahren kommen konnte, ihre nach derselben Art wie die Fesseln verfertigte Verschließung zu überwältigen. Das Tageslicht fand seinen Weg in das unterirdische Gefängniß nur um Mittag und durch einen absichtlich mit Windungen hergestellten Eingang, so daß die Sonnenstrahlen dadurch ausgeschlossen wurden, während sich kein Hinderniß für das Eindringen des Windes oder des Regens vorfand. Die Lehre, daß ein Gefangener für unschuldig gelten müsse, so lange er von Seinesgleichen nicht für schuldig erkannt werde, wurde in jenen Zeiten roher Gewalt nicht verstanden; der Gefangene erhielt nur eine Lampe, oder eine andere Milderung seines Elendes, wenn sein Betragen ruhig war, und wenn er geneigt schien, seinen Gefangenwärter durch Versuche der Flucht nicht zu ärgern. Eine solche Zelle war die von Bertram, dessen Mäßigung und Geduld ihm diejenigen Milderungen seines Schicksals verschafft hatten, welche der Gefangcnwärter gewähren konnte. Man hatte ihm erlaubt, das alte Buch in seine Zelle zu tragen, dessen Lesung seine Einsamkeit neben dem Gebrauch von Schreibmaterialien und anderer Hülfsmittcl zum Zeitvertreib erheiterte, welche bei seinem Aufenthalt im Innern des Felsens und bei dem Grade seiner Kenntnisse möglich waren, in deren Besitz ihn sein Gewerbe als Sänger gesetzt hatte. Er erhob seinen Kopf vom Tische, als die Ritter eintraten, während der Gouverneur gegen den jungen Ritter bemerkte: „Da Ihr das Geheimniß dieses Gefangenen zu kennen scheint, so überlasse ich es Euch, Sir Aymer de Valence, es in solcher Weise aufzuklären, wie Ihr es am meisten für zweckmäßig haltet. Wenn der Mann oder sein Sohn unnö- thiges Drangsal erlitten hat, so wird es meine Pflicht sein, ihn zu entschädigen, welches nach meiner Meinung keine Sache von Bedeutung sein kann." Bertram blickte auf und heftete seine Augen fest auf den Gouverneur, las aber nichts in seinen Blicken, welches angezeigt hätte, daß er besser wie früher mit dem Geheimniß seiner Gefangenschaft bekannt sei, als er aber seine Augen auf Sir Apmer wandte, wurde sein Antlitz offenbar erheitert, ^ 1 . und der von Beiden gewechselte Blick war der des gegenseitigen Einverständnisses. „Ihr kennt also mein Geheimnis," sagte er, „und Ihr wißt, wer die Augustin genannte Person ist?" Sir Aymer tauschte mit ihm einen Blick der Bejahung aus, während die Augen des Gouverneurs sich mit heftigem Ausdruck von dem Gefangenen sich zum Ritter von Valence richteten. „Sir Aymer," rief er aus, „so wahr Ihr zum Ritter geschlagen und Christ seid, so wahr Ihr auf Erden Eure Ehre zu bewahren habt, und nach dem Tode auf Erlösung hofft, sagt mir den Sinn dieses Geheimnisses! Vielleicht glaubt Ihr mit Recht, daß Ihr Ursache zur Klage gegen mich habt. Ist das der Fall, so will ich Euch Genugthuung geben, die ein Ritter geben kann." Der Sänger sprach in demselben Augenblick. „Ich erlasse an diesen Ritter," sagte er, „bei seinem Gelübde des Rittcrthums die Aufforderung, daß er kein Ge- hcimniß einer Person von Ruf und Ehre entdeckt, wenn er nicht bestimmte Versicherung hat, daß es gänzlich mit Einwilligung derselben geschieht." „Dies Schreiben wird Eure Bedenklichkeit beseitigen," sagte Sir Aymer, indem er die Pergamentrolle dem Sänger übergab. „Was Euch, Sir John de Walton betrifft, so bin ich weil entfernt, das geringste Gefühl eines Mißverständnisses länger zu -egen, welches vielleicht zwischen uns stattgefunden hat; ich bin vielmehr geneigt, dasselbe in Vergessenheit zu begraben, da es von einer Reihe von Mißverständnissen entsprang, welche kein Sterblicher begreifen konnte. Seid nicht beleidigt, theurer Sir John, wenn ich mit meinem ritterlichen Worte Euch die Versicherung gebe, daß ich Euch wegen der Schmerzen bemitleide, welche dieses Schreiben wahrscheinlich bei Euch erregen wird, und daß ich, im Fall meine äußersten Anstrengungen Euch den geringsten Dienst erweisen können, um diesen verwickelten Strang zu entwirren, ich darauf mit solcher Ernstlichkeit hinwirkcn werde, wie es mir jemals sonst in meinem Leben möglich war. Dieser treue Sänger wird jetzt erkennen, daß er ohne Schwierigkeit ein Geheimniß erklären kann, welches er sicherlich ohne das jetzt von mir ihm überreichte Schreiben mit unerschütterlicher Treue bewahrt haben würde." Sir Aymer überreichte jetzt de Walion ein Schreiben, worin er, bevor er von St. Bride's Kloster aufdrach, seine eigene Auslegung des Geheimnisses dargelegt hatte. Der Gouverneur hatte kaum den darin enthaltenen Namen gelesen, als derselbe Name auch zugleich von Bertram ausgesprochen wurde, welcher in demselben Augenblick dem Gouverneur das Schreiben der Dame einhändigte, das er von Sir Apmer erhalten hatte. Die weiße Feder, welche über der Sturmhaube des Ritters, einer Kopfbedeckung, die er im Schlosse trug, wehte, war nicht blässerer Farbe, wie der Ritter selbst, als er die überraschende und erstaunende Kunde erhielt, die Dame, welche nach der damaligen Ausdrucksweise die Kaiserin seiner Gedanken und die Befehlshaberin. seiner Handlungen war, und gegen welche er auch in einer weniger phantastischen Zeit die tiefste Dankbarkeit wegen der großmüthigen zu seinen Gunsten getroffenen Wahl hätte hegen müssen, sei dieselbe Person, die er mit persönlicher Gewaltthätigkeit bedroht und einer so harten und beschimpfenden Behandlung unterworfen hatte, wie er eine solche sogar gegen die niedrigste ihres Geschlechtes nicht freiwillig geübt haben würde. Sir John de Walton schien jedoch zuerst die zahlreichen üblen Folgen kaum zu begreifen, welche sich aus dieser unglücklichen Verwicklung von Verirrungen als wahrscheinliche Folge ergeben konnten. Er nahm das Schreiben dem Sänger aus der Hand, und als sein Auge beim Lampenschein über die Buchstaben hinffog, ohne daß irgend ein bestimmter Eindruck in seiner Vorstellung hervorgcrufen wurde, besorgte sogar de Valence, daß er im Begriff stehe, sein Geistesvermögen zu verlieren. „Um des Himmels willen, Herr," sagte er, „seid ein Mann und ertragt mit männlicher Festigkeit diese unerwarteten Vorfälle, welche kein Verstand des Menschen hätte verhindern können, und von denen ich gerne glaube, daß ste keine weiteren üblen Folgen haben werden. Diese schöne Dame kann, wie ich hoffe, durch eine Reihe von Umständen nicht sehr verletzt oder gekränkt sein, welche sich als natürliche Folge Eures Eifers ergeben, um Euch vollkommen einer Pflicht zu entledigen, von deren Erfüllung alle Hoffnungen abhängig sind, die sie Euch zu nähren gestattet hat. In Gottes Namen, Herr, rafft Euch auf, damit man nicht von Euch sage, die Furcht vor einem finstern Blick einer schönen Dame habe in solchem Grade den Muth des kühnsten Ritters in England geschwächt. Seid derselbe Mann, welchem man den Namen Walton des Unerschütterlichen ertheilte; in des Himmels Namen laßt uns erst erkennen, ob die Dame wirklich beleidigt ist, bevor wir den Schluß ziehen, sie sei unversöhnlich. Welchen Fehlern muffen wir jetzt die Quelle aller dieser Jrrthü- mer zuschreiben? Mit aller schuldigen Achtung sei es gesagt, sicherlich nur dem Eigensinne rer Dame selbst, welche eine solche Verschlingung von Verirrungen erzeugt hat. Denkt daran als ein Mann und als Soldat. Denkt Euch, daß Ihr selbst oder ich, um die Treue Eurer Schildwachen zu erproben, oder aus anderem guten oder schleckten Grunde versucht hättet, dies gefährliche Schloß Douglas zu betreten, ohne das Losungswort den Wächtern zu sagen; besäßen wir dann ein Recht, die dienstthuenden Leute zu tadeln, wenn sie, unbekannt mit unseren Personen, uns den Eintritt verweigert, uns zu Gefangenen gemacht und mißhandelt hätten, indem sie den von uns selbst ertheilten Befehlen gemäß unscrm Versuche Widerstand entgegen setzten? Was ist hier der Unterschied zwischen einer solchen Schildwache und Euch, de Walton, in dieser sonderbaren Angelegenheit, welche beim Himmel eher einen heiteren Gegenstand für ein Lied dieses ausgezeichneten Sängers, als den Stoff für ein schwermükhiges Gedicht darbieten könnte. Kommt, zeigt nicht ein solches Aussehen, Sir John de Walton, seid zornig, wenn Ihr wollt, über die Dame, welche eine solche Thorbeit begangen hat, oder über mich, der ich die ganze Nacht für nichts und wieder nichts auf und ab ritt und mein bestes Pferd verdarb, ob ich mich gleich in vollkommener Ungewißheit befinde, wie ich ein anderes bekommen werde, bis mein Oheim Rembroke und ich wieder auSgesöhnt find. Oder endlich, wenn Ihr gänzlich abgeschmackt in Eurem Grimme sein wollt, so richtet denselben gegen diesen würdigen Sänger wegen seiner seltenen Treue und bestraft ihn für sein Verfahren, wofür er besser eine goldene Kette verdient; gebt der Leidenschaft Raum, wenn Ihr wollt, verscheucht aber diese finstere Niedergeschlagenheit von der Stirne eines Mannes und eines mit dem Schwert umgürteten Ritters." Sir John de Walton machte eine Anstrengung zu sprechen, und eö gelang ihm nur mit einiger Schwierigkeit. „Apmer de Valence," sagte er, „Ihr spielt mit Eurem Leien, wenn Ihr einen Wahnsinnigen aufreizt," alsdann schwieg er wieder. „Es ist mir lieb, dast Ihr wenigstens so viel sagen könnt," erwiedcrte sein Freund, „denn ich scherzte nicht, als ich sagte, ich wolle lieber, daß Ihr mit mir im Streit wäret, als daß Ihr die Schuld Euch allein zuschriebt. Nach meiner Meinung ist cs der Höflichkeit angemessen, daß Ihr diesen Sänger sogleich in Freiheit setzt. Mittlerweile will ich ihn wegen seiner Dame in allen Ehren ersuchen, unser Gast zu sein, bis Lady Augusta de Berkeley uns dieselbe Ehre erweist, und uns in unseren Nachforschungen nach ihrem Zufluchtsort zu unterstützen." „Ihr scheint, Herr Ritter," erwiedcrte der Sänger, „weniger das Recht in's Auge zu fassen, das zu thun, was Ihr solltet, als die Macht zu besitzen, Euren Willen auszuführen. Ich muß mich sicherlich durch Euren Rath leiten lassen, denn Ihr besitzt ja die Gewalt, denselben zum Befehle zu machen." „Und ich hoffe," fuhr de Valence fort, „daß wir, sobald Ihr mit Eurer Herrin wieder zusammenkommt, uns die Wohlthat Eurer Vermittlung in Allem angedcihen lassen werdet, was ihr mißfallen haben kann, denn es ist zu bedenken, daß die Absicht unserer Handlungen gerade das Gegentheil war. „Laßt mich," sagte Sir John de Walton, „ein einziges Wort sagen. Zum Zeichen meines Bedauerns, daß du ver- urtheilt wurdest, so Unwürdiges zu leiden, sollst du eine Kette von Gold haben, schwerer als die eiserne, welche dich fesselt." „Genug gesagt, Sir John," bemerkte de Valence- „Versprechen wir nicht mehr, bis dieser gute Sänger ein Zeichen Das gefährl. Schloß u. and. Erzähl. 15 226 von dem, was wir vollbringen wollen, sehen wird. Folge mir jetzt in ein besonderes Gemach; dort will ich dir im Geheimen andere Zeitungen -interbringen, deren Kenntniß für dich von Wichtigkeit ist." Mit den Worten zog er de Walton aus dem Gefängnisse, ließ den schon erwähnten alten Ritter Sir Philipp de Mon- tenap holen, welcher die Stelle eines Scneschal im Schlosse versah, und befahl, daß der Sänger aus dem Gefängniß entlassen werden solle, daß man ferner in jeder andern Hinsicht gut für ihn sorge, obgleich ihm übrigens noch immer mit größter Höflichkeit bedeutet werden müsse, es sei ihm verboten, das Schloß ohne einen zuverlässigen Begleiter zu verlassen- „Und jetzt, Sir John de Walton, sagte er, „glaube ich, Ihr seid etwas unartig, weil Ihr für mich kein Frühstück bestellt, nachdem ich die ganze Nacht in Euren Angelegenheiten beschäftigt war; ein Becher Muskatwein würde nach meiner Meinung keine üble Einleitung für eine vollkommene Betrachtung dieser verwirrten Angelegenheit bilden " „Du weißt," erwiederte de Walton, „daß du Alles von mir verlangen kannst, was du willst, vorausgesetzt, du sagst mir ohne Zeitverlust, was dir über den Willen dieser Dame bekannt ist, gegen welche wir uns so schwer versündigt haben; vorzugsweise habe ich mich in solcher Art vergangen, daß ich auf keine Verzeihung hoffen darf." „Wie ich hoffe, seid Ihr überzeugt," sagte der Ritter de Valence, „daß die gute Dame gegen mich keine Bosheit hegt, wie sie auch ausdrücklich auf jeden Aerger hinsichtlich meiner verzichtet hat. Die Worte sind, wie Ihr seht, so deutlich, wie Ihr lesen könnt. „„Die Dame verzeiht sehr gern dem Apmer de Valence den Umstand, daß er in ein Versehen ver- 227 wickelt wurde, wozu sie selbst die Veranlassung gab; sie selbst wird mit ihm zu jeder Zeit sehr gern als mit einem Bekannten zusammentrcffen, und nicht weiter an die Geschichte dieser wenigen Tage denken, außer etwa, um darüber zu scherzen und zu lachen."" So ist es ausdrücklich niedergeschrieben." „Ja," erwiederte Sir John de Walton, „aber seht Ihr nicht, daß ihr Liebhaber wegen seines Vergehens ausdrücklich von der Verzeihung ausgeschlossen ist, welche dem weniger Schuldigen gewährt wurde? Hört doch den Schlußsatz." Er nahm die Pergamentrolle mit zitternder Hand und las die Schlußworte mit verstörter Stimme. „Es steht dort: „„Alle frühere Verbindung muß von jetzt an zwischen ihm und dem angeblichen Augustin beendet werden."" Erklärt mir, wie das Lesen dieser Zeilen auf etwas Anderes sich zu- rückfllhren läßt, als auf die Berurtheilung und die Aufhebung des Contraktes., in welcher die Vernichtung der Hoffnungen von Sir John de Walton einbegriffen ist " „Ihr seid etwas älter, wie ich, Herr Ritter," erwiederte de Valence, „und ich gestehe auch ein, daß Ihr weit mehr Weisheit und Erfahrung besitzt; ich will es jedoch vertreten, daß kein Grund für die Annahme der Auslegung vorhanden ist, die Ihr, Euren Ansichten gemäß, auf diesen Brief anwendet, ohne daß Ihr an den vorhergehenden Umstand denkt, die schöne Schreiben!» sei in ihrem Verstände verstört gewesen — halt, fahrt nicht auf, werft mir keine leidenschaftlichen Blicke zu, oder legt nur nicht die Hand an Euer Schwert. Ich habe nicht behauptet, daß dies der Fall ist. Ich sage wiederum, daß kein Weib, so lange ihr Verstand nicht verstört ist, einem gewöhnlichen Bekannten verziehen haben würde, wenn er gegen sie mit unabsichtlicher Mißachtung und Unart während des Verlaufs einer gewissen Maskerade verfuhr, und daß sie zu- is'- gleich mit finsterem Ausdruck und unwiderruflich mit dem Liebhaber brechen könnte, dem fie ihr Wort verpfändet hatte, obgleich sein Jrrthum an der Theilnahme des Vergehens weder gröber war, noch länger dauerte, als derjenige, den die hinsichtlich der Liebe ihr gleichgiltige Person beging." „Lästert nicht," sagte Sir John de Walton, „und vergebt mir, wenn ich, um der Wahrheit und einem Engel Gerechtigkeit zu erweisen, den ich für immer verwirkt zu haben fürchte, Euch auf den Unterschied aufmerksam mache, den ein Mädchen von Würde und Gefühl zwischen einer ihr erwiesenen Beleidigung von Seiten eines gewöhnlichen Bekannten und einer andern von genau derselben Art aufstellen muß, die ihr von einem Manne angethan wurde, welcher durch unverdienten Vorzug, durch die großmüthigsten Wohlthaten und durch Alles, wodurch menschliches Gefühl bestimmt werden kann, zum Nachdenken und zur Ueberlegung gezwungen ist, bevor er als handelnd in irgend einem Falle auftritt, woran fie in irgend einer Weise betheiligt sein kann." „Bei meiner Ehre," sagte Sir Aymer de Balence, „ich vernehme mit großem Vergnügen, daß Ihr endlich einen Versuch zur Ueberlegung macht, mag auch dieselbe unvernünftig genug sein, da jener dahin geht, alle Eure Hoffnungen zu zerstören, und Eure Aussichten auf Glück Euch hinwegzuläug- neu; habe ich aber im Verlauf dieser Angelegenheit mich bisweilen gegen Euch so benommen, daß ich nicht allein dem Gouverneur, sondern sogar dem Freunde einige Ursache zur Unzufriedenheit gab, so will ich dies jetzt, John de Walton, durch den Versuch ausgleichen, die richtige Ueberzeugung, ungeachtet Eurer eigenen verkehrten Logik» in Euch zu erwecken. Hier aber kömmt der Muskatwein und das Frühstück; 229 willst du einige Erfrischungen nehmen, oder sollen wir ohne den Geist des Weines fortfahren?" „Um des Himmels willen," rief de Walton, „thue wie du willst, verschone mich aber mit deinem gut gemeinten Geschwätz." „Du sollst mich durch Zank nicht um mein Vermögen einer klaren Darlegung bringen," sagte de Valence lachend, indem er sich einen Becher Weins bis an den Rand anfüllte; „erkennst du dich für besiegt, so bin ich zufrieden, meinen Sieg der begeisternden Kraft dieses Getränkes der Geselligkeit zuzuschreiben." „Thue wie du willst," sagte de Walton, „sprich aber nicht weiter über die Angelegenheit, die du nicht verstehst." „Ich läugne die Beschuldigung," erwiederte der junge Ritter, als er nach der Leerung des Bechers sich die Lippen abwischte. „Höre mir zu, kriegerischer Walton, bei meiner Vorlesung über die Geschichte der Weiber, worin du ungeschickter bist, als ich es wünsche- Du kannst nicht läugnen, daß deine Lady Angusta, mag cs Recht oder Unrecht sein, sich mehr wie gewöhnlich auf diesem Meer der Liebe eingelassen hat; sie machte dich kühn genug zum Ritter ihrer Wahl, während du ihr allein bekannt warst als die Blume der Ritterschaft — wahrlich ich achte sie wegen ihres Freimuthes, es war jedoch eine Wahl, welche die kälteren Weiber als unbesonnen und übereilt bezeichnen würden — still, ich bitte dich, werde nicht beleidigt — ich bin weit davon entfernt, dies zu denken oder dies zu sagen, im Gegentheil bin ich bereit, mit der Lanze ihre Wahl des John de Waltons gegen die Günstlinge eines Hofes zu vertreten, daß dieselbe ebenso weise und großmüthig, wie ihr Betragen aufrichtig und edel ist. Allein wahrscheinlich besorgt sie selbst eine ungerechte Deutung, eine 230 Furcht, wodurch sie allem Anschein nach verleitet wird, eine Gelegenheit zu benutzen, damit sie ihrem Liebhaber ungewöhnliche Strenge zeigen kann, weil dadurch gewissermaßen ihrem früheren Verfahren ein Gleichgewicht geboten wird, wodurch sie im Beginn ihres gegenseitigen Verkehres ihm einen ungewöhnlichen Grad von freimüthigcr Ermuthigung darbot. Es mag sogar ihrem Liebhaber leicht sein, Partei gegen sich selbst zu nehmen, wenn derselbe, wie du es jetzt in deiner Bethörung thust, ihr allerlei Schwierigkeiten erweckt, so daß sie nicht von einem Verfahren «blassen kann, worin der Liebhaber selbst sie zu bestärken thöricht genug ist; so erhält sie vielleicht wie eine Jungfrau, welche zu bald bei ihrem ersten Ja gefangen wurde, keine weitere Gelegenheit, ihrem wirklichen Gefühle gemäß zu verfahren, oder ein Urtheil zurückzunehmen, welches mit Einwilligung der Parthei gesprochen wurde, deren Hoffnungen dasselbe vernichtet." „Ich habe dich angehört, de Valence," antwortete der Gouverneur von DouglaSdale, „und ich kann ohne Schwierigkeit zugestehen, daß diese deine Lehren den Weg zur Erreichung und Eroberung manchen weiblichen Herzens zeigen können; für das der Augusts Berkeley sind sie aber nicht geeignet. Bei meinem Leben, ich würde mich eher des Verdienstes der wenigen Ritterthaten berauben lassen, welche, wie du sagst, mir eine so beneidenSwerthe Auszeichnung verschaffen, als daß ich mit Berufung auf dieselben den Uebermuth hegen könnte, zu sagen, mein Platz im Herzen der Dame sei so fest eingenommen, daß er nicht durch den Erfolg eines würdigeren Mannes oder durch mein eigenes grobes Versehen erschüttert werden könnte, welches ich mir gegen den Gegenstand meiner Neigung zu Schulden kommen ließ. Nein, sie selbst allein soll Gewalt haben, mich zu überreden, daß 231 sogar eine Herzensgüte, welche der einer zu meinen Gunsten einschreitenden Heiligen gleich käme, mir ihre Neigung zurückgeben soll, die ich unwürdigerweise mit einer Thorheit verscherzte, wie sie sich allein unvernünftigen Thieren zuschreiben läßt." „Ist das Eure Anficht," sagte Sir Apmer de Valcnce, „so habe ich nur noch ein Wort hinzuzufügen — vergebt mir, wenn ich dasselbe bestimmt ausspreche — die Dame, wie Ihr sagt, und richtig sagt, muß die endliche Entscheidung jener Sache geben; meine Darlegung dehnt sich nicht dahin aus, daß Ihr darauf bestehen müßtet, ihre Hand in Anspruch zu nehmen, sie mag wollen oder nicht; um jedoch ihren Entschluß kennen zu lernen, müßt Ihr ausfindig machen, wo sie ist, ein Umstand, wovon ich Euch unglücklicherweise nicht in Kenntniß setzen kann." „Wie, was meint Ihr!" rief der Gouverneur aus, welcher erst jetzt die Ausdehnung seines Unglücks zu begreifen begann, „wohin ist sie, und mit wem geflohen?" „Sie ist geflohen," sagte de Valence, „vielleicht um einen mehr unternehmenden Geliebten zu suchen, der nicht jedes kalte Lüftchen als das Verderben aller seiner Hoffnungen betrachtet. Vielleicht sucht sie den schwarzen Douglas, oder einen andern Held der Distel auf, um mit ihren Gütern, ihren Schlössern und ihrer Schönheit die Tugenden der Unternehmung und des Muthes zu belohnen, welche man eines Tages bei Sir John de Walton voraussctzte. Jedoch, und in allem Ernst, sage ich dieß, in unserer Umgebung geschehen jetzt Ereignisse von höchster Wichtigkeit. Ich habe auf meinem Ritt nach St. Bride's Kloster gestern Abend genug gesehen, um Verdacht gegen Jedermann zu hegen. Ich schickte Euch als Gefangenen den alten Küster der Kirche Douglas; ich fand ihn widerspenstig 232 bei einigen Fragen, die ich ihm vorzulegcn für paffend hielt; davon jedoch ein andermal. Die Flucht dieser Dame vermehrt sehr die Verwirrung, welche dieses bezauberte Schloß umringt." „Apmer de Valence," erwiederte de Walton in feierlichem und lebhaftem Tone, „vies Schloß soll vertheidigt werden, wie wir es bisher mit Gottes Hülfe vertheidigcn konnten, damit das Banner St. Georgs von den Zinnen wehe; von welcher Art auch mein Schicksal sein mag, so will ich als der treue Geliebte der Augusta de Berkeley sterben, sollte ich auch nicht länger als ihr erwählter Ritter leben. Es gibt Klöster und Einsiedeleien —" »Ja, sicherlich genug," erwiederte Sir Apmer; „außerdem auch Gürtel aus Hanf und Stricken, und Rosenkränze aus Eichenholz; alles dies aber wollen wir bei unserer Rechnung übergehen, bis wir entdeckt haben, wo die Lady Augusta ist, und was sie in dieser Angelegenheit thun will." „Ihr redet vernünftig," antwortete de Walton; „halten wir Rath zusammen, durch welche Mittel wir den Aufenthalt der Dame aufzufinden vermögen, welche durch ihre übereilte Flucht mir ein großes Unrecht erwiesen hat. Ich meine, wenn fie wirklich glaubte, daß ihren Befehlen nicht von mir vollkommen gehorcht würde, hätte sie damit den Gouverneur von Douglas- Castle oder irgend Jemand, welcher unter seinem Befehle steht, beehrt." »Jetzt," erwiederte de Valence, „sprecht Ihr wiederum wie ein wahrer Sohn des Ritterthums; mit Eurer Erlanbniß will ich diesen Sänger zu uns entbieten. Seine Treue gegen seine Herrin war beneidenswerth; wie die Sachen jetzt stehen, müssen wir augenblickliche Maßregeln ergreifen, um ihren Zufluchtsort ausfindig zu machen." Vierzehntes Kapitel. Lang ist der Weg, ihr Kinder, lang und rauh, Oed ist das Moor und finster ist der Wald. Wer von der Wiege bis zum Grabe schleicht, Nur für des Glückes Saniniet-Pfad geeignet, Hat nie der edlen Herzen Zucht erfahren. Altes Schauspiel. Es war früh am Tage, als die Garnison von Douglas, nachdem der Gouverneur und de Valence Bertram wieder in ihren Rath berufen hatten, gemustert, und kleine Abteilungen zu den nach Hazelside schon ausgesandten, abgeschickt wurden, um die Wälder zur Verfolgung der Flüchtlinge zu durchsuchen- Diese Abteilungen hatten den strengen Befehl erhalten, die Letzteren, wenn dieselben eingehvlt würden, mit der äußersten Achtung zu behandeln, und ihren Befehlen zu gehorchen, jedoch den Ort, wo sie Zuflucht nehmen könnten, im Auge zu behalten. Um dies Ergebniß zu erleichtern, wurde einigen Leuten von Umsicht das Geheimniß anvertraut, wer der vorgebliche Pilgrim und die flüchtige Nonne in Wirklichkeit waren. Die ganze Gegend, sowohl Wälder wie Moore wurden auf die Entfernung mehrerer Meilen hin von Truppen bedeckt und durchzogen, deren Eifer die Flüchtlinge zu entdecken, der freigebig von Walton und de Valence angebotenen Belohnung für die sichere Einlieferung gleich kam; zugleich wurden auch nach allen Richtungen hin Nachforschungen angestellt, wodurch sich Entwürfe der schottischen Insurgenten in diesen wilden Distrikten entdecken ließen; wie wir schon sagten, hegte de Valence besonders einen starken Ver- 234 dacht, daß dergleichen vorhanden seien. Die Anweisungen gingen dahin, daß solche Personen, wenn man sie anträfe, durch Verhaftung und änderet! Verfahren nach den Befehlen behandelt würden, welche de Walton selbst zur Zeit erlassen hatte, als der schwarze Douglas und dessen Mitschuldige der Hauptgegenstand seines wachsenden Argwohns gewesen waren. Diese verschiedenen Abtheilungen verminderten sehr die Stärke der Besatzung; obgleich dieselben jedoch zahlreich, wachsam und nach jeder Richtung hin ausgeschickt waren, hatten sie nicht das Glück, die Spuren der Lady Berkeley aufzufinden, oder irgend einer Abtheilung der aufständischen Schotten zu begegnen. Mittlerweile waren die Flüchtlinge, wie wir gesehen haben, aus dem Kloster der St. Bride unter der Leitung eines Ritters auSgebrochen, von welchem Lady Auguste nichts Weiteres wußte, als daß er ihre Schritte nach einer Richtung leiten würde, in welcher sie der Gefahr der Einholung nicht auSgesetzt wäre; endlich begann Lady Margarethe Haut- lieu selbst fich über den Gegenstand zu äußern. „Ihr habt," sagte sie, „Euch noch nicht erkundigt, wohin wir reisen, oder unter wessen Schutz wir uns befinden, Lady Auguste, obgleich cs mich däucht, daß Euch sehr viel daran gelegen sein muß, dies zu wissen." „Ist es nicht für mich genug," erwiederte Lady Auguste, „daß ich jetzt weiß, gütige Schwester, wie ich unter dem Schutz eines Mannes reise, dem ihr als einem Freunde vertraut; warum sollte ich weitere Angst hinsichtlich meiner Sicherheit hegen?" „Bloß deßhalb," sagte Margarethe Hautlieu, „weil die Personen, mit denen ich wegen der Verhältnisse meines Vaterlandes und meiner eigenen Person in Verbindung stehe, viel- leicht nicht gerade die Beschützer find, denen Ihr Euch, Dame, mit vollkommener Sicherheit vertrauen könnt." „Was meint Ihr mit diesen Worten?" fragte Lady Auguste. „Ich meine," erwiederte Margarethe von Hautlieu, „daß der Bruce, Douglas, Malcolm, Fleming und andere dieser Partei, zwar unfähig find, solchen Vortheil zu unehrenhaften Zwecken zu gebrauchen, daß fie dennoch aber in starke Versuchung kommen könnten, Euch als einen von der Vorsehung zugesandten Geißel zu betrachten, durch welchen fie möglicherweise einen Vortheil für ihre zerstreute und entmuthigte Partei erlangen könnten." „Sie könnten mich," antwortete Lady Auguste, „wenn ich todt wäre, zum Gegenstände eines solchen Vertrages machen, glaubt mir aber, niemals, so lange ich lebend Athem besitze- Glaubt mir auch, daß ich zwar mit großem Kummer, Schmerz und Gram mich der Gewalt des de Walton überliefern würde, daß ich mich aber eher seinen Händen — was sage ich, seinen Händen! — ja, daß ich mich lieber dem niedrigsten Armbrustschützen meines Vaterlandes ergeben möchte, als daß ich mich mit den Feinden desselben vereinigen würde, um ein Unglück dem fröhlichen England zu veranlassen — meinem England, dem Lande, welches von jedem anderen Lande beneidet wird, und der Stolz Aller ist, welche sich dessen Eingeborene nennen dürfen." „Ich dachte, daß dieß Eure Wahl sein würde," sagte Lady Margarethe, „da Ihr mich nun mit Eurem Vertrauen beehrt habt, so möchte ich gern für Eure Freiheit dadurch sorgen, daß ich Euch der von Euch gewünschten Lage so nahe bringe, wie es mir meine unbedeutenden Mittel gestatten. In einer halben Stunde werden wir uns in Gefahr befinden, in die Hände der englischen Abtheilungen zu fallen, welche, um uns 236 aufzusuchen, nach jeder Richtung hin ohne Zweifel augenblicklich zerstreut werden. Nun merkt Euch, Dame, ich kenne einen Ort, wo ich eine Zuflucht bei meinen Freunden und Landsleuten, jenen tapferen Schotten finden kann, welche niemals, sogar in dieser entehrten Zeit, dem Baal ihr Knie gebeugt haben; für ihre Ehre hätte ich in andern Tagen mit meiner eigenen einstehen können, es ist jedoch meine Pflicht Euch zu sagen, daß fie seit Kurzem Prüfungen ausgcsetzt wurden, wodurch die großmüthigsten Neigungen verbittert und zu einer Art Wahnsinn getrieben werden können, welcher um so wilder geworden ist, weil er ursprünglich auf dem edelsten Gefühle beruhte. Ein Mann, welcher seines natürlichen Ge- burtörechtes beraubt, geächtet, der Gütereinziehung und dem Tode ausgcsetzt wurde, weil er die Rechte seines Königs, die Sache seines Vatcrlandes'vertritt, bleibt seinerseits nicht länger genau abwägend in der Bestimmung desjenigen Grades der Wiedervergeltung, welche er wegen des ihm erwiesenen Unrechts gesetzlich ausüben darf. Glaubt mir, ich würde eS bitter beklagen, Euch in eine Lage gebracht zu haben, die Ihr für betrübend oder entwürdigend halten würdet." „Sagt mit kurzen Worten," erwiederte die englische Dame, „was ich von den Händen Eurer Freunde wahrscheinlich besorgen muß, hinsichtlich deren Ihr mich entschuldigen müßt, wenn ich fie mit dem Namen Rebellen bezeichne." „Wenn," sagte Margareth de Hautlieu, „Eure Freunde, die ich als Unterdrücker und Tyrannen bezeichnen möchte, uns Land und Leben nehmen, unsere Schlösser besetzen, und unser Eigentbum einziehen, so müßt Ihr eingcstehen, daß die rohen Gesetze des Krieges den Meinigen das Vorrecht der Wiedervergeltung ertheilen; cs ist nicht zu befürchten, daß solche Männer jemals Grausamkeit oder Beschimpfung einer Dame 237 Eures Ranges anthun werden, von welcher Art auch die Umstände sein mögen, es ist aber ganz Etwas anderes, wollte man sich darauf verlassen, daß sie cs unterlassen werden, solche Vortheile aus Eurer Gefangenschaft zu ziehen, welche gewöhnlich im Kriege sind. Ihr werdet sicherlich nicht den Wunsch hegen, man möge Euch den Engländern unter der Bedingung ausliefern, daß Sir John de Walton das Schloß Douglas seinem natürlichen Herrn übergebe; befindet Ihr Euch aber in der Gewalt des Bruce oder Douglas, so muß ich einge- stchen, obgleich sie Euch mit aller möglichen Achtung behandeln würden, daß sie dennoch, wie es gar nicht unwahrscheinlich ist, ein solches Lösegeld für Euch ansetzen könnten." „Eher würde ich sterben," sagte die Lady Berkeley, „als daß ich meinen Namen zu einem so schmachvollen Vertrag gebrauchen ließe; auch bin ich überzeugt, de Waltons Antwort würde darin bestehen, daß er den Boten enthaupten und den Kopf aus dem höchsten Thurm von Douglas-Castle schleudern würde." „Wohin Dame, wollt Ihr Euch denn begeben," fragte Margareth de Hautlieu. „stände Euch jetzt noch die Wahl frei?" „In mein eigenes Schloß," erwiederte Lady Auguste, „wo ich im Nothfall selbst gegen den König veriheidigt werden könnte, bis ich wenigstens meine Person unter den Schuß der Kirche gestellt haben würde." „In dem Fall," erwiederte Margarets) de Hautlieu, „ist meine Macht, Euch Beistand zu erweisen, sehr beschränkt; sie enthält jedoch eine Wahl, die ich'Eurer Entscheidung sehr gern unterwerfe, obgleich ich dadurch die Gchetmnißplane meiner Freunde einiger Gefahr der Entdeckung und Vereitlung aus- seße- Das von Euch mir erwiesene Vertrauen versetzt mich aber in die Not-wendigkeit, ein ähnliches Vertrauen auf Euch 283 zu übertragen. Es ist Eurer Wahl anheimgestellt, ob Ihr mit mir zum geheimen Sammelplatz des Douglas und seiner Freunde Euch begeben wollt, den ich vielleicht nicht ganz mit Recht bekannt mache, und ob Ihr Euch der dortigen Aufnahme auszusetzen gesonnen seid, während ich Euch nichts als eine ehrenvolle Behandlung hinsichtlich Eurer Person verbürgen kann; oder ob Ihr nicht lieber, wenn Ihr dies Verfahren für sehr gewagt haltet, sogleich die Richtung nach der Gränze hin einzuschlagen gedenkt. In letzterem Fall will ich Euch, soweit cs mir möglich ist, nach der englischen Gränzlinie hin- bcgleiten und Euch dort verlassen, damit Ihr Eure Reise fortsetzen und eine Wache so wie einen Führer unter Euren Landsleuten erlangen könnt. Mittlerweile ist es mein Glück, wenn ich einer Gefangennehmung entkomme, denn der Abt wird kein Bedenken tragen, über mich die Todesstrafe zu verhängen, welche einer abtrünnigen Nonne gebührt." „Solche Grausamkeit, meine Schwester, kann nicht über Euch verhängt werden, denn Ihr habt ja niemals ein Klostergelübde abgelegt, und besitzt nach den Gesetzen der Kirche noch ein Recht, die Wahl zwischen der Welt und dem Schleier." „Eine solche Wahl, wie sie die Engländer ihren Opfern gestatteten," sagte Lady Margaret-, „welche in ihre Hände während dieser erbarmungslosen Kriege fielen, — eine Wahl, wie sie dem Wallace, dem Kämpfer für Schottland, gestatteten — wie sie dem Hay, dem Edlen und Freien, eine darboten, — dem Sommerville, der Blüthe der Ritterschaft — und dem Athol, dem Blutsverwandten von König Edward selbst — sie Alle waren eben so wenig Verräther, unter welchem Namen sie hingerichtet wurden, als Margareth de Hautlieu eine abtrünnige Nonne und der Regel des Klosters unterworfen ist." 239 Sie sprach mit einiger Heftigkeit, denn es schien ihr, als ob die englische Dame ihr mehr Kälte zuschreibe, als sie in so zweifelhaften Umständen zu äußern sich bewußt war. „Jndeß, davon abgesehen," fuhr sie fort, „was habt Ihr, Lady Auguste de Berkeley, zu erleiden, wenn Ihr Eurem Liebhaber in die Hände fallt? welcher furchtbaren Gefahr seid Ihr dann ausgcsetzt? Ihr braucht, wie ich glaube, nicht zu besorgen, daß man Euch in vier Wänden mit einem Laib Brod und einem Krug Wasser einmauert, worin, wenn ich eingeholt werde, die einzige Nahrung bestehen wird, welche mir alsdann für meine kurze Lebenszeit noch gestattet ist. Wenn Ihr sogar die rebellischen Schotten, wie Ihr sie nennt, verrathen würdet, so wäre eine Gefangenschaft in den Bergen, durch die Hoffnung der Befreiung versüßt, und durch alle Milderungen erträglich, welche die Umstände derer, die Euch gefangen nahmen, Euch darzubieten gestatten, wie ich glaube, ein nicht zu beklagendes herbes Loos." „Dennoch," erwiederte die Lady von Berkeley, „mußte es mir furchtbar genug erscheinen, da ich mich, um jenen zu entfliehen, Eurer Führung anheim gab." „Was Ihr auch denken oder beargwöhnen mögt," erwiederte die Vorige, „so bin ich Euch so treu, wie jemals ein Mädchen einer Andern war; so wahr, wie Schwester Ursula jemals ihr Gelübde hielt, obgleich dasselbe niemals vollständig abgelegt wurde, werde ich Eurem Geheimniß, sogar auf die Gefahr hin, treu sein, das Meinige zu verrathen. Horcht Dame," sagte sie, plötzlich schweigend, „hört Ihr das, hört?" Der Schall, worauf sie sie aufmerksam machte, war dieselbe Nachahmung eines Eulcngeschrei's, welches die Dame vorher unter den Mauern des Klosters vernommen hatte. „Diese Töne," sagte Margareth de Hautlieu, „verkünden 240 mir, daß Jemand sich in der Nähe befindet, welcher cs besser vermag, als Ich, uns in dieser Angelegenheit zu leiten. Ich muß voran gehen, um mit ihm zu reden; dieser Mann, unser Führer, wird eine kurze Zeit hei Euch bleiben; wenn er Euren Zügel fahren läßt, braucht Ihr nicht ein anderes Signal zu erwarten, sondern reitet dann nur weiter auf dem Waldwege und gehorcht dem Rath und den Angaben, die er Euch ertheilt." „Bleibt, bleibt," rief die Lady de Berkeley, „verlaßt mich nicht in diesem Augenblick der Ungewißheit und der Noth!" „Es muß geschehen um unserer beiden willen," erwiederte Margaret- de Hautlieu; „auch ich befinde mich in Ungewißheit, auch ich befinde mich in Noth; Geduld und Gehorsam sind die einzigen Tugenden, welche uns beide zu retten vermögen." Mit den Worten schlug sie ihr Pferd mit der Reitgerte und verschwand schnell vorwärts reitend unter den Zweigen eines dichten Waldes. Die Lady de Berkeley wäre ihrer Gefährtin gefolgt, allein der Ritter, welcher beide geleitet hatte, ergriff den Zaum ihres Zelters mit einem Blicke, welcher deutlich zu verstehen gab, er werde ihr nicht gestatten, in jener Richtung weiter zu reiten. Die Lady Berkeley, dadurch erschreckt, obgleich sie den Grund dafür nicht klar sich angeben konnte, hielt ihre Blicke auf daS Dickicht geheftet, indem sie gleichsam instinktartig erwartete, eine Schaar englischer Bogenschützen oder rauher schottischer Aufständischen aus dem Dickicht heroorkomme» zu sehen, wobei cs zweifelhaft hätte sein müssen, welche von Beiden ihr den meisten Schrecken erregt haben würden. In der Noth ihrer Ungewißheit versuchte sie wieder vorwärts zu reiten, allein ein starker Ruck womit ihr Begleiter den Zügel wieder anzog, bewies zur Genüge, daß der Fremde in Verhinderung ihrer 241 Wünsche wahrscheinlich nicht die Kraft sparen wurde, in deren Besitz er sicherlich sich befand. Zuletzt ließ der Ritter nach Verlauf einiger Minuten ihren Zügel fahren, wies mit seiner Lanze nach dem Dickicht, durch welches sich ein enger, kaum sichtbarer Pfad wand, und schien dadurch der Dame anzudeuten, ihr Weg liege in dieser Richtung und er wolle sie nicht länger daran verhindern, denselben einzuschlagen. „Wollt Ihr mich nicht begleiten?" fragte die Dame, welche an dieses Mannes Gesellschaft, seit sie das Kloster verlassen hatte, gewöhnt, allmählig ihn als eine Art Beschützer zu betrachten begonnen hatte. Er schüttelte jedoch mit Ernst sein Haupt, als wolle er sich wegen der Verweigerung ihrer Bitte entschuldigen, deren Gewährung nicht in seiner Macht liege; er wandte sein Roß nach einer verschiedenen Richtung und ritt in einem Schritte fort, der ihn bald ihrem Blicke entzog. Ihr blieb nichts Anderes übrig, als den Weg in's Dickicht einzuschlagen, auf welchem Margareth de Hautlieu fortgeritten war; auch war sie demselben nur kurze Zeit gefolgt, als sie ein sonderbares Schauspiel erblickte. Die Bäume standen immer weiter auseinander auf dem Pfade, auf welchem die Dame vorwärts ritt; und als sie eine Strecke zurückgelegt hatte, bemerkte sie, daß im Innern ein von dichtem Waldwuchs umringter Raum nur wenige prächtige Bäume trug, welche die Ahnen des Waldes gewesen zu sein schienen, und welche, obgleich gering an Zahl, den ganzen von Bäumen freien Raum durch die große Ausdehnung ihrer verwickelten Zweige beschatteten. Unter einem derselben lag Etwas von grauer Farbe ausgestreckt, welches bei größerer Annäherung die Gestalt eines in Rüstung gehüllten Mannes zeigte, jedoch mit sonderbarer und so auffallender Verzierung, Das geführt. Schloß n. and. Erzähl. i« daß dadurch sich einige der phantastischen Einfälle der Ritter jener Zeit offenbarten. Seine Rüstung war sinnreich in solcher Weise bemalt, daß sie ein Gerippe darstellte, indem der Brustharnisch und dessen Rückenstück die Rippen darstellte. Das Schild stellte eine Eule mit ausgebreiteten Flügeln dar — ein Sinnbild, welches sich auf dem Helm wiederholte; dieser schien von dem Bilde dieses Vogels böser Vorbedeutung gänzlich bedeckt zu sein. Am meisten aber war die große Höhe und Magerkeit der Gestalt geeignet Uebcrraschung zu erregen. Als dieselbe sich vom Boden erhob und eine aufrechte Stellung annahm, schien sie eher ein aus dem Grabe sich erhebendes Gespenst, als ein gewöhnlicher, aufstehender Mann. Das Pferd, worauf die Dame ritt, fuhr schnaubend zurück, entweder wegen der plötzlichen Veränderung der Stellung dieses schauderhaften Aeußeren, oder weil es durch einen Geruch, welcher von der Gestalt ausging, einen unangenehmen Eindruck erhielt. Die Dame selbst zeigte einigen Schrecken, denn obgleich sie nicht durchaus glaubte, sich in Gegenwart eines übernatürlichen Wesens zu befinden, so war doch unter allen sonderbaren, halb wahnsinnigen Vermummungen der Ritterschaft dieß sicherlich die wunderlichste, welche sie jemals gesehen hatte; in Betracht, daß die Ritter der Zeit ihre traumartigen Phantasien bis zur Gränze der Verrücktheit trieben, schien es wenigstens kein nicht sehr sicheres Unternehmen zu sein, einem Manne, welcher sich mit den Sinnbildern des Todes umgeben hatte, in einem Walde zu begegnen. Von welcher Art aber auch der Charakter und die Absichten des Ritters sein mochten, beschloß sie ihn in der Sprache und in dem Wesen, welches die Erzählungen der Sänger bei solchen Gelegenheiten beobachteten, in der Hoffnung anzureden, daß er, wenn er selbst verrückt wäre, sich als ein friedlicher und der Höflichkeit zugänglicher Mann erweisen könne- „Herr Ritter," sagte sie in so festem Tone, als sie es fähig war, „es thut mir sehr leid, wenn ich durch hastige Annäherung Euer einsames Nachdenken gestört habe. Mein Pferd hatte, wie ich glaube, Eure Gegenwart geahnt und mich hieher getragen, ohne daß ich denken konnte, wen oder was ich hier antreffen würde." „Ich bin ein Jemand," erwiederte der Fremde in feierlichem Tone, „dessen Begegnung nur wenige Menschen aufsuchcn, bis die Zeit kömmt, worin sie mich nicht länger vermeiden können." „Ihr sprecht, Herr Ritter," erwiderte die Lady de Berkeley, „dem grauenhaften Charakter gemäß, den es Euch als Abzeichen anzunehmen beliebte) darf ich mich an Jemanden von so furchtbarem Aeußeren mit der Bitte wenden, daß er mir eine Richtung durch diesen wilden Wald angebe? z. B. wie ist der Name des nächsten Schlosses, der nächsten Stadt oder Herberge, und auf welchem Wege kann ich dieselbe wahrscheinlich am Besten erreichen?" „ES ist eine merkwürdige Verwegenheit," erwiederte der Ritter des Grabes, „daß ihr Euch in ein Gespräch mit ihm einlaffen wollt, welcher als der Unerbittliche, der niemals Verschonende, der Erbarmungslose bezeichnet wird, welchen sogar der Unglücklichste nicht um Hülfe anzurufen wagt, damit seine Wünsche nicht zu bald erhört werden." „Herr Ritter," erwiederte die Lady August«, „der Charakter, den Ihr sicherlich aus guten Gründen angenommen habt, schreibt Euch eine gewisse Redeweise vor, obgleich aber Eure Rolle eine finstere ist, so zwingt sie, wie ich glauben sollte, 244 Euch doch nicht, diejenigen Handlungen der Höflichkeit abzu- schlagcn, zu denen Ihr Such verpflichtet habt, als Ihr das hohe Gelübde des Ritterthums ablegtet." „Wenn Ihr Euch meiner Leitung anvertrauen wollt," erwiderte die grauenhafte Gestalt, „so kann ich nur auf eine Bedingung hin, Euch die gewünschte Unterweisung ertheilen. Dieselbe aber besteht darin, daß Ihr meinen Fußtapfen folgt, ohne Fragen an mich über die Richtung unserer Reise zu richten." »Ich glaube, daß ich mich Euren Bedingungen unterwerfen muß," erwiderte sie, „wenn es Euch wirklich beliebt, die Aufgabe meiner Leitung zu übernehmen. In meinem Herzen erkenne ich, daß Ihr einer der unglücklichen Herren seid, welche jetzt in Waffen stehen, um, wie sie glauben, ihre Freiheit zu vertheidigcn. Ein rasches Unternehmen hat mich in den Bereich Eures Einflusses gebracht, und jetzt besteht die einzige Gunst, die ich von Euch, dem ich nichts Böses that und thun wollte, zu erbitten habe, in der Weisung eines Weges nach den Gränzcn Englands — ein Wunsch, den Ihr nach Eurer Kcnntniß des Landes sehr leicht werdet erfüllen können. Glaubt mir, daß Alles, was ich von Eurem Aufenthalt und Eurem Treiben hier sehe, für mich so unsichtbare Dinge sein sollen, als wären sie wirklich im Grabe verborgen, von dessen König Ihr Eure Sinnbilder entlehnt habt. Wenn eine Geldsumme, welche für das Lösegelv eines reichen Grafen genügen würde, eine solche Gunst in der Roth zu erkaufen vermag, so wird sie alsbald und mit solcher Treue ausbezahlt werden, als würde sie von einem Kriegsgefangenen dem Ritter entrichtet, welcher Jenen gefangen nahm. Gebt mir keine abschlägige Antwort, fürstlicher Bruce, oder Douglas, wenn ich mich wirklich in dieser meiner Noth an Einen von Euch 245 wende; man spricht von Euch als furchtbaren Feinden aber edelmüthigen Rittern und treuen Freunden. Laßt mich Euch ersuchen, zu bedenken, wie sehr Ihr wünschen würdet, daß Eure eigenen Freunde und Anhänger solches Mitleid unter ähnlichen Umständen von den Händen englischer Ritter erlangen." „Haben sie dieß erlangt," erwiderte der Ritter mit einer noch finstereren Stimme als zuvor, „oder handelt Ihr weise, daß Ihr den Schutz eines Mannes erfleht, den Ihr für einen wahren schottischen Ritter, wegen keines anderen Grundes, als wegen des äußersten Elendes seiner Erscheinung, haltet — handelt Ihr weise, sage ich, daß Ihr ihn an die Art erinnert, womit die Lords von England die lieblichen Mädchen und die hochgebornen Damen Schottlands behandelten? Wurden nicht die Käfige, die zu ihren Gefängnissen dienten, an die Zinnen der Schlösser gehängt, damit ihre Gefangenschaft jedem niedrigen Bürger vor Augen gehalten werden könnte, welcher Lust besaß sich das Elend der edelsten Damen, sogar dasjenige der Köüigin von Schottland anzusehen ")? Ist dieß eine Erinnerung, welche einen schottischen Ritter mit Mitleid gegen eine englische Dame erfüllen kann? Oder ist es nicht ein Gedanke, welcher den geschworncn liefen Haß gegen Edward Plantagenet, den Urheber dieser Uebel, anschwellen muß ? Ein Haß, welcher in jedem Tropfen schottischen Blutes kocht, so lange dasselbe den Pulsschlag des Lebens empfindet? Nein — Ihr könnt allein erwarten, daß ich kalt und mitleidslos, wie das von mir dargestellte Grab, Euch ohne Beistand in Die Königin, Gemahlin von Robert Brnce, und die Gräfin von Buchnn wurden auf die erwähnte Weise in Haft gehalten. 246 dem hülflosen Zustand lasse, worin Ihr Euch Eurer Beschreibung nach befindet." „Ihr werdet nicht so unmenschlich sein," erwiderte die Dame; „wenn Ihr das thut, müßt Ihr jedes Recht auf ehrlichen Ruhm aufgeben, den Ihr durch Schwert oder Lanze erlangt habt; Ihr müßt jedem Anspruch auf diejenige Gerechtigkeit entsagen, welche mit dem Verdienste des Schutzes der Schwachen gegen die Starken verknüpft ist. Ihr müßt es Euch zum Grundsatz machen, das Unrecht und die Tyrannei von Edward Plantagenet an den Frauen und Mädchen Englands zu rächen, die weder Zutritt zu seinem Rathe haben, noch vielleicht seine Kriege gegen Schottland billigen." „Ihr würdet also," sagte der Ritter des Grabes, „Euch von Eurem Entschlüsse nicht dadurch abbringcn lassen, daß ich Euch all' das Uebel sage, dem Ihr Euch aussetzen müßt, wenn Ihr in die Hände der englischen Truppen fallt, während Ihr Euch unter einem so verhängnißvollen Schutze, wie dem meinigen befindet." „Seid überzeugt," sagte die Dame, „daß die Betrachtung eines solchen Ereignisses nicht im Geringsten meinen Entschluß oder Wunsch, Eurem Schutze zu vertrauen, erschüttert. Ihr wißt wahrscheinlich wer ich bin, und könnt urtheilcn, wie gern sogar Edward einen Vorwand erlangen würde, um eine Strafe über mich verhängen zu können." „Wie kann ich Euch oder Eure Umstände kennen?" erwiderte der grauenhafte Ritter, „dieselben müssen allerdings außerordentlich sein, wenn sie ein Hemmniß der Gerechtigkeit oder Menschlichkeit den rachsüchtigen Gefühlen Edwards darbieten. Alle, welche ihn kennen, hegen die Ueberzeugung, daß er nicht wegen gewöhnlicher Beweggründe von seiner Gewohnheit, dem Haffe nachzugeben, abweichen wird. Wie dem aber 247 auch sein mag, Dame, Ihr drängt Euch mir als eine Last auf, und ich muß dem mir erwiesenen Vertrauen so gut es möglich ist, entsprechen; demgemäß müßt Ihr Euch ausschließlich durch meine Anweisungen leiten lassen, und ich werde Euch dieselben nach der Art eines Wesens aus der geistigen Welt ertheilen; es werden eher allgemeine Angaben für Euer Benehmen, als Vorschriften, die in's Einzelne eingehen, sein; sie werden eher in Form von Befehlen, als von Vorstellungen ertheilt werden. In dieser Weise kann ich Euch vielleicht nützlich sein; in jedem anderen Fall, ist es am wahrscheinlichsten, daß ich in der Noth Euch nicht zur Hand bin, und gleich einem Gespenste verschwinde, welches die Annäherung des Tages scheut." „So grausam könnt Ihr nicht sein," erwiderte die Dame, „denn Ihr seid ein Herr, ein Ritter und Edelmann, und indem ich Euch in allen diesen Eigenschaften anzureden glaube, bin ich überzeugt, daß Euch dadurch Pflichten geboten find, die Ihr nicht aufgeben dürft." »Ich gebe zu, daß dieß der Fall ist, und dieselben werden mir heilig sein," cntgegnete der gespensterhaftc Ritter. «Ich jedoch habe ebenfalls Pflichten, deren Verbindlichkeiten mich doppelt binden, und denen ich diejenigen opfern muß, wegen welcher ich mich sonst Eurer Rettung weihen würde. Die einzige Frage geht dahin, ob Ihr Neigung fühlt, meine» Schutz auf die beschränkten Bedingungen hin anzunehmen, unter denen allein ich ihn zu gewähren vermag, oder ob Ihr es für besser haltet, daß jedes seinen eigenen Weg geht, sich auf seine eigenen Hülfsmittel beschränkt, und hinsichtlich des klebrigen der Vorsehung vertraut." „Ach!" crwiederte die Dame, „verlangt Ihr von mir, bei meiner jetzigen Bedrängniß, daß ich für mich selbst einen Ent- 248 schluß fasse, so ist das ebenso, als riefet Ihr einem Unglücklichen, der in einen Abgrund hinabstürzt, den Rath zu, er möge mit kaltem Urtheil den Busch sich aussuchen, durch den er am Besten seinen Fall aufhalten kann. Seine Antwort könnte keine andere sein, als daß er Alles ergreifen will, was er am leichtesten fassen kann, um der Vorsehung alles Andere anzuvertraucn. Ich nehme deßhalb Euer Anerbieten in der beschränkten Weise an, worin Ihr mir gütig es anbotet, und vertraue dem Himmel und Euch; um mir jedoch wirksam helfen zu können, müßt Ihr meinen Namen und meine Umstände kennen." „Alles das," erwiderte der Ritter des Grabes, „hat mir Eure kürzliche Gefährtin schon gesagt; glaubt aber nicht, junge Dame, daß Schönheit, Rang, ausgedehnte Landgüter, unbe- gränzter Reichthum oder die höchste Bildung auf die Wirkungsweise eines Mannes Einfluß üben können, welcher die Sinnbilder des Grabes trägt, und dessen Neigungen und Wünsche im Leichenhaus längst begraben liegen." „Möge Eure Treue," erwiderte Lady August« de Berkeley, „so fest sein, wie Eure Worte sich als finster offenbaren! Ich unterwerfe mich Eurer Führung ohne Zweifel oder Furcht, daß sie sich in anderer Art erweisen werde, als ich zu hoffen wage." Fünfzehntes Kapitel. Wie ein seinem Herrn folgender Hund, welcher von Letzterem zu der Art Jagd auferzogen wird, worin derselbe wünscht, daß er sich auszeichnen möge, sah die Lady August« sich gelegentlich mit einer Strenge behandelt, welche darauf berechnet schien, bei ihr den Eindruck des unbedingtesten Gehorsams und der Aufmerksamkeit gegen den Ritter des Grabes zu erwecken; sie überzeugte sich bald, daß sie in demselben einen der hauptsächlichsten Anhänger des Douglas, wo nicht Sir James Douglas selbst, vor sich habe. Die Vorstellungen jedoch, welche die Dame sich von dem gefürchteten Douglas gebildet hatte, waren diejenigen eines Ritters, welcher alle Eigenschaften des Ritterthums in höchstem Grade besaß, sich besonders dem Dienst des schönen Geschlechts gewidmet hatte und durchaus unähnlich derjenigen Person war, mit welcher sie sich so sonderbar vereinigt, oder vielmehr der sie sich gänzlich unterworfen fand. Nachdem er sich, als wolle er weitere Mittheilungen abbrechen, einem der vielen Jrrgänge des Waldes zugewandt hatte, und einen Schritt anzunehmcn schien, den das Pferd der Lady Augusts wegen der Natur des Bodens nur mit Schwierigkeit einhalten konnte, folgte sie ihm doch mit der Angst und Eile des jungen Hühnerhundes , welcher eher aus Furcht als aus Anhänglichkeit mit seinem strengen Herrn gleichen Schritt zu halten sucht. Das Gleichniß allerdings ist nicht sehr artig, und paßt auch nicht gänzlich auf eine Zeit, worin Frauen mit einem gewissen Grade der Andacht verehrt wurden; allein solche Umstände 250 wie die beschriebenen, waren ebenfalls selten, und die Lady Augusts de Berkeley mußte sich einreden, daß der furchtbare Krieger, dessen Name so lange der Gegenstand ihrer Angst und wirklich auch der Schrecken des ganzen Landes gewesen , war, auf die eine oder andere Weise ihre Befreiung bewerkstelligen könne- Sie gab sich deßhalb die äußerste Mühe, um mit der gcspenstergleichen Erscheinung gleichen Schritt zu halten, und folgte dem Ritter, wie der Abendschatten sich dicht an den verspäteten Landmann hält. Als die Dame offenbar durch die Anstrengung litt, womit sie ihren Zelter auf den steilen und holperige» Pfaden am Straucheln verhindern mußte, minderte der Ritter des Grabes die Geschwindigkeit seines Schrittes, blickte ängstlich um sich, und murmelte scheinbar vor sich hin, obgleich seine Worte wahrscheinlich für das Ohr seiner Begleiterin > bestimmt waren: „Eine so große Eile ist nicht erforderlich." Er ging mit langsamerem Schritt voran, bis Beide sich am Rande einer Schlucht befanden, welche zu den vielen Unregelmäßigkeiten der hohen Oberfläche gehörten, die von den plötzlichen, diesem Lande eigenthümlichen Gebirgsströmen erzeugt wurden; diese Schlucht wand sich unter Bäumen und Unterholz in ziemlicher Ausdehnung hin, und bildete gleichsam ein Netz von Verstecken, welche sich in einander öffneten, so daß vielleicht kein Platz in der Welt sich so gut zu einem Hinterhalt eignete. Der Platz, wo der Gränzbewohner Turnbull seine Flucht bei der Jagd bewerkstelligt hatte, war nur ein einzelner unter den vielen dieses auf der Oberfläche tief durchfurchten Landes, und stand vielleicht mit den vielen Dickichten und Paffen in Verbindung, durch welche der Ritter und der Pilger gegenwärtig hinzogen; jene Schlucht lag übrigens 251 in bedeutender Entfernung von dem Pfade, dem die Beiden folgten. Der Ritter jedoch leitete den Weg in solcher Weise, als wolle er der Lady August« eher jede Vorstellung über ihre Richtung in diesen unendlichen Wäldern benehmen, als einem bestimmten Pfade folgen. Bald stiegen sie Anhöhen hinauf, bald schienen sie in derselben Richtung wieder hinab zu kommen, indem sie nun eine gränzenlose Wildniß und dichte Waldgegend mit verschiedenen Verschlingungen der Bäume antrafen. Der Ritter schien jeden Theil des Landes sorgfältig zu vermeiden, wo die Arbeit des Pfluges möglich war; er konnte jedoch seine Richtung mit solcher Gewißheit nicht einhalten, daß er nicht gelegentlich über Wege der Einwohner und Bauern gekommen wäre, welche mit der Anwesenheit eines so eigenthümlichen Mannes wohl bekannt schienen, aber niemals, wie die Dame bemerkte, irgend ein Zeichen der Erkennung gaben. Sie mußte daraus bald den Schluß ziehen, daß der gespenstige Ritter im Lande bekannt sei und dort Mitschuldige und Anhänger habe, welche wenigstens insoweit seine Freunde waren, daß sie es vermieden, irgendwie Anzeigen zu machen, wodurch man ihm auf die Spur hätte kommen können. Der gut nachgeahmte Ruf der Nachteule, eines in der Wildniß so häufigen Gastes, daß jener Ton nicht überraschen konnte, schien allgemein von den Leuten verstanden zu werden; er wurde nämlich in verschiedenen Theilen des Waldes vernommen, und die Lady Augusta, in solchen Reisen, durch die früher unter der Leitung des Sängers Bertram von ihr ausgesührten, erfahren, machte die Bemerkung, daß ihr Führer, sobald er jene wilden Töne vernahm, seine Richtung 252 veränderte und sich auf Pfade begab, welche durch tiefere Wildnisse und in undurchdringlichere Dickichte leiteten. Dieß geschah so häufig, daß der unglückliche Pilger eine neue Furcht empfand, welche ihm andere Beweggründe zum Schrecken eingab. War sie nicht die Vertraute und beinahe das Werkzeug eines listigen, in der Abficht einer ausgedehnten Operation entworfenen Verfahrens, welches wie die früheren Anstrengungen des Douglas mit der Ueberrumplung seines Familienschlosses, der Ermordung der englischen Garnison und zuletzt mit dem Tode und der Schande des Sir John de Walton enden würde, von dessen Schicksal, wie sie so lange geglaubt oder sich cingcredct hatte, ihr eigenes abhängig war? Sobald der Gedanke der Lady Augusta durch den Sinn fuhr, daß sie in eine solche Verschwörung mit einem schottischen Insurgenten verwickelt sei, schauderte sie über die Folgen der finstern Entwürfe, in deren Theilnahmc sie jetzt geriet!), und welche einen so sehr verschiedenen Ausgang von Allem nehmen konnten, was sie zuerst besorgt hatte. Die Morgenstunden dieses merkwürdigen Tages, welcher Palmsontag war, wurden so im Umherwandern von einem Orte zum andern vollbracht, während die Lady Berkeley gelegentlich ihre Bitte um Freigebung vorbrachte, welche sie in der rührendsten und nachdrucksvollsten Weise auszudrücken sich bemühte, und wofür sie zugleich Anerbietungen von Reichthum und Schätzen machte, auf die aber ihr sonderbarer Führer keine Antwort gab. Zuletzt trat der Ritter, als sei er durch die Zudringlichkeit seiner Gefangenen ermüdet, dicht an den Zügel der Lady Augusta und sagte in feierlichem Tone: „Wie Ihr glauben könnt, bin ich keiner der Ritter, welche durch Wälder und Wildnisse, um Abenteuer aufzusuchen, umherschweifen, wodurch sich Gnade in den Augen einer schönen Dame erlangen läßt. Bis zu einem gewissen Grade jedoch will ich die Bitte gewähren, um die du so ängstlich mich ersuchst, und die Entscheidung deines Schicksals wird von dem Willen desjenigen abhängen, welchem deinen eigenen zu unterwerfen, du dich für bereit erklärt hast. Ich werde bei der Ankunft an unserem Bestimmungsort, welcher jetzt in der Nähe ist, an Sir John de Walton schreiben, und meinen Brief mit dir, schöne Dame, durch einen bcsondcrn Boten absenden, er wird ohne Zweitel unserer Aufforderung sich stellen, und du sollst dich selbst überzeugen, daß sogar ein Mann, welcher bisher taub gegen alle Bitten und unempfindlich gegen irdische Regungen zu sein schien, noch einiges Mitgefühl für Schönheit und Tugend hegt. Ich gebe dir die Wahl deiner künftigen Sicherheit und deines Glückes in deine eigene Hände, und in diejenigen, des von dir gewählten Mannes; du kannst die Wahl, welche du willst, zwischen diesen Händen und dem Elend treffen." Als er dieß sagte, schien sich eine jener Schluchten oder Erdspalten vor ihnen zu eröffnen; der gespensterhafte Ritter, welcher dieselbe am oberen Ende betrat, führte mit einer bisher noch nicht gezeigten Aufmerksamkeit den Zelter der Dame auf dem steilen und zerrissenen Pfade hinab, auf welchem allein der Boden des verwickelten Dickichts zugänglich war. Als die Dame sich auf festem Boden nach den Gefahren einer Absteigung befand, auf welcher ihr Zelter durch die persönliche Kraft und Gewandtheit des eigenthümlichen Wesens gehalten zu sein schien, welches denselben am Zügel leitete, blickte sie mit Erstaunen aus einen zum Versteck vortrefflich geeigneten Ort, welchen sie jetzt erreicht hatten- Es ergab sich bald als klar, daß derselbe auch zu dem Zweck benutzt wurde, denn mehr wie eine dumpfe Antwort wurde dem sehr leisen Tone mit dem Jagdhorn gegeben, womit jetzt der Ritter des Grabes ein Zeichen gab; als dasselbe wiederholt wurde, kamen ungefähr zehn Bewaffnete, einige in der Kleidung von Soldaten, andere in derjenigen von Schäfern und Landleuten zum Vorschein, als werde ihrer Berufung von ihnen Bescheid gethan. Sechzehntes Kapitel. »Seid mir gegrüßt, meine tapferen Freunde," sagte der Ritter des Grabes zu seinen Gefährten, welche ihn mit dem Eifer von Männern zu begrüßen schienen, die sich in dieselbe gefährliche Unternehmung eingelassen hatten, „der Winter ist vorüber; heute ist das Fest des Palmsonntages und so gewiß von dem Eis und Schnee dieser Jahreszeit im nächsten Sommer die Erde nicht erstarren wird, so gewiß werden wir in wenigen Stunden unser Wort den Prahlern des Südens -alten, welche der Meinung find, ihre Sprache des Uebermuthes, Stolzes und der Bosheit übe eben so viele Gewalt auf unsere schottischen Herzen, wie der Nachtreif über die Früchte des Herbstes; das ist nicht der Fall- So lange wir verborgen bleiben wollen, werden sie ebenso vergeblich uns zu entdecken suchen, wie eine Hausfrau eine verlorne Nadel unter dem abgefallenen Laube einer riesenhaften Eiche zu finden vermag. Nach wenigen Stunden soll die verlorne Nadel zum Vertilgungsschwerte Schottlands werden, um zehntausend begangene Gewaltthaten und besonders das Leben des tapferen Lord Douglas zu rächen, welcher in grausamer Weise den Tod in der Verbannung aus seinem Vaterlande erlitt." Ein Ausruf wie ein Geheul und Geseufze brach unter den versammelten Anhängern des Douglas aus, als dieselben an den kürzlichen Tod ihres Häuptlings erinnert wurden; zugleich schienen sie aber die Nothwendigkeit zu begreifen, daß sie so wenig Geräusch wie möglich machen müßten, um nicht die zahlreichen englischen Abtheilungen, welche die verschiedenen Theile des Waldes durchzogen, in Allarm zu setzen. Der so vorsichtig ausgestoßene Ausruf war kaum verhallt, als der Ritter des Grabes oder Sir James Douglas, um ihm seinen Namen zu ertheilen, die kleine Schaar seiner treuen Anhänger wiederum anredete. „Eine Anstrengung, meine Freunde, muß noch gemacht werden, um unfern Kampf mit den Südländern ohne Blutvergießen zu beendigen. Das Schicksal hat vor wenigen Stunden die junge Erbin von Berkelep in meine Gewalt gebracht, dieselbe Dame, um derenwillen Sir John de Walton, wie man sagt, mein Familienschloß mit solcher Hartnäckigkeit hält- Gibt es Einen unter Euch, der als Ehrengeleit der Augusta de Berkeley einen Brief überbringen will, welcher die Bedingungen enthält, unter denen ich die Dame ihrem Geliebten, der Freiheit und ihren englischen Besitzungen zurückgeben will?" „Wenn kein Anderer da ist," sagte ein großer, als Jäger gekleideter Mann, welcher in Wirklichkeit Niemand anders als derselbe Michael Turnbull war, der schon einen so außerordentlichen Beweis unerschrockener Mannheit gegeben hatte, 256 „so werde ich gerne die Person sein, welche die Stelle eines Bedienten der Dame übernimmt." „Du fehlst niemals," sagte Douglas, „sobald eine männliche That zu vollbringen ist; bedenke jedoch, daß diese Dame ihr Wort durch einen Eid verpfänden muß, sie werde sich als unsere treue Gefangene betrachten; mag sie ausgelöst werden oder nicht, sie dient als Pfand für das Leben, die Freiheit und die gute Behandlung des Michael Turnbull; will Sir John de Walton meine Bedingungen nicht eingehcn, so muß sie sich verpflichten, mit Turnbull zu uns zuruckzu- kchren, damit wir über sie nach unserem Belieben verfügen können." Unter diesen Bedingungen fand sich Manches, was die Ladp Augusta mit natürlichem Zweifel und Schrecken erfüllte; andererseits erthcilte aber die Erklärung des Douglas, so sonderbar es auch scheinen mag, ihrer Lage eine Entscheidung, welche sonst nicht erreicht werden konnte. Wegen der hohen Meinung, welche sie von der Ritterlichkeit des Douglas hegte, vermochte sie nichts Anderes zu denken, als daß jeder Theil der Rolle, die er jetzt in dem sich nahenden Drama spielen werde, durchaus dem Verfahren entsprechen müßte, welches ein vollkommen guter Ritter unter allen Umständen gegen seinen Feind zu beobachten habe. Sogar mit Rücksicht auf de Walton empfand sie jetzt, daß sie aus einer peinlichen Lage gerettet werde. Der Gedanke, daß sie vom Ritter selbst in männlicher Kleidung entdeckt würde, hatte sie bisher fortwährend gequält; sie hegte ein Gefühl, als habe sie die Gesetze der Weiblichkeit dadurch verletzt, daß sie ihre Entwürfe hinsichtlich seiner, über die jungfräulichen Gränzen hinaus, auödehnte —ein Schritt, welcher sie in den Augen ihres 257 Geliebten herabsetzen konnte, für welchen sie so viel gewagt hatte. Es wird die Meid genug man achten, Die man zu leicht gewann, Und lange wird am Grame schmachten ^ Ein herzlos leichter Mann. Andererseits war der Umstand, ihm als eine Gefangene vorgeführt zu werden, in gleicher Weise dazu geeignet, Verlegenheit und Unbehagen zu erwecken; allein derselbe war nicht mehr von ihrem Willen abhängig, und der Douglas, in dessen Hände sie gefallen war, schien ihr gleichsam wie eine Gottheit im Schauspiele, deren Erscheinung genügt, um alle Verlegenheiten desselben zum Schluß zu bringen; sie unterzog sich deßhalb nicht ungern dem Eide und gab die Versprechungen, welche die Männer verlangten, in deren Gewalt sie sich befand. Somit übernahm sie die Verpflichtungen einer Gefangenen, von welcher Art auch die Folgen sein mochten. Inzwischen befolgte sie genau die Vorschriften derjenigen, welche über ihr Verfahren zu verfügen hatten, und flehete nur den Himmel an, daß die an sich so unglücklichen Umstände zusammen wirken möchten, um sowohl die Sicherheit ihres Geliebten, wie ihre eigene Freiheit zu veranlassen- Es folgte eine Pause, während welcher eine leichte Mahlzeit der Ladp Augusta vorgesetzt wurde, welche von den Mühen der Reise beinahe erschöpft war. Douglas und seine Anhänger flüsterten mittlerweile zusammen, als wollten sie vermeiden, daß ihr Gespräch von ihr vernommen würde; auch vermied sie sorgfältig jeden Anschein, als suche sie zu lauschen, um womöglich die Geneigtheit derselben sich zu erhalten. Das geführt. Schloß u. and. Erzähl. 17 258 Nach einigem Gespräche sagte Turnbull, welcher die Dame als seiner Sorgfalt vorzugsweise übergeben betrachtete, zu ihr mit rauher Stimme: „Seid unbesorgt, Dame," es soll Euch nichts Uebles angethan werden; nichts destoweniger müßt Ihr Euch auf einige Zeit die Augen verbinden lassen." Sie unterwarf sich dem Befehle schweigend und erschreckt; der Kriegsmann wickelte einen Theil seines Mantels ihr um den Kopf, führte aber nicht ihren Zelter, damit sie denselben besteige, herbei, sondern reichte ihr seinen Arm, daß er ihr in diesem geblendeten Zustand zur Stütze diene. Siebenzehntes Kapitel. Der Boden, welche die Beiden durchwandelten, war, wie Lady Augusta fühlen konnte, sehr gebrochen und uneben, und bisweilen schien er ihr mit Trümmern bedeckt, die sich nur mit großer Schwierigkeit übersteigen ließen. Die Kraft ihres Begleiters half ihr bei solchen Verlegenheiten vorwärts, allein seine Hülse wurde aus so rauhe Weise geleistet, daß die Dame einige Male aus Furcht oder Schmerzen schwer seufzte oder stöhnte, wie sehr sie auch solche Zeugnisse ihrer Furcht oder ihrer erlittenen Pein zu unterdrücken suchte. Bei einer solchen Gelegenheit merkte sie deutlich, daß der rauhe Jäger sich von ihrer Seite entfernt batte, und daß ein Anderer seine Stelle einnahm, dessen Stimme, eine sanftere als die seines Gefährten, sie kürzlich vernommen zu haben glaubte. 259 . .... ...... „Edle Dame," waren die Worte» „fürchtet nicht die geringste Verletzung von unserer Seite, und nehmt meine Dienste statt derjenigen meines Bedienten an, welcher mit unserem Brief fortgcgangen ist; haltet es nicht für eine über- müthige Benützung meiner Lage, wenn ich Euch in meinen Armen durch die Trümmer trage, durch welche Ihr Euch allein und mit verbundenen Augen nicht leicht hindurch bewegen könnt." Zugleich fühlte die Lady Augusta de Berkeley, daß sie von der Erde mit den starken Armen eines Mannes cmporgeho- ben und mit äußerst sanfter Behandlung fortgetragen wurde, so daß fie nicht mehr die peinlichen Anstrengungen zu machen brauchte, die bisher von ihr gefordert wurden. Sie schämte sich ihrer Lage. Wie zartfühlend fie aber auch sein mochte, so war es nicht Zeit zu klagen, wodurch sie Personen hätte beleidigen können, die günstig zu stimmen ihr Interesse erheischte. Sie unterwarf ssch deßhalb der Nothwendigkeit und vernahm, wie ihr folgende Worte in's Ohr geflüstert wurden: „Fürchtet nichts, man hat gegen Euch nichts Böses im Sinne, auch soll Sir John de Walton, wenn er Euch so liebt, wie Ihr es verdient, keinerlei Unbill von uns erleiden. Wir verlangen nur von ihm, daß er uns und Euch Gerechtigkeit erweise; seid versichert, daß Ihr Euer eigenes Glück am besten erfüllt, wenn Ihr unsere Absichten unterstützt, welche sowohl die Erlangung Eurer Freiheit, wie die Erreichung Eurer Wünsche bezwecken." Die Lady Augusta würde hierauf eine Antwort gegeben haben; in dem Zustande jedoch, worin sie voll von Besorgniß schnell weiter gebracht wurde, stockte ihr der Athem, so daß sie nur unverständliche Töne hervorzubringcn vermochte- 26N Mittlerweile begann sie zu bemerken, daß sie in ein Gebäude, und wahrscheinlich ein verfallenes, eingeschloffen wurde; obgleich nämlich die Art ihrer Fortbringung ihr nicht länger gestattete, die Natur des Weges deutlich zu erkennen, so merkte sie doch an der Abwesenheit der frischen Lust, die bisweilen fehlte und bisweilen in heftigen Windstößen eindrang, daß sie durch Gebäude geführt wurde, welche zum Theil noch ganz waren und an anderen Stellen den Wind durch weite Riffe und Spalten zuließen. Einmal schien es der Dame, als ob sie durch eine beträchtliche Menge von Leuten hindurch gegangen sei, welche sämmtlich Schweigen beobachteten, obgleich ein Gemurmel bisweilen vernommen wurde; zu einem solchen schien jeder in einigem Grade beizutragen, obgleich der allgemeine Ton nicht über ein Geflüster hinausging. Ihre Lage ließ sie auf jeden Umstand achten, und sie bemerkte auch bald, daß jene Leute demjenigen auswichen, welcher sie trug, bis sie zuletzt erkannte, daß ihr Träger eine regelmäßige Treppe hinabsteige, und daß sie jetzt mit Ausnahme seiner allein sei. Als sic, wie es der Dame schien, auf einem mehr ebenen Boden angelangt waren, ging es auf diesem sonderbaren Wege weiter, weder in gerader Richtung, noch auf bequeme Weise; die Atmosphäre war die eines verschlossenen Raumes bis zum Ersticken, und erweckte zugleich ein unangenehmes Gefühl feuchter Luft, als erhöben sich Dünste aus einem frischen Grabe. Ihr Führer redete sie wieder an: „Ihr müßt, Lady Augusta, noch etwas länger ausharren und die Luft ertragen, die uns Allen eines Tages gemeinschaftlich sein wird. Durch die Nothwendigkcit meiner Lage muß ich mein gegenwärtiges Amt Eurem ursprünglichen Führer wieder zurückgebcn, und kann Euch nur die Versicherung ertheilen, daß weder er noch irgend Jemand sonst Euch die 261 geringste Unhöflichkcit oder Beleidigung anthun soll; darauf könnt Ihr Euch bei dem Worte eines Ehrenmannes verlassen." Mit den Worten legte er sie auf den weichen Rasen und machte ihr zu ihrer großen Erleichterung begreiflich, daß sie sich wieder in frischer Luft und außerhalb der dumpfen Atmosphäre befand, welche sie früher wie die eines Leichenhauses erdrückt hatte. Zugleich sprach sie in einem Geflüster den ängstlichen Wunsch aus, daß man ihr den um ihren Kopf geschlungenen Mantel abnehmen möge, welcher ihr beinahe das Vermögen zu athmen benehme, obgleich derselbe nur verhindern sollte, daß sie die Gegenstände während ihrer Forlschaf- fung bemerke. Ihrer Bitte gemäß wurde die Binde ihr sogleich abgenommen und sie beeilte sich mit unbedeckten Augen ihre Umgebung zu beschauen. Der Platz, wo sie sich befand, war von dicken Eichbäumen überschattet, unter welchen sich einige Reste von Gebäuden oder von etwas Aehnlichem versanden, vielleicht dieselben Trümmer, über welche noch vor kurzem ihr Weg ging. Eine klare Quelle fließenden Wassers drang unter den verschlungenen Wurzeln eines dieser Bäume hervor und bot der Dame Gelegenheit einen Trank des reinen Elementes zu genießen, sowie ihr Antlitz zu waschen, welches ungeachtet der Sorgfalt und beinahe Zärtlichkeit, womit sie so eben getragen worden war, manche Schramme erhalten hatte. Das kühle Wasser hemmte bald die Blutung dieser kleinen Verletzungen, und diente zugleich, um die etwas erschütterte Besinnung der Dame wieder herzustellen. Ihr erster Gedanke ging dahin, ob ein Fluchtversuch, wenn ein solcher möglich wäre, auch zweckmäßig sein würde- Eine augenblickliche Ueberlegung überzeugte sie jedoch, daß sie an einen solchen Entwurf nicht 262 denken dürfe. Dieser zweite Gedanke wurde durch die Annäherung der riesenhaften Gestalt des Jägers Turnbull bestätigt, dessen rauhe Stimme sie vernahm, bevor noch derselbe ihrem Auge erkennbar war. „Habt Ihr meine Rückkehr ungeduldig erwartet, schöne Dame? Ein solcher Mann wie ich," fuhr er mit spöttischer Stimme fort, „welcher auf der Jagd der wilden Hirsche und des wilden Rindviehs immer voran ist, pflegt auch nicht zurückzubleiben, wenn eine schöne Dame wie Ihr den Gegenstand der Verfolgung abgibt; bin ich in meiner Begleitung nicht so beharrlich, wie Ihr es vielleicht erwartet, so glaubt mir, daß es nur deßhalb geschah, weil ich mit einer andern Angelegenheit beschäftigt war, welcher ich sogar die Pflicht, Euch zu begleiten, opfern mußte." „Ich biete dir keinen Widerstand," sagte die Dame; „unterlasse es jedoch bei Vollbringung deiner Pflicht meine Unbehaglichkeit durch dein Gespräch zu steigern, denn dein Herr hat mir sein Wort gegeben, er werde nicht leiden, daß ich in Schrecken gesetzt oder mißhandelt werde." „Nun, schöne Dame," erwiderte der Jäger, „ich hielt es stets für paffend, mit sanften Worten das Wohlgefallen schöner Damen zu erregen, wenn Ihr aber damit nicht zufrieden seid, so finde ich auch kein Vergnügen an einer Jagd nach schönen und feiertäglichen Worten, und es ist mir deßhalb ebenso behaglich, jetzt zu schweigen. Kommt also, da wir, bevor der Morgen schließt, Euren Liebhaber erwarten und von ihm seinen letzten Entschluß über eine Angelegenheit erfahren müssen, welche so sonderbar verwickelt geworden ist. Mehr Verkehr will ich mit Euch nicht als einem Frauenzimmer Hallen, sondern mit Euch als einer verständigen Person reden, wenn Ihr auch eine Engländerin seid." »Ihr werdet," erwiderte die Dame, „die Absichten derjenigen, auf deren Befehl Ihr handelt, dadurch am besten erfüllen, daß Ihr Euch mit mir in gar keine Unterredung einlaßt, soweit dieselbe für Euren Charakter als Führer nicht erforderlich ist." Der Mann zog seine Augenbrauen zusammen, schien jedoch in den Vorschlag der Lady Berkeley einzuwilligen und schwieg, als Beide einige Zeit lang ihren Weg verfolgten, indem Jeder seinen Gedanken nachhing, welche wahrscheinlich auf Gegenstände wesentlich verschiedener Art gerichtet waren. Zuletzt wurde der laute Schall eines Jagdhorns in nicht großer Entfernung von den ungeselligen Reisegefährten vernommen. „Das ist die Person, welche wir suchen, sagte Turnbull, „ich kann den Ton seines Jagdhorns von jedem andern in Liesen Wäldern unterscheiden, und mein Befehl geht dahin, Euch zur Unterredung mit demselben zu bringen." Das Blut schoß schnell durch die Adern der Dame beim Gedanken, daß sie auf diese Weise mit so wenigen Umständen dem Ritter vorgestellt werde, zu dessen Gunsten sie in übereilter Weise ihre Wahl mehr den Sitten jener Zeiten gemäß ausgesprochen hatte, worin übertriebene Empfindungen oft Handlungen außergewöhnlicher Großmuth einflößten, als es jetzt in unseren Tagen geziemend erscheinen würde, wo Alles für abgeschmackt gilt, was nicht auf einem Beweggrund beruht, womit die unmittelbaren selbstsüchtigen Interessen des Handelnden in Verbindung stehen. Als Turnbull deßhalb in sein Horn stieß, um Antwort auf das von Beiden vernommene Zeichen zu geben, war die Dame im ersten Antrieb der Schaam und der Furcht zur Flucht geneigt. Turnbull bemerkte ihre Absicht, hielt sie fest mit nicht sehr sanftem 264 Griffe und sagte: „nun Lady, es ist zu erwarten, daß Ihr Eure Rolle in dem Drama weiter spielt, welches, wenn Ihr nicht auf der Bühne bleibt, sehr schlimm für uns Alle, und zwar mit einem Todeskampfe zwischen Eurem Liebhaber und mir enden muß, worauf es sich dann zeigen wird, wer von uns Eurer Gunst am würdigsten ist." „Ich will geduldig sein," sagte die Dame, bedenkend, daß sogar die Gegenwart dieses fremden Mannes und der Zwang, welchen er gegen sie zu üben schien, eine Art Entschuldigung für ihre weiblichen Bedenklichkeiten sei, daß sie jetzt vor ihrem Liebhaber, wenigstens beim ersten Auftreten, in einer Verkleidung erscheinen müsse, welche, wie sie ihrem Gefühle nach bekennen mußte, nicht sehr anständig oder der Würde ihres Geschlechtes gemäß war. Im nächsten Augenblick, als ihr diese Gedanken durch den Sinn gegangen waren, wurde der Hufschlag eines näher kommenden Pferdes vernommen, und Sir John de Walton, als er sich durch die Bäume hindurch drängte, bemerkte die Gegenwart seiner Geliebten, die wie es schien, sich als Gefangene in der Gewalt eines schottischen Geächteten befand, welcher ihm nur durch seine frühere Kühnheit während der Jagd bekannt war. Seine Ueberraschung und seine Freude gaben dem Ritter nur die hastigen Ausdrücke ein: „Elender, laß deine Beute fahren oder stirb in deinem ruchlosen Versuche, die Bewegungen einer Dame zu hemmen, welcher zu gehorchen die Sonne selbst stolz sein würde." Zugleich ließ Sir John de Walton seine schwere Lanze fallen, deren vollkommenen Gebrauch die Bäume nicht gestatteten, sprang vom Pferde und nahte Turnbull mit gezogenem Schwerte, denn er besorgte, daß dieser Jäger die 265 Dame vermittelst eines Weges im Dickicht seinen Blicken entziehen werde, sowie er früher einen solchen Weg zu seiner Flucht benutzt hatte. Der Schotte hielt mit seiner linken Hand den Mantel der Dame, erhob aber mit seiner Rechten seine Streitaxt, um den Schlag seines Gegners zu pariren und zurückzugeben, indcß die Dame sprach: „Sir John de Walton, um des Himmelswillen, unterlaßt alle Gewaltihätigkcit, bis Ihr vernehmt, zu welchem friedlichen Zwecke ich hieher gebracht bin, und durch welche friedliche Mittel dieser Kampf sich beendigen läßt. Dieser Mann, obgleich ein Feind von Euch, ist gegen mich ein höflicher und achtungsvoller Führer gewesen, und ich bitte Euch, ihn zu verschonen, während er den Zweck verkündet, wegen dessen er mich hieher gebracht hat." „Von Zwang und von der Dame de Berkeley in demselben Athem zu sprechen, wäre schon genügender Grund zum augenblicklichen Tode," sagte der Gouverneur vom Schloß Douglas, „allein Ihr befehlt, Dame, und ich verschone sein unbedeutendes Leben, obgleich ich Ursache zur Klage gegen ihn habe, deren geringste, wenn er tausend Leben besäße, für die Verwirkung aller genügen würde." „John de Walton," erwiederte Turnbull, „diese Dame weiß sehr wohl, daß keine Furcht vor dir Einfluß auf meine Seele übt, um diese Zusammenkunft friedlich abzuhalten. Würde ich nicht durch andere Umstände gebunden, welche sowohl für Douglas, wie für dich von höchster Wichtigkeit sind, so würde ich nicht mehr Furcht hegen, dem Acußcrsten, was du thun kannst, zu trotzen, als ich jetzt empfinde, während ich dicß Bäumchen auf den Boden lege, worauf cs wächst." Mit den Worten erhob Michael Turnbull seine Streitaxt, 266 und hieb von einem nahen Eichbaum einen Zweig, beinahe von der Dicke eines MannesarmcS ab; derselbe stürzte mit seinen Seitenzwcigcn und Blättern zwischen de Walton und dem Schotten nieder, und gab einen auffallenden Beweis von der Schärfe der Waffe und von der Kraft und Gewandtheit dessen, welcher sie gebrauchte. „Laßt also zwischen uns einen Waffenstillstand stattfinden, guter Gesell," sagte Sir John de Walton, „da es der Dame beliebt, daß dieß der Fall ist, und verkünde mir, was du mir hinsichtlich ihrer zu sagen hast." „Darüber," sagte Turnbull, „habe ich nur wenige Worte Euch zu sagen, merkt sie aber Euch genau, Herr Engländer: Die Lady Auguka de Berkeley, als sie in diesem Lande umherirrte, ist eine Gefangene des edlen Lord Douglas, des rechtlichen Erben des Schlosses und Gutes geworden. Derselbe findet sich verpflichtet, folgende Bedingungen mit der Freiheit dieser Dame zu verknüpfen, welche in jeder Hinsicht solcher Art sind, daß ein Ritter das Recht zu ihrer Aufstellung durch guten und gesetzlichen Krieg erlangt. Ich thue dir Folgendes kund und zu wissen: Die Lady August« soll in aller Ehre und Sicherheit dem Sir John de Walton oder Denjenigen überliefert werden, die er zum Zweck, sie in Empfang zu nehmen, bevollmächtigt. Andererseits soll das Schloß Douglas selbst zugleich mit allen Vorposten und Garnisonen als Zubehör von Sir John de Walton in derselben Lage und mit denselben Vorräthen und Kriegsmaschinen überliefert werden, welche jetzt in diesen Mauern sich vorfinden; ein Waffenstillstand für die Zeit eines Monats soll zwischen Sir James Douglas und Sir John de Walton geschloffen werden, um die Bedingungen der Uebergabe von beiden Seiten zu verabreden, nachdem zuvor Ritterwort und 267 Eid Beider verpfändet wurde, daß in der Auslösung der ehrenwerthen Dame gegen besagtes Schloß der volle Zweck gegenwärtiger Uebcreinkunft liegt, und daß jeder andere Gegenstand des Streites nach dem Belieben benannter edler Ritter zwischen ihnen ehrenvoll ausgeglichen und beseitigt werden soll, oder daß diese streitigen Punkte je nach ihrem Belieben durch einen ritterlichen Zweikampf nach bestehendem Gebrauch in offenem Felde und in Gegenwart einer ehrcn- werthen Person entschieden werden, welche letztere Würde genug besitzt, um den Vorsitz zu fuhren." Nur mit Schwierigkeit kann man sich das Erstaunen des Sir John de Walton denken, als er den Inhalt dieser Herausforderung vernahm; er blickte auf die Lady von Berkeley mit jenem Ausdruck der Verzweiflung, den man bei einem Verbrecher vorauSseßen mußte, welcher seinen Schutzengel Vorbereitungen treffen sähe, um ihn für immer zu verlassen. Auch in ihrer Seele erhoben sich ähnliche Gedanken, als enthielten sie ein Zugeständnis dessen, was sie für den höchsten Gipfel ihrer Wünsche gehalten haben würde, während jedoch Bedingungen gestellt wurden, welche schmachvoll für ihren Geliebten sein mußten und deshalb dem feurigen Schwerte des Cherubs glichen, welches eine unüberstcigliche Scheidewand zwischen unfern ersten Eltern und den Segnungen des Paradieses bildete. Sir John de Walton brach nach augenblicklichem Bedenken das Schweigen mit diesen Worten: „Edle Dame, Ihr könnt erstaunen, daß mir eine Bedingung zum Zweck Eurer Freiheit auferlegt wird, und daß Sir John de Walton, welcher schon jetzt gegen Euch solche Verpflichtungen hat, auf deren Anerkennung er stolz ist, dennoch Bedenken trägt, dieselbe mit dem größten Eifer anzunehmen, obgleich Ihr dadurch der Freiheit und Unabhängigkeit zurückgegeben 268 würdet- LIllcin die jetzt gesprochenen Worte drangen durch meine Ohren, ohne meinen Verstand zu erreichen, und ich muß die Lady de Berkeley um Verzeihung ersuchen, wenn ich mir einige Zeit zur Ueberlegung ausbitte." „Und ich," fiel Turnbull ein, „habe nur Vollmacht, Euch eine halbe Stunde zur Ueberlegung eines Anerbietens zu gestatten, zu dessen Annahme, wie mich däucht, Ihr vor Freude schulterhoch springen solltet, anstatt Euch Zeit zum Nachdenken auszubitten. Was verlangt diese Botschaft anders, als wozu Euch Eure Pflicht als Ritter nöthigt? Ihr habt Euch verpflichtet das Werkzeug des Tyrannen Edward zur Behauptung des Schlosses Douglas als dessen Befehlshaber zu werden, und zwar zum Schaden der schottischen Nation und des Ritters von DouglaSdale, die niemals als Volk oder als Einzelne Euch den geringsten Schaden zugcfügt haben; Ihr verfolgt deßhalb eine solche Richtung, die eines guten Ritters unwürdig ist. Andererseits ist die Freiheit und Sicherheit Eurer Dame unter voller Veificherung ihrer vollen Unver- letztheit und Ehre gegen die Bedingung hin angcboten, daß Ihr Euer ungerechtes Verfahren, worin Ihr Euch so unvorsichtig einließet, von jetzt an aufgeben müßt- Beharrt Ihr dabei, so übergebt Ihr Eure eigene Ehre und das Glück der Dame dem Gutdünken von Männern, hinsichtlich derer Ihr Alles thatet, um sie zur Verzweiflung zu bringen, und die Ihr wahrscheinlich auch nach solchen Aufreizungen in dieser Stimmung antreffen werdet " „Wenigstens nicht von dir," sagte der Ritter, „habe ich dieMeise zu erfahren, wie der Douglas die Gesetze des Krieges erklären, oder de Wallon dieselben auf dessen Vorschrift empfangen wird." „Ich werde also nicht," fragte Turnbull, „als ein freund- 269 schaftlicher Bote empfangen? Lebt wohl und denkt an diese Dame, als befinde sie sich in solchen Händen, die vor Euch gesichert sind, während Ihr die Euch überbrachte Botschaft überlegen könnt. Kommt Frau, wir müssen fort." Mit den Worten ergriff er die Hand der Dame und zog sie fort, als wolle er sie mit Gewalt entfernen. Die Dame war bewegungslos und beinahe bewußtlos dagestanden, als die beiden Krieger Worte wechselten; als sie den Griff der Faust von Michael Turnbull fühlte, rief sie beinahe außer sich vor Furcht: „Helkt mir, de Walton!" Der Ritter zur augenblicklichen Wuth aufgereizt, griff den Jäger mit äußerster Hitze an, und ertheilte ihm mit seinem langen Schwerte beinahe unversehens zwei oder drei heftige Schläge, wodurch derselbe so verwundet wurde, daß er in das Dickicht zurücksank. De Walton stand im Begriff ihn zu tödten, als er durch den ängstlichen Schrei seiner Dame daran verhindert wurde „Ach, de Walton, was habt Ihr gethan? Dieser Mann war nur ein Gesandter und hätte frei von aller Beschädigung heimkehren müssen, so lange er sich auf die Ueberbringung der ihm übertragenen Botschaft beschränkte, wenn du ihn aber erschlagen hast, so kann mir furchtbare Rache folgen!" Die Stimme der Dame schien den Jäger aus der Betäubung zu erwecken, worin er durch die empfangenen Schläge versunken war. Er sprang auf mit den Worten: „Seid wegen meiner unbesorgt, und glaubt nicht, daß ich das Mittel sein werde, um Unheil anzustisten. Der Ritter hat mir in seiner Hast keine Warnung in einer Herausforderung gegeben und dadurch einen Voriheil erlangt, den er, wie ich glaube, sonst in solchem Fall verschmäht haben würde. Ich will den Kampf auf gleichere Bedingungen hin erneuern, oder einen andern Kämpfer herbeirufen, wenn es dem Ritter gefällig ist.« Mit diesen Worten verschwand er. „Fürchte dich nicht, Herrscherin der Gedanken de Wal- ton's" begann der Ritter auf's Neue, „sondern glaube, daß du über das Alles lachen kannst, wenn wir zusammen das Obdach von Douglas-Castle mit dem Schutz des heiligen Kreuzes von St. Georg erreichen. Wenn Ihr mir nur die maulwurfartige Verblendung verzeihen könnt, die ich mir niemals vergeben werde — eine Blindheit, womit ich nicht die Sonne bei ihrer augenblicklichen Verfinsterung erkannte, so kann mir keine Aufgabe als zu schwer für menschliche Kraft bezeichnet werden, daß ich eine solche nicht unternehmen sollte, um die Erinnerung an meinen argen Fehler zu vertilgen.« „Erwähnt dessen nicht weiter,« sagte die Dame; „in solchen Augenblicken wie diesen, wo unsere Leben sogleich gefährdet werden können, muß man nicht auf Zänkereien leichterer Art zurückkommen. Ich kann Euch sagen, wenn ihr es noch nicht wißt, daß die Schotten hier in der Nähe unter Waffen stehen, und daß sogar die Erde sich eröffnet hat, um dieselbe vor Eurer Besatzung zu verbergen.« „So mag sie sich öffnen,« sagte Sir John de Walton, „und jeden Teufel im höllischen Abgrund aus seinem Gefäng- niß entweichen lassen, um unsere Feinde zu verstärken — dennoch schönste Dame, in welcher ich eine Perle von unschätzbarem Werth erhalten habe, will ich mir die Sporen vom niedrigsten Kuchenjungen abhauen lassen, wenn ich den Kopf meines Pferdes vor der größten Streitmacht nach hinten wende, welche diese rohen Gesellen versammeln können, mag ich derselben auf der Erde oder unter ihr begegnen. In 271 deinem Namen trotze ich ihnen Allen zum augenblicklichen Kampfe." Als Sir John de Walton diese letzten Worte ziemlich laut ausgerufen, kam ein großer Ritter in schwarzer Rüstung aus dem Theile des Dickichts hervor, wo Turnbull verschwunden war. „Ich bin," sagte derselbe, „James Douglas, und Eure Aufforderung ist angenommen. Ich, der HerauSgcforderte, bestimme die Waffen in unserer ritterlichen jetzt von uns getragenen Wehr, und bestimme ebenso zum Ort des Kampfes dieß Feld oder diese Schlucht, genannt die blutige Quelle*), und zwar sogleich, wobei die Kämpfenden wie wahre Ritter auf die Vortheile beiderseitig verzichten." „So sei es in Gottes Namen," sagte der englische Ritter, welcher, obgleich durch ein so plötzliches Zusammentreffen mit einem so furchtbaren Krieger, wie der junge Douglas, überrascht, zu stolz war, um an die Zurückweisung des Kampfes zu denken. Nachdem er der Dame ein Zeichen gegeben hatte, daß sie sich hinter ihn begebe, damit er nicht den Vortheil verliere, den er durch ihre Befreiung von dem Jäger erlangt habe, zog er sein Schwert und näherte sich in einer überlegten und vorbereiteten Stellung des Angriffs langsam seinem Gegner. Das Zusammentreffen war furchtbar, denn der Muth und die Geschicklichkeit sowohl des Lord Douglas wie des de Walton waren damals höchst berühmt, und vielleicht konnte «) Der verhängnißvolle Name, blutiger Sumpf oder Quelle, bezeichnet eine kleine Schlucht, die etwa */- Meile nordwestlich von Douglas- Castle entfernt liegt. Nach Herrn Laddow stammt der Name, örtlichen Ueberlieferungen gemäß, von dem Ueberfall einer Abiheilung des Schlosses, welche Sir James Douglas hier überfiel und.erschlug. die ganze Ritterschaft keine zwei Ritter von ähnlich berühmten Namen aufstellen. Ihre Streiche fielen, als seien sie durch eine gewaltige Kriegsmaschine geschleudert, und wurden mit gleicher Kraft und Gewandtheit aufgefangen und parirt. Es zeigte sich innerhalb der Zeit von zehn Minuten durchaus keine Wahrscheinlichkeit, daß der Eine den Sieg über den Andern gewinnen würde. Einen Augenblick hielten beide nach gegenseitiger, stillschweigend gegebener Einwilligung ein, wie es schien um Athen» zu schöpfen, während welcher Pause Douglaö sagte: »Ich bitte, daß diese edle Dame begreife, ihre Freiheit sei durchaus nicht bei dem jetzigen Kampfe betheiligt, welcher allein die Ungerechtigkeit betrifft, welche dieser Sir John de Walton und seine englische Nation dem Andenken meines Vaters und meinem eigenen natürlichen Rechte erwies." „Ihr seid großmüthig, Herr Ritter," erwiderte die Dame, „in welche Umstände aber versetzt Ihr mich, wenn Ihr mich durch Tod oder Gefangenschaft meines Beschützers beraubt, und mich in fremdem Lande allein laßt?" „Ist das der Ausgang des Kampfes," erwiderte Sir James, „so wird Euch der Douglas selbst in Euer Geburtsland sicher zurückbringen, denn niemals veranlaßte sein Schwert eine Verletzung, ohne daß er auch nicht Willens gewesen wäre, die Ausgleichung mit derselben Waffe zu bieten; will Sir John de Walton das geringste Zugeständniß mir geben, daß er auf den gegenwärtigen Kampf verzichtet, wäre cs auch nur, daß er eine einzige Feder aus dem Busche seines Helmes preisgibt, so wird der Douglas seinerseits aus jeden Zank verzichten, welcher die Ehre der Dame oder ihre Sicherheit verletzen kann, und der Kampf wird verschoben werden, bis uns der Krieg beider Nationen wieder zusammen führt." 273 Sir John de Walton überlegte einen Augenblick, und die Dame, obgleich sie nicht redete, schaute auf ihn mit Blicken, welche klar genug ausdrückten, wie sehr sie wünsche, daß er die weniger gewagte Wahl treffe. Des Ritters eigene Bedenklichkeiten verhinderten jedoch, daß er den Fall ihrer so günstigen Entscheidung überließ. „Niemals soll es von Sir John de Walton gesagt werden," erwiderte er, „daß er in der geringsten Weise seine eigene Ehre und die seines Vaterlandes preisgab. Dieser Zweikampf mag sich mit meiner Niederlage oder vielmehr mit meinem Tode enden, und dann empfehle ich dem Douglas mit meinem letzten Athemzuge die Sorgfalt um die Ladp Augusta, und hege daö Vertrauen, daß er sie mit seinem Leben vertheidige, und sie in Sicherheit zu den Hallen ihrer Ahnen bringen werde. So lange ich aber lebe, wird sie nie eines andern Beschützers, wie dessen bedürfen, lwelcher durch ihre eigene Wahl dazu bestimmt ist, mag sich vielleicht auch ein Besserer vorfinden, auch werde ich nicht das geringste Zu- geständniß machen, und wäre es das einer Feder meines Helmes, wodurch ich anerkennen müßte, ich habe einen ungerechten Kampf, sowohl für die Sache Englands, wie für die Schönste seiner Töchter geführt. Nur so viel will ich dem Douglas zugestchen — einen augenblicklichen Waffenstillstand, vorausgesetzt, die Dame wird an ihrer Rückkehr nach England nicht verhindert und unser Kampf an einem andern Tage auSgcfochten- Das Schloß und das Gebiet von Douglas ist das Eigenthum Edwards von England, und der Gouverneur in dessen Namen der rechtmäßige Gouverneur. Für diese Behauptung werde ich kämpfen, so lange meine Augenlider noch nicht geschlossen sind." Das gefährl. Schloß u. and. Erzähl. 18 „Die Zeit entflieht," sagte Douglas, „ohne auf unsere Entschließungen zu warten; auch besitzt kein Theil ihres Verlaufes solchen Werth, wie derjenige, welcher jetzt mit jedem Athemzugc, den wir einhauchen, vergeht; warum sollen wir auf morgen vertagen, was heute geendet werden kann? Werden unsere Schwerter schärfer, oder unsere Arme, dieselben zu führen, stärker sein wie jetzt? Douglas wird Alles thun, was ein Ritter vermag, um Hülfe einer Dame in der Noth zu leisten; er wird jedoch ihrem Ritter nicht das geringste Zeichen von Achtung gewähren, welches Sir John de Walton durch Waffengewalt mir entreißen zu können wähnt." Mit diesen Worten begannen die Ritter wieder ihren tödt- lichen Kampf, und die Dame war unentschlossen, ob sie die Flucht auf den verwirrten Pfaden des Waldes versuchen, oder den Ausgang des hartnäckigen Kampfes erwarten solle. Mehr durch den Wunsch, das Schicksal des Sir John de Walton zu sehen, als durch irgend eine andere Rücksicht, ward sie, gleichsam bezaubert auf dem Platze zu bleiben, bewogen, wo einer der heftigsten Kämpfe zwischen zwei der tapfersten Ritter geliefert wurde, welche jemals ein Schwert zogen. Zuletzt versuchte die Dame den Kampf dadurch zu beendigen, daß sie sich auf das Glockengeläute berief, welches zum Gottesdienste des Tages, wie erwähnt, eines Palmsonntages cinlud. „Um des Himmels willen," sagte sie, „um Eurer selbst und der Frauenliebe willen, so wie wegen der Pflichten der Ritterschaft haltet Eure Hände nur. eine Stunde lang zurück und tragt Sorge, daß bei so gleicher Kraft Mittel gefunden werden, den Waffenstillstand in festen Frieden zu verwandeln; bedenket, dieß ist Palmsonntag; wollt ihr, ein den Christen so eigenthümliches Fest mit Blut beflecken? Unterbrecht eure Fehde wenigstens so lange, daß ihr zur nächsten Kirche Zweige tragend geht, und zwar nicht mit der prahlerischen Weise irdischer Sieger, sondern um euch vor den Regeln der gesegneten Kirche und den Einrichtungen unserer heiligen Religion zu demüthigen." „Zu dem Zweck war ich, schöne Dame, nach der heiligen Kirche von Douglas unterwegs," sagte der Engländer, „als ich so glücklich war, Euch an diesem Orte zu begegnen; auch habe ich nichts dagegen, jetzt wieder dorthin zu gehen, und einen Waffenstillstand auf eine Stunde abzuschließen. Auch zweifle ich nicht, dort Freunde vorzufinden, denen ich Euch mit Sicherheit anvcrtraucn kann, im Fall ich unglücklich bei dem jetzt abgebrochenen Kampfe sein sollte, welcher nach dem Gottesdienste wieder beginnen wird." „Auch ich gehe," sagte der Douglas, „einen Waffenstillstand von so kurzer Zeit ein, und zweifle nicht, daß gute Christen genug in der Kirche find, welche ihren Herrn nicht im Kampfe überwältigt sehen wollen. Laßt uns dorthin gehen, und möge Jeder das Schicksal auf sich nehmen, welches uns der Himmel senden wird." Aus diesen Worten mußte Sir John de Walton schließen, daß Douglas einer Anzahl Menschen dort versichert sei, welche sich als seine Anhänger versammeln würden; er hegte aber auch keinen Zweifel, so viele Leute seiner Besatzung dort zu finden, daß sie jeden Versuch zum Aufstand Niederhalten konnten; auch war nach seiner Meinung das Wagniß wohl des Versuches werth, weil er vielleicht sich dadurch eine Gelegenheit verschaffen konnte, die Lady August» de Berkeley in Sicherheit zu bringen, wenigstens in so weit, daß ihre Freiheit von dem Ausgang eines allgemeinen Kam- 276 pfes statt des ungewissen Verlaufes eines Zweikampfes zwischen ihm und Douglas abhängig gemacht würde. Beide ausgezeichnete Ritter hegten innerlich die Ansicht, daß der Vorschlag der Dame, ob er sie gleich von ihrem gegenwärtigen Kampfe befreite, sie durchaus nicht verbindlich machte, sich auch der Folgen zu enthalten, welche sich durch eine Vermehrung ihrer Streitkräfte zu ihrem Vortheil ergeben würden; ein Jeder verließ sich dabei auf seine Ueberlegen- heit, für die er durch vorhergehendes Verfahren bis zu einem gewissen Grade Vorkehrungen betroffen hatte. Sir John de Walton hielt es beinahe für gewiß, daß er mit mehreren Abtheilungcn von Soldaten zusammentreffen werde, welche das Land durchsuchten, und die Wälder in jeder Richtung durchforschten. Douglas, wie man sich denken kann, hatte sich nicht in ein Land, wo ein Preis auf seinen Kopf gesetzt war, ohne die Begleitung einer genügenden Anzahl zuver- läßiger Anhänger zu begeben gewagt, die mit einander in größerer oder geringerer Verbindung standen und so aufgestellt waren, daß sie sich gegenseitig unterstützen konnten. Jeder hegte deßhalb gegründete Hoffnung, daß er durch den vorgeschlagenen Waffenstillstand einen Vortheil über seinen Gegner erhalten werde, obgleich Niemand genau wußte, in welcher Weise und bis zu welcher Ausdehnung ein solcher Erfolg sich erringen lasse. Achtzehntes Kapitel. Der Rede Stoff war nicht von dieser Welt, Fremdartig, zweifelhaft, geheimnißvoll War die Verkündigung; die Andern horchten Auf ihn, als Hab' ein Fieber ihn befangen, So daß er nicht oorhanbne Dinge sehe Und mit Gestalten sonder Körper spreche. Altes Schauspiel. An dem Palmsonntage, an welchem de Walton und Douglas ihre gewaltigen Degen mit einander kreuzten, beschäftigte sich der Sänger Bertram mit dem alten Buche von Prophezeihungen, welches wir schon als das angebliche Werk Thomas des Reimers erwähnten; er empfand jedoch auch manche Besorgnisse um das Schicksal seiner Gebieterin und die Ereignisse, welche in seiner Umgebung vorgingen. Da der Sänger einen Zuhörer wünschte, um demselben die Entdeckungen mitzutheilen, die er in dem mystischen Buch machen würde, sowie auch, um sich niit ihm die Zeit zu vertreiben, so hatte ihm Sir John de Walton einen Gesellschafter in Gilbert Greenleaf, dem Armbrnstschützen, gegeben, welcher sehr gern einen Zuhörer vom Morgen bis zum Abend abgab, vorausgesetzt, eine Flasche Gascogner Wein oder eine Kanne guten englischen Biers befand sich fortwährend auf dem Tische. Man wird sich erinnern, daß de Walton, als er den Sänger aus dem Gefängniß entließ, das Bewußtsein hegte, er sei demselben einige Vergütung wegen des grundlosen Verdachtes schuldig, welcher seine Gefangeunchmung veranlaßt hatte. Besonders aber auch, weil er ein sehr geschätzter Diener der Lady Angusta de Berkeley war, sich als treuen Vertrauten derselben erwiesen hatte, und wahrscheinlich auch alle Beweggründe und Umstände ihrer schottischen Reise kannte. Es war daher der Klugheit angemessen, daß man sich seiner Geneigtheit versicherte, und de Walton hatte auch seinem treuen Schützen anbefohlcn, daß er jeden Verdacht gegen Bertram aufgeben, aber ihn zugleich im Auge und wo möglich in guter Stimmung gegen den Gouverneur des Schlosses und dessen Anhänger halten solle. Dem gemäß hegte Greenleaf keinen Zweifel, daß die einzige Weise, dem Sänger zu gefallen, in Geduld beim Zuhören seiner Lieder und in Lobpreisungen bestehe, wenn er Lieder singen oder Geschichten erzählen wolle; »m sich nun der Ausführung der Befehle seines Herrn zu versichern, hielt er es für nothwen- dig, von dem Kellermeister eine genügende Menge guten Getränkes zu verlangen, wodurch das Vergnügen seiner Gesellschaft nothwendig gesteigert werden mußte. Nachdem Gilbert Greenleaf sich so mit den Mitteln versehen hatte, um mit dem Sänger eine lange Unterredung aushalten zu können, machte er den Vorschlag, ein behagliches Frühstück im Beginn des Morgens einzunehmen, welches, wenn es Bertram gefällig wäre, sie alsdann Beide mit einem Becher Sekt hinunterspülen könnten; da er ferner von seinem Herrn den Befehl erhalten hatte, dem Sänger in der Gegend des Schlosses Alles zu zeigen, was derselbe zu sehen wünschen werde, trug er darauf an, ihre durch Wein etwas erhitzten Köpfe damit zu erfrischen, daß sie einen Theil der Besatzung von Douglas in dem Dienste dieses Tages begleiteten, welcher, wie wir schon bemerkt haben, ein besonders heiliger Festtag war. Gegen solchen Vorschlag konnte der Sänger, durch sein Gewerbe ein 279 guter Christ, und durch seine Verbindung mit den Jüngern der heitern Kunst, auch ein guter Gesellschafter, keine Einwürfe Vorbringen; somit begannen die beiden Gefährten, welche früher gegen einander nicht gut gesinnt gewesen waren, ihre Morgenmahlzeit an jenem verhängnißvvllen Palmsonntage mit jeder Art Herzlichkeit und guter Kameradschaft. „Glaubt nicht, würdiger Sänger," sagte der Armbrustschütze, „daß mein Herr in irgend einer Weise Eurem Werth und Eurem Range dadurch Abbruch thut, daß er Euch der Gesellschaft und dem Gespräche eines so armen Mannes, wie ich, überweist- Allerdings bin ich kein Offizier dieser Garnison, als alter Armbrnstschütze aber, der dreißig Jahre lang von der Armbrust und der Sehne gelebt hat, besitze ich nicht weniger Antheil an der Gnade des Sir John de Walton, des Grafen von Pembrocke, und anderer erprobter Soldaten, als manche jener schwindelhaften jungen Leute, welche höhere Stellen bekleiden, und denen Zutrauen nicht wegen ihrer eigenen Thaten, sondern wegen derjenigen ihrer Vorfahren geschenkt wird. Die heilige Jungfrau erhalte mich dankbar für solche Gnade! Unter jenen schwindelhaften jungen Leuten mache ich Euch anfmerksam auf denjenigen, welcher während der Abwesenheit de Waltvn's uns befehligt, und welcher den geehrten Namen Aymer de Valence, denselben, wie der von mir erwähnte Graf Pembrocke führt; dieser Ritter hat auch einen nasenweisen Pagen, welchen man Fabian Harbothel nennt." „Gegen diese Herren richtet sich also Euer Tadel?" fragte der Sänger. „Ich würde verschieden geurtheilt haben, denn ich habe niemals während des Laufes meiner Erfahrung eine» höflicheren und liebenswürdigeren jungen Mann gefunden, als den von Euch genannten jungen Ritter." 280 »Ich ziehe das nicht in Zweifel," sagte der Armbrustschütze, welcher sich beeilte, den falschen Schritt, welchen er gcthan hatte, wieder auszugleichen, „damit dieß jedoch der Fall ist, müßte er sich nach den Gewohnheiten seines Oheims richten, de» Rath von erfahrenen Soldaten in den möglicherweise sich darbietenden Gefahren erfragen, und nicht den Glauben hegen, daß die Kenntnisse, deren Erwerbung die Beobachtung vieler Jahre erheischt, ans einmal durch den Schlag eines schwachen Schwertes und die Zauberworte erlangt werden können: „„Steht auf, Sir Arthur"" oder wie sonst der Name sein mag." „Hegt keine» Zweifel, Herr Armbrnstschühe," erwiderte Bertram, „daß ich vollkommen den Vortheil begreife, welcher Lurch den Verkehr mit Leuten von Erfahrung, wie ihr, erlangt wird; derselbe eignet sich für Leute jeden Standes, und ich selbst muß oft meinen Mangel an genügender Kenntniß der Schild- und Helmzeichen, so wie der Sinnbilder entbehren, und möchte sehr gern deinen Beistand erhalten, wenn ich die Namen der Orte, Personen und Beschreibungen von Bannern und Sinnbildern nicht kenne, wodurch mächtige Familien sich auszeichnen — eine Kenntniß, welche für die Erfüllung meiner gegenwärtigen Aufgabe unumgänglich noth- wendig ist." „Kleine und große Fahnen," erwiderte der Armbrust- schühe, „habe ich sehr viele gesehen, und kann, wie es bei einem Soldaten sein muß, den Namen des Befehlshabers nach dem Feldzeichen nennen, unter welchem er sein Gefolge mustert; troydcm, würdiger Sänger, darf ich mir nicht herausnehmen zu behaupten, dasjenige zu verstehen, was Ihr Propbezeihnngcn nach den verbürgten Angaben alter bemalter Bücher, Erklärungen von Träumen, Orakel, Offenbar»»- gen, Anrufungen verdammter Geister, Gottesurthcile, Steru- deutereien und andere grobe und handgreifliche Vergehen nennt, wodurch Menschen, welche die Hülfe des Teufels zu erhalten vorgeben, das gemeine Volk ungeachtet der Warnungen des geheimen Rathes betrügen. Ich will jedoch damit nicht sagen, daß ich gegen Euch, würdiger Sänger, einen Verdacht hege; Ihr habet Euch in die Versuche, die Zukunft zu erklären, eingelassen, welche jedenfalls gefährlich, und man kann auch sagen, verbrecherisch und zum Theil sogar verräthe- risch sind." „Es liegt etwas Wahres in demjenigen, was Ihr sagt," erwiderte der Sänger; „das hat aber auf solche Bücher und Manuskripte keine Anwendung, die ich jetzt um Rath gefragt habe. Ein Theil der darin geschriebenen Dinge ist schon ein- getrofscn, und verbürgt uns die Erfüllung der übrigen; auch würde ich nicht mit großer Schwierigkeit nach diesem Buche Euch darlegen können, daß sehr Vieles sich schon als wahr erwiesen hat, und daß wir deßhalb mit Gewißheit die Erfüllung des noch klebrigen erwarten können." „Ich möchte das gerne hören," erwiderte der Soldat, welcher nicht mehr Glauben an Prophezeihungen und Vorbedeutungen hatte, als es bei Soldaten gewöhnlich ist, jedoch dem Sänger bei solchen Gegenständen nicht bestimmt zu widersprechen wagte, da er von Sir John de Walton den Auftrag erhalten hatte, sich nach dessen Launen zu richten- Der Sänger begann somit die Vorlesung von Versen, aus denen der geschickteste Erklärer unsrer Zeiten schwerlich irgend einen Sinn wird herausbringen können: Krähet der Hahn, so hott ihm rein den Kamm, Denn Fuchs und Marder sind ihm beide Feind. Hat der Nab' und die Krähe die Runde gemacht, 282 Und das Reh auf den Klippen ihm zugestimmt, So werden sie böse und der Kampf bricht aus. Dann sträuben die Naben ihr Gefieder, Und die treuen Männer von Lothian sprengen auf's Pferd; Dann wird das arme Volk zertreten schier Und die Klöster brennen am Ufer des Tweed; Gesengt wird und gebrennt und mancher Raub vollbracht; Kein armer Mann weiß mehr, wem er gehorchen soll; Gesetzlos wird das Land; die Lieb' ist nicht vorhanden. Die Falschheit herrscht fünf volle Jahre dann; Die Wahrheit schwindet; Niemand traut dem Andern. Kein Vetter wird dem andern Glauben schenken: Der Vater haßt den Sohn, der Sohn den Vater, Und mögt ihn hängen lassen, um sein Gut MS eigen sich zu rauben. . U. s. w. Der Armbrustschlitze hörte auf diese geheimnißvolleu Vorhersagungen, die nicht weniger langweilig als in beträchtlichem Grade unverständlich waren; er bezwang zugleich seine heißsporn-artige Neigung, sich an der Vorlesung zu langweilen, tröstete sich in kurzen Zwischenräumen durch eine Beschäftigung mit der Weinflasche, und suchte dadurch auszuhalten, was er weder verstand, noch sich kümmern ließ. Mittlerweile setzte der Sänger seine Erklärung der zweifelhaften und unvollkommenen Weissagung fort, von welcher wir hier eine genügende Probe mitgetheilt haben. „Könnt Ihr," fragte er den Armbrustschiitzen, „eine genauere Beschreibung des Elends erhalten, welches in diesen letzten Zelten über Schottland hinweg gegangen ist? Ist nicht der Rabe und die Krähe, der Fuchs und der Marder genug erklärt, und zwar sowohl, weil die Natur der Vögel und vierfüßigen Thiere eine Ähnlichkeit mit den Rittern darbictet, welche dieselben auf ihren Bannern haben, als auch, weil dieselben sonst durch die Zeichen der Schilde dar- 283 gestellt werden und so zur Verheerung und Zerstörung in das offene Feld einbrechen? Ist nicht die gänzliche Veruneinigung des Landes durch diese Worte deutlich angezeigt, daß die Bande des Blutes auseinander gerissen werden, Verwandte nicht mehr einander trauen, und Vater und Sohn statt sich auf ihre natürliche Verbindung zu verlassen, ihr Leben sich zu entreißen suchen, um ihr Erbe zu erhalten? Die treuen Männer von Lothian sind ausdrücklich erwähnt, daß sie die Waffen ergreifen, und ebenfalls finden sich deutliche Anspielungen auf die andern Ereignisse dieser schottischen Unruhen. Dir Tod des vor Kurzem gestorbenen William ist dunkel unter dem Bilde eines Hundes angegeben, welches jener gute Lord als Helmzeichen trug. Der stets verfolgte Hund erhält den Maulkorb dann; Wer ihn auch haßte, weint ob seines Unterganges. Doch aus derselben Nasse kömmt ein junger Löwe drauf; ^ Er brüllet laut und herrscht im ganzen Nord. Dem Stall jedoch wird er auf ein'ge Zeit entzogen. Der Seher Thomas hat mir dies bei Krieg und Raub verkündet; An einem Aernterag bei London-Hill, Wo dann ein großer Kampf geliefert wird." „Dieß hat einen Sinn, Herr Armbrustschühe," fuhr der Sänger fort, „welcher ebenso gerade auf sein Ziel, als einer Eurer Pfeile fliegt, obgleich man vielleicht dnrch Mangel an Weisheit nicht die richtige Erklärung findet. Da ich jedoch mit Euch auf gutem Fuß stehe, so trage ich kein Bedenken, Euch zu sagen, daß der junge Löwe, der seine Zeit abwartet, nach meiner Meinung derselbe schottische Prinz Robert Bruce ist, welcher, obgleich wiederholt geschlagen, von Bluthunden gejagt und von Feinden überall umringt, dennoch seine Ansprüche auf die Krone Schottlands, dem jetzt regierenden Könige Edward zum Trotz, bewahrt hat." 284 „Sänger," erwiderte der Soldat, „Ihr seid mein Gast, und wir haben uns als Freunde in guter Kameradschaft an dies einfache Mahl gesetzt; ich muß dir jedoch sagen, ob ich gleich nicht gern unsere Uebereinstimmnng störe, daß du der Erste bist, welcher in Gegenwart von Gilbert Greenleaf ein Wort zu Gunsten des geächteten Verräthers Robert Bruce zu sagen wagte, der den Frieden dieses Reiches durch seine Aufstände so lange Zeit gestört hat- Nimm meinen Rath an, und schweig' über den Gegenstand, denn, glaube mir, das Schwert und der Bogen eines englischen Armbrustschützen wird ohne Einwilligung seines Herrn aus der Scheide springen, sobald er Etwas zur Unehre des guten St. Georg und seines rothen Kreuzes sagen hört; auch soll nicht das Ansehen von Thomas dem Reimer oder einem andern Propheten in Schottland, England oder Wales als eine Entschuldigung für solche ungeziemende Prophezeihung betrachtet werden." „Es wäre mir unlieb, zu irgend einer Zeit Anstoß zu geben," sagte der Sänger, „noch mehr aber Euch znm Aer- ger zu reizen, während ich Eure Gastfreundschaft genieße. Ich hoffe jedoch, Ihr werdet bedenke», daß ich nicht Euer ungeladener Gast bin, und daß ich, wenn ich mit Euch über zukünftige Ereignisse spreche, dabei durchaus mich nicht bemühen will, dieselbe» auszufnhren, denn Gott weiß es, schon seit vielen Jahren ging mein aufrichtiges Gebet immer auf Frieden und Glück für alle Menschen, und vorzüglich auf Ehre und Heil für das Land der Armbrustschützen, worin ich geboren ward, und welches ich vor allen andern Reichen der Welt in meine Gebete einzuschließen verpflichtet bin." „Ihr thut wohl daran," sagte der Bogenschütze, „denn so werdet Ihr Eure Pflicht gegen das schöne Land Eurer Geburt am besten beobachten, das reichste Land von allen, welche die Sonne beschcint. Ich möchte jedoch Etwas wissen, wenn es Euch beliebt, es mir zu sagen, und das ist, ob Ihr in diesem plumpen Gedichte Etwas vvrfindet, das auf die Sicherheit dieses Schlosses Douglas, wo wir uns jetzt befinden, in irgend einer Weise Bezug hat? Denn versteht mich richtig, Herr Sänger, ich habe beobachtet, daß diese verwitterten Pergamente, zu welcher Zeit und von wem sie auch verfaßt sein mögen, in sofern mit der Wahrheit zusammen- trcffen, daß solche Vorhersagungen, sobald sie sich im Lande verbreiten, Gerüchte von Complotten, Verschwörungen und blutige Kriege veranlaßten, und dadurch gerade das Unglück veranlassen können, welches sic angeblich blos Vorhersagen." „Es wäre nicht sehr vorsichtig von mir," sagte der Sänger, „würde ich für meinen Stoff eine Prophezeibung wählen, welche auf irgend einen Angriff gegen diese Garnison Bezug hat; in solchem Fall würde ich nach Euren Vorstellungen mich dem Verdachte aussetzen, daß ich gerade dasjenige zu befördern mich bemühe, was Niemand so sehr als ich selbst bedauern könnte-" „Nehmt mein Wort darauf, guter Freund," sagte der Bogenschütze, „daß dieß bei dir nicht der Fall sein würde; ich will weder selbst von dir Uebles denken, noch Sir John de Walton berichten, daß du etwas Böses gegen ihn oder seine Besatzung im Sinne hast; um die Wahrheit zu sagen, würde auch Sir John de Walton demjenigen, welcher ihm solches hinterbrächte, keinen Glaube» schenken- Er hegt eine hohe und sicherlich wohl verdiente Meinung von deiner Treue gegen deine Dame, und würde es für ungerecht halten, die Treue eines Mannes zu beargwöhnen, welcher Zeugniß seiner Willfährigkeit gegeben hat, daß er lieber den Tod crtra- 286 gen, als das geringste Geheimniß seiner Gebieterin verrathen will." „In der Bewahrung ihres Geheimnisses," sagte Bertram, „vollbrachte ich nur die Pflicht eines getreuen Dieners, indem ich es ihrem Urtheile überließ, wie lange ein solches Geheimniß aufzubewahren sei; ein treuer Diener darf nämlich an den Ausgang des ihm ertheilten Auftrages eben so wenig denken, als sich das seidene Band um das Geheimniß des Briefes bekümmert, welchen dasselbe umwindet. Und was Eure Fragen betrifft, so habe ich nichts dagegen, wenn auch nur, um Eure Neugier zu befriedigen, daß ich Euch mittheile, wie diese alten Prophezeihungen einige Angaben über Kriege in Douglasdale zwischen einem wilden Falken oder Habicht, was ich für das Feldzeichen des Sir John de Walton halte, und den drei Sternen oder goldenen Knäufen enthalten, worin das Feldzeichen der Douglas besteht, besonders aber könnte ich dir von diesen Gefechten mittheilen, wüßte ich, wo sich irgend hier in den Wäldern ein Platz, „blutige Quelle" genannt, vorfindet; soweit ich es verstehe, der Schauplatz von Gemetzel und Tod zwischen den Anhängern der drei Sterne und denjenigen, welche die Partei der Sachsen oder des Königs von England vertreten." „Einen solchen Ort," erwiderte Gilbert Greenlcaf, „habe ich oft unter diesem Namen von den Eingebornen dieser Gegenden nennen hören; es ist jedoch vergeblich, daß wir den genauen Ort zu entdecken suchen, denn diese listigen Schotten verhehlen uns mit großer Sorgfalt Alles, was auf die Geographie ihres Landes Bezug hat, wie das Ding von den gelehrten Männern benannt wird; wir können jedoch hier die blutige Quelle den bodenlosen Sumpf und andere Plätze als Orte mit verhängnißvollen Namen erwähnen, womit ihre 287 Überlieferungen irgend eine Bedeutung von Krieg und Blutvergießen verknüpfen. Ist es Euren Wünschen gemäß, so können wir jedoch auf dem Wege zur Kirche diesen Ort „blutige Quelle" genannt, aufsuchen, und können denselben ohne Zweifel auffinden, lange bevor die Verräther, welche einen Angriff auf uns im Sinne haben, genügende Streitkräfte für den Versuch zusammenbringen können." Somit verließen der Sänger und der Armbrustschühe, der Letztere gehörig mit Wein erfrischt, das Schloß Douglas, ohne auf Andere der Besatzung zu warten, mit dem Entschlüsse, die Schlucht mit dem Unglück verkündenden Namen, blutige Quelle, aufznsuchen. Der Armbrustschütze wußte nur darüber, daß er durch bloßen Zufall von einem Orte des Namens auf der durch Sir John de Walton an- gestellten Jagd gehört hatte, und daß der Platz irgendwo in den Wäldern nahe bei der Stadt Donglas und beim Schlosse liege. Neunzehntes Kapitel. He!ß> Sporn: Mir bleibt hier keine Wahl; er ärgert mich Mit dem Geschwätz vom Manlwurf und von Hummeln, Vom Träumer Merlin, dessen Seherkunden, Vom Drachen und vom schuppenlosen Fisch, Vom Vogel Greif, dem man die Flügel stutzte, Vom Naben, welcher mausert, von dem Löwen, Der niederduckt, und von dem Katzensprünge, Kurzum, mit albernem Gewäsch in Menge, So daß ich gänzlich die Geduld verliere, König Heinrich IV. Das Gespräch zwischen dem Sänger und dem alten Armbrustschützen nahm natürlich eine ähnliche Richtung, wie dasjenige von Heist-Sporn und Glendower, woran Gilbert Grecnleaf allmälig einen größeren Aniheil nahm, als es seiner Erziehung und seiner Denkungsweise gemäß zu sein schien. Als er aber sich anstrcngte, sich der Feldzeichen militärischer Häuptlinge, ihrer Kriegsruse, Sinnbilder und anderer Abzeichen zu erinnern, wodurch dieselben im Kriege sich auszeichneten, und in prophetischen Reimen angedeutet werden konnten, begann er das Vergnügen zu empfinden, welches die meisten Leute fühlen, wenn sie an sich unerwarteterweise den Besitz einer Fähigkeit entdecken, deren Anwendung der Augenblick erheischt, so daß fle durch den Besitz Bedeutung erlangen. Des Sängers gesunder Menschenverstand erstaunte sicherlich über die von seinem Gefährten gezeigten Widersprüche, als derselbe von seiner Liebhaberei Hinreißen ließ, einerseits seine neu entdeckte Eigenschaft zur Schau zu tragen, und andererseits sich an die Vorurtbeile zu erinnern, die er während seines ganzen Lebens gegen Sänger als gegen Leute gehegt hatte, welche mit ihrem ganzen Gefolge von Sagen und Fabeln falsch wären, und im Allgemeinen aus dem nördlichen Lande stammten. Als sie von einer Lichtung des Waldes zu einer andern kamen, begann der Sänger über die Menge der ihnen begegnenden schottischen Andächtigen zu erstaunen, welche nach der Kirche zu eilen schienen, um der Cercmonie des Tages beizuwohnen, wie aus den von ihnen getragenen Zweigen erhellte. Einem Jeden derselben legte der Armbrustschütze eine Frage über das Dasein eines Platzes, genannt die blutige Quelle, und wo derselbe liege, vor; Alle schienen jedoch entweder den Ort nicht zu kennen, oder der Antwort auSzu- weichen, wozu sie einen Vorwand in der Frageweise des munteren Bogenschützen fanden, die einen zu großen Beigeschmack von dem herzerfreuendcn Frühstück hatte. Die allgemeine Antwort ging immer dahin, sie kennten keinen solchen Ort, oder hätten an andere Sachen am ersten Morgen der heiligen Osterwoche, als an die Antworten auf so eitle Fragen zu denken. Als zuletzt die Antwort der Schotten ein- oder zweimal beinahe einen finsteren Ausdruck annahm, wurde die Sache dem Sänger auffallend; er bemerkte, es sei immer Unheil im Werke, wenn das Volk dieses Landes keine höfliche Antwort vornehmeren Leuten ertheilc, womit cs doch sonst so bereit zu sein pflege; es scheine, als ob dasselbe eine viel zu zahlreiche Versammlung für den Gottesdienst am Palmsonntag abhalten wolle. „Ohne Zweifel, Herr Armbrustschütze," fuhr der Sänger fort, „werdet Ihr demgemäß Eurem Ritter Bericht abstatten, und ich verspreche Euch, im Falle Ihr es nicht thun wollt, Das gefährl. Schloß u- and. Erzähl- 19 290 daß ich es selbst für meine Pflicht halten werde, weil auch die Freiheit meiner Gebieterin dabei betheiligt ist, die Umstände Sir John de Walton mitzutheilen, welche bei mir Verdacht erwecken, über diesen außerordentlichen Zusammenfluß der Schotten und über das finstere Wesen, welches ihre sonstige Höflichkeit ersetzt hat." „Still, Herr Sänger," erwiderte der Bogenschütze, ärgerlich über Bertrams Einmischung in Kriegsangelegenheiten, „glaubt mir, daß schon manche Armee von den Berichten abhängig wurde, die ich den Feldherren abstattete; dieselben waren stets den Pflichten des Krieges gemäß klar und deutlich. Euer Spaziergang, würdiger Freund, betrifft ganz andere Stoffe, und zwar Angelegenheiten des Friedens, alte Gesänge und Prophezeiungen, sowie dergleichen andere Angelegenheiten, und ich bin weit davon entfernt, einen Wettstreit darin mit Euch eingehen zu wollen; glaubt mir aber, wir thun am besten, daß wir nicht versuchen, uns in unsere gegenseitigen Angelegenheiten einzumischen." „Ich bin weit von diesem Wunsche entfernt," erwiderte der Sänger; „ich möchte jedoch wünschen, zum Schlosse schnell zurückzukehren, um Sir John de Walton's Meinung über dasjenige, was wir gesehen haben, zu erfahren." „Dagegen," erwiderte Greenleaf, „läßt sich durchaus nichts einwenden, wenn Ihr aber den Gouverneur zu dieser Stunde aufsuchcn wollt, so könnt Ihr ihn am sichersten in der Kirche von Douglas finden, wohin er sich bei solchen Gelegenheiten, wie der gegenwärtigen, höchst regelmäßig mit seinen hauptsächlichsten Offizieren begibt, um durch seine Gegenwart zu verhüten, daß ein Tumult zwischen Engländern und Schotten bei solchen Gelegenheiten ausbricht, was sonst sehr leicht geschehen könnte. Befolgen wir deßhalb unsere ursprüngliche 291 Absicht, am Gottesdienste des Tages Theil zu nehmen, so kommen wir ans diesen verwickelten Wäldern heraus, und können den kürzesten Weg nach dem Schloß Douglas ein- schlagen." „Gehen wir also so schnell als möglich," sagte der Sänger, „und zwar mit um so größerer Eile, da es mir scheint, daß Etwas gerade an diesem Orte vorgefallen ist, welches beweist, daß der christliche Friede, welchen man dem heutigen Tage schuldig ist, nicht unverletzlich beobachtet wurde. Was bedeuten diese Blutstropfen (er meinte diejenigen, welche aus den Wunden von Turnbull geflossen waren)? Weßhalb hat die Erde die Eindrücke dieser tiefen Fußstapfen erhalten, welche von bewaffneten Rittern hcrstammen müssen, die ohne Zweifel nach den Zufällen eines heftigen und trotzigen Kampfes vordrangen und sich zurückzogen ?" „Bei unserer Frau!" erwiderte Greenleaf, „ich muß eingestehen, daß du einen klaren Blick hast; von welcher Art waren meine Augen, als sie dir gestatteten, der erste Entdecker der Zeichen eines Zweikampfes zu werden ? Hier find die Federn eines blauen Federbusches, hinsichtlich dessen ich mich hätte erinnern müssen, daß mein Ritter sie annahm, oder wenigstens mir gestattete, sie heute Morgen auf seinem Helme als Zeichen seiner wiederkehrenden Hoffnungen wegen der lebhaften Farben anzubringen. Hier liegt der Federbusch, von seinem Kopse -eruntergehauen, und wie man schließen muß, durch keine freundschaftliche Hand. Kommt, Freund, zur Kirche; du sollst an^mir ein Beispiel über die Weise erhalten, wie de Walton, wenn er sich in Gefahr befindet, unterstützt werden muß" Er ging durch die Stadt Douglas, nachdem er am südlichen Thor eingetreten war, auf demselben Wege voran, 19 " 292 aus welchem Sir Aymer den gespensterhaften Ritter angegriffen hatte. Wir können jetzt bestimmter sagen, daß die Kirche von Douglas ursprünglich ein stattlicher gothischer Bau gewesen war, dessen Thürme, sich hoch über die Mauern der Stadt erhebend, die Größe ihres ursprünglichen Baues bezeichneten. Sie lag jetzt zum Theil in Trümmern, und der kleine Theil offenen Raumes, welcher noch für den Gottesdienst zurückbehalten war, war in dem Familicn-Chorgang, wo die verstorbenen Lords von weltlicher Arbeit und den Kämpfen des Krieges ausruhten- Auf dem freien Raume vor dem Gebäude konnte man einen beträchtlichen Theil vom Laufe des Flusses Douglas erblicken, welcher sich von Südwesten aus der Stadt näherte und durch eine Reihe von Hügeln mit phantastischer Verschiedenheit der Umrisse begrenzt wurde, die an manchen Punkten mit Waldwuchs bedeckt waren. Letzterer stieg in das Thal hinab und bildete einen Theil des düstern und verwickelten Forstes, welcher die Stadt umringte. Der Fluß selbst, welcher sich um den westlichen Theil der Stadt zog, und von dort nordwärts wandte, versah mit Wasser den schon von uns erwähnten großen Graben der Veste. Mehrere aus dem schottischen Volke trugen Weiden oder Eibenzweige als Darstellung der Palmen, welche das Sinnbild des Tages waren, und schienen nach dem Kirchhofe zu wandern, als erwarteten sie dort die Annäherung einer besonders heiligen Person, oder eine Prozession von Mönchen und Nonnen, welche herbeikommen würde, um eine der Feierlichkeit schuldige Huldigung zu leisten. Beinahe im Augenblick, wo Bertram und sein Gefährte den Kirchhof betraten, erblickte die Lady Berkeley, welche Sir John de Walton zur Kirche folgte, nachdem sie den Kampf mit dem jungen Ritter von Douglas mit 293 angesehen hatte, ihren getreuen Sänger, und beschloß auch sogleich, die Gesellschaft dieses alten Dieners ihres Hauses und ihres Vertrauten zu erreichen, um ihre spätere Vereinigung mit Sir John de Walton unter einer für ihre Sicherheit genügenden Abteilung dem Zufall anheimzugeben; sie hegte nämlich keinen Zweifel, daß ihr Ritter sich alle Mühe geben werde, um eine genügende Zahl seiner Leute zu ihrer Bedeckung zusammenzubringen. Somit eilte sie von dem Wege, aus dem sie weiter gingen, hinweg und erreichte den Platz, wo Bertram mit seinem neuen Bekannten Greenleaf einige Erkundigung bei englischen Soldaten der Besatzung einzog, die der Dienst des Tages hieher gebracht hatte. Lady Augusta de Berkeley hatte mittlerweile eine Gelegenheit, ihrem treuen Diener und Vertrauten im Geheimen zu sagen, „thut, als ob Ihr mich nicht kenntet, Freund Bertram, sondern tragt nur Sorge, daß wir wo möglich nicht wieder von einander getrennt werden." Als sie dem Sänger den Wink gegeben hatte, bemerkte sie, daß derselbe ihn beachtete, sogleich sich umsah und sie anblickte, als sie langsam, in ihren Pilgermantel gehüllt, sich an einen Theil des Kirchhofs entfernte und zu warten schien, bis er, von Greenleaf losgemacht, eine Gelegenheit finden könne, sich ihr anzuschließen. Nichts konnte wirklich den treuen Sänger mehr erfreuen, als diese sonderbare Art der Mittheilung, wodurch er in Kenntniß gesetzt wurde, daß seine Herrin frei war, ihr Verfahren selbst bestimmen konnte, und, wie er hoffte, die Neigung hegte, sich durch augenblicklichen Rückzug nach ihrem Vaierlande und ihrem Gute aus den Gefahren zu retten, womit sie in Schottland umringt wurde. Er hätte sich ihr gern genähert und angeschloffen, sie benutzte aber eine Ge- legcnheit, um ihn durch ein Zeichen zur Vorsicht in dieser Hinsicht aufzufordern, während er zugleich einige Besorgnisse hegte, daß sein neuer Freund Greenleaf sie bemerken könnte und es vielleicht für passend halten würde, sich bei der Angelegenheit zu betheiligen, damit er einige Gunst bei dem Ritter, welcher die Garnison kommandirte, dadurch erlange. Der alte Armbrustschütze setzte mittlerweile sein Gespräch mit Bertram fort, während der Sänger wie viele andere Männer in ähnlicher Lage den herzlichen Wunsch hegte, daß sein wohlmeinender Gefährte 100 Klafter unter dem Boden sein möge, im Fall sein Verschwinden ihm Gelegenheit ertheilen würde, sich seiner Gebieterin anzuschließen. Das Einzige, was er thun konnte, bestand nur darin, daß er sich ihr so sehr näherte, als es ohne Verdacht möglich war. „Ich möchte Euch bitten, würdiger Sänger," sagte Greenleaf, indem er sich sorgfältig umsah, „daß wir zusammen den Plan ausführen, den wir, bevor wir hierher kamen, besprochen; ist es nicht Eure Meinung, daß die Schotten den heutigen Morgen für eine jener gefährlichen Unternehmungen bestimmt haben, die sie schon zu wiederholten Malen ausführten, und wogegen die von unserem guten König Edward, unserem rechtmäßigen Fürsten, eingesetzten Gouverneure dieses Distriktes Douglas so sehr auf ihrer Hut sind?" „Ich sehe nicht," erwiderte der Sänger, „auf welchen Gründen Eure Beforgniß beruht, oder was Ihr hier auf dem Kirchhofe für Dinge seht, die von denjenigen verschieden wären, wovon Ihr sprächet, als wir näher kamen, und wofür Ihr mich etwas mißachtetet, als ich einigen Verdacht derselben Art gegen Euch äußerte." „Seht Ihr hier nicht," sagte der alte Armbrustschütze, „so viele Leute mit sonderbaren Gesichtern und in verschiedenen 295 Verkleidungen, welche sich um diese alten, sonst einsamen Trümmer herumdrängen? Dort z. B. sitzt ein Knabe, welcher der Beobachtung auszuweichen scheint, und dessen Kleid, ich schwöre darauf, in Schottland niemals verfertigt wurde." „Wenn er ein englischer Pilger ist," crwiederte der Sänger, als er bemerkte, daß der Armbrustschütze auf Lady Berkeley hinwies, „so gibt er sicher wenig Grund zum Verdachte." „Ich weiß das nicht," sagte der alte Grecnleaf, «glaube aber doch, daß es meine Pflicht ist, Sir John de Walton, wenn ich denselben erreichen kann, davon in Kenntniß zu setzen, daß es hier viele Personen gibt, welche ihrem äußeren Aussehen nach weder zur Garnison, noch zu diesem Theile des Landes gehören." „Bedenkt," sagte Bertram, „bevor Ihr einen armen jungen Mann in Anklagen dieser Art ängstigt, und ihn den Folgen aussetzt, welche mit einem Verdacht dieser Art nothwen- dig verbunden sein müssen, wie viele Umstände um diese Zeit besonders die Menschen zur Andacht veranlassen. Nicht allein ist dies die Zeit des triumphirenden Einzuges unseres Erlösers in Jerusalem, sondern der Tag heißt auch vominies conütentium, oder der Sonntag der Beichtenden, und die Palmbaumzweige oder diejenigen des Bur- und Eibischbaumes, welche bei uns als Ersatz gebraucht und von den Priestern vertheilt werden, werden heute feierlich zu Asche verbrannt, und diese Asche wird unter den Frommen von den Priestern am Aschermittwoch des nächsten Jahres vertheilt; solche Gebräuche und Ceremonien werden ja auf Befehl der christlichen Kirche in unserem Vaterlande beobachtet. Ihr dürft und könnt nicht, edler Armbrustschütze, diejenigen Leute, welche ihre Gegenwart durch ihren Wunsch, die Pflichten des Tages zu vollbringen, rechtfertigen können, ohne Verbrechen als Solche verfolgen, welche Plane gegen Eure Garnison im Sinn haben. Seht Ihr aber nicht dort eine zahlreiche Prozession mit Banner und Kreuz näher kommen, die, wie es scheint, aus einem Geistlichen von Rang und seinen Leuten besteht? Erkundigen wir uns zuerst, wer er ist, und wir werden wahrscheinlicherweise in seinem Namen und Rang eine Bürgschaft für das friedliche und ruhige Betragen derer finden, welche die Frömmigkeit heute in Douglas versammelt hat.« Greenleaf zog somit die von seinem Gefährten empfohlene Erkundigung ein, und erfuhr, daß der heilige Mann an der Spitze der Prozession Niemand anders, als der Diözesan- bischof von Glasgow sei, welcher gekommen war, um die Feierlichkeit des Gottesdienstes zu erhöhen, womit der Tag gefeiert werden sollte. Der Prälat betrat somit die Mauern des Kirchhofs, indem seine Kreuzträgcr vorangingen und eine Masse von Menschen mit Zweigen des Eibischbaumes und anderer immergrünen Bäume folgte, welche man bei der Festlichkeit statt der Palmen brauchte. Ueber dieselben verbreitete der heilige Vater seine Segnungen, vom Kreuzeszeichen begleitet, welche von den ihn umdrängenden Gläubigen mit andächtigem Ausruf angenommen wurden. „An dich, ehrwürdiger Vater, wenden wir uns, um Ablaß für unsere Vergehen zu erhalten, welche wir dir dcmüthig beichten wollen, um Verzeihung vom Himmel zu erlangen.« Auf diese Weise traf die Gemeinde und der würdige Geistliche mit dem Austausch frommer Begrüßungen zusammen, als werde scheinbar an nichts weiter gedacht, wie an 297 die Religionsgebräuche des Tages. Die Ausrufungen der Versammlung mischten sich mit der tiefen Stimme des Geistlichen, welcher die heiligen Religionsgebräuche verübte; das Ganze bildete einen Auftritt, welcher, mit katholischer Geschicklichkeit und Ccrcmonien durchgeführt, sowohl den Eindruck der Ehrfurcht wie der Rührung hcrvorrief. Der Armbrustschütze, als er den Eifer bemerkte, womit die Leute auf dem Kirchhofe, sowie auch eine Anzahl solcher, die 'aus der Kirche kamen, den Bischof des Sprengels zu begrüßen sich beeilten, schämte sich einigermaßen über den Verdacht, den er gegen die Aufrichtigkeit der Absicht des guten Mannes hie- -cr zu kommen gehegt hatte. Bertram benutzte den Anfall von Andacht, der vielleicht bei dem alten Greenleaf nicht sehr gewöhnlich war, als derselbe sich in diesem Augenblicke vorwärts drängte, um an den geistlichen Segnungen, welche der Prälat austheilte, seinen Antheil zu haben; der Sänger machte sich somit frei von seinem englischen Freunde, eilte zur Lady Augusts und tauschte mit derselben durch einen Händedruck einen gegenseitigen Glückwunsch für das beiderseitige Wiederfindcn aus. Auf ein Zeichen vom Sänger entfernten sich Beide in das Innere der Kirche, so daß sie unter dem Gedränge unbemerkt bleiben konnten, wobei sie durch die tiefen Schatten in einigen Theilen des Gebäudes begünstigt wurden. Das Innere der Kirche, in Trümmern zwar, aber noch immer mit den Waffentrophäen der letzten Lords von Douglas behängen, bot eher den Anblick einer verbrecherisch entweihten Ruine, als eines heiligen Platzes; einige Sorgfalt war jedoch getroffen worden, um sie für den Gottesdienst des Tages herzurichten. Am unteren Ende hing das große Schild des William von Douglas, welcher vor 298 Kurzem als Gefangener in England gestorben war; um dies größere Schild waren die kleineren der sechszehn Ahnen angebracht ; ein tiefer schwarzer Schatten wurde von der ganzen Masse mit Ausnahme der Stellen verbreitet, wo die Kronen schimmerten und einzelne Theile der Waffen in besonders heiterer Ausschmückung glänzten. Ich brauche nicht zu sage», daß das Innere der Kirche in anderer Hinsicht sehr zerstört war, denn es war derselbe Ort, worin Sir Aymer de Valence eine Unterredung mit dem Küster gehabt hatte. Dieser Ritter hatte jetzt in einem besonderen Winkel einige der ausgeschickten Streitgcnossen aufgestellt, die er gesammelt und in die Kirche geführt hatte; er hielt sich bereit, und schien dort auf einen Angriff ebenso um Mittag, wie früher um Mitternacht gerüstet. Es war dies um so mehr nothwendig, da die Blicke von Sir John de Walton von einem Orte zum andern umherzuschweifen schienen, als könne er den Gegenstand, den er suche, nicht finden; wie der Leser sich denken kann, war aber derselbe die Ladp August» de Berkeley, die er im Gedränge der Volksmenge aus den Augen verloren hatte. Am östlichen Theile der Kirche war für den Augenblick ein Altar errichtet, an dessen Seite der Bischof von Glasgow, mit seinen festlichen Gewändern angethan, seinen Sitz nebst Priestern und Dienern aufgeschlagen hatte, welche sein bischöfliches Gefolge bildeten. Letzteres war weder zahlreich, noch prächtig gekleidet, noch bot seine eigene Erscheinung ein glänzendes Beispiel von dem Rcichthum und der Würde des bischöflichen Ranges. Als er jedoch sein goldenes Kreuz auf den strengen Befehl des Königs von England niederlegen und ein anderes von einfachem Holz annchmen mußte, verlor er dadurch Nichts an seinem Ansehen, und übte auf Volk und Geistlichkeit seines Sprengels deßhalb keine geringere Gewalt aus. 299 Die verschiedenen Schotten, welche sich um ihn sammelten, schienen seine Bewegungen wie diejenigen eines vom Himmel -inabgestiegenen Heiligen zu überwachen, und die Engländer warteten in stummem Erstaunen, voll Besorgniß, daß ein unerwartetes Zeichen eines gegen sie zu richtenden Angriffs entweder von den Mächten der Erde oder des Himmels, oder vielleicht von beiden zusammen gegeben werden würde. Die Anhänglichkeit der schottischen Geistlichkeit der höheren Klaffen an die Partei von Bruce war so bedeutend, daß die Engländer ihr sogar kaum die Ausführung der Kirchcn-Ceremonien gestatteten, die ihrer Verwaltung anheimgegeben waren; somit war auch die Gegenwart des Bischofs von Glasgow in der Kirche von Douglas an einem hohen Festtage ein sehr seltenes Ereigniß, welches sowohl Erstaunen wie Verdacht erregte. Ein Concil der Kirche hatte jedoch vor Kurzem den hoben Prälaten Schottlands zur Vollbringung dieser Pflicht am Palmsonntag aufgefordert, und weder Engländer noch Schotten betrachteten die Ceremonie mit Gleichgültigkeit. Ein ungewohntes Stillschweigen in der Kirche, welche, wie es schien, von Personen verschiedener Ansichten, Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen gefüllt war, glich einer jener feierlichen Pausen, die einem Kampfe der Elemente oft vorhergehen, und als die Verkündiger furchtbarer Naturerschütterungen erkannt werden. Alle Thiere drücken, je nach ihrer verschiedenen Natur, ihr Gefühl des nahen Sturmes aus; das Rindvieh, die Hirsche und andere Bewohner der Wälder ziehen sich in die innersten Schlupfwinkel ihrer Waiden zurück; die Schafe drängen sich in ihren Hürden zusammen, und die dumpfe Betäubung der allgemeinen Natur, der belebten wie unbelebten, verkündigt ihr schnelles Erwachen zur allgemeinen Erschütterung und Verwirrung, sobald ein glühender Blitz, als Vorläufer des Donners, aus den Wolken zischt." In tiefer Spannung erwarteten die Schotten die auf des Douglas Befehl zur Kirche gekommen waren, jeden Augenblick das Zeichen zum Angriff, während die Kriegsleute der englischen Besatzung mit der üblen Stimmung der Eingeborenen wohl bekannt, jeden Augenblick berechneten, wenn der wohlbekannte Schlachtruf, Bogen und Partisanen, das Signal zum allgemeinen Kampfe geben würde. Beide Parteien blickten trotzig einander an, und schienen den verbängnißvollen Angriff zu erwarten- Obgleich der Sturm jeden Augenblick auSzubrcchen bereit schien, beging der Bischof von Glasgow die Ceremonien des Festtages mit äußerster Feierlichkeit. Von Zeit zu Zeit machte er eine Pause, um das Gedränge zu übersehen, und um zu berechnen, ob die heftigen Leidenschaften seiner Umgebung sich so lange zurückhalten ließen, bis er seine Pflichten in einer der Zeit und dem Orte geziemenden Weise zum Schluß gebracht haben würde. Der Prälat hatte gerade den Gottesdienst geschloffen, als eine Person mit feierlichem und betrübtem Ausdruck auf ihn zutrat, und ihm die Frage vorlegte, ob der ehrwürdige Vater einige wenige Augenblicke den Tröstungen eines Sterbenden widmen könne, welcher verwundet in der Nähe liege. Der Geistliche sprach seine Bereitwilligkeit während einer Stille aus, welche, als er die gesenkten Brauen eines Theiles der in der Kirche Anwesenden überblickte, ihm keine friedliche Beendigung des verbängnißvollen Tages anzudeuten schien. Er forderte die Boten auf, ihm den Weg zu zeigen, und ging an seinen Beruf von Einigen begleitet, welche als die Anhänger des Douglas bekannt waren. Die jetzt folgende Unterredung war eindrucksvoll, wo nicht Verdacht erregend. In einem unterirdischen Gewölbe war der Körper eines starken und großen Mannes niedergelcgt, dessen Blut reichlich aus zwei oder drei klaffenden Wunden floß, und durch das Strohbündel strömte, auf welchem er lag, während seine Züge ein Gemisch von Grimm und Trotz boten, welche in einen noch wilderen Ausdruck übcrzugehen bereit schienen. Der Leser wird wahrscheinlich vermuthen, daß diese Person Niemand anders, wie Michael Turnbull war, welcher beim Zusammentreffen des Morgens verwundet, von Einigen seiner Freunde auf ein Strohlager hingelegt war, um dort zu leben oder zu sterben, je nachdem es ihm möglich wäre. Als der Prälat das Gewölbe betrat, verlor er keine Zeit, die Aufmerksamkeit des Verwundeten auf den Zustand seiner geistigen Angelegenheit zu wenden, und ihm diejenigen Tröstungen zu reichen, welche die Kirche sterbenden Sündern zu ertheilen vorschreibt. Die zwischen Beiden gewechselten Worte waren von ernstem und strengem Charakter, wie sie zwischen dem geistlichen Vater und einem Beichtenden gewechselt werden, wenn eine Welt vor den Augen des Sünders hinwegrollt, und eine andere sich ihm mit allen Schrecken zeigt, während die Vergeltung, die er für seine Thaten auf Erden erwarten muß, dem Büßenden vor Augen schwebt. Es ist eine der feierlichsten Unterredungen, welche zwischen irdischen Wesen statt finden kann, und der muthige Charakter des Jägers von Jedwood wie der wohlwollende und fromme Ausdruck des alten Geistlichen erhöhten beträchtlich die Feierlichkeit der Scene. „Turnbull," sagte der Geistliche, „ich hoffe, daß Ihr mir glauben werdet, wenn ich jetzt Euch sage, daß es mir im 302 Herzen wehe thut, Euch in dieser Lage durch Wunden zu finden, hinsichtlich deren es meine Pflicht ist, Euch zu sagen, daß Ihr dieselben für tödtlich halten müßt." „Die Jagd also ist beendet," sagte der Jäger mit einem Seufzer; »ich fühle darum keinen Kummer, guter Vater, denn ich glaube, daß ich mich benommen habe, wie es einem tapfern Manne geziemt, und daß der alte Wald an mir keine Unehre erlangt hat, sowohl in Verfolgung wie in Erlegung des Wildes. Selbst in dieser letzten Angelegenheit glaube ich, daß jener gestutzte englische Ritter nicht solchen Vortheil erlangt haben würde, hätte der Boden, worauf wir standen, uns gleiche Vortheile gewährt, oder hätte ich seinen Angriff vorher bemerkt; wenn Jemand sich die Mühe geben will, die Sache zu untersuchen, so wird er finden, daß des armen Michael Turnbull's Fuß zweimal im Zusammentreffen ausglitt, sonst würde cs nicht sein Schicksal sein, hier auf dem Todtenbette zu liegen, sondern jener Südländer würde wahrscheinlich wie ein Hund auf diesem blutigen Stroh statt seiner gestorben sein." Der Bischof rieth dem Beichtenden, sich von rachsüchtigen Gedanken über den Tod Anderer hinwegzuwenden, und^sich zu bemühen, seine Aufmerksamkeit auf sein eigenes Scheiden vom Leben zu richten, welches in Kurzem eintreffen zu muffen schien. „Vater," erwieberte der verwundete Mann, „Ihr wißt sicherlich am besten, was mir zu thun geziemt; mich däucht aber, es würde nicht gut um mich stehen, hätte ich bis auf diese Tageszeit die Aufgabe, mein Leben zu überblicken, verschoben, und ich bin nicht der Mann, um abzuläugnen, daß das meinige ein verzweifeltes und ein blutiges war. Ihr wer- 303 det mir aber zugestehen, daß ich niemals Bosheit gegen einen tapsern Feind hegte, wenn derselbe mir Schaden erwies, und zeigt mir auch den Schotten, welcher mit der natürlichen Liebe gegen sein Vaterland erfüllt, nicht in diesen Zeiten die Stahlhaube einem Hut und einer Feder vorzog, oder welcher nicht mit gezogenen Schwertern besser bekannt war, als mit Gebetbüchern. Ihr selbst Vater, wißt ja wohl, daß wir in unserem Verfahren gegen die englische Partei stets die Unterstützung der aufrichtigen Väter der schottischen Kirche erlangten, und daß wir von ihnen ermahnt wurden, die Waffen zu ergreifen, um sie zu Ehren des Königs von Schottland und zur Vertheidigung unserer eigenen Rechte zu gebrauchen." „Ohne Zweifel," sagte der Prälat, „waren dies unsere Ermahnungen, auch trage ich Euch jetzt keine andere Lehre vor; da ich mich aber von Blut umringt, und einen sterbenden Mann vor mir sehe, bin ich gezwungen, in meinem Gebete zu bezweifeln, ob ich nicht vom richtigen Pfade abgelenkt und so das Mittel wurde, auch Andere auf eine falsche Bahn zu führen. Mag der Himmel mir vergeben, wenn dies der Fall ist, denn ich kann mich nur auf eine aufrichtige und ehrliche Absicht, als Entschuldigung des irrthümlichen Rathes berufen, den ich Euch und Anderen hinsichtlich dieser Kriege ertheilte. Ich bin mir bewußt, daß ich in einigem Grade den Charakter meines Standes vcrläugncte, als ich Euch ermuthigte, Eure Schwerter in Blut zu baden, denn derselbe gebeut mir weder Blut zu vergießen, noch dessen Vergießung durch Andere zu bewirken- Möge der Himmel uns befähigen, unseren Pflichten zu gehorchen, und unsere Jrrthümer zu bereuen, besonders aber solche, welche den Tod oder das Elend unserer Nebenmenschen veranlaßten. Vor Allem möge dieser sterbende Christ seine Jrrthümer erkennen, und mit Aufrichtigkeit das- jenige Andern erwiesen zu haben bereuen, was er nicht von ihrer Hand zu erleiden wünschte." „Was das betrifft," erwiderte Turnbull, „so hat cs niemals eine Zeit gegeben, worin ich nicht einen Streich mit dem besten Mann, welcher jemals lebte, auszutauschen bereit gewesen wäre; befand ich mich nicht in beständiger Ucbung des Schwertes, so lag es nur daran, daß ich zum Gebrauch der Streitaxt, welche die Engländer eine Partisane nennen, auferzogen wurde, und wie ich glaube, ist der Unterschied derselben vom Schwert oder Dolch nur gering." „Der Unterschied ist nicht groß," sagte der Bischof, „ich besorge jedoch Freund, daß ein Leben, welches Ihr mit der Streitaxt geraubt habt, Euch kein Vorrecht vor demjenigen ertheilt, welcher dieselbe That mit irgend einer andern Waffe begeht, oder damit dieselbe Verletzung zufügt." „Würdiger Vater," sagte der Beichtende, „ich muß eingestehen, daß die Wirkung der Waffen dieselbe ist, soweit fie den dadurch leidenden Mann betrifft, ich möchte Euch aber um Belehrung bitten, weßhalb ein Mann aus dem Jcdwood nicht der Gewohnheit seines Landes gemäß, die Angriffswaffe brauchen darf, die seiner Gegend eigenthümlich ist." „Das Verbrechen des Mordes," sagte der Bischof, „besteht nicht in der Waffe, womit das Verbrechen vollbracht wird, sondern in der Pein, welche der Mörder seinem Nebenmenschen zufügt, und in der Verletzung der guten Ordnung, die er in der lieblichen und friedlichen Schöpfung begeht. Wenn Ihr Eure Reue auf dies Verbrechen wendet, so könnt Ihr erwarten, den Himmel für Euer Vergehen günstig zu stimmen und zugleich den Folgen zu entgehen, die in der heiligen Schrift gegen diejenigen verkündet werden, welche das Blut des Menschen vergießen." „Aber, guter Vater," sagte der verwundete Mann, „Ihr wißt das eben so gut, wie Jemand sonst, daß in dieser Versammlung und in dieser Kirche Haufen von Schotten und Engländer einander überwachen, welche hieher gekommen sind, nicht sowohl um die religiösen Pflichten des Tages zu vollbringen, als in der festen Absicht, einander das Leben zu nehmen und ein neues Beispiel von den Gräßlichkeiten der Fehden zu geben, welche die beiden äußersten Enden der brittischcn Insel gegen einander führen. Welches Verfahren hat denn ein armer Mann, wie ich, dabei zu beobachten? Darf ich nicht gegen die Engländer diese Hand erheben, von der ich noch glaube, einen ziemlich wirksamen Gebrauch machen zu können, oder muß ich zum ersten Mal in meinem Leben den Schlachtruf hören, und meine Waffe vom Kampfe zurückhalten? Mich däucht, das ist für mich sehr schwierig und vielleicht unmöglich; ist cs aber der Wille des Himmels und Euer Rath, ehrwürdiger Vater, so muß ich unzweifelhaft Alles nach meinen Kräften thun, um Euren Weisungen zu folgen, denn Ihr besitzt Recht und Anspruch, uns in jeder Verlegenheit, oder wie man es nennt, bei Gewissenszwcifeln zu leiten." „Ohne Zweifel," sagte der Bischof, „ist es meine Pflicht, wie ich schon sagte, heute keine Gelegenheit zum Blutvergießen oder zum Friedensbruch zu geben, und ich muß Euch als meinem Beichtenden bei der Wohlfahrt Eurer Seele an- besehlen, daß Ihr keine Gelegenheit zum Kampf oder Blutvergießen in eigener Person oder durch Aufregung anderer Personen gebet; befolgt Ihr ein anderes Verfahren, so bin ich überzeugt, daß Ihr eine Sünde begeht, und Euren Pflichten zuwider handelt, eben so wie dies von mir in demselben Falle gelten würde." Dos gefährl. Schloß u. and. Erzähl. 20 306 „Ich will mich bemühen, sie zu decken," ehrwürdiger Vater," erwiedcrte der Jäger, „demnach hoffe ich, wird man cs zu meinen Gunsten anschlagen, daß ich der Erste Mann bin, welcher den Familiennamen Turnbull nebst dem Eigennamen des Fürsten der Erzengel führt, welcher zu ferer Zeit mit einem gezogenen Schwerte dem Schimpf zu begegnen vermochte, den die Gegenwart eines Südländers veranlaßte, und der nicht dadurch veranlaßt wurde, seine Waffe zu zerbrechen oder wegzulegen." „Hüte dich, mein Sohn, sund bedenke," erwiderte der Prälat von Glasgow, „daß du schon wieder von den Entschlüssen abweichest, welche du noch vor wenigen Minuten nach ernstlicher und richtiger Ueberlegung gefaßt hast. Deßhalb sei nicht so, mein Sohn, wie die Sau, welche sich im Kothe wälzte, und alsdann, nachdem sie gewaschen wurde, ihre Handlung, sich zu beschmutzen, wiederholt, und noch unsauberer wird wie zuvor." „Wohlan, ehrwürdiger Vater," erwiderte der verwundete Mann, „obgleich es beinahe unnatürlich scheint, daß Schotten und Engländer sich begegnen und ohne eine Rauferei sich wieder trennen, so will ich doch pflichtgemäß mich bemühen, keine Gelegenheit zum Streit zu geben, noch auch eine solche zu ergreifen, wenn sie mir geboten werden sollte." „Auf diese Art," erwiderte der Bischof, „wirst du am besten deine Vergehen wieder gut machen, welche du bei früheren Gelegenheiten gegen die Gesetze des Himmels begingest; du wirst die Ursachen des Streites zwischen dir und deinen Brüdern aus dem südlichen Lande verhindern, und die Versuchung gegen die Blutschuld überwinden, welche in unsern Tagen und unserem Geschlechte so sehr gereift ist. Glaube nicht, daß ich dir durch diese Ermahnungen eine Pflicht auferlcge, welche schwie- 307 riger zu ertragen ist, als dasjenige, was dir als Mensch und Christ zu thun gebührt. Ich selbst bin ein Mensch und ein Schotte, und als solcher fühle ich mich gekränkt durch das ungerechte Verfahren Englands gegen unser Vaterland und unsere Fürsten; da ich eben so denke wie Ihr, so weiß ich, was Ihr zu leiden habt, wenn Ihr Euch den Kränkungen unserer Nation ohne Vergeltung und Rache unterwerfen müßt. Betrachten wir uns aber nicht als die Werkzeuge der vergeltenden Rache, welche der Himmel ausdrücklich für ein ihm zugehöriges Amt erklärt. Während wir dies, unserem Vatcrlande zugcfügte Unrecht sehen und fühlen, dürfen wir auch unsererseits nicht vergessen, daß unsere Kriegszügc, Hin- terhalte und Uebcrrumpelungen den Engländern wenigstens ebenso verhängnißvoll waren, als ihre Einbrüche und Plünderungen uns Schaden gebracht haben. Kurzum, mögen die gegenseitigen Kränkungen rer Kreuze von St. Georg und St. Andreas nicht länger feindlich den Einwohnern der gegenüberliegenden Distrikte gelten, wenigstens nicht während der Religionüfeierlichkeitcn; sondern sie mögen, wie sie beiden Parteien die Zeichen der Erlösung sind, ihnen auch in gleicher Weise Ermahnungen der gegenseitigen Vergebung und des Friedens sein." „Ich bin zufrieden," entgegnete Turnbull, „mich aller Beleidigungen Anderer zu enthalten, und werde mich sogar bemühen, mich von der Rache an denjenigen zurückzuhalten, welche mich selbst beleidiget haben; ich hoffe dadurch jenen ruhigen und gottseligen Stand der Dinge zuwege zu bringen, welche Eure Worte, gottseliger Vater, mich erwarten lassen." Mit den Worten wandte der Gränzbewohncr sein Gesicht zur Mauer und lag dort in der ernsten Erwartung des nahen 20 * 308 Todes — einer Betrachtung, die der Bischof in ihm erweckt hatte. Die friedliche Stimmung, welche durch den Prälaten dem Michael Turnbull mitgctheilt war, hatte sich einigermaßen unter die Anwesenden verbreitet, welche mit Ehrfurcht den geistlichen Ermahnungen zuhörten, den Nationalhaß zu unterbrechen, und mit einander in Frieden und Freundschaft zu leben. Der Himmel jedoch hatte beschlossen, daß der National- strcit, in welchem schon so viel Blut vergossen war, an jenem Tage wiederum die Veranlassung zu tödtlichem Kampfe werden solle- Ein lautes Schmettern von Trompeten, welches aus der Erde hervorzukommen schien, erklang durch die Kirche, und erregte die Aufmerksamkeit der versammelten Soldaten und Andächtigen. Die Meisten, welche diese kriegerischen Töne vernahmen, ergriffen ihre Waffen, als hielten sie es für nutzlos, das Zeichen zum Kampfe länger zu erwarten. Rauhe Stimmen, heisere Ausrufungen, das Raffeln der Schwerter in den Scheiden und deren Klirren gegen andere Theile der Rüstung, waren die furchtbaren Vorbereitungen eines Angriffs, welcher jedoch durch die Ermahnungen des Bischofs auf einige Zeit abgcwandt wurde. Ein zweites Schmettern von Trompeten wurde vernommen, und die Stimme eines Herolds verkündete die folgende Proklamation: „In Betracht, daß viele edle Ritter gegenwärtig in der Kirche Douglas versammelt sind, und in Betracht, daß unter ihnen die gewöhnlichen Ursachen des Kampfes über Streitpunkte, und Vorrang im Rittcrthum vorhanden find, stellen sich die schottischen Ritter als bereit, den Kampf mit jeder Anzahl englischer Ritter aufzunehmen, hinsichtlich derer man überein gekommen ist, sowohl um die überlegene Schönheit 309 ihrer Damen zu vertreten, wie wegen der National-Strcitig- keit, oder irgend eines Theiles derselben, oder über irgend einen Punkt, welcher sich zwischen ihnen in der Schwebe befindet, und welcher für werth eines Kampfes von beiden Seiten gehalten wird; und die Ritter, welche in solchem Streit befiegt wurden, müssen auf die Fortsetzung desselben, oder auf das Tragen der Waffen in dem späteren Kriege verzichten, und flch den andern Bedingungen als Folge ihrer Niederlage unterwerfen, welche durch einen Rath der in besagter Kirche von Douglas jetzt anwesenden Ritter bestimmt werden soll. Jedoch vor Allem wird irgend eine Zahl schottischer Ritter eine Sache vertheidigen, hinsichtlich derer schon Blut vergossen ist, nämlich die Freiheit der Lady Auguste de Berkeley, und der Uebergabe des Schlosses Douglas an den anwesenden Eigenthümer- Deßhalb ist es erforderlich, daß die englischen Ritter ihre Einwilligung zu solcher Probe der Tapferkeit geben werden, welche fie nach den Regeln des Ritterthums nicht ausschlagen können, ohne allen Ruhm der Tapferkeit zu verlieren, und der Verminderung jeden anderen Grades von Achtung sich zu unterziehen, worin jeder muthige Kriegsmann, sowohl bei den Rittern seines Vaterlandes, wie bei denen anderer Länder zu stehen wünscht." Diese unerwartete Herausforderung zum Kampfe, verwirklichte die schlimmsten Besorgnisse derjenigen, welche mit Verdacht die außerordentliche Versammlung der vom Hause Douglas abhängigen Leute betrachtet hatten. Nach kurzer Pause erklang wieder das Helle Schmettern der Trompeten, und die Erwiderung der englischen Ritter wurde in folgender Weise verlesen: »Gott verhüte, daß die Rechte und Vorrechte der Ritter Englands und die Schönheit seiner Frauen von seinen Söh- 310 nen nicht vertreten würden, oder daß die hier versammelten englischen Ritter das geringste Bedenken in der Annahme des dargebotenen Kampfes zeigen sollten, mag derselbe auf der überlegenen Schönheit ihrer Damen oder auf den Ursachen des Streites beider Länder beruhen. Für Alles dies find die hier gegenwärtigen Ritter von England zu kämpfen bereit, nach den Bedingungen besagten Vertrages, so lange Schwert und Lanze ihnen aushält; ausgenommen jedoch ist die Uebergabe des Schlosses Douglas, welches durch Niemand überliefert werden kann, als durch den König von England, oder diejenigen, welche in seinem Namen befehligen." Zwanzigstes Kapitel. Den KkiegSruf laßt ertönen, wann die Ritter Borüberjiehn, und schuhe Gott das Recht; Nng dreimal Sanct Andreas laut und recht! So sprach der gure Robert, und alsbald Klang dreimal auch das Zeichen zum Gefecht. Für Sanct Georg, der Kirche Knecht, Ist dreimal auch erschallt In Englands Heere laut und recht Der Ruf durch Feld und Wald. Alte Ballade auf die Schlacht von Bannvckbour». Die im vorhergehenden Kapitel erwähnte ausserordentliche Entscheidung war, wie man sich denken kann, die Ursache, daß die Führer beider Parteien sich offen zeigten und ihre äußer- sten Streitkräfte zur Schau trugen, indem sie ihre besonderen Anhänger um sich versammelten. So sah man auch den berühmten Ritter von Douglas mit Sir Malcom Fleming und andern ausgezeichneten Herren, in enger Berathung. Sir John de Walton, welcher durch das erste Schmettern der Trompeten überrascht wurde, während er die Flucht der Lady Auguste zu sichern stch bemühte, wurde gleich darauf gesehen, wie er seine Anhänger sammelte, und dabei in der thätigen Freundschaft des Ritters von Valcnce eifrigen Beistand erhielt. Die Lady Berkeley zeigte bei diesen kriegerischen Vorbereitungen keinen feigen Muth; sie trat vor. indem ihr dicht auf den Fersen der treue Bertram und eine Frau in einem Reithut folgte, deren, obgleich sorgfältig verstecktes Antlitz, kein anderes war, als dasjenige der unglücklichen Margarethe de Hautlieu; die schlimmste Furcht derselben, hinsichtlich der Treulosigkeit ihres verlobten Ritters, hatte sich erfüllt. Es folgte eine Pause, welche einige Zeit lang keiner der Anwesenden zu brechen sich für berechtigt hielt. Zuletzt trat der Ritter von Douglas vor und sagte mit lauter Stimme: „Ich warte hier, um zu erfahren, ob Sir John de Walton von James Douglas die Erlaubniß nachsucht, sein Schloß räumen zu dürfen, ohne jenes Tageslicht weiter zu verschwenden, welches uns zur Aussuchung eines guten Kampfplatzes dienlich sein wird, und ob er zu dem Zweck den Douglas um Schutz bittet-" Der Ritter de Walton zog sein Schwert. „Ich halte das Schloß Douglas," sagte er, „trotz aller tödtlicher Drohungen, und werde niemals Jemand um den Schutz ersuchen, den mir zu leisten mein eigenes Schwert genügt." »Ich siehe Euch zur Seite, Sir John," sagte Aymer de Valence, „als Euer treuer Gefährte, gegen Jedermann, der sich Euch entgegenstellen will." „Muth, edle Engländer!" rief die Stimme von Greenleaf; „ergreift in Gottesnamen eure Waffen; Bogen und Partisanen! Ein Bote bringt uns Kunde, daß Pembroke sich in vollem Marsch hierher von den Grenzen Ayrshire's befindet, und in einer halben Stunde bei uns sein wird. Kämpfet tapfer, Engländer! Valence kömmt zum Entsatz! lange lebe der tapfere Graf von Pembroke!" Die Engländer innerhalb und außerhalb der Kirche zögerten nicht länger, die Waffen zu ergreifen; de Walton rief aus mit lautester Stimme: „Ich bitte den Douglas, sorgfältig auf die Sicherheit der Damen zu achten," und schlug sich bis zur Kirchthüre durch; die Schotten konnten dem Eindruck des Schreckens nicht widerstehen, welcher sie beim Anblick dieses berühmten und von seinem Waffenbruder unterstützten Ritters erfüllte, die Beide so lange Zeit der Schrecken der Gegend gewesen waren. Mittlerweile hätte sogar de Walton sich gänzlich seinen Weg aus der Kirche hinausbahnen können, wäre ihm nicht der junge Sohn des Thomas Dickson von Hazelstve entgegengetreten, während sein Vater von Douglas den Auftrag erhielt, die fremden Damen vor allem Unglück des Kampfes zu schützen, welcher jetzt nach so langer Verzögerung in Begriff auszubrechen befand- De Walton richtete seine Augen zur Lady Augusta, mit dem Wunsch, zu ihrer Rettung herbeizueilen; er sah sich jedoch zu dem Schluß genöthigt, daß er für ihre Sicherheit am besten sorgen werde, wenn er sie unter dem Schutz der Ehre des Douglas lasse. Der junge Dickson häufte mittlerweile Schlag auf Schlag, indem er mit allem jugendlichen Muth jede ihm mögliche An- 313 strengung machte, um den Preis der Tapferkeit zu erlangen, welcher dem Sieger des berühmten de Walton gebührte. „Alberner Knabe," sagte zuletzt de Walton, welcher einige Zeitlang dem jungen Manne ausgewichen war, „empfange deinen Tod von einer edlen Hand, da du denselben dem Frieden und einem langen Leben vorzichst." „Mich kümmert das nicht," sagte der schottische Jüngling mit seinen letzten Athemzügen, „ich habe lange genug gelebt, da ich Euch so lange an dem Orte hielt, wo Ihr jetzt steht." Der junge Mann sagte dies mit Recht, denn als er fiel, um sich niemals wieder zu erheben, stand Douglas an seinem Platze und erneute wieder, ohne ein Wort zu sagen, denselben furchtbaren Einzelkampf mit de Walton, durch welchen sich Beide schon ausgezeichnet hatten, diesmal aber mit gesteigerter Wuth. Apmer de Valence stellte sich seinem Freunve de Walton auf die linke Seite und schien nur zu erwarten, bis einer von Douglas Leuten demselben sich anschließen würde, um am Kampfe Theil zu nehmen; als er aber Niemand geneigt sah, ihm diese Gelegenheit zu geben, hielt er seine Neigung zurück und blieb ein Zuschauer wider Willen. Zuletzt schien es, als ob Fleming, welcher unter den schottischen Rittern voran stand, sein Schwert mit de Valence zu messen wünsche. Apmer selbst rief aus von Kampfeslust entbrennend: „Treuloser Ritter von Boghall, tretet vor und vertheidigt Euch gegen die Beschuldigung, Eure Geliebte verlassen zu haben, und als Meineidiger eine Schande der Ritterschaft zu sein." „Meine Antwort," sagte Fleming, „sogar auf eine weniger grobe Schmähung, hängt an meiner Seite." Das Schwert befand sich einen Augenblick darauf in seiner Hand, und sogar die zuschauenden geübten Krieger konnten 314 kaum dem Fortgang des Kampfes mit den Augen folgen, welcher eher einem Gewitter im Gebirgslande, als den Streichen und dem Pariren zweier Schwerter glich, das eine auf der Seite des Angreifenden, das andere zur Ausführung der Vertheidigung. Die Schläge Beider wurden mit überraschender Geschwindigkeit ausgewechselt, und obgleich die zwei Kämpfenden dem Douglas und dem Walton darin nicht gleichkamcn, daß Beide einen gewissen Grad der Zurückhaltung in Folge ihrer gegenseitigen Achtung hegten, so.wurde der Mangel an kunstgerechter Führung des Kampfes durch einen Grad von Wuth ersetzt, welcher dem Zufall einen gleichen Theil des Ausganges anheimgab. Als die Gefolge der Ritter ihre Vorgesetzten in so verzweifeltem Gefecht erblickten, verhielten sich dieselben nach der damaligen Sitte ruhig und schauten mit einer Ehrfurcht zu, welche sie instinktartig ihren Befehlshabern und Anführern erwiesen. Ein oder zwei Weiber wurden mittlerweile nach dem Charakter des Geschlechtes aus Mitleid für diejenigen herbeigezogen, welche den Zufälligkeiten des Krieges schon erlegen waren- Der junge Dickson, welcher zu den Füßen der Kämpfenden verschied, wurde gewissermaßen durch Lady Berkeley aus dem Getümmel fortgeschafft, bei welcher die Handlung wegen des beibehaltenen Pilgerkleidcs weniger ausfallend schien, während sie sich vergeblich bemühte, die Aufmerksamkeit des Vaters von jenem jungen Manne der von ihr übernommenen Aufgabe zuzuwenden. »Belästigt Euch nicht mit nutzlosen Dingen," sagte der alte Dickson, „und wendet nicht Eure und meine Aufmerksamkeit von Eurer Sicherheit ab. Es ist Douglas' Wunsch, daß Ihr gerettet werdet, und ich betrachte Euch, bei Gott und St. Bride, als meiner Sorgfalt durch meinen Häuptling anvertraut. Glaubt mir, der Tod dieses Jünglings ist keineswegs vergessen, obgleich es jetzt sich nicht geziemt, seiner zu gedenken ; eine Zeit wird für die Trauer und eine Stunde für die Rache kommen." So sagte der finstere alte Mann, indem er die Augen von dem blutigen Leichnam hinwegwandte, welcher, ein Muster von Schönheit und Kraft, zu seinen Füßen lag. Als er noch einmal einen schmerzhaften Blick darauf geworfen hatte, wandte er sich ab und nahm eine Stellung ein, worin er, ohne auf den Leichnam seines Sohnes zu blicken, die Lady de Berkeley am besten beschützen konnte. Mittlerweile wurde der Kampf fortgesetzt, ohne daß er von irgend einer Seite unterbrochen ward, und irgend einen entschiedenen Vorthcil darbot. Zuletzt jedoch schien das Schicksal einzuschreiten. Als der Ritter von Flemming heftig vorwärts drang und durch Zufall beinahe dicht an Lady Margaret- de Hautlieu gelangte, that er einen Fehlstreich, glitschte mit dem Fuße im Blute des jungen Dickson, stürzte vor seinem Gegner nieder und befand sich in Gefahr, seiner Gnade anbeimgegeben zu sein, als Margaret- de Hautlieu, welche die Seele eines Kriegers ererbt hatte, und außerdem eine sehr starke, sowie unerschrockene Person war, eine nicht sehr schwere Keule auf dem Boden liegen sah, wo der junge Dickson dieselbe batte fallen lassen, in demselben Augenblicke ihre Hand bewaffnete und das Schwert des Sir Aymer ausfing oder niederschlug, welcher sonst der Sieger des Tages in jenem wichtigen Augenblicke hätte werden müssen. Fleming halte mehr zu thun, um ein so unerwartetes Er- eigniß zu seinen Gunsten zu benutzen, als sich die Art zu erklären, wie dasselbe auf so eigenthümliche Weise fich zuge- tragen hatte; er gewann sogleich wieder den von ihm verlornen Vortheil und konnte in dem jetzt nahenden Schluß des Kampfes seinem Gegner ein Bein stellen, welcher auf das Pflaster stürzte, während die Stimme seines Siegers, wenn man denselben als solchen bezeichnen konnte, durch die Kirche mit den Worten ertönte: »Ergib dich, Aymer de Valence — Lösung oder keine Lösung — ergib dich," fügte er hinzu, als er sein Schwert an den Hals des gefallenen Ritters setzte, »nicht mir, sondern dieser edlen Dame, auf Lösung oder keine Lösung." Mit schwerem Herzen bemerkte der englische Ritter, daß er eine so günstige Gelegenheit, Ruhm zu erlangen, verloren habe, und genöthigt wurde, sich seinem Schicksal zu unterwerfen, oder den Tod zu wählen. Es wurde ihm nur der Trost geboten, daß kein Kampf ehrenvoller durchgeführt worden war, und daß er eher durch Zufall als durch Tapferkeit seines Gegners verlor. Das Schicksal des in die Länge gezogenen und verzweifelten Kampfes zwischen Douglas und de Walton blieb nicht länger ungewiß; die Zahl der Siege im Einzelkampfe, welche Douglas in diesen Kriegen errungen hatte, war wirklich so groß, daß es zweifelhaft war, ob er nicht an persönlicher Kraft^und Geschicklichkeit sogar den Bruce übertreffe; er ward wenigstens als demselben gleichstehend in der Kunst des Krieges anerkannt. Der Stand des Kampfes aber war solcher Art, nachdem er 2/4 Stunden gedauert hatte, daß sowohl Douglas wie Walton, deren Nerven nicht von wirklichem Eisen waren, einige Zeichen zu geben begannen, daß sie an ihrem menschlichen Körper die Wirkung der furchtbaren Anstrengung empfänden. Ihre Streiche wurden langsamer geführt und mit geringerer Geschwindigkeit parirt. Als Douglas sah, daß der Kampf bald beendet werden müßte, gab er großmüthig ein Zeichen, der Gegner möge auf einen Augenblick seine Hand anhalten. „Tapferer de Walton," sagte er, „zwischen uns herrscht keine tödtliche Feindschaft, und Ihr müßt anerkennen, daß Douglas in diesem Waffengange, ob er gleich nichts weiter als Schwert und Mantel besitzt, sich eines entscheidenden Vortheils enthalten hat, als das Glück der Waffen denselben mehr als einmal ihm darbot. Meines Vaters Haus, das weitgedehnte dasselbe umringende Landgut, die Wohnung und die Gräber meiner Ahnen bieten einem Riiter einen genügenden Lohn zum Kampfe, und erheischen von mir in gebieterischer Stimme die Fortsetzung des Krieges für einen solchen Lohn, während Ihr der edlen Dame in aller Ehre und Sicherheit so willkommen seid, als hättet Ihr dieselbe aus den Händen des Königs Edward selbst erhalten. Ich gebe Euch mein Wort, daß die äußerste Ehre, welche sich einem Gefangenen erweisen läßt, und eine sorgfältige Vermeidung von Allem, welches einer Beschimpfung oder Beleidigung gleichen würde, dem Sir John de Walton zu Theil werden soll, wenn er das Schloß und sein Schwert dem James Douglas überliefert." „Es ist vielleicht das Schicksal, wozu ich bestimmt bin," erwiderte Sir Walton, niemals aber will ich es freiwillig wählen, und niemals soll man von mir sagen, daß meine eigene Zunge dieses verhängnißvolle Wort aussprach, wo nicht in den Augenblicken höchster Noth, wenn ich zugleich die Spitze meines Schwertes gegen meine eigene Brust richten würde. Pembroke ist mit seinem ganzen Heere auf dem Marsche, um die Garnison von Douglas zu entsetzen; ich höre sogar jetzt das Gestampf seiner Rosse; ich werde meinen Platz behaupten, 318 so lange ich von Hülfe erreicht werden kann, und besorge nicht, daß der mir jetzt ausgehende Athem lange genug ausdauern wird, um den Kampf bis zur Ankunft unerwarteter Hülfe fortzuführen. Kommt also, und behandelt mich nicht als ein Kind, sondern als einen Mann, welcher sich nicht scheut, der äußersten Kraft seines ritterlichen Feindes zu begegnen, mag ich stehen oder fallen." „So sei cS also," sagte Douglas, indem ein dunkles Roth, ähnlich der glühenden Farbe auf einer Gewitterwolke, bei den Worten seine Stirn überzog, welche- andeutete, daß er eine schnelle Beendigung des Kampfes beabsichtige. In diesem Augenblicke aber vernahm man ein sich näherndes Pferdegestampf, und gleich darauf rief ein wallisischer Ritter, als solcher durch die Kleinheit seines Pferdes, seine nackten Beine und seinen blutigen Speer kennbar, den Kämpfenden mit lauter Stimme zu, des Kampfes sich zu enthalten. „Befindet sich Pembroke in der Nähe?" fragte de Walton. „Er steht bei Laudonhill," sagte der Eilbote; „allein ich überbringe seine Befehle dem John de Walton." „Ich bin bereit, ihnen zu gehorchen, und zwar unter allen Gefahren," erwiederte der Ritter. „Wehe mir," sagte der Walliser, „daß mein Mund eine so unwillkommene Botschaft den Ohren eines so tapferen Mannes überbringen muß! Der Graf von Pembroke erhielt gestern die Kunde, das Schloß Douglas werde vom Sohne des verstorbenen Grafen und allen Einwohnern der Gegend angegriffen. Der edle Ritter Pembroke, als er dies hörte, beschloß zu Eurer Unterstützung mit allen verfügbaren Streitkräften auszurücken. Er that dies, und hegte somit die Ueber- zeugung. daß er das Schloß entsetzen könne, als er unerwar- teterWeise bei Laudonhill einerTruppenmacht begegnete, welche 319 - nicht viel geringer an Zahl als die seinige war, und von jenem berühmten Bruce geführt wurde, den die schottischen Rebellen als ihren König anerkennen. Er marschirte sogleich zum Angriffe mit dem Eide, nicht eher einen Kamm durch seinen grauen Bart zu ziehen, als bis er England von dieser wieder ausbrcchenden Pest befreit habe. Allein das Schicksal war gegen uns." Er hielt hier an, um Athem zu schöpfen. „Das dachte ich," rief Douglas ans; „Robert Bruce wird jetzt der nächtlichen Ruhe pflegen können, va er dem Grafen Pembroke das Gemetzel seiner Freunde und die Zerstreuung seines Heeres im Methuenwalde heimgegeben hat. Seine Leute sind daran gewöhnt, allen Gefahren zu begegnen und dieselben zu überwinden; diejenigen, welche ihm folgen, sind unter Wallace erzogen worden, und nahmen ohnedem Antheil an den Gefahren vom Bruce selbst. Man glaubte, die Wogen hätten sie verschlungen, als sie sich im Westen einschifften; wisset aber, daß Bruce entschlossen war, mit dem Beginn des jetzigen Frühlings seine Ansprüche zu erneuern, und daß er sich nicht aus Schottland zurückziehen wird, so lange er lebt und so lange noch ein einziger Lord übrig ist, um seinem Fürsten zur Seite zu stehen, aller Gewalt zum Trotz, welche so verrätherisch gegen ihn angewandt wurde." „Die Sache ist nur zu wahr," sagte der Walliser Mere- dith, „wenn auch ein stolzer Schotte uns dies verkünden mag. Da Graf von Pembroke gänzlich geschlagen, vermag er nicht, Ayr zu verlassen, wohin er sich mit großem Verluste zurückgezogen hat; er sendet Sir John de Walton seine Verhal- tungsbefehle, daß er für die Uedergabe des Schlosses Douglas die möglichst besten Bedingungen zu erhalten suchen möge, da er sich auf seine Unterstützung nicht mehr verlassen kann." 320 Die Schotten, welche diese unerwartete Nachricht vernahmen, ließen vereint einen so lauten und kräftigen Ausruf erschallen, daß die Ruinen der alten Kirche zu wanken und die Häupter der dort dicht Gedrängten mit dem Einsturz zu bedrohen schienen. De Walton's Stirne verfinsterte sich bei der Nachricht von Pembroke's Niederlage, obgleich sie ihm in einiger Hinsicht Freiheit crtheilte, Maßregeln zur Sicherheit der Lady Berkeley zu treffen. Er konnte jedoch nicht mehr Anspruch auf dieselben ehrenvollen Bedingungen machen, die ihm Douglas angeboten hatte, bevor die Nachricht der Schlacht von Lvudonhill angelangt war. „Edler Ritter," sagte er, „es ist Euch jetzt anheimgegeben, die Bedingungen für die Uebcrgabe Eures Familicnschloffes vorzuschreiben; auch besitze ich jetzt nicht mehr ein Recht auf diejenigen, welche Eure Großmuih mir vor Kurzem antrug. Ich unterwerfe mich meinem Schicksale. Welche Bedingungen Ihr auch mir gewähren mögt, so muß ich Euch mein Schwert überreichen, dessen Spitze ich jetzt zur Erde als Zeichen senke, daß ich es niemals mehr gegen Euch richten werde, bevor eine paffende Lösung cs mir wiederum zur Verfügung stellt." „Gott behüte," erwiderte der edle James von Douglas, „daß ich solchen Vortheil über den tapfersten Ritter unter den Wenigen annehmen sollte, welche mir den Kampf heiß machten. Ich will das Beispiel des Ritters von Fleming befolgen, welcher ritterlichcrweise seinen Gefangenen einer edlen hier gegenwärtigen Dame überlieferte; in gleicher Weise übertrage ich meine Ansprüche auf die Person des gefürchteten Ritters de Walton der hohen und edlen Lady August« de Berkeley, die, wie ich hoffe, die Annahme einer Gabe von Douglas nicht verschmähen wird, welche.das Schicksal des Krieges in seine Hand gab." Als Sir John de Walton diese unerwartete Entscheidung vernahm, blickte er empor, wie der Reisende, welcher entdeckt, daß die Sonnenstrahlen die Wolken eines Ungewitters durchbrechen und zerstreuen, nachdem dasselbe ihn einen ganzen Morgen begleitet hat. Lady von Berkeley gedachte der Würde, welche ihrem Range geziemte, und bewies der Ritterlichkeit des Douglas ihre Anerkennung. Indem sie eilig die Thränen trocknete, welche ihr wider ihren Willen aus den Augen flößen, so lange die Sicherheit ihres Liebhabers und ihre eigene auf dem ungewissen Ausgang des Zweikampfes beruhte, nahm fie wieder einen Ausdruck an, wie er sich für eine Heldin jener Zeiten eignete, die keine Abneigung gegen die Wichtigkeit und Bedeutung empfand, welche ihr nach der allgemeinen Richtung des Ritterthums jener Zeiten beigelegt wurde. Sie schritt voran, indem sie ihre Gestalt anmuthig, wenn auch bescheiden, in der Stellung einer Dame hielt, welche schon gewohnt war, in Schwierigkeiten, wie den jetzigen, die Entscheidung zu geben, und sprach zur Versammlung in einem Tone, der für die Göttin des Krieges nicht ungeziemend gewesen wäre, wenn dieselbe am Schluß eines an Tobten und Sterbenden reichen Kampfes ihren Einfluß geltend machen würde. „Der edle Lord Douglas," sagte sie, „soll nicht ohne Belohnung das Feld verlassen, welches er auf so edle Weise gewonnen hat. Diese reiche Schnur von Brillanten, welche mein Ahne aus der Beute des Sultans von Trapezunt erhielt, wird geehrt sein, wenn sie unter der Rüstung des Douglas eine Haarlocke der glücklichen Dame trägt, welche Das geführt. Schloß n. and. Erzähl. 21 322 der siegreiche Lord zu seiner Leiterin im Ritterthum angenommen haben wird; und wenn Douglas, bis er die Schnur mit ihrer Locke schmückt, der geehrten Haarlocke, welche dieselbe jetzt trägt, ihre Stellung zu behaupten gestattet, so wird diejenige, auf deren Kopf sie wuchs, es für ein Zeichen halten, daß die arme Augusta de Berkeley ihre Verzeihung für das von ihr begangene Vergehen erhält, daß sie irgend einen sterblichen Menschen zum Kampf mit dem Ritter von Douglas veranlaßte." „Frauenliebe," erwiedcrte Douglas, „wird diese Locke niemals von meiner Brust trennen, die ich bis zum letzten Tage meines Lebens als Sinnbild weiblicher Würde und Tugend tragen werde. Ohne die Rechte des würdigen und geehrten Sir John de Walton verletzen zu wollen, thue ich hiemit allen Männern kund, daß jeder, welcher sagen wird, Lady Augusta de Berkeley habe in dieser verwickelten Angelegenheit anders gehandelt, als es der edelsten ihres Geschlechtes geziemt, eine solche Behauptung mit seiner Lanze gegen James Douglas nach den Regeln des Kampfes vertreten muß." Diese Rede wurde mit Beifall von allen Anwesenden vernommen, und die vom Walliser über die Niederlage des Grafen von Pembroke und dessen Rückzug überbrachte Nachricht versöhnte auch die trotzigsten der englischen Soldaten mit der Uebergabe des Schlosses Douglas. Die Uebereinkunft wegen der nothwendigen Bedingungen wurde schnell abgeschlossen, wodurch die Schotten in den Besitz der Festung nebst Vorräthen an Waffen und Munition jeder Art gelangten. Die Besatzung erhielt freien Abzug mit Pferden und Waffen, um auf dem kürzesten und sichersten Wege nach England zurückzukehren, ohne daß sie Schalen erlitt oder anrichtete. Margaret- von Hautlieu blieb in ihrer Großmut- nicht zurück; der tapfere Ritter von Valence durfte seinen Freund de Walton und Lady Augusta von Berkeley ohne Bezahlung eines Lösegeldes begleiten. Als der ehrwürdige Prälat von Glasgow erkannte, daß die Verwirrung, welche mit allgemeinem Kampf zu enden drohte, einen für sein Vaterland so günstigen Ausgang nahm, begnügte er sich damit, der versammelten Menge seinen Segen zu ertheilen, und sich mit denjenigen seines Gefolges zu entfernen, welche gekommen waren, am Gottesdienste des Tages Theil zu nehmen. Diese Uebergabe des Schlosses Douglas am Palmsonntage des Jahres isv6 war der Beginn einer ununterbrochenen Reihe von Siegen, worin der größere Theil der Festungen und Schlösser Schottlands in die Gewalt derjenigen fiel, welche die Freiheit ihres Landes vertraten, bis endlich die Alles entscheidende Schlacht von Bannockburn geliefert wurde, worin die Engländer die schwerste Niederlage erlitten, welche jemals in ihrer Geschichte berichtet worden ist. Ueber das Schicksal der Personen dieser Geschichte ist nur noch wenig zu sagen. König Edward war über Sir John de Walton heftig erzürnt, daß er das Schloß Douglas übergeben und zugleich seinen eigenen Zweck, die beneidete Hand der Erbin von Berkeley sich gesichert hatte- Die Ritter, denen er die Sache zur Untersuchung übertrug, gaben jedoch ihr Uriheil dahin ab, daß de Walton frei von allem Tadel sei, denn er habe seine Pflicht in vollster Ausdehnung erfüllt, bis die Befehle seines Vorgesetzten ihn zur Uebergabe des gefährlichen Schlosses nöthigten. Eine eigenthümliche Erneuerung des Verkehrs fand einige Monate später zwischen Margareth von Hautlieu und ihrem Liebhaber, Sir Malcom Fleming, statt. Der Gebrauch, welchen die Dame von ihrer Freiheit und der Entscheidung des schotttischen Parlaments machte, welches sie in den Besitz der Güter ihres Vaters setzte, bestand darin, daß sie ihrem abenteuerlichen Geiste und den Gefahren sich hingab, denen ihr Geschlecht sich gewöhnlich nicht unterzieht; die Dame von Hautlicu war nicht allein eine sühne Jägerin, sondern sie soll sogar das Schlachtfeld nicht gescheut haben- Sie blieb den Politischen Grundsätzen treu, welche sie während ihrer Jugend ergriffen hatte; es schien, als ob sie den tapferen Entschluß hege, den Gott Cupido von der Mähne ihres Rosses abzuschütteln , wo nicht ihn von dessen Füßen zertreten zu lassen- Fleming, obgleich er aus der Nähe der Grafschaften Lan- nark und Apr verschwunden war, machte einen Versuch, sich bei Lady Hautlicu zu rechtfertigen; diese jedoch schickte seinen Brief uneröffnet zurück, und blieb allem Anschein nach entschlossen, niemals wieder auf ihr früheres Verlöbniß zurückzukommen. In einer späteren Zeit des Krieges mit England, als Fleming eines Abends nach dem gewöhnlichen Verfahren derer, die Abenteuer suchten, die Grenze durchreiste, ereignete es sich, daß eine auffallend gekleidete Dienerin um den Schutz seines Armes im Namen ihrer Dame nachsuchte, welche, wie sie sagte, spät am Abend von Räubern zur Gefangenen gemacht war, die sie mit Gewalt durch den Wald schleppten. Flemings Lanze wurde natürlich gegen die Mifsethäter eingelegt, und wehe dem, welcher den Stoß derselben empfing; der Erste fiel ohne weiteren Kampf, und ein Anderer erlitt dasselbe Schicksal nach etwas längerem Widerstande. Die Dame, von dem Stricke befreit, welcher ihr die Freiheit, sich zu bewegen, benahm, trug kein Bedenken, sich dem braven Ritter anzuschließen, von welchem sie erlöst war, und obgleich das Dunkel ihr nicht gestattete, ihren alten Liebhaber als Befreier zu erkennen, so mußte sie doch ein williges Ohr dem ^25 Gespräche leihen, als er mit ihr weiter ritt. Er sprach von den gefallenen Räubern, als seien es Engländer, welche ein Vergnügen in Uebung von Unterdrückung und Grausamkeiten gegen reisende schottische Damen übten, deren Sache deßhalb die Kämpfer Schottlands vertreten müßten, so lange Blut in ihren Adern fließe. Er sprach von der Ungerechtigkeit des Nationalkrieges, welcher einen Vorwand für Plane solcher Unterdrückung darbiete, und die Dame, welche soviel von der Einmischung der Engländer in die Angelegenheiten Schottlands gelitten hatte, stimmte bereitwillig mit den Gefühlen überein, welche er über einen Gegenstand aussprach, die sie als unheilvoll zu betrachten so sehr berechtigt war. Ihre Antwort wurde mit der Lebhaftigkeit einer Person gegeben, welche keine Bedenken tragen würde, im Fall die Zeiten ein Beispiel erheischten, sogar mit ihrer Hand die Rechte zu vertreten, für welche ihre Zunge sprach. Im Wohlgefallen über die von ihr ausgedrückten Gedanken und durch einen geheimen Zauber ihrer Stimme getroffen, welcher, einmal dem menschlichen Herzen eingeprägt, durch eine lange Reihe nachfolgender Ereignisse aus der Erinnerung selten vertilgt wird, war er beinahe überzeugt, daß die Töne ihm bekannt seien, und einstens den Schlüssel zu seinen innigsten Gefühlen gebildet hätten. Während der weiteren Reise wurde des Ritters aufgeregter Seelenzustand eher gesteigert als vermindert, Ereignisse seiner frühesten Jugend wurden ihm durch so unbedeutende Umstände wieder vorgeführt, daß dieselben unter gewöhnlichen Umständen gar keine Wirkung auf ihn hätten machen können; die Gefühle schienen denjenigen ähnlich, welche sein früheres Leben ihm aufdrängte, und er hatte sich beinahe eingeredet, daß die Morgenröthe des Tages für ihn der Anfang gleich sonderbaren und außerordentlichen Schicksals sei. 326 Während dieser Aufregung hatte Sir Malcolm Fleming keine Ahnung, daß die Dame, die er bis dahin verschmäht hatte, ihm wiederum nach Jahren der Trennung zugeführt war; noch weniger war er, als die Morgcnröthe ihm einen theilweisen Anblick des Antlitzes seiner schönen Gefährtin gestattete, zu dem Glauben vorbereitet, daß er wiederum sich als Ritter der Margareth von Hautlieu bezeichnen konnte, wie cs wirklich der Fall war. Die Dame, als sie sich an jenem ereignißvollen Morgen aus der Kirche von Douglas zurückzog, hegte nicht den Entschluß, wie es auch bei keiner Dame der Fall sein wird, auf die Schönheit, welche sie einmal besessen, chue Bemühung zu deren Wiedererlangung, zu verzichten. Eine Behandlung von geschickten Händen während eines längeren Zeitraums hatte mit Erfolg die Narben beseitigt, welche als Zeichen ihres Sturzes zurückgeblieben waren. Dieselben waren beträchtlich verwischt, und das verlorne Organ des Gesichtes schien nicht länger eine bedeutende Entstellung zu sein, denn es wurde durch ein schwarzes Band und die Künste ihrer Kammerfrau versteckt, welche dasselbe durch eine Haarlocke bedeckte. Kurzum, er sah dieselbe Margareth von Hautlieu fast mit derselben Art des Ausdrucks wieder, wie ihn ihr Antlitz, dem hoben und leidenschaftlichen Charakter ihrer Seele gemäß, stets gezeigt hatte.. Beiden schien es dcßhalb, daß ihr Schicksal, als es sie nach einer scheinbar so entscheidenden Trennung wieder zusammenführte, ihnen seinen Entschluß verkünde, wornach sie unzertrennlich sein sollten. Zur Zeit, als die Sommersonne hoch am Himmel stand, ritten die beiden Reisenden, von ihrem Gefolge abgesondert, zusammen und unterhielten sich mit einem Eifer, welcher andeutete, daß sie wichtige Gegenstände besprachen. Kurz darauf ward es in Schottland 327 allgemein bekannt, daß Sir Malcom Fleming und Lady Margaietb de Hautlicu sich am Hofe des guten Königs Robert vermählen würden, und daß der Gatte mit den Ehren von Biggar und Cumbernauld belehnt werden solle — einer Grafschaft, die im Besitz der Familie Fleming so lange verblieben ist. Dem freundlichen Leser wird hier mitgetheilt, daß dies wahrscheinlich die letzten Dichtungen sein werden, welche der Verfasser dem Publikum vorlegt. Er steht jetzt im Begriff, fremde Länder zu besuchen; ein Kriegsschiff ist von seinem königlichen Herrn dazu bestimmt, den Verfasser des Waverley in fremde Klimate zu führen, in welchen er möglicherweise eine solche Herstellung seiner Gesundheit erlangen wird, daß er seinen Lebensfaden bis zu dessen Beendigung in seinem eigenen Vaterlande fortspinnen kann. Hätte er seine literarischen Arbeiten fortgesetzt, so ist es wirklich wahrscheinlich, daß der Krug, um die nachdrucksvolle Sprache der heiligen Schrift zu gebrauchen, schon jetzt an der Quelle zerbrochen wäre. Niemand, der einen ungemeinen Theil des unschätzbarsten weltlichen Glückes genossen hat, ist zu Klagen berechtigt, wenn sein Leben, dem Schluffe nahe, das gewöhnliche Verhältniß von Schatten und Stürmen darbietet. Dieselben haben ihn wenigstens in einer nicht schmerzhafteren Weise getroffen, als eine solche von der Abstattung der Schuld der Menschheit unzertrennlich ist. Von denjenigen seiner Freunde, auf deren Mitgefühl er jetzt rechnen könnte, sind viele schon todt, und andere, welche ihm auf seiner Leidensreise folgen werden, können mit gutem Recht von ihm erwarten, daß er ein Beispiel der Festigkeit und Geduld gebe, um so mehr, als er während seiner Pilgerschaft keinen geringen Thcil von Glück genossen hat. Das Publikum hat Ansprüche auf seine Dankbarkeit, welche der Verfasser des Waverlcy in der geziemenden Weise nicht auszusprechen vermag; es sei ihm jedoch die Hoffnung gestattet, daß sein Geistesvermögcn, wie es sich jetzt noch befindet, zugleich mit seinem Körper ausdauern werde, und daß er seinen Freunden, wenn auch nicht ganz in der früheren Weise, doch in einem Zweige der Literatur wieder begegne, welcher jene Bemerkung von ihm ferne halten mag, „daß ein Veteran der Bühne überflüssig ist, wenn er noch immer in seinen alten Tagen auf derselben erscheinen will." AbbotSfvrd, September 1831 . Die Chronik von Canongate Vorwort. Die früheren Romane des Verfassers wurden bekanntlich ohne Nennung seines Namens, unter der Bezeichnung „Berfas- ser des Waverley" herausgegeben; die Umstände, welche es für denselben unmöglich machten, sein Jncögnito länger zu bewahren, wurden 182? in der Einleitung zur Chronik von Canongate mitgetheilt, welche außer einer biographischen Skizze des fingirten Erzählers „die Wittwe des Hochlandes," „die zwei Viehtreiber" und „die Tochter des Wundarztes" enthielt. Ich habe vielleicht bei früheren Gelegenheiten genug von dem Unglück gesagt, welches mich zur Niederlegung der Maske bewog, unter welcher ich mich der Gunst des Publikums so lange erfreut habe. Durch den Erfolg dieser literarischen Bemühungen war ich in den Stand gesetzt worden, meinen Neigungen nachzugehen, wie man sie bei einem auf dem Lande lebenden Manne meines Standes voraussetzen kann. In der 330 Feder des namenlosen Romandichters schien ich gleichsam die geheime Quelle von Goldstücken und Perlen zu besitzen, welche das Mährchen des OrieniS dem Reisenden gewährt. Niemand glaubte, daß ich ohne albernen Unbedacht meine , persönlichen Ausgaben beträchtlich über die Gränze hinaus dehnen würde, die ich mir für den Fall hätte setzen müssen, wären meine Mittel auf ein ererbtes Einkommen und auf den mäßigen Ertrag von Berufsgeschäften beschränkt gewesen, ich kaufte, baute und pflanzte, und galt bei mir selbst, sowie bei der übrigen Welt, als der sichere Besitzer eines nicht unbeträchtlichen Vermögens. Mein Reicht-um jedoch, wie so mancher anderer dieser Welt, war Zufälligkeiten ausgesetzt, unter welchen cs ihm zuletzt beschieden war, Flügel zu bekommen und hinwegzufliegen. Das Jahr 1825 , welches so vielen Zweigen des Handels und der Industrie nachtheilig war, verschonte auch nicht den Buchhandel;- ein plötzlicher Verlust, welcher so manchen Buchhändler traf, mußte eine Firma erschüttern, welche sich in ausgedehnter Weise in die Geschäfte dieses Standes eingelassen hatte. Kurzum, ich fand mich beinahe, ohne die geringste Ahnung in das Unglück jener Zeit verwickelt und mußte den Forderungen von Gläubigern, an ein mit mir schon lange in Verbindung siebendes Handels-Etablissement für 120,000 Pfund Sterling Genüge thun. Da der Verfasser, wenn auch unbesonnen, Bürgschaft für die Zufälle von Handels-Compagnien geleistet hatte, so ziemte es ihm natürlich die Folgen seines Benehmens auf sich zu nehmen, und er überlieferte deßhalb auch sogleich jedes Eigenthum, das er sein zu nennen gewohnt gewesen war, den Gläubigern, von welcher Art auch seine Gefühle dabei sein mochten. Dasselbe wurde Herren übergeben, deren Recht- 331 schaffenheit, Klugheit und Einsicht mit aller nur möglichen Rücksicht und Charaktergüte verbunden war, und welche bereitwillig ihren Beistand zur Ausführung von Plänen boten, von deren Erfolg der Verfasser die endliche Beseitigung seiner Verlegenheiten erwartete; dieselben waren solcher Art, daß er ohne diesen Beistand wenig Aussicht zu Durchführung derselben gehabt hätte. Unter andern Hülfsmitteln befand sich auch die vollständige Herausgabe seiner Romane; da der Verfasser aber seine Feder weiterhin so lange zu üben gedachte, als der Geschmack seiner Landsleute seinen Bemühungen Beifall geben würde, so hielt er es für Ziererei, ein neues Inkognito anzunehmen. Somit wurde auch folgender persönliche Bericht der Chronik von Canongate, als eine Art Vorrede, vorangedruckt. Alle diejenigen, welche mit der früheren Geschichte der italienischen Bühne bekannt sind, werden sehr wohl wissen, daß Arlechino in seiner ursprünglichen Auffassung kein Wun- derthäter mit seinem hölzernen Schwerte, sowie auch keine Person wie auf unserem Theater war, welche aus dem Fenster und in dasselbe hinein, springt, sondern, daß er, wie auch seine bunte Jacke zeigt, die Rolle eines Tölpels oder Narren spielte, dessen Mund, nicht wie bei uns ewig geschloffen, sondern mit Sticheleien, Schwänken und witzigen Einfällen gefüllt war, die sehr oft aus dem Stegreif gegeben wurden. ES ist schwierig nachzuweiscn, wie er in den Besitz seiner schwarzen Maske gelangte, welche ursprünglich dem Gesicht einer Katze glich; es scheint jedoch, daß die Maske eine wesentliche Bedingung für die Darstellung der Rolle war, wie aus folgender Theater-Anekdote erhellt: Ein Schauspieler des italienisches Theaters auf dem Foir de St. Germain in Paris, war wegen seines kecken und un- 332 gemeinen Witzes, wegen seiner glänzenden Einfälle und glücklichen Antworten berühmt, womit er gelegentlich die Rolle des Spaßmachers in bunter Jacke würzte- Einige Kritiker, deren gute Absicht in Bezug auf den Lieblingsschauspieler größer war, als ihr Urtheil, machten demselben, einem Lieblinge des Publikums, Vorstellungen über seine seltsame Maske. Sie gingen dabei schlau zu Werke, indem sie bemerkten, daß sein klassischer und attischer Witz, sein feiner Humor, seine glücklichen Wendungen des Dialogs, in gemeiner Weise possenhaft durch diese sinnlose und sonderbare Verkleidung würden; alle seine Eigenschaften würden bei weitem mehr Eindruck erregen, wenn der Geist seines Auges und der Ausdruck seiner natürlichen Ge- fichtszüge denselben zu Hülfe kämen. Die Eitelkeit des Schauspielers wurde in so weit erregt, daß er sich zu einem Versuch verleiten ließ, er spielte den Harlequin ohne Maske, worauf das ganze Publikum der Meinung war, er sei damit durchgefallen. Er hatte nämlich die Kühnheit, welche ihm das Bewußtsein seines Jncognito ertheilte, und damit das ganze kecke Spiel seiner Scherze verloren, wodurch seinem ursprünglichen Spiel so viel Lebhaftigkeit ertheilt war. Er verfluchte seine Rathgeber und nahm wieder seine groteske Maske an; wie aber berichtet wird, vermochte er niemals wieder sich die sorglose und glückliche Leichtigkeit anzueignen, welche das Bewußtsein der Verkleidung ihm ertheilte. Vielleicht befindet sich der Verfasser des Waverley jetzt in derselben Gefahr, und setzt seine Beliebtheit dadurch auf's Spiel, daß er sein Jncognito bei Seite legt. Dieß Verfahren ist jedoch nicht bei mir, wie beim Harlequin, freiwillig, denn ich hegte ursprünglich die Absicht, während meines Lebens, diese Werke niemals anzuerkennen. Die Original- Manuskripte wurden sorgfältig aufbewahrt, obgleich eher durch die Sorgfalt Anderer als durch die meinige, um als nothwen- diges Zeugniß der Wahrheit zu dienen, wenn die Zeit meines Todes eintreten würde. Da jedoch die Angelegenheiten meiner Buchhändler unglücklicherweise in die Leitung Anderer übergingen, so befaß ich nicht länger ein Recht, auf Heimlichkeit zu bestehen; und somit mußte ich, wie Tante Dinah im Tristram Shandy, meine Maske, als sie etwas abgetragen am Kinn wurde, gutwillig ablegen, wenn ich nicht wollte, daß sie mir in Fetzen vom Gesichte fiele. Ich hatte jedoch nicht die geringste Absicht, die Zeit und den Ort zu wählen, wo die Enthüllung geschehen sollte; noch hatte ich eine Verabredung mit meinem gelehrten und geachteten Freunde, Lord Meadowbank, bei dieser Gelegenheit getroffen. Am 23. Februar 1827 wurde die Mittheilung bei einem öffentlichen Gastmahle in Edinburg gemacht. Bevor wir uns zu Tische setzten, fragte mich der Lord, ob ich mein Jncognito, hinsichtlich der Waverlcy-Novellen, bewahren wolle. Ich erkannte nicht sogleich die Bedeutung der Frage, obgleich ich dieselbe mir hätte denken können und erwiderte: Mir sei die Sache gleichgiltig, da das Geheimniß schon so vielen Leuten bekannt geworden sei. Lord Meadowbank wurde dadurch veranlaßt, beim Ausbringen meiner Gesundheit etwas über die Erzählungen zu sagen, wobei er dieselben mit mir, als dem Verfasser, in solche Verbindung setzte, daß ich durch mein Stillschweigen entweder der wirklichen Autorschaft überführt, oder des noch größeren Verbrechens verdächtig hätte werden muffen, ich wolle ein Lob mir erringen, auf das ich keinen gerechten Anspruch besitze. So wurde ich plötzlich und unerwartet zum Bekenntniß genöthigt und konnte nur bedenken, 334 daß ich zu demselben durch eine freundschaftliche Hand geleitet sei und vielleicht keine bessere Gelegenheit finden könne, um eine Verkleidung abzulcgen, die derjenigen einer erkannten Maske zu gleichen begann. Ich mußte mich deßhalb der zahlreichen und achtbaren Gesellschaft als den alleinigen Verfasser dieser Erzählungen zu erkennen geben, was zu jener Zeit einen Streit von einiger Berühmtheit hätte erregen können, denn einige Bekehrer des Publikums gaben hierüber, mit außerordentlicher Hartnäckigkeit, Versicherungen ihrer eigenen Erfindung. Ich halte es aber weiterhin für nothwendig, zu erklären, daß ich sehr oft, während ich selbst alle Verdienste und Mängel dieser Dichtungen auf mich nehme, Mittheilungen über Gegenstände und Sagen, von verschiedenen Seiten her mit Dankbarkeit angenommen, und dieselben zur Grundlage meiner Erzählungen gebraucht oder in der Form von Episoden eingewoben habe. Besonders muß ich die Güte des Herrn Joseph Train, Oberaufsehers der Accise zu Dumfries erwähnen, welchem ich wegen mancher merkwürdigen Ueberliefcrungen und Umstände von antiquarischem Interesse verbunden bin. Herr Train vervollständigte mir das Material zu den Schwärmern und rief mir wieder meinen Gewährsmann für diesen Roman, jenen Greis, der die Gräber der Märtyrer der presbyteriani- schen Kirche in gutem Stand erhielt, in'S Gedächtniß zurück. Ich hatte übrigens selbst 17S2, eine lange Unterredung mit demselben, als ich ihn bei seiner gewöhnlichen Arbeit antraf. Damals besserte er die Grabsteine der Cvvenanters aus, die währcnv ihrer Gefangenschaft, im Schlosse Dunnottar, gestorben waren, wo Viele zur Zeit von Argyle'S Aufstand eingesperrt wurden. Ihr Gefängniß heißt noch jetzt der Kerker der Whigs. Herr Train gab mir jedoch weit ausgedehntere Kunde über jenen merkwürdigen, Patterson genannten Mann, als ich mir während meines eigenen Gespräches mit ihm verschaffen konnte. Derselbe war, wie ich schon in den Schwärmern erwähnt zu haben glaube, zu Closeburn in Dumfriesshire geboren; wahrscheinlich veranlaßte ihn häusliches Unglück eben sowohl als andächtiges Gefühl zu seinem wandernden Leben. Jetzt sind schon zwanzig Jahre seit Robert Patter- son's Tod verflossen, welcher auf der Landstraße bei Lockerby stattfand, wo man ihn in den letzten Zügen antraf. Der weiße Klepper, der Gefährte seiner Pilgerfahrten, stand an der Seite seines sterbenden Herrn, und der ganze Auftritt war der Darstellung eines geschickten Malers würdig. In einer andern Schuld, die ich mit Freuden anerkenne, bin ich gegen eine mir früher unbekannte, aber mit mir im Briefwechsel stehende Dame, die selige Frau Goldie. Dieselbe gab mir die Geschichte des aufrichtigen und charakterfesten Mädchens, welches ich im Kerker von Edinburg Jeanie Deans genannt habe. Der Umstand, daß sie das Leben ihrer Schwester durch einen Meineid zu retten sich weigerte, und daß sie eine Pilgcrschaft nach London unternahm, um durch Vermittlung des Herzogs von Argple die königliche Gnade für die Verurtheilte zu erlangen, sind von meiner schönen Correspondentin als wahre Begebenheiten geschildert. Ich kam dadurch auf den Gedanken, die Theilnahme für die Heldin meines Romans, durch alleinigen Seclenadel der Grundsätze, nebst gesundem Menschenverstand, Anspruchslosigkeit und reinem Gemüth zu erwecken, ohne Schönheit, Talent, Witz, Anmuth und Erziehung in Anspruch zu nehmen — Eigenschaften, auf welche eine Romanheldin, nach der öffentlichen Meinung, sonst ein Recht hat. Wurde das Bild mit Interesse vom Publikum ausgenommen, so bin ich mir bewußt, daß ich dicß der Wahrheit und Kraft der ursprünglichen Skizze, nach einer wirklichen Begebenheit, verdanke, und ich bedaure, daß ich dieselbe dem Publikum nicht darbieten darf. Alte und seltene Bücher, sowie eine beträchtliche Sammlung von Familiensagen, öffneten mir einen weiteren Steinbruch für meine Bauten und zwar einen so ergiebigen, daß die Kraft des Arbeiters eher hätte erschöpft werden müssen, als daß ihm das Material ausgegangen wäre. Als Beispiel erwähne ich nur, daß die furchtbare Katastrophe in der Braut von Lammermoor, in einer hohen schottischen Familie wirklich vorgekommen ist. Das weibliche Mitglied derselben, welches mir die traurige Erzählung vor vielen Jahren mittheilte, war eine nahe Verwandte derselben und erzählte sie mir immer mit dem Ausdruck düsterer Heimlichkeit, welche die Theilnahme höher spannte. Sie hatte selbst in ihrer Jugend den Bruder gekannt, welcher dem unglücklichen Opfer zum verhängnißvollen Altäre voranritt; derselbe war damals noch ein Knabe, und dachte beinahe an Nichts weiter, als an sein eigenes schmuckes Erscheinen im Brautzuge, bemerkte aber doch, die Hand seiner Schwester sei feucht und kalt, wie die einer Statue. Es ist unnöthig den Schleier von diesem Auftritt eines Familienunglöcks hinwegzuziehen; auch würde dieß den Repräsentanten des betreffenden edlen Hauses nicht ganz angenehm sein, obgleich das Ereigniß mehr als hundert Jahre alt ist. Ich bemerke nur noch, daß ich blos die Ereignisse nachahmte, allein weder die Mittel hatte, noch die Absicht hegte, die Sitten oder die Charaktere der in der Geschichte wirklich betheiligten Personen zu schildern. Ich erkläre hier überhaupt, daß ich zwar von historischen Personen annahm, daß ihre Schilderung mir frei stehe, daß ich aber nie die Achtung verletzte, welche man dem Privat- 337 leben schuldig ist. Daß Charakterzüge von verstorbenen oder noch lebenden Personen, mit denen ich in Gesellschaft verkehrt hatte, sich meiner Feder aufdrängen mußten, als ich den Wa- verley und die späteren Romane schrieb, versteht stch von selbst. Ich habe aber stets meinen Porträts einen allgemeinen Charakter zu erthcilen gesucht, so daß sie im Ganzen als Produkte der Phantasie, wenn auch nicht ohne Aehnlichkeit mit wirklichen Personen, erscheinen konnten. Ich muß jedoch gestehen, daß meine Versuche in letzterer Hinsicht nicht immer Erfolg hatten. Es gibt Männer, deren Charaktere so eigen- thümliche Zuge darbietcn, daß die Schilderung einer vorherrschenden und in die Augen fallenden Eigenheit, die ganze Person als Einzelwesen euch vorfü-rt. So war z. B. der Charakter von Jonathan Oldbuck im Alterthümler zum Theil auf denjenigen eines alten Freundes meiner Jugend gegründet, welcher mich in das Verständniß des Shakespeare einführte und mir andere unschätzbare Gunstbezeugungen erwies; ich glaubte jedoch die Aehnlichkeit so versteckt zu haben, daß seine Züge von keinem jetzt lebenden Menschen erkannt werden könnten. Jndeß, ich irrte mich und brachte sogar das Geheimniß in Gefahr, worein ich damals meinen Namen zu hüllen wünschte; denn ich erfuhr bald darauf, daß ein sehr achtbarer Herr, einer der wenigen, jetzt noch lebenden Freunde meines Vaters und ein scharfsinniger Kritiker, Lei der Erscheinung des Werkes erklärt habe, er wisse jetzt, wer der Verfasser sei, denn er erkenne im Alterthümler die Spuren vom Charakter eines Mannes, welcher in der Familie meines Vaters ein sehr genauer Freund gewesen sei. Es mag hier noch angeführt werden, daß der gegenseitige Austausch der Großmuth, den ich, als zwischen Waverley Das geführt. Schloß u. and. Erzähl. 22 338 und Oberst Talbot stattfindend, dargestellt habe, in einer wirklichen Thatsache besteht. Die wirklichen Umstände der Anekdote, welche sowohl den Whigs, wie den Torieö zum Lobe gereichen, find in Kurzem folgende: Alexander Stewart von Jnvernahylc, ein Name, den ich ohne die wärmste Anerkennung und Dankbarkeit gegen den Freund meiner Kindheit nicht niederschreiben kann, welcher mich zuerst in die Hochlande, ihre Ueberlieferungen und Sitten eingeführt hat, hatte thätigen Antheil an dem Bürgerkrieg von 1745 genommen. Als er in der Schlacht von Preston mit seinem Clan, den Stewarts von Appine, einen Angriff machte, sah er wie ein Offizier des feindlichen Heeres allein bei einer Batterie von vier Kanonen stand, drei derselben auf die angreifenden Hochländer abfeuerte und dann seinen Degen zog. Jnvernahyle stürzte auf ihn zu und forderte ihn auf, sich zu ergeben- „Niemals Rebellen!" war die unerschrockene Antwort, von einem Hiebe begleitet, welchen der Hochländer mit seiner Tartsche auffing; anstatt aber mit seinem Degen seinem jetzt verthcidigungslosen Gegner niederzuhauen, parirte er damit den Streich einer Streitaxt, welche der Müller seines Gutes, einer seiner Leute und ein grimmig aussehender alter Hochländer gegen ihn führte, den ich noch selbst gesehen zu haben mich erinnere. So überwältigt, übergab Oberstlieutcnant Allan Whitefoord, ein Herr von Rang und Ansehen, sowie auch ein braver Offizier, seinen Degen, zugleich mit Uhr und Börse, welche Jnvernahylc annahm, um dieselben vor der Plünderung seiner Leute zu retten. Nachdem der Kampf vorüber war, suchte Herr Stewart seinen Gefangenen auf; beide wurden von dem berühmten John Roy Stewart einander vorgestellt, welcher den Oberst mit dem Stande dessen, der ihn gefangen genommen hatte, bekannt machte und ihm die Nothwendigkeit sein Ei- genthum zurückzunehmen vorstellte, welches jener in den Händen desjenigen zurückzulaffcn gedachte, dem es während des Kampfes anheim gefallen war. Das Vertrauen zwischen Beiden wurde so groß, daß Jnvernahyle von Karl Edward die Freigcbung seines Gefangenen auf Ehrenwort erlangte; bald darauf besuchte er, nach den Hochlanden zur Aushebung von Leuten ausgeschickt, den Oberst in dessen Hause und verbrachte zwei glückliche Tage mit demselben und seinen whigistischcn Verwandten, ohne daß man von beiden Seiten an das damalige Wüthen des Bürgerkrieges dachte. Als die Schlacht von Cullodcn den Hoffnungen Karl Edwards ein Ende machte, wurde Jnvernahple, verwundet und unfähig sich zu bewegen, durch den treuen Eifer seiner Leute vom Schlachtfelde fortgetragen. Da er aber sich als Jacobit sehr hervor- gethan hatte, wurde seine Familie und sein Eigenthum dem Spstcme rachsüchtiger Zerstörung ausgesetzt, welches nur zu allgemein im Lande der Aufständischen zur Ausführung gebracht wurde. Die Reihe war jetzt an dem Oberst White- foord, seine Bemühungen auf den Retter seines Lebens zu verwenden; er ermüdete alle Militär- und Civilbehördcn mit Gesuchen, um demselben die königliche Gnade zu verschaffen, oder wenigstens um seiner Gemahlin und seiner Familie Schutz zu gewähren. Seine Bemühungen waren lange Zeit vergeblich; wie Jnvernahple sagte, war er auf jeder Liste, als ein schädliches Raubthier bezeichnet. Zuletzt wandte sich Oberst Whitesoord an den Herzog von Cumberland und unterstützte sein Gesuch mit jeder Begründung, woran er nur denken konnte. Als er wiederum eine abschlägige Antwort erhielt, zog er sein Patent aus der Tasche, erwähnte einiges über die Dienste, die er selbst und seine Familie dem Hause 3-40 Hannover erwiesen habe und bat um seinen Abschied, da man ihm nicht erlaube, seine Dankbarkeit dem Herrn zu erweisen, welchem er sein Leben verdanke. Der Herzog über diesen ernstlichen Entschluß betroffen, bat ihn, sein Patent zu behalten, und gewährte den für die Familie von Jnvernahyle nachgcsuchten Schutz. Der Häuptling selbst lag in einer Höhle, in der Nähe seines eigenen Hauses, versteckt, vor welchem eine kleine Ab- theilung regelmäßiger Truppen ihr Lager ausgeschlagen hatte. Er konnte das Verlesen derselben jeden Morgen, ebenso den Zapfenstreich des Abends vernehmen; er bemerkte sogar jede Ablösung der Schildwachen. Da man vermuthete, er liege in der Nähe seines Eigenthums verborgen, so wurde seine Familie genau beobachtet, und zur äußersten Vorsicht, um ihn mit Nahrung zu versehen, gezwungen. Eine seiner Töchter, ein acht- oder zehnjähriges Kind, wurde dazu als die Mittelsperson gebraucht, welche am wenigsten Verdacht erregen würde. Sie gab unter vielem Andern ein Beispiel, daß Noth und Gefahr eine frühzeitige Schärfe des Verstandes erzeugt; sie machte sich mit den Soldaten bekannt, bis sie so vertraut mit ihnen wurde, daß ihr Hin- und Hergehen nicht weiter deren Aufmerksamkeit erregte; sie pflegte in der Nähe umher zu schweifen und die wenige Nahrung, welche sie zu ihrem Zweck mit sich führte, unter einem auffallenden Stein oder einer Baumwurzel zu verstecken, wo ihr Vater dieselbe finden könnte, wenn er des Nachts aus seinem Versteck herauskröche. Die Zeiten wurden milder, und mein trefflicher Freund wurde durch die Amnestieakte errettet. Dieß ist die interessante Geschichte, die ich vielleicht durch die Art meiner Erzählung im Waverley eher verschlechtert als verbessert habe. Diesen Vorfall habe ich, nebst noch einigen andern, die meine Romane beleuchten, meinem verstorbenen Freunde, William Erskine, schottischem Richter und titulirtem Lord Kinedder, mitgetheilt, welcher mit zu großer Parteilichkeit, 1817 , meine Romane recenfirte- Der Artikel desselben enthält mehrere andere Erläuterungen zu meinen Werken; wer sich darüber zu belehren sucht, kann in dem Januarhefte von Quarterlh Review 1817 , das Original von Meg Merrilees und, wie ich glaube, von zwei andern Personen desselben Charakters vorfinden. Ich erwähne auch noch, daß die tragischen und wilden Umstände, welche als der Geburt von Allan Mac Aulay vorhergehend, in der Sage von Montrose geschildert werden, sich in der Familie der Stewarts von Ardvoirlich wirklich ereigneten. Die Wette, hinsichtlich der Leuchter, deren Stelle durch hochländische Fackelträger ersetzt war, wurde von einem der Macdonals von Keppoch vorgeschlagen und gewonnen. Es würde jedoch nur wenig Vergnügen bieten, wollte ich aus der Fülle des Erdichteten alle Wahrheitskörner -erauslesen- Ehe ich aber diesen Gegenstand verlasse, mögen noch einige Anspielungen über die Oertlichkeitcn in diesen Romanen hinzu- gcfügt werden. So steht z. B. Wolfshope für Fastcastle in Berwickshire—Tillietudlem für Draphane in Clydesdale—und das Thal, welches im Kloster Glendearg heißt, für dasjenige des Flusses Allan oberhalb Somerville's Villa bei Melrose. Ich kann hier nur sagen, daß ich in diesen und andern Beispielen keinen bcsondern Platz beschreiben wollte; die Aehn- lichkeit muß also derjenigen allgemeinen Art sein, welche zwischen Gegenden desselben Charakters stattfindet. Die schroffe Küste Schottlands hat auf ihren Vorgebirgen an fünfzig Schlösser wie Wolfshope; jede Grafschaft hat ein Thal, welches demjenigen im Kloster mehr oder weniger gleicht; wenn Schlösser wie Tillietudlem oder Wohnsitze wie derjenige des 342 Barons von Bradwardine gegenwärtig weniger häufig Vorkommen, so beruht dieß auf der Zerstörungswuth, welche so viele Denkmale des Alterthums entfernt oder zu Grunde gerichtet hat, wenn dieselbe durch ihre unzugängliche Lage nicht geschützt waren. Die Stellen aus Gedichten, welche vor den Anfang der Kapitel gesetzt wurden, find entweder nachgeschlagen oder aus dem Gedächtniß citirt, oft aber bloße Erfindungen. Es war mir zu mühsam in der Sammlung brittischer Dichter immer nachzulesen, um paffende Motto's aufzufinden; wie der Maschinenmeister eines Theaters, welcher bei Darstellung eines Schneegestöbers braunes Papier regnen ließ, als ihm das weiße ausgegangen war, entnahm ich die Stellen aus meinem Gedächtniß so weit es ging, und half mir mit Erfindung, als mir dasselbe nichts weiter lieferte- Ich glaube, daß es bisweilen nutzlos ist, die Stellen in den Werken der Dichter aufzusuchen, wenn ich einen Namen darunter gesetzt habe. Bisweilen habe ich über den Ilmstand gelacht, daß bedächtige Schriftsteller sich vergeblich abmühten, um Stanzen nachzusuchcn, für welche allein der Romanschreiber verantwortlich war. Da ich mich nun einmal im Beichtstühle befinde, so kann der Leser von mir erwarten, daß ich ihm die Beweggründe darlcge, weßhalb ich so lang die Rechte des Verfassers bei meinen Schriften zurückwies. Hierauf kann ich schwerlich eine andere Antwort geben, als die des Korporals Npm — es war damals die Laune oder der Eigensinn des Verfassers. Ich hoffe, man wird es mir nicht als Undankbarkeit gegen das Publikum auslegen, dessen Nachsicht mehr als mein eigenes Verdienst mich so lang meine Kaltblütigkeit bewahren ließ, wenn ich gestehe, daß ich gegen Erfolg, wie 343 gegen Durchfallen als Schriftsteller gleichgültiger bin als Andere, welche die Leidenschaft nach literarischem Ruhm vielleicht deßhalb mehr empfinden, weil ste desselben würdiger find. Erst nach Erreichung des dreißigsten Jahres, machte ich ernstliche Versuche, mich als Schriftsteller auszuzeichnen, also zu einer Lebenszeit, worin die Hoffnungen und Wünsche der Menschen gewöhnlich einen entscheidenden Charakter angenommen haben und sich nicht rasch und leicht in einen neuen Kanal leiten lassen. Ms ich die Entdeckung machte — für mich war es eine solche — daß ich durch die mir selbst zum Vergnügen dienende Schriftstellern zugleich Andern Vergnügen schaffen könne, — als ich ferner bemerkte, daß literarische Beschäftigungen einen beträchtlichen Thcil meiner Zeit in Anspruch nehmen würden, empfand ich Besorgniß, daß ich diejenigen Gewohnheiten der Eifersucht und Empfindlichkeit annchmen könnte, welche sogar den Charakter großer Schriftsteller entwürdigten, und sie durch ihre Reizbarkeit, sowie ihre Zänkereien zum Gelächter der Welt machten. Ich beschloß deßhalb meine Brust mit dreifachem Erze zu schützen, und so viel wie möglich meine Gedanken und Wünsche von literarischem Erfolge abzuwenden, damit ich nicht meinen eigenen Seelenfrieden und meine Ruhe durch Vereitlung meiner Erwartungen in Frage stelle. Es wäre entweder einfältige Gefühllosigkeit oder lächerliche Ziererei, wollte ich meine Unempfindlichkeit gegen öffentlichen Beifall aussprechen, wenn ich mit den Zeugnissen desselben beehrt wurde; noch höher schätze ich die Freundschaft, welche einige vorübergehende Berühmtheit beim Publikum, mit Männern abzuschlicßen mich befähigte, die sich durch Talente und Geist am meisten auszeichnen — eine Freundschaft, von welcher ich hoffe, daß sie jetzt auf einer festeren Grundlage als 344 die Umstände ruht, denen sie ihre Entstehung verdankt. Indem ich jedoch alle diese Vortheile nach Pflicht und Gebühr zu schätzen weiß, kann ich ausrichtig erklären, daß ich nach meiner Meinung nur mit Mäßigkeit den berauschenden Becher kostete, und daß ich weder im Gespräch noch im Briefwechsel Verhandlungen über meine literarischen Beschäftigungen er- muthigtc. Im Gegentheil haben solche Materien der gegenseitigen Unterhaltung, sogar wenn sie aus Beweggründen, welche mir sehr schmeichelhaft waren, angeregt wurden, mich immer in Verlegenheit gebracht und sind mir unangenehm gewesen. Ich habe jetzt mit Offenheit meine Beweggründe zur Verschweigung meines Namens mitgetheilt, soweit ich mir bewußt bin, welche zu haben, und das Publikum wird mir den Egoismus der Darlegung von Einzelnheiten verzeihen, da dieselbe not-wendig damit verknüpft ist. Der Verfasser ist auf der Bühne erschienen und hat dem Publikum seine Verbeugung gemacht. Bis dahin ist sein Benehmen eine Aeuße- rung der Achtung. Wollte derselbe länger auf der Bühne verweilen, so würde er sich dem Publikum aufdrängen. Ich wiederhole hier nur, daß ich mich selbst für den einzigen und von Andern nicht unterstützten Verfasser der Romane erkläre, welche als die Werke des „Verfassers von Waverlev" herausgegeben wurden. Ich thue dieß ohne Scham, denn ich bin mir nicht bewußt, daß ihnen in Bezug auf Moral oder Religion irgend ein Vorwurf gemacht werden kann. Ich gebe mich dabei auch keinem Gefühl des Triumphes hin, von welcher Art auch ihr augenblicklicher Erfolg gewesen ist, denn ich weiß wohl, wie sehr ihr Ruf vom Eigensinn der Mode abhängt; letzteres blieb immer ein Grund, weßhalb ich niemals begierig war, nach dem Besitz zu greifen. 345 Vor dem Schluß ist noch zu erwähnen, daß wenigstens zwanzig Personen wegen ihres freundschaftlichen Verhältnisses zum Verfasser oder aus andern Umständen um das Geheim- niß wußten. Da meines Wissens kein Beispiel vorkam, daß Einer derselben es enthüllte, so bin ich denselben um so mehr verbunden, als der unbedeutende Charakter des Geheimnisses nicht geeignet war, eine große Achtung desselben bei denjenigen, denen man es anvertraut hatte, zu erwecken. Nichtsdestoweniger hegte ich das Vertrauen, daß ich die damit verknüpften Vorthelle stets genießen würde, und wären nicht Ereignisse, die mich zur Enthüllung zwangen, eingetretcn, so würde ich ste nur mit der größten Vorsicht aufgegebcn haben. Was das vorliegende Werk betrifft, so wurde es lange bevor diese Erklärung stattfand, »ersonnen und zum Theil schon gedruckt; ursprünglich sollte es mit einer Erklärung beginnen, daß es weder eine Einleitung noch eine Vorrede erhalte. Dieses lange Vorwort mag jedoch erweisen, wie menschliche Absichten bei den unbedeutendsten, wie bei den wichtigsten Angelegenheiten, durch den Lauf der Ereignisse vereitelt werden. So entschließen wir uns einen starken Strom zu durchschreiten und auf einem gewissen Punkte des gegenüber liegenden Ufers zu landen; allmählig weichen wir der reissenden Fluth und sind zuletzt erfreut, wenn wir vermittelst eines Zweiges oder Busches uns an einem entfernten und vielleicht gefährlichen Landungsplätze, weit unter demjenigen, welchen wir bestimmt hatten, zuletzt vor der Gefahr des Ertrinkens erretten- In der Hoffnung, daß der gütige Leser einem ihm jetzt bekannten Verfasser einen Theil der Gunst erweisen wird, 346 welche er dem verkleideten Kandidaten seines Beifalls nicht versagte, unterschreibe ich mich als sein unterthänigster Diener AbbotSford, l. Oktober 1827. Walter Scott. Solcher Art war der kleine Bericht, den ich im Oktober 1827 drucken ließ; auch habe ich jetzt nicht viel hinzuzufügen. Als ich zum ersten Male in meinem eigenen Namen auftrat, kam ich auf den Gedanken, daß eine Art periodischer Herausgabe nach etwas Neuem aussehe, und ich wollte, wenn ich so sagen darf, die Plötzlichkeit meines persönlichen Auftretens dadurch etwas mildern» daß ich einem erdachten Gehülfen eine wenigstens ebenso bestimmte Existenz ertheilte, als ich dergleichen früher anderen Schatten derselben Art gegeben hatte. Natürlich kam es mir nicht in den Sinn, eine wirkliche Person zu meinem Gehülfen zu machen, um den schriftstellerischen Charakter und die Arbeiten mit mir zu theilen. Ich bin lange der Meinung gewesen, daß ein literarischer Pickwick Vergleichungen Hervorrust, wcßhalb er mit Recht als gehässig zu bezeichnen und zu vermeiden ist; auch habe ich wirklich die Erfahrung gemacht, daß Versprechungen des Beistandes, in Arbeiten dieser Art, einen weit prächtigeren Anschein haben, als die späteren Leistungen halten können. Ich entwarf deßhalb den Plan einer Unterhaltungsschrift, bei welcher ich, nach Art der englischen Schriftsteller, in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, mich allein auf mich selbst verlassen müsse; obgleich ich mir bewußt war, daß der Augenblick, welcher örtliche Wohnung und einen Namen dem Verfasser des Waverley ertheilte, auch dessen Zauber einer ernstlichen Gefahr ausgesetzt habe, fühlte ich Neigung zur Annahme eines Gedankens, den mein alter Held Montrofe hegte, und sagte mir selbst, daß in der Literatur wie im Kriege Zu sehr befürchtet sei» Geschick Und ist des Werthes boar, Wer stets besorgt um Ruhm und Glück Nie keck im Wagen war. Zu den Einzclnheiten, hinsichtlich des Planes dieser Chronik, welche der fingirte Herausgeber, Herr Croftangry, im zweiten Kapitel mitthcilt, habe ich nur noch hinzuzufügen, daß die Dame, welche in dieser Erzählung Frau Baliol genannt wird, in den Hauptpunkten den interessanten Charakter meiner theuren Freundin, Frau Murray Keith, zeigen sollte, deren kurz zuvor eingetretener Tod einen weiten Kreis mit Be- trübniß erfüllt hatte, welcher sowohl wegen ihrer Tugend und Liebenswürdigkeit des Charakters, als wegen ihrer manchfachen Kenntnisse und der angenehmen Weise, womit sie dieselben mit- zutheilen verstand, große Anhänglichkeit zu ihr hatte- Der Verfasser verdankte wirklich bei vielen Gelegenheiten ihrem lebhaften Gedächtniß einen große» Theil der Unterlage seiner schottischen Dichtungen; sie konnte somit auch schon bei Beginn meines Auftretens als Schriftsteller, mich als den Verfasser sehr leicht erkennen. Hinsichtlich der Skizze von Chrystal Croftangry's eigener Geschichte, wurde der Verfasser beschuldigt, einige nicht artige Anspielungen' auf noch lebende Personen angebracht zu Haben; nach seiner Meinung kann er aber eine solche Beschuldigung leicht übergehen. Die erste der Erzählungen, die Herr Croftangry dem Publikum vorlegt, „die Wittwe des Hochlandes," kommt von der so eben erwähnten Dame, und ist mit Ausnahme weniger hinzugefügter Umstände, deren Einführung ich beinahe zu bedauern geneigt bin, beinahe in derselben Art hier wieder gegeben, wie sie ausgezeichnete alte Dame die Geschichte zu erzählen pflegte. Weder der hochländische Cicerone, noch die ernste Aufwärterin, sind der Einbildungskraft entnommen; als ich nach einigen Jahren meine Erzählung wieder durchlas, und deren Wirkung mit meiner eigenen Erinnerung an die sehr rührende mündliche Erzählung meiner würdigen Freundin verglich, mußte ich empfinden, daß ich deren Einfachheit durch Einschiebungen zerstört hatte> welche ich, als ich sie niederschrieb, ohne Zweifel für Verschönerungen hielt. Die zweite Erzählung, mit dem Titel: „die zwei Viehhändler", verdanke ich einem alten Freunde, und zwar demselben Herrn, der das Original meines Alterthümlers gewesen ist. Derselbe hatte den Assisen in Carlisle beigewohnt und erwähnte selten des ehrwürdigen Richters Anrede an die Geschworenen, ohne Thränen zu vergießen; was einen eigenthümlichen Eindruck machte, weil Thränen auf Gcfichts- zügcn hinunter stoffen, die eher einen sarkastischen, ja cyni- schen Ausdruck hatten. Erstes Kapitel. Des Herrn Chrystal Croftangry's Bericht über sich selbst. „Dies ist der Weg -um Himmel;" so lautet das alte Motto im Wappen von Canongate, welches mit größerer oder geringerer Zweckmäßigkeit an allen öffentlichen Gebäuden, von der Kirche bis -um Schandpfahl in dem alten Stadttheile Edinburgs, eingchauen ist, welcher in demselben Verhältniß zu der guten Stadt, wie Westminster -u London steht oder stand, denn es findet fich dort noch der Palast des Fürsten, wie auch früher der angesehenste Adel dies Stadtviertel durch seinen Wohnsitz beehrte. Ich kann deßhalb mit einiger Zweckmäßigkeit dasselbe Motto an den Anfang einer literarischen Unternehmung setzen, wodurch ich den bisher unbekannten Namen, Chrystal Croftangry, -u verherrlichen hoffe. Das Publikum wünscht vielleicht etwas von einem Schriftsteller zu erfahren, welcher seine ehrgeizigen Hoffnungen so hoch hinauf schraubt. Der gütige Leser mag deßhalb — denn ich bin von der Laune des Capitain Bobadil, und könnte zu keinem andern Zweck so weitläufig von mir reden — der gütige Leser mag also erfahren, daß ich ein schottischer Herr 350 aus der alten Schule bin, mit Vermögen, Temperament und Gestalt, welche sich alle drei nicht so bald abnutzen lassen. Ich kenne die Welt schon vierzig Jahre, denn seit der Zeit konnte ich meinen Namen mit dem Beiworte „ein Mann" unterzeichnen, und wie ich glaube, hat sich die Welt in dieser Zeit nicht gebessert. Diese Meinung aber pflege ich zu verschweigen, wenn ich mich unter jüngeren Leuten befinde; denn ich erinnere mich, daß ich in meiner Jugend die sechszigjähri- gen Herren neckte, wenn dieselben ihre Vorstellungen eines vollkommenen Zustandes der Gesellschaft aus die Tage der Tresscnröcke und der spitzen Manschetten und Einige sogar auf das Blut und die Schläge des Bürgerkrieges von 45 zurücksührten; deßhalb bin ich sehr vorsichtig mit Uebung des Censor-Rechtes, welches bei Männern vorausgesetzt wird, die der geheimnißvollen Lebcnsperiode nahe sind, worin die Zahlen ? und s mit einander multiplizirt, ein Produkt geben, welches die Weisen mit dem Namen des großen Stufenjahrs bezeichnet haben. Von der früheren Zeit meines Lebens brauche ich nur zu sagen, daß ich den bretternen Fußboden des Parlamentshauses mit dem Saume eines Advokatcnrockes während der gewöhnlichen Zahl von Jahren fegte, worin man von jungen Gutsherrn zu meiner Zeit erwartete, daß sie die Termine der Gerichtssitzungen besuchten — daß ich kein Honorar bekam, daß ich lachte, und Andere zum Lachen brachte, daß ich Rothwcin in Baple's, Walker's und der Fortuna Kaffechause trank, und Austern im Covenant-Close verspeiste. Als ich mein eigener Herr geworden war, übergab ich meinen Advokatenrock dem Gerichtspedell zur Aufbewahrung, und begann die Rolle eines Stutzers auf eigene Rechnung. In Edinburg ließ ich mich in die Gesellschaft von Verschwen- 351 dein ein, wie fie die Stadt damals beherbergte. Wann ich mich auf mein Gut in der Grafschaft Lanark begab, suchte ich es reichen Grundbesitzern gleich zu thun, und hielt mir Jäger mit Hühnerhunden der vorzüglichsten Ra?e, sowie auch Kampfhähne und deren Wärter. Diese Thorheiten kann ich mir leichter verzeihen, als einige andern von noch schlimmerer Art, die ich damals so gleichgültig ansah, daß meine arme Mutter genöthigt war, meine Wohnung zu verlassen, und sich in einen kleinen, unbequemen Wohnsitz zurückzuziehen» wo sie bis zu ihrem Tode wohnte. Ich glaube jedoch, daß ich nicht ausschließlich wegen dieser Trennung zu tadeln war, und daß meine Mutter ihre zu große Hast später bereuete. Gott sei Dank, das Unglück, welches mir die Mittel zur Fortsetzung der Verschwendung benahm, gab mir. die Liebe meiner noch lebenden Mutter zurück. Meine Lebensweise konnte nicht lange dauern; ich lief zu schnell um lang laufen zu können; als ich meinen Lauf an- halten wollte, war ich vielleicht dem Abgrunde schon zu nahe gekommen. Einiges Unglück hatte ich mir durch eigene Thor- heit zugezogen, anderes brach unerwartet über mich ein- Ich übertrug mein Gut, um cs zu pflegen, einem fetten Verwalter, welcher das Kind erstickte, das er mir gesund und kräftig hätte zurückbringen müssen; während ich nun mit diesem ehrlichen Herrn in Zank gerieth, erkannte ich wie!ein geschickter General, daß meine Stellung am passendsten gewählt werden würde, wenn ich dieselbe in der Nähe der Abtcy von Holyrood aufschlüge. Damals wurde ich zum erstenmal mit dem Stadtviertel bekannt, welches, wie ich hoffe, die Unsterblichkeit durch mein kleines Werk erlangen wird; ich wurde mit jenen prächtigen Wäldern bekannt, in welchen die Könige Schottlands den Edelhirsch jagten, die 352 aber mir in jenen Tagen mir dadurch empfohlen wurden, daß sie jenen Personen unzugänglich waren, die gleich Gespenstern gefürchtet werden, und die man in dem benachbarten Lande, Haas, Spürhund und Richard Schnüffelnase nennt. Kurzum, die Banngegend des Palastes ist ja als bester Zufluchtsort für solche bekannt, welche wegen der Schuldgesetze des Civilrechtes sich nicht geheuer fühlen. Gewaltig war der Streit mit meinem Verwalter und mir; während dieser Zeit wurden meine Bewegungen, wie diejenigen eines durch Beschwörungen eines Zauberers eingefange- ncn Teufels auf einen Kreis beschränkt, welcher am nördlichen Thore des Parkes beginnt, von dort sich nach Norden wendet, links von der Mauer der königlichen Gärten und einer Straßenrinne in einer Linie beschränkt ist, welche High-Street nach dem Water-Gate zu, durchschneidet und durch die Straßenrinne hindurch gehend, von der Mauer des botanischen Gartens begränzt ist u. s. w. Diese Gränzcn, die ich abgekürzt hier eintheile, umschlossen das Gebiet mit dem Bannrecht von Holprood, welches als Zubehör des königlichen Palastes, das Vorrecht als Aspl für Schuldner behalten hat. Man sollte glauben, der Raum gewähre einem Manne genügende Ausdehnung, seine Glieder darin auszustrecken, da er außer einer beträchtlichen Ebene (in Betracht, daß der Schauplatz in Schottland liegt,) auch den Berg Arthur-Seat und die Felsen und Weiden der sogenannten Salisbury-Craps enthält. Ich kann jedoch meine Sehnsucht nicht ausdrücken, womit ich nach dem Verlauf einer gewissen Zeit den Sonntag erwartete, welcher mir die Ausdehnung eines Spaziergangs ohne Beschränkung erlaubte. Während der andern sechs Wochentage empfand ich eine Herzenskrankheit, die ich ohne die Annäherung des siebenten Frei- -eitstagcs kaum hätte auöhalten können. Ich empfand die Ungeduld eines Bullenbeißers, welcher vergeblich an der Kette zerrt, um den Spielraum, welche sie ihm gestattet, auSzudehnen. Jeden Tag ging ich an der Seite der Straßenrinne spazieren, welche das Heiligthum von dem vorrechtsloscn Theile Canongate's absondert; obgleich es Mitte Sommers war und der Schauplatz in der alten Stadt Edinburg, zog ich denselben doch der frischen Luft und dem grünen Rasen vor, die ich im Park oder unter dem kühlen und feierlichen Dunkel des Säulenganges hätte genießen können, welcher den Palast umgibt. Einer gleichgültigen Person hätten beide Seiten der Straßenrinne ziemlich gleich sein können; denn die Häuser find in gleicher Weise schlecht, die Kinder zerlumpt und schmutzig, die Fuhrleute grob, und das Ganze bietet dasselbe Bild des Lebens niederer Stände in einem wenig bewohnten und verarmten Viertel der großen Stadt. Für mich aber war die Straßenrinne ein Bach Kidron; der Tod war jenem Manne als Strafe verkündet, wenn er ihn überschreiten würde, ohne Zweifel, weil die Weisheit dessen, welcher das Urtheil aussprach, vorhergesehen hatte, daß der Wunsch des dem Unglück Geweihten, das Verbot zu überschreiten, unwiderstehlich sein würde, sobald das Hinderniß den Strom zu überschreiten entfernt wäre; derselbe werde dann sicherlich auf sein Haupt die Strafe Herabrufen, welcher er schon mit Recht verfallen war, weil er den.Gesalbten des Herrn verfluchte. Was mich betrifft, so schien sich das ganze Elysium auf der andern Seite des Abzugskanals zu eröffnen, und ich beneidete die Straßenjungen, welche den Strom mit ihren Dämmen von Koth aufhaltcnd, ein Recht besaßen, auf jeder Seite der schmutzigen Lache nach Belieben zu stehen. Ich war sogar so kindisch, daß ich gelegentlich einen Streifzug Das gefährd Schloß ». and. Erzähl, 23 354 über die Pfütze hinaus, wenn auch nur auf wenige Ellen machte, und dabei das Siegesgefühl eines Schulknaben empfand, welcher in einen Obstgarten eindringt, und mit klopfendem Herzen voll Freude und Schrecken wieder zurückläuft, , indem seine GemüthSbewegungcn zwischen dem Vergnügen seinen Zweck erreicht zu haben und der Besorgniß in der Schwebe sind, daß man ihn einfangen oder entdecken werde. Ich hatte mir bisweilen die Frage vorgelegt, was ich im Fall einer wirklichen Gefangcnsetzung thun würde, da ich nicht einmal eine Beschränkung ertragen konnte, welche verhältniß- mäßig so unbedeutend ist; ich konnte jedoch die Frage niemals zu meiner Zufriedenheit beantworten. Ich habe mein ganzes Leben lang die verrätheriscben Auskunftsmittel gehaßt, welche man die goldene Mittclstraße zu nennen pflegt, und vielleicht hätte ich bei dieser Stimmung eine gänzliche » Freiheitsberaubung geduldiger ertragen, als die weit gemäßigteren Einschränkungen, denen meine Wohnung im Heiligthum mich aussetzte. Hätten sich jedoch die Gefühle, die ich in Bezug auf ein Gefängniß und meinen wirklichen Zustand damals hegte, in ihrer Kraft gesteigert, so hätte ich mich hängen oder zu Tode grämen muffen; eine andere Wahl wäre mir nicht geblieben. Unter den vielen Bekannten, die mich natürlich vergaßen und vernachläßigten, als meine Schwierigkeiten unentwirrbar schienen, besaß ich einen wahren Freund, und dieser Freund war ein Advokat, welcher die Gesetze seines Vaterlandes genau kannte, sie zum Geist der Billigkeit und Gerechtigkeit, , woraus sie entstanden, zurückführte, und zu wiederholten Malen durch wohlwollende Bemühungen den Sieg der selbstsüchtigen List über Einfalt und Thorheit verhinderte. Er übernahm meinen Prozeß mit Hülfe eines Sachwalters, welcher einen t 355 Charakter hatte, der dem seinigen ähnlich war. Mein Verwalter hatte sich bis an das Kinn mit gesetzlichen Laufgräben, Hornwerken und bedeckten Wegen verschanzt; allein die Bomben meiner zwei Beschützer vertrieben ihn aus seinen Verthei- digungswerken, und ich wurde zuletzt ein freier Mann, der nach Belieben gehen oder bleiben konnte. Ich verließ meine Wohnung so hastig als sei sie ein Pesthaus; ich blieb nicht einmal lange genug, um ein kleine Münze in Empfang zu nehmen, die ich bei der Abrechnung mit meiner Wirthin noch hcrausbekam, und sah, wie die arme Frau in der Thür stehend, meiner eiligen Flucht nachsah, den Kopf schüttelte und die Silbermünze, die sie mir herauszugeben hatte, in ein besonderes Papierstück, abgesondert vom übrigen Inhalt meines Geldbeutels aus Maulwurfsfcll einwickelte. Janet Mac Evoy war eine ehrliche Hochländerin, welche eine größere Belohnung verdiente, hätte ich dieselbe ihr zu geben vermögt. Jedoch mein Eifer im Entzücken war zu groß, als daß ich hätte bleiben können, um der Janet eine weitere Erklärung zu geben. Ich drängte mich durch die Gruppen der Kinder, bei deren Spielen ich so oft ein muffiger Zuschauer gewesen war. Ich sprang über den Rinnstein, als wäre er der verhängnißvolle Styr und ich ein Geist gewesen, welcher der Herrschaft Plutos entwischend, sich auf die Oberwelt durchstchlen könne. Mein Freund hatte einige Mühe mich zurückzuhalten, damit ich nicht wie ein Verrückter die Straße hinabliefe; ungeachtet seiner Güte und Gastfreund- schast, durch welche ich einige Tage vergnügt zubrachte, empfand ich aber nicht eher das Gefühl des Glückes, als bis ich mich an Bord eines Fahrzeuges befand, und den Frith mit gutem Winde hinab fahrend, mit meinen Fingern den zurückweichenden Umrissen von Arthur's-Seat ein Schnippchen, 23 " 356 schlagen konnte, nachdem ich in dessen Nähe so lange eingesperrt gewesen war. Es ist hier nicht mein Zweck, mein späteres Leben darzustellen. Aus dem Dorngedüsch, aus dem Dickicht des Gesetzes , hatte ich mich herausgewunden, oder war vielmehr von meinen Freunden daraus errettet worden; ich hatte jedoch, wie das Schaf in der Fabel, einen großen Theil meiner Wolle zurück- lassen müssen. Jndeß war mir noch einiges übrig geblieben; ich befand mich im Alter der Thätigkeit und, wie meine gute Mutter zu sagen pflegte, findet fick Lebensunterhalt immer für lebendige Leute. Die strenge Noth erthcilte meinem Mannesalter die Klugheit, welche meiner Jugend fremd gewesen war. Ich blickte der Gefahr in's Auge, ich dauerte Strapazen aus, besuchte fremde Klimate und bewies, daß ich dem Volke angehöre, welches Mühen erträgt und Leben verschwendet, wie » kein zweites. Eine unabhängige Lage kam spät wie die Freiheit dem Hirten Virgils; fie kam aber doch zuletzt, zwar nicht mit großem Ueberfluß im Gefolge, allein mit genügenden Mitteln, um einen anständigen Unterhalt für mein übriges Leben mir zu gewähren, meine Vettern zur Höflichkeit und klatschende Gevattern zu Reden wie folgende zu bewegen: „Wen wohl der alte Croft zum Erben einsetzt? Er muß sich doch Etwas erworben haben, und es sollte mich nicht wundern, wenn es mehr wäre, als die Leute glauben." Als ich heim kehrte, ließ mich mein erster Antrieb zum Hause meines Wohlthäters eilen, des einzigen Mannes, welcher mir während meiner Noth Theilnahme gezeigt hatte. Er , schnupfte Tabak, und ich setzte den Stolz meines Herzens darein, die ersten zwanzig Guineen, die ich ersparen konnte, in eine so geschmackvolle Schnupftabaksdose zu verwandeln, als die besten Meister irgend erfinden konnten. Ich steckte 357 dieselbe der Sicherheit wegen in den Busen meiner Weste und eilte, um sie dem Herrn, für welchen sie bestimmt war, einzuhändigcn, ungeduldig nach dessen Hause in Brown Square. Als ich die Vorderseite des Hauses ansichtig wurde, überfiel mich ein Gefühl von Besorgniß- Ich war lange aus Schottland abwesend gewesen; mein Freund war einige Jahre älter wie ich; er konnte zur Versammlung der Gerechten berufen worden sein. Ich hielt an und blickte auf das Haus, als hätte ich gehofft, mir nach dem äußeren Ansehen eine Vermutliung über den Zustand der darin wohnenden Familie zu bilden. Ich weiß nicht, wie cs kam; da jedoch alle unteren Fenster verschlossen waren und Niemand sich regte, wurden meine üblen Ahnungen etwas bestärkt. Ich bedauerte jetzt, daß ich mich nicht erkundigt hatte, bevor ich den Gasthof verließ, wo ich aus der Postkutsche abgestiegen war; allein es war zu spät; somit trat ich in gespannter Erwartung an die Thüre, um das Schlimmste, was mir berichtet werden könne, zu erfahren. Die Messsngplatte mit meines Freundes Namen und Stand befand sich noch an der Thüre, und als dieselbe geöffnet wurde, schien mir der alte Bediente beträchtlich älter, als er nach meiner Meinung in Betracht der Dauer meiner Abwesenheit hätte sein sollen. „Ist Herr Sommerville zu Haus?" fragte ich, indem ich voran trat. „Ja, mein Herr," sagte John, indem er sich meinem Weiterschreiten entgegcnstellte, „er ist zu Haus, aber" — „Aber er ist nicht hier," sagte ich. „Ich erinnere mich Eurer alten Phrase, John, kommt, ich will in's Zimmer gehen und ihm ein Billet zurücklassen." John kam offenbar durch meine Vertraulichkeit in Verlegenheit. Er sah wohl, ich sei Jemand, dessen er sich erin- 358 nern müsse, zugleich aber fiel ihm offenbar nicht ein, wer ich sei. „Ja Herr, mein Herr ist zu Haus, in seinem eigenen Zimmer, aber —" Ich wollte ihn nicht seine Rede beenden lassen, sondern ging ihm voran nach dem mir wohlbekannten Zimmer. Eine junge Dame kam ein wenig verlegen, wie es schien, heraus, mit den Worten: „John, was gibts?" „Ein Herr, Miß Nellh, besteht darauf, meinen Herrn zu sehen." „Ein sehr alter und ihm verpflichteter Freund," sagte ich, „wagt es, seinem hochgeachteten Wohlthäter bei der Rückkehr vom Auslande sich aufzudrängen." „Ach Herr," erwiederte fie, „mein Oheim wird sich glücklich suhlen, Euch zu sehen, aber —" In diesem Augenblick vernahm man, daß etwas wie ein Teller oder Glas im Zimmer auf den Boden fiel, und sogleich darauf ries meines Freundes Stimme ärgerlich und heftig nach seiner Nichte. Sie trat hastig in's Zimmer und ich ebenfalls. Ich mußte jedoch ein Schauspiel erblicken, in Vergleich zu welchem der Anblick meines Freundes auf der Todtenbahre ein glücklicher gewesen wäre. Der mit Kiffen gefüllte Lehnstuhl, die in Flanell gewickelten ausgedehnten Glieder, der weite Schlafrock und die Nachtmütze gaben ihm ein Zeugniß der Krankheit; das jetzt erloschene, einst von lebhaftem Feuer strahlende Auge, die herabhängende Unterlippe, deren Ausdehnung und Zusammenziehung einst seinem belebten Antlitz solchen Ausdruck verliehen hatte — die stammelnde Zunge, die einst solche Fluthen männlicher Beredsamkeit ergossen und die Meinung der Weisen, die er anredete, bestimmt hatte — alle diese traurigen Symptome bewiesen, daß mein Freund sich in jenem unglückseligen Zustande befand, wo das lbierische Leben die geisten Kräfte überdauert hat- Er blickte mich einen Augenblick an, schien aber dann meine Gegenwart nicht zu merken und fuhr fort — einst ein so höflicher und wohlerzogener Mann! — unverständliche aber heftige Vorwürfe gegen seine Nichte und seinen Bedienten zu stottern, weil er selbst eine Tbectaffe bei dem Versuche sie auf den Tisch an seinem Ellbogen zu stellen, hatte zu Boden fallen lassen. Seine Augen glänzten wegen seiner Gereiztheit von augenblicklichem Feuer, er suchte aber vergeblich nach Worten, um sich seiner Heftigkeit gemäß auszudrücken, als er von feinem Diener auf seine Nichte und dann aus den Tisch blickend ihnen darzulegen sich bemühte, daß sie die Taffe in zu großer Entfernung von ihm hingestellt hätten, obgleich dieselbe seinen Armstuhl berührte- Die junge Dame, welche natürlich einen madonnengleichen Ausdruck der Ergebung in ihrem Antlitz zeigte, horchte auf sein ärgerliches Schelten mit der demüthigsten Unterwürfigkeit, hielt den Diener zurück, welcher mit weniger Zartgefühl sich auf seine Rechtfertigung einlaffen wollte, und milderte zuletzt, durch den süßen und sanften Ton ihrer Stimme, die Heftigkeit seines grundlosen Aergers- Alsdann warf sic auf mich einen Blick, welcher zu sagen schien, „ihr seht hier Alles, was von eurem Freunde noch übrig ist " Zugleich schien derselbe auszudrücken, „eure Gegenwart hier kann uns Allen nur peinlich sein." „Vergebt mir, junge Dame," sagte ich, so gut es mir meine Thränen erlaubten, „ich bin ein Eurem Oheim ungemein verpflichteter Mann, mein Name ist Croftangrp. „Gott, daß ich Euch nicht erkannte, Herr Croftangry," 360 sagte der Diener, »ich erinnere mich, daß mein Herr viele Mühe mit Eurer Angelegenheit hatte, es ist vorgekommen, daß er um Mitternacht frische Lichter sich wegen derselben bringen ließ, und zwar zu wiederholten Malen. Wahrlich, Herr Croftangry, er sprach immer zu Euren Gunsten, wenn die Leute Euch böse Dinge nachsagten." „Schweigt, John," sagte die Dame ärgerlich- Dann fuhr sie zu mir gewandt fort: „Sicherlich Herr, ist es Euch sehr leid, meinen Oheim in diesem Zustand anzutreffen, ich weiß, Sie sind sein Freund, ich habe oft gehört, wie er Euren Namen erwähnte, und wie er sich wunderte, daß er niemals von Euch etwas vernommen hat!" Dieß war ein neuer Vorwurf, und derselbe drang mir in'sHerz; sie fuhr jedoch fort: „ich weiß wirklich nicht, ob es recht ist, daß Jemand — wenn mein Oheim Euch kennen würde, was ich kaum für möglich -alte, so würde er sehr erregt werden, und der Doctor sagt, daß jede Gemüthsbewegung — aber hier kömmt der Doctor — um Euch seine eigene Meinung zu sagen." Der Doctor trat ein; ich hatte ihn als Mann in mittleren Jahren verlassen, er war jetzt ein ältlicher Herr, aber noch immer der barmherzige Samariter, welcher, um Gutes zu thun, umher wandelte, und die Segnungen der Armen für eine ebenso gute Belohnung seiner Berufsthätigkeit, als das Geld der Reichen hielt " Er sah mich mit Erstaunen an; die junge Dame stellte mich ihm aber vor, und ich beeilte mich, da der Doctor mich früher gekannt hatte, die Einführung zu vervollständigen. Er erinnerte sich meiner vollkommen und gab mir zu verstehen, daß er sehr wohl mit den Gründen bekannt sei, weßhalb ich eine so große Theilnahme am Schicksal seines Patienten -ege- Dann gab er nur einen sehr 361 traurigen Bericht von meinem armen Freund, indem er mich etwas bei Seite von der Dame zog. „Das Lebenslicht," sagte er, „zittert und ist im Erlöschen begriffen, ich erwarte kaum, daß es zu einer augenblicklichen Gluth wieder empor- siackert, mehr ist unmöglich." Alsdann trat er zu seinem Patienten und legte demselben einige Fragen vor, die der arme Kranke, obgleich er die freundschaftliche und ihm vertraute Stimme zu kennen schien, nur stotternd und in unvollkommener Weise beantworten konnte. Die jüngere Dame hatte sich ihrerseits zurückgezogen, als der Doctor seinem Patienten näher trat. „Ihr seht, wie es mit ihm steht," sagte der Doctor zu mir hingewandt, „einst hörte ich, wie unser armer Freund in einer seiner trefflichen Reden vor den Gerichtsschranken eine Beschreibung eben dieser Krankheit gab, die er mit der von Mezentius anbefohlenen Folter verglich, als dieser einen Leichnam an einen Lebendigen fesseln ließ- „Die Seele," sagte er, „ist in einem Körper von Fleisch gefangen, und obgleich sie noch ihre natürlichen unveräußerbaren Eigenschaften besitzt, kann sie dieselben ebenso wenig üben, wie ein Gefangener sich als ein mit Freiheit thätiger Mann betrachten läßt. Ach! daß wir ihn, welcher diese Krankheit so schön bei Andern beschreiben konnte, als die Beute desselben Leidens erblicken müssen! Niemals werde ich den feierlichen Ton seines Ausdrucks vergessen, womit er die Unfähigkeiten der vom Schlage Gelähmten — das betäubte Ohr, das verdunkelte Auge, die verkrüppelten Glieder — in den edlen Worten JuvenalS zusammenfaßte. Hlembrorum äamno maHor, äementia, yuae nee Nomina «eivorum, nee vultum a§nosc!t amiei." 362 / Blödsinn, herber fürwahr, als jeglicher Schaden des Leibes, Welcher die Namen der Sclaven, die Züge des Freundes vergessen. — Als der Arzt diese Worte wiederholte, schien ein Strahl der Vernunft im Auge des Kranken aufzuflackern — erlosch > wieder, leuchtete wieder auf — und er sprach deutlicher als zuvor und in dem Tone eines Mannes, welcher eifrig etwas 1 sagen will, wovon er fühlt, daß er es vergessen muß, wenn er es nicht sogleich sagt. „Eine Frage, hinsichtlich eines Sterbenden, Doctor, — Withering gegen Willibus — über den Illorbug sonticns. Ich war Advokat in der Sache für den Kläger — ich, und — und — wahrhaftig ich vergesse noch meinen eigenen Namen — ich, und — er war der witzigste Mann und hatte den besten Humor unter allen Lebendigen —" Die Beschreibung befähigte den Doctor, die Lücke auszu- * füllen, und der Patient wiederholte vergnügt die ihm angegebenen Namen. „Ja, ja," sagte er, „gerade der — Harry — armer Harry" — das Licht in seinem Auge erstarb, und er sank wieder in seinen Lehnstuhl zurück. „Ihr habt unseren Freund besser angetroffen, als ich Euch zu versprechen wagte, Herr Croftangry," sagte der Arzt. Jetzt aber muß ich die Gewalt meines Berufes in Anspruch nehmen und Euch bitten, daß Ihr Euch entfernt. Miß Som- merville wird Euch sicherlich rufen lassen, wenn zufällig irgend ein Augenblick eintreten sollte, in welchem ihr Oheim Euch sehen kann." Was konnte ich thun? Ich gab der jungen Dame meine * Karte, nahm mein Geschenk aus dem Busen und sagte mit Tönen, die beinahe ebenso abgebrochen waren, als die meines Freundes — „Wenn mein armer Freund fragen sollte, von i 363 wem dies kömmt, so nennet mich, sagt ihm, das Geschenk komme von einem Manne, der ihm höchst verbunden und dankbar ist. Sagt ihm, das Gold, woraus es bestehe, sei körnerweise früher erspart und so sorgfältig zusammengchäuft worden, als jemals dasjenige eines Geizhalses — ich habe 1000 Meilen zurückgelegt, um die Gabe zu überbringcn, und jetzt finde ich meinen Freund in solchem Zustande!" Ich legte die Schupftabaksdose auf den Tisch und entfernte mich mit zögernden Schritten. Das Auge des Kranken fiel auf dieselbe, wie das eines Kindes auf ein glänzendes Spielzeug, und er stotterte mit kindlicher Ungeduld seine Fragen an seine Nichte. Mit gütiger Sanftmuth wiederholte sie ihm, wer ich wäre, woher ich komme u. s- w. Ich stand im Begriff mich umzuwenden und von einem so peinlichen Auftritt hinweg zu eilen, als der Arzt seine Hand auf meinen Aermel mit den Worten legte: „Bleibt noch, es ist eine Veränderung eingetretey." Eine Veränderung trat wirklich ein und zwar eine sehr auffallende. Eine schwache Röthe verbreitete fich über die blaffen Züge; dieselben schienen das Aussehen des Bewußtseins wieder anzunehmen, welches der Lebenskraft angehört, sein Auge strahlte noch einmal, seine Lippe färbte fich, er richtete fich auf aus der nachlässigen Stellung, die er bisher eingenommen hatte und erhob fich ohne Beistand, der Doctor und der Diener eilten herbei, um ihn zu stützen. Er entfernte sie mit einem Wink und sie begnügten fich damit, eine Stellung hinter ihm cinzunehmen, um bei Vorfällen sogleich bei der Hand zu sein, im Fall die neu erlangte Kraft ebenso plötzlich wieder verschwinden sollte, wie sie belebt worden war. „Mein theurer Croftangry," sagte er im Tone der frühe- 364 ren Tage, «es freut mich Euch zuruckgekehrt zu sehen — Ihr findet mich im traurigen Zustande — allein meine kleine Nichte hier und Doctor — find sehr gütig gegen mich — Gott segne Euch, theurer Freund, wir werden uns nicht eher Wiedersehen, als bis wir uns in einer bessern Welt treffen." Ich drückte seine ausgcstreckte Hand an meine Lippen — ich drückte fle an meinen Busen — ich wäre beinahe auf die Kniee gesunken, der Doctor aber trieb mich eilig aus dem Zimmer, indem er den Kranken der Dame und dem Diener überließ, welche seinen Lehnstuhl vorwärts rollten und ihn wieder daran zurecht setzten- «Mein theurer Herr," sagte er, „Ihr müßt zufrieden sein, Ihr habt unfern armen Kranken seinem früheren Zustande ähnlicher gesehen, als es seit Monaten der Fall war und vielleicht auch nicht wieder der Fall sein wird, bis Alles vorüber ist. Die ganze Fakultät hätte Euch nicht einen solchen lichten Zwischenraum versprechen können — jetzt muß ich sehen, ob daraus nicht ein Vortheil gezogen werden kann, seine allgemeine Gesundheit zu verbessern, — bitte, gehen Sie." Der letztere Satz brachte mich schnell vom Flecke, während peinliche Gefühle in Menge auf mich eindrangen. Als ich den Schrecken über diese Vereitlung meiner besten Hoffnung überwunden hatte, erneute ich allmälig meine Bekanntschaft mit einem oder zwei alten Gefährten, welche zwar meinem Herzen weit weniger nahe standen, als mein unglücklicher Freund, allein den Druck wirklicher Einsamkeit milderten, und vielleicht meinen Freundschafts - Anerbietungen schon deßhalb entgcgenkamen, weil ich ein etwas ältlicher Junggesell, aus fremden Ländern so eben zurückgekehrt, und sicherlich wohlhabend wo nicht reich war- Einige betrachteten mich als einen nicht üblen Gegenstand 365 der Spekulation, Anderen konnte ich nicht lästig werden: ich wurde deßhalb den gewöhnlichen Regeln der Gastfreundschaft von Edindurg gemäß ein willkommener Gast in mehreren achtbaren Familien, fand aber Niemanden, der mir den Verlust ersetzen konnte, welchen ich an meinem besten Freunde und Wohlthäter erlitten hatte. Ich brauchte etwas mehr, als mir eine bloße Bekanntschaft geben konnte. Wo sollte ich dieß suchen? Unter den zerstreuten Uebcrbleib- seln derjenigen, die einst meine muntern Freunde gewesen waren? — Ach, Gor mancher Bursch, den ich geliebt, war todt, Und mancher Jüngling war zum Greis geworden. Außerdem hatte jede Gemeinschaft der Bande zwischen uns aufgehört, und die jetzt noch lebenden früheren Freunde führten eine andere Lebensweise als ich. Einige waren zu Geizhälsen geworden, und zeigten jetzt eben so viel Eifer in der Ersparung eines Sirpence, als sie früher auf die Verausgabung eines Goldstücks verwandt hatten. Einige waren Landwirthe geworden, sie schwatzten von Ochsen und waren allein paffende Gesellschafter für Vieh- mäster. Andere hatten am Kartenspiele festgehaltcn, sie setzten zwar nicht hoch mehr ein, spielten aber lieber um Kleinigkeiten, als daß sie jenen Zeitvertreib aufgegebcn hätten. Diese verachtete ich hauptsächlich. Den starken Antrieb zum Spiel hatte ich zu meiner Zeit auch erfahren — er ist ebenso heftig wie verbrecherisch, allein er erzeugt Aufregung und Spannung, und ich kann begreifen, wie er bei starken und gewaltigen Seelen zur Leidenschaft wird. Wenn man übrigens das Leben im Austausch von Fetzen bemalten Papiers an einem grünen Tische nur wegen des erbärmlichen Gegenstands von ein paar Schillingen vertrödelt, so läßt sich dicß nur durch Dummheit oder Schwäche des greisen Alters entschuldigen. Es gleicht dem Ritt auf einem Schaukelpferde, wo die äußerste Anstrengung dich keinen Fuß vorwärts bringt; es ist eine Art geistiger Tretmühle, auf welcher ihr stets hinanklimmt, ohne einen Zoll höher zu kommen. Aus diesen Winken wird der Leser erkennen, daß ich für eine der Vergnügungen des Alters unfähig bin, welche zwar Cicero nicht erwähnt, zu der man aber in unseren Tagen so häufig seine Zuflucht nimmt — ich meine eine geschlossene tägliche Gesellschaft und in derselben ein ruhiges Whistspiel. Kehre ich zu meinen alten Gefährten zurück. Einige besuchten öffentliche Gesellschaften, wie der Geist des Stutzers Nasch, oder andere aus der verflossenen Hälfte des Jahrhunderts stammende Stutzer: sie wurden von der kichernden Jugend bei Seite geschoben und von ihren Altersgenossen bemitleidet. Einige waren auf Andacht eingegangen, wie die Franzosen zu sagen pflegen, und Andere, wie ich besorge, waren zum Teufel gegangen; wenige hatten ihre Zuflucht zum Studium der Wissenschaften und schönen Künste genommen; Einige waren Naturforscher in kleinem Maßstabe geworden, d. h. sie guckten in Mikroscope und machten sich mit Experimenten der Physik vertraut, die damals gerade in Mode gekommen waren; Einige vertrieben sich die Zeit mit Bücherlesen und zur Zahl der Letzteren gehörte ich. Einige Grade Abstoßungskraft gegen die mich umgebende Gesellschaft — einige schmerzliche Erinnerungen der frühern Fehler und Thorhciten — einige Unzufriedenheit mit den lebendigen Menschen flößten mir Neigung zum Studium der Alterthümer und besonders derjenigen meines Vater- 367 landes ein. Wenn cs dem Leser möglich ist, gegenwärtiges Werk durchzulesen, so wird er natürlich urtheilen können, ob ich nützliche Fortschritte in der Erforschung älterer Zeiten gemacht habe. Diese Richtung meiner Studien verdanke ich zum Theil dem Gespräche mit einem gütigen Geschäftsführer, einem Sachwalter, welchen ich schon als Denjenigen erwähnt habe, welcher die Bemühungen meines unschätzbaren Freundes unter- stüzte, um den Prozeß zu einem günstigen Ende zu führen, als meine Freiheit und mein noch übriges Eigcnthum auf dem Spiele stand. Er hatte mir bei meiner Rückkehr eine sehr höfliche Aufnahme zu Theil werden lassen- In die Geschäfte seines Berufes war er zu sehr versunken, und vielleicht auch in dessen Einzelheiten zu sehr befangen, um sich gern von denselben loszureißen. Kurzum, er war kein Mann von dem umfassenden Geiste meines armen Freundes Sommerville, sondern vielmehr ein RechtSgelehrter, welcher in den Förmlichkeiten der Jurisprudenz sich gänzlich verwickelt hatte, er besaß aber darin große Geschicklichkeit, und außerdem einen ausgezeichneten Charakter- Als mein Landgut verkauft wurde, behielt er einige der ältern Urkunden, indem er aus seinen eigenen Gefühlen den Schluß zog, dieselben würden dem Erben meiner alten Familie von größerer Wichtigkeit wie dem neuen Käufer sein. Als ich nach Edinburg zurückkehrte, und ihn noch in der Uebung seines Berufes, welchem er zur Ehre gereichte, thätig fand, sandte erin meine Wohnung die alte Familienbibel, welche immer auf meines Vaters Tische lag, sowie auch zwei oder drei von Alter verwitterte Folianten und ein Paar mit Schweinsleder überzogene Mappen, welche mit Pergamenten und Papieren gefüllt waren, deren Aeußeres durchaus nicht einladend zu sein schien. Wie ich 368 das nächste Mal an Herrn Fairscribe's gastlichem Tische saß, verfehlte ich nicht, ihm meinen schuldigen Dank für seine Güte zu erstatten — eine Anerkennung, die ich eher den Vorstellungen zollte, die er, wie ich wußte, über den Werth solcl'er Dinge hatte, als dem Interesse, womit ich dieselben selbst betrachtete. Als ich nun das Gespräch auf meine Familie wandte, welche alte Grundherrn in Clpdcsdale gewesen waren, wurde dennoch einiges Interesse bei mir allmälig erweckt, und nachdem ich mich in mein einsames Wohnzimmer zurückgezogen, übersah ich zuerst meinen Stammbaum oder eine Art Geschichte der Familie oder des Hauses von Croftangry, welches zuerst mit diesem Namen und nachher mit dem von Glentanner bezeichnet wurde Die von mir gemachten Entdeckungen werden sich im nächsten Kapitel vorfinden. Zweites Kapitel. Worin Herr Croftangry seine Geschichte fortsetzt. Jener Acker, der jeht »och UmbrenuS Namen benannt ist, Kürzlich das Land des OselluS, wird Keinem als eigen gehören. Bald wohl ist er mir eigen, doch bald auch dir. Horaz, Sat. II. 2. „Croftangry — Croftandrew — Croftanridge — Croftand- grey — denn in so verschiedener Weise wurde der Name geschrieben — ist ein wohlbekanntes Haus von hohem Alterthum; man sagt, daß König Malcolm, der erste schottische Fürst, welcher über den Firt- of Forth zog, und einen Palast in Edinburg bewohnte, dort einen tapferen Mann in Diensten hatte, welcher das Kornland oder das Croft des Königs, das zur Unterhaltung seines Hofes diente, bepflügte und dcßhalb Croft—an—ri, d. h. des Königs Croft genannt wurde; dieser Ort ist zwar jetzt mit Gebäuden bedeckt, heißt aber immer noch Croftangry und liegt in der Nähe des königlichen Palastes. Da nun einige derjenigen, welche diesen alten und ehrwürdigen Namen führen, denselben vielleicht weniger achten, weil er von dem Pflügen des Bodens herstammt, was man für eine sklavische Beschäftigung hält, so müssen wir dennoch den Pflug und den Spaten ehren, da wir Alle unser Leben vom Vater Adam ableiten, dessen Loos es wurde, den Boden zu pflügen, in Betracht seines Falles und seiner Ueber- tretungen. »Auch haben wir ja Zeugniß sowohl in der heiligen Schrift, wie in der Profangeschichte, daß der Ackerbau vor Alters in großen Ehren gehalten wurde; kamen doch Propheten vom Pfluge her, und große Hauptleute, z. B. Cincinnatus, wurden von demselben hergeholt, um ihr Vaterland zu vertheidigen: sie kämpften alsdann gegen den gemeinsamen Feind nicht deß- halb mit geringerer Tapferkeit, weil sie die Handhabe des Pfluges gehalten, und Pferde so wie Ochsen getrieben hatten. „Gleicherweise sind unter dem schottischen Adel mehrere ehrenwerthe Familien, welche höher emporgcklommen find auf der Leiter der Auszeichnung, als dies Haus Croftangry, und welche nicht auf ihren kriegerischen Schilden und Wappen die Werkzeuge zu tragen sich schämen, womit ihre Ahnen das Land umpflügten, oder wie der Dichter Birgilius es paffend nennt, den Boden unterwarfen. Ohne Zweifel erzeugte dies Das gefährd Schloß u. and. Erzähl. 24 370 alte Haus Crostangry, so lange es also genannt wurde, viele würdige und berühmte Patrioten, deren Namen ich übergehe; denn es ist mein Zweck, wenn Gott mir für eine solche fromme Verrichtung das Leben schenkt, daß ich den ersten Theil meiner Erzählung über das Haus Crostangry wieder aufnehme, wenn ich weitläufig die Zeugnisse und geschichtlichen That- sachen über die von mir zu berichtenden Ereignisse zusammenstellen kann; dieweil ich erkenne, daß Worte ohne Beweise wie Samen auf nacktem Felsen, oder wie Häuser find, die man auf treulosen Triebsand erbaut." Hier hielt ich an, um Athen« zu holen; denn der Styl meines Ahnen, des Erzählers dieser guten Dinge, war etwas langweilig. Die Mittheilung des Uebrige» verschiebe ich, bis ich in eine antiquarische Gesellschaft ausgenommen bin, und will dann eine Ausgabe nach den Regeln der gelehrten Gesellschaften mit einem Facfimile des Manuscriptes und dem Familienwappcn drucken lassen, dessen Inschrift den Familienstolz mit den Worten zurückweist: Usee no8 noviinus «886 nitrit*), oder Vix ea nostra voeo. Mittlerweile beargwöhne ich, daß mein würdiger Vorfahr, obgleich er sich so viele Mühe gab, die Würde seiner Familie anzuschwellen, über den Rang eines mittleren Grundbesitzers so wenig als seine Nachkommen hinausgekommen war. Das Gut Glentanncr fiel auf uns durch die Verheirathung meines Ahnes mit einer Dame aus dem alten und edlen englisch- normännischen Geschlecht Somerville, wovon ein Zweig in Schottland ansäßig ist. Auf diese Verbindung folgte Fami- *) Wir wißen, daß dies Nichts ist — Kaum nenne ich dies unser Eigenthum. 371 licnunglück, denn der Gemahl der Dame fiel in der Schlacht von Floddenfield. Weiterhin hatten wir unfern Antheil am Nationalunglück. Unsere Güter wurden im großen Bürgerkrieg eingezogen, weil meine Vorfahren vornehmeren Leuten auf das Schlachtfeld von Langfide folgten. In den heftig bewegten Zeiten der letzten Stewarts erlitten wir schwere Geldstrafen, weil wir geächtete reformirte Prediger beherbergt und versteckt hatten; wir entgingen kaum der Gefahr, einen Märtyrer zum Kalender der CovenanterS in der Person des Vaters unseres Familienhistorikers hinzuzufügen. Er nahm jedoch dem Pferde das Bündel ab, wie das Manuscript sich hier ausdrückt, fügte sich den Bedingungen der Amnestie, welche die Regierung an- bot, und unterschrieb einen Schein, daß er später nicht mehr Anstoß geben werde. Mein Ahn macht über die Schwäche seines Vaters in Aufgebung seiner Partei so milde Bemerkungen , als cs ihm nur möglich ist; er tröstet sich dadurch, daß er seinen Mangel an Entschlossenheit seinem Widerstreben zuschrcibt, den Untergang einer alten Familie zu veranlassen und zu gestatten, daß seine Landgüter vom Staat eingezogen würden. „Und wahrlich," schrieb der ehrwürdige Geschichtschreiber, „treffen wir in Schottland wenig Schlemmer, denen ihr Bauch ein Gott ist, und welche unnatürlich genug sind, das ihnen hinterlaffene Erbtheil in Verschwendung und Liederlichkeit zu verschlingen, so daß sie wie der verlorne Sohn die Trebern aus einem Schweinetroge fressen müssen. Sowie ich nun das Dasein solcher unnatürlicher Nero's in meiner eigenen Familie nicht zu fürchten brauche, die das Eigenthum ihres Hauses wie unvernünftige Thiere aus bloßer Gefräßigkeit und Liederlichkeit verschlingen, brauche ich auch nur meine Abkömmlinge 21* 372 davor zu warnen, daß sie sich in Veränderungen des Staates und der Religion nicht zu hastig einlaffen, denn dies hat beinahe/dies arme Haus Croftangry zum Untergange gebracht, wie wir schon mehr als einmal gezeigt haben. Ich mag aber auch nicht, daß meine Nachkommen gänzlich still sitzen, wenn ihre Pflicht für Kirche und Fürst in Anspruch genommen wird; ich wünsche nur, daß sie warten mögen, bis stärkere und reichere Leute, als sie, aufgestanden find; dadurch erhalten sie bessere Aussicht, ihre Sache zu gewinnen, oder wenn der Aufstand mißlingt, haben wenigstens die Sieger größere Beute, so daß sie, wie gesättigte Raubvögel, das kleinere Wild verschonen." In diesem Schluß lag etwas, was mich zuerst ungemein ärgerte, und ich war so unnatürlich, das Ganze als armseliges, elendes und erbärmliches Geschwätz zu verfluchen, womit der alte Mann sehr Viel über Nichts sagte. Der erste Eindruck ging sogar dahin, das Zeug in'S Feuer zu werfen, um so mehr, da es mich auf keine schmeichelhafte Weise an den Verlust meines FamiliencigenthumeS erinnerte, an welches der Verfasser der Geschichte so große Anhänglichkeit sogar in der Weise zeigte, die er am strengsten getadelt hatte. Ja es schien meinen gekränkten Gefühlen, daß dieser ohne Bewußtsein auf die Zukunft geworfene Blick der Voraussicht, in welcher er doch nicht die Thorheit eines seiner Abkömmlinge erkennen konnte, welcher das ganze Erbtheil in wenig Jahren eitler Verschwendung und Thorheit verschleudern würde — daß dieser auf die Zukunft geworfene Blick eine persönliche Unhöflichkeit gegen mich bezwecke, mochte er auch fünfzig oder sechzig Jahre vor meiner Geburt gethan worden sein. Einiges Nachdenken erweckte bei mir Scham über dieses Gefühl des AergerS, und als ich auf die deutliche, bestimmte, 373 aber dennoch ein Zittern der Hand bezeugende Schrift blickte, in welcher das Manuskript verfaßt war, konnte ich mich des Gedankens, nach einer ernstlich ausgesprochenen Meinung, nicht erwehren, daß man aus der Handschrift eines Mannes auf dessen Charakter schließen könne. Die niedlichen aber zusammengedrängten kleinen Schriftzüge wiesen auf einen Mann von gutem Gewissen und geregelten Leidenschaften, welcher nach seinem eigenen Ausdruck aufrecht durch das Leben gegangen sei; sie zeigten jedoch auch einen beschränkten Geist, sowie eingewurzelte Vorurtheile an, und eine gewisse Unduldsamkeit, welche in beschränkter Erziehung ihren Grund hatte. Die Stellen aus der Bibel und aus den Klassikern, die mehr verschwenderisch als glücklich angebracht und mit gesperrter Schrift geschrieben waren, um ihre Wichtigkeit anzudeuten, erläuterten jene cigenthümliche Art Pedanterei, welche den Streitpunkt für gewonnen hält, wenn man ein Citat in Sicherheit gebracht hat. Bezeichnen ferner nicht die mit Schnörkeln verzierten großen Buchstaben, womit er den Anfang jedes Paragraphen, sowie die Namen seiner Familie und seiner Ahnen auszeichnete, so oft dieselben im Manuskript vorkamen, sehr bestimmt den Stolz und das Gefühl der Wichtigkeit, womit der Verfasser seine Arbeit unternahm und ausführte? Ich überzeugte mich, das Ganze gäbe ein so vollständiges Abbild des Mannes, daß die Entstellung seines Porträts oder sogar die Störung seiner Gebeine im Sarge keine frevelhaftere Handlung gewesen wäre, als die Zerstörung seines Manuscriptes. Einen Augenblick dachte ich daran, dasselbe Herrn Fairscribe zu schenken, allein daran verhinderte mich die verwünschte Stelle über den verschwende- 374 rischen Sohn und den Schweinetrog; zuletzt beschloß ich, ich könne es ja in meinem eigenen Schrank mit der Absicht verschließen, in Zukunft niemals mehr hinein zu blicken. Ich weiß nicht, wie es geschah, allein der Gegenstand begann mir näher am Herzen zu liegen, als ich bisher gedacht hatte; zu wiederholten Malen las ich Beschreibungen von Pachtgütern, welche nicht länger mein Cigenthum waren, und von Grenzmarken, welche jetzt das Eigenthum Anderer be- zeichneten. Eine Liebe zum Rätsle 8olum, oder zum Familiengute, wenn Swift die zwei Worte richtig übersetzt hat, begann in meinem Busen zu erwachen; die Erinnerungen meiner eigenen Jugend trugen wenig dazu bei, mit Ausnahme derjenigen, die sich auf die Jagd und andere mit körperlicher Geschicklichkeit verbundene Belustigungen bezogen. Eine Laufbahn, die allein im Genuß von Vergnügungen besteht, ist nicht geeignet, einen Geschmack an Naturschönheiten, und noch weniger Gedankenverbindungen empfindsamer Art zu erwecken, die uns mit den leblosen Gegenständen um uns her verknüpfen. So lange ich mein Gut besaß und es verschwendete, hatte ich nicht weiter daran gedacht, als daß es das rohe Material enthalte, woraus eine gewisse untergeordnete Raffe von Geschöpfen, Pächter genannt, mir gewisse Einkünfte, Pachtzins genannt, zu meinen Ausgaben herbeischaffen müßten, und zwar in größerem Betrage, als es wirklich der Fall war. Dies war meine allgemeine Ansicht von der Sache. Hinficht- lich besonderer Orte erinnerte ich mich, daß Garvalhill ein treffliches Stück Bergweide zur Aufziehung von Füllen sei, durch dessen Beschaffenheit sie ihre Füße im Galopp zu strecken lernten — daß der Bach Minionburn die schönsten gelben Forellen enthalte — daß Seggycleugh hinsichtlich seiner Schne- 375 pfen unerreichbar sei — daß BengibbertmoorS eine treffliche Jagd von Wasserhühnern darböten, und daß die klare sprudelnde Quelle Harper'swell den besten Sammelplatz der FuchS- jäger in der Nachbarschaft nach dem harten Ritt eines Morgens abgebe. Diese Vorstellungen riefen allmälig andere Bilder zurück, deren Werth ich seitdem zu schätzen gelernt hatte — manchen Schauplatz schweigender Einsamkeit, wo ausgedehnte Moore, die sich wellenförmig bis zu wilden Hügeln erheben, nur vom Pfeifen des Regenvogels oder von dem Krähen des Birkhahnes gestört werden, wo wilde Schluchten sich unter Bergen mit Wäldern hinzichen, welche allmälig, wenn man den Pfaden der Schäfer und Einsammler von Waldfrüchtcn folgt, sich erweitern und vertiefen, während eine jede den Kanal eines Baches bildet, bisweilen mit steilen Erdwänden, oft aber auch mit der mehr romantischen Einfassung nackter Felsen oder Klippen, auf deren Kamm sich Eichen, Bergeschen und Haselgebüsche erheben — eine Gegend, welche dem Auge um so mehr Genuß gewährt, da man sie nach der nackten Beschaffenheit des umgebenden Landes durchaus nickst erwartet hatte. Ich erinnerte mich auch der schönen und fruchtbaren Flächen zwischen den bewaldeten Höhen und dem reißenden Strome des Clyde, welcher, wie reiner Bernstein gefärbt, durch Felsen in einem Kiesbette rauscht, und eine Art Ehrfurcht durch die wenigen und treulosen Fürthen, die er dar- bictct, so wie durch die Häufigkeit der Unglücksfälle einflößt, welche jetzt durch die Zahl der Brücken vermindert find. Diese angeschwemmten Flächen waren durch dreifache oder vierfache Reihen großer Bäume häufig begrenzt, welche deren Rand anmuthig umgaben und ihre langen Arme in den schäumenden Strom des Flusses tauchten. Ich erinnerte mich an- 376 derer Gegenden, die ein alter Jäger als den Aufenthaltsort furchtbarer wilder Katzen, oder als Plätze beschrieb, wo ein gewaltiger Hirsch sich gestellt hatte, oder wo Häuptlinge, deren Macht jetzt vergessen ist, durch Ueberfall oder im offenen Kampfe gefallen sein sollten. Man kann sich denken, daß diese Landschaften den Blicken meiner Einbildungskraft nicht wie eine Gegend auf der Bühne enthüllt wurden, wenn sich der Vorhang erhoben hat. Ich sagte schon, daß ich während der verschwenderischen Periode meines Lebens auf das mich umgebende Land mit den Augen meines Körpers, aber nicht mit denen meines Verstandes blickte. Stück für Stück, wie ein Kind seine Aufgabe erlernet, erinnerte ich mich der Naturschönheiten, welche mich im Hause meiner Ahnen umringt hatten. Ein natürliches Wohlgefallen an denselben muß in meinem Herzen gelauert haben, welches erwachte, als ich in fremdem Lande war; es wurde stufenweise zu meiner Lieblingsleidenschaft, so daß ich allmälig meine Blicke einwärts kehrte, und die vernachlässigten Vor- räthe durchwühlte, welche mein Gedächtniß unwillkürlich mir wieder vorführte, und, einmal angeregt, zu sammeln und zu vervollständigen sich bestrebte- Ich begann jetzt bitterer als jemals die thörichte Verschwendung meines FamilicnguteS zu bedauern, und erkannte, daß die auf dessen Verbesserung verwandte Sorgfalt mir eine angenehme Beschäftigung bei meiner Muße gewährt haben würde, in welcher ich jetzt nur über vergangenem Unglück brütete, und meine nutzlose Reue steigerte. „Wäre nur ein einziges Pachtgut, wenn auch noch so klein, zurückbehalten worden," sagte ich eines Tages zu Herrn Fairscribe, so würde ich einen Platz, den ich mein Haus nennen könnte, und eine Thätigkeit behalten haben, das sich als Geschäft bezeichnen ließe." „Das hätte sich cinrichtcn kaffen," erwiderte Fairscribe, „ich war meines Theils geneigt, daü Wohnhaus, das Zubehör und einige alte Familienäcker zusammen zu halten, allein Herr S. und Ihr wäret der Meinung, daß Geld nützlicher sein würde." „Allerdings, mein guter Freund," sagte ich, „ich konnte cs damals nicht über das Herz dringen, ein Glentanner mit 2oo oder soo Psd. jährlicher Einkünfte, statt ein Glentanner mit eben so viel Tausend zu fein; ich war damals ein hoch- müthiger, alberner, unwissender, verschwenderischer und gede- müthigter schottischer Gutsherr; da ich meine eingebildete Wichtigkeit für gänzlich zu Grunde gerichtet hielt, bekümmerte ich mich nicht weiter, wie bald oder wie gänzlich ich mir Alles vom Halse schaffen könnte, was mich oder Andere daran erinnern würde." „Und jetzt habt Ihr wahrscheinlich Eure Ansichten geändert?" meinte Fairscribe; „wohlan, das Glück pflegt uns zwar nur einmal einen Termin zu setzen, vielleicht aber gestattet es Euch, denselben noch einmal zu erneuen." „Was wollt Ihr damit sagen, guter Freund?" „Nun," sagte Fairscribe, „es bringt schlechtes Glück, will man etwas bekräftigen, bevor man es genau weiß. Ich will eine Reihe von Zeitungen nachschlagen, und morgen sollt Ihr von mir hören; für jetzt aber bedient Euch; wie ich sehe, habt Ihr Euch Euer Glas cingeschenkt." „Und ich will mir noch einmal einschenkcn," sagte ich, indem ich den Rest in der Weinflasche in mein Glas goß. „Der Wein ist ausgezeichnet, und dies soll auch die Gesundheit sein, die ich jetzt ausdringe. Auf das Wohl Eurer Familie, mein 378 guter Freund! und jetzt werde ich meine kleine Sirene, Miß Katie, ersuchen, mir ein schottisches Lied ohne fremde Verzierungen zu singen." Am nächsten Tage erhielt ich von Herrn Fairscribe ein Paket mit dem Einschluß einer Zeitung, unter deren Ankündigungen eine mit einem Kreuz zur Erregung meiner Aufmerksamkeit bezeichnet war. Ich las zu meinem Erstaunen einen gerichtlichen Befehl, welcher die Baronie Glenianner, jetzt Castle Treddles, in der Grafschaft Lanark und im Thale des Clyde gelegen, mit den Fischereien, Wäldern, Mooren, Waiden u. s. w. zum öffentlichen Verkauf ausbot. Die Ankündigung beschrieb weiterhin die Vortheile des Bodens, der Lage, der Naturschönheiten und der günstigen Verhältnisse zur Verbesserung; es war nicht dabei vergessen, daß es ein Freigut sei mit der cigenthümlichen polypenartigen Fähigkeit, in zwei, drei oder selbst mit einiger Nachhülfe in vier Freigüter mit Stimmberechtigung bei Parlamentswahlen zerschnitten zu werden; es war dabei ein Wink gegeben, daß zwei einflußreiche Familien sich mit großem Eifer den Parlamentssitz in der Grafschaft streitig machen würden. Der Preis, um welchen besagte Ländereien und Baronie ausgeboten wurden, war der Betrag der Pachtrenten von dreißig Jahren, ein Viertel mehr, als ich für das Eigenthum bekommen hatte. Dieser Umstand, welcher, wie ich glaube, erwähnt wurde, um den verbeffcrungSfähigen Charakter des Landes darzuthun, würde jedem Anderen einigen Schmerz verursacht haben; um jedoch die Wahrheit von mir im Guten wie im Bösen zu sagen, erweckte derselbe bei mir nicht den geringsten Kummer. Mich ärgerte nur, daß Fairscribe, welcher über die Ausdehnung meiner Mittel im Allgemeinen unterrichtet war, mich durch die Anzeige vom Verkauf meines Familienguts so hämisch quälen konnte, da ja der geforderte Preis meine Kräfte weit überstieg. Ein Brief jedoch fiel aus dem Paket auf den Fußboden, zog dadurch meine Blicke auf sich und erklärte alsdann das Räthsel. Ein Client von Herrn Fairscribc, ein Kapitalist, wollte Glentanner kaufen, jedoch nur um dort sein Geld anzulegen — wahrscheinlich wird er das Gut niemals sehen. Der Preis des Ganzen überstieg aber um einige tausend Pfund die Geldmittel, über die er gerade verfügte, und somit wollte dieser gefällige Vive8 sehr gern einen Theilnehmer am Kauf für einen abgesonderten Pachthof annehmen, und selbst den besten Theil des ganzen Gutes in Bezug auf Schönheit dabei abgeben, vorausgesetzt, es werde ein angemessener Preis gestellt. Herr Fairscribc wollte dafür sorgen, daß ich nicht betrogen würde, und erklärte in seinem Billet, wenn ich wirklich an den Kauf denke, möge ich das Grundstück ansehen, zugleich aber ein strenges Jncognito bewahren — ein Rath, der überflüssig genug war, da ich von Charakter zurückhaltend und selbst abstoßend bin. 380 Drittes Kapitel. Herr Croftangry besucht wieder Glentanner. Sing' doch von Postkutschen, Und willst du mit rutschen, ^ Sei dir'S nicht verwehrt: Laß Stoßen und Prallen Dir täglich gefallen. Mit Pfeifen und Knallen Der Kutscher dich führt. Farquhar. Vermummt in einen grauen Ueberrock, welcher seine Feldzüge mitgemacht hatte, mit einem weißen Biberhut auf dem Kopfe und einem derben spanischen Rohre in der Hand, saß ich in der nächsten Woche auf dem Deckel der Postkutsche, die westwärts fuhr. Ich fahre gerne in Postkutschen, sie sind mir aber auch widerlich. Ich fahre gern in denselben wegen ihrer Bequemlichkeit, ich verabscheue sie aber auch, weil sie die ganze Welt zur Pilgerschaft verleiten, anstatt daß die Leute ruhig zu Hause sitzen, ihr Geschäft betreiben, und den Stempel der Originalität des Charakters bewahren sollten, welchen Natur oder Erziehung ihnen crtheilt hat; die Leute fahren fort, indem sie gegeneinander in dem raffelnden Wagen so lange gestoßen werden, bis sie nicht mehr Mannigfaltigkeit des Stempels, wie glatte durch den Verkehr abgeschliffene Schillinge, zeigen — sie sitzen dort alle in ihren Reisemützen und langen Ueberröcken, mit eben so wenig besonderer Persönlichkeit, wie ein Theilhaber der Gesellschaft, welche die Kutscherverbindung auf Actien übernommen hat. 381 „Würdiger Herr Piper, trefflichster Mann unter Allen, welche kontraktmäßig jemals vier magere Mähren für den öffentlichen Gebrauch -ergaben, ich segne Euch, so oft ich selbst eine Reise antrete; die niedlichen Kutschen, die Ihr kontraktmäßig geliefert habt, machen den Verkehr von Johnny Groat's House nach Ladyklrk und Cornhill Bridge sicher, angenehm und wohlfeil. Allein Herr Piper, ist es Euch, da Ihr doch ein sehr scharfsinniger Rechner seid, niemals in den Sinn gekommen, zu berechnen, wie viel Dummköpfe, welche in aller Ruhe gelaffen, eine oder zwei Ideen jährlich erzeugen könnten, durch das Hin- und Herschütteln in Euren fliegenden Karossen vollkommen ausgelecrt werden? wie viel anständige Landleute, als dünkelhafte Tölpel nach einem Mittagessen in der Hauptstadt, bei Gelegenheit einer Preisvertheilung für Rindviehzucht, bei welcher sie sonst ohne Eure Verkehrsmittel nicht hätten gegenwärtig sein können, nach Hause kehren? Wie viele anständige Landpfarrer zu Kritikern und Krittlern werden, wenn sie den neuesten Geschmack aus Edinburg mit zu Hause bringen? Wie könnt Ihr es eines Tages vor Eurem Gewissen verantworten, daß Ihr so viele hübsche Mädchen in die Hauptstadt bringt, um ihre Bescheidenheit gegen Dünkel und Leichtsinn auf dem dortigen Markte der Eitelkeit auSzu- tauschcn?" „Bedenkt auch, auf welchen niedrigen Grad Ihr den menschlichen Verstand herabsetzt. Ich glaube nicht, daß Eure stehenden Kunden einen Jdeenkreis von größerer Weite, als Eure Postpferde haben. Sie kennen den Weg wie der englische Postillion und wissen nichts außerdem. Ihre Zeitrechnung ist wie die der Fuhrleute bei Gadshill in Sheakspeare's Heinrich IV., d. h. sie datirt sich vom Tode des Stallknechtes HanS. Die Aufeinanderfolge von Conducteuren ist in ihren Augen 382 eine Dynastie; Kutscher find ihre Staatsminister, und das Umwerfen einer Kutsche ein wichtigerer Vorfall als ein Mini- sterwechscl. Ihr einziges Interesse unterweges betrifft die Zeitersparniß und die genaue Nachrechnung, daß der Kutscher die Stunde einhält. Dieß ist sicherlich eine elende Entwürdigung des menschlichen Geistes. Befolgt meinen Rath, mein guter Herr, und trefft die uneigennützige Einrichtung, daß Euer geschicktester Kutscher ein- oder zweimal vierteljährlich eine Kutsche mit diesen überflüssigen Reisenden umwirft, und zwar zum Schrecken derjenigen, welche wie Horaz sagt: am Staube Entzücken finden, den ihre Räder erheben." Die stehende Figur eines Postkutschenpaffagiers wird ohnedem auf abscheuliche Weise selbstsüchtig; er entwirft erfolgreiche Pläne um den besten Platz, das frischeste Ei, das vorzüglichste Stück des Rinderbratens zu erhalten- Die Reiseart ist der Tod aller Höflichkeiten und Rücksichten der Artigkeit im Leben; sie führt sogar zur Demoraliflrung des Charakters und zum Rückschritt in die Barbarei. Ihr gestattet uns ausgezeichnete Mittagessen, aber nur zwanzig Minuten, um sie zu verzehren; was ist die Folge? Die blöde Schönheit fitzt bei uns auf einer Seite, die furchtsame Kindheit auf der andern; das achtbare aber etwas schwache Alter hat uns gegenüber einen Platz eingenommen; alle diese verlangen die Handlungen der Höflichkeit, welche jeden Stand an der Tafel des Mittagmahles gleichstellen. Haben wir auch Zeit — wir, die Starken und Thätigen in der Gesellschaft — die Pflichten der Tafel den mehr sich Zurückhaltenden und den Blöderen zu erweisen, gegen welche wir zu diesen kleinen Aufmerksamkeiten verpflichtet find? Der Dame müßte man zum Huhne, dem alten Herrn zum mürben Stück Rinderbraten, dem Kinde zum Kuchen verhelfen. 383 Allein keinen Bruchtheil einer Minute können wir Jemand sonst, als uns selbst widmen; des Conducteurs unharmonisches Blasen auf der Trompete beruft uns wieder zur Postkutsche, während der schwächere Thcil, ohne zu Mittag gegessen zu haben, sich von der Tafel erhebt, und der Kräftige und Thätige mit Unverdaulichkeit bedroht ist, weil er die Lebensmittel wie ein Tölpel aus Lcicestershire verschlungen hat, welcher einen Schinken in Sicherheit zu dringen sich bemüht- Bei der bemerkenswerthen Gelegenheit, von der ich rede, verlor ich mein Frühstück, bloß weil ich den Befehlen einer achtbar aussehenden alten Dame gehorchte, welche mich einmal bat die Schelle zu ziehen, und ein anderesmal ihr den Thee- keffel einzuhändigen. Ich habe einige Ursache zum Glauben, daß sie ein alter Kunde der Postkutsche war, welche über meine Gefälligkeit in's Fäustchen lachte; deßhalb schwur ich insgeheim Rache ihrem Geschlcchte und allen reisenden Damen, jeden Alters und Standes, denen ich in Zukunft auf meinen Reisen begegnen würde- Jch hege dabei nicht die geringste Bosheit gegen meinen Freund, den Unternehmer der Postkutschen, welcher nach meiner Meinung, so nahe wie sonst Niemand der Erfüllung des bescheidenen Wunsches von Amatus und Amata gekommen ist, wie ihn der berühmte Martinus ScribleruS in Swift'S Ba- thous ausspricht: Ihr Götter, ach, vernichtet Zeitund Raum, Den Liebenden ei» ewig Glück zu schaffen! Ich beabsichtige Herrn P. vollkommene Genugthuung zu geben, wenn ich auf die noch neuere Ungeheuerlichkeit der Dampsboote komme, mittlerweile sage ich euren beiden Transportweisen : Man kann mit ihnen nicht und ohne sie nicht leben. > > l l 'ÜW P M'N c- >r ! 384 Ich bin bei dieser Gelegenheit vielleicht krittlicher auf die Postkutschen, weil mir von der ehrenwerthen Gesellschaft in Sr. Majestät Fuhrwerk nicht alle äste Achtung erwiesen wurde, worauf ich Anspruch machen zu können glaube. Ich muß für mich selbst sprechen, indem ich behaupte, daß ich wenigstens nach meiner Meinung kein gemeines Aussehen habe. Mein Gesicht hat Feldzüge mitgemacht, hat aber noch eine Anzahl guter Zähne, eine Adlernase und ein schnelles blaues, nur etwas zu tief unter den Augenbrauen befindliches Auge; ein Zopf nach der alten militärischen Mode, erweist, daß meine bürgerlichen Geschäfte mit denen des Krieges bisweilen gemischt waren. Nichtsdestoweniger fanden zwei rüstige junge Leute im Wagen oder vielmehr auf dem Deckel desselben zu viel Vergnügen an der Bedächtigkeit, womit ich den erhabenen Platz bestieg, so daß ich beinahe glaubte, ich hätte sie ein wenig schütteln müssen; auch befand ich mich in schlechter Laune bei einem nicht unterdrückten Gelächter, als ich ab- stieg und an einem Winkel mich niederließ, wo ein Kreuzweg der Hauptstraße mich nach Glentanner führte, wovon ich nur noch fünf Meilen entfernt war. Es war eine altmodische Straße, welche Ansteigungcn den Schluchten vorzog, und in gerader Linie über eine Höhe und eine Absenkung durch Sumpf und Thal führte. Jeder Gegenstand meiner Umgebung erinnerte mich, als ich vorbeikam, an vergangene Zeiten und bot zugleich mit denselben einen möglichst starken Gegensatz; unbegleitet, zu Fuß mit einem kleinen Bündel in der Hand, war ich kaum für eine genügend gute Gesellschaft von den zwei schäbigen Gentlemen gehalten worden, mit denen ich mich vor Kurzem auf dem Deckel der Postkutsche niedergelassen hatte; so schien ich nicht mehr dieselbe Person mit dem jungen Verschwender zu sein, der einst 385 mit den Edelleuten -ochsten Standes und den muntersten Herren des Landes vor dreißig Jahren gelebt hatte, welcher damals nur auf einem Pferde ritt, das ein Silbergeschirr im Wettrennen gewonnen hatte, oder sich behaglich in einem vierspännigen Reisewagen dehnte. Meine Empfindungen waren nicht weniger verändert als mein Zustand. Ich konnte mich noch sehr wohl erinnern, daß mein vorherrschendes Gefühl in den Tagen heißer Jugend, in dem bloßen Eifer eines Schulknaben bestand, so weit wie möglich in dem begonnenen Rennen zu kommen; so viele Flaschen wie A zu trinken; für einen so guten Pferdekenner wie B zu gelten; eine Jacke vom trefflichen Schnitte C's zu tragen u. s- w. Dieß waren deine Götter, o Israel! Jetzt war ich ein bloßer Zuschauer, selten ein unbewegter und bisweilen ein zorniger Zuschauer, allein immer doch nur ein Zuschauer bei dem Treiben der Menschen. Ich wußte wohl, wie wenig meine Meinung von denjenigen geschätzt wurde, die sich in dem geschäftigen Tumult Umtrieben, übte sie jedoch mit der Verschwendung eines alten Rechtsgelehrten, der sich von der Praxis zurückgezogen hat, sich um die Angelegenheiten seiner Nachbarn bekümmert und Rath ertheilt, wo man denselben nicht braucht, und Alles dieß nur unter dem Vorwände, daß er noch gern das Klatschen der Peitsche hört. Unter diesen Gedanken kam ich zum Gipfel eines Hügels, von welchem ich Glentanner zu sehen erwartete — ein bescheiden aber bequem aussehendes Haus, die Mauern von den ergiebigsten Fruchtbäumen des Landes bedeckt, und vor den stürmischen Regionen des Horizontes durch einen dichten und alten Wald geschützt, welcher den benachbarten Hügel beschattete. Das Haus war verschwunden; ein großer Theil des Waldes ausgehauen; und auf der Baustelle des Das gefährl. Schloß u. and. Erzähl. 2S anständigen, von ererbten Bäumen beschützten und beschatteten Hauses stand Castle Treddlcs, ein großer klumpenartiger, viereckiger Bau von Bruchsteinen, so nackt wie mein Nagel, mit Ausnahme einer unbedeutenden Einfassung von verwelkenden und ersterbenden fremden Gewächsen und eines elenden Rasenplatzes, welcher statt eines grünen, mit Maßliebchen, Hahnenfuß und Schlüsselblumen geschmückten Teppichs, eine zwar gehackte und geebnete aber beinahe nackte Fläche darbot, auf welcher die eingesäeten Gräser durch dürre verkümmert waren, und die Erde ihre natürliche Farbe beibchaltcnd, beinahe ebenso braun und nackt erschien, als wäre sie eben erst umgehackt worden. Das HauS war ein großer Bau, welcher auf den Namen Schloß nur wegen drei der »ordern Fenstern mit gothischen Spitzbögen (beiläufig gesagt, durchaus das Gegen- theil des Bauflyles von alten Schlössern), und wegen eines Thürmchens, von der Größe eines PfefferbüchSchenS, in jeder Ecke Anspruch machte. In jeder andern Hinsicht glich es einem großen Stadthause, welches wie ein fetter Bürger an einem Feiertage, einen Spaziergang auf's Land gemacht und den Gipfel einer Höhe, um sich umzuschen, bestiegen hat. Die Helle rothe Farbe des Sandsteines, der Umsang des Gebäudes, die Steifheit der Gestalt, die unbehülfliche Stellung, stimmte so wenig mit dem rauschenden Clyde an der Vorderseite, und dem sprudelnden Bach, welcher rechts hinab eilte, wie die fette bürgerliche Gestalt mit buschiger Pcrrückc, spanischem Rohr nebst dessen goldenem Knopf, kastanienbraunem Rock und buntscheckigen seidenen Strümpfen mit der wilden und prächtigen Gegend von Corehouse Linn übereingestimmt haben würde. Ich ging zum Hause; es befand sich in jenem Zustand der Ocde, dessen Anblick vielleicht den unangenehmsten Eindruck her- 387 vorruft; denn der Platzgerieth in Verfall, ohne daß er bewohnt war. An dem Wohnhause fanden sich, obgleich dasselbe verlassen war, keine Spuren langsamer Verwitterung, welche Gebäuden, ebenso wie menschlichen Körpern, eine Art ehrwürdigen Aussehens erthcilt, während sie denselben Schönheit und Kraft benimmt. Die vereitelten Entwürfe des Gutsherrn von Castle Treddles, waren der Frucht zu vergleichen, welche verfault ehe fie gereift ist. Einige Fenster waren zerbrochen, andere mit Papier bekleistert, andere mit Brettern verrammelt, so daß die ganze Umgebung ein trostloses Aussehen darbot und zu sagen schien: „dort hatte die Eitelkeit ihren Sitz aufzuschlagen beschlossen, allein die Armuth kam ihr zuvor." Jn's Innere wurde ich zuletzt, nach manchem vergeblichen Anklopscn von einem alten Arbeiter eingelassen. Das Haus enthielt jede Einrichtung für LuruS und Bequemlichkeit; die Küche war ein Musterbau, und von dort führte eine heizbare bedeckte Treppe nach dem Speisesaal, damit die Gerichte, nach der schottischen Phrase, zwischen der Küche und der Halle nicht kalt würden. Anstatt jedoch des angenehmen Duftes guter Mahlzeiten, entsandte der Tempel des Comus allein den dumpfen Geruch der Grabgewölbe, und die großen Schränke von Gußeisen sahen aus wie die eisernen Käfige eines mittelalterlichen Gefängnisses. Der Speiscsaal und das Wohnzimmer, nebst einem Gemach für Damen, waren prächtig eingerichtet, die Decken mit Ciselirarbeit und Stukkatur geschmückt, welche an einigen Stellen schon zerbröckelt war, und an andern feucht und verwittert aussah. Das Getäfel von Holz war zusammcngeschrumpft, hatte sich geworfen und Risse bekommen. Die Thüren, welche erst seit zwei Jahren eingesetzt waren, hingen dennoch schon lose in den Angeln. Kurz, es herrschte Verödung, wo niemals Leben geblüht 25 * 388 hatte, und der Mangel aller gewöhnlichen Mittel der Erhaltung vollbrachte schnell das Werk des Verfalles. Die Geschichte war eine gewöhnliche und läßt sich in wenigen Worten berichten. Herr Treddle, sen., welcher das Gut gekauft hatte, war ein vorsichtiger, geldmachender Mann gewesen; sein Sohn hatte Handelsspekulationen fortgesetzt und wünschte seinen Reichthum zugleich zu genießen und zu vermehren. Er machte fortwährend große Ausgaben, zu denen auch die Errichtung dieses Baues gehörte; um Geld dafür herbeizuschaffen, ließ er sich in gewagte Spekulationen ein, hatte Unglück und damit ist zugleich die Geschichte erzählt, die ebenfalls auf viele andere Landgüter wie auf Glentanner paßt. Sonderbare Gefühle wechselten in meiner Brust, als ich durch die verlassenen Gemächer schlenkerte, und kaum vernahm, was mein Führer mir über die Größe und Bestimmung jedes Raumes sagte. Zu meiner Beschämung muß ich gestehen, daß mein erstes Gefühl in befriedigtem Uebelwollen bestand. Meinem Adelsstölze war durch den Umstand geschmeichelt, daß der Gewerbsmann, welcher sich einfallen ließ, das Haus der Croftangry's sei nicht gut genug für ihn, jetzt seinerseits gestürzt war. Mein nächster Gedanke war ebenso niedrig, obgleich nicht so boshaft: „es ist mir besser gegangen, wie diesem Kerl," dachte ich; „habe ich das Gut verloren, so habe ich wenigstens den Werth durchgebracht; Herr Treddles aber hat es in elenden Handels- unternchmungen vergeudet." „Elender," sagte eine geheime Stimme in mir, „wagst du dich deiner Schande zu rühmen? Erinnere dich, wie deine Jugend und dein Vermögen in jenen Jahren verschleudert wurde, und triumphire nicht in dem Genuß eines Daseins, welches auf gleicher Linie mit dem unvernünftigen Thicre steht. Bedenke wie dieses armen Mannes Eitelkeit wenigstens Brod dem Arbeiter, Bauer und Bürger gab, wie seine Verschwendung dem aus die Erde verschütteten Wasser glich, welches die niedrig wachsenden Kräuter und Blumen, wohin es fällt, erfrischt. Aber du! Wen hast du während deiner verschwenderischen Laufbahn bereichert? Nur die Mackler des Teufels, Weinwirthe, Kuppler, Spieler und Pferdeknechte !" Die durch diesen Selbstvorwurf hervorgebrachte Angst war so stark, daß ich plötzlich die Hand an die Stirne legte, und einen Anfall von Kopfschmerz zur Entschuldigung meiner Handlung vorschützen, sowie dieselbe mit einem leisen Gestöhn begleiten mußte. Alsdann bemühte ich mich meinen Gedanken eine mehr philosophische Richtung zu ertheilen und murmelte halblaut, um peinlichere Gedanken zu beschwichtigen: In meiner Angst, die philosophische Vorschrift mir einzuprägen, deklamirte ich laut deü letzten VerS, ein Umstand, welcher, wie ich nachher erfuhr, nebst meiner vorhergehenden Aufregung, ein Gerücht veranlaßte, nach welchem ein verrück- ") Jener Acker, der zuletzt nach UmbrenuS Namen benannt ist, Kürzlich das Land des Ofellns, wird keinem als eigen gehören; Bald ja ist er mir eigen, bald dir auch. Also bewahre Muthigen Sinn und biete dem Unglück tapfer die Brust dar- Hör. Sat. II. 2. ter Schulmeister aus Minburg mit dem Gedanken in seinem Kopfe gekommen wäre, Castle Treddles zu kaufen. Als ich bemerkte, daß mein Begleiter mich los zu werden wünschte, erkundigte ich mich nach der Person, in deren Händen die Karte des Gutes nebst anderen Angaben niedergelegt war. Der Agent, welcher dieß, wie ich hörte, im Besitz hatte, wohnte in der Stadt—; diese lag, wie mir gesagt wurde, und wie ich selbst sehr wohl wußte, fünf Meilen und noch etwas weiter entfernt, eine Strecke, zu welcher man in einer Gegend, worin man mit dem Lande weniger verschwenderisch ist, noch zwei oder drei Meilen hinznfügen kann. Da ich nicht gern mehr so weit gehen wollte, erkundigte ich mich, ob ich ein Pferd oder einen Wagen bekommen könne, welche Frage verneint wurde. „Aber," sagte mein Cicerone, „Ihr könnt bis nächsten Morgen im „Trcddles-Wappen" einkehren, einem sehr anständigen, kaum eine Meile entfernt liegenden Gasthof." „Wahrscheinlich ein neues HauS?" fragte ich. „Nun, es ist ein neuer Gasthof, aber ein altes Haus, zur Zeit der Crostangry's war eS ein Wittwensitz; Herr Treddles hat es aber zur Bequemlichkeit der Gegend eingerichtet. Der arme Mann, er hatte viel Gcmeingeist, wenn er die Mittel dazu besaß." „Duntarkin ein Gasthof!" rief ich aus. „Was?" sagte der Kerl, durch die Nennung des Ortes nach dem früheren Namen überrascht, „Ihr seid wohl schon früher im Lande gewesen?" „Vor langer Zeit," erwiderte ich; „hat man aber auch seine Bequemlichkeit im Wappen, nun, wie nanntet Ihr es doch? Ist der Wirth höflich?" Dieß sagte ich, um irgend etwas zu sagen, denn der Kerl blickte mir starr in's Gesicht. „Ihr findet dort eine sehr anständige Bewirthung. Wein könnt Ihr nicht haben, wie ich glaube, aber genug Porter, Ale, und einen Tropfen guten Branntweins." in leiserem Tone fügte er hinzu, „wenn Ihr Euch der Wirtbin angenehm macht, denn ein Wirth ist nicht da, man nennt fie Christie Steele." Ich gerieth fast außer mir bei diesem Namen. Christie Steele! Christie Steele war die Magd meiner Mutter und unter uns gesagt, beinahe eine unumschränkte Herrscherin über sie gewesen- Ich erinnerte mich ihrer vollkommen. Obgleich ich sie in früheren Zeiten nicht hatte leiden können, klang jetzt ihr Name in meinen Ohren wie der einer Freundin; er war das erste Wort, das sich mit meinen Gedanken über die Umgebung verknüpfte. Ich verließ Castle Treddles mit dem Entschluß, den Weg nach Duntarkin einzuschlagcn; mein Führer begleitete mich eine kleine Strecke, indem er sich seiner Liebhaberei zum Schwatzen hingab — eine Gelegenheit, die bei seiner Lage als Seneschal eines verfallenen Schlosses, wahrscheinlich nicht häufig eintrat. „Einige Leute glauben," sagte mein Gefährte, „daß Herr Treddles meine Frau statt der Christie Steele in das Tredd- leswappen hätte setzen können, denn Christie war nur eine Magd und nie in einem Wirthshause gewesen, und jetzt geht es ihr auch schlecht in der Welt, wie ich höre, jetzt da meine Frau einen Laden mit dem Verkauf von Lebensmitteln hält." »Das wäre sicherlich ein Vortheil gewesen," erwiederte ich. „Ich weiß jedoch nicht, ob ich meiner Frau erlaubt hätte, die Wirthschaft anzunchmen, wäre sie ihr angeboten worden." „Das ist etwas Anderes." 392 „Ich hätte nicht gern dem Herrn Treddles Anstoß geben mögen; er war ein wenig wunderlich, wenn man ihm etwas zuwider that, sonst aber ein gütiger und wohlwollender Mann.« Ich wünschte diese Art Geschwätz mir vom Halse zu schaffen, und da ich mich am Beginn eines Fußweges befand, der den Weg nach Duntarkin etwas abkürzte, drückte ich meinem Führer eine halbe Krone in die Hand, wünschte ihm einen guten Abend und ging hastig in den Wald. „Halt, Herr, von Leuten wie Euch nehme ich nichts; bleibt Herr, in dieser Weise findet Ihr nicht den Weg — Gottes Gnade, er muß den Weg so gut kennen, wie ich selbst; ich möchte gern wissen, was das für ein Menschenkind ist.« Dieß waren die letzten Worte der schläfrigen und langweiligen Stimme meines Führers; erfreut ihn los zu sein, ging ich in schnellem Schritte weiter, ungeachtet der großen Steine, des Dorngcbüsches und der schlechten Stellen, welche auf dem von mir gewählten Pfade in Menge vorhanden waren. Mittlerweile versuchte ich so gut wie möglich mit Versen aus Horaz und Prior und allen Dichtern, welche die Mischung des literarischen und ländlichen Lebens gepriesen haben, die Traumgestchte der letzten Nacht und dieses. Morgens zurückzurufen, indem ich mir einbildete, mich auf irgend einem entlegenen, abgesonderten Pachthofe des Gutes Glentanner niedergelassen zu haben. Bo» sanftem Abhang rings umschlossen, Wo grün und dicht ein Wald entsprossen. Ich dachte mir dort, wie ich eine Hütte mit einer kleinen Bibliothek, einem kleinen Keller und ein zweites Bett für einen Freund besäße und glücklicher, so wie geehrter leben würde, als wenn ich über die ganze Baronie verfügte. Die 393 Ansicht von Castle TreddleS hatte jedoch alle meine Luftschlösser zerstört. Die Wirklichkeit hatte, gleich einem in die ruhige Wasserfläche eines Hellen Teiches geworfenen Stein, die Zurückweisung der Bilder von den umgebenden Gegenständen gestört, welche auf der kr-stallenen Oberfläche bis zu dieser Gewaltthätigkeit schlummernd lagen. Ich versuchte vergeblich das Gemälde wieder -erzustellen. Wohlan denn, die Sache ließ sich in einer andern Weise versuchen; ob Christie Steele aus ihrer Gastwirthschaft sich herausbringcn lasse, in welcher sie ja doch kein Glück hatte, und ob sie, die frühere Haushälterin meiner Mutter, die mcinige werden wollte? Ich kannte alle ihre Fehler und ließ ihre Geschichte an meinen Augen vorübergehen. Sie war, wie ich glaube, die Enkelin oder wenigstens die Verwandte des berühmten Covenanters dieses Namens, welchen der Freund Swift's zur Zeit der Verfolgung in dessen eigenem Hause erschoß*), und hatte vielleicht gute, so wie böse Eigenschaften aus ihrer Familie ererbt. Niemand konnte sagen, sie sei das Leben und der Geist der Familie, obgleich sie zur Zeit meiner Mutter alle Familienangelegenheiten leitete; ihr Blick war streng und finster, und man konnte allein an ihrem Schweigen erkennen, daß sie nicht unzufrieden war; halte sie Ursache zur Klage, wirkliche oder ein- Dieß geschah im Jahre 1686. David Steeie mar einer der bedeutendste» Häuptlinge, welche das aufgestandene Landvolk in, kleinen Kriege führten. Swift erzählt, er sei von einem Dragvner-Hauptmann in seinem Hause überfasten worden, und nach einem lebhaften Widerstande, worin er mehrere Dragoner tbdtete und noch mehr verwundete, erschossen worden; nach anderen Berichten jedoch hatte er sich als Gefangener überliefert und wurde wehrlos auf höchst barbarische Weise von dem kommandirendcn Offiziere umgebracht. 394 gebildete, so war sie laut genug. Sie liebte meine Mutter mit der aufopfernden Anhänglichkeit einer jüngeren Schwester, war aber eben so eifersüchtig auf ihre Gunst gegen Jedermann, als sei sie der alte Ehemann einer gefallsüchtigen Frau gewesen. In ihrem Tadel.war sie eben so streng wie eine Aebtissin gegen ihre Nonnen. Die Herrschaft, welche sie über meine Mutier übte, war wie ich besorge, die eines starken und entschlossenen Charakters über eine schwache und an den Nerven leidende Person; obgleich Christie Steele dieselbe mit Kraft übte, so leitete sie nach ihrer Meinung wenigstens ihre Gebieterin auf die beste und geeignetste Bahn; auch wäre sie lieber gestorben, als daß sie eine andere Verfahrungsweise ihr ancmpfohlen hätte. Die Anhänglichkeit dieses Weibes war auf die Familie Croftangry beschränkt, denn sie hatte nur wenig Verwandte, und ein liederlicher Vetter, mit dem sie sich schon ältlich verheirathet hatte, war schon vor langer Zeit gestorben. Gegen mich hegte sie stets einen starken Widerwillen. Sogar von frühester Kindheit an war sie, so sonderbar es auch scheinen mag, eifersüchtig auf meinen Antheil an der Liebe meiner Mutter; sie betrachtete meine Schwächen und Laster mit Abscheu und ohne ein einziges Gran Nachsicht; sie verzieh mir nie die Schwächen mütterlicher Liebe, sogar als ich durch den Tod zweier Brüder das einzige Kind einer Wittwe wurde. Zur Zeit als mein unordentlicher Lebenswandel meine Mutter Glentanner zu verlassen und sich auf ihren Wittwen- sitz zurückzuziehen bewog, tadelte ich immer Christie Steele, daß sie auf deren Zorn Einfluß geübt und verhindert habe» meine Versprechungen der Besserung zu beachten, welche damals aufrichtig und ernstlich gemeint waren, und vielleicht die Charakterveränderung beschleunigt haben würden, welche seit- 395 dem, wie ich überzeugt bin, stattgefunden hat. Christie betrachtete mich jedoch als ein von der Vorsehung zum Untergänge bestimmtes Kind, welches seine Laufbahn des Bösen einhalten und jeglichen mit sich fortreißen müßte, der ihm eine Stütze zu reichen versuchen würde- Obgleich ich jedoch wußte, daß Christie's Vorurthcile gegen mich in andern Tagen von der erwähnten Art gewesen waren, so dachte ich dennoch, es sei genug Zeit verflossen, um sie sämmtlich zu zerstören. Ich wußte, daß Christie, als meine Mutter bei der Unordnung meiner Angelegenheiten in augenblicklicher Geldverlegenheit sich befand, sehr pflichtgetreu für den Riß einstand, ein kleines ihr zugefallenes Erbtheil verkaufte, und den Kaufschilling ihrer Herrin mit einem so tiefen Gefühl der Hingebung brachte, wie jenes war, welches die Christen der ersten Zeit beseelte, als sie alle ihr Eigen- thum verkauften und den Aposteln der Kirche folgten. Ich dachte deßhalb, man könne alte Dinge der Vergessenheit übergeben und auf neue Rechnung von vorne wieder anfangen. Wie ein geschickter General beschloß ich jedoch vorher ein wenig zu rekognosziren, bevor ich einen bestimmten Plan meines Verfahrens entwürfe, und mittlerweile mein Jncognito zu bewahren. 396 Viertes Kapitel. Herr Croftangrp sagt Clydesdale Lebewohl. Gesunken, ach, non dem was einst es war, Entwürdigt war'S zu einem WirthShauS gar. Gay. Ein flinker Spaziergang von ungefähr einer Stunde brachte mich nach Duntarkin, welches ebenfalls beträchtliche Veränderungen erlitten hatte, obgleich es nicht wie das Hauptgebäude gänzlich eingeriffen war; ein Hof dehnte sich vor dem niedlich aussehenden kleinen Wittwensitze zwischen den Resten der Stechpalmhecken aus, welche einst den Garten der Dame geschützt hatten. Eine breite, roh aussehende, neu angelegte Heerstraße hatte sich in das kleine Thal statt des alten Fahrweges cingedrängt, welcher so selten gebraucht wurde, daß er beinahe gänzlich mit Gras bedeckt war. Landstraßenauf- seher begeben oft den groben Mißgriff, daß sie die Breite, welche für eine nach der Hauptstadt führende Landstraße erfordert wird, auch bei Gelegenheiten anbringen, wo ein bloßer Zugang in irgend einen entlegenen und wenig bevölkerten Distrikt nothwendig ist. Ich sage nichts von den Kosten; die Landstraßenaufseher und diejenigen, welche den Straßenbau unternommen haben, mögen die Sachen nach Belieben unter sich ausmachen. Groß aber ist die Zerstörung der durch Wälder erzeugten Schönheit, wenn die Breite der Straße ihr Verhältniß zu dem von ihr durchschnittenen Thale übersteigt und natürlich die landschaftliche Bedeutung von Wald und Wasser oder zerklüftetem und mannigfachem Boden 397 vermindert, welche sonst in's Auge fallen und Vergnügen erzeugen müßte. Ein laufender Bach zur Seite einer dieser appischen oder flaminischcn Straßen ist wie ein Rinnstein — der kleine Hügel ist bis auf eine bloße Bodenanschwellung vermindert — die romantische Bodenanschwellung ist zum Maulwurfhaufen, d. h. beinahe zu klein, um den Blick auf sich zu ziehen geworden. Eine solche Ungeheuerlichkeit hatte die ruhige Einsamkeit von Duntarkin vernichtet, und ihr Gefolge von Kies und Staub, sowie die Gedankenverbindungen von Einspännern und Postkutschen in die entlegensten Punkte des mittleren Thcilcs von Clydeödale ekngedrängt. Das Haus war alt und verfallen, und sah aus, als ob es wegen seiner selbst Kummer empfinde, und seine Herabsetzung erkenne; das Schild aber war groß, neu und glänzend angestrichen; es zeigte ein Wappenschild mit drei Wcberschiffen im buntgestreiften Felde, mit einem Gewebe, welches fich als Helmzier zum Theil entfaltete, und mit zwei gewaltigen Riesen als Wappenträgern, von denen jeder einen Weberbaum in der Hand hielt. Die Aufhängung dieses ungeheuerlichen Wappens vor dem Haufe hätte die Mauer in Gefahr bringen oder sicherlich die Aussicht auf ein oder zwei Fenster versperren müssen. Es war deßhalb abgesondert vom Hause auf einem eisernen Rahmwerk angebracht und auf zwei Pfosten mit soviel Holz und Eisen aufgehängt, daß man davon eine Brücke hätte bauen können; dort hing das Schild, krachend, seufzend und kreischend bei jedem Windzuge und erfüllte vielleicht auf fünf Meilen hin die Nester der Drosseln und Hänflinge, der alten Bewohner des kleinen Thaies, mit Schrecken. Als ich in das Haus trat, empfing mich Christie Steele in eigener Person, wie es schien ungewiß, ob sie mich in der 398 Küche abladen oder mich in ein besonderes Zimmer führen solle. Da ich Thee mit etwas Wesentlicherem, als Brod und Butter, verlangte, und von Essen und Schlafen sprach, führte mich Christie zuletzt in das Zimmer, wo sie selbst gesessen war, wahrscheinlich das Einzige worin ein Feuer brannte, obgleich es schon Spätherbst war- Dieß entsprach meinem Plane, und als sie im Begriff war ihr Spinnrad wegzunehmen, bat ich, sie möge die Güte haben zu bleiben, um den Thee mir anzumachen; ich fügte hinzu, daß ich den Schall des Rades liebe und sie nicht im geringsten bei ihrer häuslichen Arbeit zu unterbrechen wünsche. „Ich weiß nicht, Herr," crwiederte sie in trockenem Tone, der mich in die Zeit vor zwanzig Jahren zurückführte, «ich bin keine jener munteren Wirthinnen, welche die Klatschereien der Gegend erzählen und sich dadurch beliebt machen; ich wollte ein Feuer für Euch im rothcn Zimmer anmachcn, wenn Ihr aber hier bleiben wollt, so darf derjenige sein Zimmer wählen, welcher dafür bezahlt." Ich bemühte mich sie zum Gespräch zu verleiten; obgleich sie aber mit steifer Höflichkeit antwortete, so konnte ich sie nicht zur Gesprächigkeit bringen, und sie blickte mehrere Male nach ihrem Rade und der Thüre, als wolle sie einen Rückzug antreten. Ich war deßhalb zu einigen besonder» Fragen ge- nöthigt, welche Interesse für eine Person haben konnten, deren Jdeenkrcis wahrscheinlich nur sehr beschränkter Art war. Ich sah mich im Zimmer um, es war noch dasselbe, worin ich meine arme Mutter zum letzten Mal gesehen hatte. Der früher erwähnte Verfasser der Familiengeschichte that sich auf die Verbesserung etwas zu gute, die er im Wittwensitze Dun- tarkin angebracht hatte; bei seiner Verhcirathung, als seine Mutter vom Wittwensitz Besitz nahm, hatte er „mit großen Kosten und Ausgaben die Wände des großen Besuchzimmers (desselben worin ich jetzt saß) mit Holz auslegen, dasselbe mit Schnitzwerk verzieren, die Decke mit G-ps belegen, einen Kamin bauen und denselben mit Gemälden, sowie mit einem Barometer und Thermometer schmucken lassen." Besonders aber hatte er, worüber sich seine gute Mutter hauptsächlich freute, sein eigenes Porträt über dem Kamingesimse von geschickter Hand malen lassen. Wahrlich, er war noch dort vorhanden, mit einem Gesicht, welches ich ihm nach dem Zeug- niß seiner Handschrift zu crtbeilen geneigt war — finster und streng, jedoch nicht ohne einen Zug der Schlauheit und Entschlossenheit; in eiserner Rüstung, obgleich er wahrscheinlich niemals eine solche trug; die eine Hand ruhte auf einem Buch, die andere auf dem Griff seines Degens, obgleich er nach meiner Meinung niemals Kopfschmerz vom Lesen oder Gliederschmerz vom Hechten bekommen hatte. „Das Gemälde ist auf Holz gemalt, Madame?" fragte ich. „Ja Herr, sonst würde man cs nicht dagelaffen haben, man hat Alles fortgetragen, was nicht nagelfest war." „Herr Treddles Gläubiger, scheint Ihr sagen zu wollen," fragte ich wieder. „Nein," erwiederte sie trocken, „die Gläubiger einer andern Familie, welche reinere Bahn gemacht haben, als diejenigen jenes armen Mannes, weil, wie ich glaube, dort weniger zu haben war " „Vielleicht einer älteren Familie, an die man sich wahrscheinlich mehr erinnert, und die man mehr bedauert, als die bürgerlichen Eigcnthümer?" Christie richtete sich auf ihrem Stuhle auf, und rückte ihr Spinnrad zu sich hin. Ich hatte einen interessanten Stoff für ihre Gedanken, um dabei zu verweilen, herbeigcschafft, 400 und ihr Spinnrad lieferte bei solchen Gelegenheiten die mechanische Begleitung, indem dessen Umdrehungen ihr bei der Darlegung der Ideen zu Hülfe kamen. „Mehr bedauert — mehr vermißt? Ich konnte ein Mitglied der alten Familie sehr wohl leiden; von Allen will ich das aber nicht sagen. Warum sollte die Familie mehr bedauert werden als die Treddles? Die Baumwollenfabrik brachte dem Lande großen Vortheil; selbst die Knaben der ärmsten Bauern hatten es gut; sie konnten schon im fünften Jahre genug für den Lebensunterhalt verdienen. Eine Wittwe mit drei oder vier Kindern war ein reiches Weib zur Zeit der Treddles." „Aber die Gesundheit dieser armen Kinder, gute Freundin, ihre Erziehung und religiöser Unterricht —" „Was die Gesundheit betrifft," crwiedertc Christie, indem sie mich finster anblickte, „so müßt Ihr sehr wenig von der Welt kennen, Herr, wenn Ihr nicht wißt, daß die Gesundheit des armen Mannes, ebenso wie seine Juge.rd und Kraft, dem Geldbeutel des reichen Mannes zur Verfügung stehen. Noch niemals war ein Gewerbe so ungesund, daß die Männer einander nicht geprügelt hätten, um Arbeit dabei zu bekommen, wenn sie täglich zwei Pfennige mehr als den gewöhnlichen Lohn bekamen. Aber für die Knaben wurde hinsichtlich der Luft und Körperbewegung gut gesorgt, und ein sehr achtbarer junger Mann hörte ihnen den Katechismus ab und gab ihnen Unterricht im Lesen. Was bekamen sie denn zuvor? Vielleicht wurden sie an einem Wintertage herbeigeholt, um im Walde Schnepfen u. dgl. aufzujagen und die hungernden Kinder bekamen dann vielleicht ein Stück Brod und vielleicht auch nicht, je nachdem gerade der Verwalter und Kellermeister bei Laune war — das war Alles was sie bekamen." 401 „Diese alten Besitzer waren also nicht gütig gegen die Armen?" fragte ich etwas bitter, denn ich hatte erwartet, das Lob meiner Ahnen zu vernehmen, obgleich ich daran zweifelte, daß mir mein eigenes aufgetischt würde. „Sie waren nicht böse gegen die Armen, und das ist etwas. Sie waren gerechte, anständige Leute; arme Geschöpfe, die dreist genug zum Betteln waren, erhielten Almosen und einen Willkommen. Die Croftangrp's gingen aufrecht vor Gott und Menschen und, wie ich zuvor sagte, thaten sie wenig Böses, wenn sie auch wenig Gutes thaten. Sie erhoben ihre Pachtrentcn und gaben dieselben wieder aus, sie ließen sich ihre Zinshühner bringen und verspeisten dieselben; sie gingen des Sonntags zur Kirche, verbeugten sich höflich gegen die Leute, welche ihre Mützen abnahmen, wenn sie vorbeikamen, und blickten so grimmig wie die Sünde die Bauern an, welche die Mütze auf dem Kopfe behielten." „Ist das ihr Wappen, was Ihr auf dem Schilde habt?" „Was, das bemalte Brett, das an der Thüre kreischt und stöhnt? — Nein, das ist das Wappen von Herrn Treddles, obgleich es einem ordentlichen Wappen ebenso ähnlich ist, wie ein Bein einem Arme — ich habe mich genug über das alberne Ding geärgert, welches so viel Geld kostete, daß man damit das ganze Haus von den Grundsteinen bis zum Dachgiebel hätte ausbessern können. Bleibe ich aber hier, so will ich einen anständigen Schild mit einer darauf gemalten Punschbowle haben." „Ist es denn ungewiß, ob Ihr hier bleibt, Madame?" „Redet mich nicht mit Madame an," sagte die mürrische alte Frau, deren Finger jetzt den Faden in einer Weise drehten, welche Nervengerciztheit anzeigte. „In dem Lande war kein Glück, seid Lucky zur Madame und die Madame zur My- DaS gefährl. Schloß u. and. Erzähl. 26 402 lady wurde; und was mein Hierblciben betrifft, wenn Jhr's wissen wollt, so kann ich hier bleiben, wenn ich hundert Pfund Sterling als Kaufgeld für das Pachtrecht bezahle, und ich kann mich fortscheeren, wenn ich das Geld nicht habe; dann heißt es, guten Abend Christie." Das Rad drehte sich mit ungemeiner Schnelligkeit. „Euch gefällt das Gewerbe einer Wirthin?" „Das kann ich gerade nicht sagen," erwiderte sie, „allein unser würdiger Pfarrer ist von dessen Rechtmäßigkeit überzeugt, und ich bin jetzt daran gewöhnt, und habe mein gutes Einkommen, »gleich ich niemals eine falsche Rechnung machte und Niemanden die Mittel gab, um seine Vernunft in meinem Hause zu erniedrigen." „Wirklich," sagte ich, „in dem Fall ist cs kein Wunder, daß Ihr die hundert Pfund zum Ankauf des Pachtrechtes erspart habt." „Wie könnt Ihr wissen," sagte sie spitzig, „daß ich nicht hundert Pfund eigenes Vermögen haben könnte? Wenn ich es nicht habe, so ist cs gewiß nicht meine Schuld; aber ich will Nichts von Schuld sagen, denn das Geld kam in den Beutel derjenigen, die auf alle meine Dienste vollkommenen Anspruch besaß." Hier zupfte sie wieder heftig am Flachs und das Spinnrad machte schnelle Umdrehungen. „Dieser alte Herr," sagte ich, indem ich meine Blicke auf das Porträt heftete, „hat sicherlich eben so gut wie Herr TreddleS sein Wappen malen lassen, d- h. wenn das Bild in der Ecke ein Wappenschild ist." „Ja, ja, ein Wappenschild, alle wollen ihr Wappenschild haben, cS fehlt keinem armen Landjunker; so kann man auch das Wappen, wie man es nennt, des Hauses Glentanner auf einem alten Stein am westlichen Ende des Hauses sehen; um 403 den Croftangrp's aber Gerechtigkeit zu erweisen, so machten sie damit nicht soviel Lärmen, wie der neue Herr Treddles; wahrscheinlich waren sie besser daran gewöhnt." „Wahrscheinlich war das der Fall. Sind noch einige von der Familie am Leben, Wirthin?" „Nein," erwiderte sie, alsdann fügte sie nach einem Augenblick Bedenken hinzu, „wenigstens nicht so viel ich weiß," und das Rad, welches einige Zeit stillgestanden war, begann sich wieder zu drehen. „Vielleicht sind einige in's Ausland gegangen?" bemerkte ich. Sie blickte jetzt auf und sah mir in's Gesicht. — „Nein, Herr, der letzte Gutsherr von Glentanner, wie er damals hieß, hatte drei Söhne; John und William waren hoffnungsvolle junge Herrn, sie starben aber in der Jugend, der Eine an Schwäche in Folge der Masern, der Andere verlor sein Leben an einem Fieber. Für viele wäre cs gut gewesen, wenn Chrystal ebenso aus der Welt gekommen wäre." „So? dann ist der Junge wohl der Verschwender gewesen, der das Gut verkauft hat? Wohlan Ihr solltet nicht so böse auf ihn sein; bedenkt, die Noth kennt kein Gebot und weiterhin Wirthin, war er auch nicht schuldiger als Herr Treddles, den Ihr so sehr bedauert " „Ich wünschte seiner Mutter wegen, daß ich dieß glauben könnte, Herr Treddles war aber ein Kaufmann, und obgleich er dadurch kein besonderes Recht zur Verschwendung erhielt, so hatte er doch einige Entschuldigung hinsichtlich derselben, weil er sich einbildete, daß er viel Geld mache. Jener unglückliche Bursch aber, verschlang sein ganzes Erbtheil, als er doch wissen mußte, daß er wie die Ratte in einem Käse lebe, und jedenfalls jeden Tag von seinen Mitteln zehre — ich mag 26 * 404 nicht mehr daran denken." Hierauf sang sie einige Verse einer Ballade, allein Heiterkeit lag weder in der Stimme noch im Ausdruck. Er Hut verschwendet und sv beendet Den Reichthum, den sein HnuS gewann; DaS Land und das Geld hat er fvrtgeschnellt, Drum schweigt von dem alten Edelmann. „Kommt, Dame," sagte ich, „das ist eine lange Gaffe ohne Ausgang, ich will Euch nicht verhehlen, daß ich etwas von diesem armen Kerl Chrystal Croftangrp gehört habe; er hat seinen wilden Hafer ausgesäet, wie man zu sagen pflegt, und ist jetzt ein gesetzter, achtbarer Mann geworden." „Wer hat Euch das gesagt?" fragte sie, indem sie mich scharf anblickte. „Nicht vielleicht der beste Richter über seinen Charakter in der Welt; er hat es mir selbst gesagt, Frau." „Und wenn er Euch die Wahrheit sagte, so war das eine Tugend, die er früher nicht übte," erwiderte Christie. „Der Teufel," sagte ich in beträchtlichem Aerger; „alle Welt kennt ihn als einen Mann von Ehre." „Ja ja, er würde Jedermann mit seinen Flinten oder Pistolen erschossen haben, der gewagt hätte ihn einen Lügner zu schelten. Wenn er aber einem ehrlichen Gewerbsmann das Versprechen gab, ihn am nächsten Termin zu bezahlen, hielt er dann sein Wort? Und wenn er einem armen albernen Mädchen versprach, sie für ihre Schande zu entschädigen, sagte er dann die Wahrheit? Und was ist das Anders, als daß er ein Lügner war, und noch dazu ein ganz boshafter, spitzbübischer Lügner." Mein Unwille erhob sich, ich suchte ihn jedoch zu unterdrücken; ich hätte auch wirklich meiner Quälerin, durch eine 405 zornige Antwort, nur einen Triumph gewährt. Zum Theil begann ich schon zu beargwöhnen, daß sie mich kenne; sie bezeugte jedoch so wenig Aufregung, daß ich meinen Verdacht nicht für gegründet halten konnte. Ich fuhr deßhalb in so gleichgültigem Tone wie möglich fort: „Wohlan, Wirthin, ich sehe, Ihr wollt von diesem Chrystal nichts Gutes glauben, als bis er zurückkehrt, einen guten Pachthof auf dem Gute kauft und Euch zu seiner Haushälterin macht." Die alte Frau ließ ihren Faden fallen und faltete die Hände, als sie mit dem Ausdruck der Besorgniß zum Himmel blickte. „Der Herr," rief sie aus, „behüte uns! Der Herr verhüte das in seiner Gnade! O, Herr, wenn Ihr wirklich diesen unglücklichen Mann kennt, so überredet ihn, sich niederzulassen, wo die Leute die guten Eigenschaften kennen, die er nach Eurer Angabe sich erworben hat, und wo Niemand etwas von den Streichen seiner früheren Tage weiß; er pflegte ja stolz genug zu sein! Bewirkt, daß er nicht hieher kömmt, sogar wegen seiner selbst; er hatte ja sonst einigen Stolz." Hier zog sie wieder das Spinnrad dicht an sich heran und begann den Flachs mit beiden Händen zu zupfen. „Laßt ihn nicht hieher kommen, damit er nicht verächtliche Blicke von seinen alten liederlichen Gesellen bekömmt, und die anständigen Leute nicht sieht, unter denen er die Nase so hoch, sowohl in der Kirche wie auf dem Markte trug; laßt ihn nicht in seine Geburtsgegend zurückkehren, damit die Nachbarn auf ihn nicht mit Fingern weisen und sagen, was er ist und was er war, und wie er ein gutes Vermögen verschwendete und liederliche Weibspersonen in die Thür von seines Vaters Haus brachte, bis seine Mutter dort nicht mehr wohnen konnte; und wie eine Magd seines eigenen Hauses voraussagte, daß er ein Thunichtgut und ein ver- lorner Sohn sei, und wie ihre Vorhersagung sich erfüllte, und wie »Halt, Wirthin, wenn es Euch beliebt," sagte ich, „Ihr habt mir jetzt soviel gesagt, als ich behalten kann, und mehr als ich meiner Sicherheit wegen wiederholen darf. Ich kann mit dem Herrn, von welchem Ihr sprecht, mich ziemlich frei unterreden; würde aber eine andere Person ihm Eure Botschaft Überbringer:, so möchte ich nicht für seine Sicherheit einstehen. Und jetzt, da ich sehe, daß dieß eine schöne Nacht sein wird, so will ich nach N. gehen, wo ich morgen eine Postkutsche, um nach Edinburg zu fahren, erwarten muß." Mit diesen Worten bezahlte ich meine mäßige Rechnung und nahm Abschied, ohne daß ich entdecken konnte, ob die vorurtheilsvolle und hartherzige alte Frau den Verdacht hegte oder nicht, daß ihr Gast dieselbe Person wie jener Chrystal Croftangrv sei, gegen welchen sie so großen Widerwillen hegte. Die Nacht war schön und kalt; als ich aber vorgab, uachse-en zu wollen, wie das Wetter sei, hätte es ebenso wohl wie in einer Sündfluth regnen können, denn ich brachte uur deßhalb die Enschuldigung vor, um der alten Christie Steele zu entwischen. Die Pferde, welche auf dem Korso zu Rom ohne Reiter ein Wettrennen halten , tragen an sich, um ihren Eifer anzuregen, ihre eigene Sporen, nämlich kleine Stahlkügelchcn mit scharfen vorragenden Stacheln, welche an lose ledernen Riemen befestigt, in der Heftigkeit des Laufes einherfliegen, und das Pferd dadurch zum schnellen Lauf antreiben, daß sie dasselbe, auf seine Seiten schlagend gleichsam anspornen. Die Vorwürfe der alten Frau übten auf mich dieselbe Wirkung 407 und trieben mich zu einem schnellen Schritte an, als sei es dadurch möglich gewesen, meinen Erinnerungen zu entgehen. Ich glaube nicht, daß ich in meinen besten Lebenslagen, als ich eine oder zwei Wetten über angestrengte Spaziergänge gewann, so schnell ging, wie damals, zwischen dem Wappen der Treddles und dem Flecken, wo ich für die Nacht cinkehren wollte. Ungeachtet der Nachtkälte war ich warm genug, als ich in meinem Gasthof anlangte; ein erfrischender Portertrank und die Ruhe einer halben Stunde waren erforderlich, um an Christie und ihre Meinungen nicht weiter als an diejenigen eines andern gemeinen und vorurtheilsvollen alten Weibes zu denken. Zuletzt beschloß ich die Sache als Kleinigkeit zu behandeln; ich verlangte Schreibmaterialien und legte eine Anweisung für hundert Pfund in ein Couvert mit folgenden, auf letzteres geschriebenen Versen: Chrystal der Thunichtgut, Chrdstal die Teufelsbrut, - Schickt der Fron Steele dieß Geld, Damit ge lh» stets im Gedüchtniß behält. Diese neue Art, den Gegenstand zu betrachten, gefiel mir so sehr, daß ich nur die vorgerückte Zeit bedauerte, welche es mir unmöglich machte, einen erpressen Boten mit dem Briefe nach seiner Bestimmung abzusenden. Doch mit dem Morgen kam ein kält'reS Sinnen. Ich bedachte, daß ich ihr das Geld und wahrscheinlich noch mehr, wegen deß meiner Mutter geleisteten Vorschusses, schuldig war, welchen Christie, in einem Augenblick großer Noth, hergegeben hatte, und daß die Nebersendung der Summe in einer so possenhaften Weise, eine so empfindliche Person 408 an der Annahme einer Schuldzahlung verhindern könne, die ihr mit Recht gebührte, und hinsichtlich welcher es mir geziemte, sie vor allen andern abzulragen- Ich opferte somit meine vier Verse mit wenig Bedauern; (dieselben sahen nämlich besser beim Kerzenlicht und unter dem Einflüsse eines Porterkruges, als beim Tageslicht und unter dem niederschlagenden Einflüsse der Theekanne auS) und beschloß Herrn Fairscribe's Vermittlung anzunehmen, um das Pachtrecht des kleinen Gasthofes anzukaufen und dasselbe der Christie in einer Weise zu übertragen, welche ihrem Gefühle am annehmlichsten sein würde. Ich brauche hier noch hinzuzufügen, daß mein Plan gelang, und daß die Wittwe Steele noch jetzt Wirthin im Treddleswappen ist- Leser, sage deßhalb nicht, daß ich zurückhaltend gegen dich gewesen sei; habe ich mir selbst auch nicht alles Böse nachgesagt, was ich hätte nachsagen können, so habe ich dir wenigstens eine dazu fähige Person angczeigt, welche sehr gerne die Lücken ausfüllen und alle meine Vergehen, sowie mein Unglück erzählen wird. Mittlerweile gab ich jeden Gedanken auf, einen Theil meines väterlichen Gutes wieder an mich zu bringen, und beschloß Christie Steele's Rath zu befolgen, so hart derselbe auch klingen mochte. 409 Fünftes Kapitel. Herr Croftangry läßt sich in Canongate nieder. Wollt ihr mein HnuS bestehen. ES liegt hier nohe beim Olivenhain. Wie es Euch gefällt. Durch eine Revolution meiner Launen, von welcher ich leine Rechenschaft zu geben vermag, änderte ich gänzlich meinen Lebensplan in Folge der Vereitlung meiner Hoffnungen, deren Geschichte ich im letzten Kapitel erzählt habe. Ich bc- begann zu entdecken, daß ein Landleben sich nicht für mich eigne, denn ich hatte alle Vergnügungen der Jagd und dergleichen aufgegcbcn, und hegte keine Neigung zur Landwirth- schast, dem gewöhnlichen Beruf der Landedcllcute; außerdem besaß ich kein Talent, um einen Kanditaten bei einer erwarteten Grafschaftswahl zu unterstützen, und erwartete kein Vergnügen von den Aemtern eines Landstraßen - Aufsehers, oder Proviantmeisters, oder auch nicht einmal von den Verrichtungen eines Friedensrichters. Ich begann einigen Geschmack am Lesen, zu finden; eine Niederlassung auf dem Lande mußte mir den Gebrauch der Bücher erschweren, mit Ausnahme der kleinen Subscriptions-Bibliothek, worin das Buch, welches man gerade lesen will, von Anderen immer mit Beschlag belegt ist. Ich beschloß deßhalb, die schottische Hauptstadt zu meinem regelmäßigen Ruheort zu machen, und behielt mir gelegentliche Ausflüge vor, welche Herr Siper, ungeachtet aller der von mir gegen Postkutschen geschleuderten Vorwürfe, so leicht gemacht hat. Als Freund unseres Lebens und unserer Muße schützt er uns durch Eile vor dem Verlust an Zeit und 410 durch die besten Kutschen und Pferde, sowie durch die geschicktesten Fuhrleute vor jedem Schaden an unseren Gliedern; er bringt uns ebensowohl wie unsere Briefe von Edinburg nach Cape-Wrath, allen Verheißungen seiner Zeitungs-Annoncen gemäß. Als ich mich entschlossen hatte, die alte Hauptstadt zu meinem Hauptquartier zu mache», und mir das Vorrecht vor- behielt, nach allen Richtungen aus Entdeckungen auszugehen, begann ich in gutem Ernst sse zu erforschen, um eine paffende Wohnung aufzufinden. Wo glaubt Ihr, daß ich hinging? Nicht nach Georges-Square, auch nicht nach CharlotS-^quare, nicht nach der alten Neustadt, auch nicht nach der neuen Neustadt; ich ging nach demselben Theile von Canongate, worin ich früher wie ein irrender Ritter, oder wie ein Gefangener res bezauberten Schlosses, eingemauert gewesen war, — einem Ort, wo Zaubersprüche die Luft für den unglücklichen Gefangenen undurchdringlich machten, obgleich die Gefichtsorgane kein Hinderniß für den freien Durchgang erblicken konnten. Ich kann nicht sagen, weßhalb ich gerade mein Zelt hier aufschlagen wollte; vielleicht geschah es um das Vergnügen der Freiheit zu genießen, wo ich einst die Bitterkeit meiner Beschränkung derselben erfahren hatte, und zwar nach dem Grundsätze des Offiziers, welcher, nachdem er sich seinen Abschied hatte ertheilcn lassen, seinem Diener befahl, ihn zur Zeit der Parade zu wecken, damit er das angenehme Gefühl hegen könne, jedesmal zu sagen, „verflucht sei die Parade," und alsdann sich auf die andere Seite zu legen, um den Schlummer weiterhin genießen zu können. Vielleicht auch erwartete ich in der Nachbarschaft ein altmodisches Haus zu finden, welches etwas vom Landleben in der Stadt darböte, 411 nach dessen Genuß mein Ehrgeiz strebte. Genug, ich ging wie gesagt, zum Canongate. Ich stand bei dem früher erwähnten Rinnstein, und da meine Seele sich jetzt in behaglicher Stimmung befand,, so waren meine Sinnesorgane um so feinfühlender; ich erkannte mehr wie früher, daß es hier nur in gewisser Art, wie das Gewerbe des Pompejus in Maaß für Maaß, angenehm sei. Eine Unze Moschus, guter Apotheker! Von dort abgewandt, richteten sich meine Schritte zu meinem eigenen demüthigen Gemach, wo meine kleine hochländische Dame, so flink und sauber wie jemals (denn alte Frauen behalten ein zehnmal besseres Aeußere, als die hart mitgenommenen Senioren des männlichen Geschlechtes) an der Thüre stand, und ein hochländisches Lied vor sich her sang, als sie ein Tischtuch über der Haustreppe ausschüttelte und es dann für zukünftigen Gebrauch sorgfältig zusammenlegte. „Wie geht's, Janet?" „Dank Euch, guter Herr," erwiederte meine alte Freundin, ohne mich anzusehen, „Ihr könnt aber ebenso gut Frau Evoy sagen, denn ich bin Niemandens Janet " „Ihr müßt aber dennoch meine Janet sein — habt Ihr mich vergessen? Erinnert Ihr Euch an Chrystal Chroftangrp?" Das heitere gutmüthige Geschöpf warf ihr Tischtuch in die offene Thüre, schlüpfte die Treppe wie eine Fee, drei Stufen auf einmal hinab, ergriff mich bei beiden Händen, sprang zu mir empor und küßte mich wirklich. Ich war ein wenig beschämt, allein welcher Anbeter des schönen Geschlechts, wenn er den Sechzigerjahren nahe ist, vermag jemals dem Entgegenkommen einer schönen Zeitgenossin zu widerstehen. So überließen wir uns dem vollen Eindruck des Wiedersehens — »onv soit, qui mal X peuse —und alsdann ging Janet so- gleich an das Geschäft. „Kommt herein Mann und beseht Eure alte Wohnung, sicherlich wird Euch auch Janet die fünfzehn Schillinge bezahlen, ohne welche Ihr fortlieft, wobei Ihr nicht einmal Janet Lebewohl sagtet — aber das schadet nichts (sie nickte gut gelaunt) Janet sah, daß Euch damals der Kopf etwas verdreht war." Mittlerweile befanden wir uns in meiner alten Wohnung, und Janet, mit ihrer Flasche voll Herzstärkung in der einen und dem Glase in der andern Hand, hatte mir Branntwein aufgedrungen, der nach einem altmodischen hochländischen Re- cepte mit Safran und andern Kräutern destillirt war. Alsdann wurde aus mehreren kleinen Papierstücken die zurück- gelassene Summe von fünfzehn Schillingen wieder hervvrge- sucht, welche Janet länger als zwanzig Jahre verwahrt hatte. „Hier sind sie," sagte sie mit dem Triumph der Ehrlichkeit, „gerade so als Ihr fortliefet und behext schienet. Janet hat seit der Zeit manches Mal Silber gehabt und Silber gebraucht, und der Accise-Mann ist gekommen, und der Hausbesitzer ist gekommen, und oft genug auch der Schlächter und Bäcker—Gott segne uns —als wollten sie die alte Janet in Stöcke zerreißen; sie hat aber Herrn Croftangry's fünfzehn Schillinge sorgfältig aufbewahrt." „Wenn ich aber nun nie zurückgekehrt wäre, Janet?" „Hätte Janet gehört, Ihr wäret todt, so würde ich das Geld den Armen der Kapelle gegeben haben, um für Herrn Croftangry zu beten," sagte Janet, indem sie sich bekreuzte, denn sie war katholischer Religion; — „Ihr dürft nicht glauben, daß Euch dies keinen Nutzen bringt, denn der Segen der Armen kann niemals schädlich sein." Ich gab den Schlußworten Janets meine herzliche Bcistim- mung, und da ein Wunsch, daß sie das aufbewahrte Geld als ihr L13 Eigenthum betrachten möge, eine unzarte Belohnung der Aufrichtigkeit ihres Verfahrens gewesen wäre, bat ich sie so darüber zu verfügen, wie sie es für den Fall meines Todes beabsichtigte, d. h. es rechtschaffenen armen Leuten zu übergeben, wenn sie dergleichen kenne. »Mehr als zuviel," sagte Janet, indem sie den Zipfel ihrer buntgewürfelten Schürze an die Augen hielt, „mehr als zuviel, Herr Crostangrp, da sind fünf arme hochländische Geschöpfe aus GlenShee, welche hierher kamen, um bei der Ernte zu Helsen, und die am Fieber krank liegen, — fünf Schillinge für sie, und eine halbe Krone für Bessie Mac Evop, das arme Weib, deren Mann vergangenen Winter an der Kälte gestorben ist, denn er war ein Sänftenträger und erfror ungeachtet des Branntweins, den er trank, um sich die Kälte vom Magen abzuhalten — und —" Sie unterbrach aber plötzlich die Liste ihrer beabsichtigten Wohlthaten, nahm einen sehr weisen Blick an, spitzte ihren schnatternden Mund und sagte dann in verschiedenem Tone — aber Herr Crostangrp, überlegt, ob Ihr das Silber nicht selbst brauchen könnt, und noch lange nachher bedauern müßt, es hinweg gegeben zu haben, denn es ist eine große Sünde, zuerst an Almosen geben zu denken, wenn man selbst das Geld braucht, und bringt außerdem Unglück, und endlich pflegt auch der Sohn eines Edelmanns wie Ihr nicht an Arme zu denken. Ich sage.das, damit Ihr ein wenig überlegt, und ein wenig nachdenkt, denn Eurer Mutter Sohn weiß, daß Ihr mit Eurem Gute nicht so sorgfältig seid, wie Ihr sein solltet; das habe ich Euch schon oft zuvor gesagt." Ich gab ihr die Versicherung, daß ich leicht das Geld entbehren könnte, ohne darüber spätere Reue zu empfinden; daraus zog sie den Schluß, daß in solchem Fall Herr Crostangrp 414 ein reicher Mann im Auslande geworden sei und mit Ge- richtSdiencrn und Häschern und ähnlichem Abschaum der Erde nichts mehr zu thun habe, und die Tochter von Janet Mac Evop's Mutter sei ein glückliches Weib, das zu hören; wenn aber Herr Croftangrv in Verlegenheit sein sollte, so sei sein Zimmer und sein Bett im Hause, und Janet wird ihm auf- wartcn, und Bezahlung je nach seiner Bequemlichkeit annehmen. Ich legte der Janet meine Lage dar, worüber sie ihr vollkommenes Entzücken aussprach. Ich erkundigte mich dann nach ihren eigenen Umständen und merkte, daß ihre Lage eine sehr ungewisse war, obgleich sie mit Heiterkeit und Zufriedenheit sprach. Ich hatte mehr bezahlt als ich schuldig war; andere Miethsleute sielen jedoch in den entgegengesetzten Jrr- thum, und vergaßen überhaupt ihre Miethe zu bezahlen. Da nun Janet alle indirekten Verfahrungsweisen, um Geld aus ihren Miethsleutcn herauszuschrauben, nicht kannte, so ver- mogten Andere in demselben Geschäfte, welche schlauer waren, als die einfache Hochländerin, ihre Zimmer dem Anschein nach wohlfeiler zu vermiethen, obgleich die Miethsleute gewöhnlich aus die Dauer hinaus fanden, daß dieselben noch zweimal so theuer waren. Da ich meine alte Wirtbin zu meiner Haushälterin und Gouvernantin wegen ihrer Ehrlichkeit, Gutmüthigkeit, Reinlichkeit (obgleich sie eine Schottländerin war) und ihrer Heiterkeit bestimmt hatte, (wobei jedoch hinsichtlich der letzteren Eigenschaft die kurzen und hastigen Ausdrucksweisen des Zornes auszunehmen waren) legte ich ihr jetzt den Plan in solcher Weise vor, wie derselbe ihr wahrscheinlich am meisten annehmbar sein konnte. So annehmbar der Vorschlag, wie ich deutlich merken konnte, auch sein mogte, bat sie sich dennoch 415 einen Tag Bedenkzeit aus; ihr Nachdenken aber hatte bis zu unserer nächsten Zusammenkunft ihr nur Einen Einwurf eingegeben, welcher sonderbar genug war. ' „Euer Gnaden," so redete sie mich jetzt an, „wogten wohl in eine der schönen Straßen der Stadt ziehen; Janet will aber nicht an einem Orte wohnen, wo Polizei und Gerichtsdiener nebst Häscher» und anderen ähnlichen Dieben und Gesindel, einen Herrn beim Kragen packen können, weil demselben wenige Thaler in der Börse fehlten. Ich habe im schönen Thale Tomanthoulick meine Jugend zugebracht. Hätte sich dort Etwas von dem Gesindel gezeigt, so würde mein Vater darauf geschossen haben, und er konnte einen Rehbock auf so viele gemessene Ellen wie irgend ein Anderer seines Stammes treffen. Hier ist der Ort frei von ihnen, denn sie dürfen nicht ihre Nase über den Rinnstein -inausstecken. Ja- nct ist Niemanden Geld schuldig, mag aber nicht zusehen, wie ehrliche Leute und hübsche Herren in's Gcfängniß gebracht werden, sie mögen wollen oder nicht, und wenn Janet einem der Schufte mit der Feuerzange über den Kopf schlüge, so würde das Gesetz einen harten Namen dafür haben." Ich habe es durch Lebenserfahrung erlernt, niemals verständige Vorstellungen zu machen, wenn man ebenso wohl mit Unsinn seinen Zweck erreichen kann. Ich hätte nur mit großer Schwierigkeit diese praktische und uneigennützige Bewundererin und Vertreterin der Freiheit überzeugen können, daß Verhaftungen selten oder niemals in den Straßen von Edin- burg vorkämen; hätte ich sie von der Gerechtigkeit und Noth- wendigkeit derselben überzeugen wollen, so hätte ich eine ebenso schwierige Aufgabe wie ihre Bekehrung zum protestantischen Glauben übernommen. Ich gab ihr deßhalb die Versicherung meiner Absicht, daß ich jetzt in das von ihr bewohnte Stadt- viertel ziehen wolle, wenn ich eine paffende Wohnung bekommen könne. Janet sprang dreimal vom Fußboden auf, und stieß ebenso viele kurze Freudenrufe aus; ein Zweifel fiel ihr aber sogleich wieder ein, und sie verlangte zu wissen, welchen möglichen Grund ich haben könne, um in einer Gegend zu wohnen, wo nur Wenige, mit Ausnahme Solcher, sich niederließen, welche durch Unglück hiehcr getrieben waren. Es fiel mir ein, ich könne ihren Einwurf durch Erzählung der Sage über das angebliche Steigen meiner Familie und durch den Umstand beseitigen, daß wir unseren Namen von einem besonderen Platze bei Holyrood Palace ableitetcn. Dieser Umstand, welcher den meisten Leuten als ein sehr abgeschmackter Grund für die Wahl eines Wohnsitzes gegolten haben würde, stellte Janet Mac Evoy durchaus zufrieden. „Ohne Zweifel! wenn es das Land Eurer Väter war, so ließ sich nichts mehr darüber sagen, aber es war doch sonderbar, daß Euer Familiengut am Stadtende liegt und mit Häusern bedeckt ist, wo des Königs Kühe, Gott segne fie, mit Haut und Horn zu grasen pflegten; es war ein sonderbarer Wechsel." Sie besann fich ein wenig, und fuhr dann fort: „aber es ist etwas besser für die Croftangry's, daß der Tausch des Feldes mit dem bewohnten Ort, und nicht vom bewohnten Ort mit der Wüste bei ihnen eintritt, denn Janet selbst kannte ein Thal, wo es Männer gab ebenso wohl wie in Croftangry, und wenn auch deren nicht so viele waren, so waren es ebenso gute Männer mit ihren buntgewürfclten Mänteln, wie die andern in ihren Tuchröcken; und Häuser waren dort auch vorhanden; und waren dieselben nicht von Stein und Kalk erbaut, und so -och wie die Häuser in Crof- tangrp, so waren fie doch gut genug für diejenigen, so darin wohnten, und manche schöne Mütze und manches seidene Kopf- 417 netz und hübsche reiche Haube ging zur Kirche oder Kapelle am Sonntag, und die kleinen Knaben dahinter her. Und jetzt — ach, ach wehe mir! wehe mir! das Thal ist einsam, und die hübschen Kopfnetze und Mützen sind fort, und das Sachscnhaus steht einsam wie der nackte Fels, worauf der Falke baut, der Falke, der das Birkhuhn aus dem Thale treibt." Janet hatte, wie Hochlä'nderinncn im Allgemeinen, eine lebhafte Einbildungskraft, und drückte sich, wenn ein düsterer Stoff sich ihr darbot, beinahe poetisch, dem Geiste der celtischen Sprache gemäß, aus, worin sie dachte und ohne Zweifel auch gesprochen haben würde, wenn ich das Galische verstanden hätte. Nach zwei Minuten war der Schatten der Düsterkeit und des Kummers dem heiteren Ausdruck ihrer Züge gewichen; sie war wieder die kleine, geschäftige, geschwätzige, wichtige alte Frau, die uvbezweifelte Besitzerin eines kleinen Hauses in Abdey Jard, welche im Begriff stand, zur Haushälterin eines ältlichen Junggesellen, Chrpstal Croftangry, befördert zu werden. Bald darauf fanden die Nachforschungen Janets den Platz auf, den ich brauchte, und wir ließen uns dort nieder. Janet besorgte, ich würde nicht zufrieden sein, weil derselbe nicht genau zu Croftangry gehörte, allein ich beendete ihre Zweifel durch die Versicherung, derselbe sei ein Theil und Anhängsel davon zur Zeit meiner Vorfahren gewesen. Ich will Niemand von der genaueren Beschaffenheit meiner Wohnung in Kcnntniß setzen, obgleich, wie Bobadil sagt, „ich mich nicht darum bekümmere, ob man sie kennt, wenn nur das Nest mir bequem ist." Im Allgemeinen kann ich angeben, daß es ein Haus ist, welches vom Grundeigenthum Das gefährl. Schloß u. and. Erzähl. 27 418 des Besitzers umringt ist; es hat nämlich einen Garten von beinahe einem -alben Acker, und vor dem Eingang ein mit Bäumen bepflanztes Stück Land. Es prahlt mit fünf Zimmern und einer Bedientenstube, hat nach vorn die Aussicht auf den Palast, und nach hinten auf den Berg und die Klippen im königlichen Park. Glücklicherweise hatte der Platz einen Namen, welcher, mit einiger Nachhülfe, das Märchen unterstützte, das ich der Janet aufgebundcn hatte, und vielleicht nicht ungerne mir selbst aufbinden mögte. Er hieß Little-Croft; wir haben diesen Namen in Little-Croftangry erweitert, und die Herren Postbeamten haben die Veränderung genehmigt, indem sie die dorthin adressirten Briefe abgeben. Somit bin ich denn in jeder Weise Chrpstal Crostangry von Little-Croftangry. Meine Haushaltung besteht aus Janet, einer untergeordneten Magd und einer hochländischen Anfwärterin bei Janet, damit sie mit derselben sich in ihrer galischen Sprache üben kann, endlich auch aus einem gewandten Burschen, welcher den Tisch zu decken und außerdem einen Klepper zu besorgen versteht, auf welchem ich nach Portobellosands besonders zu Zeiten reite, wenn die Reiterei dort erercirt. Denn als alter Narr bin ich noch nicht gänzlich gleichgültig gegen das Gestampf der Pferde und das Glänzen der Waffen geworden, wovon etwas mehr zu erfahren mein Schicksal in der Jugend war, obgleich ich dem Berufe nach kein eigentlicher Soldat bin. An feuchten Morgen lese ich in einem Buche; bei schönem Wetter mache ich Besuche, oder wandte, je nach meiner Laune, aus den Klippen umher; mein Mittagessen ist allerdings einsam, wenn dieß auch nicht durchaus der Fall sein mag; denn obgleich Andrew aufwartet, so macht sich Janet, oder Frau Mac Evoy, welchen Namen ihr die Welt, mit Ausnahme ihres Herrn und gewisser hochländischer Klatschweiber, 419 ertheilt, mit vielem Lärm bei mir zu schaffen, ficht nach, ob Alles in Ordnung ist und erzählt mir die wunderbaren Tages- neuigkeitcn des Palastes. Ist das Tischtuch abgenommen und eine Cigarre angezündet, so genieße ich eine Pinte Portwein oder ein Glas Branntwein und Wasser, wobei sich Jannet nach der Hausregel auf einen Stuhl in einiger Entfernung setzt und nickt, oder an ihrem Strumpf strickt, je nach ihrem Belieben; fie ist zum Sprechen bereit, wenn ich in Laune zum Schwatzen bin, oder fitzt ruhig wie eine Maus, wenn ich ein Buch oder die Zeitung zu lesen beabfichtige. Punkt s Uhr macht fie Thee und überläßt mich mir selbst; alsdann tritt ein Zeitraum ein, über den hinauszukommen für alte Junggesellen sehr schwierig ist. Das Theater ist gelegentlich ein guter Zufluchtsort, besonders wenn ein hiesiger guter Schauspieler auftritt oder ein Heller Stern aus London erscheint, allein dasselbe ist für mich zu entlegen, was auch von den wenigen Clubbs gilt, deren Mitglied ich bin; außerdem sind die Abendspaziergänge unverträglich mit den Bedürfnissen des Lehnstuhls und dem dahin zielenden Gefühle, welches eine Beschäftigung erheischt, wodurch sich die Seele ohne Ermüdung des Körpers zerstreuen kann. Unter dem Einfluß dieser Eindrücke dachte ich bisweilen an diese literarische Unternehmung. Ich hätte ein Tropf im höchsten Grade sein müssen, wenn ich mich für einen Mann höheren Geistes jemals gehalten hätte, allein ich habe Muße und Gedanken so gut, wie meine Nachbarn. Auch stehe ich auf der Grenze zweier Generationen und kann vielleicht mehr wie Andere auf jene verwelkenden Spuren des Alterthums Hinweisen, welche täglich mehr verschwinden; ferner bin ich mit manchem neuen Fall und alten Ueberlieferungen bekannt und frage deßhalb: 420 WnS schadet« mir, wenn ich so gut wie sie, Den alten Büchern solche Mähr' entlieh, Wie sie de» Ahnen oft den Schlas erweckt, Die zugehdrt, in, Lehnstuhl ausgestreckt? Wohl Niemand kennt so gut sein eigen HauS Wie ich de« Brutus Fahrt und ersten Srrauß, Bon Sancr Georg da« Noß und blut'ge Kreuz, Und Arthur'« Tafel und Vsolde'S Reiz. Kein Laden wird so leicht eröffnet, wie der eines Antiquars. Wie bei der niedrigsten Stufe der Pferdeverleiher ist ein Gerät- von rostigem Eisen, ein Sack Hufnägel, ein paar alte Schuhschnallen, verdorbene Kochtöpfe, einige Feuerrostc, die nicht länger gebraucht werden können, genügend, um das Geschäft anzufangen; fügt man noch einige Bündel Pfennig- Balladen und Geschichten von Seeschlachten hinzu, so ist der Antiquar ein großer Mann, und er hat ein ausgedehntes Geschäft; wenn nun der Verfasser, wie der schon erwähnte Pfänderverleiher, etwas Taschenspielerei versteht, kann er durch einiges Einsammeln und Stehlen das Innere seines Ladens weit prächtiger wie das Aeußere ausstatten und euch Dinge zeigen, welche bei denjenigen, die mit den Antiquarskniffen der EigenthumSübertragung unbekannt sind, das größte Erstaunen erregen, wie man dazu gelangt sein kann. Man kann sagen, daß antiquarische Artikel nur von wenig Kunden gesucht werden, und daß wir uns ebenso heiser schreien können, als die Maaren unseres Krames rostig sind, ohne daß wir einen Preis für dieselben erlangen. Meine Hoffnungen jedoch beruhen nicht allein auf diesem Theile meiner Arbeiten; ich hege auch die Absicht, einen entsprechenden Laden für Sentimentalität, Unterredungen und Untersuchungen zu halten, welche die Phantasie solcher Leute fangen können, die nach der hergebrachten Phrase nicht den rechten Sinn für das 421 reine Alterthum haben; dieß soll als eine Art Waarenlager von Gemüsehändlern vor meinem Laden mit altem Eisen errichtet werden, und das rostige Material alter Zeiten gleichsam mit einem Kranze von Kresse, Kohl, Lauch und Rettigcn umgeben. Da ich mir die Vorstellung mache, ich könne zu gut schreiben, als daß ich verstanden würde, so erniedrige ich mich zur gewöhnlichen Sprache und gestehe mit geziemender Bescheidenheit, daß ich mich für fähig achte zur Herausgabe einer Untcrhal- tungsschrift, z. B. eines Zuschauers, eines Wächters u. s. w., so weit meine armen Talente dieß leisten können. Nicht will ich jedoch Johnson nachahmen, dessen allgemeine Gelehrsamkeit und Kraft des Ausdruckes ich durchaus mit der Behauptung nicht abläugnen will, daß viele seiner Herumstrei- cher*) nicht viel besser sind, als eine Art Gepränge, worin abgetretene und alltägliche Gedanken in hoher und mystischer Sprache sich blähen, und nur deßhalb einiges Ansehen erlangen, weil man sie nicht leicht versteht. Einige Aufsätze des großen Moralisten kann ich niemals durchlesen, ohne an eine Maskerade von nicht gerade anständigen Leuten zu denken, auf welcher die am meisten bekannten und am wenigsten geachteten Charaktere Londons als Helden, Sultane u. s. w- auftretcn und einige Beachtung erlangen, bis man sie erkennt — cs ist jedoch nicht klug, daß ich damit beginne, Steine zu werfen, gerade wenn ich selbst meine eigenen Fenster cinsetze. Ich glaube sogar, daß die Lage von Little Croftangry meinem Unternehmen günstig ist. Ein edlerer Gegensatz kann schwerlich vorhanden sein, als derjenige einer vom Rauch der Zeiten geschwärzten Stadt, welche von den verschiedenen Tö- «) Rambler, Herumstreicher, eine Wochenschrift von Johnson. uen thätigen Fleißes und mäßiger Vergnügungen erschallt, unter hohen felsigen Höhen, die schweigend und einsam wie das Grab sind; die Eine zeigt die volle Gluth des Lebens, welche mit der Kraft einer Überschwemmung weiter stürzt; die Andere gleicht einem ergrauten Einsiedler, dessen Leben so still und unbemerkt wie der leichte Bach vorüber fließt, welcher ungehört und kaum erblickt aus dem Brunnen des Schutzheiligen sich ergießt. Die Stadt gleicht dem geschäftigen Tempel, wo der Comus und Mammon der neueren Zeiten ihren Hof halten, und wo Tausende Bequemlichkeit, Unabhängigkeit und sogar die Tugend vor den Altären derselben opfern; der mit Nebel umhüllte und einsame Berg erscheint dagegen als der majestätische aber furchtbare Geist der Feudalzeiten, als dieselben Gottheiten Adelskronen und Güter unter diejenigen vertheilten, welche Köpfe hatten, um kühne Unternehmungen zu entwerfen, und Arme, um dieselben auszuführen. Ich habe gleichsam die zwei äußersten Punkte der moralischen Welt an meiner Thürschwelle. Vor meiner vorderen Thüre führt mich ein Spaziergang von wenigen Minuten in das Herz einer reichen und stark bevölkerten Stadt; wenige Schritte aus dem entgegengesetzten Eingänge bringen mich in eine so vollständige Einsamkeit, wie der deutsche Philosoph Zimmermann sie nur hätte wünschen können. Sicherlich kann ich mit solcher Unterstützung meiner Einbildungskraft besser schreiben, als besäße ich eine Wohnung in der neuen Stadt, oder eine Dachstube in der alten. Wie der Spanier sagt — Visums — liorsge! In einer Zeitschrift wollte ich meine Geistesprodukte wegen zweier Gründe nicht herausgeben. Erstens mag ich nicht eilen, und habe an Mahnern in meiner Jugend genug gehabt, so 423 daß ich dergleichen nicht sehen und nicht mehr davon hören mag, sogar in der am wenigsten furchtbaren Gestalt eines Buchdruckerjungen. Zweitens wird eine Zeitschrift nicht leicht außerhalb der Gegend, wo sic herauskömmt, in Umlauf gesetzt. Würde dies Werk in fliegenden Bogen -erausgegeben, so würde es kaum ohne Anstrengung von Seiten des Buchhändlers über die nächsten Straßen hinauskommen und kaum in das vornehme Quartier gelangen. Nun hege ich aber den Ehrgeiz, daß meine Schriften, obgleich sie in diesem Thale von Holy Rood entsprungen sind, sich nicht allein in jenen erwähnten hohen Regionen ausdehnen, sondern auch, daß sie über den Forth gelangen, die Stadt Kirkaldy in Erstaunen setzen, die Schiffseigenthümer und Kohlenhändler im Osten des Fife entzücken, sich sogar in die klassischen Säulengänge von St. Andrew wagen, und noch weiter nördlich reisen, wohin der Wind des Beifalls ihre Segel führt. Was die Richtung nach Süden betrifft, so hegte ich darüber in meinen schmeichelhaftesten Träumen keine Hoffnung. Man bat mir gesagt, daß schottische Literatur wie schottischer Branntwein doch mit sehr hohen Zöllen belegt werden wird- Doch genug davon, wenn der Leser einfältig genug ist, um die Vortheile nicht zu begreifen, welche ein dickes Buch vor einer Sammlung fliegender Blätter voraus hat, so mag er die Schußweite einer mit Hagelschrot geladenen Flinte gegen diejenige desselben Gewehrs vergleichen, wenn es die Ladung desselben Gewichtes Blei in einer einzigen Kugel zusammengedrängt enthält. Außerdem war es ungeeignet, eine Zeitschrift heraus zu geben, da ich nicht beabsichtige, Freunde um Beiträge zu ersuchen, oder letztere anzunehmen, ebenso wie ich mich um die Beurtheilungen solcher, welche vielleicht nicht so sreundschaft- 424 lich gestimmt sind, nicht bekümmern will. Ungeachtet der ausgezeichneten Beispiele, auf die ich mich hierin berufen könnte, will ich weder eine Bettelbüchse unter dem Namen eines Löwenhauptcs, noch unter demjenigen eines Eselskopfes errichten ; was gut oder schlecht ist, soll mein Eigenthum oder der Beitrag von Freunden sein, zu welchen ich besonderen Zutritt habe. Einige meiner freiwilligen Mitarbeiter könnten vielleicht geschickter sein als ich, und dann müßte ein glänzender Artikel unter meinen albernen Geistesergießungcn erscheinen, und sähe dann so aus, wie ein Stück goldener Treffe auf einem grauen Hausrock. Einige wären vielleicht schlimmer, und dann müßte ich sie zur Kränkung des Verfassers zurückweisen, oder sie aufnehmen, um meine eigene Dunkelheit auffallend und erkennbar zu machen; »jeder Häring," sagt unser altmodisches Sprüchwort, »muß an seinem eigenen Kopfe gehängt werden." Eine Person jedoch nenne ich besonders, da sie todt ist, nachdem sie die äußerste Grenze des menschlichen Lebens erreicht hatte. Dieselbe hatte mich mit ihrer Freundschaft beehrt, da wir auch wirklich Blutsverwandte im schottischen Sinn, der Himmel weiß in welchem Grade, und Freunde in englischem Sinn waren, ich meine die ausgezeichnete und beklagte Frau Bethune Baliol. Da ich jedoch dieses bewunderungswürdige Bild der alten Zeit zum Hauptcharakter in meinem Werke bestimme, so will ich hier nur sagen, daß sie meinen gegenwärtigen Zweck kannte und billigte; und obgleich sie während ihres Lebens aus einem Gefühl würdevoller Zurückhaltung, welche nach ihrer Meinung ihrem Alter, Geschlecht und Stand geziemte, dazu beizutragen sich weigerte, hinterließ sie mir einige Materialien zur Ausführung meines Werkes, welche ich zu haben wünschte, als ich aus ihrem Munde 425 davon gehört hatte, und welche ich jetzt, da ich ihre Handschrift besitze, für etwas Werthvolleres halte, als ich selbst irgend hätte bieten können. Ich hoffe, der Umstand, daß ich ihren Namen zugleich mit dem weinigen erwähne, verletzt keinen ihrer zahlreichen Freunde, da sie den besonderen Wunsch aussprach, ich möchte das Manuskript in der Weise benutzen, wie ich es jetzt gcthan habe; ich muß jedoch hinzusügen, daß ich in den meisten Fällen die Namen verkleidet, und bei manchen einige Schattirung und Färbung zur Ausführung der Erzählung hinzugefügt habe. Viel von meinem Material ist, außer diesem, von noch lebenden oder verstorbenen Freunden entlehnt. Die Genauigkeit einiger Angaben ist vielleicht zweifelhaft, und in dem Fall werde ich sehr gerne von genügenden Autoritäten die Berichtigungen von Jrrthümern annchmen, welche bei Ueberliefe- rungen nicht wohl ausbleiben können. Der Zweck der ganzen Herausgabe besteht nur darin, daß ich die früheren Sitten Schottlands etwas beleuchte und sie gelegentlich mit denen der Gegenwart in Gegensatz stelle. Meine eigene Meinung ist in mancher Hinsicht zu Gunsten der jetzigen Zeit, jedoch nicht in so weit, daß dieselbe ein Mittel die Einbildungkraft zu üben, oder diejenige Theilnahme zu erregen darbietet, welche mit anderen Zeiten verknüpft ist. Es ist mir lieb, daß ich ein Schriftsteller oder Leser im Jahr 1826 bin, und möchte sehr gerne lesen oder erzählen, was zwischen dem vergangenen halben Jahrhundert und dem Jahrhundert vorher sich ereignet hat. Wir sind dabei in vortbeilhafter Lage, Auftritte, in denen unsere Vorfahren tief dachten, leidenschaftlich handelten und verzweifelt starben, sind für uns Erzählungen, welche die Langeweile eines Winterabends verscheuchen, wenn wir gerade keine Gesellschaft haben, oder um einen Sommermorgen bequem 426 zuzubringen, wenn es zum Ausreiten oder Spazierengehen zu heiß ist. Ich will jedoch nicht sagen, daß meine Aufsätze und Erzählungen sich allein auf Schottland beschränken müssen; ich will mich zum Festhalten an keiner besonderen Art von Gegenständen verpflichten, sondern sage im Gegentheil mit Burns: Vielleicht wird dteß als Liedchen enden, Vielleicht sich auch zur Predigt wenden. Ich habe nur als Nachschrift zu dem vorhergehenden Kapitel hinzuzufügen, daß ich meine Zuflucht zu Moliöre's Re- ccpt genommen und mein Manuskript meiner alten Haushälterin, Janet Mac Evoy, vorgelesen habe. Die neu übertragene Würde einer Rathgcberin setzte Janet in Entzücken, und Wilkie oder Allan würde eine ausgezeichnete Zeichnung von ihr genommen haben, wie sie aufrecht im Lehnstuhl saß und statt ihrer gewöhnlichen nachlässigen Stellung ihren Strumpf systematisch strickte, als wolle sie, daß jede Masche oder jede Neigung ihrer Stricknadeln im Einklänge mit dem Falle meiner Stimme stände. Ich besorge nur, daß ich selbst mehr Entzücken, als sich gebührt, an meiner Dichtung fand, und mit einem zu rednerischen Ausdrucke las, als ich es vor einem Zuhörer gewagt haben würde, von dessen Beifall ich nicht so überzeugt gewesen wäre- Das Ergebniß ermulhigte mich jedoch nicht gänzlich in meinem Plane. Janet horchte wirklich mit großem Ernst auf die Erzählung meines früheren Lebens, und begleitete mit einigen mehr nachdrücklichen als artigen Flüchen die Aufnahme eines Herrn in Noth von Seite der Christie Steele, um so mehr, da jener Herr zum Hause ihrer früheren Gebieterin gehörte. Aus gewissen Gründen überging ich oder kürzte bedeutend ab Alles, 427 was sich aus sie selbst bezog. Als ich aber ihr von meinen allgemeinen Absichten, mein Buch herauszugeben, vorlas, sah ich, daß die arme Janet gänzlich außer Fassung kam, obgleich sie, wie ein müder Jäger keuchend, schnaufend und mit kurzem Athem sich alle Mühe gab, um mit der Jagd gleichen Schritt zu halten; oder vielmehr, in ihrer Verlegenheit sah sie aus, wie eine taube Person, welche, sich ihrer Körperschwäche schämend, kein Wort das ihr sprecht, versteht, allein bei euch den Glauben zu erwecken wünscht, daß keines eurer Worte ihr entgehe, während sie lebhafte Besorgnisse hegt, daß man ihre Körperschwäche beargwöhne. Als sie sah, daß eine Bemerkung nothwendig war, glich sie in ihrer Kritik vollkommen dem Andächtigen, welcher das süße Wort „äleso- potsmien" als die am meisten erbauende Stelle in der Predigt aufgegriffen hatte. Sie beeilte sich, mir ein allgemeines Lob zu ertheilen, indem sie sagte, Alles das sei sehr schön; vorzüglich verweilte sie aber bei demjenigen, was ich über Herrn Timmermann (so nannte sie den deutschen Philosophen) gesagt hatte; sie meinte, er müsse dieselbe Abstammung haben, wie der hochländische Clan Mac Jntyre, welches bezeichnet, Sohn des Zimmermanns- »Es ist ein sehr ehrenwerther Mann, meine eigene Mutter war eine Mac Jntyre." Kurz, es war offenbar, daß der letztere Theil meiner Einleitung für die arme Janet gänzlich verloren gegangen war; hätte ick, nach Moliere's System handeln wollen, so mußte ich das Ganze vernichten und wieder von Neuem schreiben. Ich weiß jedoch nicht, wie es kam; ich glaube, ich behielt eine ziemlich gute Meinung von dem, was ich geschrieben hatte, obgleich Janet es nicht verstand; ich mochte nicht die Delilah's der Einbildungskraft, wie Dryden sagt, nämlich die 428 Bilder und rednerischen Figuren wegschaffen, welche gewissermaßen ein Kaviar für die Menge sind; ohnedem haßte ich das Umarbeiten eben so sehr, wie Falstaff das Schuldenzahlen; es ist eine doppelte Arbeit. Somit beschloß ich, Janet nur bei solchen Dingen in Zukunft um Rath zu fragen, welche über die Grenzen ihres Begriffsvermögens nicht hinausgingen, und meine Darlegung nebst meiner Redekunst dem Publikum ohne das Imprimatur einer Censur darzubieten. Ohnedem bin ich überzeugt, Janet wird ihren Beifall geben, wenn das Ganze fertig ist. Bei solchen Erzählungen, welche in den Bereich ihrer Gedanken und Gefühle gehören, werde ich ihr unverdorbenes Urtheil in Anspruch nehmen, und mit Hochachtung cs mir merken — d. h., wenn es meinem eigenen nicht unmittelbar entgegen steht, denn ich sage immer mit Almanzor: ..So wisse, daß nur ich allein mein König bin." Der Leser weiß jetzt, wer ich bin, wo ich wohne, was ich mit diesem Werk beabsichtige, und unter welchen Umständen ich cs unternommen habe; er hat auch eine Probe von des Verfassers Talent, kann selbst urtheilen, und mag weiter lesen oder das Buch an den Buchhändler zurückschicken, je nachdem sein eigener Geschmack darüber bestimmen wird. 429 Sechstes Kapitel. Herrn Croftangry's Bericht über Frau Bethune Baliol. Der Mond sogar, war' er ein irdisch Wese», Vermöchte nicht sich edler zu enthüllen. Shakspeare i>» Corivlan. Beginnen wir die heitere Reise unseres Lebens, so umgibt uns eine herrliche Flotte, wenn wir unsere frischen Segel vor dem Wind ausspannen, wenn die Wimpeln flattern, die Musik spielt, und wenn wir im Vorbeifahren die übrigen Schiffe begrüßen; wir empfinden mehr Vergnügen als Schrecken, sobald ein unbeholfener Kamerad aus Mangel guter Steuerung auf den Strand läuft — ach! wenn die Reise vollbracht ist und wenn wir, die von Mühe aufgeriebenen Seefahrer, einander anblicken, wie wenig von unseren alten Gefährten bieten sich dann unserem Gesichtskreise, und wie abgerissen und verwittert sind die Gestalten derjenigen, die wir noch antreffen, während sie ebenso, wie wir selbst, sich so lange wie möglich vom ver- -ängnißvollen Ufer entfernt zu halten streben, gegen welches wir Alle zuletzt aufsahren müssen! Ich empfand diese abgetretene aber traurige Wahrheit neulich mit aller Kraft, als ein Briefpaket mit schwarzem Siegel ankam, welches ein an mich adresfirtes Schreiben meiner ausgezeichneten Freundin, Frau Martha Bethune Baliol, enthielt, und folgende ver- hängnißvolle Worte auf der Adresse zeigte: „der Adresse gemäß abzuliesern, sobald ich gestorben bin." Ein Brief ihrer 430 Testamentsvollstrecker befand sich ebenfalls in dem Paket; es hieß darin, dieselbe hätten in ihrem letzten Willen vorgefunden, daß mir darin ein Gemälde von einigem Werth, welches in den Raum über meinem Schrank paffe, und 5v Guineen zum Ankauf eines Ringes vermacht seien. So trennte ich mich mit aller Freundlichkeit, die wir viele Jahre lang gegen einander bewahrt hatten, von einer Dame, welche, obgleich alt genug, um die Gefährtin meiner Mutter sein zu können, durch Heiterkeit des Gemüths und bewunderungswürdige Sanftmuth des Charakters eine angenehme und sogar aufregende Gesellschafterin für diejenigen war, welche sich durch Schreiben in die Stimmung der Jugend zu versetzen wünschen — ein Vortheil, den ich schon seit 35 Jahren verloren habe- Ich konnte leicht errathen, von welcher Art der Inhalt des Paketes war, und habe denselben schon zum Theil im letzten Kapitel angedeutet; um jedoch den Leser von den Einzelnheitcn zu unterrichten, und um mir zu gleicher Zeit das Vergnügen zu gewähren, mich an die Tugenden und die angenehmen Eigenschaften meiner Freundin zu erinnern, so gebe ich hier eine kurze Skizze von ihren Sitten und Gewohnheiten. Frau Martha Beihune Baliol war eine Person von Verstand und Vermögen nach schottischem Maßstab. Ihre Familie war reich und ihre Verwandten befanden sich in achtbarer Stellung. Sie pflegte nicht gern ihr Alter genau anzugeben, allein ihre jugendlichen Erinnerungen reichten bis über die Ereignisse von 1748 hinaus; sie erinnerte sich noch sehr wohl, wie die hochländischen Clans sich in den Besitz der schottischen Hauptstadt gesetzt hatten, obgleich wahrscheinlich nur in einem unbestimmten Bilde. Ihr Vermögen, welches ihr durch das Testament ihres Vaters zur eigenen Verfügung gestellt war, 431 wurde durch den Tod von mehreren tapferen Brüdern beträchtlich vergrößert, welche nach einander in den Heeren ihres Vaterlandes fielen; somit gingen die Familiengüter zuletzt auf das einzige überlebende Kind des alten Hauses Bethune Baliol über. Meine Bekanntschaft mit der ausgezeichneten Dame wurde bald nach diesem Ereigniß geschlossen, als dieselbe im Alter schon ziemlich vorgerückt war. Wenn sie in Edinburg sich aufhielt, wo sie regelmäßig den Winter zubrachte, bewohnte sie eines der alten Hotels, welche sich noch vor Kurzem in der Nähe von Canongate und von Palast Holy Rood befanden — Hotels, welche von der gegenwärtig schmutzigen und gemeinen Straße durch gepflasterte Höfe und Gärten von einiger Ausdehnung getrennt, den ziemlich schlechten Eingang durch etwas aristokratischen Prunk und Absonderung ausglichen, sobald man einmal deren Bereich betreten hatte. Ihr Haus ist jetzt niedergeriffen, sowie jedes alte Denkmal der schottischen Hauptstadt durch Neubauten oder Feuersbrünste wahrscheinlich bald gänzlich zerstört sein wird- Ich verweile jedoch bei den Erinnerungen an dem Platz, und da die Natur einen Pinsel mir versagt hat, als sie mir eine Feder in die Hand gab, so will ich mich bemühen, die Zeichnung durch Worte zu ersetzen. Baliolhouse oder Lodge, wie die Wohnung meist genannt wurde, streckte einen hohen Haufen von Schornsteinen empor, unter denen einige Thürmchcn und kleine Söller über die übrigen und neueren hervorragten, welche die Südseite von Canongate nach dem unteren Ende der Straße und nicht weit vom Palaste begrenzen. Eine Wagenthüre mit einem Pfört- chen für Fußgänger wurde bei paffender Gelegenheit von einem lahmen, großen, ernsten und mageren alten Manne aufgeschlossen, welcher eine Hütte am Thore bewohnte und das 432 Amt eines Portiers bekleidete. Zu dieser Stelle war er durch das mitleidige Gefühl meiner Freundin gegen einen alten Soldaten und theils auch durch ihre Meinung befördert worden, daß sein übrigens sehr schöner Kopf einige Aehnlichkeit mit dem von Garrick in der Rolle Lusignan hatte. Er war ein mürrischer, stiller, in allem seinem Verfahren schweigsamer Mann und wollte die Wagenthüre niemals vor einer Miethskutsche eröffnen; dann wies er mit seinem Finger auf das Pförtchen als dem geeigneten Durchgang für alle diejenigen, die in einem so wenig angesehenen Fuhrwerk anlangten, welches durch seine mit einer Nummer bezeichnet«: Gegenwart die Würde von Baliolshouse nicht erniedrigen solle. Ich glaube nicht, daß diese Eigenthümlichkeit die Billigung seiner Herrin erlangt haben würde, ebensowenig wie die gelegentliche Parteilichkeit Luffgnan's oder wie die Sterblichen ihn nannten, Archy Mac Neady's, für die Branntweinflasche. Allein Frau Martha Bethune Baliol wußte sehr wohl, daß sie im Fall der Ueberführung es niemals über sich vermocht haben würde, den König von Palästine zu entthronen, das heißt von der Bank zu verjagen, wo er stundenlang seine Strümpfe strickend saß; sie weigerte sich deßhalb, den Zeugnissen Glauben zu schenken, sogar in soweit, daß sie ihn nicht einmal auf die Probe stellen wollte; sie urtheilte nämlich sehr richtig, er werde mehr Vorsicht gebrauchen, wenn er seinen Charakter für nicht beargwöhnt hielte, als wenn er entdeckt würde, und ohne Strafe davon käme. Ueberhaupt meinte sie, wäre es grausam, einen alten Hochländer wegen einer kleinen Sünde zu entlassen, welche seinem Vaterlande und seinem früheren Stande so angemessen sei. Das stattliche Wagenthor oder der demüthige Eingang für Fußgänger führte in einen engen und kurzen Baumgang 433 von zwei Reihen Linden, deren grünes Laub im Frühjahr einen sonderbaren Gegensatz zu dem schwärzlichen Aussehen der Mauern darbot, an deren Seite sie wuchsen. Dieser Baumgang führte zur Vorderseite des Hauses, welche durch zwei eingckerbte Dachseiten gebildet, ihre mit steinernen Verzierungen ausgeschmückten Fenster zeigte, die neben einander in rechten Winkeln standen; ein halbrunder Thurm, welcher den Eingang bildete und die Wappen enthielt, ragte bis zu dem Punkte empor, wo die Dachseiten an einander stießen, und rundete dort deren spitzen Winkel ab. Eine Seite des kleinen Hofes, worin gerade Raum genug für das Umwenden einer Kutsche war, enthielt einige niedrige Gebäude, die dem Zwecke von Stallungen entsprachen, die andere hatte eine niedrige, von einem schön verzierten eisernen Gitter umgebene Brüstung, um welches sich Gaisblatt und andere Schlingpflanzen in solcher Weise wandten, daß dem Auge noch ein Blick in einen hübschen Garten der Vorstadt vergönnt wurde, welcher sich bis zur Landstraße im Süden von Canongate auSdehnte und sich vieler alten Waldbäume, mancher Blumen und sogar einiger Fruchtbäume rühmen konnte. Wir dürfen nicht vergessen anzugeben, daß die außerordentliche Reinlichkeit des Hofpflasters zur Genüge bezeugte, daß Wischlappen und Waffereimer an diesem begünstigten Orte ihr Möglichstes ge- than hatten, um den allgemeinen Schmutz des Stadtviertels auüzugleichen, worin diese Gebäude lagen. Ueber der Hausthüre befand sich das Wappen von Bethune und Baliol mit verschiedenen aus Stein gehauenen Sinnbildern; die Hausthüre selbst war aus schwarzem Eichenholz, mit Nägeln beschlagen; eine sogenannte eiserne Raspel fand sich daran statt eines ThürklopfcrS, damit dieDienerzur Eröffnung der Thüre Das geführt. Schloß ». and. Erzähl. 28 434 dadurch entboten würden *). Derjenige, welcher alsdann gewöhnlich erschien, war mein schmucker Bursch in hübscher Livree, der Sohn von Frau Martha's Gärtner. Dann und wann kam eine niedlich aber einfach gekleidete Magd, mit Schuhen und Strümpfen vollkommen ausgerüstet, herbei, um jenen Dienst auszuführen; zwei oder dreimal liest mich Bcauffct selbst ein, dessen Aeußeres eher demjenigen eines angesehenen Geistlichen, als dem eines Haushofmeisters einer adeligen Familie glich; er war Kammerdiener des verstorbenen Sir Bethune Baliol gewesen und besäst jetzt der Dame vollkommenes Vertrauen. Eine dunkelfarbene Kleidung, goldene Schnallen an den Schuhen und Knieen, regelmäßig fristrtes und gepudertes Haar verkündeten einen vertrauten und wichtigen Diener. Seine Gebieterin pflegte von ihm zu sagen: Schwermüthig ist er, so wie böslich auch. Und eignet sich bei meinem Mißgeschick Sehr wohl zu meinem Diener. Da Niemand den Klatschereien zu entgehen vermag, so sagten Einige, Beauffet habe seine Stelle besser benutzt, als ihm sein nach alter Sitte bescheidener Lohn gestattet haben würde. Der Mann war jedoch immer höflich gegen mich gewesen. Er hat lange in der Familie gelebt, mehrere Legate erhalten und Einiges für sich zurückgelegt, wovon er jetzt r) Eine sogenannte Raspel fand sich früher an alle» Hausthürc» der schvtlischen Hauptstadt, und vertrat die Stelle eines ThürklopferS. Sie bestand aus einer senkrecht in kleiner Entfernung von der Thüre vorragenden Stange mit mehreren Einschnitten, an welcher ein eiserner Ring hing; dieser Ring wurde von densenigen, welche in die Thüre wollten, über die Einschnitte aus und abgezogen, und das dadurch her, vorgebrachte Geräusch war den Bedienten ein Zeichen, daß Jemand eintreten wolle. 435 mit behaglicher Würde genießt, soweit es seine kürzlich geheu- rathete Frau, Tibbie Shortacres, ihm erlaubt. Das Haus — theuerster Leser, wenn dich die Sache langweilt, Überschläge die nächsten vier oder fünf Seiten — war durchaus nicht so groß, als man nach dem äußeren Aussehen hätte vermuthen sollen. Die bequemere Einrichtung im Innern war durch Qucrmauern und lange Gänge, sowie durch die Vernachlässigung einer ökonomischen Benutzung des Raumes verhindert, welche für unsere alte schottische Baukunst charakteristisch ist. Es war jedoch mehr Raum vorhanden als meine alte Freundin nothwendig brauchte, sogar wenn sie, was oft geschah, vier oder fünf junge Cousinen unter ihrem Schutz hatte; ja, ich glaube, ein großer Thcil des Hauses war unbewohnt. Frau Bethune Baliol war niemals in meiner Gegenwart so ärgerlich, als einmal über eine sich einmischende Person, welche ihr rieth, die Fenster ihrer überzähligen Zimmer vermauern zu lassen, um die Fenstersteuer zu ersparen. Sie sagte zornig, so lange sie lebe, solle das Licht Gottes in das Haus ihrer Väter scheinen, so lange sie noch einen Pfennig im Vermögen habe, solle der König und der Staat, was sie ihnen schuldig sei, erhalten. Sie war wirklich ungemein loyal, sogar in derjenigen Prüfung, welche die Loyalität am meisten zum Wanken bringt, ich meine die Bezahlung der Steuern. Herr Beauffet sagte mir, er habe den Auftrag gehabt, ein Glas Wein der Person zu reichen, welche die Einkommenssteuer einziehe, der arme Mann; sei alsdann durch eine ihm so ungewohnte Großmuth in der Art überwältigt worden, daß er beinahe in Ohnmacht fiel. Man trat durch ein mit Matten belegtes Vorzimmer in den Speisesaal, welcher mit altmodischen Möbeln gefüllt, und 28 * 436 mit Familien-Portraits behängen war, von denen letztere, mit Ausnahme eines von Jameson gemalten Bildes des Sir Dernard Bethune aus Jacob VI. Zeiten, wahrhaft furchtbare Produkte des Pinsels waren. Ein sogenannter Salon, ein langes, enges Zimmer, stieß an den Speisesaal und diente als Wohnzimmer. Es war ein angenehmer Raum mit der Aussicht auf den südlichen Flügel von Holyroodhouse, auf den riesenhaften Abhang von Arthur's Sitz und den Felsengürtcl, welcher Salisbury Crags genannt wird — Gegenstände von solcher Wildheit, daß die Seele kaum begreifen kann, wie sie sich in Nähe einer volkreichen Hauptstadt befinden können. Die Gemälde des Salones waren vom Auslande eingeführt und einige unter denselben besaßen Kunstwerth; um die schönsten derselben jedoch zu erblicken, mußte man in das Allerheiligste des Tempels zugelaffen werden und die Erlaubniß erhalten, die Tapete am oberen Ende hinwegzuziehen, um Frau Martha's eigenes Gemach zu betreten. Dieß war ein herrliches Zimmer, dessen Gestalt sehr schwer zu beschreiben ist, denn es hatte eine Menge Nischen, die mit Gestellen von Ebenholz, und mit lakirten oder vergoldeten Schränken ausgefüllt waren; einige enthielten Bücher, von welchen Frau Martha eine schöne Sammlung besaß, auf einigen war Por- zellain, auf anderen Muscheln und ähnliche Merkwürdigkeiten aufgestellt. In einer kleinen, durch einen Vorhang von kar- mofinrother Seide halb versteckten Nische war eine Rüstung aus glänzendem und mit Silber eingelegtem Stahle aufgestellt, welche der schon erwähnte Sir Bernard Bethune bei irgend einer denkwürdigen Gelegenheit getragen hatte; über dem Vorhang der Nische hing der Degen, womit ihr Vater das Schicksal Britanniens 1715 zu verändern versucht hatte, und das Spontan, welches ihr älterer Bruder trug, als er 437 eine Compagnie des ersten aufgehobenen hochländischen Regimentes in der Schlacht von Fontenoy zum Angriff führte. Dort fanden sich auch einige ächte Bilder von berühmten italienischen und niederländischen Malern, einige Kunstwerke aus Bronce und andere merkwürdige Dinge, welche ihre Brüder oder sie selbst im Auslande erworben hatten. Kurzum, es war ein Ort, wo der Müßige zu Studien und der fleißige Gelehrte zur Muße angeregt werden konnte, wo sich für den Ernsten Stoff zur Erheiterung und für den Heitern Stoff zum Ernste vorfand. Damit jedoch das Zimmer auch auf das Hauptgeschäft der Dame, das Anlegen der Kleidung, hinwies, enthielt eS einen prächtigen, mit silberner Filigranarbeit eingefaßten Spiegel, einen schönen Putztisch mit einer Decke von brüffeler Spitzen und einer Reihe von Kästchen, die in Material und Arbeit dem Rahmen des Spiegels entsprachen. Diese Vorrichtung zum Putz diente jedoch allein zur Parade; Frau Martha Bethune Baliol vollbrachte ihre Toilette in einem inneren Zimmer, welches durch eine kleine abgesonderte Treppe mit ihrem Schlafgemach zusammenhing. Treppen der Art befanden sich mehrere im Hause, wodurch die öffentlichen Gemächer, die sämmtlich in einander ausgingen, noch besondere Zugänge erhielten. In dem kleinen, von uns beschriebenen Gemach hielt Frau Martha Baliol ihre ausgewähltesten Gesellschaften. Sie beobachtete frühe Stunden; kam man zu ihr des Morgens, so durfte man nicht erwarten, daß diese Tageszeit sich über drei oder höchstens vier Uhr ausdehnte. Diese Gewohnheiten thaten ihren Besuchern einigen Zwang an; man wurde aber wieder dadurch entschädigt, daß man die beste Gesellschaft und die beste Kunde von Neuigkeiten, welche damals in der schottischen Hauptstadt 438 zu erlangen war, dort immer vorfand. Ohne daß sie die Ziererei eines Blaustrumpfes zeigte, las sie gern in Büchern; sie fand Vergnügen daran, und wenn die Verfasser Männer von Ansehen waren, so glaubte sie, daß sie ihnen eine Schuld der Höflichkeit abtragen müsse, welcher sie sich gern durch persönliche Freundlichkeit entledigte. Wenn sie dann und wann einer kleinen Gesellschaft ein Mittagessen gab, hatte sie die Gutmüthigkeit, sich nach Personen umzusehen, die am besten für einander paßten, und hatte auch das Glück, dieselben zu entdecken. Sie wählte dcßhalb ihre Gesellschaft wie Herzog Theseus seine Hunde, Der Stimme »ach gekoppelt, So daß ihr Belle» glich dem Glockenspiele, Harnionisch tönend. Shakspeare, SommernachtS - Traum, Akt Vl. Scene I. Jeder Gast konnte somit seinen Antheil am Gespräche haben, anstatt daß ein gewaltiger Kerl, wie ein Doctor Johnson, durch die furchtbare Tiefe seines Baffes alle Anderen zum Schweigen brachte. Bei solchen Gelegenheiten führte sie eine ausgezeichnete Tafel; bisweilen kam alsdann ein französisches oder auch schottisches Gericht zum Vorschein, welches nebst den zahlreichen Flaschen seltener Weine, die Herr Beauffet auf die Tafel brachte, dem Gastmahl einen alterthümlichen und fremdartigen Charakter crtheilte, wodurch dasselbe noch interessanter wurde. Zu solchen Gesellschaften gebeten zu werden, war keine geringere Ehre, als eine Einladung zu empfangen in ihre frühenConver- sationszirkel, die sie der Mode zum Trotz durch den besten Caffee und feinsten Thee — und eine Taffe Caffee, welche die Todten zum Leben erweckt haben würde — dann und wann in dem 439 schon erwähnten Salon zur unnatürlichen Stunde von 8 Uhr Abends bei sich versammelte. Alsdann schien die heitere alte Dame so sehr das Glück ihrer Gäste zu genießen, daß dieselben sich ihrerseits bemühten, das Vergnügen derselben, sowie ihr eigenes zu vermehren; so entstand ein gewisser Zauber, den man selten in Gesellschaften findet, und welcher auf dem allgemeinen Wunsche der Gegenwärtigen beruhte, einigen Beitrag zur allgemeinen Unterhaltung zu geben. Obgleich jedoch ein großes Vorrecht in der Zulassung zum Morgcnbefuche meiner ausgezeichneten Freundin, oder in den Einladungen zum Mittagessen und zu den Abendgesellschaften bestand, schätzte ich ein durch alte Bekanntschaft von mir erworbenes Recht noch höher, wodurch ich nach Baliolhouse mich um 6 Uhr Abends begeben konnte, wenn dessen ehrwürdige Bewohnerin den Thee zubereitete. Nur zwei oder drei Freunden gestattete sic diese Freiheit, auch durfte diese Art zufällig gebildeter Gesellschaft niemals die Zahl fünf überschreiten. Diejenigen, welche später kamen, erhielten zur Antwort, die Gesellschaft sei schon für den Abend vollzählig; dicß hatte die doppelte Wirkung, daß diejenigen, welche der Frau Bethune Baliol aufwarteten, sich pünktlich einstellten, und daß der Reiz einer kleinen Schwierigkeit zum Genuß der Gesellschaft hinzukam. Häufiger geschah es, daß nur eine oder zwei Personen bei dieser Abenderfrischung sich einstellten. Kam ein einzelner Herr, so trug zwar Frau Martha kein Bedenken, denselben nach alter schottischer und französischer Mode in ihr Boudoir zuzulassen; um jedoch, wie sie zu sagen pflegte, allen nur möglichen Anstand zu bewahren, ließ sie alsdann ihre erste Dienerin Frau Alice Lambskin in's Zimmer rufen — ein Frauenzimmer, welches nach dem Ernst und der Würde des Aussehens einer ganzen Mädchenpension, statt einer einzigen alten Dame von mehr wie 8v Zähren, als Aufseherin hätte vienen können. Je nachdem es das Wetter erlaubte, saß Frau Alice in pflichtmäßiger Entfernung von der Gesellschaft auf einem Lehnstuhle hinter dem vorragenden Kamingesims oder in einer Fenstervertiesung, und arbeitete mit unermüdlichem Eifer in einem karthäuser- ähnlichen Stillschweigen an einer Stickerei, welche kein übles Sinnbild der Ewigkeit zu sein schien. Mittlerweile habe ich es jedoch unterlassen, meine Freundin selbst bei dem Leser einzuführen, wenigstens soweit Worte die Eigenthümlichkeiten bezeichnen können, wodurch ihr Aeußc- res und ihr Gespräch sich auszeichnete. Sie war eine kleine Frau mit gewöhnlichen Zügen und einer gewöhnlichen Gestalt, und mit einem Haare, welches in ihrer Jugend keine bestimmte Farbe gehabt hatte; wir dürfen deßhalb der Aussage der Frau Martha glauben, daß sie niemals durch persönliche Reize auffiel, ein bescheidenes Zugeständniß, welches gewisse alte Damen, ihre Zeitgenossen, bereitwillig bestätigten, welche.jetzt, von welcher Art auch nach den von ihnen gegebenen Winken ihre Vortheile in der Jugend gewesen sein mochten, sowohl im Aeußern wie in jeder andern Beziehung meiner ausgezeichneten Freundin bei weitem untergeordnet waren. Frau Martha's Züge waren von dauerhafter Art; ihre Unregelmäßigkeit war jetzt von keiner Bedeutung mehr, wenn dieselben von der Lebhaftigkeit der Unterhaltung beseelt wurden; ihre Zähne waren ausgezeichnet und ihre Augen, obgleich stark zum Grau geneigt, lebhaft lachend und vor der Zeit nicht verdunkelt. Ein leichtes Dunkel der Gesichtsfarbe, welches glänzender war, als ihr Alter verhieß, erweckte gegen meine Freundin bei Fremden den Verdacht, daß sie ihre ausländischen Gewöhn- 441 heilen bis zur klugen Anwendung der Schminke ausgedehnt habe. Dieß aber war eine Verläumdung; wenn sie nämlich einer interessanten und rührenden Geschichte zubörte oder eine solche erzählte, so sah ich, daß ihre Farbe kam und schwand, wie bei einem Mädchen von 18 Jahren- Ihr Haar, wenn es auch früher nicht schön gewesen war, bot jetzt das schönste Weiß, welches die Zeit bleichen konnte, und ward mit einiger Absichtlichkeit, obgleich in möglichst einfacher Weise geordnet, so daß es niedlich geglättet unter einer Haube von brüffeler Spitzen erschien, die zwar eine altmodische aber nach meiner Meinung hübsche Form hatte, welche unzweifelhaft einen Namen besitzt, worauf zurückzukommen ich mich bemühen würde, wenn ich meine Beschreibung dadurch verständlicher machen könnte. Ich glaube von ihr gehört zu haben, daß diese Lieblingshaube diejenige ihrer Mutter war und zugleich mit einer gewissen Pcrrükenart in Mode kam, welche die Herren zur Zeit der Schlacht von Ra- millieS trugen. Ihre übrige Kleidung war stets ziemlich kostbar und prächtig, besonders des Abends. Ein Kleid von Seide oder Atlas von einer ihrem Alter geziemenden Farbe und von einem Schnitt, welcher sich zwar in gewissem Grade der gegenwärtigen Mode fügte, allein immer eine Beziehung zu einer entfernteren Periode darbot, hatte einen dreifachen Spitzenbesatz, ihre Schuhe hatten Schnallen mit Diamanten und reichten ein wenig über die Fersen, ein Vortheil, welcher von ihrer Jugend stammte, und welchen im Alter aufzugebcn, die Gestalt ihres Fußes, nach ihrer Angabe, nicht gestattete. Sie trug stets Ringe, Armbänder und andere Zicrrathen von Werth, entweder wegen des Materials, oder wegen der Arbeit ; sie war vielleicht in dieser Art Putz zu verschwenderisch. Sie trug diese Zierrathen jedoch nur als Gegenstände unter- geordneter Art, hinsichtlich welcher ihr stets unter den höheren Ständen geführtes Lebe» sie gleichgültig machte. Sie legte dieselben an, weil ihr Rang es erheischte, und sie dachte an diese Putzartikel nicht mehr als ein Herr von Erziehung in seiner Tafelkleidung an seine Wäsche und seinen gebürsteten Rock denkt, deren Bewußtsein einen kindlichen Stutzer am Sonntage in Verlegenheit setzt. Bisweilen jedoch, wenn ein Edelstein oder eine Zierrath wegen Schönheit und Eigenthümlichkeit bemerkt wurde, ver- anlaßte dieß gewöhnlich einen unterhaltenden Bericht über die Weise, wie derselbe erlangt war, oder über die Person, von welcher sie auf die gegenwärtige Besitzerin übergegangen war- Bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten sprach meine alte Freundin gerne, wie das auch nicht ungewöhnlich ist; sie sprach aber, was seltener ist, sehr gut und besaß in ihren kleinen Erzählungen über das Ausland oder frühere Tage, welche einen interessanten Theil ihres Gespräches bildeten, die eigenthümliche Kunst alle gewöhnlichen gedehnten Darlegungen über Zeit, Ort und Umstände wegzulaffen, welche meist wie ein Nebel auf den kalten und langen Erzählungen alter Leute ruhen, aber dennoch zugleich die Ereignisse und Charaktere, welche das Interesse in der Geschichte erregen, vorzuführen darzulegen und zu erläutern. Wie wir schon sagten, hatte sie viele Reisen in fremde Lande gemacht; denn ein Bruder, an welchen sie eine große Anhänglichkeit hatte, war verfchiedenemale mit wichtigen Aufträgen auf das Festland geschickt worden, und mehr als einmal hatte sie die Gelegenheit ihn zu begleiten benutzt. Dieß erhöhte sehr den Werth der Belehrung, welche sie geben konnte, besonders während des vergangenen Krieges, als das Festland 443 den Engländern hermetisch verschlossen war. Außerdem aber besuchte Frau Bethune Baliol entfernte Länder nicht nach der neueren Mode, nach welcher Engländer in Caravanen reisen und in Frankreich und Italien wenig mehr als dieselbe Gesellschaft sehen, die sie zu Hause hätten sehen können. Sie mischte sich im Gegcnthcil im Auslande unter die Eingeborenen der von ihr besuchten Länder, und genoß so zugleich den Vortheil der Gesellschaft derselben, sowie das Vergnügen letztere mit der brittischen zu vergleichen. Da Frau Baliol an fremde Sitten sich gewöhnte, so hatte sie vielleicht eine leichte Färbung davon selbst angenommen. Ich war jedoch stets überzeugt, daß die eigenthümliche Lebhaftigkeit des Blickes und des Wesens, die schnellen und paffenden Bewegungen, womit sie ihre Worte begleitete, — der Gebrauch einer goldenen und mit Edelsteinen besetzten Taba- tiere oder vielmehr Bonbonniere, (sie nahm nämlich niemals Schnupftabak, und ihre kleine Dose enthielt nur wenige Stücke von überzuckerten Angelikawurzeln oder irgend eine andere für Damen geeignete Süßigkeit) eine wirklich altschottische Mode waren, wie sie etwa den Theetisch der Susanns, Gräfin Eglinton, der Beschützerin von Allan Ramsay und der Freundin von Johnson, oder etwa den der Gemahlin des Obersten Ogilvy um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hätte zieren können, welche letztere zu ihrer Zeit als ein Muster galt, wie die Jungfrauen von Edinburg sich zu kleiden hätten. Obgleich sie mit den Sitten anderer Länder bekannt war, hatten sich die ihrigen hauptsächlich in ihrem Vatcrlande zu einer Zeit ausgebildet, wo die vornehmen Leute innerhalb eines engen Raumes wohnten, und wo die ausgezeichneten Namen der höchsten Gesellschaft dem alten Edinburg einen Glanz ertheilten, den wir jetzt durch unbegränzte Aus- gaben und den ausgedehnten Kreis unserer Vergnügungen zu erlangen suchen. Ich wurde in dieser Meinung durch die Eigenthümlich- keiten des Dialekts bestärkt, dessen Frau Baliol sich bediente. Derselbe war schottisch, und zwar so entschieden schottisch, daß er oft Phrasen und Worte enthielt, die man gegenwärtig nur selten gebraucht; allein ihr Ton und ihre Aussprache waren so verschieden von dem gewöhnlichen schottischen Platt, wie die Sprache im Palast von St. James von derjenigen des Fischmarktes in London. Die Vokale wurden nicht viel breiter als in der italienischen Sprache ausgesprochen, und es fand sich nicht der unangenehme gezogene Nascnton, welcher für die südlichen Ohren so unangenehm ist. Kurzum es schien das Schottische zu sein, wie es am alten HofeSchottlands gesprochen wurde, eine Sprache, mit welcher sich keine Vorstellung von Gemeinheit verbinden ließ; die lebhafte Weise und die Bewegungen, womit sie ihre Worte begleitete, stand mit dem Schall der Stimme und dem Sipl der Rede in solcher Uebercinstimmung, daß ich ihr nicht einen verschiedenen Ursprung zuschreiben kann. Geht man weiter zurück, so läßt sich vielleicht das Wesen des schottischen Hofes auf den französischen zurückführen, womit derselbe sicherlich eine Verwandtschaft hat; ich will aber in dem Glauben leben und sterben, daß das Benehmen der Frau Baliol, ebenso angenehm als eigentümlich, in direkter Abstammung von den hohen Damen herzulciten ist, welche vor Alters durch ihre Gegenwart die königlichen Hallen von Holyrood schmückten. 445 Siebentes Kapitel. Frau Baliol hilft Herrn Croftangry in seinen literarischen Spekulationen. Nach der Art, wie ich Frau Bethune Baliol beschrieben habe, wird der Leser mir glauben, daß ich mich in Betracht der gemischten Natur meines Werkes auf ihre Mittheilungen und die Geneigtheit, dieselben zu machen, als auf eine hauptsächliche Mithilfe bei meiner Unternehmung verließ. Sie mißbilligte auch nicht den Vorschlag meiner Herausgabe, obgleich sie Zweifel über ihre persönliche Fähigkeit mir zu Helsen aussprach — ein Bedenken, welches sich vielleicht als weiberartige Ziererei auslcgcn läßt, die einige Bitten um die von ihr nicht ungern gereichte Gabe als Bedingung ihrer Gewährung erheischt-, oder vielleicht hielt cs die gute alte Dame, im Bewußtsein, daß ihr ungewöhnlich hohes Alter bald sich schließen müßte, für zweckmäßiger, das Material in Form eines Vermächtnisses zu hinterlaffen, als dasselbe während ihres Lebens einem kritischen Publikum vorzulegen. Manchmal Pflegte ich in unsere Unterhaltungen meine Bitte um Mithülfe wegen des Bewußtseins vorzubringcn, daß meine Freundin die werthvollste Niederlage schottischer Ucberliefcrungen sei, welche sich wahrscheinlich jetzt noch vorfinde. Hievon war ich so sehr überzeugt, daß ich es nicht unterlassen konnte, wenn ich ihre Beschreibung der Sitten, weit über ihre Zeit hinaus, vernahm, wie Fletcher von Salton sprach, wie Graham von Glaverhouse tanzte, welche Juwelen die Herzogin von Lunderdale trug und wie fie dazu gelangt 446 war — daß ich alsdann es nicht unterlassen konnte, ihr zu sagen, ich halte sie für eine Fee, die uns durch Beibehaltung des Aussehens einer Sterblichen unserer Tage, betrüge, da sie doch wirklich die Revolutionen von Jahrhunderten gesehen Habe. Sie wurde sehr erheitert, wenn ich ihr einen feierlichen Eid abforderte, daß sie nicht auf den Bällen der Maria von Este getanzt habe, als der unglückliche Gemahl dieser Dame Holprood in einer Art Verbannung bewohnte *), oder wenn ich sie fragte, ob sie sich nicht an Carl II. erinnern könne, als derselbe lsso nach Schottland kam, und ob sie nicht einige undeutliche Erinnerungen an den kühnen Usurpator habe, welcher den König als Flüchtling über den Forth drängte. „öesn Lonsin," sagte sie lachend, „ich erinnere mich an keinen derselben persönlich, ihr müßt jedoch wissen, daß mein natürliches Temperament sich von meiner Jugend bis zum Alter nur wenig verändert hat. Daraus folgt, Vetter, daß ich, wie ich jetzt etwas zu jung an Geist für die Jahre bin, welche die Zeit in meinem Kalender mir gezeichnet hat, ich als Mädchen etwas zu alt für meine Altersgenossen war und deßhalb damals ebenso große Neigung hatte, die Gesellschaft älterer Personen aufzusuchen, als ich jetzt weit mehr dazu gestimmt bin, muntere junge Herren von 50 oder 6 v Jahren, wie Euch, in meine Gesellschaft zuzulaffen, wie Alle 8 ojährigen um mich her zu versammeln. Nun komme ich zwar wirklich nicht vom Elfenland, und kann mich deßhalb nicht der persönlichen Bekanntschaft der gewaltigen Personen, «) Der Herzog von Dork, nachher Jnkob II., bewohnte häufig Holy- roodhouse, als seine Religion ihn zum Gegenstände des Verdachtes bei dem englischen Hofe machte. nach denen Ihr Euch erkundigt, rühmen, habe aber doch diejenigen gesehen und gehört, welche sie sehr wohl kannten und mir einen so bestimmten Bericht von ihnen gegeben haben, wie ich Euch über Maria Theresia oder Friedrich II. geben könnte. Auch will ich frei gestehen, fügte sie lachend hinzu, indem sie mir ihre Bonbonniere reichte, daß ich von den Jahren 1688 soviel gehört habe, daß ich bisweilen die meinem Gedächtnis durch häufige und lebhafte Erzählung Anderer eingeprägten Beschreibungen mit Dingen zu verwechseln geneigt bin, die ich selbst wirklich erlebt habe. Noch gestern ertappte ich mich, wie ich Lord M. den Festzug des letzten schottischen Parlamentes mit so vieler Genauigkeit beschrieb, als hätte ich denselben ebenso wie meine Mutter vom Balkon in Lord Murrap's Hause zugesehen." „Ich bin überzeugt, Ihr müßt Lord M. einen großen Genuß verschafft haben." »Ich gewährte ihm den Genuß eines herzlichen Gelächters, wie ich glaube", erwiderte sie, „allein Ihr seid es, ihr schändlicher Verführer der Jugend, welcher mich zu solchen Thor- heiten verleitet. Doch will ich mich vor meiner eigenen Schwachheit schützen. Ich weiß nicht, ob der ewige Jude eine Frau hat, es sollte mir aber sehr leid thun, wenn eine anständige schottische Dame von mittlerem Alter für diese Person gehalten würde." „Ungeachtet dessen muß ich Euch, mn belle Cousine, jetzt etwas mehr mit meinen Fragen quälen; denn wie kann ich anders Schriftsteller werden, als durch die mannigfache Kunde, die ihr mir so oft über den Zustand unserer alten Sitten gegeben habt " „Halt, ich kann Euch nicht gestatten, dem Stoff Eurer Erkundigungen einen so ehrwürdigen Namen zu ertheilen. 448 „Alt," ist ein Ausdruck für vorsündfluthliche Zeiten. Ihr könnt mir Fragen vorlcgcn über die Schlacht von Flodden, oder Euch nach Einzelheiten über Bruce und Wallace unter dem Vorwände einer Neugier hinsichtlich alter Sitten erkundigen, aber letzterer Umstand würde, wie ihr wißt, mein Baliolblut in Hitze bringen." „Wohlan denn, Frau Baliol, setzen wir unsere Zeit fest: nennt Ihr nicht die Thronbesteigung Jakobs VI. von Großbritannien sehr alt?" „Mein Vetter, ich könnte Euch mehr davon erzählen, als die Leute sich erinnern; z. B. als König Jakob mit Sack und Pack nach England auszog, wurde seine Reise bei Cockenzie aufgehaltcn, weil er dem Leichenzuge des Grasen von Win- ton, des alten und treuen Dieners und Anhängers seiner unglücklichen Mutter, der armen Königin Marie, begegnete; es war eine schlechte Vorbedeutung für seinen Einzug, und dieß hat sich auch später bewährt, Vetter." Ich wollte die Sache nicht weiter verfolgen, denn ich wußte wohl, daß Frau Baliol sich nicht gern mit Fragen in Bezug auf die Stewarts drängen ließ, deren Unglück sie um so mehr bemitleidete, als ihr Vater deren Sache vertreten hatte. Da aber ihre Anhänglichkeit an die gegenwärtige Dynastie sehr aufrichtig und sogar glühend war, besonders weil ihre Familie dem verstorbenen Könige im Krieg sowohl, wie im Frieden gedient hatte, kam sie immer etwas in Verlegenheit, wenn sie ihre Ansichten über die verbannte Familie mit denen in Uebereinstimmung bringen wollte, welche sie von dem jetzt regierenden Fürstenhaus hatte. Wie viele alte Jakobitcn begnügte sie sich mit einigem Widerspruch in ihrer Denkweise und tröstete sich damit, daß es jetzt mit dem Staate gut stehe, und daß man nicht so genau untersuchen 449 müsse, wer vor einem halben Jahrhundert Recht oder Unrecht gehabt habe. „Die Hochlande," fuhr ich fort, „müssen Euch reichlichen Stoff der Erinnerung darbieten. Ihr habt die vollkommene Veränderung dieses uralten Landes erlebt und gesehen, wie ein Geschlecht, welches von der frühesten Periode der Gesellschaft nicht sehr weit entfernt war, in der großen Masse der Civilisation zuletzt aufginq. Ein solcher Wechsel konnte nicht ohne Vorfälle cintreten, welche an sich sehr auffallend und auch merkwürdig als Kapitel in der Geschichte des Menschengeschlechtes sein müssen." „Allerdings," erwiderte Frau Baliol, „sollte man erwarten, daß diese Vorgänge dem Beobachter sehr auffallend waren, indeß war dieß kaum der Fall. Was mich betrifft, so war ich selbst keine Hochländerin, und die alten hochländischen Häuptlinge, von denen ich sicherlich mehrere kannte, zeigten in ihrem Wesen wenig Besonderheiten, wodurch sie sich von dem Adel des Niederlandes unterschieden hätten, wenn sie sich unter die Gesellschaft in Edinburg mischten und die niederländische Kleidung annahmen. Ihr besonderer Charakter war für ihre Ranggenoffen zu Hause; ihr müßt nicht glauben, daß sie mit Mänteln und hochländischen Schwertern in den Straßen einher stolzierten, oder mit Mütze und Schurzfell in den Palast kamen " „Ich erinnere mich," bemerkte ich, „daß Swift in seinem an Stella gerichteten Tagebuche schreibt, er habe im Hause eines schottischen Edelmanns mit zwei hochländischen Häuptlingen gespeist, und dieselben hätten sich als so gut erzogene Leute benommen, als er dergleichen jemals ange- troffcn habe." Das gefährl. Schloß u. and. Erzähl. 29 -450 „Das ist sehr wahrscheinlich," sagte meine Freundin; „die äußersten Punkte der Gesellschaft stehen sich näher, als Swift vielleicht geglaubt hat. Der Wilde ist immer artig bis zu einem gewissen Grade." „Außerdem betrugen sich die Hochländer, die stets bewaffnet gingen und eine sehr kitzliche Vorstellung von ihrem eigenen Anstand unk ihrer Bedeutung hegten, gegen einander und gegen die Niederländer mit so viel förmlicher Höflichkeit , daß sie sogar in den Verdacht der Unaufrichtigkeit kamen." „Die Falschheit," erwiderte ich, „gehört ebensowohl dem frühesten Zustand der Gesellschaft wie den Formen gegenseitiger Achtung an, die wir mit dem Namen Höflichkeit bezeichnen. Ein Kind sieht nicht die geringste moralische Schönheit in der Wahrheit, bis es ein halb Dutzend Mal gepeitscht ist. Kann man nicht sogleich überführt werden, so ist die Ableugnung so leicht, und scheinbar so natürlich, daß sowohl der Wilde, wie das Kind, um sich zu entschuldigen, zur Lüge greift, und zwar beinahe so instinktartig, wie Beide die Hand erheben, um ihren Kopf zu schützen. Das alte Sprüchwort „bekenne und du wirst gehängt" ist nicht ohne Begründung. Neulich fiel mir eine Bemerkung eines älteren schottischen Geschichtsschreibers auf. Derselbe erzählt, daß Mac Gregor von Glenstrae und einige seiner Leute sich einem der Grafen von Argyle auf die besondere Bedingung hin überliefert hatten, daß sie mit sicherem Geleit nach England gebracht würden. Der Mac Callan Mhor jener Zeit hielt sein Wort, jedoch nur dem Buchstaben nach. Er schickte allerdings seine Gefangenen nach Berwick, wo sie auf der andern Seite des Tweed Luft cinathmetcn, jedoch nur unter starker Bewachung, welche sie wieder nach Evinburg zurück- 451 brachte, und sie dem Henker überlieferte. Der alte Geschichtsschreiber (Birrel) nennt dieß die Haltung eines hochländischen Versprechens." »Wohlan," erwiderte Frau Baliol, »ich kann noch hinzufügen, daß viele der hochländischen Häuptlinge, welche ich in früheren Tagen kannte, in Frankreich erzogen worden waren; ihre Artigkeit war vielleicht dadurch erhöht, ihre Aufrichtigkeit aber sicherlich nicht gesteigert. Man muß jedoch bedenken, daß sie zu einer gedrückten und geschlagenen Parthci gehörten, und dadurch zuweilen zur Verstellung genöthigt wurden, sowie andererseits ihre gleichförmige Treue gegen ihre Freunde ihrer gelegentlichen Falschheit gegen ihre Feinde entgegensetzen konnten: somit darf man über die armen Hochländer nicht zu streng urtheilen. Sie befanden sich in einem Zustande der Gesellschaft, wo Helle Lichter einen starken Gegensatz gegen die dunkelsten Schatten bilden." »Auf den Punkt wollte ich Euch bringen, ma bells cousine, und deßhalb find die Hochländer geeignete Gegenstände für Dichtung." „Und Ihr wollt zum Romandichter werden, guter Freund, und meine alten Erzählungen nach einer beliebten VolkS- melodie setzen. Allein es find schon zu viele Componisten, wenn wir bei dem Bilde bleiben sollen, Euch hierin zuvor- gekommcn. Die Hochlande boten wirklich ein schönes Thema, dasselbe ist aber nach meiner Meinung vollkommen auSge- beutet worden, und eine gute Melodie wird gemein, wenn sie bis zur Savoyardenleyer und der Drehorgel hinabfinkt." „Ist die Melodie wirklich schön," erwiderte ich, »so werden 29 * sich ihre besseren Eigenschaften in's Licht stellen, wenn sie von besseren Künstlern ausgcführt wird." „Hm," sagte Frau Baliol, indem sie auf ihre Dose schlug, „wir fanden uns heute Abend bei unserer Meinung sehr behaglich, Herr Croftangry. Ihr glaubt also, daß ihr den Schimmer des hochländischen Mantels wiederherstellen könnt, den derselbe dadurch verloren hat, daß er durch so viele Finger gegangen ist?" »Mit Eurer Unterstützung bei Herbeischaffung des Materials, läßt sich nach meiner Meinung Etwas machen." „Wohlan, ich muß mein Möglichstes thun, obgleich Alles, was ich vom Galischen weiß, nur sehr unbedeutend ist, ich habe dasselbe hauptsächlich nur von Donald Mac Leish gelernt." „Wer ist denn dieser Donald Mac Leish?" „Weder Barde noch Häuptling, das kann ich Euch versichern, auch nicht ein Mönch oder ein Eremit, wie man dergleichen Herren für die besten Gewährsmänner alter Ueber- lieferungen hält. Donald war ein so guter Postillon, als je einer die Extrapost zwischen Glencroe und Jnverary fuhr. Wenn ich Euch hochländische Anekdoten zum Besten gebe, so werdet Ihr sicherlich oft den Namen hören. Er war der Anbeter von Alice Lambskin und mir, als wir eine lange Reise durch die Hochlande machten. „Wann soll ich aber diese Anekdoten hören? Ihr antwortet mir, wie Hartley dem armen Prior Was Prior wünscht, gewährt „ach Pflicht — Ja, sprach der Graf, doch heute nicht." „Wohlan, man besu Oousm, wenn ihr mich an meine Grausamkeit erinnert, so muß ich Euch daran erinnern, daß die Thurmuhr im Schlosse 9 Uhr geschlagen hat, und daß es Zeit ist, für Eure Heimkehr nach Little Croftangry. Was mein Versprechen betrifft, Euch in Euren antiquarischen Forschungen zu unterstützen, so seid versichert, daß ich dasselbe eines Tages in großer Ausdehnung halten werde, es soll kein Hochländer-Versprechen sein, wie Euer alter Geschichtsschreiber es nennt." Jetzt begann ich die Absicht meiner Freundin bei der Verzögerung zu merke», mein Herz wurde betrübt, als ich daran dachte, ich werde die gewünschte Kunde nur in der Form eines Legates erhalten. Ich fand somit in dem erwähnten, nach dem Tode der ausgezeichneten Dame mir übersandten Paket mehrere Anektodten über die Hochländer; ich wähle daraus die folgende hauptsächlich deßhalb, weil sie große Gewalt auf das Gefühl meiner kritischen Haushälterin Janet Mac Evoy übte, welche bitterlich weinte, als ich sie ihr vorlas." Die Erzählung ist tedoch sehr einfach und gewährt vielleicht kein Interesse solchen Personen, die an Rang und Stand höher stehen als Janet. — — Die Wittwe des Hochlandes Erstes Kapitel. Sie wußte nicht, was Jenes war. Als sie genaht dem steilen Raum, Doch endlich bot dem Blick sich dar Ein breitbelaubter Eibenbaum. Coleri dg e. Das Memoire der Frau Bethune Baliol beginnt in folgender Weise: Vor fünfunddreißig oder beinahe vierzig Jahren unternahm ich eine Reise nach den Hochlanden, um mich von dem Kummer zu zerstreuen, der mir zwei oder drei Monate vorher durch ein großes Familicnunglück erregt war. Dergleichen Ausflüge kamen damals in Mode. Obgleich aber die Militärstraße ausgezeichnet war, fand man so wenig andere Einrichtungen für die Bequemlichkeit der Reisenden, daß die Unternehmung der Reise damals noch als etwas Abenteuerliches galt. Zudem flößte das Wort „Hochlande" noch immer einigen Schrecken ein, obgleich dieß Land schon damals so L55 friedlich war als irgend eine Gegend in den Reichen König Georgs; es waren nämlich noch sehr viele Zeugen des Aufstandes von 1745 am Leben. Viele wurden dcßhalb noch immer von einer unbestimmten Furcht erfüllt, wenn sie von den Thürmen der Festung Stirling nach Norden auf die große Bergkette blickten, die wie eine finstere Mauer sich erhebt, um in ihren Schluchten ein Volk zu bergen, dessen Kleidung, Sitten und Sprache von denjenigen ihrer Landsleute in den Niederlanden so sehr verschieden waren. Was mich jedoch betrifft, so stammte ich von einem Geschlecht, welches Besorgnissen, die nur aus der Einbildungskraft entspringen, wenig Raum giebt. Ich hatte einige Verwandte in den Hochlanden und kannte dort mehrere angesehene Familien; und obgleich ich nur mein Kammermädchen mitnahm, trat ich somit furchtlos die Reise an. Ich besaß aber auch einen Führer und Cicerone, der die größte Aehnlichkeit mit Greatheart in der „Pilgerreise" hatte. Es war der Postillon Donald Mac Leish, den ich in Stirling mit einem Paar Pferde, von eben so großer Kraft und Schönheit w>e Donald selbst, gemiethet hatte, um meinen Wagen, mein Kammermädchen und mich selbst nach jedem Ort zu transportircn, wohin ich Lust zu reisen haben würde. Donald Mac Leish gehörte zu der Raffe von Postkncchten, welche, wie ich glaube, durch die regelmäßigen Postkutschen- Verbindungen und durch die Dampfboote jetzt ausgestorben find. Sie fanden sich hauptsächlich in Perth, Stirling und Glasgow, wo sie gewöhnlich, nebst ihren Pferden, von Reisenden gemiethet wurden, die nach dem Lande der Galen einen Ausflug zum Vergnügen oder ihrer Geschäfte wegen machte. Diese Art Leute kamen an Charakter denjenigen gleich, welche man im Auslande Conducteure nennt, oder sie ließen sich mit dem sogenannten Segelmeister auf brittischen Kriegsschiffen vergleichen, welcher in seiner eigenen Weise die Richtung einhält, die ihm der Kapitän einzuschlagcn befiehlt. Man gab dem Postillion die Länge der Reise und alles dasjenige an, was dieselbe nach besonderem Wunsch umfassen sollte; dann fand man ihn vollkommen seinem Amte gewachsen, um die Plätze der Ruhe und Erfrischung mit gehöriger Aufmerksamkeit zu bestimmen, so daß dieselben nach der Bequemlichkeit der Reisenden oder in Bezug auf interessante Punkte gewählt wurden, welche jene zu besuchen wünschten. Die Eigenschaften eines solchen Postillions waren natürlich denjenigen eines jetzigen überlegen, welcher dreimal täglich über denselben Raum von zehn Meilen galoppirt. Donald Mac Leish war nicht allein stets wachsam, um gewöhnliche Zufälle hinsichtlich seiner Pferde wieder auszugleichen oder Beschädigungen des Wagens wieder auszubeffern, und wenn sich kein Futter vorfand, dieselben mit Haferkuchcn und anderen Ersatzmitteln zu erquicken, sondern er war auch ein Mann, dem es an geistigen Hülfsmitteln nicht fehlte. Er hatte sich eine allgemeine Kenntniß der überlieferten Sagen des so oft von ihm durchreisten Landes erworben; erhielt er Ermuthigun- gen (denn Donald war ein Mann von höchst anständiger Zurückhaltung) so zeigte er den Reisenden sehr gern die Lage der hauptsächlichsten Schlachtfelder in den Kriegen der Clans und erzählte die merkwürdigsten Sagen, durch welche die Straßen und die beim Vorüberfahren bemerkten Gegenstände sich auszeichneten. In der Gedankenrichtung und Ausdrucks- wcise des Mannes lag etwas Originelles; seine Liebhaberei für Sagen bot einen merkwürdigen Gegensatz zu der seinem Gewerbe angehörigcn scharfsinnigen Menschenkenntniß und Schlauheit, so daß sein Gespräch unterwegs viel Unterhaltung gewährte. Hiezu kam, daß Donald alle feine besonderen Pflichten in dem von ihm so oft durchzogenen Lande genau kannte; er konnte bis auf Einen Tag Voraussagen, wenn man ein Lamm in Tyndrum oder Glenuilt schlachten werde, so daß der Fremde einige Aussicht hatte, ein christliches Mittagessen zu bekommen; er wußte bis auf eine Meile das letzte Dorf, wo man sich Waizenbrod verschaffen könne, für die Vorsicht derjenigen zu bestimmen, welche mit dem Lande der Haferkuchen noch wenig vertraut waren. Er war mit jeder Meile im ganzen Lande bekannt und konnte bis auf Einen Zoll angeben, welche Seite auf einer hochländischen Brücke passir- bar und welche gefährlich wäre*). Kurzum, Mac Leish war nicht allein unser treuer Begleiter und handfester Diener, sondern auch unser demüthiger und uns stets zu Dank verpflichtender Freund. Obgleich ich den halbklassischcn Cicerone Italiens, den geschwätzigen französischen Valet de place und selbst den Maultiertreiber Spaniens kennen lernte, welcher sich darauf Etwas zu gute thut, ein Maiseffer zu sein, und dessen Ehre man nicht ungestraft in Frage stellen darf, so glaube ich doch niemals einen so verständigen und aufrichtigen Führer angetroffen zu haben." Die Richtung unserer Reise stand natürlich unter Donalds Leitung, und cs ereignete sich oft, daß wir bei heiterem Wetter an Punkten anhielten, wo keine Station vorhanden war. »i Dies ist oder war wenigstens eine nothwcndige Kenntniß für einen hochländischen Postillion. Noch vor wenig Jahren befand sich auf einer Brücke, in einem der schönsten Theile der Hochlande, die erschreckende Inschrift: „Haltet euch an die rechte Seite, die linke ist gefährlich!" Alsdann genoßen wir unsere Erfrischungen unter einer Klippe, von welcher ein Wasserfall herabstürzte, oder am Rande einer mit grünem Rasen und wild wachsenden Blumen bekränzten Quelle. Donald hatte ein geschicktes Auge für solche Orte, und obgleich er sicherlich den Gildas oder Don Quixote niemals gelesen hatte, wählte er doch immer solche Rastplätze, wie sie le Sage oder Cervantes beschrieben haben würde. Da er das Vergnügen bemerkte, welches ich in der Unterhaltung mit Landleuten empfand, pflegte er sehr oft die Einrichtung zu treffen, um unseren Ruheplatz in der Nähe einer Hütte aufzuschlagen, wo noch ein alter Gale lebte, dessen Degen bei Falkirck oder Preston im Sonnenschein geglänzt hatte, und welcher ein schwaches, aber wahrhaftes Zeugniß vergangener Zeiten zu sein schien. Oder er tras die Einrichtung, für uns die Gastfreundschaft eines würdigen und verständigen Pfarrers, oder einer auf dem Lande lebenden Familie der höher» Claffe hinsichtlich einer Taffe Thee in Anspruch zu nehmen — bei Leuten, welche die wilde Einfachheit ihrer ursprünglichen Sitten und ihr bereitwilliges gastfreies Willkommen mit einer Höflichkeit mischten, die einem Volke cigen- thümlich ist, dessen niedrigste Elasten sich in solcher Weise zu betrachten pflegen, daß sie nach der spanischen Redeweise „ebenso gute Edelleute wie der König, obgleich nicht ganz so reich sind." Allen solchen Personen war Donald Mac Lcish wohl bekannt, und seine Einführung war ebenso genügend, als hätten wir Empfehlungsbriefe von einem der vornehmsten Häuptlinge des Landes mitgebracht. Bisweilen geschah es, daß die hochländische Gastfreundschaft, welche uns mit jeder Art Gebirgskost, mit Mischungen von Milch und Eiern und Käsekuchen verschiedener Art, eben sowohl wie mit nahrhafteren Leckereien, je nach den Mitteln 459 der Einwohner bewirthete, etwas zu reichlich auf Donald Mac Lcish in der Form des berühmten schottischen Bergthau's sich niederließ. Der arme Donald! bei solcher Gelegenheit war er wie Gideons Vlies von dem edlen Element benetzt, welches sich natürlich nicht auf uns hcrabscnkte. Dies aber war sein einziger Fehler, und cs hätte sich für ihn nicht geziemt, einen Trunk auf die Gesundheit der Mylady zurückzuweisen; auch war er zu solcher Unhöflichkeit nicht geneigt. Dies war, wie ich wiederhole, sein einziger Fehler, und wir hatten auch kein Recht uns darüber zu beklagen. Wurde er dadurch etwas gesprächiger, so steigerte sich auch sein gewöhnlicher Autheil sorgfältig erwiesener Höflichkeit. Er fuhr nur langsamer und schwatzte länger und pomphafter als sonst, wann er keinen Tropfen des edlen Getränkes im Leibe hatte. Nur bei solchen Gelegenheiten schwatzte Donald mit wichtiger Miene von der Familie Mac Lcish; auch besaßen wir kein Recht, eine Schwäche sehr nachdrücklich zu tadeln, deren Folgen auf so unschuldige Gränzen beschränkt blieben. Wir wurden an Donalds Weise mit uns umzugehen, so gewöhnt, daß wir mit einiger Spannung seine List beobachteten, womit er uns eine kleine Ueberraschung bereitete, indem er uns den Ort verschwieg, wo er Halt machen wollte, sobald derselbe einen ungewöhnlichen und interessanten Charakter darbot. Hierin ging er so gleichmäßig zu Werke, daß unsre Einbildungskraft sich anstrengte, wenn er sich bei der Abfahrt von einer Station entschuldigte, weil er an einem sonderbaren einsamen Platz anhalten müsse, bis die Pferde den von ihm mitgenommenen Hafer gefressen haben würden, den Grund zu errathcn, weßhalb er irgend einen romantischen Schlupfwinkel im Geheimen zu unserem mittäglichen Ruheplatz bestimmt habe. 460 Wir hatten den grösten Theil des Morgens in dem schönen Dorfe Dalmallp zugebracht, und uns auf dem See unter der Leitung des damaligen trefflichen Pfarrers von Glenorquhy eingeschifft, und hundert Sagen von den finsteren Häuptlingen des Loch Awe, von Duncan mit der groben wollenen Mütze und anderen Herren der jetzt verfallenen Thürme von Kilchurn vernommen. So ward es später wie gewöhnlich, bis wir unsere Reise wieder antratcn, nachdem wir einige Winke von Donald über die Länge des Wegs bis zur nächsten Station vernommen hatten, da kein guter Anhaltepunkt zwischen Dal- mally und Oban vorhanden war. Nachdem wir unserem würdigen und freundlichen Cicerone Lebewohl gesagt hatten, setzten wir unsere Reise fort, indem wir um den furchtbaren Berg Cruachan-Ben herumfuhren, welcher mit aller Majestät der Felsen und der Wildniß in die See hinein ragt, und nur den Raum für Einen Paß übrig läßt, in welchem der kriegerische Clan Mac Dougal von Lorn durch den großen Feldherr» Robert Bruce beinahe vernichtet wurde. Jener König, der Wellington seiner Zeit, hatte durch einen sorcirten Marsch das unerwartete Manoeuvrc ausgeführt, ein Truppencorps um den Berg herum auf dessen andere Seite zu drängen und sich so in den Flanken und im Rücken der Krieger von Lorn zu stellen, die er zugleich in der Front angriff. Die große Zahl der jetzt noch vorhandenen Steinhaufen, welche über den Gräbern der Erschlagenen errichtet wurden, und die man beim Hinabsteigen des Passes an der westlichen Seite erblickt, erweist die Ausdehnung der Rache, die Bruce an den erblichen Feinden seines Hauses und an seinen persönlichen nahm. Wie Ihr wißt, bin ich die Schwester von Soldaten, und es war mir auffallend, daß das von Donald beschriebene Manoeuvre denjenigen von Wel- 461 lington und Bonaparte glich. Robert Bruce war ein großer Mann; sogar ein Mitglied der Familie Baliol, seiner größten Feinde, muß dies cingcstehen, obgleich man jetzt beginnt zuzugeben, daß sein Anspruch auf die Krone kaum so gut war, wie derjenige der unglücklichen Familie, mit welcher er um dieselbe kämpfte; jedoch denken wir hieran nicht weiter — das Gemetzel war um so größer gewesen,, da der tiefe und reißende Strom Awe sich aus dem See im Rücken der Fliehenden ergießt und die Grundlage des furchtbaren Berges umringt; somit war der Rückzug der unglücklichen Besiegten von allen Seiten durch die unzugängliche Beschaffenheit des Landes abgeschnitten, welches ihnen Schutz und Vertheidigung zu verheißen schien. Indem wir, wie die irische Dame in ihrem Liede über Dinge nachsannen, welche längst vergangen find, wurden wir nicht ungeduldig bei dem langsamen und beinahe kriechenden Schritt, womit unser Wagenlenker auf des Generals Wade Militärstraße fuhr, welche niemals oder selten sich herabläßt, einer steilen Aufsteigung auszuweichen, sondern in gerader Linie über die Anhöhen und wieder hinab führt und dieselbe Gleichgültigkeit gegen Höhe und Thal, eine steile Aufsteigung oder eine Fläche zeigt, wie sie dereinst die alten römischen Ingenieurs bewiesen. Die ausgezeichnete Beschaffenheit dieser großen Bauwerke, denn als solche lasten sich die Militärstraßen in den Hochlanden bezeichnen, verdienten das Compliment des Dichters, welcher, mogte er aus Irland stammen, und in der angeborenen Redeweise seiner Nation sprechen, oder den Glauben hegen, daß diejenigen, an welche er sich wandte, Nationalansprüche an das zweite Gesicht besäßen, die berühmten zwei Verse verfaßte: O hättet ihr diese Straße gesehn, bevor dieselbe gebauet war. Ihr würdet erheben die Hände gern, und segnen den General Wade fürwahr! -462 Kein Anblick ist wirklich wunderbarer, als die Durchdringung der dadurch gangbar gemachten Wildniß mit breiten möglichst gut gebauten Landstraßen, welche bei weitem Allem überlegen sind, was auf die friedlichen Zwecke des Handelsverkehrs Jahrhunderte lang in diesem Lande verwendet wurde; so eignen sich die Spuren des Krieges bisweilen zu den Zwecken des Friedens. Die Siege Bonapartes sind ohne Resultat geblieben, allein seine Straße über den Simplon wird lange Zeit der Verbindungsweg friedlicher Länder bleiben, welche dies riesenhafte und für die ehrgeizigen Zwecke von Kriegszügen angelegte Werk zu den Zwecken des Handels und freundschaftlichen Verkehrs benüßen werden. Während wir so langsam vorwärts kamen, bogen wir allmälig um die Seite des Ben-Cruachan ein, folgten dem Laufe des schäumenden und reißenden Awe, und ließen die Fläche des majestätischen See's hinter uns, welchem jener ungestüme Strom entspringt. Die Felsen und Abgründe, welche senkrecht auf der rechten Seite unseres Weges abfielcn, zeigten nur wenige Reste des Waldes, welcher sie einst bekleidete, aber seit Kurzem, wie Donald Mac Leish uns sagte, umgehauen war, um den Eisengießereien von Bunawe zur Feuerung zu dienen Dies veranlaßte uns, unsere Blicke mit Interesse auf eine große Eiche zu heften, welche links vom Fluße stehen geblieben war. Sie schien ein Baum von ungewöhnlicher Größe und malerischer Schönheit und stand gerade an einem Orte, wo einige Ruthen ebenen Bodens unter den großen FelSblöckcn lagen, die vom Felsen hinabgerollt waren. Der romantische Charakter der Lage wurde dadurch erhöht, daß diese kleine Ebene sich um den Fuß eines schroffen Felsens ausdehnte, von dessen Gipfel ein Gebirgsbach einen Wasserfall von sechSzig Fuß bildete, in welchem >463 jener sich in Schaum und Thau auflöste; am Fußboden des Wasserfalls sammelte der Bach mit Schwierigkeit wie ein geschlagener General seine zerstreuten Kräfte und fand, durch den Sturz gleichsam gezähmt, einen geräuschlosen Durchgang durch die Haide, um sich in den Awe zu ergießen. Der Baum und der Wasserfall fielen mir auf, und ich wünschte mich denselben mehr zu nähern, wobei ich übrigens nicht an ein Skizzenbuch oder Portfolio dachte, denn in meinen jüngeren Tagen waren junge Damen an Bleistifte nicht anders gewöhnt, als daß sie dieselben zu einem nützlichen Zwecke benützten; ich wollte nur den Anblick in der Nähe genießen. Donald öffnete sogleich die Kutschenthüre, bemerkte jedoch, der Weg sei abwärts sehr schwierig, und ich würde den Baum weit besser sehen, wenn ich hundert Ellen weiter führe, wo die Landstraße näher an dem Orte vorüber komme. Er schien jedoch für die Stelle keine besondere Vorliebe zu liegen. „Ich kenne," sagte er, „größere Bäume, die dem Bunawe näher find, als jener, und wo genug ebener Raum sich vorfindet, so daß die Kutsche darauf stehen kann; bei dem Abhange dort ist das kaum möglich — wie es jedoch Eurer Ladpschaft gefällt.« Meine Ladyschaft zog es aber vor, den schönen vor mir stehenden Baum zu betrachten und wollte nicht in der Hoffnung eines noch schöneren vorüberfahren; somit gingen wir neben dem Wagen her, bis wir an einen Punkt kommen würden, von welchem wir, wie Donald uns versicherte, ohne Bergklettern dem Baum nach Belieben nahe treten könnten, obgleich er sagte, er wolle uns nicht rathen, demselben näher als die Landstraße zu kommen. In dem sonnverbrannten Antlitze Donalds lag ein ernster und geheimnißvoller Ausdruck, als er uns diesen Rat- er- L6-4 theilte, und sein Wesen war so verschieden von seinem gewöhnlichen Freimuth, daß meine weibliche Neugier sich regte. Wir gingen weiter und ich merkte, daß der Baum, den wir durch eine Bodenerhebung aus dem Gesicht verloren hatten, wirklich entfernter war, als ich zuerst vermuthete, »ich hätte darauf geschworen," sagte ich meinem Cicerone, „daß jener Baum und Wasserfall gerade der Platz sein wurde, den Ihr zum Anhalten heute bestimmt habt^" „Gott behüte," war Donalds hastige Antwort. „Weßhalb, Donald? weßhalb habt Ihr vor einem so angenehmen Orte vorüber wollen?" „Es ist zu nahe bei Dalmally, Mylady, um die Thiere zu füttern; ihr Mittagessen käme alsdann ihrem Frühstücke zu nahe; die armen Dinger — außerdem ist der Ort nicht geheuer." „Aha, das Geheimniß ist also herausgekommen; ist ein Kobold oder ein HauSgespenst oder eine Here oder eine Zaubrerin, ein Popanz oder eine Fee im Spiel?" „Das ist nicht der Fall, Mylady, von denen da ist die Straße rein, wenn ich so sagen darf. Will aber Eure Lady- schaft Geduld haben und warten, bis wir vorbeigekommen und aus dem Thale hinaus sind, so will ich Euch Alles darüber sagen. Es bringt nicht viel Glück, spricht man von solchen Dingen am Orte wo sie sich zugetragen haben." Ich war genöthigt, meine Neugierde zu verschieben, indem ich bedachte, ich würde, wenn ich das Gespräch nach einer Richtung hin zu zwängen suchte, während cs Donald nach der andern hin zwängte, seinen Einwurf, einem hänfenen Stricke gleich, nur um so straffer machen. Zuletzt brachte uns die verheißene Wendung der Straße in eine Entfernung von fünfzig Schritten von dem Baume, den ich zu bewundern wünschte, und ich sah jetzt zu meiner Ueberraschung, daß eine menschliche Wohnung unter den sie umringenden Klippen vorhanden war. Es war die kleinste und elendeste Hütte, die ich jemals in den Hochlanden bemerkt hatte- Die Mauern aus Erdschollen waren keine fünf Fuß hoch; das Dach bestand aus Rasen und war mit Binsen und Schilf ausgebeffert; der Kamin war aus Lehm verfertigt, welcher mit Stricken aus Stroh umwunden war, das Ganze, Mauern, Dach und Kamin waren sämmtlich mit einem Pflanzenwuchs von HauSlauch, Riedgras und Moos überzogen, wie es bei verfallenen Hütten von solchem Material gewöhnlich sich vorfindet. Man sah nicht die geringste Spur eines Kohlgartens, welcher sonst auch beiden elendesten Hütten eine Beigabe bildet; von lebendigen Dingen erblickten wir nichts, als ein am Dach der Hütte weidendes Zicklein und eine Geiß, dessen Mutter, welche in einiger Entfernung zwischen der Eiche und dem Fluß Awe ihre Nahrung suchte. Ich konnte den Ausruf nicht unterdrücken, „Wer kann so große Sünde begangen haben, daß er eine so elende Wohnung verdient!" „Sünde genug," sagte Mac Leish mit einem halbunterdrückten Seufzer, „und Gott weiß, auch Elend genug. Aber es ist keines Mannes Wohnung, sondern die eines Weibes-" „Eines Weibes," wiederholte ich, „und an einem so einsamen Orte!" was für eine Art Weib kann es sein?" „Kommt hieher, Myladp, und Ihr könnt darüber selbst urtheilen," sagte Donald. Nachdem wir einige Schritte vorwärts gegangen und um eine scharfe Ecke gekommen waren, erblickten wir die schöne, große, breite Eiche in der Richtung, welche derjenigen entgegen gesetzt war, worin wir sie bisher gesehen hatten. Das gefährl. Schloß »- and. Erzähl- 30 „Wenn sie ihre alte Gewohnheit bcibehält, so wird sie um diese Tageszeit hier sein," sagte Donald; sogleich aber schwieg er und wies mit seinem Finger, als fürchte er sich, daß seine Worte von Andern gehört würden; ich blickte auf und schaute nicht ohne ein Gefühl des Schreckens eine weibliche, am Stamme der Eiche liegende Gestalt, mit niedcrhän- gendem Kopf, gefalteten Händen und einem dunkelschwarzen, über ihr Haupt gezogenen Mantel, genau in derjenigen Stellung, wie Judäa auf den syrischen Münzen unter einem Palmbaum sitzend, dargestcllt wurde- Mir wurde etwas von der Furcht und Achtung mitgetheilt, welche mein Führer gegen dies einsam lebende Geschöpf zu hegen schien; auch dachte ich nicht eher daran, zu ihr hinzutreten, um sie näher anzusehcn, bis ich einen fragenden Blick auf Donald gerichtet hatte; hierauf erwiedcrte er in halbem Geflüster, „sie ist ein furchtbar böses Weib gewesen, Mylady." „Ein verrücktes Weib, meint Ihr," erwiderte ich, denn ich hatte nicht recht verstanden, was er sagte, „dann ist sie vielleicht gefährlich." „Nein, sie ist nicht verrückt," erwiderte Donald, „alsdann wäre sie glücklicher als jetzt; obgleich es mit ihrem Verstand nicht richtig sein kann, wenn sie bedenkt, was sie gethan hat, und welche Ereignisse sie veranlaßte, um keine Handbreit von ihrem gottlosen Willen nachzugeben; aber sie ist weder verrückt, noch stiftet sie Unheil in ihrer Raserei an. Dennoch, Mylady, halte ich es für das Beste, daß Ihr nicht näher zu ihr hingeht." Alsdann machte er mich in wenigen eiligen Worten mit der Geschichte bekannt, die ich jetzt im Einzelnen erzählen werde. Ich hörte der Erzählung mit einer Mischung von Schauder und Mitgefühl zu, welche mich bewog, zur Leidenden hinzuzutreten, und ihr einige Worte der Tröstung M7 oder des Mitleids zu sagen, während ich selbst mich der Furcht nicht erwehren konnte. Dies war auch das Gefühl, womit sie von den Hochländern in der Nähe betrachtet wurde; dieselben blickten nämlich auf Elspat Mac Tavish oder das Weib des Baumes, wie sie dieselbe nannten, mit den Empfindungen, womit die Griechen die von den Furien Verfolgten, d. h. solche Leute betrachteten, welche geistige Qualen in Folge verbrecherischen Handlungen erlitten; dergleichen Unglückliche, z. B. Orestes und Oedipus, galten ihnen bekanntlich weniger für die freiwilligen Vollbringer ihrer Verbrechen, als für die leidenden Werkzeuge, womit die furchtbaren Schlüffe des Schicksals vollstreckt wurden; die Furcht, womit sie dergleichen Unglückliche anschauten, war gewissermaßen mit einer Art Verehrung gemischt. Ich erfuhr auch von Donald Mac Leish, daß die Hochländer die Besorgniß hegten, ein Unglück werde diejenigen befallen, welche die Kühnheit besäßen, einem so unaussprechlich elenden Wesen zu nahe zu kommen, oder dessen furchtbare Einsamkeit zu stören; jeder welcher einem solchen nahe trete, müsse in einiger Hinficht eine Ansteckung ihres Unglückes erleiden. Mit einigem Widerstreben sah deßhalb Donald, daß ich mich anschickte, eine nähere Ansicht der Leidenden zu erlangen, während er mir folgte, um mir beim Absteigen eines sehr rauhen Pfades behülflich zu sein. Wie ich glaube, überwand seine Rücksicht auf mich einige Gefühle böser Ahnungen, welche seine Dienstleistungen bei dieser Gelegenheit in der Furcht gelähmter Pferde, verlorener Achsennägel, umgeworfener Kutschen und anderer gefährlicher Zufälle im Leben eines Postillons erweckten. Ich weiß nicht, ob mein eigener Muth mich so dicht in die Nähe Elspat's geführt haben würde, wäre er mir nicht so " gefolgt. In ihrem Antlitz lag der finstere, gegen äußere Einwirkung fich abschließende Ausdruck des hoffnungslosen und überwältigenden Kummers mit den streitenden Gefühlen der Selbstvorwürfe und des Stolzes gemischt, welcher dieselben zu verhehlen strebte. Sie errieth vielleicht, daß eine Neugier wegen ihrer ungewöhnlichen Geschichte die Veranlassung sei» weßhalb ich mich in ihre Einsamkeit eingedrängt habe; es konnte ihr nicht angenehm sein, daß ein Schicksal wie das ihrige, Reisenden Unterhaltung gewähre. Der Blick jedoch, womit fie mich betrachtete, war der des Stolzes, nicht der Verlegenheit. Die Meinung der Welt konnte kein Iota zur Last ihres Elends hinzusügen oder davon hinwegnehmen; mit Ausnahme eines halben Lächelns, das Verachtung eines Wesens anzudeuten schien, das durch die Stärke seines Kummers über den gewöhnlichen Kreis der Menschlichkeit hinaus entrückt war, zeigte fie fich so gleichgültig gegen meinen Blick, als sei fie ein Leichnam oder eine Marmorstatue. Elspat war über die mittlere Größe; ihr jetzt ergrautes Haar war noch immer dicht; einst war es dunkelschwarz gewesen. Schwarz auch waren ihre Augen, in denen das wilde und verstörte Licht, welches eine wahnfinnige Seele anzeigt, im Gegensatz zu ihren finstern und strengen Zügen erglänzte. Ihr Haar war um eine silberne Nadel mit einiger Aufmerksamkeit auf schöne Form gewunden, und ihr dunkler Mantel mit einigem Geschmack um fie geworfen, obgleich das Material von der gröbsten Art war. Nachdem ich auf dies Opfer der Schuld und des Elends so lange geblickt hatte, bis ich mich zu schweigen schämte, obgleich ich nicht wußte, wie ich die Frau anreden sollte, begann ich meine Uebcrraschung auszusprechen, daß fie solch eine einsame und beklagenswerthe Wohnung gewählt habe. Sie schnitt diese Ausdrücke des Mitgefühls dadurch ab, daß sie mit finsterer Stimme und ohne den Ausdruck ihrer Züge oder ihrer Stellung im Geringsten zu verändern, mir zur Antwort gab: „Tochter der Fremden, wer hat Euch meine Geschichte erzählt?" Damit wurde ich zum Schweigen gebracht und empfand, wie alle irdische Behaglichkeit von einer Seele gering geschätzt werden mußte, welcher solche Gegenstände wie die ihrigen zum Grübeln geboten waren. Ohne wiederum die Eröffnung eines Gespräches zu versuchen, nahm ich aus meiner Börse ein Geldstück, (denn Donald hatte mir gesagt, daß sie von Almosen lebe) indem ich erwartete, sie werde wenigstens ihre Hand zum Empfang desselben auöstrecken. Allein sie nahm weder die Gabe an, noch wies sie dieselbe zurück — sie schien sogar sie nicht zu beachten, obgleich sie wenigstens zwanzigmal mehr werth war, als dasjenige, was ihr gewöhnlich angeboten wurde. Ich war genöthigt, das Geldstück auf ihr Knie zu legen und sagte dabei unwillkürlich, «möge Gott Euch verzeihen und Euch erlösen!" Ich werde niemals den Blick, den sie zum Himmel richtete, noch den Ton vergessen, womit sie mit den Worten meines alten Freundes John Home ausrief: «Mein schöner, tapferer Sohn!" Es war die Sprache der Natur und entsprang aus dem Herzen einer ihres Sohnes beraubten Mutter, ebenso wie aus der Einbildungskraft des begabten Dichters, welcher dem erdachten Grame der Lady Randolph den geeigneten Ausdruck verleiht. 470 Zweites Kapitel. So kam ich denn in'S Niedcrland Ganz arm, da damals schier Kein Pfennig sich im Beutel fand Ein Mahl zu kaufen mir. Stolz war ich stets in meinem Clan i Ich muß es schwer bereu'n; Doch Donald war der beste Mann, Und Donald, der war mein. Altes Lied. Elspat hatte ihre glücklichen Tage gehabt, obgleich ihr Alter in hoffnungslosen und untröstlichen Kummer und Gram versunken war. Sie war einst das schöne und glückliche Weib von Hamish Mac Tavish, dessen Körperkraft und Kriegsthaten ihm den Titel Mac Tavish Mhor erworben hatten. Sein Leben war unruhig und gefährlich, denn seine Gewohnheiten waren diejenigen eines Hochländcrs von altem Schlage, der es für eine Schande hielt, etwas zu entbehren, was des Stehlens werth war. Die in seiner Nähe wohnenden Niederländer, welche ihr Leben und ihr Eigenthum in Ruhe genießen wollten, mußten sich dazu verstehen, ihm eine kleine Abgabe unter dem Namen Schutzgeld zu bezahlen, und sich dabei mit dem alten Sprüchwort trösten: „es sei besser den Teufel zu schmieren, als mit ihm zu raufen." Andere, welche eine solche Ausgleichung für schimpflich hielten, wurden oft von Tavish Mhor, seinen Genossen und Anhängern überfallen, welche eine angemessene Strafe entweder an der Person, oder am Eigenthum, oder an beiden über die Hartnäckigen verhängten. Man erinnert sich noch des Raubzuges, worin er 150 Kühe aus 471 Monteith in einem Zuge wegtricb, und wie er den Gutsherrn von Ballpbught nackt in eine Pfütze steckte, weil derselbe gedroht hatte, eine Abthcilung der schottischen Wache zum Schutze seines Eigenthums holen zu lassen. Von welcher Art auch die Triumphe des kühnen Freibeuters gelegentlich waren, so wurden dieselben doch häufig mit Niederlagen ausgewogen; seine Entweichungen aus drohender Gefahr, seine schnellen Fluchten und die scharffinnige List, womit er sich aus den schlimmsten Lagen errettete, wurden nicht weniger erzählt und bewundert, als seine glücklichen Unternehmungen. Bei Glück und Unglück, bei jeder Mühsal, Schwierigkeit und Gefahr war Elspat seine treue Gefährtin. Sie theilte mit ihm die Genüsse eines gelegentlichen Glückes; empfand er schwer den Druck des Unglücks, so soll die Kraft ihrer Seele, ihre Besonnenheit und muthige Ausdauer in Gefahr und Mühen oft die Anstrengungen ihres Gemahls angespornt haben. Die Moral der Eheleute war nach dem alten Hochländer Schlage treuer Freunde und trotziger Feinde; die Hecrden und Ernten des Niederlandes hielten sie für ihr Eigenthum, wenn sie die Mittel besäße», die ersteren wegzutreiben, und die andern in Beschlag zu nehmen; auch geschah es niemals, daß die geringsten Bedenklichkeiten über Eigenthumsrecht bei solchen Gelegenheiten sich einmischten. Hamish Mhor hatte die Denkungsart des alten kretischen Kriegers: Neichthum ifl mein Schwert und der große Speer, Und mein prächtiger Schild, der mir den Körper schützt; Denn ich pflüge mit ihm, ernte mit ihm, Keltre mit ihm den süße» Trank von dem Weinstvck auch. Durch ihn gelt' ich als Herrscher; wer Nicht de» Speer und den schönen Schild zu halten gewagt, 472 Beugt mir als dem Herrn demüthig das Knie Und begrüßet als mächtige» König mich^). Diese Tage der gefährlichen obgleich glücklichen Raubznge begannen abgekürzt zu werden, als der Feldzug des Prinzen Carl Edward mißlungen war; Mac Hamish Mhor war bei dieser Gelegenheit nicht zu Hause geblieben, und wurde deß- halb sowohl als Staatsverräther, wie als Räuber und Freibeuter geächtet. Garnisonen wurden jetzt in viele Orte gelegt, wo ein Rothrock zuvor nie erblickt war, und die sächsische Trommel erschallte unter den entlegensten Schluchten der hochländischen Gebirge. Das Schicksal von Mac Hamish wurde mit jedem Tage unvermeidlicher; er konnte mit um so größerer Schwierigkeit Anstalten zur Verthcidigung oder Flucht treffen, da Elspat während seiner schlimmen Tage seine Familie mit einem Kinde vermehrt batte, welches die nothwen- dige Geschwindigkeit der Bewegungen beträchtlich erschwerte. Zuletzt kam der verhängnißvolle Tag; in einem starken Paß am Fuße des Ben Cruachan wurde der berühmte Mac Tavish Mhor von einer Abtheilung Rothröcke überfallen. Sein Weib leistete ihm heldenmüthigen Beistand und lud von Zeit zu Zeit seine Gewehre. Da sie sich im Besitz eines beinahe unangreifbaren Paffes befanden, so hätte er vielleicht entkommen können, wenn nicht die Munition ihm ausgegangen wäre. Zuletzt aber waren seine Kugeln verbraucht, nachdem er selbst die meisten seiner silbernen Knöpfe von seiner Weste abgefeuert hatte, und die Soldaten, nicht länger durch die Furcht vor dem niemals fehlenden Schützen zurückgehalten, welcher drei von ihnen erschossen und noch mehr verwundet ») Nundgestng beim Gastmahl lScolion) des Kreters HybriaS beim AthenänL. 473 hatte, erstürmten seine Veste und erschlugen ihn, unfähig, ihn lebendig zu fangen, nach dem verzweifeltsten Widerstande. Bei Allem dem war Elspat gegenwärtig und blieb am Leben, denn in dem Kinde, welches ihrer als Stütze bedurfte, besaß sie einen Beweggrund zur Kraft und Thätigkcit. Man kann nicht leicht sagen, in welcher Weise sie sich ernährte. Ihre einzigen, nachweisbaren Mittel zum Lebensunterhalt bestanden in einer Heerde von z oder 4 Ziegen, welche sie nach ihrem Belieben auf den Bergwaiden sich Nahrung suchen ließ, wobei Niemand sie von ihrem Eigenthum verjagte. Bei dem allgemeinen Elend des Landes konnten ihre alten Bekannten ihr wenig geben; was sie aber von ihren eigenen Bedürfnissen ersparten, widmeten sie gern der Unterstützung Anderer. Von Niederländern forderte sie eher Tribut ein, als daß sie dieselben um Almosen bat. Sie hatte nicht vergessen, daß sie die Wittwe von Mac Tavish Mhor war, und sie bildete sich ein, daß ihr Kind, welches neben ihrem Knie herlicf. eines Tages seinem Vater nachahmcn und denselben Einfluß üben werde, über welchen jener ungehindert verfügte. Sie gesellte sich so wenig zu Andern, und verließ so selten und wider Willen die wilden Schlupfwinkel der Gebirge, wo sie gewöhnlich mit den Ziegen sich aufhielt, daß sie von der großen Veränderung im Lande nichts wußte, wodurch bürgerliche Ordnung an die Stelle militärischer Gewaltherrschaft trat, und das Gesetz, sowie dessen Anhänger die Uebermacht über diejenigen erlangten, welche in einem gali- schen Liede die stürmischen Söhne des Schwertes genannt wurden. Sie fühlte allerdings ihre eigene verminderte Bedeutung und ihre geringeren Mittel zum Unterhalte, dazu aber war nach ihren Begriffen der Tod von Mac Tavish Mhore ein genügender Grund; sie bezweifelte aber nicht, daß ^ 7-4 sie zu ihrem früheren Zustande von Wichtigkeit wieder gelangen würde» wenn Hamish Bean (oder der schönhaarige James) im Stande sein werde, die Waffen seines Vaters zu führen. Wenn dcßhalb ElSpat bei ihrer Bettelei um Lebensbedürfnisse oder um Nahrung für ihre kleine Heerde von einem mürrischen Pächter zurückgewiescn wurde, so pflegten oft ihre dunkel ausgedrückten, aber im Inhalt furchtbaren Drohungen aus Furcht vor ihren Verwünschungen die Gabe zu erpressen, die ihren Bedürfnissen verweigert ward; die zitternde Pächterin, welche alsdann Lebensmittel oder Nahrung der Wittwe von Mac Tavish Mhor reichte, wünschte dazu in ihrem Herzen, daß die finstere alte Here an dem Tage verbrannt worden wäre, an welchem ihr Gemahl seinen Lohn empfing. Die Jahre verschwanden, und Hamish Bean wuchs auf; er erlangte zwar nicht die große Kraft seines Vaters, wurde aber ein thätiger, muthiger, schönhaariger Jüngling mit rothen Wangen, einem scharfblickenden, adlerartigen Auge, mit aller Behendigkeit, wenn auch nicht Körperkraft seines furchtbaren Vaters, dessen Geschichte und Thaten seine Mutter ihm erzählte, um ihres Sohnes Seele für ein ähnliches abenteuerliches Treiben>uszubilden; allein die jungen Leute erkennen den gegenwärtigen Zustand der veränderlichen Welt weit schärfer als die Alten. Wie sehr auch Hamish Anhänglichkeit zu seiner Mutter -egte, und geneigt war, Alles zu ihrer Unterstützung zu thun, was in seiner Macht stand, so bemerkte er doch, als er sich in die Welt mischte, daß das Gewerbe eines FreibeutersLjctzt ebenso gefährlich wie schimpflich geworden sei, und daß er, wenn er die Tapferkeit seines Vaters nachahmen wolle, dieß in einer andern Kriegsweise geschehen müsse, welche mit den Ansichten der Gegenwart in besserem Einklang stehe. 475 Als die Fähigkeiten des Geistes und Körpers sich zu erweitern begannen, erkannte er sehr wohl die ungewisse Natur seiner Lage, sowie die irrthümlichen Meinungen seiner Mutter und deren Unbekanntschaft mit den Veränderungen der Gesellschaft, in welche sie sich so wenig gemischt hatte. Beim Besuch von Freunden und Nachbarn bemerkte er das äußerst geringe Auskommen, worauf seine Mutter beschränkt war, und erfuhr, daß sie wenig oder nichts mehr als die unbedingten Lebensbedürfnisse besaß, die bisweilen aus dem Punkte standen, ihr gänzlich auszugehen. Bisweilen fügte sein Erfolg im Fischen und auf der Jagd etwas zu ihren Lebensmitteln hinzu; er erkannte aber, daß er ihr keine regelmäßige Unterstützung verschaffen könne, wenn er sich nicht zur Arbeit im Dienste Anderer herabließ, und wußte wohl, daß der Stolz seiner Mutter dadurch eine Todcswunde erhalte, wenn er auch selbst dergleichen Arbeit hätte übernehmen wollen. Elspat sah mittlerweile mit Erstaunen, daß Hamish Bcan, obgleich jetzt herangewachsen und zum Kriege geeignet, keine Neigung zeigte, die Lebensweise seines Vaters zu beginnen; in ihrem Herzen wohnte etwas wie ein mütterliches Gefühl, welches verhinderte, ihn in klaren Worten aufzufordern, daß er als Freibeuter in's Feld ziehe, denn sie gedachte mit Be- sorginß der Gefahren, in welche jenes Gewerbe ihn dringen müßte; wenn sie mit ihm über den Gegenstand sprechen wollte, schien cs ihrer erhitzten Einbildungskraft, als ob der Geist ihres Gatten im blutigen Kleide vor ihr sich erhebe, seinen Finger aus die Lippen lege und ihr zu verbieten scheine, von dem Gegenstände zu reden. Sie wunderte sich aber über dasjenige, was ihr Mangel an Mu'th schien, seufzte, wenn sie ihn von einem Tage zum andern in dem niederländischen Rocke mit langen Schöffen umherschlendern sah, welchen das L76 Parlament dem Galen statt ihrer eigenen romantischen Kleidung aufgedrungen hatte, und dachte, daß er ihrem Gatten weit mehr geglichen haben würde, wäre er in dem von einem Gürtel zusammengehaltenen Nock und Schurz erschienen, während seine blankgeputzten Waffen an seiner Seite glänzten. Außer diesen Gegenständen ihrer Angst empfand Elspat, daß auch noch andere wegen der immer mehr zunehmenden Heftigkeit ihrer Stimmung sich ihr darböten. Ihre Liebe zu Mac Tavish Mhor war durch Achtung und bisweilen selbst durch Furcht gemäßigt worden, denn der Freibeuter gehörte nicht zu den Leuten, welche sich weiblicher Regierung zu unterwerfen pflegen; über ihren Sohn hatte sie aber zuerst während der Kindheit und nachher während der Jugend eine gebieterische Herrschaft in Anspruch genommen, welche ihrer Mutterliebe einen Zug von Eifersucht ertheilte. Sie konnte es nicht ertragen, daß Hamish bei zunehmendem Alter wiederholte Schritte zur Unabhängigkeit that, sich von ihrer Hütte zu solcher Zeit und auf so lange, wie cs ihm beliebte, entfernte, und zu bedenken schien, daß die Herrschaft und Verantwortlichkeit seiner Handlungen ihm allein anheimfalle, obgleich er gegen sie jeden nur möglichen Grad von Güte und Achtung zeigte. Dreß wäre von geringer Bedeutung gewesen, hatte sie ihre Gefühle in ihren Busen verschließen können, allein die Heftigkeit und Ungeduld ihrer Leidenschaften bewirkten häufig, daß sie ihren Sohn merken ließ, sie halte sich für vernachlässigt und mißhandelt. Wenn er auf längere Zeit von ihrer Hütte abwesend war, ohne sie von seinen Zwecken in Kenntniß zu setzen, so pflegte ihr Zorn bei seiner Rückkehr so unvernünftig zu sein, baß ein junger Mann, welcher nach Unabhängigkeit strebte, und seine Lage in der Welt zu verbessern wünschte, auf den natürlichen Gedanken kommen mußte, sie zu verlassen, wenn auch nur zum Zwecke, daß er in Stand gesetzt würde, für die Mutter zu sorgen, deren selbstsüchtige Ansprüche auf Kindesliebe ihn auf eine Wüste beschränkte, worin Beide bei hoffnungslosem und hülsslosem Mangel hungern mußten. Bei einer Gelegenheit, als der Sohn sich eines Ausflugs nach eigenem Belieben schuldig gemacht hatte, wodurch die Mutter sich für beschimpft und herabgesetzt hielt, war sie bei seiner Rückkehr heftiger wie gewöhnlich gewesen, und erweckte bei Hamish ein Gefühl des Aergcrs, welches ihm Stirn uud Wangen dunkel färbte. Als sie zuletzt bei ihrem unvernünftigen Zorn beharrte, wurde seine Geduld erschöpft; er nahm seine Flinte aus der Ecke des Kamins, murmelte etwas vor sich hin, welches laut auSzusprcchcn die Achtung vor seiner Mutter verhinderte, und stand im Begriff die Hütte zu verlassen, die er soeben erst betreten hatte. „Hamish," sagte seine Mutter, „wollt Ihr mich wieder verlassen ?" Hamish aber erwiderte nur damit, daß er auf fein Gewehr blickte und dessen Schloß putzte. „Ha, putzt das Schloß Eurer Flinte," sagte seine Mutter mit bitterem Tone, „es ist mir lieb, daß Ihr Muth genug besitzt, dieselbe abzufeuern, wenn auch nur auf einen Rehbock." Hamish fuhr bei diesem unverdienten Vorwurf auf und warf ihr als Antwort einen zornigen Blick zu. Sie erkannte, daß sie ein Mittel ausfindig gemacht hatte, ihm Schmerz zu erregen. „Ja," sagte sie, „blickt so trotzig, wie Ihr wollt, auf eine alte Frau und Eure Mutter, es wird lange dauern, bis Ihr 478 Eure Stirn vor dem zornigen Gesicht eines bärtigen Mannes runzeln werdet." „Schweigt, Mutter, oder sprecht von Dingen, die Ihr versteht," sagte Hamish sehr gereizt; „sprecht vom Rocken und der Spindel." „Dachte ich an den Rocken und an die Spindel, als ich Euch auf dem Rücken durch das Feuer von sechs sächsischen Soldaten forttrug, als Ihr noch ein winselndes Kind wart? Ich sage Euch, Hamish, ich weiß tausendmal mehr von Flinten und Degen, als Ihr jemals wissen werdet; Ihr werdet niemals soviel von edlem Kriege durch Euch selbst lernen, wie Ihr gesehen habt, als Ihr in meinen Mantel gewickelt wart." „Ihr seid wenigstens entschlossen, mir keinen Frieden zu Haus zu lassen, Mutter, allein das muß ein Ende-nehmen," sagte Hamish, als er in der erneuten Absicht, die Hütte zu verlassen, aufstand und nach der Thüre zu ging- „Bleibt, ich befehle es," sagte seine Mutter, „oder mag die Flinte, die Ihr tragt, das Mittel Eures Unterganges sein — mag der Weg, den Ihr betreten wollt, der Weg Eures Lci- chcnzuges sein!" „Warum braucht Ihr solche Worte, Mutter?" sagte der junge Mann, indem er sich etwas umwandte; sie sind nicht gut, und können keine guten Folgen haben. Lebt wohl, Ihr seid jetzt zu zornig, um mit mir zu reden — lebt wohl, es wird lange dauern, ehe ihr mich wiederseht." Er ging fort, seine Mutter sandte ihm im ersten Ausbruch -ihres Zornes ihre Flüche nach, und rief dann dieselben auf ihr eigenes Haupt zurück, damit sie das ihres Sohnes schonen mögten. Sie verbrachte diesen Tag und den nächsten in aller Heftigkeit machtloser und ungezügelter Leidenschaft, indem sie 479 bald den Himmel und Geister anrief, die in den von ihr gekannten Sagen vorkamen, ihr den Sohn, „das Kalb ihres Herzens," zurückzugeben, bald aber im heftigen Zorn bedachte, mit welchen bitteren Ausdrücken sie seinen Ungehorsam bei seiner Rückkehr schmähen könne, und endlich wieder die zärtlichste Sprache überdachte, um ihn an seine Hütte zu fesseln, welche sie, wenn ihr Sohn gegenwärtig sei, in dem Entzücken ihrer Liebe nicht mit den Gemächern im Schlosse von Tap- mouth vertauschen mögtc. Zwei Tage gingen vorüber, während welcher nur die Stärke eines an Mühseligkeiten und Entbehrungen jeder Art gewöhnten Körpers sie am Leben erhalten konnte, obgleich fie bei ihrer Scelenangst ihre körperliche Schwäche nicht merkte; sie vernachlässigte nämlich die unbedeutenden Mittel des Unterhaltes, welche ihre Lage darbot. Ihre Wohnung mar da- malS dieselbe Hütte, neben welcher ich sie gefunden hatte, damals aber bewohnbarer durch die Bemühungen ihres Sohnes, der fie zum großen Theil gebaut und umgcbeffert hatte. Am dritten Tage nach dem Verschwinden ihres Sohnes, als sie nach der Gewohnheit der Hochländerinnen, wenn sie Seelen- oder Körperschmerz leiden, hin- und herrückend an der Thüre saß, trat der damals seltene Umstand ein, daß ein Reisender auf der Landstraße über der Hütte — damals ein seltenes Ereigniß — erblickt wurde. Sie warf ihm nur einen Blick zu — er saß zu Pferde; somit konnte cs Hamish nicht sein, und Elspat bekümmerte sich nicht genug um andere irdische Wesen, als daß sie ihre Augen ein zweites Mal auf ihn gerichtet hätte. Der Fremde jedoch hielt der Hütte gegenüber an, stieg von seinem Klepper und führte denselben den steilen und beschwerlichen Weg hinab, welcher zu ihrer Thüre leitete. „Gott segne Euch, Elspat MacTavish!" Sie blickte auf den Man», als er sie in ihrer Muttersprache anredete, mit dem unzufriedenen Ausdruck einer im Grübeln unterbrochenen Person; der Reisende aber fuhr fort zu sagen: „ich bringe Euch Nachrichten von Eurem Sohne Hamish." Plötzlich wurde die Gestalt des Fremden, welcher für Elspat bis dahin der gleichgültigste Gegenstand gewesen war, in ihren Augen so ehrwürdig, wie die eines vom Himmel herabgestiegenen Boten, welcher gekommen ist, um über Tod und Leben zu entscheiden. Sie fuhr von ihrem Sitze auf, drückte die Hände krampfhaft zusammen, hielt sie zum Himmel empor, heftete ihre Augen auf das Antlitz und die Gestalt des Fremden, schritt auf ihn zu und erwartete schweigend, was er sagen würde, da ihre stammelnde Zunge eine Frage nicht ausspre- chcn konnte. „Euer Sohn sendet Euch seinen pflichtgetrcuen Gruß und Dieses hier," sagte der Bote, indem er eine kleine Börse mit 4 oder 5 Dollars in Elspats Hand drückte. „Er ist fort für immer!" rief Elspat aus, „und er hat sich als Knecht der Sachsen verkauft, und ich werde ihn niemals wieder sehen! Sagt mir, Miles Mac Phadraick, denn jetzt kenne ich Euch, ist dies der Preis für das Blut meines Sohnes, den Ihr in die Hand der Mutter gelegt habt?" „Gott behüte," erwiderte Mac Phadraick, welcher ein Krämer war, und ein beträchtliches Stück Land als Lchens- mann seines Häuptlings, eines Grundeigcntbümers, besaß, welcher etwa in der Entfernung von 20 Meilen wohnte, „daß ich Euch oder dem Sohne von Mac Tavish Mhor ein Unrecht thun oder sagen sollte; ich schwöre Euch bei der Hand meines Häuptlings, daß Euer Sohn sich wohl befindet, Euch bald sehen und das Uebrigc Euch selbst erzählen wird." Mit diesen Worten eilte Mac Phadraick auf den Weg zurück, erreichte die Landstraße, bestieg seinen Klepper und ritt weiter. Drittes Kapitel. Elspath Mac Tavish blickte noch lange auf das Geld, als hätte ihr das Gepräge eine Kunde ertheilen können, wie ihr Sohn dazu gekommen sei. „Ich liebe diesen Mac Phadraick nicht," sagte sie zu sich selbst; „von seinem Geschlechte sang der Barde: „„Fürchte sie nicht, wenn ihre Worte laut sind wie ein winterlicher Sturm, sondern fürchte sie, wenn sie wie der Schall eines Drofselgesangs ertönen."" Ich kann aber dies Räthsel nur in einer Weise lösen: mein Sohn hat zum Schwert gegriffen, um mit der Kraft eines Mannes dasjenige zu gewinnen, wovon ihn grobe Bauern mit Worten zurückhalten möchten, die allein die Kinder zu erschrecken vermögen." Diese Vorstellung, als sic ihr einmal in den Sinn gekommen war, schien um so vernünftiger, da Mac Phadraick, wie sie wohl wußte, ein vorsichtiger Mann, in so weit das Treiben ihres Gemahls befördert hatte, daß er ihm gelegentlich Vieh abkaufte, obgleich er wohl wußte, auf welche Weise jener dazu gelangt war; dabei trug er jedoch Sorge, daß der Handel in einer Weise abgeschlossen wurde, wodurch er großen Nutzen bei unbedingter Sicherheit erlangte. Wer konnte so gut wie Mac Phadraick einem jungen Freibeuter das Thal zeigen, worin er sein gefährliches Gewerbe mit der meisten Aussicht Das geführt. Schloß u. and. Erzähl. Z l 482 auf Erfolg treiben könnte, und wer vermochte die Beute so leicht in Geld zu verwandeln^? Die Gefühle, die bei Andern durch den Glauben aufgeregt würden, daß ein einziger Sohn dieselbe Bahn betreten habe, worauf sein Vater den Tod fand, waren den hochländischen Müttern jener Tage unbekannt. Sie dachte an den Tod von Mac Tavish Mhor als an den eines Helden, welcher in seiner eigenen Kriegführung gefallen war, und nicht ungerächt seinen Tod fand; sie fürchtete weniger den Tod ihres Sohnes,> als dessen Unehre; sie fürchtete für ihn, daß er sich Fremden unterwerfe und in den TodeSschlaf der Seele versinke, der durch eine Stellung -ervorgerufen werden müßte, welche sie für Sklaverei hielt. Der moralische Grundsatz, welcher so natürlich und gerecht der Seele dessen sich aufdringt, der unter der festen Regierung der Gesetze zum Schutze des Eigenthums der Schwachen gegen die Angriffe der Starken erzogen ist, war für die alte Elspat ein versiegeltes Buch und eine verschlossene Quelle. Sie hatte von Jugend an gelernt, die sogenannten Sachsen als einen Stamm zu betrachten, mit welchem die Galen einen fortwährenden Krieg führen; sie hielt somit jede Niederlassung derselben im Bereiche hochländischer Raubzüge als gereckten Gegenstand des Angriffs und der Plünderung. Ihre Gefühle hierüber waren nicht allein durch den Wunsch nach Rache wegen res Todes ihres Gemahles, sondern auch durck den allgemeinen Unwillen bestärkt und bekräftigt, welchen man in den Hochlanden nicht mit Unrecht über das barbarische und gcwaltthätige Benehmen der Sieger nach der Schlacht von Culloden nährte. Andere hochländische Clans betrachteten sie ebenfalls als Gegenstände rechtmäßigen Raubes, im Fall derselbe möglich wäre, wegen alter Feindschaften und tödtlicher Fehde. 483 Die Klugheit, welche die damaligen geringen Mittel erwägt haben würde, um den Anstrengungen der zusammenwirkenden Kräfte eiyer Regierung Widerstand zu leisten — Mittel, welche bei der weniger festen und organistrten Gewalt die Verheerungen solcher gesetzlosen Freibeuter, wie Mac Tavish Mhor, zu verhindern nicht vermocht hatten — diese Klugheit war dem einsam lebenden Weibe unbekannt, deren Vorstellungen allein von der Zeit ihrer Jugend herstammten. Sie dachte sich, ihr Sohn brauche nur als Nachfolger seines Vaters in Abenteuern und Unternehmungen aufzutreten, alsdann werde eine Strcitkraft von ebenso tapferen Männern wie diejenigen, welche dem Banner seines Vaters folgten, sich sogleich um ihn sammeln, um unter dieser wieder entfalteten Fahne zu kämpfen. Für sie war Hamish der lAdler, welcher sich nur empor zu schwingen und den ihm natürlichen Platz in den höchsten Lüften einzunchmen brauchte, ohne daß sie begreifen konnte, wie viele Augen seinen Flug überwachen, und wie viele Kugeln auf seine Brust gerichtet werden würden. Kurzum, ElSpat sah auf die gegenwärtige Lage der Gesellschaft mit denselben Augen, womit sie die vergangenen Zeiten betrachtet hatte; sie war arm, vernachlässigt, unterdrückt seit den Tagen gewesen, daß ihr Gemahl nicht länger gefürchtet und mächtig war, und sie glaubte, daß die Zeit ihrer Bedeutung wiederkehren werde, sobald ihr Sohn sich entschlossen habe, die Rolle seines Vaters zu spielen. Wenn sie noch weiter ihrem Auge gestattete, auf der Zukunft zn weilen, so geschah dieß nur, um im Voraus anzunehmen, daß sie lange Zeit kalt im Grabe liegen und daß die Todtenklagen ihres Stammes nach altem Brauch für sie verhallt sein würden, wenn ihr schönhaariger Hamish ihrer Berechnung gemäß mit der Hand im Korbe seines vom Blut gerötheten 484 Degens fallen muffe. Seines Vaters Haar war grau, bevor er nach 100 Gefahren mit den Waffen in der Hand starb; der Umstand, daß fie seinen Tod erblickte, und den Anblick überlebte, war eine natürliche Folge der damaligen Sitten, auch war es besser — so waren ihre stolzen Gedanken — daß sie ihn fallen sah, als wenn sie Zeuge gewesen wäre, wie sein Leben in einer rauchigen Hütte von ihm wich — auf einem Bette von verfaultem Stroh gleich dem Leben eines alten Jagdhundes oder eines an Krankheit sterbenden Stieres Die Stunde ihres Jünglings, ihres tapferen Hamish aber war noch weit entfernt. Er muß, wie sein Vater, glücklich sein und siegen. Und fällt er zuletzt — erwartet ihren Sohn ein blutiger Tod, so wird Elspat längst im Grabe liegen, und wird weder seinen Todeskampf sehen, noch über dem Rasen seines Grabes trauern. Als solche wilde Vorstellungen in ihrem Gehirn entsprangen, erhob sich der Muth der Elspat auf seinen gewöhnlichen Standpunkt, oder vielmehr auf einen höher scheinenden. Nach der eindringlichen Sprache der Bibel, welche von der Ausdrucksweise im Galischen nicht sehr verschieden ist, erhob sie sich, wusch sich und wechselte ihre Kleider, aß Brod und ward erfrischt. Sie wartete mit gespannten Gefühlen auf die Wiederkehr ihres Sohnes, dießmal jedoch nicht ohne die bittere Aengstlichkeit des Zweifels und der Besorgniß. Sie sagte sich selbst, daß viel dazu gehöre, wenn er sich in diesen Zeiten zu einem ausgezeichneten und gefürchteten Anführer erheben wolle. Sie erwartete aber ihn beim Wiedersehen an der Spitze einer kühnen Schaar mit spielenden Sackpfeifen und fliegenden Bannern zu erblicken, wobei die edlen Mäntel des Hochlandes frei im Winde, ungeachtet der Gesetze, -185 flattern wurden, welche unter strengen Strafen den Gebrauch der National - Kleidung, sowie alle Zubehör hochländischer Ritterschaft untersagt hatten. Für alles dicß gestattete ihre heftige Einbildungskraft nur den Zwischenraum weniger Tage. Sobald diese Meinung einen festen und ernstlichen Besitz von ihrer Seele genommen hatte, richteten sich ihre Gedanken auf den Empfang ihres Sohnes an der Spitze seiner Anhänger in der Weise, worin sie ihre Hütte für die Rückkehr seines Vaters ausznschmücken pflegte. Lebensmittel konnte sie nicht liefern, und hielt auch dieß für einen unwesentlichen Umstand, denn die glücklichen Freibeuter würden ihr Viehheer- den herbeitreiben. Das Innere ihrer Hütte ward aber für deren Empfang in Bereitschaft gesetzt; der Branntwein ward in größerem Maße gebraut und destillirt, als man es bei einer einsam lebenden Frau für möglich hätte halten sollen. Ihre Hütte ward eingerichtet, daß sie gewissermaßen für einen Tag der Freude geschmückt schien. Sie ward gefegt und mit Zweigen verschiedener Art, wie das Haus einer Jüdin am Laubhüttenfest, ausgeschmückt. Das Produkt der Milch ihrer kleinen Heerde ward in so mannigfachen Formen zubereitet, als ihre Geschicklichkeit es gestattete, um ihren Sohn und dessen Genossen zu bewirthen, die sie mit ihm zu empfangen erwartete. Der hauptsächlichste Schmuck, den sie mit der größten Mühe sammelte, war die scharlachrothe, sogenannte Zwergmaulbeere, die sich nur auf sehr hohen Bergen und auch dort nur sehr sparsam vorsindet. Ihr Gemahl, oder vielleicht einer seiner Ahnen, hatte dieselbe als Familienzeichen angenommen, weil sie zugleich durch ihre Seltenheit die geringe Zahl seiner Stammesgenoffen, und durch die Orte, wo sie wächst, die ehrgeizige Höhe seiner Ansprüche andeutete. 486 So lange diese einfachen Vorbereitungen zum Empfange dauerten, befand sich Elspat in einem Zustande unruhigen Glückes. Ihre einzige Besorgniß bestand wirklich nur darin, daß sie Alles zum Empfange von Hamish und der Freunde, die sich nach ihrer Vermuthung ihm angeschlossen haben würden, nicht vollständig ausführen könne, und daß jene sie für die Ausnahme unvorbereitet antreffen würden. Als alle ihr möglichen Anstalten getroffen waren, blieb ihr keine weitere Beschäftigung, außer der unbedeutenden Sorgfalt für ihre Ziegen; als sie denselben die nöthige Pflege crthcilt hatte, konnte sie allein ihre kleinen Vorbereitungen noch einmal übersehen, diejenigen, welche vorübergehender Natur waren, erneuen, verwelkende Zweige durch frische ersetzen, und sich dann an die Thüre ihrer Hütte setzen, und auf die Landstraße Hinblicken, weil sie von der einen Seite von den Ufern des Awe ausstieg, und sich an der andern um die Seiten des Berges über Anhöhen und Flächen wand, über welch letzteren der Plan des Militär-Ingenieurs sie gezogen hatte. Während sie sich so beschäftigte, bildete ihre Einbildungskraft nach den Erinnerungen der Vergangenheit aus den Morgennebeln oder den Abendwolken die wilden Formen einer vorrückenden Schaar von sogenannten dunkelgekleideten Soldaten, d. h. von solchen, welche in die gewürfelten Zeuge ihres Vaterlandes gekleidet waren, und den Namen erhalten hatten, um sie von den scharlachrothen Reihen der brittischen Armee zu unterscheiden. In dieser Beschäftigung verbrachte sie manche Stunde jeden Morgen und Abend. Viertes Kapitel. Vergeblich blickten Elspats Augen auf den entfernten Pfad vom frühesten Lichte des Morgens bis zum spätesten Schimmer der Abenddämmerung. Kein sich erhebender Staub erweckte die Erwartung von nickenden Federn und schimmernden Waffen; der einsame Reisende zog unbekümmert in seinem braunen niederländischen Rock und dem schwarz- oder rothge- färbten Mantel vorüber — Letzteres dem Gesetz gemäß, welches die bunten Farben der gewürfelten Kleidung untersagte- Der gesunkene Muth des Galen, welcher durch die strengen, obgleich vielleicht nothwendigen Gesetze gebrochen war, die ihm das Tragen seiner Kleidung und seiner Waffen untersagten, und ihm nach seiner Meinung ein Geburtsrecht nahmen — dieser gebrochene Mut- zeigte sich in dem gesenkten Haupte und dem Ausdruck der Niedergeschlagenheit bei dem Vorüberziehenden. Bei solchen Wanderern mit gedrückter Stimmung erkannte Elspat nicht den leichten und freien Schritt ihres Sohnes, der nach ihrer Voraussetzung gleichsam wie neugeboren ein jedes Zeichen sächsischer Sklaverei abgeworfen haben würde. Jede Nacht warf sie sich, wen» die Dunkelheit kam, auf ihr ruheloses-Strohlager, nicht um zu schlafen, sondern um zu wachen. Die Tapfern und Furchtbaren, dachte sie, gehen bei Nacht umher — ihre Schritte werden im Dunkeln vernommen, wenn Alles schweigt, mit Ausnahme des Wirbelwindes und Wasserfalles — das furchtsame Reh kömmt hervor, wenn der Sonnenschein auf den Gipfel des Berges fällt, allein der kühne Wolf wandelt im röthlichen Lichte des herbst- 488 lichen Mondes. Sie machte sich vergeblich solche Gedanken; ihres Sohnes erwarteter Ruf trieb sie nicht von ihrem harten Lager, wo sie von seiner Ankunft träumte. Hamish kam nicht. „Unerfüllte Hoffnung," sagt der königliche Weise, „macht das Herz krank." So kräftig auch Elspat von Körper war, begann sie doch zu erfahren, daß derselbe den Mühen nicht gewachsen blieb, denen ihre besorgte und unmäßige Liebe ihn unterwarf. Eines Morgens aber belebte die Erscheinung eines Reisenden auf der einsamen Bergstraße die Hoffnungen, welche schon der sorglosen Verzweiflung zu weichen begannen; der Fremde hatte kein Zeichen sächsischer Unterwerfung an sich; in einiger Entfernung konnte sie sehen, wie der von einem Gürtel gehaltene Mantel in anmuthigen Falten über seinen Rücken fiel, und wie die Feder, welche Rang und edle Geburt bezeugte, auf seiner Mütze wehte. Er trug eine Flinte auf der Schulter, der Degen schwebte an seiner Seite und hatte die gewöhnlichen Zugaben von Dolch, Pistole und Tasche aus Zicgcnfell. Ehe noch ihre Augen alle diese Einzelnheiten erkannt hatte, beschleunigte der Reisende seinen leichten Schritt, erhob den Arm als Zeichen der Wiedererkennung, und Elspat hielt einen Augenblick später in ihren Armen ihren geliebten Sohn, der, mit dem Kleide seiner Ahnen angethan, ihren mütterlichen Blicken als der Schönste unter Zehntausend erschien. Der erste Ausbruch der Liebe ist unmöglich zu beschreiben, Segnungen mischten sich mit den Beiworten höchster Liebe, welche ihre kräftige Sprache gewährt, um das wilde Entzücken der Elspat auszudrücken. Ihr Tisch wurde hastig mit Allem, was sie darbietcn konnte, beladen; die Mutter überwachte den jungen Soldaten, als er die Erfrischungen ein- nahm, mit ähnlichen, wenn auch sonst verschiedenen Gefühlen, wie denjenigen, als sie ihm die erste Nahrung aus ihrer Brust zu trinken gab. Als die heftige Freude vorüber war, wünschte Elspat die Abenteuer ihres Sohnes seit ihrer Trennung zu erfahren, und konnte nicht seine Keckheit genug tadeln, womit er bei Hellem Tage die Hügel in der Hochlandskleidung durchzog, da doch die Strafe so schwer sei und so viele Rothröcke sich im Lande befänden. „Hege deßhalb keine Besorgniß, Mutter," sagte Hamish in einem Tone, welcher ihre Brust beschwichtigen sollte, allein dennoch von einiger Verlegenheit zeugte; „ich darf den hochländischen Mantel am Thor vom Fort Augustus tragen, wenn ich Lust dazu habe." „O, sei nicht so verwegen, mein theurcr Hamish, obgleich der Fehler dem Sohne deines Vaters am meisten geziemt, sei nicht zu verwegen! Ach, man kämpft nicht mehr wie in früheren Tagen mit gleicher Wehr und gleichem Bortheile, sondern man verläßt sich nur auf die Uebermacht und auf die wirksameren Waffen, so daß der Schwache und der Starke durch den Schuß eines Knaben gleicherweise niedergeworfen werden kann. Haltet mich nicht für unwürdig, die Wittwe Eures Vaters und Eure Mutter zu heißen, weil ich so rede, denn Gott weiß es, daß ich Mann gegen Mann Euch den Besten in Brcadalbane und noch dazu dem weiten Lorn entgegenstellen würde." „Ich versichere Euch, theuerstc Mutter," erwiderte Hamish, „daß ich mich in keiner Gefahr befinde! Habt Ihr aber Mac Phadraick gesehen, Mutter, und was hat er Euch hinsichtlich meiner gesagt?" „Silber hat er mir genug hinterlaffen, Hamish, allein der 490 beste Trost, den er mir gab, war die Kunde, daß Ihr Euch wohl befindet und mich bald besuchen würdet. Hütet Euch aber vor Mac Phadraick, mein Sohn, denn als er sich den Freund Eures Vaters nannte, war es ihm mehr an dem elendesten Rinde in seiner Heerde wie an dem LebenSblut von Mac Tavisb Mhor gelegen. Benütze deßhalb seine Dienste und bezahle ihn dafür, denn so muß man mit unwürdigen Leuten handeln, aber befolge meinen Rath und vertraue ihm nicht." Hamish konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, welcher der Elspat anzudeutcn schien, daß ihr Rath zur Vorsicht zu spät komme. „Was habt Ihr mit ihm vorgchabt?" fuhr sie fort, heftig und erschreckt. „Ich habe Geld von ihm bekommen, und er gibt Nichts ohne Werth; er gehört nicht zu denen, welche Gerste für Streu austausche»; reuet Euch Euer Handel und könnt Ihr ihn abbrechen, ohne daß Eure Aufrichtigkeit oder Mannheit Schande erlange, so gebt ihm sein Silber zurück und trauet nicht seinen schönen Worten." „Das geht nicht, Mutter," sagte Hamish, „auch bereue ich nicht dasjenige, wozu ich mich verpflichtet habe, wenn nicht allein deßhalb, daß es mich veranlaßt Euch bald zu verlassen." „Mich verlassen? Alberner Knabe, glaubt Ihr, daß ich nicht die Pflicht kenne, die dem Weibe oder der Muiter eines kühnen Mannes gebührt? Du bist jetzt noch ein Knabe, und als dein Vater vor zwanzig Jahren der Schrecken des Landes war, verachtete er nicht meine Gesellschaft und meinen Beistand, sondern sagte oft, meine Hülfe sei so viel werth als die zweier Diener." 491 „So etwas habe ich nicht gemeint, Mutter, aber da ich das Land verlassen muß — " „Das Land verlassen!" unterbrach ihn seine Mutter, „glaubt Ihr, baß ich einem Busche gleiche, der aus dem Boden wo er wächst mit der Wurzel hcrausgerissen ist und sterben muß, wenn man ihn wo anders hinträgt? Ich habe andere Winde als die von Ben Croachan geathmet, ich bin Eurem Vater in die Wildnisse von Roß, in die undurchdringlichen Wüsten von A - Mac I-Mhor gefolgt. Halt ein, Mann, meine Glieder, so alt sie sind, werden mich so weit tragen, wie Eure jungen Füße den Weg voranzugehen vermögen " „Ach Mutter," sagte der junge Mann mit stockender Stimme, „ich muß über das Meer fahren." »Was, über das Meer! Wer bin ich, daß ich das Meer fürchten sollte? Bin ich niemals auf einem Schiff gewesen?' Kenne ich nicht den Sund von Mull, die Inseln von TreS- -ornish und die rauhen Klippen von Harris?" „Ach Mutter, ich fahre weit weg, fern von allen jenen Orten; ich habe mich in einem der neugebildeten Regimenter anwerben lassen, und wir werden gegen die Franzosen nach Amerika ziehen." „Angeworben!" rief die erstaunte Mutter, „gegen meinen Willen, ohne meine Einwilligung — das konntest du nicht, das hast du nicht gethan —" dann stand sie auf, nahm beinahe eine Stellung unumschränkten Befehles an und fügte hinzu: „Hamish, das hast du nicht gewagt?" „Verzweiflung, Mutter, wagt Alles," erwiderte Hamish in einem Tone betrübter Entschlossenheit, „was sollte ich hier thun, wo ich kaum Brod für mich und Euch erwerben konnte, 492 während die Zeiten immer schlimmer werden? Setzt Euch doch nur hin, und hört mir zu, dann werde ich Euch überzeugen können, daß ich zu Eurem Besten handelte." Elspat setzte sich mit bitterem Lächeln, und derselbe strenge und höhnische Ausdruck lag in ihren Zügen, als sie mit fcst- geschloffencu Lippen seiner Rechtfertigung zuhörte. Hamish fuhr fort, ohne sich durch ihren erwarteten Zorn außer Fassung bringen zu lassen. „Als ich Euch, theuerste Mutter, verließ, begab ich mich zum Hause von Mac Pha- draick, denn ob ich gleichwohl weiß, daß er nach Art der Sachsen schlau und weltlich gesinnt ist, so ist er doch ein kluger Mann, und ich dachte, er werde mir, da cs ja ihn nichts koste, den Weg angeben, worin ich unsere Lage verbessern könne." „Unsere Lage?" sagte Elspat, indem sie die Geduld bei diesen Worten verlor; Ihr gingt also zu dem niedrigen Kerl mit nicht besserer Seele wie ein Kuhhirt, um ihn um Rath für Euer Verfahren zu fragen? Euer Vater fragte Niemand um Rath als seinen Math und seinen Degen " „Theuerste Mutter," erwiderte Hamish, „wie werde ich Euch überzeugen, daß Ihr in diesem Lande unserer Väter lebt, als wären unsere Väter noch am Leben? Ihr geht wie in einem Traume umher, von den Gespenstern derer umringt, welche längst im Grabe liegen. Als mein Vater noch lebte und focht, achteten die Mächtigen den Mann mit der starken rechten Hand, und es fürchteten ihn die Reichen. Er genoß den Schutz von Mac Allan Mhor und von Caberfae und erhielt Tribut von niedrigeren Leuten. Dieß ist vorbei und sein Sohn würde allein einen schimpflichen Tod erleiden, wenn er dasselbe Verfahren einschlüge, wodurch sein Vater Ansehen und Macht unter Allen erlangte, welche den bunten Mantel 493 tragen. Das Land ist erobert — seine Lichter sind ausge- loscht — Glengary, Lochiel, Perth, Lord Lewis, alle hohen Häuptlinge sind todt oder in Verbannung — wir können dicß beklagen aber nicht, ändern, Mütze, Degen und Beutel — Macht, Kraft und Reichthum wurden alle verloren auf dem Schlachtfelde von Culloden." „Das ist falsch," erwiderte Espat mit Trotz; „Ihr und Euresgleichen mit feigem Muth, weidet durch Eure feigen Herzen und nicht durch die Kraft des Feindes erdrückt; Ihr seid wie das furchtsame Wasserhuhn, welchem die geringste Wolke am Himmel der Schatten eines Adlers zu sein scheint." „Mutter," sagte Hamish mit Stolz, „macht mir keinen schwachen Muth zum Vorwurf, ich gehe dorthin, wo man Männer braucht mit starken Armen und kühnen Herzen. Ich verlasse eine Wüste für ein Land, wo ich Ruhm erwerben kann." „Unv Ihr verlaßt Eure Mutter, damit sie in Mangel, Alter und Einsamkeit umkomme?" sagte Elspat, indem sie jedes Mittel versuchte, um seinen Entschluß zu erschüttern, hinsichtlich dessen sie jetzt cinzusehen begann, daß er tiefer gewurzen sei, als sie zuerst geglaubt hatte. „Das thue ich nicht," erwiderte er, „ich hinterlaffe Euch in Behaglichkeit und sicherem Einkommen, das Ihr noch niemals gekannt habt. Barcaldine'S Sohn ist zu einem Anführer ernannt und ich habe mich unter ihm anwerben lassen; Mac Phadraick handelt in seinem Aufträge und wirbt Leute an, und findet dabei seinen eigenen Vortheil." „Das ist das wahrste Wort der ganzen Geschichte, wäre alles Andere sonst so falsch wie die Hölle," sagte die alte Frau mit bitterem Ausdruck. „Wir aber finden auch unfern Vortheil dabei," fuhr Ha- mish fort, „denn Barcaldine gibt Euch eine Hütte in seinem Wald Letter-findreig-t mit Gras für Eure Ziegen und einer Kuh, wenn Ihr eine haben wollt auf der Gemeindewaide, und mein eigener Sold, theuerste Mutter, wird Euch, obgleich ich entfernt bin, mit mehr als mit Mehl und mit Allem was Ihr sonst brauchen könnt, versorgen. Hegt um meinethalben keine Furcht, ich trete als gemeiner Soldat ein, aber ich will, wenn Tapferkeit und Regelmäßigkeit im Dienste mir es erwerben kann, als Offizier und mit einem halben Thalcr täglich heimkchren." „Armes Kind," erwiderte ElSpat, indem der Ton des Mitleids fich mit dem Ausdruck der Verachtung mischte, „du traust dem Mac Phadraick?" „Ich kann das, Mutter," sagte Hamish, indem die dunkel- rothe Farbe seines Stammes ihm über Stirn und Wange flog. „Mac Phadraick kennt das Blut, das in meinen Adern fließt, und weiß, daß er, im Fall er Euch sein Wort bricht, die Tage zählen kann, welche Hamish nach Breadalbane zurückführen werden, und daß er dann sein Leben lang nur drei Mal die Sonne erblicken wird. Ich würde ihn am eigenen Heerde tödten, bräche er mir sein Wort — ich würde das, bei dem Wesen, das uns beide erschuf." Der Blick und die Stellung des jungen Soldaten erfüllte Elspat auf einen Augenblick mit Ehrfurcht; fie war nicht gewohnt, eine so finstere und bittere Ausdrucksweise an ihm zu bemerken, die fie an seinen Vater stark erinnerte; fie begann jedoch wieder ihre Vorstellungen in derselben schmähenden Weise, womit sie dieselben begonnen hatte. „Armer Knabe," sagte fie, „Ihr glaubt also, daß Eure Drohungen in der Entfernung der halben Welt vernommen 495 oder beobachtet werden! Aber geht, beugt den Nacken unter Hannovers Joch, gegen welches jeder wackere Gale bis zum Tode kämpft. Geht, verläugnct den königlichen Stewart, für welchen Euer Vater und seine Väter, und Eurer Mutter Väter so manches Schlachtfeld mit ihrem Blut gefärbt haben. — Geht, beugt Euer Haupt unter den Degcngurt eines vom Geschlechte der Dermid, dessen Kinder, »fügte sie mit wildem Geschrei hinzu, „die Väter Eurer Mutter in ihren friedlichen Wohnungen in Glencoe ermordet haben! Ja," rief sie wieder mit einem wilderen und gelleren Gekreisch, „ich war damals noch nicht geboren, aber meine Mutter hat es mir erzählt, und ich horchte auf die Stimme meiner Mutter — ja, ich erinnere mich ihrer Worte! Sie kamen im Frieden und wurden empfangen in Freundschaft, und Blut und Feuer entstand, und Todcsgcschrei und Mord!" „Mutter," crwiederte Hamish in betrübtem aber entschiedenem Tone, „ich habe das Alles bedacht, kein Tropfes des Blutes von Glencoe klebt an der edlen Hand von Barcaldine — der Fluch ruht auf dem unglücklichen Hause von Glenlyon, und Gott hat das Unrecht an ihm gerächt." „Ihr sprecht wie der sächsische Priester," erwiederte seine Mutter „wollt Ihr nicht lieber bleiben und um eine Pfarrcr- stelle bei Mac Allan Mhor anhaltcn, damit Ihr Vergebung dem Geschlechte der Dermid predigen könnt?" »Gestern war gestern," erwiederte Hamish, „und heute ist heute." Da die Clans niedergeworfen und unter einander gemischt wurden, so ist cs wohl gcthan und weise, daß ihr Haß und ihre Fehden ihre Unabhängigkeit und Macht nicht überleben. Wer nicht Rache nehmen kann wie ein Mann, darf nicht wie ein Feiger nutzlose Feindhaft hegen. Mutter, der junge Barcaldine ist seinen Worten treu und tapfer; ich weiß, daß Mac P-adraick ihm rieth, er solle mir nickt erlauben, Abschied von Euch zu nehmen, allein er sagte, Hamish Mac Tavish ist der Sohn eines tapferen Mannes; er wird sein Wort nicht brechen. Mutter, Barcaldine führt hundert der tapfersten Söhne der Galen in ihren vaterländischen Kleidern und mit den Waffen ihrer Väter, Herz an Herz, und Schulter an Schulter, ich habe geschworen ihn zu begleiten; er vertrante mir und ich vertraue ihm." Bei dieser so fest und entschlossenen Antwort war Espat wie vom Donner gerührt, und versank in Verzweiflung. Die Gründe, welche sie für unwiderstehlich entscheidend hielt, waren wie die Wogen vom Felsen zurückgeprallt. Nach langer Pause füllte sie ihrem Sohne einen Becher und reichte ihm denselben mit dem Ausdruck achtungsvoller Niedergeschlagenheit und Unterwerfung. „Trink," sagte sie, „auf das Gedeihen des Baumes an deinem väterlichen Hause, bevor du denselben auf immer verlassen wirst, und sage mir, da die Ketten eines neuen Königs und eines neuen Häuptlings, die deine Väter nur als tödtliche Feinde kannten, an den Gliedern des Sohnes deines Vaters befestigt sind, — sage mir, wie viele Glieder du in dieser Kette zählst?" Hamish nahm den Becher und blickte sie an, als könne er was sie sagen wolle, nicht recht verstehen. Sie fuhr fort mit erhobener Stimme: „Sagt mir, denn ich besitze ein Recht es zu wissen, wie viel Tage erlaubt der Wille derer, die Ihr zu Euren Herrn gemacht habt, mich anzublicken? mit andern Worten, wie viele Tage sind die meines Lebens? denn wenn Ihr mich verlaßt, so hat die Erde für mich nichts weiter, das so viel werth wäre, deßhalb zu leben!" „Mutter," erwiederte Hamish Mac Tavish, „sechs Tage -497 darf ich bei Euch bleiben, und wenn Ihr mit mir am fünften aufbrechen wollt, so werde ich Euch in Sicherheit nach Eurer neuen Wohnung bringen. Bleibt Ihr aber hier, so werde ich am siebenten bei Tagesanbruch von Euch scheiden, denn das ist für mich der letzte Augenblick, um mich nach Dunbarton zu begeben; wenn ich dort am achten Tage nicht erscheine, so bin ich der Strafe als Deserteur auSgesetzt,' und als Soldat sowie als Mann entehrt" „Eures Vaters Fuß," erwiederte sie, „war frei wie der Wind auf der Haide — es war eben so vergeblich ihm zu sagen, wohin gehst du, als den unsichtbaren Verscheuche! der Wolken zu fragen, wcßhalb blasest du. Sage mir, bei welcher Strafe du zu deiner Sclavcrei zurückkehren mußt, denn du willst und du mußt gehen." „Nenne dies nicht Sklaverei, Mutter, es ist der Dienst eines ehrenwerthen Soldaten, der einzige Dienst, welcher jetzt dem Sohne von Mac Tavish Mhor eröffnet ist." „Sage mir aber, was ist deine Strafe, wenn du nicht zurückkehren wirst?" fragte Elspat auf's Neue. „Die militärische Strafe eines Deserteurs," erwiderte Ha- mish, wobei er jedoch, wie seine Mutter sehr wohl bemerkte, unter der Qual eines inneren Gefühles litt, welche sie bis zum Aeußersten anzurcgen beschloß. „Und die," sagte sie mit angenommener Ruhe, welche ihr strahlender Blick verleugnete, „ist die Strafe eines ungehorsamen Hundes, nicht wahr?" „Fragt mich nicht mehr," sagte Hamish, „die Strafe ist für denjenigen nicht vorhanden, welcher sie nicht verdienen will." „Für mich aber ist dieß von Bedeutung," erwiderte Elspat, „denn ich weiß besser'als du, daß wo Macht vorhanden Das geführt. Schloß u. and. Erzähl. 32 L98 ist eine Strafe zu ertheilen, auch der Wille nicht ausbleibt, dieselbe ohne Grund zu verhängen. Ich möchte für dich beten, Hamish, und ich muß deßhalb wissen, gegen welche Uebel ich Ihn, der Niemanden unbeschützt läßt, anflehen muß, deine Jugend und Einfalt zu bewahren " „Mutter," sagte Hamish, „es ist wenig daran gelegen, welchen Strafen ein Verbrecher ausgesctzt werden kann, wenn man entschlossen ist, Verbrechen zu vermeiden; unsere hochländischen Häuptlinge pflegten auch ihre Vasallen zu bestrafen und, wie mir gesagt wurde, mit großer Strenge. War es nicht Lachlan Mac Jan, dessen ich mich von Alters -er erinnere, und welchem sein Häuptling den Kopf abschlagcn ließ, weil er vor ihm auf einen Hirsch geschossen hatte?" »Ja," sagte ElSpat, „und er verlor denselben mit vollem Recht, Penn er entehrte den Vater des Volkes sogar im Angesichte des versammelten Clans. Allein die Häuptlinge waren edler in ihrem Zorn — sie straften mit der scharfen Klinge und nicht mit dem Stocke. Ihre Strafe ließ Blut vergießen, brachte aber keine Schande^ Kannst du dasselbe von den Gesetzen sagen, unter deren Joch du deinen freigeborncn Hals gebeugt hast?" „Nein Mutter, das kann ich nicht," sagte Hamish mit düsterem Ausdruck, „ich sah wie man einen Sachsen wegen Desertion seiner Fahne, wie man das nennt, bestrafte. Er wurde gegeißelt, ich gestehe es ein — gegeißelt wie ein Hund, der seinen herrischen Herrn beleidigt hat. Ich wurde empört bei dem Anblick, ich gestehe cS, allein die Strafe der Hunde ist nur für Solche, welche schlimmer find wie Hunde, die ihre Treue nicht bewahren." „Dieser Schande jedoch hast du dich ausgesctzt," erwiderte Elspat, „wenn du einen Fehler begehen würdest, oder dein 499 Offizier Anstoß an dir nehmen sollte. Ich spreche nicht mehr mit dir über deine Absicht. Wäre der sechste Tag von der heutigen Morgensonne mein Sterbetag, und du bliebest um mir die Augen zu schließen, so würdest du dich der Gefahr aussetzen, wie ein Hund an einen Pfosten gebunden und gepeitscht zu werden? Ja! wenn du nicht ein Tröpfchen Muth besäßest, mich allein und an meinem einsamen Herde sterben zu lassen, damit der letzte Funken von deines Vaters Feuer und dem verlassenen Herde deiner Mutter zugleich erlösche!" Hamish durchschritt die Hütte mit ungeduldigem und zornigem Schritt. „Mutter," sagte er zuletzt, „bekümmert Euch nicht um solche Dinge, ich kann solcher Schande nicht ausgesetzt werden, denn ich werde sie nie verdienen, und würde ich damit bedroht, so würde ich wissen, wie ich vor der Entehrung sterben müßte." „So sprach der Sohn des Gatten meiner Liebe," erwiderte Elspat. Sie änderte den Stoff des Gespräches und schien mit düsterer Ergebung zuzuhören, als ihr Sohn sie an die Kürze der Zeit erinnerte, die sie miteinander zubringcn durften; erbat, dieselbe möge ohne nutzlose unangenehme Erinnerungen hinsichtlich der Umstände verbracht werden, unter denen sie bald sich trennen müßten. Elspat hatte sich jetzt überzeugt, daß ihr Sohn neben andern Eigenschaften seines Vaters auch den stolzen männlichen Geist besaß, der es unmöglich machte, ihn von einem mit Ueberlcgung gefaßten Entschluß wieder abzubringen; sie zeigte deßhalb im Aeußern eine scheinbare Ergebung in ihre unvermeidliche Trennung, und wenn sie bisweilen in Klagen und Murren ausbrach, so geschah dieß nur, weil sie nicht gänzlich die natürliche Heftigkeit ihrer Gefühle unterdrücken konnte, oder weil sie bedenken mußte, daß eine vollkommene und un- 32 " 500 bedingte Ergebung ihrem Sohne erzwungen und verdächtig erscheinen könne, und ihn veranlassen würde, die Mittel, wodurch sie seine Abreise zu verhindern hoffte, zu überwachen und zu vereiteln. Ihre heftige, obgleich selbstsüchtige Liebe zu ihrem Sohne, welche keine Rücksicht auf das wahre Interesse des unglücklichen Gegenstandes ihrer Anhänglichkeit begreifen konnte, glich der instinktartigen Zärtlichkeit der Thiere für ihre Jungen; während sie in der Zukunft etwas weiter als Geschöpfe auf der niedern Stufe des Daseins blickte, empfand sie allein, daß Trennung von Hamish für sie dem Tode gleichkomme. In dem kurzen ihnen gestatteten Zeitraum erschöpfte Els- pat jede Kunst, welche die Liebe ihr eingeben konnte, um ihm den Aufenthalt, so lange derselbe ihm gestattet war, bei ihr angenehm zu machen. Ihr Gedächtniß führte sie in frühere Tage zurück, und ihr Borrath von Sagen, welche zu allen Zeiten das hauptsächlichste Vergnügen des Hochländers in seinen ruhige» Stunden ausmachen, war durch eine sonst ungewöhnliche Bekanntschaft mit den Liedern der alten Barden und den Ueberlieferungen der berühmtesten Geschichtenerzähler vermehrt. Ihre emsige Sorgfalt auf die Behaglichkeit ihres Sohnes war so unaufhörlich, daß dieselbe ihm sogar lästig wurde; er bemühte sich, sie mit ruhigen Vorstellungen zurückzuhalten, daß sie zu viel persönliche Mühe sich gebe, um das blühende Haidekraut für sein Lager zu suchen, oder ein Mahl zu seiner Erfrischung zu bereiten. „Laßt mich allein, Hamish," pflegte sie bei solchen Gelegenheiten zu erwidern, „Ihr folgt Eurem Willen, indem Ihr Euch von Eurer Mutter scheidet; laßt Eure Mutter dasjenige thun, was ihr Vergnügen gewährt, so lange Ihr bleibt." Sie schien mit den ihretwegen von ihm getroffenen An- 501 ordnungcn soweit ausgesöhnt, daß sic ihn ruhig anhören konnte, wenn er davon sprach, sie nach dem Gute von Green Colin zu bringen, wie der Herr hieß, auf dessen Eigcnthum er ihr ein Asyl verschafft hatte; in Wahrheit aber war sie weit davon entfernt, solche Gedanken zu hegen. ElSpat hatte aus den Worten, die während des ersten heftigen Streites fielen, sich den Umstand gemerkt, daß Hamish sich körperlicher Züchtigung aussetze, wenn er sich nicht zu der im Urlaub bestimmten Zeit wieder einfinde. Sie erkannte sehr wohl, daß er sich niemals, im Fall er in die Gefahr solcher Entehrung gerathen sollte, einer solchen Schande durch eine Rückkehr zw dem Regimente aussetzen werde, wo dieselbe ihn treffe» könnte. Man kann nicht wissen, ob sic die weiteren wahrscheinlichen Folgen ihres unheilvollen Planes bedachte; allein die Gemahlin von Mac Tavish Mhor war bei dessen Gefahren und Wanderungen mit hundert Beispielen von Widerstand und Flucht vertraut geworden, wodurch ein tapferer Mann in einem Lande voll Felsen, Landseen und Bergen, gefährlichen Pässen und dunklen Wäldern der Verfolgung von Hunderten trotzen konnte. Für die Zukunft war sie deßhalb ohne Furcht; ihr einziger, alle ihre Gedanken in Anspruch nehmender Plan ging nur auf die Anwendung von Mitteln, wodurch sich verhindern ließ, daß ihr Sohn seinem comman- dircndcn Offiziere sein Versprechen halte. Wegen dieses geheimen Planes wich sie dem von Hamish zu wiederholten Malen gemachten Vorschläge aus, daß sie Beide aufbrechcn möchten, um von ihrer neuen Wohnung Besitz zu nehmen; sie widersetzte sich demselben mit Gründen, welche ihrem Charakter so natürlich waren, daß ihr Sohn weder Besorgnisse noch Acrgcr empfand. „Laßt mich nicht," sagte sie, „in derselben kurzen Woche von meinem einzigen 502 Sohne und von dem Thale Abschied nehmen, worin ich so lange gewohnt habe. Möge mein Auge, wenn es durch Weinen um dich verdunkelt ist, noch wenigstens einige Zeit den Loch Awe und Ben Cruachan erblicken." Hamish gab der Laune seiner Mutter in dieser Hinsicht um so bereitwilliger nach, als einige in einem benachbarten Thale wohnende Personen, welche ihre Söhne für die Aushebung Barcaldine's hergegeben hatten, auf dem Gute dieses Häuptlings versorgt werden sollten; Elspat ging scheinbar die Verabredung ein, daß sie mit diesen zusammen aufbrechen wollen, wenn dieselben nach ihrem neuen Wohnort umziehen würden. Hamish glaubte somit, er habe zugleich den Launen seiner Mutter nachgegcben, und ihre persönliche Lage sowie ihren Unterhalt gesichert. Sie aber hegte in ihrer Seele verschiedene Ansichten und Plane. Die Zeit von Hamish's Urlaub verlief schnell, und mehr wie einmal machte er den Vorschlag, in solcher Zeit aufzubrechen, daß er leicht und früh Dunbartvn erreichen konnte, wo das Hauptquartier seines Regimentes lag. Allein die Bitten seiner Mutter, seine natürliche Neigung, in einer Gegend zu verweilen, welche ihm so lange theuer gewesen war, und vor Allem sein festes Selbstvertrauen auf seine Geschwindigkeit und Körpcrkraft veranlaßten ihn, seine Abreise bis zum sechsten Tage, dem letzten, zu verzögern, den er bei seiner Mutter zudringen konnte, wenn er die Bedingungen seines Urlaubs erfüllen wollte. 503 Fünftes Kapitel. Was Euren Sohn betrifft — o glaubt mir dies — So habt Ihr ihn in große Noth gebracht. Wo nicht den Untergang ihm selbst bereitet. Cor iolan » S. Am Abend, welcher seiner beabsichtigten Abreise vorherging, begab sich Hamish zum Flusse mit seiner Angelruthe, um zum letzten Male im Awc seine Geschicklichkeit beim Fischen, wodurch er sich auszeichnete, zu üben, und zugleich die Mittel für ein letztes geselliges Mahl mit seiner Mutter bei besserer als gewöhnlicher Kost herbeizufchaffen. Das Glück blieb ihm treu, und er tödtete bald einen schönen Salmen. Auf seiner Rückkehr nach Hause ereignete sich ein Vorfall, den er nachher als böse Vorbedeutung erzählte, obgleich wahrscheinlich seine erhitzte Einbildungskraft nebst der allgemeinen Neigung seiner Landsleute zum Wunderbaren einen sehr gewöhnlichen Umstand bis zu abergläubischer Bedeutung übertrieb. Auf dem Wege, den er nach Hause einschlug, bemerkte er zu seiner Ueberraschung eine Person, die, wie er selbst, nach der alten hochländischen Weise gekleidet und bewaffnet war. Der erste Gedanke, welcher ihm cinficl, ging dahin, daß der Vorübergehende zu seinem Corps gehöre, welches von der Regierung ausgehoben, und, unter königlicher Vollmacht ausgerüstet, einer Verletzung der Gesetze über das Verbot der hochländischen Kleidung und Bewaffnung nicht schuldig war. Er beschleunigte seinen Schritt, um seinen vermeintlichen 504 Kameraden zu erreichen und ihn um seine Gesellschaft zur nächsten Tagereise zu ersuchen; da aber crschrack er, als er bei dem Fremden die weiße Cocarde, das verhängnißvolle Abzeichen erblickte, welches in den Hochlanden geächtet war- Die Gestalt des Mannes war groß, und im Umriß lag etwas Schattenhaftes, welches seine Größe noch vermehrte; seine Bewegungsweise, welche eher dem Gleiten als dem Gehen glich, erfüllte Hamish mit abergläubischer Furcht über den Charakter des Wesens, welches im Zwielicht ihm voranging. Er suchte nicht länger den Fremden cinzuholcn, sondern begnügte sich damit, ihn im Auge zu behalten, nach dem bei Hochländern gewöhnlichen Aberglauben, daß man übernatürlichen Erscheinungen sich nicht ausdrängen, aber auch ihre Gegenwart nicht vermeiden dürfe, sondern es ihnen überlassen müsse, ihre Mittheilungen zurückzuhalten oder zu geben, je nachdem cs in ihrer Gewalt stehe, oder der Zweck ihres Auftrages es erheische. Auf einer Anhöhe an der Straße, wo der Fußpfad auf Elspats Hütte einbog, blieb der Fremde stehen und schien zu erwarten, daß Hamish hinauskommc. Als Hamish seinerseits sah, daß er an dem Gegenstände seiner Besorgniß vorüber müsse, nahm er seinen Muth zusammen und näherte sich dem Orte, wo der Fremde sich aufgestellt hatte. Dieser wies zuerst auf Elspats Hütte, und machte mit Armen und Händen eine Bewegung, welche ihm anzudeuten schien, daß er sogleich in dieser Richtung abgehen solle. Einen Augenblick später war die Gestalt mit dem hochländischen Mantel nicht mehr zu erblicken — Hamish konnte nicht bestimmt sagen, daß sie verschwunden sei, denn Felsen und verkrüppelte Bäume waren genug vorhanden, um ein Versteck darzubieten; nach seiner Meinung aber hatte er den Geist von Mac Tavish Mhor gesehen, welcher ihm die Warnung gab, sogleich seine Reise nach Dunbarton anzuireten, ohne bis zum Morgen zu warten, oder die Hütte seiner Mutter wieder zu besuchen. Es konnten so viele Vorfälle seine Reise verzögern, besonders da er über so manche Ströme auf Fähren setzen mußte, daß er den festen Entschluß faßte, sich zwar ohne Abschied nicht von seiner Mutter zu trennen, aber nicht länger zu bleiben, wie dieser Zweck erheische; der erste Sonnenstrahl des nächsten Tages sollte ihn bereits mehrere Meilen auf dem Weg nach Dunbarton treffen. Er stieg deßhalb den Pfad hinab und erklärte beim Eintritt in die Hütte mit hastiger und verwirrter, geistige Aufregung bezeugenden Stimme seinen bestimmten Entschluß, sogleich fortzugehen. Elspat schien zu seiner Ueberraschung seinen Zweck nicht zu bestreiten, sondern drängte ihn, einige Erfrischungen zu nehmen, bevor er fie für immer verlasse; er that dieß heftig und schweigend, indem er an die bevorstehende Trennung dachte, und kaum noch den Glauben hegte, dieselbe werde ohne einen endlichen Kampf mit ihrer mütterlichen Zärtlichkeit stattfinden. Zu seiner Ueberraschung füllte fie den Becher zum Abschiedstrank: „Gehe," sagte fie, „mein Sohn, da dieß dein bestimmter Entschluß ist, zuerst aber stehe noch einmal an deiner Mutter Herde, dessen Flamme schon lange erloschen sein wird, wenn dein Fuß ihn wieder betritt." „Auf Eure Gesundheit, Mutter," sagte Hamish, mögen wir uns glücklich Wiedersehen, ungeachtet Eurem Unglück vorhersagenden Worte!" „Es wäre besser, daß wir uns nicht trennten," sagte seine Mutter, während fie ihn den Trank genießen sah, von welchem auch nur die Zurücklassung eines Tropfens ihm als Unglück- 506 liche Vorbedeutung gegolten haben würde, „Jetzt," sagte sie vor sich hinniurmclnd, „gehe, wenn du kannst." „Mutter," sagte Hamish, als er den leeren Becher auf den Tisch setzte, „dein Trank ist dem Geschmack angenehm, er nimmt aber die Kraft hinweg, die er ertheilen sollte." „Das ist die erste Wirkung, mein Sohn," erwiderte Els- pat, lege dich aber nieder auf dieß sanfte Lager von Haidekraut, verschließe nur auf einen Augenblick die Augen, und du wirst im Schlaf einer Stunde mehr Erfrischung als in der gewöhnlichen Ruhe von drei Nächten finden, könnten dieselben in eine vereinigt werden." „Mutter," sagte Hamish, auf welchen der Trank schnelle Wirkung übte, „gebt mir meine Mütze, ich muß Euch küssen und gehen, es scheint mir, als ob meine Füße auf den Boden festgenagelt wären." „Ihr werdet Euch sogleich wieder gut befinden," sagte seine Mutter, „wenn Ihr Euch nur eine halbe Stunde setzen wollt; es ist noch acht Stunden bis zur Morgendämmerung, und der Sonnenaufgang ist noch Zeit genug für Eures Vaters Sohn, um eine solche Reise anzutrcten." „Ich muß Euch gehorchen, Mutter, ich fühle, daß ich Euch gehorchen muß," sagte Hamish in bereits lallenden Tönen; „weckt mich aber, wenn der Mond aufgeht." Er setzte sich an das Bett, lehnte sich zurück und fiel sogleich in festen Schlaf. Mit einem vor Freude klopfenden Herzen, als habe sie eine schwierige und beschwerliche Unternehmung zu Ende gebracht, legte Elspat voll Zärtlichkeit den Mantel des bewußtlosen Schläfers zurück, für welchen ihre übertriebene Liebe so verhängnißvoll sein sollte; während sie sich hiebei beschäftigte, sprach sie ihr Entzücken in Tönen aus, unter denen sich Zärtlichkeit mit dem Gefühl des Sieges mischte. „Ja," sagte sic, „Kalb meines Herzens, der Mond und die Sonne sollen dir aufgehen und untergehen, aber nicht, um dir auf dem Wege aus dem Lande deiner Väter zu leuchten, oder dich in Versuchung zu bringen, daß du dem fremden Fürsten oder den Todfeinden deines Stammes dienst! Keinem Sohne von Diarmid werde ich überliefert werden, damit man mich füttere als eine Leibeigene; Er, der mein Vergnügen und mein Stolz ist, wird mein Wächter und Beschützer sein. Man sagt, daß die Hochlande sich verändert haben; ich sehe aber noch, wie der Ben Cruachan seine Gipfel so hoch als jemals zum Abendhimmcl erhebt — Niemand hat noch Kühe auf dem Grunde oes Loch Awe geweidet, und jene Eiche beugt sich nicht wie eine Weide. Die Kinder der Berge werden sein wie ihre Väter, bis die Berge selbst sich gleich den Thälern ebnen. In diesen wilden Wäldern, welche tausend Tapfere zu ernähren pflegten, ist noch sicherlich Lebensunterhalt und Zuflucht für eine alte Frau und einen tapferen Jüngling alten Stammes und alter Sitten übrig gelassen." Während die übel berathene Mutter sich so des Erfolges ihrer List freute, müssen wir dem Leser erwähnen, daß derselbe auf der Kenntniß von Arzneikräutern beruhte, welche Elspat, in allen Dingen bewandert, die zu dem wilden von ihr geführten Leben gehörten, in nicht ungewöhnlichem Grade besaß, und die sie zu verschiedenen Zwecken ausübte. Mit den Kräutern, die sie eben so gut auszuwählen, wie zu destilliren verstand, konnte sie mehr Krankheiten heilen, als ein wissenschaftlich erzogener Arzt zu glauben geneigt sein würde. Einige verwandte sie zu der glänzenden Färbung der buntgewürfelten Kleider, aus anderen bildete sie Getränke von verschiedener Kraft, und besaß auch unglücklicherweise das Geheimniß, ein starkes, schlaferweckendes Mittel zu bereiten- 508 Von den Wirkungen dieses letzten Trankes erwartete sie, wie der Leser wahrscheinlich schon vermuthct haben wird, mit Sicherheit eine Verzögerung der Abreise von Hamish über die Zeit hinaus , welche für seine Wiederkehr festgesetzt war; sie verließ sich ferner auf seinen 'Abscheu vor der gefürchteten Strafe, der er jetzt ausgesetzt war, als auf das sicherste Mittel, seine Rückkehr überhaupt zu verhindern. Tiefer wie natürlich war der Schlaf von Hamish Mae Tavish an jenem verhängnißvollen Abende, nicht aber die Ruhe seiner Mutter. Kaum schloß sie von Zeit zu Zeit ihre Augen; sie erwachte immer wieder im Schrecken, daß ihr Sohn aufgestandcn und fortgegangen sei; erst als sie zu seinem Lager getreten war, und sein tiefes und regelmäßiges Athem- holen vernahm, beruhigte sie sich hinsichtlich der Tiefe des Schlafes, worin er versunken war. Sie besorgte, die Dämmerung könne ihn erwecken, ungeachtet der ungewöhnlichen Stärke der Mittel, womit sie seinen Trank gemischt hatte; sie wußte, daß Hamish, so lange noch Hoffnung für einen Sterblichen vorhanden war, die Reise zu vollenden, dieselbe auszuführen versuchen würde, sollte er auch durch die Anstrengungen unter Weges sterben. Durch diese neue Furcht aufgeregt, suchte sie das Licht durch Verstopfung aller Ritzen und Spalten zurückzuhalten, durch welche die Morgenstrahlen in ihre elende Wohnung eher Zugang, als durch eine andere Oeffnung finden konnten. Dieß Alles that sie, um bei ihrem Elend und Mangel ein Wesen zurückzuhalten, dem sie die Welt mit Freuden übertragen haben würde, wenn dieselbe ihr zur Verfügung gestanden hätte. Ihre Besorgnisse waren nutzlos; die Sonne erhob sich hoch am Himmel, und nicht der schnellste Hirsch in Bread- albane, wären die Hunde auf seinen Fersen gewesen, hätte, 509 um sein Leben zu retten, so schnell zu eilen vermögt, wie cs jetzt für Hamish erforderlich gewesen wäre, um zur bestimmten Zeit einzutreffen. Sie hielt es gleichfalls für unmöglich, daß er jetzt an die Rückkehr denke, da er der Gefahr einer beschimpfenden Strafe ausgcsetzt war. Allmälig und zu verschiedenen Malen hatte sie von ihm eine volle Kenntniß der Lage erlangt, worin er durch sein Ausbleiben am bestimmten Tage gerathen mußte; sie wußte, wie wenig Hoffnung er sich auf eine gelinde Behandlung machen konnte. Es ist wohl bekannt, daß der große und weiße Graf von Chatham auf den Entwurf stolz war, wodurch er ein Corps zur Vertheidigung der Colonien aus jenen tapferen Hochländern bildete, die bis zu seiner Zeit für eine jede der aufeinander folgenden Regierungen Gegenstände der Besorgnisse, des Zweifels und Verdachtes gewesen waren. Für die Ausführung seines patriotischen Planes boten sich aber einige Hindernisse in den besonderen Gewohnheiten und in der Stimmung dieses Volkes. Durch Natur und Erziehung war jeder Hochländer an den Gebrauch der Waffen gewöhnt, nicht aber an die Disciplin regelmäßiger Truppen, die Allen durchaus widerstrebte. Die Hochländer waren nur eine Art Miliz, welche sich ein Lager niemals als ihre Heimath denken kann. Ging eine Schlacht verloren, so zerstreuten sie sich, um sich zu retten, und für ihre eigene Sicherheit, sowie für die ihrer Familien zu sorgen; ward die Schlacht gewonnen, so kehrten sie nach ihren Thälcr» zurück, um ihre Beute in Sicherheit zu bringen, für ihr Vieh Sorge zu tragen und ihre Landgüter zu bestellen. Dieses Vorrecht des Gehens und Kommens nach Belieben konnte ihnen nicht einmal von ihren Häuptlingen genommen werden, so unumschränkt die Herrschaft derselben auch in anderer Hinsicht sein mogte. Daraus folgte, daß man den neu ausgehobenen hochländischen Rekruten die Natur einer militärischen Anwerbung kaum begreiflich machen konnte, wodurch ein Mann gezwungen ward, länger als er will, im Heere zu dienen ; vielleicht hatte man sich bei manchem Beispiele nicht genug Mühe gegeben, um bei der Anwerbung den Rekruten die bleibende Verpflichtung, welche sie eingingen, darzulegen, damit sie nicht wegen einer solchen Enthüllung ihren Entschluß änderten. Desertionen waren deßhalb zahlreich unter den neu angeworbenen Regimentern, und der General, welcher in Dunbarton commandirtc, ein alter S.oldat, sah kein besseres Mittel, denselben Einhalt zu thun, als daß er ein ungewöhnlich strenges Beispiel an einem Deserteur aus einem englischen Corps geben ließ. Das junge hochländische Regiment wurde gezwungen, bei der Bestrafung gegenwärtig zu sein, welche ein auf persönliche Ehre eifersüchtiges Volk mit gleichem Schrecken und Widerwillen erfüllte, und Vielen derselben einen nicht unnatürlichen Widerwillen gegen den Kriegsdienst einflößte. Der alte General jedoch, der in den deutschen Kriegen seine regelmäßige Schule gemacht hatte, hielt an seiner Meinung fest, und machte durch einen Tagesbefehl bekannt, daß der erste Hochländer, welcher deser- liren, oder am Ausgange seines Urlaubs nicht erscheinen würde, wie der Verbrecher gezüchtigt werden solle, dessen Strafe das Regiment angesehen hatte. Niemand zweifelte, daß General — genau sein Wort halten werde, wenn Strenge nothwendig sei, und Elspat wußte deßhalb, daß ihr Sohn, wenn er sehen würde, die pünktliche Ausführung seines Befehles sei unmöglich, zu gleicher Zeit die Unvermeidlichkeit der auf seinem Ungehorsam gesetzten und entwürdigenden Strafe bedenken müßte, sobald er sich der Gewalt des Generals wieder anheim gebe- 511 Als der Mittag vorbei war, erhoben sich neue Besorgnisse in der Seele des einsam lebenden Weibes. Ihr Sohn schlief noch unter dem Einfluß des Schlaftrunkes; war es nicht möglich, daß seine Verunft oder Gesundheit durch dessen zu große Kraft zerrüttet werde, da derselbe stärker war, als sie jemals einem Andern gereicht hatte? Zum ersten Mal begann sie ferner, ungeachtet ihrer hohen Begriffe von elterlicher Gewalt, den Zorn ihres Sohnes zu fürchten, welchem ein Unrecht erwiesen zu haben, ihr Herz ihr sagte- Sie hatte in den letzten Zeiten bemerkt, daß seine Stimmung weniger gelehrig war, und daß sein Entschluß, besonders bei Gelegenheit seiner Anwerbung, selbstständig gefaßt und mit Kühnheit aus- geführt wurde. Sie gedachte der finsteren Störrigkeit seines Vaters, wenn derselbe sich für mißhandelt hielt, und begann zu besorgen, Hamish werde, wenn er den ihm gespielten Betrug entdecke, sich dafür sogar so entschieden rächen, daß er von ihr ablaffe und seine Laufbahn in der Welt allein verfolge. Dieß waren die erschreckenden und dennoch vernünftigen Besorgnisse, welche auf das unglückliche Weib eindrangen, nachdem ihre unheilvolle List ihr so gelungen war. Gegen Abend erwachte Hamish zuerst, allein damals war er noch weit von allem Besitze seiner geistigen und körperlichen Kräfte entfernt. Elspat empfand anfänglich große Furcht wegen seiner unzusammenhängenden Reden und wegen seines unregelmäßigen Pulses; sie wandte jedoch Mittel an, welche ihre Kcnntniß ihr eingab, und hatte im Laufe der Nacht das Vergnügen, daß er wiederum in einen tiefen Schlaf sank, welcher wahrscheinlich den größeren Theil der Wirkungen der Mittel hinwegnahm, denn gegen Sonnenaufgang hörte sie, wie er-aufstand und seine Mütze verlangte. Diese hatte sie 512 absichtlich in der Furcht entfernt, daß er in der Nacht auf- wachen und ohne ihr Wissen fortgchcn würde. „Meine Mütze — meine Mütze," rief Hamish; „es ist Zeit, Euch Lebewohl zu sagen- Mutter, Euer Trank war zu stark — die Sonne steht am Himmel — mit dem nächsten Morgen aber will ich die doppelten Gipfel des alten Dun sehen. Meine Mütze — meine Mütze, Mutter, ich muß sogleich fort." Diese Ausdrücke bezeugten, daß der arme Hamish nicht ahncte, zwei Nächte und ein Tag seien vorüber, seit er den verhäng- nißvollen Becher geleert hatte, und ElSpat mußte jetzt die Gefahr bestehen, die sie ihren Gefühlen nach wohl erkannte, sowie auch die peinliche Aufgabe lösen, ihre Ränke ihm zu eröffnen. „Vergebt mir, mein Sohn," sagte sie, indem sie Hamish näher trat und ihn mit einem ehrfurchtsvollen Ausdruck an seiner Hand nahm, welchen sie vielleicht nicht immer gegen seinen Vater, sogar in seiner finstersten Stimmung, gezeigt hatte. „Ich Euch vergeben, Mutter, weßhalb?" fragte Hamish lachend, „dafür, daß Ihr mir einen Trank gegeben habt, welcher für mich zu stark war, und dessen Wirkung jetzt mein Kopf noch empfindet, oder daß Ihr meine Mütze verstecktet, um mich einen Augenblick noch länger zurückzuhalten? Ihr habt mir vielmehr zu verzeihen. Gebt mir meine Mutze oder ich gehe ohne dieselbe fort, sicherlich darf ich mich durch einen so unbedeutenden Mangel nicht aufhalten lassen, da ich Jahre lang nichts weiter hatte, als einen Riemen aus Hirschleder, um mein Haar damit zu binden. Treibt keinen Scherz, sondern gebt sie mir, oder ich muß mit unbedecktem Kopfe fort, da cs für mich unmöglich ist zu bleiben." „Mein Sohn," sagte Elspat, indem sie seine Hand fest- 513 hielt, „was einmal geschehen ist, läßt sich nicht ändern; könntet Ihr die Flügel jenes Adlers leihen, so würdet Ihr für dasjenige, was Ihr wollt, zu spät am Dun ankommen — zu früh für das, was Euch dort erwartet. Ihr glaubt, daß Ihr die Sonne zum ersten Mal aufgehen seht, seit Ihr ihren Untergang erblicktet, allein gestern stand sie über dem Ben Cruachan, obgleich Eure Augen ihrem Lichte verschlossen waren." Hamish warf auf seine Mutter einen wilden Blick äußersten Schreckens; alsdann sagte er, sich sogleich wieder fassend: „ich bin kein Kind, um durch solche Streiche mich an der Ausführung meines Entschlusses hindern zu lassen — lebt wohl, Mutter, jeder Augenblick ist ein Leben werth." „Bleibe," sagte sie, „mein theurer, betrogener, mein getäuschter Sohn; stürze dich nicht in Schande und Untergang, dort sehe ich den Priester auf der Landstraße mit seinem weißen Pferde kommen; frage ihn nach dem Tage in der Woche, laß ihn zwischen uns entscheiden." „Mit der Schnelligkeit des Adlers stürzte Hamish die Höhe hinan und stand bei dem Pfarrer von Glenorquhy, welcher so früh seine Wohnung verlassen hatte, um einer unglücklichen Familie bei Bunawe seine Tröstung zu ertheilen. Der gute Mann erschrack etwas, als er einen bewaffneten Hochländer, damals eine ungewöhnliche Erscheinung, auf sich zukommen sah, und zwar einen Mann, der offenbar in großer Aufregung sich befand, als dieser sein Pferd am Zügel ergriff und ihn mit stockender Stimme nach dem Tage der Woche und des Monats fragte. „Wäret Ihr gewesen, wo Ihr gestern hättet sein sollen, junger Mann," erwiderte der Geistliche, „so hättet Ihr wissen Das gefährl. Schloß u. and. Erzähl. zz 514 muffen, daß es Sabbath war, und daß der heutige Tag ein Montag, der zweite Tag der Woche und der einundzwanzigste des Monats ist." „Und ist dieß wahr?" fragte Hamish. „So wahr," erwiderte der überraschte Pfarrer, „wie der Umstand, daß ich gestern das Wort Gottes meiner Gemeinde predigte — was habt Ihr, junger Mann? seid Ihr krank? seid Ihr in Eurem Geiste verstört?" Hamish gab keine Erwiderung und wiederholte bei sich den ersten Ausdruck des Geistlichen: „wäret Ihr gestern gewesen, wo Ihr hättet sein sollen!" mit den Worten ließ er den Zügel fahren, wandte sich von der Straße weg und stieg den Weg nach der Hütte mit den Blicken und den Schritten eines Mannes hinab, welcher zur Hinrichtung geführt wird. Der Pfarrer blickte ihm mit Erstaunen nach, denn obgleich er die Bewohnerin in der Hütte kannte, so hatte ihn Elspats Ruf nicht veranlaßt, eine Verbindung mit ihr anzuknüpfen, weil sie als katholisch oder vielmehr als gleichgültig gegen Religion galt, mit Ausnahme einiger abergläubischer Gebräuche, welche ihr von ihren Eltern überliefert waren. Dem jungen Hamish hatte der ehrwürdige Herr Tprie Belehrungen ertheilt, wenn er ihn gelegentlich antraf; war der Same unter das Brombeeren- und Dorngesträuch eines wilden und ungebildeten Charakters gefallen, so war er nicht gänzlich erstickt oder zerstört worden. Es lag etwas so Grauenhaftes im Ausdruck der Züge des jungen Mannes, daß der gute Mann in Versuchung kam, zur Hütte zu gehen und sich zu erkundigen, ob irgend ein Unglück die Bewohner befallen habe, wobei seine Gegenwart tröstlich und sein Dienst nützlich sein könne. Unglücklicherweise beharrte er nicht in seinem Entschlüsse, welcher ein großes Unglück hätte verhindern können, da er wahrschein- 515 lich ein Vermittler für den unglücklichen jungen Mann hätte werden können; sondern eine Erinnerung an die wilden Lei'- denschaften der Hochländer, die nach der alten Weise des Landes erzogen waren, verhinderte, daß er sich mit der Wittwe und dem Sohn des weit gefürchteten Räubers Mac Tavish Mhor einließ; so entging ihm eine Gelegenheit Gutes zu thun, welche versäumt zu haben er später sehr bereute. Als Hamish Mac Tavish in die Hütte seiner Mutter trat, warf er sich auf das so eben verlassene Bett mit dem Ausruf: »Verloren, verloren!" um im Geschrei des Zornes und GramS seinem tiefen Gefühle über den Betrug, der an ihm verübt war, und über die grausame Lage, worin er sich befand, Lust zu machen. Elspat war auf den ersten Ausbruch der Leidenschaft ihres Sohnes vorbereitet und dachte bei sich: »es ist nur der Bergstrom, den ein Gewitter angeschwellt hat; setze» wir uns, und ruhen wir am Ufer, ungeachtet alles jetzigen Gebrauses, so wird die Zeit kommen, wo wir trockenen Fußes hindurchgeben können." Sie ließ seine Klagen und Vorwürfe, welche sogar >in Mitte seines Schmerzes achtungsvoll und liebevoll waren, ohne eine Antwort zu geben, vorübergehen; als er zuletzt alle Ausrufungen des Kummers, erschöpft hatte, welche seine Sprache, reich im Ausdruck der Gefühle des Herzens, dem Leidenden darbietet, und in finsteres Schweigen versank, ließ sie beinahe eine Stunde verschwinden, ehe sie zum Lager ihres Sohnes hintrat. „Und habt Ihr jetzt," sagte sie zuletzt mit einer Stimme, worin die Würde der Mutter durch Zärtlichkeit gelindert war, „Euren eitlen Kummer erschöpft, und könnt Ihr vergleichen dasjenige, was Ihr gewonnen habt, mit demjenigen, was Ihr verlöret? Ist der falsche Sachse von Diarmid Euer S3* 516 Bruder oder der Vater Eures Stammes, daß Ihr weinet, weil Ihr Euch nicht an seinen Degengurt binden und Einer von denen werden könnt, welche seine Gebote vollbringen möchten? Könnt Ihr in jenem entfernten Lande die Seen und Berge wieder finden, die Ihr hier verlaßt? Könnt Ihr den Hirsch von Breadalbane in den Wäldern von Amerika jagen, oder wird der Ocean Euch die Salmen mit silbernen Schuppen, die der Awe Euch gewährt, darreichen? Erwägt, was Euer Verlust ist, und dann vergleicht ihn wie ein weiser Mann mit dem, was Ihr gewonnen habt." »Ich habe Alles verloren, Mutter," erwiderte Hamish, „denn ich habe mein Wort gebrochen und meine Ehre verloren ; ich könnte den Vorfall erzählen, aber wer würde mir glauben?" Der unglückliche Mann legte die Hände zusammen, drückte sie auf seine Stirne und verbarg sein Antlitz auf dem Lager. Elspat gerieth jetzt wirklich in Schrecken, und wünschte vielleicht, daß der verhängnißvolle Betrug nicht von ihr versucht sei; sic hatte jetzt keine andere Hoffnung oder Zuflucht, als in der Beredtsamkeit, an welcher sie kein geringes Theil besaß, obgleich deren Kraft dadurch unwirksam blieb, daß fie die Welt, wie sic war, durchaus nicht kannte. Sie drängte ihren Sohn durch jedes zärtliche Beiwort, welches eine Mutter gebrauchen kann, Sorge für seine Sicherheit zu tragen. „Ueberlaßt es mir," sagte fie, »Eure Verfolger zu täuschen, ich will Eure Ehre retten — ich werde ihnen sagen, daß mein schönhaariger Hamish vom Corrie-Dhu (dem schwarzen Abgrund) in den See fiel, dessen Boden noch nie ein menschliches Auge gesehen hat. Ich will ihnen dieses sagen, und will Euren Mantel auf die Dorne werfen, welche am Rande des Abgrundes wachsen, damit fie meinen Worten Glauben scheu- 517 ken. Sie werden es glauben und zum Dun mit dem doppelten Gipfel zurückkehren; denn obgleich die sächsische Trommel die Lebendigen zum Tode zu laden vermag, kann sie nicht die Tobten zu ihrer sklavischen Fahne zurückrufen. Dann werden wir nordwärts zu den Salzseen von Kindale reisen, damit Berge und Thäler zwischen uns und den Seen von Diarmid liegen. Wir wollen die Ufer des dunklen SeeS besuchen, und meine Verwandten (denn gehörte nicht meine Mutter zu den Kindern vonKenneth?) werden mit der alten Liebe unserer gedenken — meine Verwandten werden uns mit der Liebe der alten Zeit empfangen, welche in jenen entfernten Thälern lebt, wo die Galen noch in all' ihrem Adel un- vermischt mit den groben Sachsen oder mit der niedrigen Brut leben, welche aus ihren Werkzeugen und ihren Sklaven besteht." Die Kraft der Sprache, bisweilen mit Uebertreibungen sogar in den gewöhnlichsten Ausdrücken verbunden, schien jetzt beinahe zu schwach, um Elspat die Mittel zur Entwerfung des glänzenden Bildes zu gewähren, welches sie ihrem Sohne von dem Lande ausmalte, worin sie ihm Zuflucht zu finden vorschlug. Es waren jedoch wenig Farben, womit sie ihr hochländisches Paradies ausmalen konnte. „Die Berge," sagte sie, „sind höher und prächtiger als die von Breadalbane — BcwCruachan ist nur ein Zwerg gegen Skoorora. Die Seen sind breiter und größer, und haben nicht allein Ueberfluß an Fischen, sondern auch an dem bezauberten und amphibischen Thiere, welches der Lampe das Oel gibt''). Die Hirsche sind größer und zahlreicher — der Eber mit den weißen Stoß- *) Die Seehunde werden von den Hochländern als bezauberte Prinzen betrachtet. 518 zähnen, dessen Jagd die Tapfern vorzugsweise erfreut, wird noch in jenen westlichen Lagern aufgejagt — die Männer sind edler, weiser und stärker als die entartete Brut, die unter dem sächsischen Banner lebt. Die Töchter des Landes sind reizend, mit blauen Augen und schönem Haar; aus ihnen will ich für dich, Hamish, ein Weib von tadelloser Abkunft, fleckenlosem Ruf, fester und wahrer Liebe wählen, welche wie ein Sonnenstrahl in unserer Sommerhütte, und in unserer Winterwohnung wie die Wärme des nothwendigen Feuers sein wird." Mit solchen Reden suchte Elspat die Verzweiflung ihres Sohnes zu mindern, und ihn womöglich zum Entschlüsse zu bringen, daß er den verhängnißvollen Ort verlasse, auf welchem zu bleiben er entschlossen schien. Der Styl ihrer Rede war poetisch, glich aber in anderer Hinsicht demjenigen, welchen sie, wie andere zärtliche Mütter, bei Hamish, als er noch ein Kind oder Knabe war, verschwendet hatte, um seine Einwilligung zu irgend Etwas, was er nicht thun wollte, zu erlangen; sie sprach lauter, schneller und ernstlicher im Ver- hältniß, wie sie daran verzweifelte, daß ihre Worte Ueber- zeugung erweckten. Auf die Seele von Hamish machte ihre Beredtsamkeit keinen Eindruck. Er kannte weit besser als sie den wirklichen Zustand des Landes, und wußte sehr wohl, daß er sich zwar als Flüchtling in den entfernteren Gebirgen verstecken könne, daß es aber jetzt in den Hochlanden keinen Winkel gebe, worin sich das Gewerbe seines Vaters üben lasse, sogar wenn er nicht nach den veredelten Vorstellungen seiner Zeit die Meinung angenommen hätte, das Gewerbe des Freibeuters sei nicht länger der Weg zu Ehren und Auszeichnungen. Ihre Worte gelangten deßhalb nur in rücksichtslose Ohren, und 519 sie erschöpfte vergeblich alle ihre Beredtsamkeit in Versuchen, das Land der Verwandten ihrer Mutter in solchen Ausdrücken zu schildern, daß Hamish in Versuchung käme, sie dorthin zu begleiten. Sie sprach stundenlang, sprach aber vergeblich; sie konnte keine andere Antwort als Gestöhn, Seufzer und Ausrufungen aus ihm herausbringen, welche die äußerste Verzweiflung anzeigten. Zuletzt sprang sie auf und vertauschte den einförmigen Ton, womit sie gleichsam das Lob des Landes ihrer Zuflucht besungen hatte, mit der kurzen und finsteren Sprache heftiger Leidenschaft. „Ich bin eine Thörin," sagte sie, „meine Worte an einen trägen Burschen von ärmlichem Muth und ohne Verstand zu verschwenden, welcher sich wie ein Hund vor der Peitsche duckt. Bleibe hier und erwarte deine Zuchtmeister, sowie deine Bestrafung von ihren Händen, glaube aber nicht, daß deiner Mutter Augen es sehen werden. Ich könnte es nicht sehen und am Leben bleiben. Meine Augen haben oft auf den Tod, niemals aber auf Schande geblickt! Lebe wohl, Hamish, wir sehen uns niemals wieder " Sie stürzte aus der Hütte so schnell wie ein Kibitz, und hegte auch vielleicht im Augenblick wirklich die von ihr ausgesprochene Absicht, sich von ihrem Sohne zu trennen. Einen furchtbaren Anblick hätte sie einem Jeden dargeboten, der ihr an jenem Abend begegnet wäre, als sie durch die Wildniß wie ein ruheloses Gespenst wandelte, und mit sich in einer Sprache redete, welche keine Uebcrsetzung gestattet. Sie schweifte stundenlang umher und suchte eher die gefährlichsten Wege auf, als daß sie dieselben vermied. Der ungewisse Fußpfad durch den Morast, der steile Gang am Rande eines Abgrundes, oder an dem Ufer eines reißenden und tiefen Stromes waren die Wege, welche sie eifrig aufsuchte und mit 520 verwegener Hast beschritt. Der aus Verzweiflung entspringende Muth war aber das Mittel zur Rettung ihres Lebens, welches fie vielleicht zu beenden wünschte, obgleich Selbstmord mit Ueberlegung in den Hochlanden selten vorkam. Ihr Schritt am Rande des Abgrundes war so fest, als derjenige der wilden Ziege; ihr Auge war bei ihrer Aufregung selbst im Dunkeln so scharf, daß fie die Gefahren erkannte, welche ein Fremder am Mittage nicht bemerkt haben würde. Elspats Lauf ging nicht in gerader Richtung vorwärts, denn sonst wäre fie bald von der Hütte, worin ihr Sohn geblieben war, weit entfernt gewesen. Er bildete mehrere Umwege, denn die Hütte war der Mittelpunkt, woran ih^ Herz gefesselt blieb; als fie dieselbe umging, empfand fie die Unmöglichkeit, die Umgegend zu verlassen. Mit dem ersten Sonnenstrahl kehrte fie zur Hütte zurück. Sie blieb eine Weile vor der aus Zweigen geflochtenen Thür stehen, als schäme fie sich, daß ihre Zärtlichkeit fie an den Ort zurückführe, welchen fie in der Absicht, niemals wiedcrzukehren, verlassen hatte; ihr Zaudern beruhte jedoch noch mehr auf Furcht und Angst — auf Angst, daß ihr schönhaariger Sohn von den Wirkungen des Trankes erkrankt sei — auf Furcht, daß seine Feinde zu ihm während der Narbt gekommen wären. Sie öffnete leise die Thür der Hütte und trat mit geräuschlosen Schritten ein. Von Kummer und Angst erschöpft, und vielleicht noch nicht gänzlich von dem Einfluß des starken Schlaftrunkes wiederhergestellt, lag Hamish Bcan wiederum in dem tiefen Schlafe, welcher die Indier während der Unterbrechung ihrer Folter ergreifen soll. Seine Mutter konnte sich kaum überzeugen, daß sie wirklich seine Gestalt auf dem Bette erkannte, und daß ihr Ohr den tiefen Ton seines Athems vernahm. Mit 521 klopfendem Herzen ging Elspat zu dem Feuerherde in der Mitte der Hütte, wo, mit einem Rasenstück bedeckt, die glimmende Asche des Feuers lag, welches auf einem schottischen Herde nie erlischt, bis die Einwohner den Platz für immer verlassen. „Schwache Asche," sagte sie, als sie mit Hülfe eines Schweselholzes einen Spahn der Sumpffichte entzündet hatte, welcher anstatt des Lichtes dienen sollte; „schwache Asche, du wirst bald auf immer erlöschen, und der Himmel gebe, daß das Leben der Elspat Mac Tavish nicht länger dauert, als das deinige!" Mit den Worten erhob sie das brennende Licht gegen das Bett, worauf die gestreckten Glieder ihres Sohnes in einer Stellung lagen, bei welcher es zweifelhaft war, ob er schlafe, oder in Ohnmacht gefallen sei. Als sie auf ihn zutrat, fiel das Licht auf seine Augen; er fuhr sogleich empor und trat mit dem bloßen Dolch in der Hand und mit einem weiten Schritt wie ein Mann vorwärts, welcher bewaffnet ist, um seinem tödtlichen Feind zu begegnen, indem er ausrief: »stehe zurück, bei deinem Leben, stehe zurück!" „Das ist das Wort und die Handlung Meines Gemahls," erwiderte Elspat, »ich erkenne an Rede und Schritt den Sohn von Mac Tavish Mhor." „Mutter," sagte Hamish, indem sein Ton verzweifelter Festigkeit in den eines schwermüthigen Vorwurfs überging; „ach, theuerste Mutter, weßhalb seid Ihr zurückgekehrt?" „Frage, weßhalb die Hindin zu ihrem Rehkalbe, weßhalb die Katze des Berges zu ihrem Lager und ihren Jungen zurückkehrt?" sagte Elspat. »Wißt Ihr nicht, Hamish, daß das Herz der Mutter nur in dem Busen ihres Kindes lebt?" „Dann wird es bald aufhören zu schlagen," sagte Hamish, 5M „wenn es nicht unter einem Busen schlagen kann, der unter dem Rasen liegt — Mutter, tadelt mich nicht; wenn ich weine, so geschieht cs nicht um meinetwillen, sondern um Euch, denn meine Leiden werden bald vorüber sein, aber die Eurigen — nur der Himmel kann ihnen eine Grenze setzen!" Elspat schauderte und schritt zurück, nahm aber sogleich wieder ihre feste und aufrechte Stellung und ihre furchtlose Haltung an. „Ich dachte eben jetzt," sagte sie, „du seiest ein Mann, allein du bist wiederum ein Kind; höre noch einmal auf meine Worte, und laß uns diesen Ort zusammen verlassen. Habe ich dir ein Unrecht erwiesen? ist das der Fall, so räche cS nicht so grausam. Siehe, Elspat Mac Tavish, welche niemals vor einem Priester kniete, fällt ihrem eigenen Sohne zu Füßen, und bittet ihn um Verzeihung." Sie fiel vor dem jungen Manne auf ihr Knie, ergriff seine Hand, küßte sie hundert Mal, und wiederholte eben so oft in herzzerreißenden Tönen die ernstlichstcn Bitten um Verzeihung. „Verzeihung," rief sie aus, „bei der Asche Eures Vaters — Verzeihung bei den Schmerzen, mit denen ich dich gebar, und bei der Sorge, mit der ich dich aufzog! — höre es, Himmel, und sie- es, Erde — die Mutter bittet ihr Kind um Verzeihung, und dieß wird ihr verweigert!" ES war vergeblich, daß Hamish diesen Strom der Leidenschaft durch die Versicherung zu hemmen suchte, er vergebe ihr den verhängnißvollen Betrug, welchen sie gegen ihn verübt habe. „Eitle Worte," sagte sie, „eitle Betheuerungen, die nur Euren versteckten Zorn verbergen sollen. Wollt Ihr, daß ich Euch glaube, so verlaßt diese Hütte sogleich und entfernt Euch 523 von einer Gegend, worin der Aufenthalt mit jeder Stunde für Euch gefährlicher wird. Thut dieß, und alsdann kann ich glauben, daß Ihr mir vergeben habt; verweigert Ihr dieß, so rufe ich Mond und Sterne als Zeugen des unbiegsamen Grolles an, womit Ihr Eure Mutter wegen eines Fehlers verfolgt, welcher allein aus Liebe zu Euch entsprang, wenn es wirklich ein Fehler ist." »Mutter," sagte Hamish, „in diesem Punkte könnt Ihr mich nicht anderen Sinnes machen. Ich will vor keinem Menschen fliehen. Wenn Barcaldine jeden Galen schicken würde, der unter seinem Banner steht, so würde ich sie Alle hier und an diesem Ort erwarten; wenn Ihr mir befehlt zu fliehen, so könntet Ihr eben sowohl dem Berge gebieten, seine Grundlage zu lockern. Würde ich den Weg kennen, auf welchem sie hieher kommen, so würde ich ihnen die Mühe, mich zu suchen, ersparen, ich könnte aber über die Berge gehen, während sie vom See her sich nahen. Hier will ich mein Schicksal erwarten. In Schottland ist keine Stimme mächtig genug, daß ich ihrem Befehle, mich von der Stelle zu rühren, gehorchen sollte." „Dann will auch ich hier bleiben," sagte Elspat mit erzwungener Fassung, indem sie aufstand. „Ich habe den Tod meines Gatten gesehen — meine Augenlider werden keinen Schmerz empfinden, wenn sie den Fall meines Sohnes blicken. Allein Mac Tavish Mhor starb, wie es dem Tapfern geziemt, mit dem Schwert in der rechten Hand; mein Sohn wird sterben wie der Stier, welcher in den Fleischscharren des Sachsen, der ihn gekauft hat, getrieben wird." „Mutter," sagte der unglückliche junge Mann, „Ihr habt mir mein Leben genommen; zu diesem besitzt Ihr ein Recht, denn Ihr habt es mir gegeben; allein verletzt nicht meine Ehre! Ich erhielt sie von der tapfern Reihe meiner Vorfahren, und sie soll weder durch die That eines Mannes, noch durch die Worte eines Weibes befleckt werden; was ich thun werde, weiß ich vielleicht noch nicht. Führt mich aber nicht wieder durch Vorwürfe in Versuchung; Ihr habt mir schon Wunden geschlagen, die Ihr nicht zu heilen vermögt." „Gut, mein Sohn," erwiderte Elspat; „erwarte von mir weder Klagen, noch Vorstellungen, sondern lasse uns schweigen, und das Schicksal, welches uns der Himmel sendet, erwarten." Die Sonne erhob sich am nächsten Morgen, und fand die Hütte schweigend wie das Grab; die Mutter und der Sohn waren aufgestanden und betrieben ihre besonderen Beschäftigungen ; Hamish setzte seine Waffen mit der größten Genauigkeit, aber mit dem Ausdruck tiefer Niedergeschlagenheit, in gehörigen Stand. Elspat beschäftigte sich, rastlos in ihrer heftigen Gemüthsbewegung, mit der Bereitung der Nahrung, deren Genuß Beide eine ungewöhnliche Zahl von Stunden während ihres gestrigen Schmerzes unterlassen hatten. Sie setzte dieselbe» sobald sie bereitet war, auf den Tisch vor ihrem Sohne, mit den Worten des galischen Dichters: „Ohne tägliche Nahrung steht des Landmanns Pflug in der Furche still, ohne tägliche Nahrung ist das Schwert des Kriegers zu schwer für seine Hand. Unser Leib ist unser Sclav, allein er muß genährt werden, wenn er seinen Dienst vollbringen soll. So sprach in alten Zeiten der blinde Barde zu den Kriegern von Fion." Der junge Mann gab keine Antwort, genoß aber die ihm Vorgesetzte Nahrung, als wolle er Kraft für das von ihm erwartete Ercigniß erlangen. Als seine Mutter sah, daß er zur Genüge gegessen hatte, füllte sie wieder den verhängnisvollen Becher und überreichte ihn am Schluffe der Mahlzeit. 525 Mit einer krankhaften Bewegung, welche Furcht und Abscheu auSdrnckte, stieß er ihn aber zurück. »Mein Sohn," sagte sie, dießmal habt Ihr gewiß keine Ursache zur Furcht." »Drängt mich nicht, Mutter," erwiderte Hamish, »oder thut Gift in eine Flasche, dann will ich trinken; nicht aber will ich aus diesem verruchten Becher und von jenem die Seele zerstörenden Tranke kosten." „Wie es Euch beliebt, mein Sohn," sagte Elspat mit Stolz, und begann mit vieler scheinbaren Emsigkeit die verschiedene häusliche Arbeit, welche während des vergangenen Tages unterbrochen worden war. Was sie auch auf dem Herzen haben mochte, alle ihre Angst schien aus ihrem Blicke und Benehmen verbannt, nur aus der übertriebenen Thätig- keit geräuschvoller Anstrengungen hätte ein schärferer Beobachter erkennen können, daß ihre Handlungen durch eine innere Ursache peinlicher Aufregungen bedingt waren; ein solcher Zuschauer hätte auch bemerken können, daß sie oft die Stellen ihrer Lieder, die sie leise vor sich hin sang, offenbar ohne zu wissen, was sie that, plötzlich abbrach, um einen hastigen Blick aus der Thür der Hütte zu richten. Von welcher Art auch die Stimmung des Hamish sein mochte, so war sein Benehmen ganz das Gegenthcil desjenigen seiner Mutter. Nachdem er seine Waffen gereinigt und in Stand gesetzt hatte, was er in der Hütte ausführte, setzte er sich an die Thüre und überwachte den gegenüberliegenden Berg wie eine Schildwacht, welche die Annäherung eines Feindes erwartet. Der Mittag hatte ihn in derselben unveränderten Stellung gefunden, als seine Mutter eine Stunde nach dieser Tageszeit neben ihm stehend, die Hand auf seine Schulter legte und mit gleichgültigem Tone, als spreche sie von einem freundschaft- 526 lichen Besuch, die Frage an ihn richtete: „Wann erwartest du sie?" „Sie können nicht eher hier sein, als bis der Schatten des Abends auf den Osten fällt," erwiderte Hamish, „d. h. sogar wenn die nächste Abtheilung, vom Sergeanten Allan Breack Cameron befehligt, aus Dunbarton hieher geschickt wird, was sehr wahrscheinlich ist." „So tritt noch einmal unter deiner Mutter Dach, theile das letzte Mal noch die Nahrung, die sie bereitet hat; dann laß sie kommen, und du wirst sehen, ob deine Mutter ein nutzloses lästiges Ding in den Tagen des Kampfes ist Deine Hand, so geübt sie ist, kann nicht diese Gewehre so schnell abfeuern, als ich sie zu laden vermag, und wenn es »othwendig ist, so fürchte ich selbst nicht den Blitz mit dem Knall, und mein Schuß galt als tödtlich." „In des Himmels Namen, Mutter, mischt Euch nicht in diese Angelegenheit," sagte Hamish. „Allan Breack ist ein kluger und gütiger Mann und stammt aus gutem Geschlecht. Vielleicht kann er mir im Namen unserer Offiziere versprechen, daß sie keine beschimpfende Strafe über mich verhängen, und ich muß mich glücklich schätzen, wenn sie mir Einsperrung im Gefängniß oder den Tod durch die Kugel zuerkennen." „Und du willst ihrem Worte trauen, thörichter Knabe? Bedenke, das Geschlecht von Diarmid redete stets in schönen und falschen Worten; sobald sie Fesseln um deine Hände gelegt haben, werden sie deine Schultern mit der Geisel zerreißen." „Spart Euren Rath, Mutter," sagte Hamish mit finsterem Ausdruck, „meine Seele ist entschlossen." Obgleich Hamish so redete, um der ihn gleichsam zu Tode hetzenden Aufreizung seiner Mutter zu entgehen, hätte er 527 dennoch in dem Augenblick unmöglich sagen können, zu welchem Verfahren er sich bestimmt entschlossen habe. Nur über einen Punkt war er entschieden, nämlich sein Schicksal zu erwarten, von welcher Art es auch sein mochte, und den Bruch seines Wortes, dessen er sich unwillkürlich schuldig gemacht hatte, nicht dadurch zu erschweren, daß er noch einen Versuch, um der Strafe zu entgehen, hinzufügte. Er erkannte, daß dieß Verfahren der Selbstaufopferung seiner eigenen Ehre, sowie der seiner Landsleute gebühre- Welchem seiner Kameraden würde man jetzt noch trauen, könnte man ihn als einen Wortbrüchigen betrachten, welcher das Vertrauen seiner Offiziere getäuscht habe? Werden nicht die Galen Hamish Bean Mac Tavish anklagen, daß er den Argwohn bestätigt habe, welchen der sächsische General, wie man wußte, gegen die Zuverlässigkeit der Hochländer hegte? Er war deßhalb fest entschlossen, sein Schicksal zu erwarten, ob er aber die Absicht hegte, sich der zu seiner Verhaftung abgesandten Abtheilung friedlich zu überliefern, oder aber dieselbe durch scheinbaren Widerstand zu seiner augenblicklichen Tödtung aufreizen wollte, war eine Frage, welche er sich selbst nicht hätte beantworten können. Sein Wunsch, Barcaldine zu sehen und die Ursache seiner Abwesenheit zur festgesetzten Zeit ihm darzu- legcn, trieb ihn zu dem einen Verfahren Hinz seine Furcht vor beschimpfender Strafe und vor den bittern Vorwürfen seiner Mutter reizten ihn stark zu letzterem und gefährlicherem Zwecke. Er überließ cs dem Zufall, wenn die Entscheidung kommen würde, auch trat die erwartete Katastrophe bald für ihn ein. Der Abend nahte, die riesenhaften Schatten der Berge strömten dunkel nach Osten, während ihre westlichen Gipfel in Scharlach und Gold erglänzten. Die Straße, welche sich 528 um den Ben Cruachan windet, war von der Thürc der Hütte aus vollkommen sichtbar, als eine Abthcilung von fünf hochländischen Soldaten, deren Waffen im Sonnenschein strahlten, plötzlich vom entferntesten Ende der Heerstraße her sichtbar wurde, wo dieselbe hinter dem Berge hervor kömmt. Einer aus der Abtheilung ging Vieren voran, welche in regelmäßiger Linie der militärischen Disciplin marschirten. Es herrschte kein Zweifel, nach den von ihnen getragenen Gewehren, Mänteln und Mützen, daß sie zuHamish'ü Regiment gehörten und von einem Unteroffizier befehligt wurden; ebenso gewiß war der Zweck ihrer Erscheinung an den Ufern des Loch Awe. „Sie kommen schnell vorwärts," sagte die Wittwe Mac Tavish Mhor, „ich werde mich wundern, wie schnell oder wie langsam einige von ihnen heimkehrcn werden! Es sind ihrer aber fünf und das ist zu viel für einen offenen Kampf. Geht in die Hütte zurück, mein Sohn und schießt aus der schmalen Fensteröffnung neben der Thüre. Zwei könnt ihr erschießen bevor sie von der Landstraße in den Fußpfad cin- biegcn, dann sind nur noch drei übrig. Euer Vater hat mit meiner Hülfe oft einer solchen Anzahl Widerstand geleistet." Hamish Bean nahm die von seiner Mutter gereichte Flinte, wagte sich aber nicht von der Thüre weg. Er wurde bald von der Abtheilung der Landstraße erblickt, wie sich daraus ergab, daß sie ihren Schritt bis zum Lauf beschleunigte; die Reihe hielt jedoch zusammen, wie zusammengekoppelte Hühnerhunde, während sie mit großer Geschwindigkeit vordrangen. In weit weniger Zeit, als Soldaten dazu gebraucht haben würden, welche an ein Gcbirgsleben nicht gewohnt waren, hatten sie die Landstraße verlassen, den engen Pfad überschritten und sich der Hütte auf Pistolenschußweite ge- 529 nähert, in deren Thure Hamish, wie eine Statue mit dem Gewehr in der Hand stand, während seine Mutter hinter ihm befindlich und beinahe wahnsinnig durch die Heftigkeit ihrer Leidenschaften ihm mit den stärksten Ausdrücken, welche die Verzweiflung nur ersinnen konnte, Mangel an Entschlossenheit vorwarf. Ihre Worte steigerte das bittere Gefühl, welches sich in der Brust des jungen Mannes erhob, als er die unfreundschaftliche Eile bemerkte, womit feine kürzlichcn Kameraden auf ihn cindrangen, wie Hunde über den sich stellenden Hirsch herfallen. Die unbezähmte und heftige Leidenschaft, sein Erbtheil von Vater und Mutter, erwachte bei der vermeintlichen Feindlichkeit derer, welche ihn verfolgten; der Zwang, welchen sein nüchternes Urthcil bis dahin über dieselbe geübt hatte, begann allmälig zu weichen. Der Sergeant rief ihm zu: „Hamish Bean Mac Tavish, legt Eure Waffen nieder und ergebt Euch." „Bleibt stehen, Allan Breack Cameron, und gebt Euren Leuten Befehl stillzustehen, oder es gereicht uns Allen zum Unglück." „Halt!" kommandirte der Sergeant seinen Leuten, ging aber selbst weiter voran. „Hamish, bedenkt was Ihr thut und überliefert Euer Gewehr; Ihr könnt Blut vergießen aber der Strafe nicht entgehen." „Die Geißel, die Geißel! mein Sohn, hüte dich vor der Geißel!" flüsterte seine Mutter. „Hütet Euch, Aklan Breack!" sagte Hamish, „ich mögteEuch nicht gern freiwillig Schaden thun, aber ich will mich nicht gefangen nehmen lassen, wenn Ihr mir nicht Sicherheit gegen die sächsische Peitsche gewähren könnt?" „Thor," erwiederte Cameron, „Ihr wißt, daß ich dies nicht vermag, aber Alles, was ich kann, will ich für Euch thun. Das gefährl- Schloß «. and. Erzähl. 34 X ^530^ Ich will sagen, daß ich Euch auf Eurer Rückkehr begegnete, und die Strafe wird nur leicht sein. Gebt aber Euer Gewehr ab; vorwärts ihr Leute!" Er drang sogleich vorwärts, indem er seinen Arm ausstreckte, als wolle er das angelegte Gewehr des jungen Mannes bei Seite schieben. Elspat rief aus: „jetzt schont nicht Eures Vaters Blut, um Eures Vaters Herd zu vertheidigen!" Hamish gab Feuer und Cameron stürzte todt zu Boden. — Alles dies ereignete sich gewissermaßen in demselben Augenblick. Die Soldaten stürzten vorwärts und ergriffen Hamish, welcher über seine That versteinert schien und nicht den geringsten Widerstand leistete. Nicht so seine Mutter. Als sie sah, daß die Soldaten ihrem Sohn Handschellen anlcgen wollten, warf sie sich auf dieselben mit solcher Wuth, daß zwei Mann sie halten mußten, während die Uebrigen den Gefangenen in Sicherheit brachten. „Seid Ihr nicht ein verfluchtes Geschöpf," sagte Einer der Soldaten zu Hamish, daß Ihr Euren besten Freund gctödtet habt, welcher auf dem ganzen Marsche an nichts weiter dachte, als wie er Euch von der Strafe für Eure Desertion befreien könne?" „Hört ihr das, Muttes?" sagte Hamish, indem er sich in so weit zu ihr hinwandte, als seine Fesseln es ihm gestatteten; allein die Mutier hörte nichts und sah nichts; sie war in Ohnmacht auf den Boden ihrer Hütte gesunken. Ohne zn warten bis sie wieder das Bewußtsein erlange, trat die Abtheilung beinahe sogleich mit ihrem Gefangenen den Marsch nach Dunbarton an. Sie hielt es jedoch für nothwendig, wenige Zeit im Dorfe Dalmakly zu bleiben, von wo sie einige Einwohner abschickte, um den Leichnam ihres unglücklichen Führers fortzubringcn, während sie sich selbst zum Friedensrichter begab, um den Vorgang anzuzeigen und denselben 531 um Anweisungen über ihr weiteres Verfahren zu ersuchen. Da das Verbrechen militärischer Art war, erhielten die Soldaten von demselben den Auftrag, ohne Verzug den Gefangenen nach Dunbarton zu bringen. Die Ohnmacht der Mutter von Hamish währte lange Zeit, vielleicht um so länger, weil ihre Körperkräste, so groß sie auch sein mochten, durch ihre vorhergehende dreitägige Erregung sehr erschöpft sein mußten. Sic wurde zuletzt aus ihrer Erstarrung durch weibliche Stimmen erweckt, welche den Coronach oder die Todtenklage mit klatschenden Händen und lauten Ausrufungen schrieen, während von Zeit zu Zeit die traurige Melodie eines dem Clan Camcroii eigenthürnlichen Klageliedes, auf dem Dudelsack gespielt, ertönte. Elspat fuhr empor, als erwache sie von den Todten, ohne genaue Erinnerung des Auftritts, welcher vor ihren Blicken sich ereignet hatte. Weiber waren in der Hütte, welche den Leichnam in dessen blutigen Mantel hüllten, bevor sie ihn von dem verhängnißvollen Orte wegirugcn. „Weiber," sagte sie, indem sie auffuhr und zugleich deren Gesang sowie deren Arbeit unterbrach — sagt mir, Weiber, singt ihr das Todten- lied von Mac Dbonuil Dhu im Hause von Mac Tavish Moor?" „Wölfin, schweige, mit deinem unheilvollen Geheul," er- wiederte eines der Weiber, eine Verwandte des Vorstorbenen, „laß uns unsere Pflicht unserem geliebten Verwandten erweisen; nie wird ein Coronach gerufen oder ein Klagelied für dich oder deinen blutigen Wolf gespielt werden. Die Raben werden ihn am Galgen fressen, und die Füchse und wilden Katzen werden deinen Leichnam ans den Bergen zerreißen. Verflucht sei der, welcher deine Gebeine segnen oder einen Stein zu deinem Leichenbügel hinzufügen wird!" „Tochter einer albernen Mutter," erwiderte die Wittwe ' 34 * 532 von Mac Tavish Moor, «wisset, daß der Galgen, wom Ihr uns droht, kein Theil unseres Erbcö ist. Dreißig Jahre lang hungerte der schwarze Baum des Gesetzes, dessen Aepfel die Leichen sind, nach dem geliebten Gatten meines Herzens; er starb aber wie ein tapferer Mann mit dem Degen in der Hand und betrog ihn um seine Hoffnung und seine Frucht." „So wird nicht das Schicksal deines Kindes sein, blutige Hexe," erwiderte die Trauernde, deren Leidenschaften ebenso heftig waren, als die der Elspat, „die Raben werden sein schönes Haar zerreißen, um ihre Nester zu füttern, bevor die Sonne unter den Trcshornish-Jnseln niedersinkt." Diese Worte erinnerte Eispat an die ganze Geschichte der letzten drei furchtbaren Tage. Zuerst stand sie erstarrt, als ob ihr äußerster Schmerz sie in Stein verwandelt habe; eine Minute später ward sie durch den Stolz und die Heftigkeit ihrer Leidenschaft, da sie nach ihrer Meinung an ihrer eigenen Schwelle im Trotz überboten war, nun zu der Antwort befähigt: „Ja, schmähende Hexe, mein schönhaariger Knabe mag sterben, allein nicht wird er sterben mit weißer Hand — sie wurde mit dem Blute seines Feindes, mit dem besten Blute eines Camcron gefärbt! Bedenke das, und wenn ihr euren Todten in sein Grab legt, so sei es seine beste Grabschrift, daß er von Hamish Bean gelobtet ist, weil er die Hand an den Sohn von Mac Tavish Moor an dessen eigener Schwelle zu legen versuchte. Lebt wohl — die Schande der Niederlage, des Verlustes und des Blutvergießens bleibt bei dem Clan, der dieses erlitt!" Die Verwandte des getödietcn Camcron erhob ihre Stimme zur Antwort, Elspat jedoch verachtete die gegenseitige Fortsetzung der Schmähungen, oder fühlte vielleicht, daß ihr Gram ihr Vermögen, Zorn auSzudrücken, überwältige» 533 könne; sie verließ die Hütte und ging fort in dem glänzenden Mondschein. Die Weiber, die sich am Leichnam des Ermordeten beschäftigten, sprangen auf von ihrer schmerzlichen Arbeit, um der schlanken Gestalt nachzublicken, als dieselbe unter den Klippen dahinglitt. „Es ist mir lieb, daß sie fort ist," sagte Eine der jüngeren Frauen, „ich mögte ebenso gern einen Leichnam zurichtcn, wenn der böle Feind selbst — Gott segne uns — sichtbar vor uns stünde, als wcnn Elspat vom Baume unter uns wäre. Ja, ja, sie hat zu ihrer Zeit viel zu viel Verkehr mit dem Teufel gehabt." „Albernes Weib," erwiderte die Frau, welche das Gespräch mit der fortgcgangenen Elspat unterhalten hatte, „glaubst du, daß cs einen schlimmeren Feind auf Erden oder unter derselben, als den Stolz und die Wuth eines beleidigten Weibes, wie dort jener blutigen Here giebt? Wisse, daß sie an Blut ebenso gewöhnt ist, wie ein Maaslieb an Thau. Sie hat den Tod von manchem braven Mann wegen geringer Beleidigung veranlaßt, die ihr und den Ihrigen erwiesen war, aber ihre Knieflechsen sind durchhauen, da ihre Wolfsbrut als Mörder den Tod des Mörders erleiden muß." Während die Weiber sich so unterredeten, als sie am Leichnam von Allan Breack Cameron wachten, setzte die unglückliche Ursache seines Todes ihren einsamen Pfad auf dem Gebirge fort. So lange sie die Hütte erblicken konnte, that sie sich einen starken Zwang an, damit keine ihrer Feindinnen durch ihre Veränderung in Schritt oder Bewegung Ursache zum Frohlocken habe, wenn das Uebcrmaß ihrer geistigen Aufregung oder vielmehr Verzweiflung berechnet würde. Sie ging deßhalb eher mit langsamen als mit schnellen Schritten, und schien mit aufrechter Haltung das erlittene Unglück zu 534 ertragen, sowie dem zukünftigen Troß zu bieten. Als sie aber von denen, die in der Hütte blieben, nicht mehr erblickt werden konnte, vermogte sie den äußersten Grad ihrer Bekümmerniß nicht länger unterdrücken. Ihren Mantel in wilder Weise um sich schlagend, hielt sie an der ersten Anhöhe, erklomm deren Gipfel, breitete ihre Arme nach dem Monde hin aus, als fluche sie dem Himmel und der Erde wegen ihres Unglücks, und ließ ihr wiederholtes Geschrei wie ein Adler ertönen, dessen Brut aus seinem Neste geraubt ist. Einige Zeit lang machte sie ihren Gram in diesen unartiku- lirten Tönen Lust, dann stürzte sie mit hastigen und ungleichen Schritten weiter fort, in der eitlen Hoffnung, die Abtbeilung einzuholen, welche ihren Sohn als Gefangenen nach Dunbarton brachten. Allein ihre Kraft, so übermenschlich sie auch schien, ging ihr bei dem Versuche aus; es war bei äußerster Anstrengung für sie unmöglich, ihren Zweck zu erreichen. Dennoch ging sie immer vorwärts mit aller Schnelligkeit, deren ihr erschöpfter Leib fähig war. Als Nahrung für sie unvermeidlich wurde, trat sie in die erste Hütte mit den Worten: „gebt zu essen, ich bin die Wittwe von Mac Tavish Moor, ich bin die Mutter von Mac Hamish Bean — gebt mir zu essen, damit ich noch einmal meinen schönhaarigen Sohn sehen kann." Die Bitte wurde nicht verweigert, obgleich dieselbe oft mit einer Art Kampf zwischen Mitleid und Abneigung von Einigen, an welche sie sich wandte, und von Anderen aus einiger Furcht gewährt ward. Der Antheil, den sie an der Veranlassung des Todes von Allan Breack Came- ron hatte, welcher nothwendig den ihres eigenen Sohnes nach sich ziehen mußte, war nicht genau bekannt; jedoch wegen der Kenntniß ihrer heftigen Leidenschaften und früheren Gewohnheiten hegte Niemand Zweifel, daß sie in der einen 535 oder andern Weise die Ursache des unglücklichen Ereignisses war, und Hamish Bean galt hinsichtlich des von ihm begangenen Todtschlages eher als das Werkzeug denn als der Mitschuldige seiner Mutter. Diese allgemeine Meinung seiner Landsleute war dem unglücklichen Hamish nur von wenig Nutzen. Da sein Hauptmann, Green Colin, die Sitten und Gewohnheiten seines Vaterlandes kannte, so war es ihm leicht, von Hamish alle Einzclnheiten seiner angeblichen Desertion und des darauf folgenden Todes des Unteroffiziers herauszubringen. Er fühlte das äußerste Mitleidcn für einen jungen Mann, welcher so als das Opfer der übertriebenen und verhängnißvollen Liebe seiner Mutter gefallen war- Er konnte aber keine Entschuldigung Vorbringen, die seinen unglücklichen Rekruten von der Todesstrafe hätte retten können, welche die Militärdisciplin und der Spruch eines Kriegsgerichtes wegen des von ihm begangenen Verbrechens gegen ihn verhängte. Das gerichtliche Verfahren ward sogleich eingcleitet, und nur ein geringer Zeitraum fand zwischen dem Urtheil und der Hinrichtung statt. — Der General war entschlossen, ein strenges Beispiel am ersten Deserteur zu geben, welcher in seine Hände falle, und jetzt bot sich ihm der Fall eines solchen, welcher sich ohnedem mit Gewalt vcrtheidigt, und den Offizier, welcher ihn gefangen nehmen sollte, erschossen hatte. Ein mehr geeigneter Gegenstand der Strafe konnte nicht ein- treten, und Hamish wurde zur unmittelbaren Hinrichtung verurthcilt.' Das Einschreiten seines Hauptmanns zu seinen Gunsten konnte nur den Tod eines Soldaten für ihn erwirken; man hatte nämlich beabsichtigt, ihn am Galgen hinzurichten. Der würdige Geistliche von Glenorquhy befand sich zufäl- 536 lig in Dunbarton wegen einer kirchlichen Versammlung zur Zeit als diese Katastrophe eintrat; er besuchte das unglückliche Mitglied seiner Gemeinde in seinem Gefä'ngniß, und fand, daß der junge Mann zwar unwissend, nicht aber verstockt war. Die Antworten, die er von ihm erhielt, als er sich über religiöse Gegenstände mit ihm untcrredete, waren solcher Art, daß er zu um so größerem Bedauern veranlaßt wurde, weil eine von Natur so reine und edle Seele unglücklicherweise so wild und ungebildet geblieben war. Als der würdige Pfarrer sich von dem guten Charakter des jungen Mannes überzeugt hatte, machte er sich herbe und heimliche Vorwürfe über seine eigene Blödigkeit und Furchtsamkeit, welche aus dem üblen Ruf der Verwandtschaft von Hamish hervorgegangen, ihn an der barmherzigen Bemühung verhindert hatte, dieß verirrte Schaf zur großen Heerde zurückzuführen. Während der gute Geistliche seine Feigheit vergangener Zeiten tadelte, wodurch er abgcschreckt worden war, seine Person zu wagen, um vielleicht eine unsterbliche Seele zu retten, beschloß er, sich nicht länger durch solche furchtsame Rathschläge leiten zu lassen, sondern durch sein Gesuch bei den Offizieren sich zu bemühen, ob er wenigstens keine Aufschiebung oder Verzögerung, wo nicht eine Erlassung der Strafe für den Verbrecher erlangen könne, für welchen er sowohl wegen seiner Gelehrigkeit als wegen der Großnrulh seines Charakters eine ungewöhnliche Theilnahme empfand. Somit machte der Geistliche dem Kapitän Campbell in den Kasernen der Garnison eine» Besuch. Auf der Stirne von Green Colin ruhte eine finstere Schwermulh, welche sich nicht minderte, sondern steigerte, als der Pfarrer seinen Namen, Stand und sein Gesuch sagte. »Ihr könnt mir nichts Besse- 537 res von dem jungen Manne sagen, als ich selbst zu glauben vollkommen geneigt bin," erwiderte der hochländische Offizier; „Ihr könnt mich nicht ersuchen, mehr für ihn zu thun, als ich aus eigenem Antriebe thun mogte und schon gethan habe, allein Alles ist vergeblich. Der General ist halb ein Niederländer, halb ein Engländer; er hat keinen Begriff von dem hohen und enthusiastischen Charakter, welcher in diesen Bergen oft hohe Tugenden in Verbindung mit großen Verbrechen bringt, die übrigens weniger Vergehen des Herzens als Jrrthümer des Verstandes find. Ich bin so weit gegangen, ihm zu sagen, daß er in diesem jungen Manne den besten und tapfersten meiner Compagnie hinrichten lasse, worin Alle oder wenigstens beinahe Alle gut und tapfer find. Ich habe ihm dargelegt, durch welchen sonderbaren Betrug die scheinbare Desertion des Verbrechers veranlaßt wurde, und wie wenig sein Herz an der Miffethat betheiligt ist, welche seine Hand unglücklicherweise vollbracht hat- Seine Antwort war, „„dieß ist wieder hochländischer Gespensterglaube, Kapitän Campbell; es ist eben so ungenügend und eitel wie das zweite Gesicht; eine Handlung der gröbsten Desertion ließe sich in jedem Fall eben so gut durch einen Rausch beschönigen, und die Ermordung eines Offiziers eben so leicht mit augenblicklichem Wahnsinn vertheivigen. Das Beispiel muß gegeben werden, und trifft es einen sonst guten Rekruten, so wird der Eindruck um so größer sein."" — Da dieß einmal des Generals unwandelbare Ansicht ist, fuhr Kapitän Campbell mit einem Seufzer fort, so sei es Eure Sorge, ehrwürdiger Herr, den jungen Verbrecher auf morgen früh zu der großen Veränderung vorzubereiten, der wir sämmtlich früher oder später uns unterwerfen müssen " »Und für welche," sagte der Geistliche, „Gott uns sämmt- 538 lich vorbcreiten möge, so wie ich, nach meiner Pflicht, diesem armen Jüngling meinen letzten Beistand leisten werde." Am nächsten Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen die grauen Thürme begrüßten, welche die Gipfel fencs eigen- thümlich gestalteten und furchtbaren Felsens krönen, erschienen die Soldaten des neuen hochländischen Regimentes im Schloß zu Dunbarton auf der Parade, und begannen, nachdem sie ihre Reihen gebildet hatten, die steilen Treppen und engen Durchgänge nach dem äußersten Thore hinabzurücken, welches am Fuße des Felsen liegt. Die wilden Töne eines hochländischen Kriegsgesanges wurden zu Zeiten vernommen, und wechselten mit den Tönen der Trommeln und Pfeifen im Todtenmarsche- Das Schicksal des unglücklichen Verbrechers erregte anfangs im Regimente nicht das allgemeine Mitgefühl, welches wahrscheinlich entstanden wäre, hätte die Hinrichtung nur wegen Desertion stattgefnnden. Die Tödtung des unglücklichen Allan Breack hatte dem Vergehen von Hamish eine andere Färbung ertheilt; denn der Verstorbene war sehr geliebt und gehörte außerdem zu einem zahlreichen und mächtigen Clan, aus welchem sich viele Mitglieder in den Reihen des Regiments befanden. Der unglückliche Verbrecher im Gegcntheil war nur wenig bekannt, und stand kaum mit irgend einem seiner Kameraden in Verbindung. Sein Vater hatte sich allerdings durch Kraft und Mannheit ausgezeichnet, allein er gehörte zu einem gebrochenen Clan, wie diejenigen genannt wurden, welche keine Häuptlinge, um dieselben in den Krieg zu führen, besaßen. Es wäre beinahe in einem andern Fall unmöglich gewesen, aus den Reihen des Regimentes die für Ausführung des Urtheils nothwendige Abtheilung auszuwählen, allein die zu 539 dem Zweck gewählten sechs Soldaten waren Verwandte des Verstorbenen, welche mit ihm vom Geschlechte des Mac Dho- nuil Dhu stammten. Während sie sich für die traurige Aufgabe vorbereiteten, welche ihre Pflicht ihnen auserlegte, geschah dieß nicht ohne ein Gefühl befriedigter Rachsucht. Die erste Compagnie des Regimentes begann aus dem äußersten Thore zu defiliren, und die andern folgten, indem sie sich dem Befehl des Adjutanten gemäß bewegten und Halt machten, so daß sie drei Reihen eines länglichen Vierecks mit einwärts gekehrter Front bildeten. Die vierte Seite des Vierecks wurde von dem großen und hohen Abgrund geschloffen, auf welchem das Schloß sich erhebt; in der Mitte des Zuges ging mit unbedecktem Haupte entwaffnet und mit gefesselten Händen das unglückliche Opfer des Militärgesetzes. Hamish war leichenblaß, allein sein Schritt war fest und sein Auge so glänzend wie jemals. Der Geistliche ging ihm zur Seite; der Sarg, welcher seine sterblichen Reste empfangen sollte, wurde vor ihm hergetragcn. Die Blicke seiner Kameraden waren ernst, gefaßt und feierlich. Sie fühlten für den Jüngling, dessen schöne Gestalt und männliches, wenn auch unterwürfiges Benehmen, so bald er erblickt wurde, die Herzen von Manchen, sogar von solchen milder gestimmt hatte, welche durch rachsüchtige Gefühle aufgeregt waren. Der für den jetzt noch lebenden Leib von Hamish Bean bestimmte Sarg wurde am Ende des hohen Vierecks, ungefähr zwei Ellen vom Fuße des Abgrundes aufgestellt, welcher sich an jenem Ort so steil wie eine steinerne Mauer drei- bis vierhundert Fuß erhebt; dorthin ward auch der Gefangene geführt; der Geistliche stand noch an seiner Seite, und gab ihm Ermahnungen des MutheS und des Trostes, worauf der Jüngling mit achtungsvoller Andacht zu hören schien. Mit 540 langsamen und wie cs schien beinahe unwilligen Schritten betrat die zum Feuern bestimmte Abtheilung das Viereck, und wurde vor dem Gefangenen ungefähr in der Entfernung von zehn Ellen aufgestellt. Der Geistliche war im Begriff, sich zurückzuziehen; „gedenkt, mein Sohn," sprach er, „Dessen, was ich Euch sagte, und laßt Eure Hoffnung auf dem Anker ruhen, den ich Euch gegeben habe; Ihr werdet alsdann ein kurzes und elendes Dasein hier auf Erden mit einem Leben vertauschen, in welchem Ihr Kummer und Leid nicht mehr erfahren könnt. Gibt es noch etwas, was auszuführen Ihr mir vertrauen könnt?" Der Jüngling blickte auf seine Aermelknöpfe. Sie waren von Gold; vielleicht eine Beute, welche sein Vater während des Bürgerkriegs einem englischen Offizier abgenommen hatte. Der Geistliche lösete sie von seinen Aermeln. „Meine Mutter," sagte er mit einiger Anstrengung, „gebt sie meiner armen Mutter, besucht sie, guter Vater, und belehrt sie über dasjenige, was sie über alle diese Vorgänge glauben muß.. Sagt ihr, Hamish sterbe mit größerer Freude, als er sich je nach der längsten Jagd zur Ruhe begab. Lebt wohl, Herr, lebt wohl!" Der gute Mann konnte sich kaum von dem verhängniß- vollen Platz entfernen; ein Offizier lieh ihm die Stütze seines ArmS; als er auf Hamish zum letzten Male blickte, sah er ihn noch lebendig am Sarge knieen; die Wenigen, welche ihn umringten, hatten sich entfernt. Der verhängnißvolle Befehl ward gegeben, der Felsen hallte wider von dem Schall der Flintensalve, Hamish stürzte vorwärts mit einem Gestöhn, und starb wahrscheinlich ohne ein Gefühl vorübergehenden TcdesschmerzeS. Zehn oder Zwölf seiner Compagnie traten alsdann -er- 541 bei und legten mit feierlicher Ehrerbietung den Leichnam ihres Kameraden in den Sarg, während der Todtenmarsch wieder geschlagen wurde und die verschiedenen Compagnien in einzelnen Reihen nach einander bei dem Sarg vorbei zogen, damit Alle ans dem furchtbaren Schauspiel die Warnung erhielten, welche dasselbe zu geben bestimmt war. Das Regiment marschirte alsdann von dem Platze hinweg, und stieg wieder die alte Klippe hinan, wobei seine Mustk, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, lebhafte Melodien spielte» als ob der Kummer oder sogar ein schwermüthiger Gedanke so kurz wie möglich im Herzen eines Soldaten verweilen dürfe- Zu gleicher Zeit trug die kleine, vorher erwähnte Abtheilung die Todtcnbahre des unglücklichen Hamish, zu dessen de- müthigem Grabe in einem Winkel des Kirchhofes von Dunbarton, welcher Verbrechern, gewöhnlich zuzewiesen wurde. Hier ruht unter den Schuldigen ein Jüngling, dessen Name» wenn er das Unheil der verhängnißvollen Ereignisse überlebt hätte, durch die er zum Verbrechen getrieben ward, die Berichte der tapferen brittiseben Armee geschmückt haben würde. Der Pfarrer von Glenorquhy verließ sogleich Dunbarton, als er Zeuge des letzten Auftritts dieser traurigen Katastrophe gewesen war. Seine Vernunft erkannte die Gerechtigkeit des UrtheilS, welches Blut für Blut erheischte, und er begriff, daß der rachsüchtige Charakter seiner Landsleute eines starken Zwanges der Gesetze bedürfe- Dennoch betrauerte er den Tod des einzelnen Opfers. Wer vermag dem Donnerkeil des Himmels seine Richtung zu geben, wenn er unter die Bäume des Waldes hcrabfährt? Wer aber kann ein Bedauern unterdrücken, wenn er zum Gegenstand seines vernichtenden Zieles den schönen Stamm einer jungen Eiche wählte, we^e die 542 Zierde des Thales, worin sie grünte, zu sein verhieß? Als er über die traurigen Ereignisse nachsann, gerieth er ggen Mittag in die Gebirgspässe, auf welchen er zu seiner noch entfernten Wohnung zurückkehren wollte. Auf seine Kenntniß des Landes vertrauend, hatte der Geistliche die Hauptstraße verlassen, um einen jener kürzeren Wege aufzusuchen, welche nur von Fußgängern oder von Leuten gewählt werden, die wie der Geistliche auf einem der kleinen aber mit sicherem Tritt begabten starken und scharfsinnigen Pferde des Landes reiten. Der Ort, den er jetzt durchzog, war finster und einsam; die Volkssage hatte den Schrecken des Aberglaubens hinzugefügt, da nach derselben ein böser Geist, „Rothmantel" genannt, welcher zu allen Zeiten, besonders aber um Mittag und Mitternacht, den Menschen wie der Thierschöpfung feindlich, das Thal durchzog, alles Böse, was in seiner Mach^ lag, vollbrachte, und wenigstens diejenigen, denen er sonst nicht schaden durste, mit grauenhaftem Schrecken erfüllte. Der Pfarrer von Glenorguhy hatte stets manchen abergläubischen Vorstellungen entgegen gewirkt, von denen er mit Recht die Meinung hegte, daß sie aus den finsteren Zeiten des Pabstthums oder sogar des Heidenthums stammten, und von Christen einer aufgeklärten Zeit nicht gehegt oder geglaubt werden dürften. Einige der ihm am meisten anhänglichen Mitglieder seiner Gemeinde waren der Meinung, daß er zu unvorsichtig dem Glauben ihrer Väter entgegen trete; obgleich sie die mora'ische Unerschrockenheit ihres Seclenhir- ten ehrten, konnten sie sich der von ihnen ausgesprochenen Bc> sorgniß nicht erwehren, er werde eines Tages als Opfer seiner Verwegenheit fallen, und im Thale des Rothmantels oder in einer anderen unheimlichen Wildniß zerrissen werden, hin- 5^3 sichtlich deren er seinen Stolz darauf zu setzen und Vergnügen darin zu finden schien, daß er sie allein an de» Tagen und den Stunden durchwandelte, an welchen die bösen Geister besondere Gewalt über Menschen und Thicre haben sollten- Diese Sagen fielen dem Geistlichen ein; so einsam er war, ruhte ein schwermüthigcS Lächeln auf seiner Wange, als ihm der Widerspruch in der menschlichen Natur in den Sinn kam, und als er bedachte, wie viel tapfere Hochländer, welche der gelle Schall des Schlachtliedcs Bajonetten entgegen gesandt haben würde, eben so, wie der wilde Stier auf seinen Feind losstürzt, dennoch vielleicht jene eingebildeten Schrecken befürchtet hätten, denen er selbst, ein Mann des Friedens, welcher in gewöhnlichen Gefahren durchaus nicht mit jener Festigkeit der Nerven begabt war, sich jetzt ohne alles Bedenken aussetzte. Als er in der öden Gegend sich umsah, mußte er selbst anerkennen, daß dieselbe als Aufenthaltsort jener Geister nicht übel gewählt war, die an Einsamkeit und Verödung Entzücken haben sollten. Das Thal war so steil und eng, daß gerade noch genug Raum für wenige zerstreute Strahlen der Mittagsonne übrig blieb, um ans den dunklen und kleinen Bach zu fallen, welcher meist schweigend und gelegentlich gegen die Felsen und breiten Steine murmelnd, hindurch floß, die entschlossen schienen, seine weitere Strömung zu hemmen. Im Winter oder in der Regenzeit war dieser kleine Bach ein schäumender Gebirgsstrom furchtbarer Größe, und es war zu solchen Zeiten geschehen, daß er das breite und große FelS- stück durchbrochen und bloßgclegt hatte, welches zur JahrSzeit, wovon wir reden, seinen Lauf dem Auge verbarg und beinahe gänzlich zu unterbrechen schien. „Ohne Zweifel," dachte der Geistliche, „hat dieser Gebirgsbach, durch einen Wolken- 544 bruch oder ein Gewitter plötzlich angeschwcllt, jene Unglücksfälle veranlaßt, die in diesem nach ihm benannten Thale der Wirksamkeit des Rothmantels zugeschrieben wurden." Gerade als ihm dieser Gedanke durch den Sinn kam, hörte er eine weibliche Stimme, welche mit wildem und gellem Tone ausrief: „Michael Tyrie!" er sah sich erstaunt und nicht ohne Besorgniß um. Einen Augenblick schien es ihm, als stehe der böse Geist, dessen Dasein er geläugmt hatte, im Begriff ihm zu erscheinen, um ihn wegen seines Unglaubens zu bestrafen. Diese Besorgniß währte aber nur einen Augenblick, und verhinderte ihn nicht an der mit fester Stimme gegebenen Antwort: „Wer ruft mir und wer seid Ihr?" „Jemand, welcher im Elend zwischen Leben und Tod wan- delt," erwiderte die Stimme, und eine große Frau trat unter den Steinblöcken hervor, welche sie vor seinen Blicken versteckt hatte. Als sie näher trat, hätte ihr Mantel von Hellem, gewürfeltem Zeug, worin die rothe Farbe vorherrschte, nebst ihrer Gestalt, den langen Schritten, womit sie vortrat, den zuckenden Gesichtszügen und den wilden Augen, die unter ihrem Kopftuch sichtbar waren, die Vorstellung erwecken können, eS sei der Geist, welcher dem Thal den Namen gab. Allein Herr Tyrie erkannte sie sogleich als das Weib des Baumes, die Wittwe von Mac Tavish Mhor, die jetzt kinderlose Mutter von Hamish Bean- — Ich weiß nicht, ob der Pfarrer die Erscheinung des Rothmantels selbst in dem Augenblick nicht lieber hätte ertragen mögen, als den Schrecken der Gegenwart Elspat's in Betracht ihres Verbrechens und ihres Elendes; er hielt sein Pkcrd instinktartig an, und suchte seine Ideen zu sammeln, während einige Schritte das Weib an seine Seite brachten. 545 „Michael Tyrie," sagte sie, «die albernen Weiber des Dorfes verehren dich wie einen Gott, sei mir ein solcher, und sage mir, daß mein Sohn am Leben ist; sage dieß, und ich will zu deinem Glauben übergehen; ich will mein Knie am siebenten Tage im Hause deiner Verehrung beugen und dein Gott soll mein Gott sein." „Unglückliches Weib," erwiderte der Geistliche, „der Mensch schließt keine Verträge mit seinem Schöpfer wie mit einem Geschöpf von Thon, welches wie er selbst geschaffen ist. Glaubst du, mit Ihm markten zu können, welcher die Erde bildete und den Himmel ausbreitete, oder daß du etwas anders als Unterwerfung und Andacht ihm darbieten kannst, was kn seinen Augen der Annahme werth wäre? Er hat Gehorsam, keine Opfer verlangt; er will Geduld bei den Prüfungen, womit er uns heinisucht, aber nicht eitle Bestechung, wie sie der Mensch seinem unbeständigen Bruder von Thon anbietet, damit er seinen Zweck aufgebe." „Schweig, Priester!" erwiderte das verzweifelnde Weib, „rede nicht mit mir in Worten deines weisen Buches; Els- pat's Verwandte waren solche, welche sich bekreuzigten, und niederknieten, wenn die Klingel in der Messe ertönte; sie weiß, daß am Altäre Buße für die im Felde vollbrachten Thaten kann gethan werden. Elspat hatte einst Heerden, Ziegen auf den Klippen und Rinder im Thale; sie trug Gold am Hals und im Haar, dicke Geflechte, wie diejenigen, womit die alten Helden sich schmückten. Alles dieß hätte sie bereitwillig dem Priester gegeben; und hätte er den Schmuck einer edlen Dame oder die Börse eines mächtigen Häuptlings gewollt, so würde sie Elspat ihm verschafft haben, wären jene auch so mächtig wie Macallanmore gewesen. Elspat aber ist jetzt arm und hat nichts zu geben. Aber der schwarze Abt von Das gefährl. Schloß u. and. Erzähl, 35 5^6 Jnchaffrav würde ihr geboten haben, ihre Schultern zu geißeln und ihre Füße durch eine Pilgerfahrt wund zu laufen, und er würde ihr Verzeihung gewährt haben, wenn er gesehen hätte, daß ihr Blut floß und daß ihr Fleisch zerrissen war. Dieses waren die Priester, welche sogar Macht über die Mächtigsten besaßen — sie drohten den Gewaltigen der Erde mit den Worten ihres Mundes, dem Spruch ihres Buches, dem Schein ihrer Fackeln, dem Schall ihrer geweihten Klingel. Die Mächtigen beugten sich ihrem Willen, und gaben auf das Wort der Priester diejenigen frei, welche sie in ihrem Grimm gebunden hatten, und sie ließe» auch ungekränkt denjenigen ziehen, welcher von ihnen zum Tode verur- thcilt war, und nach dessen Blut sie gedürstet hatten. Sie waren ei» mächtiges Geschlecht und durften verlangen, daß die Armen knieten, denn ihre Gewalt konnte die Stolzen de- müthigen. Aber Ihr! gegen wen seid Ihr stark? nur gegen Weiber, die der Lhorheit schuldig waren, und gegen Männer, welche niemals ein Schwert trugen! Die Priester des Alterthums waren wie der Winterstrom, welcher dicß hohle Thal erfüllt und diese gewaltigen Felsen so leicht gegen einander rollt, wie das Kind mit dem Balle spielt, den cS vor sich herwirft — aber Ihr! Ihr gleicht nur dem Strom im Sommer, welcher durch Binsen zur Seite gewandt und durch einen Busch von Rohrgras aufgehalten wird; Ihr seid nichts wcrth, denn von Euch kann man keine Hülfe erlangen!" Der Geistliche konnte leicht begreifen, daß ElSpat den römisch-katholischen Glauben verloren hatte, ohne eu en andern zu erlangen, und daß sie noch einen unbestimmten und verwirrten Begriff über die Erlassung der Sünden durch Vermittlung der Priesterschaft mit Beichte, Almosen und Buße, so wie von deren ausgedehnter Gewalt hegte, welche nach 547 ihrer Vorstellung bei gehöriger Verwendung sogar die Sicherheit ihres Sohnes bewirken könnte. Er bemitleidete ihre Lage, trug Rechnung ihren Jrrthiimern und ihrer Unwissenheit, und erwiderte ihr mit milden Worten: „Ach, unglückliches Weib! wollte Gott, ich könnte dich so leicht überzeugen, wo du Trost suchen mußt und sicherlich finden kannst, als ich dir mit einem einzigen Worte die Versicherung zu geben vermag, daß Rom und alle seine Priesterschaft, befänden sich beide noch einmal in ihrer vollsten Gewalt, dennoch ungeachtet aller Spenden und Bußen deinem Elende kein Theilchcn Hülfe oder Trost verleihen könnten. Elspat Mac Tavish, es schmerzt mich tief, Euch die Nachricht zu hinterbringen —" „Ich kenne sie ohne deine Rede," sagte das unglückliche Weib — „mein Sohn ist zum Tode verurtheilt." „Elspat," erwiderte der Geistliche, „er war zum Tode verurtheilt und das Urtheil ist ausgesührt worden-" Die unglückliche Mutter richtete ihre Augen zum Himmel und stieß einen Schrei aus, welcher der Stimme eines menschlichen Wesens so unähnlich war, daß ein Adler, welcher in der Luft schwebte, ihn eben so beantwortete, wie er den Ruf seines Weibchens erwidert haben würde. „Es ist unmöglich," rief sie aus, „die Menschen verur- theilen und tödten nicht an demselben Tage! Du betrügst mich, das Volk nennt dich heilig; hast du den Muth, einer Mutter zu sagen, daß sie ihr eigenes Kind ermordet hat?" „Gott weiß es," sagte der Priester, indem ihm die Thrä- nen aus den Augen flössen, „daß ich Euch gerne eine bessere Botschaft brächte, stände dieselbe in meiner Macht — diejenige, welche ich bringe, ist eben so gewiß als unglücklich — meine eigenen Ohren vernahmen den Todesschuß, meine eige- 35 * 548 nen Augen sahen deines Sohnes Tod — deines Sohnes Begräbnis, meine Zunge bezeugt, was meine Ohren hörten und meine Augen sahen." Die unglückliche Wittwe schlug ihre Hände zusammen und hielt sie zum Himmel empor wie eine Sibylle, welche Krieg und Verheerung verkündet, während sie in unmäßiger und furchtbarer Wuth eine Fluth der tiefsten Verwünschungen auS- stieß. „Niedriger, sächsischer Grobian," rief sie aus, „elender heuchlerischer Gaukler, mögen die Augen, welche ruhig auf den Tod meines schönhaarigen Sohnes blickten, in ihren Höhlungen durch unaufhörliche Thränen zerfließen, welche du um Diejenigen vergießen mußt, welche dir am nächsten und thcuer- fien sind! Mögen die Ohren, welche seinen Todesschuß vernahmen, von jetzt an für jeden andern Ton taub sein, als das Gekrächze der Raben und das Zischen der Schlangen! Möge die Zunge, welche mir seinen Tod und mein Verbrechen nannte, in deinem Munde verwelken, oder besser, möge der böse Feind, wenn du mit deinen Leuten beten willst, deine Zunge leiten, und ihr die Stimme zu Gotteslästerungen anstatt zum Segen verleihen, bis die Menschen voll Schrecken deine Gegenwart fliehen und der Donner des Himmels gegen dein Haupt geschleudert wird, um deine verfluchende und verfluchte Stimme für immer zum Schweigen zu bringen! Gehe mit diesem Fluch! Elspat wird niemals wieder so viele Worte an einen lebendigen Menschen verschwenden." Sie hielt ihr Wort; von jenem Tage an war die Welt für sie eine Wildniß, worin sie ohne Gedanken, Sorge oder Thcilnahme in ihren Gram versunken, gleichgiltig gegen Alles sonst verweilte- Mit der Art ihres Lebens oder vielmehr ihres Daseins ist der Leser schon insoweit bekannt, als ich ihm darüber Mitthcilungen machen kann. Von ihrem Tode 549 kann ich nichts berichten; vermuthlich trat derselbe mehrere Jahre nach der Zeit ein, worin sie die Aufmerksamkeit meiner ausgezeichneten Freundin, Frau Bethune Baliol auf sich gezogen hatte. Das Wohlwollen derselben, welches sich niemals auf die Vergießung einer sentimentalen Thräne beschränkt, wenn wirksame Barmherzigkeit in Ausübung gebracht werden konnte, bewog sie zu verschiedenen Versuchen, den Zustand des unglücklichen Weibes zu erleichtern, allein alle ihre Bemühungen konnten nur die Mittel zum Unterhalt der Elspat weniger ungewiß machen, ein Umstand, welcher zwar sogar für die elendesten Verstoßenen von Bedeutung ist, ihr jedoch als eine glcichgiltige Sache erschien. Ein jeder Versuch, Jemanden in ihre Hütte zu bringen, um Sorge für sie zu tragen, mißlang wegen des heftigen Zornes, womit sie jedes Eindringen in ihre Einsamkeit betrachtete, oder wegen der Furchtsamkeit derer, welche zu den Gesellschafterinnen des gefürchteten Weibes ausgcwählt wurden. Als zuletzt ElSvat wenigstens scheinbar gänzlich unfähig wurde, sicki auf dem elenden Sitze umzuwenden, welcher ihr zum Lager diente, sandte der menschliche Nachfolger Herrn Tvrie's zwei Weiber ab, um beim Verscheiden der Einsamen gegenwärtig zu sein, da der Tod derselben nicht mehr weit entfernt sein konnte, und um die Möglichkeit ahzuwenden, daß sie aus Mangel an Beistand oder Nahrung umkomme, bevor sie unter den Wirkungen des Alters oder tödtlicher Krankheit erliege. Es war an einem November-Abend, als die zwei zu diesem traurigen Zweck abgesandten Weiber in die elende, schon beschriebene Hütte traten. Die unglückliche Bewohnerin derselben lag auf dem Bette ausgestrcckt, und sie schien beinahe ein lebloser Körper zu sein; von Leben zeugte nur das Rollen ihrer trotzigen schwarzen Augen, die auf furchtbare 550 Weise in ihren Höhlungen sich hin und her bewegten, und mit Ueberraschung so wie Zorn die Bewegungen der Fremden, als die von Personen zu überwachen schienen, deren Gegenwart ihr eben so unerwartet als unwillkommen war. Die beiden erschraken bei ihren Blicken; durch gegenseitige Gesellschaft ermuthigt, schürten sie jedoch ein Feuer, zündeten ein Licht an, bereiteten Nahrung und trafen andere Vorbereitungen, um die ihnen zugewiesene Pflicht zu erfüllen. Die Pflegweiber kamen dahin überein, am Lager der Kranken abwechselnd zu wachen; um Mitternacht jedoch fielen Beide, von Müdigkeit überwältigt, da sie an jenem Morgen einen starken Weg gemacht hatten, in einen tiefen Schlaf. AIS sie erwachten, was erst nach einigen Stunden geschah, war die Hütte leer und die Kranke verschwunden. Sie fuhren erschreckt empor und gingen zur Thüre der Hütte, welche wie am Abend zuvor mit der Klinke verschlossen war. Sie blickten in das Dunkel und riesen die ihnen anvertraute Kranke beim Namen. Der Nachtrabe kreischte von der alten Eiche, der Fuchs heulte auf dem Berge, der rauschende Ton des Wasserfalls erwiderte mit seinem Echo, eine menschliche Antwort ward aber nicht ertheilt. Die erschreckten Weiber wagten vor Tagesanbruch ihre Nachforschungen nicht anzutreten, denn das plötzliche Verschwinden eines so schwachen Geschöpfes wie Elspat, nebst dem wilden Inhalt ihrer Geschichte, setzte sie in solchen Schrecken, daß sie von der Hütte nicht sortzugehen wagten. Sie blieben deßhalb in furchtbarem Schrecken; bisweilen glaubten sie, ihre Stimme im Freien zu hören, und bisweilen, daß Töne verschiedener Art sich mit dem düsteren Tone des Nachtwindes oder dem Schall des Wasserfalls vermischten, bisweilen raffelte die Thürklinke, als wenn eine schwache und machtlose Hand vergeblich versuchte 551 sie aufzuheben, und von Zeit zu Zeit erwarteten sie den Eintritt der furchtbaren Kranken mit übernatürlicher Kraft und vielleicht in Gesellschaft eines noch furchtbareren Wesens. Endlich kam der Morgen, sie durchsuchten vergeblich das Dorngebüsch, die Felsen und den Walv. Zwei Stunden nach Tagesanbruch kam der Pfarrer, und ließ auf den Bericht der Wachenden das Land in Allarm setzen, um eine allgemeine und genaue Nachsuchung in der Nähe der Hütte und des Eichbaums anzustellen. Allein Alles war vergeblich, ElSpat Mac Tavish war nirgends zu finden, weder lebendig noch todt; auch ließ sich nicht der geringste Umstand aufspürcn, welcher ihr Schicksal hätte andcuten können. Die Nachbarschaft war über ihr Verschwinden getheilter Meinung. Die Leichtgläubigen dachten, der böse Geist, unter dessen Einfluß sie gehandelt zu haben schien, habe sie in ihrem Leibe geholt; viele wagen noch immer nicht, in unzeitigen Stunden an dem Eichenbaum vorüber zu gehen, unter welchem man sie vielleicht noch immer wie früher sitzen sehen könnte. Andere weniger Abergläubische glaubten, daß man den Leichnam der Elspat Mac Tavish gefunden haben würde, wenn es möglich gewesen wäre, den Abgrund des Corrie Dhu, die Tiefe des See's oder die Strudel des Flusses zu untersuchen, da in Betracht des Zustandes ihres Leibes wie ihrer Seele nichts natürlicher war, als daß sie durch Zufall in einen dieser Orte, wo der Untergang gewiß sei, hineingefallen wäre oder sich absichtlich bineingestürzt habe. Der Geistliche batte seine eigene Meinung; er glaubte, daß diese unglückliche Frau zornig über die ihr gegebene Wache instinktartig nach der Weise verschiedener Hausthiere sich dem Anblick ihres eigenen Geschlechtes entzogen habe, damit ihr Todeskampf in einer einsamen Höhle stattsinde, wo 552 ihre sterblichen Reste niemals von menschlichen Augen erblickt werden könnten. Diese Art instinktartigcr Gefühle schien dem ganzen Lauf ihres unglücklichen Lebens zu entsprechen, und wahrscheinlich Einfluß auf sie geübt zu haben, als dasselbe sich dem Ende nahte. Herr Croftangry leitet eine andere Erzählung ein: Die Heiden Viehtreiber Sie beid' erschiene» auf des Berges Wiesen, Als sie beim Morgcnroth die Heerden trieben. Spencer. Ich habe mich oft darüber gewundert, daß alle Lieblingsbeschäftigungen und Zeitvertreibe der Menschen auf die Störung jenes glücklichen Zustandes der Ruhe hinaus gehen, jenes Otium, wie Horaz es nennt, welches, wie er sagt, der Gegenstand aller Gebete der Menschen sowohl -u Lande wie zur See ist; und daß die ungestörte Ruhe, welche wir so gerne festhalten möchten, wenn Pflicht oder Nothwendtgkeit uns zwingt, sie aufzugeben, alsbald eifrig mit einem Zustand der Aufregung vertauscht wird, wenn wir sie nach Belieben verlängern könnten. Kurzum, man braucht nur einem Manne zu sagen, bleibe ruhig, und man wird ihm sogleich die Liebe zur Arbeit einflößen. Der Jagdherr tummelt sich nicht weniger als sein Wildschütz, der Herr eines Rudels von Hunden plagt sich um die Wette mit seinem Hundezüchter, der Staatsmann oder Politiker quält sich mehr ab als derRechtsgelehrte von Gewerbe; um auf meinen eigenen Fall zurückzukommen, der Verfasser aus eigenem Antrieb läßt sich in das Wagniß verdrießlicher Kritik und der bestimmten Gewißheit geistiger und körperlicher Ar- 554 beit eben so vollständig wie sein armer Bruder ein, den seine Bedürfnisse zur Ergreifung der Feder zwingen. Diese Gedanken wurden mir eingegeben durch eine Ankündigung meiner Haushälterin, daß der kleine Hans Weißfuß aus der Druckerei angekommen sei. „Hans Schwarzfuß solltet Ihr ihn nennen, Janet," war meine Antwort, „denn er ist nichts mehr noch weniger, als der kleine Kobold eines Teufels; er ist gekommen, um mich um Manuscript für die Presse zu plagen." „Nun, Gott vergebe Euer Gnaden," sagte Janet, „es sieht Euch nicht ähnlich, daß Ihr einen solchen Namen einem vaterlosen Waiscnkinde gebt." „Ich kann ihm sonst nichts geben, Janet; er muß ein wenig warten." „Dann will ich dem Burschen ein Frühstück geben," sagte Janet, „er kann beim Kamin in der Küche warten, bis Euer Gnaden fertig ist; es würde sich für ihn und Seinesgleichen geziemen, daß er auf Euer Gnaden Belieben den ganzen Tag warten müßte." „Aber Janet," sagte ich meiner kleinen thätigen Oberaufseherin, als sie zum Zimmer zurückkehrte, nachdem sie ihre gastfreundlichen Anordnungen getroffen hatte, „ich beginne zu finden, daß dieß Schreiben unserer Chronik etwas langweiliger wird, als ich glaubte, denn es kömmt dieser kleine Kerl, um Manuscript zu holen, d. h. etwas, das man drucken soll, und ich habe keins." „Euer Gnaden kann nicht in Verlegenheit sein, ich habe Euch schnell genug schreiben sehen, und was Gegenstände betrifft, so habt Ihr ja die ganzen Hochlande, um darüber zu schreiben, und ich bin überzeugt, Ihr kennt noch hundert bessere Geschichten, als die von Hamish Mac Tavish, denn diese betraf doch im Grunde nur einen jungen Freibeuter und eine alte Here; wenn man das alte Weib als Here verbrannt hätte, so glaube ich, daß man nicht die Kohlen verschwendet haben würde; sie hat noch dazu ihren Thunichtgut von Sohn angcreizt, daß er einen Herrn Camcron erschoß! Ich bin im dritten Gliedc selbst mit den Camerons verwandt — mein Blut wird für sie warm, und wenn Ihr über Deserteure schreiben wollt, so gibt es deren genug dort in der Kaserne, besonders als die Meuterei an jenem traurigen Tage am Leiih Pier ausbrach." Hier begann Ianet zu weinen und sich die Augen mit der Schürze abzawischen. Was mich betrifft, so war mir jetzt eine Idee, wie ich sie brauchte, angegeben worden, allein ich trug Bedenken, davon Gebrauch zu machen. Gegenstände werden wie Melodien gemein, wenn man sie zu häufig anwendet; nur ein Esel wie Friedensrichter Shallow, würde an solchen auSgepcitschtcn Melodien, welche die Karrentreiber pfeifen, noch länger festhalten, und versuchen, ob er sie als das Machwerk seiner Phantasie bei Andern gelten lassen könne- Nun aber sind die Hochländer, obgleich früher eine reiche Grube für Originalstoff, wie meine Freundin Bethune Ba- liol mir zu verstehen gegeben hat, in gewisser Hinsicht durch die Mühe neuerer Romandichter abgenützt, welche die eitle Einb ldung hegten, als sie alte Sitten und Gewohnheiten in diesen entlegenen Gegenden vorfanden, daß das Publikum niemals durch dieselben sich ermüden lasse; man findet jetzt in den Fächern einer Leihbibliothek eben so viel Hochländer mit Schurzfellen und von ächter Abstammung, als auf einem Caledonischen Ball. Früher hätte man viel aus der Geschichte eines hochländischen Regimentes und der eigenthüm- lichen Jdeen-Nevolution machen können, welche in den See- len der Soldaten vorging, als dieselben die Berge ihres Geburtslandes mit den Schlachtfeldern des Festlandes und die oft mit Gleichgültigkeit gepaarte Einfachheit ihrer heimischen Sitten mit der regelmäßigen, durch moderne Disciplin bewirkten Thätig- keit vertauschten Allein derMarkt istjetzt überfüllt. EineSchrift- stellerin hat die Sitten, Gewohnheiten und den Aberglauben der Berge in der natürlichen, unverfälschten Weife dargestcllt; mein Freund, General Stewart, hat die wirkliche Geschichte der hochländischen Regimenter geschrieben, so daß eine Ausfüllung der Skizze durch Phantasie sehr mißlich geworden ist. Jndeß habe ich noch einige Lust, einen Stein zu dem Haufen hinzuzufügen; ohne meine Einbildungskraft zu Hülfe zu rufen, damit sic den Eindrücken meiner jugendlichen Erinnerungen Beistand leiste, kann ich noch einmal den Versuch machen, ein oder zwei Scenen zu Erläuterung des hochländischen Lebens zu erschaffen, welche als eigenthümlich der Chronik von Canongate angehörcn und den grauköpfigen Einwohnern desselben eben so bekannt wie mir sind. In die Tage der Clans und der hochländischen Degen will ich nicht dabei zurückgehcn. Hier erhältst du, gütiger Leser, nur eine Geschichte von zwei Viehhändlern. „Eine Auster kann durch Liebe gequält werden," sagt eine zierliche Dichterin, und ein Viehhändler kann im Punkte der Ehre verletzt werden, sagt der Chronikschreiber von Canongate. 557 Erstes Kapitel. Meine Geschichte beginnt am Tage nach der Abhaltung des Marktes im schottischen Städtchen Doune. Der Handel war dort lebhaft gewesen; mehrere Käufer hatten sich aus dem nördlichen und mittleren England eingestellt, und englisches Geld war so reichlich in Umlauf gekommen, daß die Herzen der hochländischen Pächter erfreut waren. Viele große Viehhecrden sollten nach England unter dem Schuhe der Käufer oder der Treiber aufbrechen, welche von Ersteren zu dem mühsamen, langweiligen und mit vieler Verantwortung verknüpften Geschäfte gcmiethet waren, das Rindvieh viele hundert Meilen weit vom Markte, wo man dasselbe gekauft hatte, nach den Wiesen oder Pachthofen zu treiben, wo es zur Abschlachtung gemästet werden sollte. Die Hochländer find besonders Meister in dem schwierigen Geschäfte des Viehtrcibens, welches für sie eben so geeignet scheint, wie das Gewerbe des Krieges. Es gewährt Gelegenheit zu Ausübung ihrer geduldigen Ausdauer und angestrengten Thätigkeit. Sie müssen genau die Wege derHeer- den kennen, welche in den rauhesten Theilen des Landes liegen, und so viel wie möglich die Landstraßen, welche den Füßen der Thiere Schaden thun, und die Orte, wo Weggel- dcr erhoben werden, vermeiden, welche den Aerger der Viehtreiber erregen; auf dem breiten grünen oder grauen Pfade, welcher durch den sonst unzugänglichen Sumpf führt, kann die Heerde sich nicht allein mit Leichtigkeit und ohne Abga- ben-Erhebung bewegen, sondern auch, wenn die Vichtreiber ihr Geschäft verstehen, einen Mund voll Nahrung unter We- 558 gcs auflesen. Zur Nacht schlafen die Treiber gewöhnlich bei dem Vieh, von welcher Art auch das Wetter sein mag; viele dieser -arten Männer kommen auf der Fußreise von Lochaber nach Lincolnshire gar nicht unter Dach. Sie erhalten eine sehr hohe Bezahlung, denn der ihnen ertheilte Auftrag ist von höchster Wichtigkeit; von ihrer Klugheit, Wachsamkeit und Ehrlichkeit ist nämlich der Umstand abhängig, daß das Vieh seine Bestimmung in gutem Zustande erreicht, und dem Viehhändler einen vortheilhaften Verkauf gewährt. Da sie sich aber auf eigene Kosten ernähren und erhalten müssen, so find sie in dieser Hinsicht sehr sparsam- In der Zeit, von welcher ich rede, lebte ein hochländischer Vichtreiber auf seiner langen und mühsamen Reise nur von wenigem Hafermehl und ein oder zwei Zwiebeln, die von Zeit zu Zeit frisch angeschafft wurden, so wie von einem mit Branntwein geiüllten Widderhorn, welches er regelmäßig aber sehr sparsam jeden Morgen und Abend brauchte; sein Dolch oder das sogenannte schwarze Messer, in solcher Weise getragen, daß es unter dem Arme oder in den Falten seines Mantels versteckt blieb, war seine einzige Waffe, mit Ausnahme der Gerte, womit er die Bewegungen seiner Heerde leitete- Ein Hochländer war niemals so glücklich als bei solchen Gelegenheiten. Auf der ganzen Reise fand sich eine Menge von Vorfällen, welche die natürliche Neugier des Celten und seine Liebe zur Bewegung in Uebung erhielt; Ort und Scene wurden stets gewechselt; kleine, dem Gewerbe eigenthümliche Abenteuer traten ein; und der Verkehr mit den verschiedenen Vieh- mästern, Pächtern und Händlern war mit gelegentlichen Gelagen untermischt, welche dem hochländischen Donald nicht weniger angenehm waren, weil er nichts dabei zu bezahlen brauchte. Hiezu kam noch Las Bewußtsein überlegener Ge- schicklichkeit. Denn der Hochländer, bei Viehzucht aufgezogen, ist wie ein Fürst unter den Heerden, und seine natürlichen Gewohnheiten verleiten ihn, das träge Leben des Schäfers zu verachten, so daß er sich niemals mehr heimisch fühlt, als wenn er einem prächtigen Schwarm seines vaterländischen Rindviehs als dessen Hüter und Beschützer folgt. Unter denen, welche Dounc am Morgen und in der beschriebenen Absicht verließen, fand sich kein hochländischer Bursch, welcher kecker seine Mütze aufsetztc, oder seine gewürfelten Strümpfe unter dem Knie über einem paar schönerer Beine mit den Strumpfbändern umschlang, als Rodin Oig Mac Combich, gewöhnlich Robin Oig, d- h. junger oder kleiner Robin, genannt. Obgleich klein von Gestalt, wie das Beiwort Oig bezeugt, und mit nicht sehr starken Gliedern begabt, war er leicht und flink wie der Hirsch seiner Berge- Er besaß eine Elastizität des Schrittes, wegen welcher mancher stärkere Bursch auf einem langen Marsche ihn beneidete. Die Weise, wie er seinen Mantel in Falten warf und seine Mütze aufsetzte, bezeugte das Bewußtsein, daß ein so hübscher Hochländer, wie er, nicht unbemerkt unter den Mädchen des Niederlandcs erscheinen würde. Die gefärbte Wange, die rothen Lippen und weißen Zähne schmückten ein Antlitz, welches dem Wetter häufig ausgeseßt, dadurch eher eine gesunde und männliche als rauhe Gesichtsfarbe erlangt hatte. Wenn Nobin Oig nicht häufig lachte oder nicht einmal lächelte, wie dieß bei seinen Landsleuten auch ungewöhnlich ist, so strahlte dagegen sein Helles Auge unter seiner Mütze von dem gewöhnlichen Ausdruck der Heiterkeit, welche leicht in Munterkeit übergehen konnte- Die Abreise Robins war ein Ereigniß in der kleinen Stadt, in welcher und in deren Nähe er sehr viele männliche und 560 weibliche Freunde hatte. Er war in seiner Art ein vornehmer Mann, machte beträchtliche Geschäfte auf eigene Rechnung und wurde als Viehtrciber von den hochländischen Pächtern jedem Andern der Gegend vorgezogen. Er hätte sein Geschäft bedeutend ausdehnen können, wenn er sich zur Annahme eines Gehülfen würde herabgclafsen haben. Robin jedoch wies den Gedanken, Beistand anzunehmen, mit Ausnahme desjenigen einiger Geschwisterkinder, vielleicht wegen des Bewußtseins zurück, daß sein Ruf von seiner persönlichen Ausführung des ihm crlheilten Auftrages abhängig sei. Er begnügte sich dcßhalb mit der höchsten Bezahlung, welche Personen seines Gewerbes ertheilt wird, und tröstete sich mit der Hoffnung, daß einige Reisen nach England ihn befähigen würden, sein Geschäft auf eigene Rechnung in einer seiner Familie geziemenden Weise zu führen. Robin Oigs Vater, Lachlan Mac Combich oder „Sohn meines Freundes" genannt, während sein wirklicher Stammeünamc Mac Gregor war, hatte diese Benennung von dem berühmten Robin dem Rothen erhalten, weil eine besondere Freundschaft zwischen dem Großvater No- bins mit jenem berühmten Freibeuter bestanden hatte. Einige sagen sogar, Robin Oig habe seinen Taufnamen von einem Manne erhalten, der in den Wildnissen von Loch Lomond eben so berühmt war, wie sein Namensvetter Robin Hood in dem Walde von Sherwood. Wer sollte auf solche Ahnen nicht stolz sein? Dieß war auch bei Robin Oig der Fall; allein seine häufigen Reisen nach England und den Niederlanden hatten ihm Erfahrung genug erworben, als daß er nicht hätte wissen sollen, dergleichen Ansprüche, die ihm einiges Recht auf Auszeichnung in seinem einsamen Thale ertheiltcn, würden eben so lächerlich als schädlich für ihn sein, wenn er sich einfallen ließe, dieselben anderswo geltend zu machen. Der Stolz auf Geburt war deßhalb auch bei ihm wie der Schatz eines Geizhalses; er war der geheime Gegenstand seiner Betrachtung, womit aber niemals vor Fremden geprunkt wurde. Robin Oig erhielt zahlreiche Beglückwünschungen mit auf den Weg. Die Kenner priesen seine Thiere, besonders seine eigenen, welche unzweifelhaft die besten waren. Einige reichten ihre Schnupftabaksdosen, damit er eine Priese zum Abschied nehme; Andere boten ihm den Becher zum Scheidekrunk, Alle riefen, „das Glück begleite Euch auf der Reise und kehre mit Euch heim — habt Glück auf dem sächsischen Markt, bringt Banknoten in Eurem Taschenbuch und Gold in Eurem Beutel zurück!" Die hübschen Mädchen sagten ihm bescheidener Lebewohl, und mehr als Eine hätte ihren besten Schmuck für die Ueber- zeugung gegeben, daß sein Auge zuletzt auf ihr ruhte, als er nach der Heerstraße einbog. Robin Oig hatte gerade den gewöhnlichen, dem Aufbruch vorhergehenden Ruf erschallen lassen, um die noch zurückgebliebenen Thiere der Heerde anzutreiben, als er hinter sich die Worte hörte: „Bleibt, Robin, wartet ein wenig, hier ist Janet von Tomahourich — die alte Janet, Eures Vaters Schwester." „Der Henker hole sie, die alte hochländische Here und Wahrsagerin," sagte ein Pächter aus der Gegend von Stir- ling, „sie wird das Vieh bezaubern." „Das kann sie nicht," sagte ein anderer Weiser desselben Gewerbes. „Robin Oig ist nicht der Mann, der es bei einem seiner Thiere vergessen hätte, den Knoten von St. Mungo an dessen Schwänze anzubringen, und der verjagt die beste Here, welche je auf einem Besenstiel ritt." Das gefährl. Schloß n. and. Erzähl. S6 Der Leser hört vielleicht nicht ungern, daß das hochländische Vieh durch Zauberformeln und Hexenkünste sehr leicht heimgesucht werden kann; verständige Leute schützen sich dagegen, indem sie aus dem Haarbüschel, womit der Schwanz des Thieres endet, Knoten von besonderer Verwicklung schlingen- Die alte Frau aber, welche den Verdacht des Pächters erregt hatte, schien sich nur um den Viehtreiber zu bekümmern, ohne auf die Heerde Acht zu geben; Nobin dagegen zeigte sich über ihre Gegenwart eiwas verdrießlich. „Welch' altvaterischer Einfall," sagte er, „hat Euch^ Muhme, heute Morgen so früh von Eurem Feuer vertrieben^ ich habe Euch ja gestern Abend gute Nacht und Lebewohl gesagt." „Und mir mehr Silber zurückgelassen, als die alte Frau bis zu Eurer Rückkehr brauchen wird, Vogel meines Herzens," sagte die Sibylle. „Aber ich würde mich wenig um die Speisen, die mich ernähren, oder das Feuer, welches mich erwärmt, oder Gottes gesegnete Sonne selbst bekümmern, wenn irgend etwas Anderes als Glück dem Enkel meines Vaters begegnete. Drum laßt mich den Zauberring um Euch ziehen, damit Ihr gesund in's fremde Land gelangt und unversehrt nach Hause kommt." Robin hielt halb verlegen halb lachend an, und gab den Nahestehenden ein Zeichen, daß er allein der alten Frau nachgebe, um sie bei guter Laune zu erhalten. Mittlerweile zog sie mit wankenden Schritten den Zauberkreis, von welchem Einige glauben, daß er aus der Mythologie der Druiden herstamme; derselbe besteht bekanntermaßen darin, daß die Person, welche ihn zieht, dreimal um diejenige herumgeht, welche der Gegenstand der Ceremonie ist, und daß sie sich dabei dem Laufe der Sonne gemäß bewegt. Einmal jedoch 563 hielt sie an, und rief mit einer Stimme des Schreckens und Schauders: „Enkel meines Vaters, Blut klebt an Eurer Hand." „Still, um Gottes willen, Muhme," sagte Robin Oig, „Ihr werdet Euch selbst nur mit diesem zweiten Gesicht quälen, weil Ihr es Tage lang nicht, aus dem Kopfe bringen könnt." Die alte Frau wiederholte nur mit grausigen Blicken: „Blut klebt an Eurer Hand, und englisches Blut. Das Blut des Galen ist schöner und röther. Laßt uns sehen — laßt uns —" Ehe Robin Oig sie verhindern konnte, was nur durch offene Gewaltthat bei der Schnelle und Entschiedenheit ihrer Bewegungen möglich war, hatte sie ihm den in den Falten seines Mantels geborgenen Dolch entrissen, hielt ihn empor und rief, obgleich die Waffe hell in der Sonne glänzte, „Blut, Blut, sächsisches Blut. Robin Oig Mac Combich. gehe heute nicht nach England." „Still, still," erwiderte Robin Oig, das geht nicht, das nächste Mal würdet Ihr verlangen, daß ich aus dem Lande hinaus soll; schämt Euch, Muhme, gebt mir den Dolch. An der Farbe könnt Ihr nicht das Blut eines schwarzen Stiers von dem eines weißen unterscheiden, und Ihr wollt das bei sächsischem und galischem Blute! Alle Menschen haben ihr Blut von Adam, Muhme; gebt mir meinen Dolch und laßt mich gehen, ich könnte jetzt schon auf dem halben Wege nach Stirling sein." „Das will ich nicht," sagte die alte Frau, „auch will ich nicht Euren Mantel fahren lassen, wenn Ihr mir nicht das Versprechen gebt, die unglückliche Waffe nicht zu tragen." Die ihn umringenden Weiber drängten ihn ebenfalls mit ihren Bitten, indem sie sagten, daß wenige Worte seiner Z6" 564 Muhme nicht erfüllt werden, und da die niederländischen Pächter verdrießlich auf den Auftritt blickten, beschloß Robin Oig, denselben um jeden Preis zu beendigen. „Wohlan denn," sagte der junge Viehtreiber, indem er die Waffe dem Hugh Morrison überreichte, „ihr Niederländer bekümmert euch nicht um solchen Aberglauben; verwahrt mir den Dolch; ich kann ihn Euch nicht geben, weil er meinem Vater angchörte, allein Eure Heerde folgt der unsrigen, und ich bin zufrieden, daß Ihr mir ihn aufbewahrt. Ist das genug, Muhme?" „Das muß genügen," sagte die alte Frau, „das heißt, wenn der Niederländer verrückt genug ist, das Messer zu tragen." Der kräftige Landmanir aus dem Westen lachte laut. „Frau," sagte er, „ich bin Hugh Morrison aus Glenac, und stamme von den tapfern Morrisons alter Zeit, die niemals eine kurze Waffe gegen einen Mann zückten. Sie brauchten das nicht, sie trugen ihre breiten Degen, und ich habe diesen kleinen Spazierstock." Er zeigte auf einen furchtbaren Knittel. „Den Hochländern überlasse ich cs, über den Tisch mit ihren Dolchen zu stechen — Ihr braucht nicht zu schnaufen, Keiner von euch Hochländern, und Ihr besonders nicht, Robin; ich will das kleine Messer bewahren und es Euch zurückgeben, wenn Ihr es haben wollt." Robin war nicht ganz mit einem Theile der Rede Morrisons zufrieden, er hatte jedoch auf . seinen Reisen mehr Geduld erlernt, als seinem hochländischen Charakter ursprünglich angehörte, und er nahm den Dienst des Abkömmlings der männlichen Morrisons an, ohne daß er an der etwas wegwerfenden Weise Anstoß fand, worin ihm derselbe angelboten wurde. 565 „Hätte er nicht etwas von seinem Morgentrunk im Kopfe, und wäre er nicht außerdem ein Schwein aus DumsrieS, so würde er mehr wie ein Mann von Bildung gesprochen haben. Von einer Sau kann man aber nur ein Grunzen erwarten. Es wäre eine Schande, wenn meines Vaters Messer jemals für einen Mann wie ihn Hammelfleisch zerschneiden sollte." Mit diesen Worten, die übrigens in galischcr Sprache gesagt wurden, trieb Robin seine Heerde fort, und winkte allen hinter ihm Stehenden ein Lebewohl zu. Er befand sich jetzt in um so größerer Eile, weil er in Falkirk einen Genossen gleichen Gewerbes zu erreichen hoffte, mit welchem er in Gesellschaft zu reisen sich vorgenommen hatte. Nobin OigS Freund war ein junger Engländer, Harry Wakefield mit Namen, welcher bei jedem Viehmarkt im Norden wohl bekannt, und in seiner Art eben so berühmt und geehrt, wie unser hochländischer Ochsentreiber war. Er war ungefähr sechs Fuß hoch, kräftig gebildet, um auf dem Vichmarktc von Smith- sicld (London) das Feld im Boxen zu behaupten, oder im Ringen den Preis zu erlangen; obgleich er vielleicht von den regelmäßigen Professoren der Kunst des Faustkampfes überwunden worden wäre, so vermochte er dennoch als Bauer oder zufälliger Kämpfer in öffentlichen Auftritten jeden Liebhaber des Boxens mit seinem Theil heimzuschicken. Die Wettrennen von Doncaster sahen ihn in aller seiner Glorie, wie er seine Guinee und meist mit glücklichem Erfolg wettete; auch wurde kein Hahnenkampf in Jorkshire geliefert, bei welchem er nicht gegenwärtig gewesen wäre, wenn cs sein Geschäft erlaubte, sobald die Züchter von Kampfhähncn als solche einigen Ruf hatten. Obgleich jedoch ein flinker Bursch und ein Liebhaber von Vergnügungen, so wie ein häufiger Besucher der Orte, wo dieselben sich finden ließen, war Harry 566 Wakefield ein solider Mann, und nicht einmal der vorsichtige Robin Oig selbst achtete mehr auf sein hauptsächlichstes Geschäft. Seine Feiertage waren allerdings Feiertage, die Werktage aber waren einer handfesten und ausdauernden Arbeit gewidmet. Im Ausdruck der Züge wie im Charakter war Wakefield das Muster der altenglischen munteren Miliz- Soldaten, deren Spieße in so vielen hundert Schlachten ihre Ueberlegenheit über Heere anderer Völker erwiesen, und deren gute Säbel zu unserer Zeit den wohlfeilsten und sichersten Schutz unseres Vaterlandes bilden. Seine Heiterkeit war bald erregt, denn kräftig von Gliedern, durchaus gesund und glücklich in seinen Umständen gestellt, war er geneigt, mit Allem, was ihn umgab, zufrieden zu sein; denn Schwierigkeiten, die sich ihm gelegentlich darboten, waren für einen Mann seiner Kraft eher Gegenstände des Vergnügens, als wirklichen Aergers. Bei allen guten Seiten seines lebhaften Gemüthes war unser englischer Viehtrciber nicht ohne Mängel. Er war jähzornig, bisweilen beinahe bis zur Händelsucht; vielleicht war seine Neigung, seine Zänkereien zur Entscheidung des Faustkampfes zu bringen, um so größer, weil nur wenige Gegner im Boren es mit ihm aufnehmcn konnten. Man kann nur mit Schwierigkeit angebcn, weßhalb Harry Wakefield und Robin Oig mit einander vertraut wurden; eine genaue Bekanntschaft war jedoch zwischen Beiden geschloffen, obgleich sie nur sehr wenige Gegenstände des Gespräches oder Interesses gemein hatten, sobald ihre Unterredung von andern Dingen, als von Ochsen handelte. Robin Oig sprach das Englische nur sehr unvollkommen bei andern Gegenständen als niederländischem und hochländischem Rindvieh; und Wakefield konnte seine an den breiten Dialekt von Jorkshire 567 gewöhnte Zunge nicht dahin bringen, ein einziges galisches Wort auszusprechcn. Vergeblich verbrachte Robin einen ganzen Morgen bei einem Spaziergang über den Minchmoor mit dem Versuche, seinem Gefährten die Aussprache des Schibo- leth Llhu, des galischen Wortes für Kalb, mit aller Genauigkeit bcizubringen. Von Traquair bis Murder Cairn ertönte der Berg von den übelklingenden Lauten, die der Engländer bei der unaussprechbaren Splbe ausstieß, und dem herzlichen Gelächter, welches jedem mißlungenen Versuche folgte. Beide hatten jedoch noch bessere Weisen, um das Echo zu erwecken, denn Wakefield konnte manches Lied zum Lobe von Molly, Susan oder Cicely singen, und Robin Oig hatte eine eigen- IhümlicheGabe, unendliche Schlachtlieder mit allen Verwicklungen zu pfeifen; er kannte auch, was dem südlichen Ohre seines Freundes noch angenehmer war, viele, sowohl lebhafte wie ernste schottische Melodien, wozu Wakefield den Baß pfeifen lernte. Obgleich nun Robin die Geschichten seines Gefährten über Wettrennen oder Fuchsjagden kaum hätte begreifen kön- ney, und obgleich seine eigenen Geschichten von Kämpfen der Clans oder von Raubzügen, mit dem Geschrei von hochländischen Kobolden oder Feen, untermischt, Caviar für seinen Freund gewesen wären, gelang es ihnen dennoch, einen Grad von Vergnügen in gegenseitiger Gesellschaft zu finden, wodurch sie schon drei Jahre lang veranlaßt wurden, sich einander auf ihren Reisen anzuschließen, wenn die Richtung derselben es gestattete. Jeder fand wirklich seinen Vortheil bei * der Gesellschaft; wo konnte nämlich der Engländer einen besseren Führer wie Robin Oig Mac Combich in den westlichen Hochlanden finden? und wenn Beide sich in demjenigen Lande befanden, welches Harry die rechte Seite der Grenze nannte, so stand sein Schutz, welcher sehr ausgedehnt war, und seine 568 Börse, welche schwer war, zu jeder Zeit seinem hochländischen Freunde zu Diensten, und bei manchen Gelegenheiten erwies seine Freigebigkeit ihm die Gastfreundschaft des acht englischen Landmanns. Zweites Kapitel. Wer sah zwei solche Freunde mehr? Woher denn kam ihr Streit? — Weil er Versöhnung wünschte sehr Nach bester Freundschaft Rechten, Und sich kein andres Mittel beut, So will er mir ihm fechten. Die zwei Herzöge. Die beiden Freunde hatten mit ihrer gewöhnlichen Herzlichkeit die mit Gras bedeckten Einöden von Liddcsdale durchzogen, und waren in den gegenüberliegenden Theil von Cumberland, welcher den emphatischen Namen der Wüste führt, gekommen. In diesen einsamen Gegenden erhielten die unter der Sorgfalt ihrer Vichtreiber stehenden Heerden ihre Nahrung hauptsächlich auf dem Wege, über den sie Hingetrieben wurden, bisweilen auch durch eine in Versuchung führende Gelegenheit, in eine benachbarte Waide einzudringen und das dortige Futter mitzunehmen. Von jetzt aber änderte sich der Schauplatz, sie gelangten in ein fruchtbares, mit Umzäunungen versehenes Land, wo keine solche Freiheit genommen werden durfte, ohne daß eine Verabredung oder ein Handel mit den Grundeigenthümern geschlossen war. Dieß war um so mehr der Fall, da ein großer nördlicher Markt gehalten werden sollte, wo sowohl schottische als englische Viehtrciber einen Theil ihrer Hecrden zu verkaufen gedachten, hinsichtlich deren es wiinschcnswerth war, sie gehörig ausgeruht und in gutem Zustande auf den Markt zu bringen. Man konnte dcßhalb nur mit Schwierigkeit und zu höheren Preisen Felder bekommen. Diese Nvthwendigkeit veranlaßte auf einige Zeit die Trennung der beiden Freunde, welche fortgingen, damit ein Jeder, so gut es ihm möglich war, für die Unterbringung seiner Heerde einen besonderen Handel abschließen könne. Unglücklicherweise traf es sich, daß Beide, ohne cs zu wissen, über ein Stück Feld einen Handel abschließen wollten, welches auf dem Eigenthume eines Landedclmannes von einigem Vermögen lag, dessen Gut in der Nähe sich befand. Der englische Viehtreiber wandte sich an den Verwalter des Eigenthums, den er kannte. Es traf sich, daß der cumbrische Gutsherr, welcher einigen Verdacht über die Ehrlichkeit seines Verwalters hegte, gelegentlich Maßregeln traf, um sich zu überzeugen, wie weit derselbe begründet sei, und den Willen ausgesprochen hatte, daß diejenigen, welche sich nach seinen Gehegen erkundigten, um dieselben auf einige Zeit zu benutzen, an ihn selbst verwiesen würden. Da jedoch Herr Jreby am Tage zuvor eine Reise auf einige Meilen nordwärts angetreten hatte, so war der Verwalter der Meinung, die Einschränkung seiner Vollmacht sei für jene Zeit beseitigt, und schloß daraus, daß er für das Interesse seines Herrn, und vielleicht für sein eigenes sorgen könne, wenn er mit Harry Wakefield einen Contrakt abschließe. Mittlerweile wurde Robin Oig, ohne zu wissen, was sein Kamerad vorhatte, seinerseits von einem gut aussehenden, hübschen, jungen Mann auf einem Klepper eingeholt, dem nach der damaligen Mode der Schwanz gestutzt war. Der Reiter, mit engen ledernen Beinkleidern angethan und mit langen Sporen bewaffnet, that einige paffende Fragen über Märkte und Vieh- preise. Als Robin nun sah, daß er ein höflicher Herr und ein Kenner seines Gewerbes sei, nahm er sich die Freiheit ihn zu fragen, ob es in der Nähe kein Grasland für die zeitliche Unterbringung seiner Heerde gebe. Er hätte die Frage an keine willigere Ohren richten können, denn der Herr mit den ledernen Hosen war der Grundeigenthümer, mit dessen Verwalter Harrp Wakefield einen Handel abgeschlossen, oder abzuschließen im Begriffe stand. „Du hast gutes Glück, pfiffiger Schotte," sagte Jreby, „daß du mit mir gesprochen hast, denn ich sehe, dein Vieh hat sein Tagewerk gethan, und ich habe innerhalb drei Meilen in der Runde das einzige Feld zur Verfügung, das in dieser Gegend dazu gebraucht werden kann." „Die Heerde kann wirklich noch drei bis vier Meilen gehen," sagte der vorsichtige Hochländer, „aber was verlangt Euer Gnaden für die Thiere pro Kopf, wenn ich den Park für zwei oder drei Tage nehmen will " „Schotte, wir werden Handels eins, wenn Ihr mir sechs Ochsen zum Mästen, und zwar zu vernünftigem Preise, überlaßt" „Welche Thiere wollen Euer Gnaden haben?" „Wohlan, laß mich sehen; die beiden schwarzen, den dunkelbraunen, die Ochsen ohne Hörner, den mit den gewundenen Hörnern — den mit geraden Hörnern, was ist Euer Preis pro Kopf?" „O," sagte Nobin, „Euer Gnaden ist ein Kenner, ein wirklicher Kenner; ich hätte selbst nicht geschickter die sechs besten Thiere aussuchen können, ich, der ich sie kenne, als wären sie meine Kinder, die armen Dinger!" »Wohlan, Schotte, wie viel pro Kopf?" fuhr Herr Jreby fort. „Sie standen im höchsten Preise auf den Märkten von Doune und Falkirk," erwiderte Robin. In dieser Weise hatte daS Gespräch seinen Fortgang, bis sie Beide über den Preis der Thiere übereingckommen waren, wobei der Gutsherr die zeitweilige Unterbringung des Viehs mit in Kauf nahm, und Robin, wie er glaubte, einen sehr guten Handel abschloß, vorausgesetzt, das Gras war nur erträglich. Der Gutsherr ritt an der Heerde her, thcils um Robin den Weg zu zeigen und nachzufehen, daß seine Heerde gehörig untergebracht würde, theils auch, um von ihm die letzten Nachrichten über die nördlichen Märkte zu erfahren. Sie kamen zu dem Felde und die Waide schien ausgezeichnet. Wie groß war aber ihr Erstaunen, als sie sahen, daß der Verwalter ruhig die Heerde von Harry Wakefield in das grasreiche gelobte Land trieb, welches den Thieren von Robin Oig vom Eigcnthümer selbst angewiesen war! Der Gutsherr spornte sein Pferd, sprengte auf seinen Diener zu und erklärte dem Engländer, als er erfahren hatte, worum es sich handle, daß sein Verwalter das Feld ohne seine Erlaubniß vermiethet habe, und daß er sich Gras für sein Vieh, wo er wolle, suchen möge, da er hier keines bekommen werde. Zugleich gab er seinem Verwalter einen strengen Verweis wegen Ueberschreitung seiner Befehle, und befahl ihm, das hungrige und müde Vieh von Harry auszutreiben, welches gerade ein Mahl von ungewöhnlichem Ueberfluß begonnen hatte, sowie 572 dasjenige seines Gefährten einzuführen, den er jetzt als seinen Nebenbuhler zu betrachten begann. Die Gefühle, welche sich in Wakefields Seele erhoben, konnten ihn anreizen, sich der Entscheidung Jrcby'ö zu widersetzen, allein jeder Engländer hat einen ziemlich genauen Begriff von Gesetz und Gerechtigkeit, und John Fleece Bumpkin, der Verwalter, mußte anerkennen, daß er seine Vollmacht überschritten habe. Somit sah Wakesield, daß ihm nichts übrig blieb, als seine hungrigen und in ihren Hoffnungen getäuschten Thiere zusammen und fort zu treiben, um anderswo ein Unterkommen zu suchen. Robin Oig sah den Vorfall mit Bedauern, und beeilte sich, seinem englischen Freunde den Antrag zu machen, daß er den streitigen Besitz mit ihm theilen möge, allein Wakefields Stolz war tief gekränkt; derselbe erwiderte mit Verachtung: „Nimm nur Alles, Mann, mache nicht zwei Bissen aus einer Kirsche; du kannst die Herren beschwatzen und eines schlichten Mannes Auge trübe machen. Fort, Mann, ich mag nicht die schmutzigen Schuhriemen von Jemand küssen, um Erlaubniß zu erhalten, in seinem Ofen backen zu dürfen." Robin Oig war über das Mißvergnügen seines Kameraden betrübt, aber nicht erstaunt; er bat seinen Freund, daß er nur noch eine Stunde warten möge, bis er selbst zum Hause des Gutsherrn gegangen sei, um für das von ihm gekaufte Vieh Bezahlung zu erhalten; alsdann werde er zurückkehren und ihm behülflich sein, um das Vieh auf einen paffenden Ruheplatz zu treiben und ihm zugleich das ganze Miß- verständnjß, worin sie Beide gerathen waren, darzulegen Der Engländer aber beharrte bei seinem Zorne. „So, du hast verkauft? Du bist ein schlauer Kerl, um die Stunden zu kennen, wo ein Handel abzuschließen ist. Geh zum Teufel, 573 denn ich will niemals wieder dein Gesicht sehen, falscher Schlingel! du sollst dich schämen, mir in's Gesicht zu blicken." »Ich schäme mich niemals, Jemandem in's Gesicht zu blicken," sagte Robin etwas bewegt, „und außerdem will ich Euch auch heute noch in's Gesicht blicken, wenn Ihr im kleinen Dorfe dort einkehren wollt." „Vielleicht würdet Ihr eben so gut wegbleiben," sagte sein Kamerad; er wandte seinem früheren Freunde den Rücken und trieb sein ungern ihm folgendes Vieh zusammen, wobei ihm der Verwalter half, welcher einige wirkliche und einige verstellte Theilnahme an Wakefields Mißgeschick zeigte. Nachdem Harry Wakeficld einige Zeitlang mit mehr als Einem der benachbarten Pächter unterhandelt hatte, welche ihm den Platz für die Unterbringung seiner Heerde nicht gewähren konnten oder nicht gewähren wollten, erreichte er endlich in seiner Noth seine Absicht bei dem Wirthe des Bier- hauseS, wo er und Robin Oig bei ihrer ersten Trennung von einander überein gekommen waren, die Nacht mit einander zuzubringen. Der Wirth gestattete ihm, sein Vieh auf ein unfruchtbares Moor zu einem nur wenig geringeren Preise zu treiben, als der Verwalter gefordert hatte; die elende Waide, sowie der dafür bezahlte Preis wurde von ihm als Steigerung des Treu- und Freundschaftsbruches von Seiten seines schottischen Bekannten betrachtet. Diese Richtung der Leidenschaft von Wakefield wurde von dem Verwalter, welcher seine eigenen Gründe hatte, um sich über den armen Robin zu ärgern, weil derselbe, ohne es zu wissen, die Ursache war, daß er bei seinem Herrn in Ungnade fiel, sowie von dem Wirth, und zwei oder drei zufälligen Gästen ermuthigt, welche den Viehtreiber in seinem Zorn gegen seinen früheren Gefährten, einige aus altem Groll gegen die Schotten, welcher hauptsächlich an der Grenze zu suchen ist, wenn er sich noch irgendwo vorfindet, und einige aus einer allgemeinen Lust znm Unheil anreiztcn, welche den Menschen in allen Ständen, zur Ehre der Kinder Adams sei es gesagt, als vorragender Charakterzug eigenthümlich ist. Der edle Gerstentrank, welcher die vorherrschenden Leidenschaften, die des Zornes wie der Liebe, stets erhöht und übertreibt, leistete ohnedem bei dieser Gelegenheit seine Dienste; Scham und Untergang für falsche Freunde und barte Herren wurde bei mehr als einer Kanne ausgebracht. Mittlerweile fand Herr Jreby einiges Vergnügen daran, den Viehtreiber des Nordens in seiner alten Halle zu bewir- then. Er ließ einen kalien Rinderbraten aus dem Speiseschranke nebst einer, schäumenden Kanne seines Hausbieres dem Schotten vorsetzen, und hatte an dem herzlichen Appetit Vergnügen, womit diese ungewohnten Leckereien von Robtn Oig beseitigt wurden. Der Gutsherr selbst zündete seine Pfeife an, und traf einen Vergleich mit seiner patrizischen Würde und seiner Liebhaberei am Gespräch über landwirth- schaftlichc Gegenstände, indem er auf- und abging, während er sich mit seinem Gast unterhielt. „Ich bin auch bei einer zweiten Heerde vorübergekommen," sagte der Gutsherr, „die einer Eurer Landsleute trieb; sie bestand aus etwas schlechteren Thieren als die Eurigcn, meist aus Vieh ohne Hörnern; der Treiber war ein dicker Mann mit keinem von euren Schurzfellen, sondern einem anständigen Paar Hosen; wißt Ihr, wer er ist?" „Halt, das kann und muß Hugh Morrison gewesen sein; ich glaubte nicht, daß er so weit gekommen wäre; er hat eine Tagreise mehr als gewöhnlich zurückgelegt; allein sein 575 Vieh aus Argyle-Shire muß müde Schenkel haben. Wie weit war er noch entfernt?" „Wie ich glaube, etwa sechs oder sieben Meilen," erwiderte der Gutsherr, „denn ich kam bei ihm am Christenbury-Felsen vorüber, und Euch holte ich beim Hollanwalde ein- Wenn seine Thiere müde sind, so wird er sie vielleicht schon jetzt verkaufen." „Nein, nein, Hugh Morrison ist nicht der Mann dazu — das kann nur ein hochländischer wie ich und Meinesgleichen — ich muß Euch aber gute Nacht wünschen, und mein Vieh allein lassen, denn ich muß nach dem Dorfe, um nachzusehen, ob der Bursch Harry Wakcfield noch seinen Groll gegen mich hegt." Die Gesellschaft im Bierhause befand sich noch in vollem Gespräch, und der Stoff derselben war die Verrätherei von Robin Oig, als der angebliche Schuldige in's Zimmer trat. Seine Ankunft beendete sogleich, wie es gewöhnlich in solchem Falle zu geschehen pflegt, die Unterhaltung, deren Gegenstand er war, und er wurde von der Gesellschaft mit dem kalten Schweigen empfangen, welches mehr als lauter Ausruf dem Eindringlinge verkündet, daß er sehr unwillkommen ist. Ueber den so erhaltenen Empfang überrascht, und gereizt, aber nicht bestürzt, trat Robin mit unerschrockenem und sogar stolzem Ausdruck ein, grüßte nicht, als er sah, daß man ihn mit keinem Gruß empfing, und setzte sich an's Feuer in einiger Entfernung vom Tische, an welchem Harry Wakcfield, der Verwalter und zwei oder drei Andere sich befanden. Die große cumdrische Küche hätte genug Raum sogar für eine noch weitere Trennung dargeboten. Als Robin sich so gesetzt hatte, zündete er seine Pfeife an und forderte eine Pinte Zweipfennigbier. 576 „Wir haben kein Zweipfennigbier," erwiderte Ralph Hes- kett, der Wirth; „da du aber deinen eigenen Tabak findest, so wirst du auch wohl dein eigenes Getränk finden; ich denke mir, das ist der Brauch in deinem Vaterlande. „Schäme dich, Wirth," sagte die Wirthin, eine aufgeräumte, geschäftige Hausfrau, welche sich beeilte, den Gast mit Getränk zu versehen. „Du weißt sehr wohl, was der fremde Herr braucht, und eS ist dein Gewerbe, höflich zu sein, Mann; du mußt wissen, daß der Schotte einen sicheren Pfennig zahlt, wenn er auch nur dünnes Bier trinkt." Ohne diesen Ehedialog zu beachten, nahm der Hochländer die Kanne in die Hand, wandte sich im Allgemeinen an die Gesellschaft und trank, nachdem er den Anwesenden den für Alle angemessenen Trinkspruch ausgebracht hatte, „einen guten Markt, ihr Herren." „Der Markt ist desto besser, je weniger der Wind uns Käufer aus Norden herweht," sagte einer der Pächter, „und je weniger hochländisches Krüppelvieh -ieher kömmt, um englische Wiesen abzufressen." „Seele meines Leibes, darin habt Ihr Unrecht, mein Freund," erwiderte Robin mit großer Fassung; „ihr fetten Engländer seid es, die unser hochländisches Vieh essen, die armen Dinger!" „Ich wünschte, daß ein Abgrund sich aufthäte, um Alle Eure Viehtreiber zu verschlingen," sagte ein Zweiter; „ein schlichter Engländer findet sein Brod nirgends mehr, wo einer von ihnen gewesen ist." „Oder ein ehrlicher Diener kann nicht mehr die Gunst seines Herrn bewahren, denn fie schleichen sich zwischen ihm und dem Sonnenschein ein," sagte der Verwalter. „Sollen dicß Späffe sein," sagte Robin mit derselben Fassung, „so sind das zu viel Späffe gegen einen Mann." „Es ist kein Spaß, sondern wirklicher Ernst," sagte der Verwalter. „Hört, Herr Robin Ogg*), oder wie Jbr beißen mögt, wir müssen Euch sagen, daß wir Alle einer Meinung sind, und diese geht dahin, daß Ihr Robin Ogq Euch gegen Euren Freund Wakefield wie ein Lump und schmutziger Kerl benommen habt." „Ohne Zweifel," erwiderte Robin mit großer Kälte; „und Ihr seid ein Pack herrlicher Richter, für deren Gehirn oder Betragen ich keine Prise Schnupftabak geben würde. Wenn Herr Harry Wakefield weiß, daß man ihm Unrecht erwiesen hat, so weiß er ja auch, wo er sich Genugthuung holen kann." „Er spricht die Wahrheit," sagte Wakefield, welcher auf die Vorgänge mit gctheilter Stimmung gehört hatte, während sein Aerger über Robins kürzliches Benehmen noch nicht verschwunden war, aber sein,e gewohnten Gefühle hinsichtlich seines Gefährten wieder wach wurden. Er stand auf und ging auf Robin zu, welcher sich von seinem Sitz, als er heran kam, erhob und ihm seine Hand reichte. „Das ist recht, Harry, zahle ihm seinen Lohn," erschallte es von allen Seiten; „beschlage ihm den Bauch, zeige ihm den Weg zur Holzmühle." „Haltet sämmtlich Euer Maul und seid verdammt," sagte Wakefield; alsdann wandte er sich zu seinem Kameraden, ergriff die dargereichte Hand mit einem Wesen, worin etwas «) Eine Anspielung auf Nag, Schwein. Das gefährl. Schloß u. and. Erzähl. 37 578 Achtung und etwas Herausforderung lag. „Robin," sagte er, „du hast mich heute schlecht behandelt, wenn du aber wie ein braver Kerl mit mir die Hand drücken und einen oder zwei Gänge auf dem Rasen machen willst, so will ich dir vergeben, Mann, und wir wollen so gute Freunde als jemals sein." „Können wir nicht ebenso gute Freunde sein, ohne uns weiter darum zu bekümmern?" sagte Robin; „wir werden weit bessere Freunde mit ganzen Schädeln als mit zerschlagenen sein." Harry Wakefield ließ die Hand seines Freundes fahren, oder vielmehr schleuderte sie von sich hinweg. «Ich glaubte nicht, daß ich drei Jahre lang mit einem Feigling in Gesellschaft gewesen bin. „Das Wort Feigling gehört Niemand meines Namens," sagte Robin, dessen Augen zu funkeln begannen, der aber noch immer Selbstbeherrschung behielt; „es waren nicht die Hände eines Feiglings, Harry Wakefield, der Euch aus der Furth des Frcw herauszog, als ihr von dem Strom über den schwarzen Felsen gerissen wurdet, und als jeder Aal im Fluß seinen Antheil an Euch erwartete." „Das ist allerdings wahr," sagte der Engländer, über die Berufung auf jenes Ereigniß betroffen. „Zum Henker!" rief der Verwalter; Harry Wakefield, der handfesteste Bursch auf allen Märkten der Gegend, wird doch nicht die Flügel einzie-en? Das kömmt davon, wenn man so lang unter Schurzfellen und Mützen lebt; die Männer vergessen dann den Gebrauch ihrer Fäuste." „Ich mögte Euch den Beweis geben, Herr Fleece Bumpkin, daß ich den Gebrauch der meinigcn nicht vergessen habe," sagte Wakefield, und alsdann fuhr er fort: »das geht nicht, Nobin, wir müssen einen Gang machen, oder wir werden das Gerede des ganzen Landes; ich will verdammt sein, wenn ich dir Schaden thue, ich will die Fechthandschuhe anziehen, wenn du willst. Komme, stehe mir wie ein Mann." »Um geschlagen zu werden wie ein Hund," sagte Robin; „ist ein Grund dazu vorhanden? wenn Ihr glaubt, daß ich Euch Unrecht gethan habe, so will ich mit Euch zu Eurem Richter gehen, obgleich ich weder sein Gesetz, noch seine Sprache kenne." Ein allgemeiner Schrei ertönte von den Anwesenden, „Nein, nein, kein Gesetz, kein Advokat! Ein Bauch voll Prügel und seid Freunde." „Aber," fuhr Nobin fort, „wenn ich kämpfen soll, so habe ich keine Geschicklichkeit, um mich wie ein Affe mit Händen und Nägeln zu wehren." „Wie wollt Ihr denn kämpfen," fragte sein Gegner, „obgleich ich glaube, daß es schwer sein wird, Euch zum Stehen zu bringen, wenn es Schrammen gibt?" „Ich würde mit Degen kämpfen, und die Spitze beim ersten vergossenen Blut senken wie ein Mann von Ehre." Ein lautes Gelächter folgte auf den Vorschlag, welcher wirklich dem schwellenden Herzen des armen Robin eher entgangen, als durch ruhiges Urtheil ihm eingegcben war. „Ha, ha, ein Herr von Ehre," erschallte von allen Seiten mit einem Ausbruch unauslöschlichen Gelächters; ein schöner Herr von Ehre, Gott weiß! Kannst du zwei Degen herbeischaffen für die Herren, um damit zu fechten, Ralph Hcs- kett?« „Nein, aber ich kann nach dem Arsenal von CarliSle schicken, und ihnen zwei Heugabeln leihen, um vorerst damit den Versuch zu machen." „Siill, Mann," sagte ein Anderer, „die guten Schotten kommen auf die Welt mit blauen Mützen auf dem Kopf und Dolch sowie Pistolen im Gürtel." „Schickt doch einen Eilboten," sagte Herr Fleece Bump- kin, „an den Gutsherrn von Corbpcastle, damit er kömmt, und dem Herrn von Ehre als Sekundant dient." Bei diesem Strome allgemeinen Spottes griff der Hochländer instinktartig unter die Falten seines Mantels. „Es ist besser, daß ich ihn nicht habe," sagte er in seiner Sprache. „Hundert Flüche den Schweineffern, welche weder Anstand noch Höflichkeit kennen. Macht Platz, ihr Pack," sagte er, indem er auf die Tbüre zuging. Allein sein früherer Freund setzte ihm seinen derben Körper entgegen und verhinderte dadurch, daß er das Haus verließ; als Robin Oig versuchte, sich mit Gewalt Bah» zu machen, warf er ihn auf den Fußboden mit so vieler Leichtigkeit nieder, als ein Kind ein Kegelspiel umstößt. „Bildet einen Kreis!" riefen jetzt Alle mit so lautem Schrei, daß die dunklen Balken und die daran hängenden Schinken zitterten und die hölzernen Schüsseln auf dem Gesimse gegen einander klapperten. „Brav geihan, Harry — gib es ihm heim, Harry — besorge ihn tüchtig — er sieht jetzt fein Blut!" Dieß waren die Ausrufungen, während der Hochländer, von dem Boden aufspringend, alle Kälte und Vorsicht in wahnsinniger Wuth verlor, und auf seinen Gegner mit dem Grimm, der Thäligkeit und der Rachsucht eines gereizten Tigers einsprang. Wann aber vermochte die Wuth Geschicklichkeit und Kälte zu überwinden? Robin Oig stürzte wieder in dem ungleichen Kampfe zu Boden; da der Schlag ein sehr starker war, lag er bewegungslos auf dem Fußboden der Küche. Die Wirtbin lief herbei, um Hülfe anzubieten, aber Herr Flecce Bumpkin erlaubte ihr nicht, sich zu nahen. „Laßt ihn allein," sagte er, „er wird schon wieder zu sich kommen, und muß sich dann wieder stellen; er hat noch nicht zur Hälfte sein Verdienst bekommen." „Er hat jedoch Alles bekommen, was ich ihm geben will," sagte sein Gegner, dessen Herz gegen seinen alten Gefährten milde ^zu werden begann. „Ich habe große Lust, Euch selbst, Herr Flecce Bumpkin, den Rest zu geben, denn Ihr wollt ja etwas vom Faustkampfe verstehen, und Robin war darin so ungeschickt, daß er nicht einmal den Rock ablegte, bevor er sich in Parade setzte, und daß er sogar mit seinem ihn umflatternden Mantel focht — steht auf, Robin, Mann, laßt uns wieder Freunde sein. Niemand wage ein Wort gegen Euch oder Euer Vaterland um Euretwillen zu sagen!" Robin Oig befand sich noch unter der Herrschaft seiner Leidenschaft und wollte hitzig den Kampf wieder beginnen, da er aber einerseits von. der friedenstiftenden Frau Heskett zu- rückgebalten wurde, und andererseits merkte, daß Wakefield den Kampf nicht erneuen wollte, versank seine Wuth in finsteren Groll. „Kommt, kommt, tragt mir nicht nach, Mann," sagte der offene Engländer mit der Versöhnlichkeit seines Volkes, schütteln wir die Hände und seien wir bessere Freunde als jemals." „Freunde!" rief Nobin Oig mit starkem Nachdruck aus, „Freunde! niemals, nehmt Euch in Acht, Harry Wakefield." „Dann komme der Fluch CromwellS über Euren stolzen 582 schottischen Masten, wie der Mann im Schauspiele sagt; thut das Schlimmste, was Ihr vorhabk, und seid verdamm!! Niemand kann einem Andern nach einem Zank mehr sagen, als daß cs ihm leid thut/' In dieser Stimmung schieden die Freunde, Robin Oig zog schweigend ein Geldstück aus dem Deutel, warf es auf den Tisch und verließ das Bierbaus. An der Thüre sich umwendend, streckte er gegen Wakefield seine Hand aus, indem er mit seinem Zeigefinger nach Oben in einer Weise wies, welche entweder als Drohung oder als Warnung gelten konnte; alsdann verschwand er im Mondlicht. Nachdem er gegangen war, wurden »och einige Worte zwischen dem Verwalter, welcher sich darauf etwas zu gut that, ein Raufbold zu sein, und Harrp Wakefield gewechselt, der mit großmüthiger Unbeständigkeit in der Stimmung war, einen neuen Streit zur Vertheidigung von Robin Oig anzufangen, „obgleich derselbe seine Kräfte nicht gegen Engländer gebrauchen könne, da ihm dieß nicht angeboren sei." Allein Frau Heskett verhinderte, daß dieser zweite Zank zum Ausbruch kam, durch ihr entschiedenes Auftreten, indem sie sagte: „in meinem Hause soll keine Schlägerei mehr statlfindcn, cs ist schon zuviel davon dagewesen; Ihr aber, Herr Wakefield, könnt jetzt durch Erfahrung kennen lernen, was es heißt, einen guten Freund zum Todfeind zu machen." „Bah," Frau Wirthin! Robin Oig ist ein ehrlicher Kerl, und wird niemals seinen Groll gegen mich lange bewahren." „Verlaßt Euch nicht darauf, Ihr kennet nicht das nachhaltige Wesen der Schotten, obgleich Ihr so oft mit ihm Verkehr habt; ich habe ein Recht darauf, sie zu kennen, denn meine Mutter war eine Schottländcrin." „Das sieht man an ihrer Tochter," sagte Ralph Heskett." Dieser eheliche Spoit nab dem Gespräch eine andere Wendung. Frische Kunden traten in die Trinkstube oder Küche, und andere verließen dieselbe. Das Gespräch wandte sich auf die erwarteten Märkte und auf den Bericht über die Viehpreise aus verschiedenen Thcilcn Schottlands und Englands. Mehrere Verhandlungen über Einkäufe wurden eingegangen , und Harry Wakefield war glücklich genug einen Käufer für einen Tlieil seiner Heerde mit einem beträchtlichen Nutzen zu finden, ein Ercigniß, wodurch jede Erinnerung an die unangenehme Rauferei im früheren Theile des Tages erlosch. Eine Partei war aber vorhanden, aus deren Erinnerung sie nicht durch den Besitz eines jeden Stücks Viehs zwischen Esk und Eden hätte vertilgt werden können. Dieß war Robin Oig Mac Combich. „Daß ich keine Waffe hatte," dachte er bei sich, „und zwar zum ersten Mal in meinem Leben; es verderbe die Zunge, welche dem Hochländer räth, sich von seinem Dolche zu trennen — der Dolch, ha! das englische Blut! Meiner Muhme Wort! — wann wurde rin Wort derselben nicht bestätigt!" Die Erinnerung an die verhängnißvolle Prophezcihung bestätigte die tödtliche Absicht, welche zugleich in seiner Seele entsprang. „Ha! Morrison kann nicht mehr viele Meilen weit entfernt sein, und wären cs auch hundert Meilen, was hätte das zu bedeuten?" Sein ungestümer Geist hatte jetzt einen bestimmten Zweck und einen Beweggrund zur Handlung; er richtete den leichten Schritt seines Landes nach der Einöde, durch welche Morrison seine Heerde trieb, wie er es aus Herrn Jreby's Bericht erfahren hatte. Alle seine Gedanken waren ausschließlich durch das Gefühl des Unrechtes bedingt, welches er von der Hand 584 seines Freundes erlitten hatte; er empfand nur den Wunsch nach Rache, nach Rache an jenem, den er jetzt für seinen bittersten Feind hielt. Seine im Geheimen gehegten Vorstellungen von seiner Bedeutung und von seiner Würde — von seiner Geburt und von seinem Stand waren ihm um so werther geworden, weil er sle, wie der Geizhals seinen Schatz, nur im Geheimen genießen konnte, allein dieser Schatz war geplündert, die Götzen, die er im Geheimen verehrt hatte, waren entweiht. Beschimpft, geschmäht und geschlagen, war er nach seiner Meinung nicht länger seines Namens und seines Stammes würdig; nichts als Rache blieb ihm übrig; während der Gedanke einem jeden seiner Schritte einen schmerzlichen Sporn crtheilte, beschloß er, dieselbe solle so plötzlich und entscheidend als die Beleidigung sein. Als Robin Oig die Thüre des Bierhauses verließ, lagen wenigstens 7 oder 8 englische Meilen zwisrben Morrison und ihm. DaS Vorrücken des Ersteren war langsam, durch den trägen Schritt seines Viehes bedingt; Robin ließ hinter sich Stoppelfeld und Hecken, Felsen und dunkle Haide, die vom Reif im Hellen Mondlicht des Novembers erglänzten, indem er 6 Meilen in einer Stunde zurücklegte. Er hörte das Brüllen von Morrisons Vieh, er sah, wie es gleich Maulwürfen an Größe und Langsamkeit der Bewegung auf dem breiten Moor einherkroch, er erreichte endlich die Thiere, ging an ihnen vorüber, und hielt den Hirten an. „Möge Glück unser Thcil sein," sagte der Südländer; „ist es Robin Mac Combich, oder ist cS sein Doppelgänger?" „Es ist Robin Mac Combich," erwiderte der Hochländer, „und cr ist es nicht, indeß daran ist nichts gelegen; gebt mir meinen Dolch zurück." „Was, wollt Ihr nach den Hochlanden zurück? zum Ten- 585 ftl, habt Ihr schon Alles vor Beginn des Marktes verkauft? das übertrifft ja Alles, was sonst bei großer Nachfrage vorzukommen pflegt." „Ich habe meine Heerde nicht verkauft, ich gehe nicht nach Norden, vielleicht gehe ich nie wieder nach Norden; gebt mir aber meinen Dolch, Hugh Morrison-, oder wir bekommen Händel." „Wirklich, Nobin? Ich will bessere Kunde haben, bevor ich ihn Euch zurückgebe; cs ist eine arge Waffe in den Händen eines Hochländers, und ich glaube, Ihr habt einen schlechten Spaß im Sinn." „Still, still, gebt mir meine Waffe," sagte Robin ärgerlich. „Ruhig, ruhig," erwiderte sein wohlmeinender Freund, „ich will Euch etwas sagen, was besser ist, als Euer Treiben mit Dolchen. Ihr müßt wissen, Hochländer, und Niederländer, und Grcnzleute sind Alle gleich, sobald sie den Fuß über die schottische Grenze gesetzt haben. Die Tapferen von Eokdale, der fechtende Carl von Liddesvale, die Burschen aus Lockerby, die vier Stutzer von Lustruther und viele Graumäntel kommen noch hinter uns, und wenn Euch ein Unrecht geschehen ist, so ist hier die Hand des männlichen Morrison; wir würden Euch Genugthuung verschaffen, wenn auch CarliSlc und Stanwir beide die Fehde ausnehmen sollten." „Um Euch die Wahrheit zu sagen," sagte Robin Oig, indem er wünschte, dem Verdachte seines Freundes auSzuwei- chen, „so habe ich mich bei einer Abtheilung Soldaten anwerben lassen, und muß morgen früh abmarschiren." „Was anwerden lassen! seid Ihr toll oder betrunken? Ihr müßt Euch wieder loskaufen, ich kann Euch 20 Bank- noten leihen, und noch weitere 20, wenn ich einen guten Handel mache." „Ich danke Euch, Hugh, aber ich schlage mit gutem Willen den Weg ein, den ich gehen will; drum mit dem Dolch her! gebt den Dolch!" „Dort ist er, weil Ihr nichts Anders wollt, denkt aber an das, was ich sage. Weh mir! das wird eine schlechte Nachricht auf den Hügeln von Balquidder sein, wenn man hört, daß Nobin Oig Mac Combich einen schlechten Weg eingeschlagen und sich gegrämt hat " „Allerdings schlechte Nachricht in Balquidder wird es sein," sagte der arme Robin, „aber Gott schütze Euch, Hugh, und gebe Euch einen guten Markt- Nobin Oig werdet Ihr nicht wieder sehen, weder in einer Zusammenkunft, noch auf dem Markte." Mit den Worten schüttelte Robin hastig die Hand seines Freundes und schlug die Richtung, in welcher er gekommen war, mit der Heftigkeit seines früheren Schrittes wieder ein. „Mit dem Burschen ist es nicht ganz richtig," murmelte Morrison vor sich hin; „morgen früh wollen wir uns aber die Sache etwas besser anseben." „Lange jedoch, bevor der Morgen dämmerte, war die Katastrophe unserer Geschichte eingetreten. Zwei Stunden nach der Rauferei, als dieselbe beinahe von Jedem vergessen war, kehrte Robin Oig zum Gasthofe HeskettS zurück. Der Ort war von Leuten verschiedener Art und von Geräusch, das ihrem Charakter entsprach, gefüllt. Man vernahm die ernsten und leisen Töne von Leuten, die in Geschäften redeten, neben dem lachenden Gesang und dem lauten Scherz derer, welche nur ihr Vergnügen im Sinne hatten. Unter den Letzteren befand sich Harry Wakeficld, welcher unter einer schmunzeln- den Gruppe von Pächterkitteln, schweren mit Nägeln beschlagenen Schuhen, und lustigen englischen Gesichtern das alte Lied sang: »Obgleich mel» Name Neger ist, Der Pflug und Karre» treibt — alsIcr von einer ihm wohl bekannten Stimme unterbrochen wurde, die in lautem und finsterem Tone mit scharfem hochländischen Accent ihm zurief: «Harry Wackefield, wenn du ein Mann bist, stehe auf." „Was gibts, was gibtS da?" fragten die Gäste einander. „Es ist weiter nichts, als der verdammte Schotte," sagte Fleece Bumpkin, der jetzt betrunken war, „derselbe, dem Harry Wakefield heute zu seiner Brühe verholfen hat, und der wiedergekommen ist, um seinen kalten Kohl wieder auszuwärmen." In den letzten Worten wurde die schottische Aussprache nachgeäfft. „Harry Wakefield," wiederholte dieselbe unglückverkündende Stimme, „stehe auf, wenn du ein Mann bist!" Im Tone einer tiefen und gewaltigen Leidenschaft liegt Etwas, welches durch den Schall Aufmerksamkeit erregt und Ehrfurcht einflößt; die Gäste fuhren an jeder Seite zurück und blickten auf den Hochländer, als er in ihrer Mitte mit nicdcrgczogenen Augenbrauen stand, während seine Züge von Entschlossenheit erstarrt waren. „Ich werde von ganzem Herzen aufstehen, mein Junge, aber nur um die Hand Euch zu drücken und jeden Aerger hinunter zu trinken. Es ist nicht der Fehler Eures Herzens, Mann, daß Ihr nicht wißt, wie Ihr die Faust ballen müßt." Er stand seinem Gegner gegenüber, wobei sein offener und argloser Blick einen sonderbaren Gegensatz mit der finsteren 588 Entschlossenheit darbot, welche wild, grimmig und rachsüchtig in den Augen des Hocbländers strahlte. „Es ist nicht dein Fehler, Mann, daß du nicht viel besser als ein Echulmädcden fechten kannst, denn du hast nicht das Glück, ein Engländer zu sein." »Ich kann fechten," erwiderte Robin finster aber ruhig, „und Ihr sollt es erfahren. Ihr, Harry Wakefield. zeigtet mir heute, wie sächsische Grobians fechten, ich will Euch jetzt zeigen, wie Hochländer von guter Abkunft fechten." Er begleitete die Worte mit der Handlung und stieß den plötzlich gezückten Dolch in die breite Brust des englischen Landmannes mit solcher verhängnisvollen Sicherheit und Kraft, daß der Griff mit hohlem Schall gegen das Brustbein stieß, und die zweischneidige Spitze das Herz des Opfers zer- theilte. Harry Wakefield fiel und starb mit einem einzigen Gestöhn. Sein Mörder ergriff zunächst den Verwalter am Kragen und hielt ihm den blutigen Dolch an die Kehle, während Schrecken und Ueberraschung den Mann unfähig zur Verihei- digung machten. „Es wäre nur gerecht, Euch neben ihn hinzulcgen," sagte kr, „allein das Blut eines niedrigen Fuchsschwänzers soll sich niemals auf deines Vaters Dolch mit dem eines braven Mannes vermischen." Während er sprach, schleuderte er den Mann mit solcher Kraft von sich weg, daß derselbe auf den Fußboden stürzte, während Robin mit der andern Hand die verhängnißvolle Waffe in das lodernde Torffeucr warf. „Dort," sagte er, „mag den Dolch nehmen, wer Lust hat; mag das Feuer ihn vom Bluie reinigen, wenn es möglich ist." 589 Als das durch Erstaunen hervorgerufene Stillschweigen noch dauerte, fragte Robin Oig, ob ein Beamter gegenwärtig sei; als ein Constabler vortrat, ergab er sich demsetben. „Ihr habt aus dem Handel eine blutige Sache gemacht," sagte der Constabler. »Es ist Euer eigener Fehler," erwiderte der Hochländer, „hättet Ihr seine Hände vor zwei Stunden von mir abgehalten, so würde er jetzt ebenso munter und wohlbehalten sein, wie vor zwei Minuten." „Ihr müßt schlimm dafür büßen," sagte der Beamte. „Laßt Euch das nicht kümmern, der Tod zahlt alle Schulden ; ich werde diese hier bezahlen." Der Schauder der Gegenwärtigen begann jetzt dem Unwillen zu weichen, und der Anblick eines Lieblingsgefährten, welcher in ihrer Mitte bei einer nach ihrer Meinung im Ver- hältniß zur Rache so geringfügigen Veranlassung ermordet war, hätte sie vielleicht bewegen können, den Vollbringer der Thai sogleich zu tödten. Der Constabler jedoch that bei dieser Gelegenheit seine Pflicht und schaffte mit Hülfe einiger vernünftigen Personen unter den Anwesenden Pferde herbei, um den Gefangenen nach Carlisle zu bringen, damit derselbe sein Schicksal in den nächsten Asstsen erwarten möge. Während Vorbereitungen zum Transport getroffen wurden, sprach der Gefangene weder die geringste Regung aus, noch versuchte er die unbedeutendste Erwiderung. Er äußerte nur seinen Wunsch, bevor er aus dem vcrhängnißvollen Zimmer hinweggebracht wurde, den Leichnam ansehen zu dürfen, welcher vom Boden erhoben und auf den großen Tisch gelegt war, an dessen oberem Ende Harry Wakrfield noch vor wenig Minuten voll Leben, Kraft und Munterkeit den Vorsitz geführt hatte, bis die Wundärzte die tödtliche Wunde untersucht haben wör- 590 den. Das Antlitz des Leichnams war dem Anstand gemäß mit einem Tuch bedeckt. Zur Ueberraschung und -um Schauder der Anwesenden, welche sich in einem allgemeinem Oh, durch zusammcngcprcßte Zähne und halbgeöffnete Lippen Luft machte, zog Robin Oig das Tuch zurück und blickte mit betrübtem aber festem Auge auf das Antlitz, welches noch so kürzlich belebt gewesen war, daß das Lächeln des gut gelaunten Vertrauens auf eigene Kraft der Versöhnlichkeit und zugleich der Verachtung gegen seine Feinde noch auf den Lippen ruhte- Während die Gegenwärtigen erwarteten, daß die Wunde, welche das Gemach soeben mit Blut überschwemmt hatte, neue Ströme bei der Berührung des Mörders ergießen würde, legte Robin Oig die Decke mit dem kurzen Ausruf wieder hin: „er war ein hübscher Mann." Meine Geschichte ist beinahe geendet; der unglückliche Hochländer wurde zu CarliSle vor die Geschwornen gestellt. Ich selbst war gegenwärtig und erhielt als junger schottischer Rechtsgelehrter und als Mann von einigem Ansehen durch die Güte des Sherifs von Cumberland einen Platz auf der Advokatcnbank. Die Thatsachen wurden in der Weise bewiesen, wie ich sie dargelegt habe. Von welcher Art auch die Vorurtheile der Zuhörer gegen ein so unenglisches Verbrechen der Ermordung aus Rachsucht sein mochten, so wurde doch die Großmuth des englischen Publikums bald geneigt, darin eher die seltsame Verirrung einer falschen Vorstellung von Ehre, als das Ergebniß eines von Natur wilden oder durch' Gewohnheit des Lasters verkehrten Herzens zu sehen. Als die Nationalvorurtheile des Gefangenen erklärt waren, nach denen er sich durch persönliche-Gewalithätigkeit auf immer für entehrt -alten müßte, als ferner seine vorhergehende Geduld, Mäßigung und Kälte bei ungerechter Auf- reizung dargelegt worden war, änderte sich die Stimmung zu seinen Gunsten. Ich werde niemals die Anrede des ehrwürdigen Richters an die Geschwornen vergessen, obgleich ich damals nicht in einer Stimmung war, um mich durch Pathos oder Beredtsamkeit rühren zu lassen. „Wir haben im vorhergehenden Theil unserer Sitzungen (der Richter meinte die vorhergehenden Prozesse) uns mit Verbrechen beschäftigen müssen, welche nur Widerwillen und Abscheu erregen, während sie die wohlverdiente Rache des Gesetzes veranlassen. Jetzt ist uns die noch betrllbtcre Aufgabe zu Theil geworden, seine heilsamen, obgleich strengen Gebote auf einen Fall cigenthllmlichen Charakters anzuwenden, in welchem das Verbrechen, denn es ist ein Verbrechen, und zwar ein schweres, weniger aus dem böswilligen Herzen, als aus irrendem Verstände — weniger aus einer Vorstellung Unrecht zu begehen, als aus einem unglücklicherweise verkehrten Begriff über Recht entsprang. Hier haben wir zwei in ihrer Stellung hochgeachtete Leute, von welchen das Leben des Einen durch übelverstandenes Ehrgefühl geopfert wurde, und das des Andern der Rache beleidigter Gesetze anheim zu geben ist, und dennoch müssen Beide unser Mitleid in Anspruch nehmen, da sie als Männer handelten, von denen Jeder die Nalionalvorurtheile des Andern nicht kannte, während Beide eher unglücklicherweise mißleitet waren, als daß sie srreiwillig den Pfad gerechten Handelns verließ. „In der ursprünglichen Ursache des Mißverständnisses müssen wir der Gerechtigkeit gemäß dem Angeklagten vollkommen Recht geben. Er hatte das umzäunte Feld, den Gegenstand der Bewerbung Beider, durch einen gesetzlichen Contrakt mit dem Eigenthümer, Herrn Jrebp, erlangt; als er mit unverdienten und für ein Temperament, welches für Leidenschaft 592 empfänglich ist, höchst kränkenden Vorwürfen überhäuft wurde, machte er dennoch den Antrag, die Hälfte seiner Erwerbung abzugeben, um Frieden und gute Nachbarschaft zu bewahren; sein freundschaftlicher Vorschlag aber ward mit Hohn zurückgewiesen. Alsdann folgte der Auftritt im Gasthause des Herrn Heökett, und ihr werdet beobachten, wie der Fremde Von dem Verstorbenen und leider von allen Anwesenden behandelt wurde, welche gegen ihn auf eine im höchsten Grade schmachvolle Weise verfuhren. Während er um Frieden und Versöhnlichkeit nachsuchte, und sich einer Gerichtsperson oder einem Schiedsrichter zu unterwerfen bereit erklärte, ward er von einer ganzen Gesellschaft beschimpft, welche bei dieser Gelegenheit den englischen Grundsatz gleicher Vortheile bei einem Faustkampfe gänzlich vergessen zu haben schienen; während er in Frieden von dem Orte sich zu entfernen suchte, ward er daran verhindert, zu Boden geworfen und geschlagen, bis sein Blut floß. »Ihr Herren Geschwornen, mit einigem Unwillen habe ich vernommen, als mein gelehrter College, welcher die Anklage im Namen der Krone vorbrachte, bei dieser Gelegenheit das Benehmen des Angeklagten in ungünstigem Lichte darstellte. Er sagte, der Gefangene habe sich gescheut, seinem Gegner im offenen Kampfe entgegen zu treten, und sich den Gesetzen der Fcchtkunst zu unterwerfen; er habe deßhald wie ein feiger Italiener Zuflucht zum verhängnißvollen Dolch genommen, um den Mann zu ermorden, dem er im männlichen Kampfe nicht gegenüberzutreten wagte. Ich bemerkte, wie der Gefangene bei diesem Theile der Anklage den Abscheu zeigte, welcher einem Manne von Muth natürlich ist. Da ich nun wünsche, daß meine Worte nachdrücklich sind, wenn ich auf sein wirkliches Verbrechen zurückkomme, so muß ich 593 hier seinen Glauben an meine Unparteilichkeit sichern, indem ich eine solche Anklage zurückweise. Es kann kein Zweifel herrschen, daß der Gefangene ein Mann von Entschlossenheit ist — nur von zu großer Entschlossenheit — ich wünsche beim Himmel, daß dieselbe geringer wäre, oder wenigstens, daß seine Erziehung derselben eine bessere Richtung ertheilt hätte. „Meine Herren, was die Gesetze betrifft, wovon mein College redet, so mögen sie bei Stier- oder Bärenhetzen, oder bei Hahnenkämpfen gelten; hier gelten sie nicht; oder wenn man sie in so weit als Beweismittel gelten lassen will, daß keine Bosheit in dieser Art Kampf stattsand, woraus oft Todtschläge entstehen, so kann man dicß nur in so fern einräumen, als beide Theile sich gleich stehen, mit dieser Art Entscheidung gleich bekannt, und gleicherweise Willens sind, sich derselben zu unterwerfen. Kann man aber behaupten, daß ein Mann von höherem Rang und Erziehung diesem groben und viehischen Kampfe unterworfen ist oder sich unterwerfen muß, vielleicht wenn sein Gegner ein jüngerer, stärkerer und geschickterer Mann ist? Sicherlich können die Gesetze des Faustkampfes, wenn sic auf den gleichen Bedingungen beruhen, welche die englische Sitte, wie mein College behauptet, erheischt, nichts so Verkehrtes vorschrciben. Ihr Herren Geschwornen, wenn die Gesetze einem englischen Herrn, welcher, wie wir voraussetzen, seinen Degen trägt, eine Selbst- verthcidigung gegen heftige persönliche Angriffe, wie sie diesem Angeklagten geboten wurden, vollkommen gestatten, so müssen sie auch einen Fremden unter denselben Umständen schützen. Wenn deßhalb der Angeklagte durch überlegene Gewalt gedrängt, und als der Gegenstand der Schmähung einer gan- DaS gefährl. Schloß u. and. Erzähl. 38 594 zen Gesellschaft die Waffe gezogen hätte, welche seine Landsleute, wie man uns sagt, gewöhnlich bei sich führen, und wenn dann derselbe unglückliche Umstand sich ereignet hätte, welcher jetzt durch Zeugnisse erwiesen ist, so würde ich, meinem Gewissen gemäß, von euch kein Urthcil auf Mord verlangen. Die persönliche Vertheidigung des Gefangenen hätte dann mehr oder weniger auf Nothwehr beruhen müssen, und die Strafe wäre alsdann die des Todtschlags, nicht des Mordes. Ich füge hinzu, daß ich selbst diese mildere Art Urtheil für vorliegenden Fall verlangt haben würde, obgleich ein Gesetz den Fall des Todtschlags bei Erstechungen mit kurzer Waffe auch ohne bösliche Absicht nicht gelten lassen will, denn dies Gesetz wurde nur wegen einer vorübergehenden Ursache gegeben, und da die Schuld dieselbe ist, mag der Todtschlag durch Dolch, Degen oder Pistolen veranlaßt sein, so läßt das neuere Verfahren keinen Unterschied gelten. „Allein ihr Herren Geschworenen, das Wesentliche des Falles liegt in dem Umstande, daß ein Zeitraum von zwei Stunden zwischen dem Empfang der Beleidigung und der Vergeltung verschwand. In der Hitze des Kampfes berücksichtigt das Gesetz aus Mitleid mit den Schwächen der Menschen die Leidenschaften, welche in so stürmischen Augenblicken herrschen — es berücksichtigt die empfundene Pein, die Besorgniß weiterer Verletzung, die Schwierigkeit, den Grad der Gewaltthat anzugeben, welcher erforderlich ist, um die Person des Angegriffenen zu schützen, ohne daß dem Angreifer ein mehr als not-wendiger Schaden geschieht. Allein die Zeit für einen Gang von zwölf Meilen, so schnell dieselben auch zurückgelegt sein mogten, war für den Gefangenen ein genügender Zeitraum, um seine Besonnenheit wieder zu erlangen, und die Heftigleit, womit er seinen Zweck mit so vielen Umständen überlegter Entschlossenheit zur Ausführung brachte, konnte weder durch Zorn, noch Furcht bedingt sein. Es war der Zweck und die Handlung überlegter Rache, für welche das Gesetz kein Mitgefühl und keine Nachsicht hegen kann und hegen darf. „Allerdings müssen wir zur Milderung der Handlung dieses unglücklichen Mannes bedenken, daß sein Fall ein sehr eigcnthümlicher ist. Sein Vaterland war in den Tagen mancher jetzt noch lebender Personen nicht allein den Gesetzen Englands, die auch jetzt noch nicht dahin eingcdrungen find, sondern selbst denen Schottlands unzugänglich, welche ohne Zweifel auf den allgemeinen Grundsätzen der Gerechtigkeit und Billigkeit gegründet sind, die in jedem civilisirten Lande herrschen. Die verschiedenen Stämme waren wie die nord- amerikanischen Indianer gewohnt, in ihren Bergen mit einander Krieg zu führen, so daß Jedermann sich zu seinem eigene« Schutze bewaffnen mußte. Diese Leute betrachteten sich nach den Vorstellungen über ihre Abkunft und ihre eigene Wichtigkeit eher als Cavaliere und Krieger, wie als Bauern eines friedlichen Landes. Die Gesetze des Faustkampfes, wie mein College sie nennt, waren den kriegerischen Gebirgsbewohner« unbekannt; die Entscheidung ihrer Streitigkeiten mit keinen anderen Waffen als denjenigen, welche die Natur einem Jeden ertheilt, mußte ihnen ebenso gemein und schimpflich, als dem Adel Frankreichs scheinen; die Rache dagegen mußte den Gewohnheiten ihrer Gesellschaft ebenso gewöhnlich sein, wie den Cherokccs oder Mohawks. Wie Bacon sie beschreibt, liegt ihr ein wildes, durch Erziehung nicht geleitetes RechtS- gefühl zu Grunde; die Furcht der Vergeltung muß nämlich die Hände des Unterdrückers zurückhalten, wenn kein regel- 596 mäßiges Gesetz vorhanden ist, um kühne Gewalt zu hemmen. Obgleich man aber alles dieß und sogar noch den Umstand zugestehcn muß, daß manche dieser Meinungen und Gefühle, welche in den Hochlanden zur Zeit der Eltern des Angeklagten herrschten, auch auf die jetzige Generation noch Einfluß üben, so darf dieß sogar nicht in dem vorliegenden unglücklichen Fall die Ausübung des Gesetzes weder in euren, noch in meinen Händen verändern. Der erste Zweck der Civilisation ist die Ersetzung dieser wilden Gerechtigkeit, welche Jedermann je nach der Länge seines Schwertes und der Kraft seines Armes sich zuschnitt, durch den allgemeinen und gleicherweise vertheilten Schutz des Gesetzes. Das Gesetz spricht zu den Unterthanen mit einer nur der Gottheit untergeordneten Stimme: „die Rache ist mein." Sobald Zeit vorhanden ist für die Abkühlung der Leidenschaft und das Einschreiten der Vernunft, so muß der beleidigte Theil beachten, daß das Gesetz die ausschließliche Erkenntniß über Recht und Unrecht zwischen den Parteien übernimmt und sein unverletzliches Schild jedem Versuch einer Privatpartei, sich Recht zu verschaffen, entgegenhält. Ich wiederhole es, dieser unglückliche Mann muß persönlich eher der Gegenstand unseres Mitleids, als unseres Abscheus sein, denn sein Fehl beruhte aus Unwissenheit und mißverstandenem Vorurtheil über Ehre, allein sein Verbrechen ist dennoch das des Mordes, und es ist eure Pflicht, ihr Herren Geschwornen, in eurem hohen und wichtigen Berufe, darauf zu erkennen. Engländer haben ebenso ihre zornigen Leidenschaften, wie die Schotten, und bliebe dieses Mannes Handlung unbestraft, so würdet ihr unter verschiedenen Umständen tausend Dolche zwischen dem südlichsten Vorgebirge Englands und den Orknep-Jnseln entblößen." Der ehrwürdige Richter beendete hiemit seine Aufgabe, 597 die ihm wirklich höchst peinlich war, wie aus seiner offenbaren Erregung und den Thränen in seinen Augen erhellte. Die Geschworncn gaben nach seiner Auslegung des Gesetzes eine Entscheidung auf Schuldig, und Robin Oig Mac Combich, sonst Mac Gregor genannt, wurde zum Tode verurtheilt, worauf die Hinrichtung demgemäß stattfand. Er ging seinem Schicksal mit großer Festigkeit entgegen, und sprach seine Anerkennung über die Gerechtigkeit des Urtheils aus. Er wies jedoch mit Unwillen die Aeußcrung Mancher zurück, die ihn anklagten,- einen unbewaffneten Mann angegriffen zu haben. »Ich gebe mein Leben für das Leben, welches ich genommen habe," sagte er, „was kann ich mehr thun?" —— Die Tochter des Wundarztes Einleitung. Das Hauptcrcigniß zu vorliegender Erzählung wurde dem Verfasser durch Herrn Train von Castle Douglas einstens beim Frühstücke mitgetheilt- Er bat denselben, ihm die Erzählung schriftlich zu übersenden, und zwar wo möglich in der Form, wie er sie mündlich gegeben hatte. Herr Train hat diesen Wunsch erfüllt; sein schristlicher Bericht gelangte jedoch nach Adbotsford erst im Juli 18Z2, nachdem die vorliegende Erzählung 1827 schon im Druck herausgegeben war; der Verfasser konnte sie also in seiner ersten Ausgabe nicht mittheilen. Wir geben sie hier als die wirkliche Begebenheit, worauf die Erzählung Sir Walter Scotts beruht. „In dem alten Städtchen Stock of Fife fand sich vielleicht kein Einwohner, dessen Thätigkeit so bcmerkenswerthe Folgen hatte, als diejenige von Davie Duff, gewöhnlich der Thane von Fife genannt — ein Mann, welcher von sehr niedriger Geburt sich zu der Würde eines Nathsherrn seiner Vaterstadt emporschwang; durch Fleiß und Sparsamkeit in seiner Jugend erlangte er die Mittel, um ganz allein auf eigene 599 Rechnung eine jener Fabriken zu gründen, wegen deren trefflicher Einrichtung Fifeshire mit Recht berühmt ist. Von dem Tage an, an welchem dieser fleißige Fabrikant zuerst seinen Sitz am Nathstische einnahm, vertrat er die Interessen des kleinen Städtchens in solcher Weise, daß bürgerliche Ehren so schnell ihm übertragen wurden, als die Verfassung desselben gestattete. „Das Recht, sich bei Festtagen in die Kirche zu begeben, während ihm eine Ehrenwache von Hellebardirern in der Kleidung früherer Zeiten voranging, erscheint in den Augen mancher Zunstgenofsen als eine bencidenswerthe Höhe weltlicher Größe. Wenige Personen waren jemals stolzer auf bürgerliche Ehren, als der Thane von Fife; er verstand es aber auch, seinen politischen Einfluß zum Vortheil der Gemeinde anzuwenden. Da die Versammlungen des StadtratheS und andere Geschäfte des Städtchens viel Zeit in Anspruch nahmen, ward er veranlaßt, die Führung seiner Fabrik einem nahen Verwandten Namens D.. einem jungen Manne von lockeren Sitten, zu übertragen; als aber der Thane zuletzt sah, daß er wahrscheinlich banquerott werde, wenn er diesen Verschwender in jener Stellung lasse, wandte er sich an das Parlamentsglied des Distriktes, um für seinen Verwandten ein Amt in der Staatsverwaltung zu erlangen. Das Parlamentsglied, dessen Namen zu nennen unnöthig ist, wußte sehr wohl, daß der Thane das Städtchen trefflich regiere ; er wandte sich somit an die Regierung und erhielt auch wirklich für D. eine Anstellung im Civildienst der ostindischen Compagnie. „Ein achtbarer Wundarzt in einem benachbarten Dorfe besaß eine schöne Tochter, Namens Emma, um welche D.. sich lange Zeit beworben hatte. Unmittelbar vor dessen Ab- 600 reise nach Indien tauschten die Liebenden ihre Miniaturbilder aus, die von einem ausgezeichneten Künstler in Fife gemalt, und in eine Kapsel eingefaßt wurden, so daß Beide den Gegenstand ihrer Neigung stets vor Augen haben konnten. „Die Blicke des alten Thane's wandten sich jetzt ängstlich nach Hindostan; sein Verwandter war aber noch nicht lange Zeit in jenem entfernten Theilc der Erdkugel gewesen, als er einen Brief von ihm mit der willkommenen Kunde erhielt, daß er sein neues Amt in einer großen Grenzstadt des Gebietes der Compagnie angetrete» habe, und daß ein beträchtliches Einkommen mit dem Amte verbunden sei. „Diese Angaben wurden durch mehrere nachfolgende Mittheilungen der befriedigendsten Art dem alten Thane bestätigt, welcher mit großem Vergnügen die Nachricht von der Besserung und dem Glück seines zukünftigen Erben verbreitete. Niemand von allen früheren Bekannten desselben hörte mit solcher Freude den günstigen Bericht über de» im Osten glücklichen Abenteurer, als die schöne und trefflich erzogene Tochter des Wundarztes im erwähnten Dorfe. Der frühere Ruf desselben hatte jedoch zur Folge, daß sie ihren Briefwechsel mit ihm vor ihren Eltern geheim hielt. Letzteren war sogar der Umstand, daß D. in irgend einem Verhältniß mit ihr stand, gänzlich unbekannt, bis ihr Vater einen Brief von D.erhielt, worin derselbe ihm die Versicherung gab, daß er Emma lange Zeit vor seiner Abreise von Fife gekannt habe; da er so glücklich gewesen sei, ihre Liebe zu gewinnen, würde er sich mit ihr vor seiner Abreise vermählt haben, wenn er schon damals die Mittel besessen hätte, ihr die geeignete Stellung im Leben zu verschaffen; nun er Dieses vermöge, so erwarte er nur die Einwilligung ihrer Eltern, um sein früheres Gelübde zu erfüllen. 601 „Da der Doctor eine große Familie und nur ein sehr beschränktes Einkommen zum Unterhalt derselben besaß, da er ferner vernahm, daß D. endlich die Gewohnheiten der Mäßigkeit und des Fleißes angenommen habe, so gab er seine Einwilligung, der sich auch Emma's Mutter vollkommen anschloß. „Weil D.mit den beschränkten Vermögensverhält- niffen des Doctors bekannt war, übersandte er eine Geldsumme, damit Emma in Edinburg ihre Erziehung für den Orient vervollständigen und sich für ihre Reise nach Indien ausrüsten könne. Sie sollte sich in Shcerneß an Bord eines Fahrzeugs der Compagnie nach einem indischen Hafen einschiffen. an welchem Orte, wie er schrieb, er ihre Ankunft mit einem Gefolge erwarten wolle, welches sich für eine Person seines Ranges in der Gesellschaft eigne. „Emma reiste von ihres Vaters Hause noch zu rechter Zeit ab, um sich die von ihrem künftigen Gemahle vor- s geschlagene Ueberfahrt zu sichern. Sie war von ihrem einzigen Bruder begleitet, welcher bei ihrer Ankunft in Sheerneß einen gewissen C... antraf; derselbe war ein alter Schulkamerad von ihm und jetzt der Kapitän des Schiffes, auf welchem Emma die Reise nach Indien zurücklegen sollte- „Der Doctor sprach den besonderen Wunsch aus, daß seine Tochter der Sorgfalt dieses Herrn von dem Augenblick an anvertraut würde, wo sie die Ufer von Großbritannien verlasse, bis die beabsichtigte VermählungS-Ceremonie bei ihrer Ankunft in Indien nach Gebühr vollbracht sei — ein Auftrag, welchen der großmüthige Schiffskapitän ohne Bedenken annahm. „Bei der Ankunft des Schiffes im bestimmten Hafen befand sich dort D.mit einem großen Gefolge berittener 602 Pindaries, wie erwartet war, in Bereitschaft, um Emma bei ihrer Landung zu begrüßen, und sie alsbald in das Innere des Landes zu führen. C..., welcher schon mehrere Reisen nach den Küsten von Hindostan gemacht hatte und mit den Sitten und Gebräuchen des Landes etwas bekannt war, wurde dadurch überrascht, daß ein bloßer Beamter der ostindischen Compagnie ein solches Gefolge habe; als nun D — sich weigerte, die Verntählungs-Ceremonie nach den Gebräuchen der Kirche, ehe er nach Hause zurückgekehrt sei, vornehmen zu taffen, wurde C... immer mehr und mehr in seinem Verdachte bestärkt, daß nicht Alles in Ordnung sei; er beschloß deßhalb, sich von Emma nicht eher zu trennen, als bis er auf die befriedigendste Weise sein vor der Abreise aus England gegebenes Versprechen gelöst haben würde, sie allein nach geschlossener Ehe abzuliefern. Als Emma eS nicht ver- mogte, den Entschluß von D. durch ihre Bitten zu verändern, bat sie ihren Beschützer C..., sie zum Orte ihrer Bestimmung zu geleiten; auch gab derselbe sehr bereitwillig seine Einwilligung, und nahm von seiner Mannschaft so viele Leute mit, als zur sicheren Bewachung seines unschuldigen Schützlings zu genügen schienen, im Fall der Versuch gemacht werden sollte, sie mit Gewalt fortzuführen. „Beide Theile reisten bis zu einer Grenzstadt, wo ein Rajah oder indischer Fürst die Ankunft des schönen Mädchens von Fife erwartete. Derselbe hatte sich nämlich in letzteres nach dem Miniaturbilde, welches D.besaß, stark verliebt; er hatte demselben eine große Geldsumme für das Original bezahlt, und ihm allein den Auftrag crtheilt, sie in aller Pracht nach seiner Residenz zu geleiten. Sobald C... mit dieser schändlichen Handlung D.s bekannt wurde, meldete er alle Umstände dem cvmmandirenden Offizier eines Regiments schottischer Hochländer, welches damals gerade in diesem Theile Indiens ausgestellt war. Er bat ihn zugleich bei der Ehre Schottlands um Schutz für die leidende Unschuld, damit er alle ihm möglichen Mittel anwende, um jedem Versuche des Rajahs Widerstand zu leisten, wenn derselbe seinen Händen die tugendhafte Dame entreißen wolle, welche in so schmachvoller Weise aus ihrem Vaterlande durch den bösartigsten Menschen verlockt sei. Die Ehre nimmt einen zu großen Raum im Herzen des Galen ein, als daß diese Berufung auf Menschlichkeit zurückgewiesen worden wäre. „Als der indische Fürst erkannte, daß seine Forderungen nicht erfüllt würden, war er entschlossen, dieselben mit Gewalt zu erzwingen, sammelte seine Truppen und griff mit großer Wuth den Platz an, wohin die erschreckte Emma einige Zeit lang von ihren Landsleuten in Sicherheit gebracht war. Dieselben fochten zu ihrer Vertheidigung mit aller Tapferkeit ihres Vaterlandes, welche zuletzt die Angreifenden so überwältigte, daß dieselben nach jeder Richtung zu fliehen gezwungen wurden. Sie ließen viele ihrer Erschlagenen zurück, unter denen auch der zerfleischte Leichnam des treulosen D. gefunden wurde- „C... vermählte sich bald darauf mit Emma, und mein Berichterstatter gab mir die Versicherung, daß er Beide viele Jahre nachher gesehen habe, wie sie glücklich in der Grafschaft Kent mit dem Vermögen zusammenlebten, welches der Thane von Fife ihnen hintcrlaffen hatte." Herrn Croftangry's Vorrede. Schreib, meine Muse, schreibe, Es gilt dir dieser Bann, Damit der Preis dir bleibe, Den die Kritik ersann. Ode auf die Kritik. Der Schluß einer literarischen Unternehmung, im Ganzen oder nur theilweise, ist wenigstens für den Unerfahrenen mit einem reizenden Kitzel verbunden, demjenigen ähnlich, welcher die Heilung einer Wunde begleitet; es ist in kurzen Worten ein Jucken der Ungeduld, um zu erfahren, was die Welt im Allgemeinen, und Freunde im Besonderen zu unserer Arbeit sagen werden. Einige Autoren, wie man mir sagt, besitzen eine austcrnartige Gleichgültigkeit in diesem Punkte; was mich jedoch betrifft, so glaube ich kaum an deren Aufrichtigkeit. Andere erlangen diese Gleichgültigkeit vielleicht durch Gewohnheit; nach meiner bescheidenen Meinung muß aber ein Neuling, wie ich, einer solchen Kaltblütigkeit unfähig sein. Um offen zu reden, so schämte ich mich selbst des kindischen Gefühles, welches ich bei der Gelegenheit empfand. Niemand konnte schönere Dinge als ich über die Wichtigkeit des Stoi- cismus hinsichtlich der Meinung Anderer sagen, wenn ihr Beifall oder Tadel sich allein auf literarischen Charakter bezieht; auch war ich entschlossen, mein Werk dem Publikum mit derselben Gleichgültigkeit darzubictcn, womit der Strauß seine Eier in den Sand legt und sich nicht weiter um die 605 Ausbrütung bekümmert, sondern es der Atmosphäre überläßt, die Jungen zu erzeugen, oder sonst je nach der Beschaffenheit des Klima zu verfahren- Obgleich jedoch in der Theorie ein Strauß, wurde ich in der Praxis eine arme Henne, welche, sobald sie ein Ei gelegt hat, gackernd umherläuft, um die Aufmerksamkeit eines Jeden auf das wunderbare Werk zu richten, welches sie soeben vollbracht hat. Sobald ich in den Besitz meines zuerst herausgegebenen Buches mit hübschem Einband gelangte, war das Gefühl der Nothwendigkeit, es Jemandem mitzutheilen, von mir nicht zu unterdrücken. Janct war unerbittlich und schien meines literarischen Vertrauens gänzlich müde; sobald ich nämlich auf den Gegenstand kam, suchte sie demselben so lange als möglich auszuweichen, und führte zuletzt unter irgend einem Vorwand einen Rückzug in die Köche oder Speisekammer, ihre besonderen und unverletzlichen Gebiete, aus. Mein Buchhändler wäre mir eine natürliche Zuflucht gewesen; er versteht jedoch sein Geschäft zu gut, und betreibt dasselbe zu eifrig, als daß er sich in literarische Verhandlungen einlassen sollte, denn er ist der verständigen Meinung, daß ein Mann, welcher Bücher verkaufen muß, selten Zeit hat, dieselben zu lesen. Meine weiteren Bekannten sind jetzt, da ich Frau Bethune Baliol verloren habe, von jener entfernten und zufälligen Art, daß ich ihnen die Natur meines Unbehagens nicht mittheilen mogte. Sie würden mich wahrscheinlich nur ausgelacht haben, hätte ich es versucht, ihre Theilnahme an meinen Arbeiten in Anspruch zu nehmen. Beinahe zur Verzweiflung gebracht, dachte ich plötzlich an meinen Freund und Anwalt, Herrn Fairscribe. Seine Gewohnheiten sind allerdings nicht solcher Art, daß Wahrscheinlichkeit vorhanden war, er werde Nachsicht gegen seichte 606 Literatur hegen, und ich hatte auch wirklich mehr als einmal bemerkt, daß seine Töchter, und besonders meine kleine Sängerin, sobald ihr Vater in's Zimmer trat, etwas in ihren Strickbeutel steckten, welches wie ein Buch aus Lescbibliotheken aussah. Er war jedoch nicht allein mein erprobter, sondern auch beinahe mein einziger Freund, und ich bezweifle nicht, daß er Interesse am Buche wegen des Verfassers nehmen würde, wenn auch das Werk selbst es nicht zu erregen vermöge. Ich schickte ihm dcßhalb das Buch sorgfältig versiegelt mit der Bitte, daß ich ihn um seine gütige Meinung über den Inhalt ersuche; ich selbst sprach davon in der wegwerfenden Weise, die einen bestimmten Widerspruch -erausfor- dert, wenn der Correspondent nur ein Gran Höflichkeit besitzt. Diese Mittheilung geschah am Montag, und da ich mich schämte, einen Besuch aus freien Stücken zu machen, obgleich ich einen willkommenen Empfang als gewiß voraussehen konnte, so erwartete ich täglich eine Einladung, um nach dem Lieb- lingsauSdrucke meines Freundes eine Suppe mit ihm zu essen oder auch eine Karte, um mit den Misses Fairscribe Thee zu trinken, oder wenigstens eine Aufforderung zum Frühstück bei meinem gastfreien Freunde und Wohlthäter, um alsdann den Inhalt meines Paketes zu besprechen. »Dieß gleicht nicht der Pünktlichkeit meines Freundes," dachte ich; nachdem ich nun James, meinen Bedienten, durch eine genaue Untersuchung hinsichtlich der Zeit und des Ortes der Einsendung zu wiederholten Malen gequält hatte, blieb mir keine andre Zuflucht übrig, als daß ich meine Phantasie anstrcngtc, um die Gründe für das Schweigen meines Freundes zu begreifen. Bisweilen dachte ich, seine Meinung über das Werk sei so ungünstig, daß er sich scheue sie mir mitzutheilen, um meine Gefühle nicht zu verletzen; bisweilen fiel mir ein, das Buch sei nicht in die Hände dessen gerathen, auf welchen die Adresse lautete, sondern sei in das Schreibzimmer gelangt, und so der Gegenstand der Kritik seiner munteren Schreiber und dünkelhaften Lehrlinge geworden. „Zum Henker," dachte ich, „wüßte ich das gewiß, so würde ich —" „Und was würdet Ihr thun?" fiel die Vernunft nach einigen Augenblicken ein; „Ihr -egt den Ehrgeiz, Euer Buch in jedes Schreib- und Lesezimmer Edinburgs einzuführen, und dennoch fangt Ihr Feuer bei dem Gedanken, daß es von Herrn Fairscribe's jungen Leuten kritifirt wird? Schämt Euch und bleibt Euch ein wenig gleich." „Ich will mir gleich bleiben," sagte ich verdrießlich, trotzdem aber will ich Herrn Fairscribe heute Abend besuchen." Ich aß hastig mein Mittagessen, legte meinen großen Ueber- rock an, denn es drohte am Abend zu regnen, und ging nach Herrn Fairscribe's Hause. Der alte Bediente öffnete vorsichtig die Thürc und sagte, bevor ich ihn befragte: „Herr Fairscribe ist zu Hause, Herr, allein es ist Sonnabend-Abend." Da er jedoch mich an Gesicht und Stimme erkannte, öffnete er weiter die HauSthüre, ließ mich ein und führte mich in'S Wohnzimmer, wo ich Herrn Fairscribe und die übrigen Glieder seiner Familie antraf, wie sie einer Predigt des verstorbenen Herrn Walker aus Edinburg zuhörtcn, welche von Miß Catharine mit ungewöhnlicher Deutlichkeit, Einfachheit und Verständniß vorgelesen wurde. Als ein Freund des Hauses bewillkommnet, mußte ich ruhig mich auf einen Stuhl setzen, aus der Noth eine Tugend machen, und mich bemühen, meinen Antheil am Nutzen einer so ausgezeichneten Predigt zw erhalten. Ich besorge jedoch, daß Herrn Walkers scharfe Logik und Kraft des Ausdrucks an mir verloren gingen. Ich merkte, daß ich eine unpassende Zeit gewählt hatte, um Herrn Fairscribe zu stören; als die Predigt vorbei war, stand ich auf, um mich zu empfehlen, und zwar wie ich glaube, etwas hastig. „Wollt Ihr nicht eine Tasse Thee trinken, Herr Croft- angrp?" sagte die junge Dame. „Bleibt doch hier und nehmt Theil an einem presbyterianischen Abendessen," sagte Herr Fairscribe, „um neun Uhr — ich sehe genau darauf, die Stunden meines Vaters am Sonntag Abend einzuhalten; vielleicht kömmt Doktor . . (Er nannte einen ausgezeichneten Geistlichen.) Ich entschuldigte mich wegen der Ablehnung seiner Einladung. Wie ich glaube, hatte mein unerwartetes Erscheinen und mein heftiger Rückzug meinen Freund etwas überrascht; denn statt mich zur Thüre zu begleiten, führte er mich in sein Zimmer. „Was gibt's, Herr Croftangrp?" fragte er; „dicst ist kein Abend für weltliche Geschäfte, wenn aber etwas Außerordentliches vorgekommen ist —" „Durchaus nichts," erwiderte ich, indem ich mich zum Ge- ständniß als zum besten Mittel, mir aus der Verlegenheit zu helfen, zwang — „nur sandte ich Euch ein kleines Paket, und da Ihr so regelmäßig in Angabe des Empfanges von Briefen und Mitthcilungen seid, so glaubte ich, eS sei an die Unrechte Adresse gelangt — das ist Alles " Mein Freund lachte herzlich, als ob er meine Beweggründe und meine Verwirrung durchschaute und innerlich daran Vergnügen fände. „Es ist sicher genug angelangt," sagte er, „der Wind der Welt führt immer seine Eitelkeiten in sicheren Hafen, wir befinden uns aber jetzt am Ende der Gerichtssitzungen; alsdann habe ich wenig Zeit etwas Gedrucktes zu lesen, mit Ausnahme der Gerichtsverhandlungen; 609 wenn Ihr aber mit mir nächsten Sonnabend eine Schüssel Kohl verspeisen wollt, so will ich Euer Werk durchlesen, obgleich ich sicherlich kein paffender Richter für solche Sachen bin." Mit diesem Versprechen nahm ich vergnügt von ihm Abschied, wobei ich mir beinahe einredete, daß der phlegmatische Jurist, wenn er einmal das Produkt meiner nächtlichen Studien zu lesen angefangen habe, das Buch nicht werde weglegen können, als bis er dessen Ende erreicht habe; auch werde cs ihn sogleich nach Beendigung der letzten Seite zu einer Unterredung mit dem Verfasser drängen. Jndeß zeigten sich keine solche Zeichen der Ungeduld. Die Zeit, stumpf oder scharf, wie meine Freundin Johanna sagt, schnell oder langsam, vollbrachte ihren Lauf; am festgesetzten Sonnabend befand ich mich rechtzeitig an der Thüre, als die Uhr vier schlug. Die Zeit zum Mittagessen wurde zwar um fünf Uhr pünktlich eingehalten, ich konnte jedoch nicht wissen, ob sich mein Freund etwa eine halbe Stunde mit mir vorher unterreden wolle. Ich wurde in ein leeres Damenzimmer geführt, und hatte nach dem hastig verlassenen Nadelkissen und Arbeitskorb einigen Grund zu der Vermuthung, daß ich meine kleine Freundin Miß Catie bei einer mehr rühmlichen als eleganten häuslichen Arbeit unterbrochen habe. In dieser kritischen Zeit muß nämlich die kindliche Liebe sich in einem Gemache verstecken, wenn sie ihres Vaters Wäsche aus- befsern will. Bald darauf erlangte ich eine noch vollere Ueberzeugung, daß ich mich zu früh eingedrängt habe, denn eine Magd kam herein, um den Korb wegzunehmen und meinen Artigkeiten einen rothgrünen Herrn in einem Käfig zu empfehlen, welcher alle meine Höflichkeiten durch das Gekrächz erwiderte: „Ihr seid ein Narr — ich sage Euch, Ihr seid ein Das geführt. Schloß u, and. Erzähl. 39 Narr!" bis ich zuletzt, auf mein Wort, zu glauben begann, das Geschöpf habe Recht. Endlich trat mein Freund ein wenig erhitzt ein. Er war beim Kolbenspiel gewesen, um sich für die erhabene Unterredung vorzubereiten. Warum nicht? Das Spiel mit seinen mannigfaltigen Körperanstrcngungen und Zufällen im Schleudern der Kugel ist keine unpassende Darstellung der Zufälle, welche mit literarischen Beschäftigungen verbunden sind. Besonders entsprechen jene furchtbaren Würfe, womit eine Kugel wie ein Büchsenschuß durch die Luft fliegt, um auf eine andere am Boden liegende niederzufallen und dieselbe auf dem Platze in die Erde z» treiben, wo sie durch Ungeschicklichkeit oder Bosheit des Spielers hingelegt wurde — den günstigen oder herabsetzenden Bemerkungen der Rezensenten, welche mit den herauSgegebcncn Büchern eben so ein Kolben- spicl treiben, wie Altisidora, als sie dem Thor der Hölle nährte, dort die Leusel erblickte, welche ein Federballspiel mit den neuen Büchern aus Cervantes' Tagen trieben. Wohl, jede Stunde erreicht ihr Ende. ES schlug fünf Uhr, und mein Freund mit seinen Töchtern und seinem hübschen Sohn, welcher zwar in gehöriger Weise an den Schreibtisch gefesselt ist, aber doch dann und wann über seine Schultern auf sein schönes Ebenbild im Spiegel blickt, begann ernstlich die körperlichen Bedürfnisse der Natur zu befriedigen; während ich durch den edleren Appetit nach Ruhm getrieben, den Wunsch hegte, daß die Berührung eines Zaubcrstabes ohne die Ceremonicn der Auswahl, des ZerschneidenS, KauenS und Verschlingcns, einen genügenden Betrag der guten Dinge auf meines Freundes gastfreiem Tische in die Mägen der dort Sitzenden versetzen möge, damit derselbe alsdann bequem in Nahrungssaft verwandelt werde, indeß ihre Gedanken sich 611 auf höhere Gegenstände richten könnten. Endlich war Alles vorüber. Die jungen Damen aber blieben sitzen und schwatzten von der Musik des Freischütz, von welcher damals alle Welt voll war; wir verhandelten das Lied Caspars u. s. w., womit meine jungen Freunde gänzlich vertraut waren. Glücklicherweise veranlaßte aller dieser Lärm von Hörnern und Jagdgeschrci eine Anspielung auf das siebente Husarenregiment, hinsichtlich dessen ich bald bemerkte, daß cs bei Miß Catbarine und ihrem Bruder ein beliebteres Thema war, als bei meinem alten Freunde, welcher auf die Uhr sah, und bedeutungsvoll Herrn James etwas über Arbeitsstunden sagte. Der junge Mann stand auf mit der Leichtigkeit eines Burschen, welcher eher für einen Mann der Mode als des Geschäftes gelten möchte, und bemühte sich, mit einigem Erfolg, das Zimmer zu verlassen, als sei diese Ortsveränderung eine ganz freiwillige; Miß Caiharine und ihre Schwestern verließen uns ebenfalls, und jetzt, dachte ich, kommt für mich die Stunde der Prüfung. Leser, hast du jemals im Laufe deines Lebens Gerichte und Advokaten geprellt, um eine zweifelhafte und wichtige Frage der Entscheidung eines beiderseitigen Freundes zu überlassen? Ist dieß der Fall, so wirst du die vcrhältnißmäßige Veränderung in der Achtung des Schiedsrichters bemerkt haben, welcher von der Stellung eines gewöhnlichen Bekannten, dessen Meinung für dich von eben so geringer Wichtigkeit war, als die deinige für ihn, auf diejenige einer höher gestellten Person erhoben wird, von deren Entscheidung dein Schicksal wenigstens pro tsnto abhängen muß, wie mein Freund Fair- scribe sagen würde; und diese Veränderung wird eintreten, wenn auch deine eigene freie Wahl ihn zum Schiedsrichter gemacht hat. Seine Blicke nehmen einen geheimnißvollen, wo nicht rs * drohenden Ausdruck an; sein Hut erlangt ein höheres Aussehen, und seine Perücke, wenn er eine solche trägt, eine furchtbarere Locke. Ich fühlte somit, daß mein guter Freund Fairscribe bei gegenwärtiger Gelegenheit eine ähnliche Steigerung seiner Wichtigkeit erlangt hatte. Noch vor einer Woche war er nach meiner Meinung ein ausgezeichnet wohlmeinender Mann, welcher in jeder Angelegenheit seines Berufes ein zuverlässiges Urtheil besaß, der sich aber unter dessen Formen und Kunstgriffe auf solche Weise eingemauert hatte, daß er zu einem Urtheil über Sachen des Geschmacks nicht besser geeignet war, wie irgend ein mächtiger Gothe, der im alten Senatshause Schottlands einen Sitz einnahm. Allein was hatte das jetzt zu bedeuten? Ich hatte mir ihn selbst zum Richter erwählt und ich habe öfter bemerkt, daß der Gedanke, eine solche Berufung aus dem Bewußtsein der eigenen Unfähigkeit abzulehnen, der letzte ist und vielleicht auch sein muß, welcher dem Schiedsmann jemals einfällt. Derjenige, welchem ein literarisches Werk zur Beurtheilung vom Verfasser vorgelegt wird, läßt sogleich seine Seele die Haltung eines Kritikers annehmen, mag auch der Gegenstand von solcher Art sein, daß er früher nie daran gedacht hat- Ohne Zweifel ist der Autor geeignet, seinen Richter sich zu wählen. Und weß- halb sollte der erwählte Schiedsrichter seine Talente zur Ver- urthcilung oder Freisprechung bezweifeln, da sein Freund ohne Zweifel sich auf deren Fähigkeit verlassen hat? Sicherlich muß der Mann, welcher ein Buch schrieb, wahrscheinlich auch diejenige Person kennen, welche zur Beurtheilung desselben sich am besten eignet. Während diese Gedanken mir durch den Kopf gingen, heftete ich meine Blicke auf meinen guten Freund, dessen Bewe- 613 gungen mir ungewöhnlich langsam schienen, als er eine Flasche vortrefflichen Bordeauxwein kommen ließ, mit eigener Hand und sorgfältiger Genauigkeit davon einschenkte, bei seinem alten Diener einen Teller mit Oliven und gerösteten Brodschnitten bestellte, und so auf gastfreundliche Gedanken gerichtet, die Verhandlung aufzuschieben schien, die ich herbeizuführen wünschte, jedoch zu übereilen besorgte. „Er ist unzufrieden," dachte icd, „und schämt sich dieß mir zu zeigen, denn er fürchtet ohne Zweifel mein Gefühl zu verletzen. Was kann ich mit ihm sonst besprechen, als Urkunden und Akten? — Halt, er will anfangen." „Wir sind jetzt alte Knaben, Herr Croftangry," sagte mein Wirth, „wir können jetzt kaum noch ein Quart Rothwein zusammen trinken, während wir in besseren Tagen eine Pincte vertragen konnten, und zwar in der noch weiteren Auslegung dieses Wortes nach alter schottischer Weise. Vielleicht hättet Ihr gern gesehen, daß James geblieben wäre, um uns bei dem Weine Gesellschaft zu leisten, allein heute ist kein Feiertag, und ich Halle cs für zweckmäßig, daß er alle seine Arbeitsstunden cinhält." Hier war die Unterredung im Begriff abgebrochen zu werden. Ich nahm sie wieder auf mit den Worten, daß James sich in der glücklichen Zeit des Lebens befinde, wo er bessere Dinge zu thun habe, als über der Flasche zu sitzen. „Ich glaube," sagte ich, „Euer Sohn liest Bücher." „Hm, ja, in gewisser Art kann man das sagen; ich glaube aber, daß seine Studien wenig solid sind — Poesie und Schauspiele, Herr Croftangrp, lauter Unsinn — das verdreht > ihm den Kopf so, daß er an die Armee denkt, wenn er sich um sein Geschäfte bekümmern sollte." 614 „Ich vermuthe demnach, Romane finden in Euren Augen nicht mehr Gnade als dramatische und lyrische Werke?" „So ist eS, Herr Croftangry; historische Bücher kann ich eben so wenig leiden. In der Geschichte kömmt viel zu viel Schlägerei vor, als seien die Menschen nur in diese Welt gesetzt, um einander hinauSzuschaffcn- Das erweckt falsche Begriffe von unserem eigentlichen Wesen, von unserer hauptsächlichsten und eigentlichen Bestimmung, Herr Croftangry." Alle diese Bemerkungen waren jedoch nur allgemeiner Art, und ich faßte den letzten Entschluß, unser Gespräch zum Brennpunkte zu bringen. „Ich besorge also, daß ich einen Mißgriff beging, Euch mit meinem eitlen Manuskripte zu belästigen, Herr Fairscribe; Ihr müßt mir jedoch die Gerechtigkeit erweisen, zu bedenken, daß ich nichts Besseres zu thun hatte, als mich mit der Abfassung jener Erzählungen zu beschäftigen, die ich Euch neulich übergeben habe. Ich kann zu meiner Vertheidiguug anführen, Bei eitlem Treiben Hab' ich den Beruf Noch nie versäumt." „Ich bitte Euch um Verzeihung, Herr Croftangry," sagte mein alter Freund sich plötzlich erinnernd, „ja, ja, ich war sehr grob, ich hatte aber vergessen, daß Ihr selbst bei so eitlem Treiben betheiligt seid." „Ich glaube," erwiderte ich, „daß Ihr Eurerseits zu beschäftigt seid, um meine arme Chronik Euch anzusehen." „Nein," sagte mein Freund, „so schlecht bin ich nicht, ich habe sie Seite für Seite und allmälig gelesen, wann ich einen Augenblick Zeit übrig hatte, und ich glaube, daß ich sehr bald damit fertig sein werde." „Und was denkt Ihr davon guter Freund?" fiel ich fragend ein- 615 „Ich denke davon, Herr Croftangry," sagte er, „daß Ihr Euch dabei ziemlich gut durchgeholfen habt. Ich habe zwei oder drei Dinge notirt, die vielleicht Druckfehler, wie ich ver- muthe, sind; sonst läßt sich vielleicht noch anführcn, daß Ihr nicht so vollkommen die Regeln der Grammatik beachtet, als deren strenge Einhaltung zu wünschen ist." Ich sah mir die Noten meines Freundes an, die auch wirklich mir bewiesen, daß ich in einer oder zwei stark auffallenden Stellen solche Verstöße gegen die Grammatik nicht cvrri- girt hatte. „Wohlan, ich gestehe meinen Fehler; lassen wir jedoch diese zufälligen Verstöße bei Seite und sagt mir, wie Euch der Stoff und die Schreibart meines Werkes gefällt." „Nun!" sagte mein Freund, nachdem er mit ernsterem und wichtigerem Bedenken, als mir gefiel, eine Pause gemacht hatte, „gegen die Schreibart ist nicht viel zu sagen, derStpl ist rein und verständlich, Herr Croftangry, sehr verständlich, und das halte ich für das erste Erforderniß von Allem, was mau verstehen soll- Allerdings finden sich hie und da einige Ausschweifungen der Phantasie und Einfälle, die ich mit Schwierigkeit verstand; zuletzt aber bin ich dennoch zu dem Sinn gelangt. Es gibt Leute, die den Kleppern gleichen; ihr Ur- theil kann nicht schnell gehen, aber sie gehen sicher." „Dieser Euer Ausspruch, mein Freund, ist ziemlich klar; wie gefiel Euch aber der Sinn, als Ihr zu ihm gelangtet? oder glich er einigen Kleppern, die man nur mit großer Schwierigkeit fangen kann, und die alsdann eingefangen sich als solcher Mühe nicht werth erweisen." „Ich bin weit davon entfernt, das zu sagen, theurer Herr, in Betracht, daß dieses geradezu unartig sein würde; da Ihr mich aber um meine Meinung fragt, so wünsche ich, Ihr hättet an einen Stoff gedacht, der mehr dem bürgerlichen Leben angehört als alle Eure blutige Arbeit mit Erschießen und Erdolchen und sogar mit Hängen. Man hat mir gesagt, daß die Deutschen zuerst ein Verfahren in Mode brachten, nach welchem sie ihre Helden aus der Liste Hingerichteter Verbrecher -erausgreisen; jrtzt aber sind mir wahrlich auf dem besten Wege, es ihnen zuvor zu thun. Der erste, wie ich aus glaubwürdiger Quelle erfuhr, war ein Herr Schüler, wie man ihn nennt; ein schülerhaftes Stück hat er geschrieben von Räubern und Dieben." »Schiller," sagte ich, „mein theurer Herr; Ihr werdet Schiller meinen." „Schiller oder wie Ihr wollt," erwiderte Herr Fairscribe; „ich fand das Buch an einem Ort, wo ich wünschte, daß ich ein besseres gefunden hätte, d. h. in Cate's Arbeitökorbchen. Ich nahm es in die Hand und begann wie ein alter Narr zu lesen; in dieser Hinsicht kann ich Euch aber versichern, daß Ihr Schiller übertroffen habt, Herr Crofiangry." „Es wäre mir lieb, mein theurer Herr, wenn Ihr wirklich der Meinung wäret, ich habe mich jenem bewunderungswürdigen Schriftsteller genähert; sogar Eure freundschaftliche Parteilichkeit sollte Euch nicht bewegen, mir zu sagen, daß ich ihn übertroffen habe." „Ich sage jedoch, daß Ihr ihn übertroffen habt, Herr Croftangry, und zwar in einem höchst wesentlichen Umstand. Ein Unterhaltungsbuch muß sicherlich solcher Art sein, daß man es nach Belieben in die Hand nehmen und weglegen kann; auch kann ich mit Recht sagen, daß ich niemals mich im Geringsten zu bedenken brauchte, Eure Erzählungen bei etwaigen Geschäften bei Seite zu legen. Allein wahrhaftig, dieser Schiller läßt Euch nicht so leicht fahren. Ich vergaß eine Verabredung in Bezug auf besondere Geschäfte, und kam absichtlich einer anderen nicht nach, damit ich zu Hause bleiben und sein verdammtes Buch durchlesen könne, welches dennoch nur von zwei Brüdern, den größten Schurken, handelte, von denen ich jemals gehört habe. Der eine ist nahe daran, seinen eigenen Vater zu ermorden, und der andere, was Ihr noch für sonderbarer halten werdet, hat es sich in den Kopf gesetzt, seine eigene Frau lüderlich zu machen." „Ich erkenne somit, Herr Fairscribe, daß Ihr keinen Geschmack für das Romantische im wirklichen Leben besitzt, und kein Vergnügen an der Betrachtung jener aufregenden Antriebe findet, welche Menschen von feurigen Leidenschaften zu großen Tugenden und großen Verbrechen hindrängen." „Nun, was das betrifft, so bin ich dessen nicht so sicher. Aber um den Stoff zu verbessern," fuhr der Kritiker fort, „habt Ihr Hochländer in jede Geschichte eingeführt, als wolltet Ihr velis et remis in die alten Tage des Jakobitismus wieder zurücksegeln. Ich muß offen mit Euch reden, Herr Croftangry. Ich kann nicht sagen, welche Neuerungen in Kirche und Staat möglicherweise jetzt vorgefchlagen werden, allein unsere Väter waren Freunde von Neuerungen in beiden, wie dieselben bei der glorreichen Revolution gesetzlich begründet wurden, und sie konnten die bunten hochländischen Mäntel ebensowenig als das weiße Chorhemd leiden. Ich wünsche bei Gott, daß dies ganze hochländische Fieber der protestantischen Thronfolge und der calvinistischen Kirche von Schottland keinen Schaden bringe." „Beide sind zu fest in den Seelen der Unterthanen begründet," sagte ich, „um durch alte Erinnerungen leiden zu ^618^ können; auf letztere blicken wir zurück, wie auf die Porträts unserer Ahnen, ohne dabei an die Fehden zu denken, welche die Originale, so lange sie noch lebten, leidenschaftlich mit einander führten. Ich werde mich jedoch glücklich schätzen, wenn ich auf einen Stoff gerathen kann, welcher die Stelle der Hochlande ersetzen wird. Ich dachte gerade, das Thema sei jetzt etwas erschöpft, und Eure Erfahrung könne vielleicht mir ein anderes angebcn." „Ha, ha, ha, meine Erfahrung!" unterbrach mich Herr Fairscribe mit einem höhnischen Lachen; „Ihr könntet ebensowohl die Erfahrung meines Sohnes James in Anspruch nehmen, wenn Ihr gerade einen Fall über Mühlzwang wissen wolltet. Nein, nein, mein guter Freund, ich habe mein ganzes Leben lang von der Jurisprudenz gelebt, und mich um nichts Anderes bekümmert; wenn Ihr die Antriebe aufsucht, wodurch Soldaten desertiren und ihre Sergeanten und Corporäle erschießen, oder wodurch hochländische Viehhändler englische Viehmäster erstechen, um sich als Männer feuriger Leidenschaft zu zeigen, so müßt Ihr nicht zu einem Manne wie ich kommen; ich könnte Euch vielleicht einige Kniffe meines Gewerbes und eine oder zwei sonderbare Geschichten von Landgütern berichten, die verloren und wieder gewonnen wurden; um Euch aber die Wahrheit zu sagen, so glaube ich, Ihr könnt mit Eurer Muse der Dichtung, wie Ihr sie nennt, ebenso verfahren, wie mancher ehrliche Mann mit seinen Söhnen von Fleisch und Blut " „Und was ist das, mein theurer Herr?" „Schickt sie nach Indien, sicherlich, das ist der wahre Platz für einen Schotten, um dort zu gedeihen; wenn Ihr nur Eure Geschichte so Jahre zurückführt, woran Euch ja nichts verhindert, so findet Ihr dort ebensoviel Todtschießen und 619 Erstechen, als jemals in den wilden Hochlanden vorkam; wenn Ihr Schelme braucht, welche bei Euch so sehr in Mode sind, so babt Ihr ja jene tapfere Kaste von Abenteurern, die ihr Gewissen beim Cap der guten Hoffnung, als sie nach Indien reisten, ablegten, und dasselbe bei ihrer Rückkehr nach England sich wieder zu holen vergaßen. Was ferner große Thatcn betrifft, so habt Ihr ja in der alten Geschichte Indiens, bevor Europäer dort zahlreich waren, die wunderbarsten Thaten, welche mit so möglichst geringen Mitteln ausgeführt wurden, als sie jemals die Weltgeschichte darbieten kann." Ich fing Feuer bei den Ideen, welche seine Rede erregte. „Ich weiß es," sagte ich, „denn ich erinnere mich in der hinreißenden Erzählung von Orme an das Interesse, welches sich wegen der geringen Zahl der kämpfenden Engländer mit seinem Berichte verbindet. Jeder Offizier eines Regimentes wird namentlich bekannt, sogar die Unteroffiziere und Soldaten erlangen für ihre einzelnen Personen einen Antheil des Interesses; sie zeichnen sich unter den Eingebornen wie die Spanier unter den Mexikanern aus. Was sage ich? Sie sind wie Homers Halbgötter unter den kämpfenden Sterblichen. Männer wie Clive und Caillaud übten wie Jupiter selbst Einfluß auf die großen Ereignisse. Die ihnen untergeordneten Offiziere sind wie Mars und Neptun; die Sergeanten und Corporäle können sehr wohl als Halbgötter gelten. Alsdann die verschiedenen religiösen Gebräuche des Volkes von Hindostan — der geduldige Hindu, der kriegerische Raschpute, der stolze Muha- medaner, der wilde und rachsüchtige Malape — ruhmwürdige, unbegrenzte Gegenstände! Der einzige Einwurf besteht nur darin, daß ich niemals dort war, und von allen den Völkern nichts weiß." „Unsinn, mein guter Freund; Ihr werdet uns darüber 620 um so deutlicher sagen, daß Ihr von Allem, was Ihr erzählt, nichts wißt; kommt, wir wollen die Flasche austrinken, und wenn Catie (ihre Schwestern gehen in die Kirche) uns Thee eingeschenkt hat, so wird sie Euch den Umriß der Geschichte der armen Meine Gray erzähle», deren Bild Ihr in dem Damenzimmer sehen werdet; sie war eine entfernte Verwandte meines Vaters, welcher jedoch einen hübschen Antheil an der Erbschaft der Cousine Menie empfing. Gegenwärtig ist Niemand mehr am Leben, welcher durch die Geschichte verletzt werden könnte, obgleich man cS für das Zweckmäßigste hielt, dieselbe zu ihrer Zeit zu unterdrücken; sogar das Geflüster darüber veranlaßte meine arme Cousine, in großer Zurückgezogenheit zu leben. Ich erinnere mich ihrer noch sehr genau von meiner Kindheit her. Es lag eine große Sanftmuth, aber auch etwas Langweiliges in ihrem Wesen-" Als wir das Damengemach betraten, wies mein Freund auf ein Gemälde, welches ich schon früher bemerkt hatte, ohne daß es jedoch mehr als einen vorübergehenden Blick auf sich zog; jetzt betrachtete ich dasselbe mit mehr Aufmerksamkeit. Es war eines jener Portraitö aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, in welchem die Künstler die Steifheit des Reisrockes und des Brokates dadurch zu überwinden suchten, daß sie die Figur mit einer Phantasie-Draperie umhüllten, deren Falten wie ein Mantel oder ein Schlafrock nachlässig geworfen waren, wobei jedoch das Corsett bcibehalten wurde, und den Busen in einer Weise zeigte, welche erwies, daß die Mütter wie ihre Töchter diese Kleidungsart so vortheilhaft für ihre Reize zu benutzen verstanden, als cs die Natur jener Moden nur immer erlaubte. Diesem fügte der wohlbekannte Styl jener Zeit, sowie das Antlitz und die Gestalt der dargestellten Person beim ersten Anblick wenig Veranlassung 621 zur Erregung von Theilnahmc hinzu. Es war das Bild eines hübschen Weibes von ungefähr 30 Jahren; das Haar war einfach um den Kopf gewunden, die Gesichisbildung regelmäßig und die Gesichtsfarbe sckrön. Als ich aber genauer hinblickte, besonders nachdem mir ein Wink gegeben war, das Original sei die Heldin einer Erzählung gewesen, konnte ich im Ausdruck einen sanften Trübsinn entdecken, welcher erlittene Qualen und Unrecht mit jener Ergebung auszusxrcchen schien, womit die Frauen die Beleidigungen und die Undankbarkeit derjenigen erdulden können und bisweilen erdulden, denen sie ihre Liebe geschenkt haben. „Ja, sie war eine ausgezeichnete und mißhandelte Dame," sagte Herr Fairscribe, als er, wie ich, den Blick auf das Bild heftete — „sie hinterließ unserer Familie nicht weniger als sooo Pfv., und sie besaß, wie ich glaube, bei ihrem Tode die vierfache Summe; dieselbe ward aber unter ihre nächsten Verwandten verthcilt, wie es auch gerecht war." „Allein ihre Geschichte, Herr Fairscribe," sagte ich, — „nach ihrem Blick zu urtheilen, muß dieselbe viel Trauriges darbieten." „Das dürft Ihr sagen, Herr Croftangry, viel Trauriges, und noch dazu Außerordentliches — aber," fügte er hinzu, indem er eilig eine ihm dargebotene Tasse Thee verschlang, „ich muß an mein Geschäft, wir dürfen nicht den ganzen Morgen beim Kolbenspiele Zubringer», und den ganzen Nachmittag Geschichten erzählen. Catie kennt alle Einzelnheiten von den Abenteuern unserer Cousine Meine so gut als ich; hat sie Euch dieselben mitgetheilt, so stehe ich zu Euren Diensten, um mich genauer auf die Data und die einzelnen Ereignisse kinzulassen." Somit blieb ich denn, ein munterer alter Junggeselle, um 622 eine Liebesgeschichte von meiner jungen Freundin Fairscribe zu vernehmen — einer so hübschen, wohlerzogenen und ungezierten jungen Dame, als jemals eine auf den neuen Spaziergängen von Princc'sstrcet oder Heriot-Row einher wandelte, wenn sie nicht von einem Schwarme Anbeter umringt ist, wobei sie sich nach meiner Meinung weniger zu ihrem Vorthcile zeigt. Eine so entschiedene Junggesellenschaft, wie die meinige, hat in solchem löte n löte ihre Vorrechte, vorausgesetzt, ihr seid vollkommen guter Laune und aufmerksam, oder könnt wenigstens für den Augenblick dieß zu sein scheinen, und ihr wollt nicht die Manieren eurer jüngeren Jahre nachäffen, bei welchem Versuche ihr ohnedem euch nur lächerlich machen würdet. Ich erhebe keinen solchen Anspruch auf Gleichgültigkeit in Gesellschaft einer hübschen jungen Dame, wie jener Dichter ersehnte, welcher neben seiner Geliebten zu sitzen wünschte: .... so ruhig, sonder Pein, Als könu' ihr kindlich holder Reiz Nicht Glück und Schmerz verleih». Im Gegcntheil, ich kann auf Schönheit und Unschuld wie auf Etwas blicken, dessen Werth ich kenne und achte, ohne den Wunsch oder die Hoffnung, sie mir anzueignen, zu nähren. Eine junge Dame kann mit einem alten Junggesellen wie ich ohne Künstelei und Geziertheit reden; wir können vielleicht eine Art Freundschaft gegen einander zeigen, die um so zärtlicher ist, als wir verschiedenen Geschlechtes sind, obwohl dieser Unterschied sehr wenig damit zu schaffen hat. Nun höre ich, wie meine höchst weise und kritische Nachbarin im Stillen die Bemerkung macht: „Herr Crostangry befindet sich auf dem Wege eine Thorheit zu begehen. Er lebt in behaglichen Umständen — der alte Fairscribe weiß bis auf einen Pfennig, was er besitzt; Miß Catie mit allem ihren Hochmuth liebt vielleicht das alte Messing, womit man die neue Pfanne kauft. Ich glaubte schon, Herr Croftangry sah sehr lebhaft aus, als er gestern Abend mit uns Woist spielte. Der arme Herr, es mußte mir sicherlich leid thun, wenn er sich zum Narren machte." Spart Euer Mitleid, theures Fräulein, nicht die geringste Gefahr ist vorhanden- I-es besux ^eux cke ina casette sind nicht glänzend genug, um die Brille auSzugleichcn, welche meinem schwachen Gesicht zu Hülfe kommen muß. Dazu bin ich noch etwas'taub, wie Ihr zu Eurem Leidwesen erfahren haben müßt, als wir zusammen spielten; und fände ich nun auch eine Nymphe, welche mich bei allen diesen Unvollkommenheiten hcirathen würde, wer zum Teufel würde alsdann Janet Mac Evoy hcirathen? Von Janet Mac Evoy will sich aber Chrystal Croflangry nicht trennen. Miß Catie Fairscribe erzählte mir die Schicksale von Me- nie Gray, wobei sie keinen Versuch machte, die Gefühle des Kummers und Unwillens zu unterdrücken, welche sich als gerecht und natürlich aus den Umstänven der Geschichte ergaben. Ihr Vater bestätigte nachher die hauptsächlichsten Umriffe der Geschichte, und gab mir weiterhin noch einige andere Umstände an, die Miß Catie absichtlich ausgelassen oder vergessen hatte. Ich habe wirklich bei dieser Gelegenheit dasselbe erfahren, was der alte Buchhändler Lintot zu Pope sagte, er pflege die einflußreichen Kritiker, wenn er ein Werk unter der Presse habe, dadurch zu gewinnen, daß er sie bisweilen in einen Probebogen oder in einige Blätter des Originalmanuscriptes blicken lasse. Das Geheimniß unserer Schriftstellern hat an sich etwas so Bezauberndes, daß wenn ihr irgend Jemanden in euer Vertrauen zulaßt, wie wenig derselbe auch zu solchen 624 Studien geneigt sein mag, ihr stets bemerken werdet, wie ein solcher sich als interessirte Partei betrachtet, und beim Erfolge sich für berechtigt hält, einen nicht unbedeutenden Thcil des Lobes für sich in Anspruch zu nehmen. Der Leser hat gesehen, daß Niemand seinem Wesen nach ein geringeres Interesse an meinen mühsamen Arbeiten nehmen konnte, als mein Freund Fairscribe, da ich ihn zuerst über den Gegenstand um Rath fragte. Seitdem er aber einen Stoff zum Werke geliefert hat, ist er ein höchst eifriger Mitarbeiter geworden; zur Hälfte beschämt, wie ich glaube, aber auch zur Hälfte stolz auf die literarische Gesellschaft, woran er einen Anthcil hat, begegnet er mir niemals, ohne mich am Ellbogen zu zupfen und mir einige geheimnißvolle Winke zu geben, z B.: „Wann wollt Ihr uns noch wehr von der Geschichte mitiheilen?" — oder — „das ist keine schlechte Erzählung, die gefällt mir." Ich bitte den Himmel, daß der Leser derselben Meinung sein möge. 625 Erstes Kapitel. Wo Leidende nach Hülfe schreien, umschattet oon des Todes Nacht, Zeigt er durch kräft'ge Arzeneie» PrnnkioS die Kunst und ihre Macht; Bringt Pflege in die dunkle gelle, Wo Elend sich den Qualen bückt, Wo sterbend an die bde Schwelle Sich hoffnungslos der Mangel drückt; Kein Rufen läßt ihn kalt verziehen, Kein Lohn ist seinem Stolz zu klein: So trägt sein tägliches Bemühen Ihm den Bedarf des Tages ein. Samuel Zohnson. Die ausgezeichnet schöne Schilderung, welche Johnson von seinem Freunde Levett in seiner Wochenschrift „The Rambler" gegeben hat, paßt auf Gideon Grap und manche andere Dorfärzte, von welchen Schottland mehr Wohlthaten empfängt und gegen welche es sich vielleicht undankbarer erweist, als gegen irgend eine andere Klasse von Menschen, mit Ausnahme seiner Schulmeister. Ein solcher ländlicher Arzt ist meistens Bewohner eines kleinen Fleckens oder Dorfes, welches den Mittelpunkt seiner Praxis bildet. Außerdem aber, daß er die Kranken behandelt, die im Dorfe sich finden, steht er Tag und Nacht Jedermann zu Diensten, der vielleicht seines Beistandes innerhalb eines Umkreises von 40 englischen Meilen Durchmesser bedarf, eines Gebietes, welches von Straßen in manchen Das gefährd Schloß u. und. Erzähl. 40 Richtungen durchzogen ist» und Sümpfe, Berge und Moore einschließt. Für nächtliche und gefährliche Reisen durch ein unzugängliches Land, welche nur die Leistung von Diensten der wesentlichsten Art bezwecken — für solche Reisen, bei welchen Gesundheit und Leben verloren gehen oder wenigstens aus's Spiel gesetzt werden, empfängt der schottische Dorfarzt im besten Falle einen sehr mäßigen Lohn, oft einen solchen, welcher gänzlich unverhältnißmäßig ist; sehr häufig aber bekömmt er auch gar keine Bezahlung seiner Mühen. Es stehen ihm nicht die großen Hülfsquellen zu Gebote, die seinen College« in einer englischen Stadt eröffnet find. Die Bürger eines schottischen Fleckens sind durch ihre sehr beschränkten Mittel des Luxus für Gicht, Ueberladung und alle die chronischen Krankheiten unempfänglich, welche den Reichthum und die Trägheit begleiten. Vier Jahre der Enthaltsamkeit setzen sie in Stand, das Mittagessen einer Parlamentswahl auszuhalten, und auf zerschlagene Köpfe ist keine Aussicht, wo einige zwanzig oder vierzig ruhige Wähler das Geschäft bei Tische abmachen. Dort ergießen nicht die Mütter des Staates im Laufe eines jeden Jahres eine gewisse Quantität Arznei in die Eingeweide ihrer geliebten Kinder. Jedes alte Weib von einem Ende des Stadtgebietes bis zum andern kann eine Dosis Bittersalz verschreiben, oder ein Pflaster schmieren; nur wenn ein Fieber oder ein Schlagfluß ernstliche Gefahr darbietet, wird die Hülfe des Doctors von seinen Nachbarn im Orte selbst angerufen. Jndeß der Mann der Wissenschaft kann sich über Unthätig- keit oder Mangel an Praxis nicht beklagen. Findet er keine Patienten vor seiner Thüre, so sucht er dieselben in einem weiteren Kreise. Wie der Geist in Bürgers Lenore reitet er zur Mitternacht und durchzieht in der Dunkelheit Pfade, die 627 den weniger daran Gewöhnten beim Tageslicht furchtbar erscheinen; er reitet auf engen Wegen, wo der geringste Fehltritt ihn in einen Morast werfen oder über einen Abgrund schleudern würde; er reitet nach Hütten, über die sein Pferd hinwegschreiten könnte, ohne zu erfahren, daß sie ihm im Wege lägen, wenn es nicht durch das Dach hindurch fiele. Gelangt er an ein so trauriges Ziel seiner Reise, wo man seiner Dienste bedarf, um einen Armen in die Welt zu bringen, oder zu verhindern, daß ein solcher sie verläßt, so ist die Scene des Elendes oft solcher Art, daß er, statt die hart ersparten Schillinge zu berühren, die man ihm dankbar anbietet, seine Arzneien ebenso wie seine ärzliche Behandlung als Almosen gibt. Ich selbst habe gehört, wie der berühmte Reisende Mungo Park, welcher das Leben eines solchen Arztes durch Erfahrung kannte, einer Entdeckungsreise in's Innere von Afrika den Vorzug gab vor den täglichen und mißlichen Wanderungen in den Wildnissen seines Vaterlandes, welche ein praktischer Arzt auf dem Lande dort ausführen muß. Er erzählte, daß er einstmals so Meilen ritt, die ganze Nacht aufsaß, und ein Weib nach dem einfachsten Verfahren glücklich entband, wofür seine einzige Belohnung in einer gerösteten Kartoffel und einem Trunk Buttermilch bestand. Sein Herz war jedoch nicht solcher Art, daß er über irgend eine Arbeit gemurrt hätte, welche das menschliche Elend erleichtert. Kurzum, es gibt in Schottland kein Geschäft, welches härtere Arbeit erheischt und elender belohnt wird, als dasjenige des Landarztes — vielleicht nur mit Ausnahme seines Pferdes- Dennoch ist das Pferd, und muß cö auch sein, kräftig, thätig und unermüdlich, ungeachtet seiner struppigen Haut und seines elenden Aussehens; so auch wird man öfter finden, daß sein Herr unter einem wenigversprechenden und plumpen so* 628 Aeußern Geschicklichkeit in seiner Kunst und Begeisterung für dieselbe, höhere Einsicht, Mnth und wissenschaftliche Kenntniß verbirgt. Herr Gideon Gray, Wundarft im Flecken Middlemas, welcher in einer der mittleren Grafschaften Schottlands liegt, führte das rauhe, thätige und schlecht belohnte Leben, welches wir zu schildern suchte». Er war ein Mann zwischen vierzig und fünfzig, welcher sich von ganzer Seele seinem Gewerbe hingegebcn und einen solchen Ruf unter den Aerzten erlangt hatte, daß ihm mehr als einmal bei vorkommcnden Gelegenheiten angerathen wurde, Middlemas und dessen magere Praxis mit derjenigen in einer der größeren Städte Schottlands oder EdinburgS selbst zu vertauschen. Er war ein einfacher, derber Mann, welchem jeder Zwang widerlich war, und welcher sich den Formen nicht unterwerfen wollte, die in gebildeter Gesellschaft gelten- Er hatte nicht selbst erkannt, und kein Freund batte ihm einen Wink gegeben, daß der Arzt durch ein an das Cynische streifendes Benehmen im Aeußern und in Gewohnheiten bei der Menge den Eindruck der Ueberlegenheit erhält, welcher sehr dazu dient, seinen Ruf zu vergrößern. Herr Gray, oder wie ihn das Landvolk nannte, Doctor Gray (er hatte vielleicht den Titel durch ein Diplom erhalten, er selbst aber machte nur Anspruch auf den Rang eines Ks- gister artium liberalium) hatte wenige Bedürfnisse, und diese wurden im Ueberfluß durch das Einkommen seiner Praxis gedeckt, welche im Allgemeinen sich auf 200 Pfd. jährlich belief; dafür mußte er im Durchschnitt ungefähr 5000 Meilen zu Pferde im Laufe des Jahres zurücklegcn. Sein Einkommen ernährte ihn so reichlich nebst seinen zwei Kleppern, Mörserkeule und Mörser genannt, die er abwechselnd ritt, daß er ein Mädchen hcirathetc, die es mit ihm theilte. Dies war Jean Watson, die rothwangige Tochter eines ehrlichen Pächters, welche als das Mitglied einer Familie von 12 Kindern, die mit einem Einkommen von 8 v Pfv. jährlich auferzogen ward, sich nicht denken konnte, daß Armuth bei mehr als dem doppelten Betrag jener Summe stattfinden könne; sie betrachtete Gray, obgleich derselbe jetzt von der unehrerbictigen Jugend der alte Doctor genannt wurde, als einen Bewerber, welcher ihr eine sehr vortheilhaste Heirath biete. Mehrere Jahre lang erhielt das Ehepaar keine Kinder, und es schien, als ob Doctor Gray, welcher seinen Beistand de» Anstrengungen der Göttin Lucina so oft geleistet hatte, dieselbe niemals in seinen eigenen Angelegenheiten anrufen solle. Seinem Hause jedoch war das Schicksal bestimmt, daß cs bei einer merkwürdigen Gelegenheit als Schauplatz dienen mußte, wo die Kunst der Göttin erheischt wurde. Eines Abends im Späthcrbste sah man drei bejahrte Frauen ihre alten Glieder durch die einzige Straße des Fleckens MiddlemaS nach der geehrten Thüre eilig hinbewegen, welche, von dem Fahrwege durch einen Zaun abgesondert, durch ein zerbrochenes Pfahlwerk geschützt war, welches zwei Streifen Land, zur Hälfte Ackcrgrund, zur Hälfte mit verkrüppeltem Gebüsch bedeckt, umringte. Ueber der Thüre selbst prangte ein Schild mit dem Namen Gideon Gray, ülagister nrtinin, Wundarzt u. s. w. Einige müssige Knaben, die noch vor einigen Minuten am andern Ende der Straße vor der Thüre eines Bierhauses umhcrgeschlendert waren (denn der angebliche Gasthof verdiente keinen bessern Namen), begleiteten jetzt die alten Damen mit lautem Gelächter, welches durch ihre ungewohnte Behendigkeit erregt war. Sie wetteten auf die jenen Wettlauf Gewinnende mit so lautem 630 Geschrei, als würden bei einem Wettrennen am AuSlaufeplatz der Pferde Wetten ausgeboten: „eine halbe Pinte auf Luckie Simson!" — „alte Peg Tamson, halte dich gegen das Feld -in!" — „lauf schneller, Alison Jaup, Ihr könnt die Andern noch zu Tode Hetzen!" — „lauft geschwind nach dem Hügel zu, Mädchen, sonst wird ein altes Weib unter euch zerplatzen!" Diese und tausend ähnliche Spöttereien schallten durch die Luft, ohne von den ängstlichen, den Wettlauf haltenden Weibern beachtet oder gehört zu werden, deren Zweck allein dahin gerichtet zu sein schien, wer des Doctors Thüre zuerst erreichen werde. „Gott schütze uns, Doctor, was kann das zu bedeuten haben," sagte Mistreß Gray, eine Frau, deren Charakter derjenige eines gutmüthigen Dummkopss war, „dort halten Peg Tamson, Jean Simson und Alison Jaup ein Wettrennen auf der Straße des Dorfes!" Der Doctor, welcher nur einen Augenblick zuvor seinen nassen Ueberrock ans Feuer gehängt hatte (denn er war soeben nach einem langen Ritt vom Pferde gestiegen), eilte die Treppe hinab, indem er eine neue Gelegenheit für seinen Dienst ver- muthete; es war für ihn ein glücklicher Umstand, daß dieselbe, nach dem Charakter der Boten zu schließen, sich im Dorfe selbst, und nicht außerhalb desselben vorfand. Er hatte gerade die Thüre erreicht, als Luckie Simson, eine der Wettrennenden, auf die kleine vor dem Hause liegende Fläche kam. Sie war den Uebrigen voran gelaufen und hatte ihren Platz behauptet, für den Augenblick jedoch auf Kosten ihres Sprachvermögcns, denn als sie zum Doctor gelangte, schnaufte sie wie ein Nordkapcr, wobei ihr loses Kopftuch von ihrem Gesicht zurückflatterte; sie machte die heftigsten Anstrengungen, um zu sprechen, ohne jedoch ein einziges ver- 631 stündliches Wort hervorbringen zu können. Peg Tamson kam ihr mit den Worten zuvor: „Die Dame, Herr, die Dame!" — „Augenblickliche Hülfe!" kreischte Alison Jaup, eher als sie diese Worte sprach, während Luckie Simson, welche sicherlich das Wettrennen gewonnen hatte, Worte fand, um den Preis in Anspruch zu nehmen, der sie Alle in Bewegung gesetzt hatte. „Ich hoffe, Herr, Ihr werdet mich als Krankenwärterin empfehlen, ich war hier, um Euch die Zeitung zu bringen, lange Zeit vor diesen faulen Menschern " Laut waren die Einreden der beiden Mitbewerberinnen, und laut das Gelächter der massigen Schlingel, die in einiger Entfernung horchten- „Haltet das Maul, ihr zankenden Närrinnen," sagte der Doctor, „und ihr faule Schlingel, wenn ich unter Euch komme" — mit den Worten klatschte er seine lange Peitsche mit großem Nachdruck und rief sogleich die Wirkung des berühmten guos ego ") Neptuns im ersten Buch der Aeneide hervor, „und nun," fragte der Doctor, „wo und wer ist diese Dame? Die Frage war kaum nothwendig, denn eine schlichte Kutsche mit vier Pferden fuhr nach der Thüre des Hauses zu, und die alten Frauen, die sich jetzt mehr in ihrer Bequemlichkeit befanden, gaben dem Doctor zu verstehen, der Herr in der Kutsche halte die Einrichtung im Gasthofe zum Schwanen für durchaus ungeeignet zur Aufnahme einer Dame von Rang und hohem Stande; er habe deßhald sie hieher gebracht (eine jede nahm das Verdienst der Rathgeberin in Anspruch), um die Gastfreundschaft des westlichen Zimmers zu ersuchen — 2) Ich will euch! 632 eine Art von Fremdenzimmer, worin Doctor Gray gelegentlich solche Patienten unterdrachte, die er auf einige Zeit unter seinen eigenen Augen behandeln wollte. In dem Wagen befanden sich nur zwei Personen; der Eine, ein Herr in einem Reitkleide, sprang heraus, empfing von dem Doctor die Versicherung, daß die von ihm herbcige- führte Dame in seinem Hause eine ziemlich bequeme Einrichtung finden werde, leistete seiner Gefährtin Beistand, um den Wagen zu verlassen, und zeigte offenbare und große Zufriedenheit, als dieselbe in einem anständigen Schlafgemach untergebracht und der achtbaren Sorgfalt des Doctors und seiner Frau übergeben war, die ihm noch einmal die Versicherung gaben, daß sie der Dame jede Art Sorgfalt erweisen würden. Um dies Versprechen noch fester zu binden, ließ der Fremde eine Börse von 20 Guineen (die Geschichte ereignete sich in der goldenen Zeit, worin man noch wenig Papiergeld im kleinen Verkehr kannte) in die Hand des Doctors als Unterpfand einer noch freigebigeren Belohnung schlüpfen, und bat alsdann, derselbe möge keine Kosten scheuen, um alles Nothwendige und Wünschenswerthe herbeizuschaffen, welches für eine Person im Zustande der Dame und für das hülflose Wesen erheischt werde, dessen Geburt sogleich zu erwarten sei. Er erklärte alsdann, daß er sich in den Gasthof zurückziehen wolle; man möge aber durch eine Botschaft ihn sogleich von der erwarteten Veränderung der Lage der Dame in Kenntniß setzen. „Sie ist eine Dame von Rang," sagte er, «und eine Fremde, sparet keine Kosten. Wir beabsichtigten Edinburg zu erreichen, wurden aber durch einen Zufall gezwungen, vom Wege abzulenken. Noch einmal," wiederholte er, „sparet 633 keine Kosten, und behandelt ste in solcher Weise, daß sie sobald als möglich weiter reisen kann." „Das Letztere geht über meine Macht," sagte der Doctor; „die Natur darf nicht übereilt werden, oder sic rächt sich an jedem Versuch, dieß zu ihun." „Allein die Kunst," erwiderte der Fremde, „vermag viel," und er reichte eine zweite Börse, welche so schwer wie die erste zu sein schien. „Die Kunst," sagte der Doctor, „kann man belohnen, aber nicht erkaufen. Ihr habt mir schon mehr als genug bezahlt, damit ich die äußerste mir mögliche Sorgfalt für Eure Dame trage; würde ich mehr Geld annehmen, so könnte ich dieß allein durch Versprechen oder wenigstens durch stillschweigendes Zugcständniß solcher Leistungen, deren Erfüllung über meine Kräfte geht. Jede mögliche Sorgfalt soll Eurer Dame erwiesen werden, und dadurch wird die meiste Möglichkeit geboten, daß sie ihre Reise bald antretcn kann. Jetzt, Herr, geht in Euren Gasthof, denn vielleicht ist meine Gegenwart im Augenblick erforderlich, und wir haben bis jetzt weder für eine Wärterin der Dame, noch für eine Amme des Kindes gesorgt; Beides soll alsbald geschehen." „Noch einen Augenblick, Doctor, welche Sprachen versteht Ihr?" „Latein und französisch spreche ich ziemlich, wenigstens so, daß man mich versteht, auch lese ich etwas italienisch." „Aber kein Portugiesisch oder Spanisch ?" fragte der Fremde auf's Neue. „Nein, Herr." „Das ist ein unglücklicher Umstand, Ihr könnt Euch aber durch Französisch verständlich machen; merkt Euch aber, daß Ihr jedes ihrer Verlangen erfüllt; wenn Ihr die Mittel dazu braucht, so wendet Euch an mich." „Darf ich fragen, Herr, mit welchem Namen ich die Dame —" „Dieß ist gänzlich gleichgültig," unterbrach der Fremde die Frage. „Ihr werdet denselben bei mehr Muße erfahren." Mit den Worten hüllte er sich in seinen weiten Mantel, wobei er eine halbe Wendung, dies Verfahren zu erleichtern, mit einem Ausdruck seiner Züge machte, den der Doctor nur schwer hätte nachahmen können, und ging die Straße nach dem kleinen Gasthofe hinab. Hier bezahlte er und entließ die Postillonen, und schloß sich in ein Zimmer mit dem Befehle ein, Niemanden zuzulaffcn, bis der Doctor ihn rufen würde. Als der Doctor zum Zimmer seiner Patientin zurückkehrte, fand er seine Frau in großer Ueberraschung, welche mit Furcht und Aengstlichkeit gemischt war, wie es bei Personen ihres Charakters gewöhnlich ist. „Sie kann kein Wort wie ein christliches Wesen reden," sagte Frau Gray. „Ich weiß es," erwiderte der Doctor. „Aber sie will hartnäckig eine schwarze Maske auf ihrem Gesicht behalten, und kreischt, wenn wir dieselbe wegnehmen wollen." „Wohlan denn, laßt ihr die Maske, was kann dieselbe schaden?" „Was sie schaden kann, Doctor! wurde jemals ein ehrliches Weib entbunden, während eine Maske auf ihrem Gesichte war?" „Vielleicht selten, aber Jean, meine Liebe, diejenigen, welche nicht ganz ehrlich sind, müssen ebenso entbunden werden, 635 als die ehrlichen Weiber, und wir dürfen nicht das Leben des armen Dings dadurch in Gefahr bringen, daß wir ihren Launen gegenwärtig widersprechen." Als er sich dem Bette der kranken Frau näherte, bemerkte er, daß sie wirklich eine dünne seidene Maske derjenigen Art trug, welche in der äliern Komödie so gute Dienste leistet, und welche Damen von Rang damals auf Reisen, sicherlich aber niemals in der Lage dieser armen Dame, trugen. Wie es schien, hatte sie deßhalb Zudringlichkeit erfahren; als sie nämlich den Doctor sah, legte sie die Hand auf's Gesicht, als besorge sie, er werde darauf bestehen, ihr die Maske abzu- uehmen. Er beeilte sich, ihr in ziemlich gutem Französisch zu erklären, daß ihr Wille hier Gesetz sei, und daß sie in vollkommener Freiheit sich befinde, die Maske zu tragen, bis sie dieselbe ablegen wolle. Sie verstand ihn, denn sie erwiderte in einem unvollkommenen Versuch, dieselbe Sprache zu reden, und sprach ihm ihre Dankbarkeit für die Erlaudniß aus, ihre Verkleidung beizubehalten, wofür sie die Erklärung des Doc- torS zu halten schien. Der Doctor traf nun weitere Anordnungen. Zur Befriedigung der Leser, welche genaue Angaben wünschen, bemerken wir hier, daß Luckie Simson, die erste im Wettrennen, den Preis der Anstellung als Krankenwärterin bei der zarten Patientin davontrug; daß Peg Tamson das Vorrecht erhielt, ihre Pathe, Bet Jamieson, als Amme zu empfehlen, und daß eine Enkelin von Alison Jaup gemiethet wurde, um bei den jetzt vermehrten Haushaltungsgeschäften der Familie als Gehülfin zu dienen. Der Doctor theilte somit wie ein gewandter Minister unter seinen vertrauten Anhang die guten Dinge, die ihm das Glück zur Verfügung gestellt hatte. Um i Uhr Morgens erschien der Doctor im Gasthofe zum 636 Schwanen und setzte den fremden Herrn in Kenntniß, daß er ihm Glück wünsche, der Vater eines gesunden Knaben zu sein, und daß sich die Mutter nach der gewöhnlichen Phrase so gut als möglich befinde. Der Fremde hörte die Nachricht mit scheinbarer Zufriedenheit, und rief dann aus: „er muß sogleich getauft werden !" „Das kann keine Eile haben," sagte der Doctor- „Wir find anderer Meinung," sagte der Fremde, indem er die Verhandlung kurz abschnitt; „ich bin Katholik, Doctor, und da ich vielleicht genöthigt werde, diesen Platz zu verlassen, bevor die Dame weiter reisen kann, so wünschte ich mein Kind in den Schooß der Kirche ausgenommen zu sehen. Wie ich höre, befindet sich ein katholischer Priester in diesem elenden Orte" „Es wohnt hier ein katholischer Herr, Namens Goodriche, von welchem man sagt, daß er die Weihe empfangen habe." „Ich empfehle Euch Vorsicht, Doctor," sagte der Fremde, „es ist gefährlich, allzu bestimmte Behauptungen über irgend einen Gegenstand vorzudringcn. Ich will diesen Herrn Goodriche morgen in Euer Haus bringen." Gray bedachte sich einen Augenblick und sagte dann: „ich bin ein calvinistischer Protestant, Herr, ein Freund der Verfassung in Kirche und Staat, und zwar mit gutem Recht, denn ich erhielt den Sold des Königs, Gott segne ihn, vier Jahre lang als Unterarzt im Camcron'schen Regiment, wie meine Negimentsbibel und mein Patent bezeugt; obgleich ich aber verbunden bin, jeden Handel und Ceremonien mit Papisten zu vermeiden, so will ich dennoch nicht einem zarten Gewissen im Wege stehen. Herr, Ihr mögt Herrn Goodriche, wenn Ihr wollt, in mein Haus bringen. Da Ihr nun, wie ich glaube, unzweifelhaft der Vater dieses Kindes seid, so könnt Ihr Anordnungen nach Eurem Belieben treffen; nur wünsche ich, nicht für einen Anstifter oder Unterstützer irgend eines Theils der päpstlichen Bräuche zu gelten." „Genug, Herr," sagte der Fremde stolz; „wir verstehen einander." Am nächsten Tage erschien er in des Doctors Hause mit Herrn Goodriche und zwei Personen, die zu des ehrwürdigen Herrn Religion angeblich gehörten. Die Gesellschaft schloß sich mit dem Kinde ein, und es läßt sich vermuthcn, daß die Feierlichkeit der Taufe mit dem bewußtlosen Wesen vorgenommen wurde, welches auf so sonderbare Weise zur Welt gebracht war. Als der Priester und die Zeugen sich entfernt hatten, setzte der fremde Herr den Doctor in Kenntniß, weil die Dame vor mehreren Tagen noch nicht abrciscn könne, und er selbst die Gegend zu verlassen im Begriffe stehe, so werde er nach zehn Tagen zurückkehren, und hoffe, daß seine Gefährtin dann im Stande sei, das Haus zu verlassen. „Mit welchem Namen sollen wir das Kind und die Mutter nennen?" „Des Kindes Name ist Richard " „Es muß jedoch einen Familiennamen haben, ebenso wie die Dame, ohne Namen kann sie in meinem Hause nicht wohnen." „Nennt sie nach dem Namen Eures Fleckens hier, ich glaube Middlemas heißt derselbe?" „Ja, Herr." „Wohlan denn, Frau Middlemas ist der Name der Mutter, und Richard Middlemas der des Kindes, und ich bin Matthias Middlemas zu Euren Diensten. Dieß," fuhr er fort, „wird der Frau Middlemas Alles, was sie zu besitzen wünscht, verschaffen, oder ihr im Falle von Zufälligkeiten zur 638 Aushülfe gereichen." Damit legte er 100 Psd. in Herrn Gray's Hand, der einiges Bedenken trug, sie anzunehmen, indem er sagte: «ich glaube, die Dame kann ihre Börse selbst verwahren." Am schlechtesten von Allen in der Welt, das versichere ich Euch, Doctor," erwiderte der Fremde; „wünschte sie dies Papierstück cinzuwcchseln, so würde sie kaum wissen, wie viel Guineen sie dafür zu empfangen hat. Nein, Herr Gray, ich versichere Euch, Ihr werdet Frau Middleton — Middlemas — wie habe ich sie denn genannt — so unwissend in diesen Angelegenheiten der Welt finden, als irgend Jemand, der Euch in Eurer Praxis vorgekommcn ist; seid gefälligst ihr Schatzmeister und Vermögensverwalter auf einige Zeit, und zwar derjenige eines Patienten, welcher seine Angelegenheiten selbst nicht besorgen kann." Dieß wurde, zur Verwunderung des Doctor Gray, in einer etwas stolzen und hochmüthigcn Weise gesagt. Die Worte an sich enthielten nichts Anderes, als den Wunsch, ein Jncognito zu bewahren, welcher sich auch aus dem ganzen übrigen Betragen des Fremden ergab; das Benehmen aber schien zu sagen: «ich ' bin nicht der Mann, dem man Fragen vorzulegcn hat; was ich sage, muß ohne weitere Erläuterungen angenommen werden, wie wenig Ihr es auch glaubt oder versteht " Gray wurde dadurch in seiner Meinung bestärkt, daß er entweder eineu Fall der ntführung oder den einer geheimen Ehe zwischen Personen des höchsten Ranges vor sich habe; auch bestätigte das ganze Verfahren der Dame sowohl als des Herrn diese Vermuthung. Zudringlichkeit und Neugier lag durchaus nicht in seinem Charakter; allein der Umstand, daß die Dame keinen Ehering trug, konnte ihm nicht entgehen ; ihr tiefer Kummer und ihr fortwährendes Zittern schien ein unglückliches Geschöpf anzudeuten, welches den Schutz seiner Eltern verloren hatte, ohne ein gesetzmäßiges Recht auf den ihres Gatten zu erlangen. Er ward deßhalb etwas ängstlich, als Herr MiddlemaS nach einer ziemlich langen Unterredung mit der Dame ihm Lebewohl sagte. Allerdings gab er ihm die Versicherung, daß er in zehn Tagen wiederkehrcn würde; dieß war nämlich der kürzeste Zeitraum, welchen Gray für die Aussicht einer sicheren Reise für die Dame sestzusetzen bewogen werden konnte. «Ich hoffe, bei Gott, daß er zurückkchren wird," dachte Gray; „in allem dem ist zu viel Geheimniß, als daß die Sache in einfacher und wohlmeinender Weise abgemacht würde. Wenn er dies arme Ding ebenso zu behandeln beabsichtigt, wie manches arme Mädchen früher behandelt wurde, so hoffe ich, daß mein Haus nicht den Schauplatz bieten wird, wo er sie zu verlassen beabsichtigt. Der Umstand, daß er das Geld zurückläßt, hat etwas Verdächtiges und sieht aus, als ob mein Freund eine Ausgleichung mit seinem Gewissen treffen wollte. Wohlan, ich muß das Beste hoffen, mittlerweile ist es meine Pflicht, alles Mögliche zu thun, was ich zum Wohl der armen Dame thun kann." Herr Gray besuchte seine Kranke bald nach der Abreise von Herrn Middlemas, und zwar so bald er Zutritt erhalten konnte. Er fand sie in heftiger Aufregung. Gray's Erfahrung ließ ihn den besten Weg zu ihrer Beruhigung einschlagcn; er ließ ihr das Kind bringen. Sie weinte lange Zeit, und die Heftigkeit ihrer Aufregung legte sich unter dem Einfluß mütterlicher Gefühle, die sie nach ihrem Aeußcren, welches die früheste Jugend bezeugte, zum ersten Male empfinden mußte. Der beobachtende Arzt konnte nach diesem heftigen Anfall 6L0 sehr wohl bemerken, daß die Seele seiner Patientin hauptsächlich sich mit der Berechnung des Verlaufes der Zeit beschäftige, und stets an das Eintreffen des Zeitpunktes im Voraus dachte, wo die Rückkehr ihres Gatten, wenn es ihr Gatte war, erwartet werden konnte. Sie fragte Kalender um Rath, erkundigte sich nach der Entfernung gewisser Orte, obgleich mit solcher Vorsicht, daß es klar wurde, sie wünsche die Richtung der Reise ihres Geliebten nicht anzuzeigen, und verglich zu wiederholten Malen ihre Uhr mit denen von Andern ; sic brachte dabei offenbar alle jene täuschenden Arten von Rechnungen der Einbildungskraft in Anwendung, womit die Sterblichen den Verlauf der Zeit zu beschleunigen versuchen, während sie deren Fortgang berechnen. Dann wieder weinte sie über ihrem Kind, welches von allen Richtern für so schön erklärt wurde, als man irgend eines sehen könne; Grap bemerkte bisweilen, daß sie Sätze vor dem unbewußten Kinde hermurmelte, von welchen nicht allein die Worte, sondern sogar der Ton und der Accent ihm fremd schienen, und hinsichtlich deren er besonders nicht wußte, daß dieselben portugiesisch waren. Herr Goodriche, der katholische Priester, ersuchte sie bei einer Gelegenheit um Zutritt. Zuerst lehnte sie seinen Besuch ab, nahm ihn aber nachher an, vielleicht in der Erwartung, daß er ihr Nachrichten von Herrn Middlemas, wie jener sich nannte, dringen könnte. Die Unterredung war sehr kurz, und der Priester verließ der Dame Gemach voll Mißvergnügen, welches seine Klugheit vor Herrn Gray kaum verbergen konnte. Er kam niemals wieder, obgleich der Zustand der Dame seine Aufmerksamkeiten und Tröstungen hätte noth- wcndig machen können, wäre dieselbe ein Mitglied der katholischen Kirche gewesen. 641 Unser Doctor begann zuletzt zu argwöhnen, sein schöner Gast sei eine Jüdin, welche einem Manne von verschiedener Religion ihre Person und ihre Liebe hingegeben habe; die besondere Form ihres schönen Antlitzes bestärkte ihn in dieser Meinung. Der Umstand machte bei Gray keinen Unterschied, welcher nur ihr Unglück und ihren verlassenen Zustand im Auge hatte, und soviel es in seiner Gewalt stand, beiden abzuhelfen suchte. Er wünschte denselben jedoch vor seiner Frau und der übrigen Umgebung der Kranken zu verbergen, deren Klugheit und freisinnige Denkungsweise mit mehr Recht bezweifelt werden konnten. Er traf deßhalb hinsichtlich ihrer Nahrung solche Anordnung, daß sie weder Anstoß nehmen noch Argwohn erregen konnte, wenn ihr irgend eine vom mosaischen Gesetz verbotene Speise gereicht würde; in anderen Hinsichten als denjenigen, welche ihre Gesundheit oder ihre Bequemlichkeiten betrafen, kam er mit ihr in wenig Berührung. Der Zeitraum ging vorüber, innerhalb dessen die Rückkehr des Fremden zu dem Flecken von seiner weiblichen Gefährtin so ängstlich erwartet wurde. Die durch sein Ausbleiben vereitelte Hoffnung äußerte sich bei der Genesenden durch Unruhe, die zuerst mit Aerger, nachher mit Zweifel und Furcht gemischt war. Als zwei oder drei Tage ohne Botschaft oder Brief irgend einer Art vorüber waren, wurde Gray selbst sowohl um seinetwillen, als wegen der armen Dame besorgt, daß der Fremde wirklich den Gedanken gehegt habe, dieses schutzlose und wahrscheinlich schwer verletzte Weib zu verlassen. Er wünschte mit ihr eine Unterredung zu halten, wodurch er in Stand gesetzt wäre, zu beurtheilcn, welche Erkundigungen man anstellen könne, oder was sich sonst am besten thun lasse. Das gefährd Schloß u. and. Erzähl. 41 642 Das arme Weib verstand aber nur unvollkommen die französische Sprache, und war vielleicht selbst nicht Willens, über ihre Lage Kunde zu geben, so daß jeder Versuch solcher Art erfolglos blieb. Wenn Grap ihr Fragen über einen Gegenstand vorlegte, welcher einer Erklärung sich anzunähern schien, bemerkte er, daß sie gewöhnlich mit einem Kopfschütteln antwortete, um anzuzeigen, daß sie ihn nicht verstehe; mitunter schwieg sie weinend und bisweilen verwies sie ihn an Monsieur. Grap begann somit Monsieurs Ankunft sehr ungeduldig zu erwarten, als dasjenige Ereigniß, welches allein diese unangenehme Art von Gehcimniß beenden könne, das jetzt zum Hauptgegcnstand der Klatschereien bei der guten Gesellschaft des Fleckens wurde. Einige tadelten Gray, daß er fremde Landläufer, deren Moral man sehr ernstlich bezweifeln könne, in sein Haus aufnehme; Andere beneideten die glückliche Hand des Doctors, welcher jetzt das Reisegeld der reichen Fremden zur Verfügung stehe; letzteres Umstand hatte vor dem Publikum nicht verheimlicht werden können, da des ehrlichen Mannes Ausgaben für kleine Luxusartikel die gewöhnlichen Grenzen bei weitem überstiegen. Die gewissenhafte Rechtlichkeit des ehrlichen Doctors befähigte ihn zur Verachtung dieser Art Geklatsch, obgleich ihm die geheime Kenntniß von dessen Umlauf nicht angenehm sein konnte. Er machte seine gewöhnlichen Reisen mit seiner gewohnten Ausdauer, und wartete mit Geduld, bis die Zeit den Gegenstand und die Geschichte seines Gastes aufklärcn würde. Es war schon die vierte Woche nach ihrer Niederkunft, und die Wiederherstellung der Fremden ließ sich als vollkommen betrachten, als Gray bei der Heimkehr von einem seiner Krankenbesuche, die ihn oft zehn Meilen weit entfernten, 643 eine Postkutsche mit vier Pferden vor seiner Thüre sah. „Der Mann ist zurückgekehrt," dachte er, „und mein Verdacht hat ihm keine Gerechtigkeit widerfahren lassen." Er spornte sein Pferd, welchem Zeichen auch das treue Roß um so bereitwilliger gehorchte, da seine Richtung jetzt auf die Stallthüre ging. Als aber der Doctor nach dem Absteigen in sein Haus eilte, schien es ihm, als sei die Abreise ebenso wie die Ankunft der unglücklichen Dame dazu bestimmt, Verwirrung in seiner friedlichen Wohnung hervorzurufen. Mehrere Müsfig- gänger hatten sich vor seiner Thüre versammelt, und zwei oder drei hatten sich unverschämt beinahe bis in die Flur vor- gcdrängt,.um einem verwirrten Zanke zuzuhören, welcher von innen her ertönte. Der Doctor eilte vorwärts, wobei die vordersten der Eindringlinge sich bei seiner Ankunft bestürzt zurückzogen, während er in der Stimme seiner Frau einen lauten Schall erkannte, von welchem er aus Erfahrung wußte, daß er nichts Gutes bedeute. Mistreß Gray nämlich konnte bisweilen, obgleich im Allgemeinen gut gelaunt und umgänglich, die Rolle der höchsten Stimme im Eheduett spiele». Da er weit mehr Vertrauen auf die guten Absichten seiner Frau als auf deren Klugheit hegte, verlor er keine Zeit, und stürzte in's Besuchzimmcr, um die Sache in seine eigene Hand zu nehmen. Hier fand er seine Ehehälfte an der Spitze der ganzen Miliz des Krankenzimmers der Dame, nämlich Amme, Krankenwärterin und Stubenmädchen, sämmtlich in heftigem Streit mit zwei Fremden begriffen. Der Eine war ein ältlicher Mann von dunkler Gesichtsfarbe, mit einem im Ausdruck scharfen und schwarzen Auge, dessen Blick jedoch zugleich ein Gemisch von Gram und Kränkung verrieth. Der Andere, welcher den Streit mit Frau Gray lebhaft zu führen schien, war ein derber Mann mit kühnem Blick und hartem Gesichts- 41 » 64-L ausdruck; er hatte Pistolen im Gürtel, die er auf eine etwas unnöthige und prahlende Weise zur Schau trug. „Hier ist mein Mann," sagte Frau Grap in einem trium- phircnden Tone; denn sie hatte die Gnade, den Doctor für einen der größten lebenden Leute zu hatten. „Hier ist der Doctor, was wollt Ihr setzt noch sagen?" „Nun gerade das, was ich vorher sagte," erwiderte der Mann, „nämlich, daß meinem Verhaftsbcfehle Folge geleistet werden muß. Er ist in regelmäßiger Form, Madame." Mit den Worten richtete er den Zeigefinger seiner rechten Hand auf ein Papier, welches er Frau Grap mit der linken Hand vor's Geficht hielt. „Wendet Euch an mich, wenn es Euch gefällig ist," sagte der Doctor, welcher wohl sah, daß er keine Zeit verlieren dürfe, um die Angelegenheit vor die geeignete Behörde zu bringen. „Ich bin der Herr vom Hause, Herr, und wünsche die Ursache Eures Besuches zu wissen." „Mein Geschäft ist bald erklärt," erwiderte der Mann; „ich bin ein Königsbote, und diese Dame hat mich behandelt, als wäre ich der bloße Häscher eines Schuldgefängnisses." „Davon ist hier nicht die Rede," erwiderte der Doctor; „seid Ihr ein Königsbote, so zeigt Euren Verliaftsbefehl, und sagt, was Ihr hier thun wollt?" Zugleich flüsterte er dem kleinen Stubenmädchen zu, den Stadtschreibcr, Herrn Law- ford, zu rufen, derselbe möge so schnell als möglich kommen. Die Pathe von Peg Thomson lief fort mit einer Geschwindigkeit, die ihrer Gevatterin würdig war- „Hier ist mein Verhaftsbefehl," sagte der Beamte, »sehet zu, ob er richtig ist." „Der schamlose Schlingel wagt dem Doctor seine Botschaft nicht zu sagen," rief Frau Gray triümphirend aus. 6^5 „Das ist eine schöne Botschaft," sagte Luckie Simso»; „er will eine Wöchnerin fortfiihren wie ein Taubenfalke eine Bruthenne" „Ein Weib, das noch vor keinem Monat niedergekommen ist," schrie die Krankenwärterin Jamieson. „Vierundzwanzig Tage, acht Stunden und sieben Minuten auf die Sekunde," fügte Frau Gray hinzu. Der Doctor, nachdem er den Vcrhaftsbesehl, welcher in aller Form ausgestellt war, sich angesehen hatte, begann zu besorgen, daß die Weiber seiner Familie sich durch ihren Eifer, den Charakter ihres Geschlechtes zu verthcidigcn, zu einem plötzlichen Ausbruch der Meuterei könnten hinrcißen lassen, und befahl ihnen deßhalb zu schweigen. „Dies ist," sagte er, „ein Verhaftsbefehl, ausgestellt gegen Richard Tresham und Zilia de Monoada wegen Hochverraths. Herr, ich habe Sr. Majestät gedient, und dieß ist kein HauS, wo Hochverräther beherbergt werden. Ich weiß nichts von Einer dieser zwei Personen, und habe nicht einmal ihre Namen gehört." „Aber die Dame, die Ihr in Eure Familie ausgenommen habt," sagte der Königsbote, „ist Zilia de Monfada, und hier steht ihr Vater, Matthias de Monsada, welcher einen Eid darauf ablcgen wird." „Ist dieß wahr," sagte Herr Gray, indem er den angeblichen Beamten anblickte, „so habt Ihr einen sonderbaren Dienst übernommen. Es ist weder meine Gewohnheit, meine Handlungen abzuläugnen, noch den Gesetzen des Landes mich zu widerictzen. In diesem Hause befindet sich eine Dame auf langsamer Genesung von ihrer Niederkunft, nachdem sie unter meinem Dache die Mutter eines gesunden Kindes geworden ist. Ist sie die in' diesem Verhaftsbefehl beschriebene Person 646 und die Tochter dieses Herrn, so muß ich sie den Gesetzen des Landes gemäß überliefern." Hier setzte sich die Miliz des AeSculaps wieder in Bewegung. „Ihr wollt sie ausliefern, Doctor Gray? es ist eine Schande, daß Ihr so redet, da Ihr von Weibern und Kindern lebt, die mehr als andere Kundschaft cinbringen!" So rief seine schöne Ehehälfte. „Ich wundere mich, daß der Doctor solches sagt, bemerkte die Amme; „in dem ganzen Flecken ist Niemand, der cS von ihm glauben würde." „Bis zu diesem Augenblick dachte ich immer, der Doctor sei ein Mann," sagte Luckie Simson, „jetzt aber halte ich ihn für ein altes Weib, und für nicht kühner als mich selbst; jetzt wundere ich mich nicht mehr, daß die arme Frau Gray" — „Haltet das Maul, albernes Weib," sagte der Doctor. „Glaubt Ihr, diese Angelegenheit sei nicht schlimm genug, so daß Ihr sie mit Eurem sinnlosen Geschwätz noch schlimmer machen müßt? Ihr Herren, dieß ist ein sehr trauriger Fall: hier ist ein Verhaftsbefehl wegen eines schweren Verbrechens gegen ein armes Geschöpf erlassen, welches sich noch wenig eignet, um von einem Hause zu einem andern gebracht zu werden, und die man noch viel weniger in ein Gefängniß schleppen darf. Ich sage euch mit klaren Worten, daß die Ausführung dieser Verhaftung ihren Tod verursachen kann. Herr, wenn Ihr wirklich ihr Vater seid, so ist es Eure Pflicht zu überlegen, was Ihr thun könnt, eher um die Angelegenheit zu mildern, als sie bis auf's Aeußerste zu treiben." „Besser todt als Schande," erwiderte der finstere alte Mann mit einer Stimme, welche ebenso rauh als sein Aeußeres war, „und Ihr, Staatsboote," fuhr er fort, „seht Euch vor, daß Ihr Eure Pflicht erfüllt, und führt den VerhaftSbefehl auf Eure Gefahr hin aus." »Ihr hört," sagte der Mann, indem er sich zum Doctor selbst wandte, „daß ich augenblicklichen Zutritt zur Dame erhalten muß." „Zur glücklichen Stunde," sagte Herr Grap, „kömmt hier der Stadtschreiber — Ihr seid sehr willkommen, Herr Law- ford; wir bedürfen Eurer Meinung ebensowohl als eines Juristen, wie als eines Mannes von Verstand und Menschlichkeit; ich freute mich noch niemals in meinem Leben so sehr über Euren Besuch als jetzt." Er gab alsdann in der Schnelle eine Darlegung des Falles; und der Königsbote, als er bemerkte, daß der neue Ankömmling ein Mann von einigem Ansehen sei, zeigte wiederum den VerhaftSbefehl vor- „Der VerhaftSbefehl ist genügend und rechtskräftig, Herr Grap," erwiderte der Mann des Gesetzes; „wenn Ihr jedoch einen Eid ablegen wollt, daß eine augenblickliche Fortbringung der Dame ihrer Gesundheit nachtheilig sein würde, so muß sie ohne Zweifel unter geeigneter Bewachung hier bleiben." „Es ist nicht so sehr die Ortsveränderung, welche ich befürchte," sagte der Wundarzt; »ich kann jedoch auf meine Seele und Gewissen Zeugniß ablegen, daß Scham und Furcht vor dem Zorn ihres Vaters und das Gefühl der Schmach solch' einer Verhaftung nebst dem Schrecken vor deren Folgen eine heftige und gefährliche Krankheit, sogar den Tod selbst zur Folge haben können." „Der Vater muß die Tochter sehen, obgleich Beide sich veruneinigt haben mögen," sagte Herr Lawford, „der Gerichtsbeamte muß seinen VerhaftSbefehl ausführen, wenn auch der 648 Schrecken den Tod der Verbrechen« zur Folge haben müßte; diese Nebel sind nicht direkte und unmittelbare, sondern nur zufällige Folgen. Ihr müßt die Dame ausliesern, Herr Gray, wie natürlich Eure Bedenken auch sein mögen." „Wenigstens, Herr Lawford, muß ich mich überzeugen, daß die Person in meinem Hause dieselbe ist, welche die Herren hier suchen." „Führt mich in ihr Zimmer," sagte der Mann, den der Königsbote mit dem Namen Monyada anredcie. Der Königsbote, welcher durch die Gegenwart Lawford's etwas gefälliger geworden war, wurde jetzt auf einmal wieder unverschämt; er hoffte, wie er äußerte, durch den weiblichen Gefangenen genügende Kundschaft zu erlangen, um die bei weitem schuldigere Person verhaften zu können- Würde ihm noch mehr Verzug in den Weg gelegt, so könne er diese Kundschaft zu spät erlangen, und er mache alsdann alle diejenigen, welche an der Veranlassung des Verzuges Theil genommen hätten, für die Folgen verantwortlich. „Und ich," sagte Herr Gray, „wenn ich auch dafür an den Galgen kommen sollte, lege Protest ein, daß dies Verfahren die Ermordung meiner Kranken zur Folge haben kann. Herr Lawford, läßt sich keine Bürgschaft stellen?" „In Fällen des Hochverrats ist dieß nicht erlaubt," sagte der Beamte; alsdann fuhr er in vertraulichem Tone fort: „Kommt, Herr Gray, wir Alle wissen, daß Ihr gegen unfern königlichen Obcrherrn, König Georg, und gegen die Regierung ein gutgesinnter Mann seid; Ihr dürft aber die Sache nicht so weit treiben, sonst bringt Ihr Euch in Angelegenheiten, die Jedermann in Middlemas bedauern würde. Das Jahr 45 ist noch nicht lange genug vergangen, als daß wir uns nicht der Verhaftsbefehle wegen Hochverrats 6L9 erinnern sollten, wie sogar Damen von hohem Stande wegen solcher Anklagen in's Gefängniß mußten. Sie wurden aber sämmtlich milde behandelt — Lady Ogilvy, Lady Mac Jntosh, Flora Macdonald und alle Uebrigen. Ohne Zweifel weiß dieser Herr, was er thut, und hat Gewißheit erhalten, daß die Dame außer Gefahr ist; Ihr müßt Euch deßhalb ducken und die Welle über Euch hinfahren lassen, wie wir zu sagen Pflegen." „Folgt mir also, ihr Herren," sagte Gideon, „ich will euch zur jnngen Dame führenwährend im starken Ausdruck seiner Gesichtszüge sich die Aufregung kund gab, die er im Voraus über das Unglück empfand, welches er zu veranlassen im Begriff stand, führte er die Herren über eine kleine Treppe, öffnete eine Lhüre und sagte zu Mongada, der ihm zunächst gefolgt war. „Dies ist Eurer Tochlex einziger Zufluchtsort, worin sie zu beschützen ich, ach! zu schwach bin. Trete ein, Herr, wenn Euer Gewissen es Euch erlaubt." Der Fremde warf ihm einen mürrischen Blick zu, und es schien, als wünsche er, daß er durch denselben die Macht der fabelhaften Basilisken üben könne. Alsdann trat er mit stolzem Schritte in das Gemach; Lawford und Gray folgten in einiger Entfernung, und der Staatöbote blieb in der Thüre stehen. Die unglückliche junge Dame hatte den Lärm vernommen und die Ursache nur zu richtig crrathen; vielleicht hatte sie sogar die Fremden gesehen, als dieselben aus dem Wagen stiegen. Als sie in das Zimmer traten, lag sie vor einem Lehnstuhl auf den Kniecn und ihr Gesicht war mit einer seidenen Maske verhüllt. Der Mongada genannte Mann sprach nur ein einziges Wort aus; nach dem Tone schien dasselbe Elende zu bedeuten, Niemand aber konnte es verstehen. Die Dame fuhr krampfhaft zusammen, wie ein 650 halbtodtcr Soldat, der eine zweite Wunde empfängt. Ohne sicb jedoch um ihre Gemüthsbewegung zu bekümmern, ergriff Monpada ffe am Arm, riß sie mit einem unsanften Stoße empor, worauf sie nur auf ihren Füßen zu stehen schien, weil sie durch seine Faust gehalten wurde. Alsdann zog er ihr die Maske vom Gesicht, welche sie bis dahin getragen hatte- Die arme Frau suchte noch das Gesicht zu verbergen, indem sie cs mit der linken Hand bedeckte, da die Art, wie sie gehalten wurde, sie am Gebrauch der rechten verhinderte. Ihr Vater riß ihr mit geringer Anstrengung auch diese Hand weg, welche übrigens an sich zu klein war, um das Gesicht zu verhüllen, und zeigte ihr schönes, von Schaamröthc glühendes und mit Thränen benetztes Antlitz. „Ihr, Alkalde, und Ihr, Wundarzt," sagte er zu Lawford und Gray, mit fremdem Accent und Geberden, „dieses Weib ist meine Tochter, dieselbe Zilia Monpada, die in dem Protokoll angegeben ist, macht Platz und laßt sie mich fortführen, damit sie für ihr Verbrechen büße." „Seid Ihr die Tochter dieses Mannes?" fragte Lawford die Dame. „Sie versteht kein Englisch," sagte Gray; dann redete er seine Kranke französisch an, und beschwor sie, ihm zu erklären, ob sie wirklich jenes Mannes Tochter sei oder nicht, indem er ihr die Versicherung seines Schutzes gab, wenn dieß nicht der Fall sei. Die Antwort wurde mit schwacher Stimme gemurmelt, war aber sehr deutlich zu verstehen, „es sei ihr Vater." Jetzt schien alles weitere Recht auf Einmischung erloschen, der Königsbote verhaftete seine Gefangene und ersuchte mit einigem Zartgefühl die Frauenzimmer um Beistand, um sie in die bereitstehcnde Kutsche zu führen. 651 Gray schritt wiederum ein — Ihr werdet nicht," waren seine Worte, „Mutter und Kind trennen?" Zilia de Monsada hörte die Frage, welche Gray an ihren Vater und unbedachterweise in französischer Sprache gerichtet hatte; cs schien, als werde dadurch die Erinnerung an das Dasein des hülflosen Geschöpfes, welches sie geboren hatte, wieder erweckt, nachdem sie dasselbe unter den sich häufenden Schrecken der Gegenwart ihres Vaters einen Augenblick vergessen hatte. Ihr entfuhr ein Schrei als Ausdruck stechenden Schmerzes; dann wandte sie die Augen auf ihren Vater mit der Geberde des demüthigsten Flehens. „Der Bastard mag vom Kirchspiel aufgezogen werden," sagte Monsada, während die hülflose Mutter leblos in die Arme der Weiber sank, welche sich jetzt um sie versammelt hatten. „Ein solches Verfahren ist Euch nicht gestattet, Herr," sagte Gideon; „seid Ihr der Vater dieser Dame, so seid Ihr auch der Großvater dieses hülflosen Kindes, und Ihr müßt auf irgend eine Weise für dessen zukünftige Versorgung Anstalten treffen, oder uns an eine verantwortliche Person verweisen." Monxada blickte auf Lawford, welcher aussprach, daß er mit Gray in seiner Meinung gänzlich übereinstimme. „Ich habe nichts dagegen, Alles zu zahlen," sagte er, „was für dies elende Kind erforderlich ist; wenn Ihr, Herr" (er wandte sich an Grap), „Euch seiner annchmen und es aufziehen wollt, so sollt Ihr etwas erhalten, was Euer Einkommen verbessern wird." Der Doctor stand im Begriff, ein so unhöfliches Anerbieten zurückzuweisen, nach der Ueberlcgung eines Augenblickes erwiderte er jedoch: „Ich hege von dem Verfahren, welches 652 ich ansah, und von denen, welche daran betheiligt find, eine so schlechte Meinung, daß ich das Anerbieten nur dann nicht zurückweisen werde, wenn die Mutter cs wünscht." Monsada redete seine Tochter, welche gerade aus ihrer Ohnmacht wieder zu sich kam, in den Worten derselben Sprache an, in welcher er fich zuerst an fie gewandt hatte. Der von ihm gemachte Vorschlag schien ihr im höchsten Grade annehmbar, denn fie riß fich von den Armen der Frauen los, trat auf den Doctor zu, ergriff dessen Hand, küßte und badete dieselbe mit ihren Thränen; fie schien sogar mit der Noth- wendigkcit, fich von ihrem Kinde zu trennen, durch die Betrachtung sich zu versöhnen, daß das Kind unter seiner Obhut verbleiben werde- „Guter und freundlicher Mann," sagte sie in ihrem schlechten Französisch, „Ihr habt sowohl die Mutter als das Kind gerettet." Der Vater überreichte mittlerweile mit kaufmännischer Bedachtsamkeit Herrn Lawford Banknoten und Wechsel im Betrage von 1000 Pfund; nach seinem Verlangen sollten dieselben zum Gebrauch des Kindes ausgesetzt und im Ver- hältniß ausgezahlt werden, wie dessen Ernährung und Erziehung es erheische. Sollte eine Korrespondenz wegen des Kindes im Fall des Todes oder bei anderer Gelegenheit uothwendig werden, so würden die Mittheilungen, wie er angab, an Signor Matthias Monsada unter der 'Adresse eines gewissen BanquierhauseS in London abzusenden sein. „Hütet Euch aber," sagte er zum Doctor, „mich mit dieser Angelegenheit zu belästigen, wenn nicht ein Fall unbedingter Nothwendigkeit eintritt." „Seid unbesorgt, Herr," erwiderte Gray, „ich habe heute nichts gesehen, was bei mir den Wunsch nach einer ge- nauercn Korrespondenz mit Euch, als gerade erforderlich ist, erwecken könnte." Während Lawford ein genaues Protokoll der Verhandlung aufnahm, wodurch er und Gray zu Vormündern des Kindes ernannt wurden, suchte Herr Gray der Dame die Bilanz der beträchtlichen Geldsumme zurückzugeben, welche Trcsham, wenn dicß sein wirklicher Name war, früher bei ihm niedergelegt hatte. Mit jeder Art Bewegung, womit Hände, Augen und sogar Füße Zurückweisung auödrücken können, weigerte sie sich ebenso wie in gebrochenem Französisch, die Geldsumme anzunehmen, und bat den Arzt, er möge dieselbe als sein Eigenthum betrachten; zugleich drang sie ihm ein Geschenk in einem mit Brillanten besetzten Ringe auf, welcher einen beträchtlichen Werth zu haben schien. Der Vater sagte ihr alsdann einige harte Worte, die sie mit dem gemischten Ausdruck des höchsten Schmerzes und der Unterwerfung anhörte. «Ich habe ihr noch einige Minuten gegeben, um das elende Wesen, welches ihre Schande besiegelt, zu sehen und bei ihm zu weilen," sagte der finstere Vater. «Ziehen wir uns zurück, und lassen sie allein; Ihr, Herr," sagte er zum Königsboten, bewacht von außen die Thüre." Gray, Lawford und Monsada zogen sich somit in das Zimmer zurück, wo sie schweigend, jeder in seine Gedanken versunken, warteten, bis sie etwa nach einer halben Stunde die Nachricht erhielten, die Dame sei zur Abreise bereit." „Es ist gut," erwiderte Monsada; „es ist mir lieb, daß sie Verstand genug besitzt, sich der Nothwendigkeit zu unterwerfen." Mit den Worten stieg er die Treppe hinauf und kehrte seine Tochter herabsührend zurück, welche jetzt wiederum maS- kirt und verschleiert war. Als sie bei Gray vorüberging, ließ 65^ sie die Worte, „mein Kind, mein Kind," in einem Tone unaussprechlicher Angst vernehmen; alsdann stieg sie in den Wagen, welcher so dicht an des DoctorS Haus gefahren wurde, als die kleine Umzäunung cs gestattete- Der Staatsbote bestieg ein Pferd und begleitete dann nebst einem Gehülfen und Diener die Kutsche, welche schnell die Straße von Edinburg einschlug. Alle, welche Zeugen des sonderbaren Auftritts gewesen waren, trennten sich jetzt, um ihre Vermuthungen an- zustellen, und Einige, um ihren Gewinn zu überzählen, denn Geld war unter die Wärterinnen der Dame mit solcher Freigebigkeit vertheilt, daß dieselben mit der Verletzung der Weiblichkeit hinlänglich wieder auSgesöhnt wurden, welche durch die schnelle Entfernung der Wöchnerin stattgcfunden hatte. Zweites Kapitel. Die letzte Staubwolke, welche die Wagenräder aufgetrieben hatten, war zerstreut, als das Mittagessen, welches einen Theil der menschlichen Gedanken sogar unter den wunderbarsten und kummervollsten Vorfällen in Anspruch nimmt, auch diejenigen der Frau Gray beschäftigtc- „Wahrlich, Doctor, Ihr starret da aus dem Fenster, bis viellciilt ein anderer Patient Euch rufen läßt, und dann müßt Ihr fort ohne Euer Mittagessen; auch hoffe ich, Herr Lawford wird heute bei uns vorlieb nehmen, denn er pflegt ja zur selben Stunde zu essen; auch haben wir wirklich einen 655 etwas besseren Tisch als gewöhnlich, der armen Dame wegen — Lammfleisch mit Spinat und Kalbsbraten." Der Wundarzt fuhr auf, als erwache er aus einem Traume, und schloß sich dem gastfreundlichen Gesuch seiner Frau an. Wir denken uns jetzt das Mahl beendigt, auf dem Tische steht eine Flasche vom alten und trefflichen Antigua-Branntwein nebst einer kleinen Punschbowlc, die für den Doctor und seinen Gast zweckmäßig gefüllt ist. Natürlich wandte sich das Gespräch auf den sonderbaren Auftritt, dessen Zeuge sie gewesen waren, und der Stadtschreiber nahm ein beträchtliches Verdienst wegen seiner Geistesgegenwart in Anspruch. „Ich glaube, Doctor," sagte er, „Ihr würdet Euch eine bittere Brühe gebraut haben, wäre ich nicht hinzugekommen." „Wahrhaftig, das ist wohl möglich," erwiderte Gray, denn um Euch die Wahrheit zu sagen, stieg der alte Came- ron'sche Geist in mir wieder auf, als ich jenen Kerl mit seinen Pistolen unter den Weibern in meinem Hause prahlen sah; eine Kleinigkeit hätte mich dahin bringen können, daß ich nach dem Feuerschürer gegriffen hätte." „Halt, halt, das hättet Ihr nicht thun dürfen, nein, nein," sagte der Mann des Gesetzes; „dieß war ein Fall, wo ein wenig Klugheit mehr werth war, als alle Pistolen und Feuer- schürcr der Welt." „Dasselbe dachte ich, als ich Euch rufen ließ," bemerkte der Doctor. „Einen weiseren Mann hätte er für einen schwierigen Fall nicht holen lassen können," fügte Frau Gray hinzu, indem sie sich in einige Entfernung vom Tisch mit ihrer Arbeit sctzte- „Jch danke Euch, auf Eure Gesundheit, gute Nachbarin," antwortete der Stadtschreiber; „wollt Ihr mir nicht erlauben. Euch noch ein Glas Punsch einzuschenken, Frau Gray?" AIS dieß abgelehnt wurde, fuhr er fort: „Ich bemerkte, daß der Staatsboote und sei» Verhaftsbefehl jeden Widerstand Niederschlagen mußte. Ihr seht jedoch, wie ruhig er sich benahm, als ich das Gesetz erklärt hatte; ich glaube nicht, daß die Dame von ihm etwas zu besorgen hat. Der Vater aber ist ein harter Kerl; verlaßt Euch darauf, er hat das junge Füllen mit der Kinnkctte aufgezogen, und das ist die Ursache, daß das arme Dinge von der Bahn abwich. Ich sollte mich nicht wundern, wenn er sie außer Landes brächte, und in ein Kloster steckte." „Schwerlich," erwiderte Gray, „wenn meine Vermuthung richtig ist, daß sowohl Vater als Tochter jüdischer Religion sind." „Eine Jüdin," fiel Mistreß Gray ein; „habe ich alle die Last wegen einer Jüdin gehabt? — Ja, ja, ich bemerkte, daß sie Widerwillen empfand, als die Krankenwärterin Simson ihr von Schinken mit Eiern sprach; ich glaubte jedoch, alle Juden hätten lange Bärte, und jenes Mannes Gesicht ist ja gerade wie eines unserer Leute. Ich bade sogar einen längeren Bart bei dem Doctor selbst gesehen, wenn er keine Zeit sich zu rasiren hatte." „Das hätte bei Herrn Monyada der Fall sein können," meinte Lawford, „denn er scheint eine harte Reise zurückgelegt zu haben. Die Juden sind aber oft sehr achtungswerthe Leute, Frau Gray; sie haben allerdings keinen Grundbesitz, weil das Gesetz denselben ihnen untersagt, dagegen aber einen großen Einfluß auf den Geldmarkt — viele Staats- papicre, Frau Gray, und ich glaube, dies arme junge Weib ist besser daran bei ihrem eigenen Vater, obgleich er ein Jude und noch dazu ein harter Kerl ist, als cs bei jenem Schlingel der Fall gewesen sein wurde, der sie verführt hat, und der ja nach Eurem eigenen Bericht, Doctor Gray, sowohl Papist als Rebell ist. Die Juden haben Anhänglichkeit an die Regierung; sie hassen den Papst, den Teufel und den Prätendenten ebenso sehr, als irgend ein ehrlicher Kerl unter uns." „Ich kann keinen der beiden Herren bewundern," sagte Gideon; «ich bin jedoch verpflichtet zu erklären, daß ich Herrn Monpada, ungeachtet seines heftigen Zornes, allem Anschein nach nicht ohne Vernunft sah. Dieser andere Mann aber, Trcsham oder wie er heißt, war hochmüthig gegen mich, und wie ich glaube, etwas sorglos gegen die arme junge Frau, gerade unter solchen Umständen, wo sie am meisten auf seine Güte und ich auf einige Dankbarkeit Anspruch machen konnte; ich bin deßhalb Eurer Meinung, Stadtschreiber Lawford, daß der Christ der schlimmste Kerl von Beiden ist." „Und Ihr denkt daran, die Sorgfalt für dies Kind selbst zu übernehmen, Doctor? d. -. die Rolle des guten Samariters zu spielen?" „Um wohlfeilen Preis, Stadtschreiber; das Kind, wenn es am Leben bleibt, hat genug für seine Erziehung und für sein erstes Auftreten im Leben; es kann bei mir ein ehren- werthes und nützliches Geschäft erlernen. Der Unterricht wird mir eher ein Vergnügen als Unruhe sein, und ich will ohnedem einige Bemerkungen über Kinderkrankheiten machen, die der Knabe mit Gottes Segen unter meiner Wartung durchmachen muß, da uns der Himmel keine Kinder geschenkt hat." - „Halt, halt!" fiel der Stadschrciber ein; letztere Bemerkung ist zu voreilig, — Ihr seid noch nicht so lang verhei- rathet gewesen. Frau Gray, laßt Euch nicht durch meine Das geführt. Schloß u. and. Erzähl. 42 658 Thor-eit verscheuchen, wir wollen bald mit Euch eine Tasse Tbce trinken, denn der Doctor und ich, wir sind keine Trunkenbolde." Vier Jahre nach diesem Gespräche trat das Ereigniß ein, dessen Möglichkeit der Stadtschreiber angedeutet hatte; Frau Gray beschenkte ihren Gemahl mit einer kleinen Tochter. Allein Glück und Unglück sind in dieser Welt unter dem Monde sonderbar gemischt. Die Erfüllung seines ängstlichen Wunsches nach Nachkommenschaft war mit dem Verlust seiner einfachen und gutmüthigen Gattin begleitet — einer der schwersten Schläge, womit das Schicksal den armen Gideon heimsuchcn konnte; sein Ha»S wurde durch dasselbe Ereigniß verödet, welches einige Monate zuvor seiner demüthigen Wohnung neue Freude verheißen hatte. Gray fühlte den Schlag, wie Menschen von Verstand und Festigkeit ein entscheidendes Unglück ausnehmcn, von dessen Wirkungen sie sich niemals wieder vollkommen aufzurichten hoffen. Er vollbrachte die Pflichten seines Gewerbes mit derselben Pünktlichkeit wie früher, war gut gelaunt und sogar seinem Aeußern nach heiter in seinem Verkehr mit der Gesellschaft; allein der Sonnenschein seines Daseins war verschwunden. Jeden Morgen vermißte er die liebevollen Aufträge/ welche ihm empfahlen, für seine eigene Gesundheit Sorge zu tragen^ während er sich bemühte, diesen Segen seinen Kranken wieder zu crtheilen. Wenn er jeden Abend von seiner ermüdenden Runde heimkehrte, so geschah es ohne Bewußtsein der gütigen und liebevollen Aufnahme seiner Frau, die ihm alle kleinen Ereignisse des Tages eifrig erzählte, und mit Theilnahme anhörte. Sein Pfeifen, das er hell und stark ertönen ließ, wenn er den Kirchthurm von Midvlemas erblickte, schwieg jetzt für immer; es senkte sich des Reiters Haupt, während das müde Pferd, dem die Anregung durch die Hand und die Stimme seines Herrn fehlte, einher zu schlendern schien, als empfinde es einen Theil seiner Niedergeschlagenheit; mitunter war er so niedergeschlagen, daß er nicht einmal die Gegenwart seiner kleinen Menie zu ertragen vermochte, in deren kindlichem Gesicht er die Züge ihrer Mutter wieder auffinden konnte, weil sie die unschuldige und von ihr nicht erkannte Ursache ihres Verlustes war- „Wäre cs nicht um dieses armen Kindes willen" — pflegte er zu denken, sogleich aber erkannte er, daß der Gedanke sündhaft war, riß das kleine Mädchen an seine Brust und überhäufte es mit seinen Liebkosungen; alsdann sprach er hastig seinen Wunsch aus, cs aus dem Zimmer zu bringen. Die Muhamedaner haben die phantastische Vorstellung, daß der wahre Gläubige auf seinem Wege in's Paradies baar- füßig über eine Brücke von glühendem Eisen gehen muß. Alsdann aber sammeln sich alle Papierstücke, die er in seinem Leben verwahrt hat, damit nicht etwas Heiliges, darauf Geschriebenes entweiht werde, zwischen seinen Füßen und dem brennenden Metall, um ihn vor Beschädigung zu schützen. In derselben Weise mildern sogar in dieser Welt die Wirkungen gütiger und wohlwollender Handlungen bisweilen die Schmerzen nachfolgender Betrübniß. So fand der arme Gideon nach seinem schweren Verluste den größten Trost in der munteren Zärtlichkeit von Richard Middlemas, dem Kinde, welches in so sonderbarer Weise seiner Obhut anheimgefallen war. Sogar in frühester Jugend war er außerordentlich schön. Wann er schwieg oder übel gelaunt war, zeigten seine dunklen Augen und der starke Ausdruck seiner Gesichtszüge einige Erinnerungen an den finstern Charakter, welchen das Antlitz seines vermuthlichen Vaters offenbarte; wenn er aber munter 660 und glücklich war, eine Stimmung, die sich bei ihm weit häufiger vorfand, so wurde diese Wolke mit dem fröhlichsten und heitersten Ausdruck vertauscht, welcher jemals auf dem lachenden und gedankenlosen Antlitz eines Kindes ruhte. Er schien einen über seine Jahre gehenden Takt zu besitzen, um die Eigentümlichkeiten des menschlichen Charakters zu entdecken und sich darnach zu richten. Seine Kindsmagd, der hauptsächlichste Gegenstand seiner Aufmerksamkeiten, war seine frühere Amme Jamieson, oder die Amme, wie man sie gewöhnlich der Kürze halber und i>sr excellence nannte. Dieß war die Person, die ihn von Kindheit an auferzogen batte. Eie hatte ihr eigenes Kind und bald darauf ihren Mann verloren, und da sie so ein einsam stehendes Weib war, blieb sie, wie es in Schottland Sitte ist, ein Glied in der Familie des Doctors Grap. Nach dem Tode von dessen Frau erlangte sie die hauptsächlichste Aufsicht über den ganzen Haushalt, und da sie eine ehrliche und thätige Wirtschafterin war, so wurde sie eine Person von großer Wichtigkeit in der Familie. Sie wahr kühn von Charakter, heftig in ihren Gefühlen, und zeigte, wie es oft bei Weibern ihrer Art der Fall ist, ebenso viel Anhänglichkeit an Richard Middlcmas, den sic einst an ihrem Busen genährt hatte, als sei derselbe ihr eigener Sohn. Diese Zuneigung erwiederte das Kind mit aller möglichen Aufmerksamkeit, deren sein Alter fähig war. Der kleine Richard zeichnete sich ebenfalls durch die zärtlichste und liebevollste Anhänglichkeit an seinen Vormund und Wohltäter, Doctor Grap, aus; zur rechten Zeit und am rechten Orte war er dienstfertig, aber ruhig wie ein Lamm, wenn sein Beschützer sich zum Studiren oder zum Nachsinnen geneigt zeigte; sowie er sich auch stets als emsig und dienstfertig erwies, so oft es wünschenswert erschien, seinem 661 Pflegevater Beistand zu leisten oder denselben zu zerstreuen. Bei der Wahl der Glegenheit schien er in dieser Hinsicht eine über sein Alter gehende Gewandtheit zu äußern. Im Verlauf der Zeit schien sich dieser gefällige Charakter noch mehr zu verfeinern. Bei jeder Körperübung oder bei jedem Spiel war er der Stolz und Anführer der Knaben des Ortes, wobei ihm seine Kraft und Thätigkeit eine entschiedene Ueberlegenheit über die meisten derselben ertheiltc. In der Schule waren seine Fähigkeiten weniger ausgezeichnet, er war jedoch der Liebling seines Lehrers, eines verständigen und in seinem Berufe nützlichen Mannes. »Richard begreift nicht schnell, aber sicherpflegte er seinem Beschützer, Herrn Grap, zu sagen; „es ist unmöglich, mit einem Knaben nicht zufrieden zu sein, welcher so sehr den eifrigen Wunsch hat, allen Anforderungen nachzukommen." Die dankbare Liebe des jungen Middlemas zu seinem Beschützer schien sich mit der Ausbildung seiner Geistesvermögen zu steigern, und fand eine natürliche und gefällige Art ihrer Aeußerung in Aufmerksamkeiten gegen die kleine Meine oder Marie Gray. Ihr geringster Wink war für Richard Gesetz, und vergeblich ward er durch hundert gellende Stimmen aufgefordert, das Amt eines Anführers beim Verstecken oder Ballspiel zu übernehmen, wenn es der kleinen Mcnie beliebte, daß er bei ihr bleibe und Kartenhäuser zu ihrem Vergnügen baue. Ein ander Mal pflegte er die Aussicht über das kleine Mädchen zu übernehmen, um mit ihr auf die Heide zu gehen, um wilde Blume» einzusammeln, oder Mützen aus Binsen zu flechten. Mcnie'ö Anhänglichkeit an Richard Middlemas stand im Verhältniß zu seiner liebevollen Aufmerksamkeit, und der 662 Vater fab mit Vergnügen jedes neue Zeichen von Liebe, die sein Schützling seinem Kinde erwies. Während der Zeit, daß Richard allmälig aus einem schönen Kinde za einem hübschen Knaben heranwuchs, und dem Alter sich näherte, in welchem der hübsche Knabe ein schmucker Jüngling genannt werden mußte, schrieb Herr Gray jährlich zweimal mit viel Regelmäßigkeit an Herrn Monyada unter der von diesem Herrn angegebenen Adresse. Der wohlwollende Mann war der Meinung, der reiche Großvater werde nicht, wenn er einen Verwandten sehe, auf welchen jede Familie stolz sein würde, auf seinem Beschlüsse beharren können, einen durch Blutsverwandtschaft ihm so nahestehenden und an Gestalt wie Charakter so interessanten Knaben als einen Verstoßenen zu behandeln- Er hielt es demnach für seine Pflicht, die geringe und mittelbare Verbindung mit dem mütterlichen Großvater des Knaben zu unterhalten, da dieselbe in zukünftiger Zeit zu einem näheren Verhältnisse führen könne. In anderer Hinsicht konnte die Correspondenz einem Manne nicht angenehm sein, welcher ein Selbstgefühl wie Herr Gray besaß. Seine eigenen Briefe waren so kurz als möglich; sie enthielten allein Rechenschaft über die Ausgaben seines Mündels mit Einschluß eines geringen von ihm selbst bezogenen Kostgeldes, unter bcigefügter Bescheinigung Herrn Lawfords, als zweiten Vormunds; fie berichteten über Richards Gesundheitszustand, sowie seine Fortschritte in der Erziehung, und enthielten in wenigen Worten eine kurze aber eifrige Lobrede über die Trefflichkeit seines Kopfes und Herzens. Die Antworten waren jedoch noch kür,er; ihr gewöhnlicher Inhalt war folgender: „Herr Monyada bescheinigt den Empfang von Herrn Gray's Briefe von dem und dem Datum, beachtet den Inhalt und ersucht Herrn Gray, bei dem Plane zu beharren, welcher bisher in Bezug auf ihre Correspondenz eingehalten wurde." Sobald außerordentliche Ausgaben als wahrscheinlich sich zeigten, wurden Geldsummen bereitwillig und sogleich eingesandt. Vierzehn Tage nach dem Tode der Frau Gray empfing der Doctor ro Pfd. nebst einem Billet, worin bemerkt war, die Summe sei bestimmt, um dem Knaben R. M. einen passenden Traueranzug anzuschaffen. Der Schreiber des Billets hatte einige Worte hinzugcfügt, um seinen Wunsch auSzu- sprechen, daß der Ueberschuß Herrn Gray zur Verfügung stehe, um die außerordentlichen Ausgaben bei diesem Unglück zu decken; Herr Monsada hatte jedoch die Phrase unbeendigt gelassen, offenbar, weil er daran verzweifelte, dieselben in gutem Englisch auszudrückcn. Gideon fügte ohne weitere Nachforschung die Summe zum kleinen Vermögen seines Mündels hinzu, obgleich Herr Lawsord dem widersprach; diesem war nämlich der Umstand wohl bekannt, daß sein Freund durch den Aufenthalt des Knaben in seinem Hause eher verlor, als gewann, und wünschte dcßhalb, daß derselbe eine Gelegenheit nicht vorbei lassen solle, um einen Theil seiner Ausgaben in dieser Hinsicht wieder zu erlangen. Allein Gray blieb taub gegen alle seine Vorstellungen. Als der Knabe dem i4ten Jahre näher kam, schrieb Herr Gray einen genaueren Bericht von dem Charakter, den Fortschritten und den Fähigkeiten seines Mündels. Er fügte hinzu, er gebe diese Mitthcilungcn, damit Herr Monxada beurtheilen könne, wie die zukünftige Erziehung des jungen Mannes geleitet werden solle. Er bemerkte, Richard sei jetzt auf den Punkt gekommen, wo die Erziehung den ursprünglichen und allgemeinen Charakter verliere, und auf den verschiedenen Pfaden des Wissens sich verzweige, welche sich für 664 besondere Berufsarten eignen; er müsse dcßhalb bestimmen, für welche derselben der junge Richard zu erziehen sei; er selbst werde nach bestem Vermögen Alles thun, um Herrn Monl'ada's Wünsche zur Ausführung zu bringen, denn die liebenswürdigen Eigenschaften des Knaben hätten ihm denselben, ob er gleich nur sein Vormund sei, eben so werth und theuer gemacht, als es beim eigenen Vater der Fall gewesen sein würde. Die Antwort, welche nach einer Woche oder zehn Tagen anlangte, war ausführlicher als gewöhnlich, und in der ersten Person verfaßt. „Herr Grap," so lautete der Brief, „unser Zusammentreffen geschah unter Umständen, die uns damals nicht günstig mit einander bekannt werden ließen. Allein ich bin gegen Euch im Vortheil. Denn da mir bewußt war, weßhalb Ihr eine schlechte Meinung von mir unterhieltet, so konnte ich Eure Gründe und Euch selbst zu gleicher Zeit achten; während Ihr, unfähig mein Verfahren zu begreifen — oder vielmehr unbekannt mit der schändlichen Behandlung, die ich erfahren hatte, nicht verstehen konntet, warum ich so handeln mußte. Durch einen Schurken meiner Tochter beraubt, welche Jener entehrte, kann ich es nicht über mich gewinnen, ein wenn auch unschuldiges Geschöpf vor Augen zu haben, dessen Blick mich stets an Haß und Schande erinnern muß. Behaltet das arme Kind bei Euch und erzieht dasselbe für Euren eigenen Beruf; tragt jedoch Sorge, daß der Knabe nicht über eine solche Stellung im Leben, die Ihr so würdig einnimmt, oder über einen anderen Stand gleicher Bedeutung hinaus will. Die Mittel zur Ausrüstung und Erziehung sollen auch für den Stand eines Pächters, eines Rechtsgelchrten oder Arztes auf dem Lande, oder für eine ähnliche zurückgezogene Lebensweise mit 665 Freigebigkeit eingehändigt werden; ich muß jedoch ihm und Euch die Warnung ertheilen, daß jeder Versuch auf etwas Weiteres, als ich besonders erlauben werde, von mir Ansprüche zu erheben, die gänzliche Verwirkung meiner Gunst und Beschützung zur Folge haben würde. Da ich Euch hiemit meine Absichten erklärt habe, so erwarte ich, daß Ihr demgemäß handeln werdet." Der Empfang dieses Briefes bestimmte Gideon zu einer Unterredung mit dem Knaben, um von ihm zu erfahren, welche Wahl er unter den ihm so cröffneten Berufsarten treffen wolle; er hielt sich zugleich überzeugt, daß derselbe wegen der Gelehrigkeit seines Wesens, die Wahl seinem eigenen (Doctor Grap's) besseren Urtheil überlassen würde. Vorher jedoch hatte er sich der unangenehmen Aufgabe zu entledigen, Richard Middlemas mit den geheimniß- vollen Umständen seiner Geburt bekannt zu machen; er glaubte nämlich, der Knabe wisse nichts davon, weil er sie demselben niemals mitgetheilt, sondern ihn in der Meinung erzogen hatte, daß er das Waisenkind einer entfernten Verwandtin sei; obgleich aber der Doetor selbst nichts davon gesagt, hätte er bedenken können, daß die Kindsmagd Jamicson ihre Zunge zur Verfügung hatte, und zu deren freiem Gebrauche sehr geneigt war. Von früher Jugend an hatte die Kindsmagd Jamicson unter den mannigfaltigen Mährchen und Sagen, die sie ihrem Pslegesohn erzählte, auch dasjenige nicht vergessen, was sie die schreckliche Zeit seiner Geburt nannte — die persönliche Erscheinung seines Vaters, eines vornehmen und gewaltigen Herrn, welcher aussah, als ob die ganze Welt ihm zu Füßen liege — die Schönheit seiner Mutter und die erschreckliche 666 schwarze Maske, welche sie trug; ihre Augen, die wie Diamanten glänzten, und die Diamanten, die sie an den Fingern hatte, und die mit nichts als mit ihren eigenen Augen verglichen werden konnten; die Schönheit ihrer Haut und die Farbe ihres seidenen Mantels nebst vielem anderem ähnlichem Geschwätz. Alsdann sprach sie weitläufig von der Ankunft seines Großvaters und des furchtbaren Mannes, welcher mit Pistolen, Dolch und Hochlandschwert bewaffnet (die letzteren Waffen eristirten nur in der Einbildungskraft der Kindsmagd), die Rolle eines Drachen oder Riesen im Feenmährchen spielte — dann folgten alle Umstände der Wegführung seiner Mutter, während Banknoten im Hause umherflogen, wie Fetzen Löschpapiers, und Gold-Guineen eben so häufig waren als Kieselsteine. Alles dieß erzählte ihm die Amme, theils um die Theilnahme des Knaben zu erregen, theils um ihrem eigenen Talente zur Uebertreibung sich hinzugeben, mit so vielen Nebenumständen und willkürlichen Erläuterungen, daß der wirkliche Vorgang, so geheimnißvoll und sonderbar er sicherlich auch war, vor der Darstellung der Kindsmagd in ein Nichts versank und sich wie demüthige Prosa zum kühnsten Flug der Poesie verhielt- Richard war ernstlich geneigt, dem Allem zuzuhören und hatte noch mehr Vergnügen an der Vorstellung, daß der tapfere Vater unerwartet an der Spitze eines tapferen Regimentes mit klingender Musik und fliegender Fahne ankommen würde, um seinen Sohn auf dem schönsten Klepper fortzuführen, den menschliche Augen jemals erblickt hätten; oder seine Mutter, glänzend wie der Tag, werde plötzlich in einer Kutsche mit sechs Pferden erscheinen, um ihr geliebtes Kind sich abzuholen; oder sein reicher Großvater werde mit Taschen voll Danknoten herbeikommen, um seine begangene Grausamkeit 667 dadurch zu büßen, daß er den vernachlässigten Enkel mit unerwarteten Reichthümern überhäufe. Die Kindsmagd Jamieson wußte ganz gewiß: es bedürfe nur eines Blickes von ihres Pflegkindes schönen Augen, um ihr Herz und ihre Nieren zu prüfen, wie die heilige Schrift spricht) wie einst sich merkwürdige Dinge ereigneten, so könnten solche wiederum zusammen und zur selben Zeit in dem Dorfe eintreten, und solch einen Tag erschaffen wie ihn Middlemas noch niemals erblickte; dann könnte ihr Kind nicht mehr mit dem niederländischen Namen Middlemas genannt werden, welcher klinge, als habe man ihn aus dem Rinnstein des Dorfes ausgegris- fcn, sondern er werde Ritter Galatian oder Sir William Wallace oder Robin Hood oder wie ein anderer großer Fürst heißen, von dem Mährchen und Geschichtenbüchcr erzählen. Der Kindsmagd JamiesonS Berichte von der Vergangenheit und von den glänzenden Aussichten der Zukunft schmeichelten zu sehr der Einbildungskraft, um nicht die ehrgeizigsten Phantasie-Gebilde in der Seele des Knaben -ervorzurufen, welcher natürlich einen starken Wunsch empfand, sich in der Welt empvrzuschwingen, und welcher ohnedem das Bewußtsein hegte, daß er die für eine höhere Stellung geeigneten Fähigkeiten besitze. Die Ereignisse seiner Geburt glichen zu sehr denjenigen, welche in den von ihm gelesenen oder gehörten Mährchen erwähnt wurden; es schien kein Grund vorhanden, daß seine eigenen Abenteuer kein ähnliches Ende, wie diejenigen solcher wahrhaften Geschichten nehmen sollten. Kurzum, während der gute Doctor Gray sich einbildete, daß sein Zögling von seinem Ursprung durchaus nichts wisse, dachte Richard an nichts anderes als an die Zeit und Weise, worin und wodurch er aus dem Dunkel seines gegenwärtigen 668 Zustandes cmporgehoben, und zur Annahme eines Ranges befähigt sein würde, auf welchen er nach seiner Meinung durch seine Geburt die Ansprüche besaß. So verhielt cs sich mit den Gefühlen des jungen Mannes, als der Doctor eines Tages nach Tische die große lederne Brieftasche hervorholte, worin er wichtige Papiere mit einem kleinen Vorrath der nothwendigsten und wirksamsten Arzneien verwahrte. Er nahm jetzt den Brief Monoada's heraus und ersuchte Richard Middlemas um ernste Aufmerksamkeit, denn er habe ihm einige Umstände in Betreff seiner selbst mitzu- theilen, deren Kennlniß für ihn von der größten Wichtigkeit sei. Richards dunkle Augen funkelten — das Blut strömte in seine breite und gut geformte Stirne — die Stunde der Erklärung war endlich gekommen. Er horchte auf die Erzählung Gideon Gray's, welche, wie der Leser sich denken kann, gänzlich aller Vergoldung entkleidet war, womit die Einbildungskraft der Kindsmagd sie ausgeschmückt hatte; welche ferner auf denjenigen Inhalt zusammengedrängt war, den die Geschäftsmänncr den wesentlichen nennen, nichts weiter als die Geschichte eines Kindes der Schande offenbarte — eines von Vater und Mutter verlassenen Kindes, welches von dem mit Widerstreben gegebenen Almosen eines entfernteren Verwandten auferzogen war — eines Großvaters, welcher das Kind als das lebendige wenn auch unbewußte Zeugniß der Unehre seiner Familie betrachtete, und mit weit größerem Vergnügen die Kosten seines Leichenbegängnisses als diejenigen seiner Ernährung bezahlt haben würde, die er nur mit Murren für ihn ausgesetzt hatte. Tempel und Burgen nebst tausend lieblichen Luftschlössern der kindlichen Einbildungskraft Richards fielen plötzlich zusammen, und der durch ihre Zertrümmerung erregte Schmerz ward um so schärfer durch das 669 Gefühl der Scham, daß er solche Träumereien genährt habe. Während Gideon in seiner Darlegung sortfuhr, blieb er in der Stellung der Niedergeschlagenheit; seine Augen waren auf den Boden geheftet, und die Adern seiner Stirne schwollen durch den Kampf der Leidenschaften. „Und nun, mein theurer Richard," sagte der Wundarzt, „müßt Ihr bedenken, was Ihr für Euch thun wollt, da Euer Großvater Euch die Wahl von drei chrenwerthen Berufswegen freistellt; durch einen jeden derselben könnt Ihr, wenn Ihr rechtschaffen und verständig die Euch cröffnete Bahn verfolgt, ein unabhängiger wenn auch kein reicher, ein achtbarer wenn auch kein vornehmer Mann werden. Ihr werdet natürlich ein wenig Zeit zur Ueberlegung haben wollen." „Nicht eine Minute," sagte der junge Mann, indem er den Kopf erhob und einen kühnen Blick auf seinen Pflegevater richtete. „Ich bin ein frei geborener Engländer und will nach England zurückkehren, wenn ich cs für paffend halte." „Ein frei geborener Narr bist du," sagte Grap; „so viel ich weiß, und Niemand kann cs besser wissen als ich, wurdest du im blauen Zimmer hier im Hause, auf Stevenlaw's Land, im Flecken Middlcmas geboren, wenn du das einen frei geborenen Engländer nennen willst." „Aber Tom Hillary —" dieß war ein Lehrling des Stadtschreibers Lawford, welcher kürzlich ein großer Freund und Rathgeber des jungen Middlemas geworden war — „Tom Hillary sagt, ich sei dennoch ein frei geborener Engländer in Folge des Geburtsrcchts meiner Eltern " „Bah, Kind, was wissen wir von deinen Eltern? — Aber was hat der Umstand, daß du ein Engländer sein willst, mit der gegenwärtigen Frage zu schaffen?" 670 „O, Doctor!" antwortete der Knabe in bitterem Tone, „Ihr müßt wissen, daß wir, die wir von der Südseite des Tweed kommen, uns nicht so hart fortbringcn können als Ihr. Die Schotten sind zu moralisch, zu klug und zu stark, als daß ein armer Puddingeffer unter ihnen leben könnte, sei er Pfarrer, Advokat oder Doctor — mit Eurer Erlaubniß, Herr." „Bei meinem Leben, Richard," sagte Grap, „dieser Tom Hillary verdreht dir das Gehirn. Was ist aber der Sinn von alle dem Geschwätz?" „Tom Hillary sagt, der Pfarrer lebe von den Sünden des Volkes, der Rechtsgelehrte von ihrem Unglück und der Doctor von ihren Krankheiten — ich bitte Euch jedoch um Verzeihung, Herr." „Tom Hillary," erwiderte der Doctor, „sollte aus dem Flecken gejagt werden, ein Windbeutel von einem Advokatcn- Lehrling, der in Newcastle durchgegangen ist! Höre ich ihn so schwatzen, so will ich ihn lehren mit mehr Achtung von gelehrten Ständen zu sprechen. Laß mich von Tom Hillary nichts mehr hören, mit dem du seit Kurzem viel zu oft umgegangen bist; jetzt aber bedenke dich ein wenig wie ein Bursch von Verstand, welche Antwort ich Herrn Monyada geben soll." „Sagt ihm," erwiderte der Knabe, indem er den Ton affectirten Hohnes aufgab, und den des beleidigten Stolzes annahm, „schreibt ihm, daß sich meine Seele über die niedrige Stellung empört, die er mir ancmpfiehlt. Ich bin entschlossen, die Laufbahn meines Vaters in der Armee zu betreten, wenn nicht mein Großvater mich in sein HauS aufnehmen und mich für sein Geschäft erziehen will." „Nicht wahr, er soll dich wohl zum Theilhaber an seinem Geschäft machen und dich für seinen Erben anerkennen?" bemerkte Doctor Gray; „das ist ohne Zweifel sehr wahrscheinlich, in Betracht der Weise, wie er dich auferzogcn hat, und der Bedingungen, von denen er jetzt hinsichtlich deiner schreibt.« „Für jeden Fall, Herr, darf ich ein Verlangen an Euch stellen," antwortete der Knabe. „Eine große mir zugehörige Geldsumme befindet sich in Euren Händen; da sie Euch für meinen Gebrauch zugewiesen wurde, so verlange ich, daß Ihr mir die nothwendigen Vorschüsse macht, um mir eine Osfi- ziersstelle im Heere zu verschaffen; händigt mir das Ucbrige ein, dann will ich Euch nicht länger belästigen und danke für bisherige Gefälligkeiten." „Junger Mann," sagte der Doctor mit Ernst, „es thut mir sehr leid, daß Eure gewöhnliche Klugheit und gute Laune nicht bei der Vereitlung einiger albernen Erwartungen aus- hieltcn, die zu hegen Ihr nicht den geringsten Grund hattet. Allerdings befindet sich in meinen Händen eine für Euch bestimmte Summe, die sich ungeachtet verschiedener Ausgaben vielleicht auf 1000 Pfd. und vielleicht auf noch mehr beläuft; ich bin jedoch verbunden, nach dem Willen des Schenkers darüber zu verfügen, und jedenfalls dürft Ihr nicht eher darauf Anspruch machen, als bis Ihr die Jahre der Klugheit erreicht habt, ein Zeitpunkt, der nach dem Gesetz noch sechs Jahre entfernt ist, und den Ihr wenigstens in Eurem Sinne niemals erreichen werdet, wenn Ihr nicht Eure gegenwärtigen albernen Grillen aufgebt. Aber kommt, Richard, es ist das erste Mal, daß ick Euch in einer so abgeschmackten albernen Laune sehe; ich gestehe übrigens ein, daß sich zu Eurer Entschuldigung bei Eurer Lage viele Umstände vorfinden, welche sogar noch einen größeren Drang erregen 672 könnten. Ihr solltet aber nicht gegen mich Euren Aerger auslafsen, da ich durchaus nicht Schuld an dem Unglück bin; Ihr solltet bedenken, daß ich Euer frühester und einziger Freund war und die Sorgfalt für Euch zu einer- Zeit übernahm, wo Jedermann sonst Euch Preis gab." „Dafür danke ich Euch nicht," sagte Richard, indem er sich einem Ausbruch ungezügelter Leidenschaft hingab, „Ihr hättet besser für mich sorgen können, wenn das Euer Wille gewesen wäre." „In welcher Weise, undankbarer Bursch?" fragte Gray, dessen Gleichmuth etwas gestört wurde. „Ihr hättet mich unter die Räder des Wagens werfen sollen, als jene Leute wegfuhrcn, damit sie den Leib ihres Kindes ebenso zerträten, wie sie mit dessen Gefühlen verfahren find." Mit den Worten stürzte er aus dem Zimmer und schlug die Thüre hinter sich mit großer Heftigkeit zu, indem er seinen Pflegevater erstaunt über diese heftige und plötzliche Veränderung seiner Stimmung und seines Wesens zurückließ. „Was zum Teufel ist mit ihm vorgegangen?! Ah, so, er hat hohe Gedanken und ist in einigen Thorheiten getäuscht worden, welche jener Tom Hillary ihm in den Kopf gesetzt hat. Allein seine Krankheit läßt sich noch mit schmerzstillenden Mitteln heilen." Während der Doctor diesen gutmüthigen Entschluß faßte, stürzte der junge Middlemas in das Zimmer der Kindsmagd Jamicson, wo die arme Meine, bei welcher seine Gegenwart immer eine heitere Stimmung erregte, sich beeilte, seiner Bewunderung eine neue Puppe zu zeigen, deren Erwerbung sie gemacht hatte. Niemand nahm in der Regel mehr An- theil an Menie's Vergnügungen als Richard, allein dießmal hatte Richard wie sein berühmter Namensvetter keine gute Laune. Er stieß das kleine Mädchen so sorglos und beinahe so roh von sich weg, daß die Puppe aus Menic's Hand flog, auf den Kaminstein fiel und ihr wächsernes Gesicht zerbrach. Die Rohheit entlockte der KindSmagd einen Verweis, obgleich der Uebelthäter ihr Liebling war- „Zurück, Richard — das war nicht nach Eurer Art, Miß Mcnie so zu behandeln — seid still, Miß Menie, ich will der Puppe Gesicht bald wieder ausbeffern." Wenn aber Menie weinte, so geschah dieß nicht wegen der Puppe; während ihre Thränen ihre Wangen herabfloßen, blickte sie schweigend auf Richard Middlemas mit einem kindlichen Ausdruck von Furcht, Kummer und Erstaunen. Die Kindsmagd lenkte bald ihre Aufmerksamkeit von Menie Grap's Kummer ab, besonders da diese nicht laut weinte, und richtete dieselbe auf den veränderten Gesichtsausdruck, die rothcn Augen und die geschwollenen Züge ihres Lieblings und Pflegekindes. Sie begann sogleich eine Untersuchung nach der Ursache seines Kummers mit der gewöhnlichen inquisitorischen Weise der Matronen ihrer Klaffe. Solche Fragen, als „was gibt cs, mein Kind?" und „was hat mein Kind gequält?" brachten zuletzt seine Antwort heraus. „Ich bin nicht Euer Kind — ich bin Niemands Kind — Niemands Sohn. Ich bin von meiner Familie verworfen und Niemanden angehörig. Doctor Grap hat es mir selbst gesagt." „Hat er meinem Kinde vorgcworfcn, daß er ein Bastard sei? — Wahrlich, das war nicht artig — aber gewiß, Euer Vater war ein besserer Mann als derjenige, welcher auf des Doctors Beinen steht — ein hübscher vornehmer Herr mit Das geführt. Schloß u. and. Erzähl. 4Z 674 Augen wie ein Taubenfalke und einem Schritt wie ein hochländischer Dudelsackpfeifer." Die Kindömagd war auf ihr Licblingsthcma gekommen und würde weitläufig darüber geschwatzt haben, denn sie hatte eine große Bewunderung für männliche Schönheit; allein dem Knaben mißfiel das letztere Glcichniß; deßhalb brach er das Gespräch mit der Frage ab, ob sie genau wisse, wie viel Geld sein Großvater Herrn Doctor Gray zu seiner Ernährung zurückgelaffen habe. »Sie konnte das nicht genau sagen — sie wußte es nicht — es war sicherlich eine so furchtbare Summe, als eine solche nur durch die Hände eines Mannes gehen kann — sie war überzeugt, daß es nicht weniger als 100 Pfd. waren und auch recht wohl 200 sein könnten." Kurzum, sie wußte nichts von der Sache, sie wußte jedoch gewiß, daß Doctor Gray ihm die Summe bis zum letzten Heller auszahlen werde, denn Jedermann sei es bekannt, daß er sich als ein gerechter Mann bewähre, sobald es sich um Silber handle. Wolle jedoch ihr Kind mehr von der Sache wissen, so werde der Stadtschreiber ihm alles darauf Bezügliche sagen können. Richard Middlemas stand auf und verließ das Zimmer, ohne ein Wort weiter zu sagen; er ging sogleich zum alten Stadtschreiber, bei welchem er sich sehr beliebt gemacht hatte, wie das bei den meisten Würdenträgern des Fleckens der Fall gewesen war. Er begann das Gespräch mit Darlegung des Vorschlags, der ihm über die Wahl eines Berufes gemacht war: nachdem er von den gehcimnißvollen Umständen seiner Geburt und den zweifelhaften Aussichten gesprochen hatte, brachte er den Stadtschreiber leicht zu der Erklärung über den Betrag der Summe und vernahm den genauen Stand des Geldes in den Händen seines Wegvaters — Angaben, welche den schon von ihm empfangenen genau entsprachen. Alsdann befragte er den würdigen Stadtschrciber über die Möglichkeit in's Heer zu treten, erhielt aber eine zweite Bestätigung des von Doctor Gray ihm mitgetheilten Berichtes. Er erfuhr, daß kein Theil der Geldsumme ihm vor seiner Mündigkeit zur Verfügung gestellt werden könne, und zwar nicht ohne die besondere Einwilligung seiner beiden Vormünder und hauptsächlich derjenigen seines Pflegvaters. Er nahm deßhalb Abschied von dem Stadtschrciber, welcher unter großer Belobung des vorsichtigen Benehmens, mit welchem er sprach, und seiner klugen Auswahl eines RathgeberS in dieser wichtigen Krisis seines Lebens ihm zu verstehen gab, daß er selbst für ein sehr mäßiges Lehrgeld ihn in seine Schreibstube aufnehmen würde, wenn er die Laufbahn des Rechtes wählen wolle; er werde gern Tom Hillary fortschicken, um ihm Platz zu machen, denn der Bursch sei ihm zu naseweis und plage ihn mit Geschwätz von seiner englischen Praxis, womit man hier auf dieser Seite der Grenze, Gott sei Dank, nichts zu schaffen habe. Middlemas dankte ihm für seine Güte und versprach ihm, sein gütiges Anerbieten zu überlegen, im Fall er sich für den Beruf eines Rechtsgelehrtcn entschließen sollte. Von Tom Hillary's Herrn ging Richard zu Tom Hillary selbst, welcher sich damals gerade auf der Schreibstube befand. Es war ein 2vjährigcr eben so lebhafter als kleiner Bursch, welcher sich durch die Genauigkeit, womit er sein Haar fristete, und den Glanz eines mit Treffen besetzten Hutes so wie einer gestickten Weste auszeichnete, womit er der Kirche von Middlemas am Sonntage zur Zierde gereichte. Tom Hillary war der Schreiber eines Sachwalters in Newcastle am Tyne gewesen, hatte aber seit einigen Jahren aus irgend einem Grunde es für zweckmäßig gehalten, seinen Wohnsitz in Schott- 676 land aufzuschlagen; hierauf empfahl er sich dem Stadtschreiber durch die Genauigkeit und Schönheit, womit er die Urkunden des Fleckens in's Reine schrieb. ES ist nicht unwahrscheinlich, daß die Berichte über die eigenthümlichen Umstände der Geburt von Richard Middlemas, so wie die Kenntniß, daß derselbe eine beträchtliche Geldsumme besaß, Hillary bewogen, den Knaben, obgleich er selbst älter an Jahren war, in seine Gesellschaft aufzunehmcn, um dessen jugendliche Seele mit einigen Zweigen des Wissens zu bereichern, welche sein Zögling in jenem abgelegenen Winkel sonst nicht so bald wurde erlangt haben. Hierunter befanden sich gewisse Karten- und Würfelspiele, wobei der Zögling, wie auch vernünftig war, den Preis der Einweihung durch seine Verluste seinem Lehrer bezahlte. Nach einem langen Spaziergang mit diesem Burschen, dessen Rath Richard Middlemas, wie der unwcise Sohn des weisesten Mannes, wahrscheinlich höher schätzte als denjenigen seiner älteren Rathgeber, kehrte Letzterer zu seiner Wohnung in Stevcnlaw's Land zurück und ging betrübt und ohne Abendessen zu Bette. Am nächsten Morgen stand Richard mit der Morgensonne auf, und seine nächtliche Ruhe schien die häufige Wirkung des Schlafes gehabt zu haben, daß die Leidenschaften sich abkühlten und der Verstand sich besserte. Die kleine Menie war die erste Person, bei welcher er seine Unart wieder gut machte; ein weit geringeres Sühnopfer, als die neue ihr geschenkte Puppe, wäre von derselben als Ausgleichung einer weit größeren Beleidigung angenommen worden. Menie war eines jener Wesen von reinem Gemüthe, denen ein Zustand gegenseitiger Unfreundlichkeit ein Zustand des Kummers ist, wenn die entfremdete Person ein Freund war; die geringste Zuvorkommenheit ihres freund- lichen Beschützers genügte, um all ihr kindliches Vertrauen und ihre Zuneigung wieder zu gewinnen. Der Vater war nicht unerbittlicher als Menie. Herr Gray glaubte wirklich, er besitze Ursache, Richard bei der nächsten Unterredung mit Kälte zu behandeln, denn er war nicht wenig über die Undankbarkeit gereizt, die er am Abend vorher erfahren hatte. Jedoch Middlemas entwaffnete ihn durch das freimüthige Geständniß, er habe seine Phantasie durch die Vorstellung des vermuthlichen Ranges und der Wichtigkeit seiner Eltern zur eitlen Ueberzeugung fortreißen lassen, daß er einst dieselben theilen werde. Der Brief seines Großvaters, der ihn zur Verbannung und niederen Stellung für sein ganzes Leben verurtheile, war, wie er anerkannte, ein sehr schwerer Schlag; mit tiefem Kummer bedachte er, daß die gereizte Stimmung getäuschter Hoffnungen ihn verleitet habe, sich in einer Weise auszudrücken, welche von der Achtung und Ehrerbietung eines Pflegekindes weit entfernt sei, welches gegen Herrn Gray die Verpflichtung des Gehorsams und der Liebe eines Sohnes haben, und seiner Entscheidung jede Handlung des Lebens anhcimgeben müsse- Gideon, durch ein so aufrichtiges und mit so viel Demuth gemachtes Eingeständniß günstig gestimmt, gab sehr bereitwillig seinen Aerger auf und erkundigte sich mit gütigen Worten bei Richard, ob er die Wahl eines Berufes, welche ihm vorgelegt sei, überdacht habe; zugleich machte er ihm den Antrag, er werde ihm alle gehörige Zeit zu Ergreifung eines Entschlusses gestatten. Hierauf antwortete Richard Middlemas mit derselben Bereitwilligkeit und Offenheit. Um seine Meinung mit mehr Sicherheit zu bilden, hatte er seinen Freund, den Stadtschreiber, um Rath gefragt. Der Doctor nickte Beifall. Herr 678 Lawford war wirklich sehr freundschaftlich gewesen und hatte ihm angeboten, ihn in seine eigene Schreibstube aufzunehmen. Wenn jedoch sein Vater und Wohlthäter ihm erlauben wolle, die edle Kunst, worin er selbst einen so ausgezeichneten Ruf besitze, unter seiner Anleitung zu studiren, so werde schon allein die Hoffnung, daß er Herrn Gray in seinem Geschäfte -elfen könne, jede andere Rücksicht bedeutend überwiegen. Eine solche Erziehung und eine solche Anwendung der Kenntnisse seines Berufes, wenn er dieselbe erlangt haben würde, müsse seiner Thätigkeit ein größerer Sporn sein, als die Aussicht, sogar Stadtschreiber von MiddlemaS in eigener Person zu werden. Da der junge Mann erklärte, es sei sein fester und unveränderlicher Entschluß, die Medizin unter seinem Pflegevater zu studiren und ein Mitglied seiner Familie zu bleiben, setzte der Doctor Herrn Monyada davon in Kenntniß; dieser auch übersandte, um seine Beistimmung zu bezeugen, dem Doctor die Summe von 100 Pfd. als Lehrgeld, eine Summe, die beinahe dreimal mehr betrug, als Gray's Bescheidenheit als nothwendig ihm angegeben hatte. Bald darauf, als Doctor Gray und der Stadtschrciber in dem kleinen Club des Fleckens sich trafen, war der Stoff ihres Gespräches der Verstand und die Festigkeit von Richard MiddlemaS. „Er ist wirklich," sagte der Stadtschreiber, „ein so guter und uneigennütziger Freund, daß ich ihn nicht bewegen konnte, eine Stelle in meiner Schreibstube anzunehmen, weil er besorgte, man werde glauben, daß er sich auf Kosten Tom Hillary's vorwärts bringen wolle." „Wahrlich, Stadtschreiber," sagte Gray, „ich habe bis- 679 weilen besorgt, daß er mit jenem Tom Hillary zu viel umgehe, allein zwanzig Tom Hillary'ö würden Richard Middlemas nicht verführen können." Drittes Kapitel. Seit Dick als Arzt begvancn hat, Pries sehr ihn die Kritik, Doch Thomas galt der ganzen Stadt Als weis' in Politik. Tom und Dick. Zur selben Zeit als Doctor Gray die ärztliche Erziehung seines jungen Pflegekindes Richard Middlemas übernahm, erhielt er Vorschläge von einem gewissen Adam Hartley, um denselben ebenfalls als Lehrling anzunchmen. Der junge Mann war der Sohn eines achtbaren Pächters von der englischen Seite der Grenze her, welcher seinen ältesten Sohn für sein eigenes Geschäft erzogen hatte, und aus dem zweiten einen Arzt zu machen wünschte, um die Freundschaft eines vornehmen Mannes, seines Gutsherrn, zu benutzen, welcher ihm angeboten hatte, die Laufbahn seines Sohnes zu unterstützen, und ihm vorstellte, daß sein Einfluß am leichtesten auf die Beförderung eines Arztes oder Wundarztes verwandt werden könne. Middlemas und Hartley wurden deßhalb in ihren Studien zu einander gesellt. Während des Winters wurden sie nach Edinburg in Kost gegeben, um dort die medizinischen Vorlesungen zu hören, welche für die Erwerbung gelehrter Grade erforderlich waren. Drei oder vier Jahre vergingen auf diese Weise; die zwei Studenten der Medizin wurden aus bloßen Knaben zu jungen Leuten, welche beide von sehr vortheilhaftem Aeußeren, gut gekleidet und wohl erzogen, so wie auch mit Geld versehen, als Personen einiger Wichtigkeit in dem Flecken Middlemas galten, wo es kaum Bewohner gab, die sich als Aristokratie bezeichnen ließen, wo ferner junge Herren sich nur sparsam und junge Mädchen im Uebcrfluß vorfanden. Jeder von den beiden hatte seine besonderen Anhänger; obgleich nämlich die beiden jungen Leute selbst in ziemlicher Einigkeit mit einander lebten, so konnte dennoch Niemand, wie es in solchen Fällen gewöhnlich ist, Einen derselben loben, ohne ihn zugleich mit seinem Gefährten zu vergleichen, und seine Ueberlegcnheit über Letzteren zu behaupten. Beide waren munter, liebten den Tanz, und besuchten eifrig die Kunstübungen Herrn Mac Fittochs, wie derselbe sie nannte, d. h. den Unterricht eines Tanzmeisiers, welcher im Sommer auf dem Lande umherzog, im Winter seinen festen Wohnsitz in Middlemas aufschlug und der dortigen Jugend die Wohlthaten seines Unterrichts zum Preise von s Schill. Sterling kür 20 Stunden gewährte. Bei diesen Gelegenheiten erhielt jeder von Doctor Gray's Zöglingen sein besonderes Lob. Hartley tanzte mit der größten Munterkeit, Middlemas mit größerer Anmuth. Herr Mac Fittoch pflegte Richard die Hauptrolle im Menuet spielen zu lassen, und wettete alles, was ihm in dieser Welt am theuersten war (dieß war seine Fidel), auf seine unbestreitbare Ueberlegcnheit; er gestand jedoch ein, daß Hartley ihm im Walzer und ähnlichen Tänzen überlegen sei. In der Kleidung war Hartley am meisten verschwende- risch, vielleicht weil sein Vater ihn dazu mehr mit Geldmitteln versah; sein Anzug war aber weder als neu so geschmackvoll, noch als alt so gut erhalten, als derjenige von Richard Mikdlemas. Adam Hartlep war mitunter fein im Benehmen, mitunter aber auch etwas unbeholfen, und bei ersterer Gelegenheit sah man ihm das Bewußtsein seines Glanzes zu sehr an. Sein Gefährte war zu jeder Zeit reinlich und wohl gekleidet; er zeigte zugleich einen Ausdruck der guten Erziehung, wodurch er stets in Behaglichkeit zu sein schien; seine Kleidung, von welcher Art sie auch sein mochte, schien stets gerade diejenige zu sein, die er im Augenblick anlegen mußte. In ihrer Gestalt fand sich ein noch stärker ausgesprochener Unterschied. Adam Hartlep war von mittlerer Größe, derb und mit starken Gliedern versehen. Ein offenes englisches Gesicht vom ächten angelsächsischen Gepräge zeigte sich unter kastanienbraunen Locken, bis der Haarkräusler dieselben zerstörte; er trieb gern die starken Körperübungcn des Ringens, Boxens, Springens und Stockfechtens, und besuchte, wenn er Zeit batte, die Stlerbehen und Kolbenspiele, welche den Flecken bisweilen belebten. Richard im Gegentheil hatte schwarzes Haar, wie sein Vater und seine Mutter, so wie stolze, schön gebildete Gesichtszüge, die aber einen etwas fremden Charakter zeigten; seine Gestalt war groß und schlank, obgleich muskelkräftig und thätig; sein Benehmen mußte ihm angeboren sein, denn an Zierlichkeit und Leichtigkeit übertraf er bei Weitem Alles, was er in seinem Geburtsort hätte finden können. Er er> lernte in Edinburg das Fechten mit Rappieren und nahm Unterricht bei einem Schauspieler des dortigen Theaters, um seine Redeweise zu verfeinern. Er wurde auch ein Liebhaber des Drama's, besuchte regelmäßig das Schauspielhaus und 682 nahm den Ton eines Kritikers in diesem Zweige der Literatur so wie in einigen anderen leichterer Art an. Um den Contrast, was den Geschmack betrifft, noch weiter auszuführen, so war Richard ein gewandter und glücklicher Angler, Adam ein kühner und niemals fehlender Schütze. Ihre Bemühungen, einander zu übertreffen, um Herrn Gray's Tisch mit Vorräthen zu versehen, versorgten dessen Haushaltung weit reichlicher, als cs jemals früher der Fall gewesen war; außerdem sind kleine Geschenke von Fisch und Wild den Einwohnern eines Landstädtchens stets angenehm, und tragen dazu bei, die Beliebtheit der jungen Jäger zu steigern. Während die Einwohner des Fleckens in Ermanglung eines besseren Stoffes zum Disputiren über den Vergleich der Verdienste der beiden Lehrlinge des Doctor Gray zwei Parteien bildeten, beriefen sie sich bisweilen auf dessen Urthcil. Hierin jedoch war der Doctor eben so vorsichtig wie bei andern Gelegenheiten; er sagte, die beiden jungen Leute seien gute Burschen und würden nützliche Männer in ihrem Berufe werden, wenn ihre Köpfe nicht durch die Aufmerksamkeit, welche die albernen Leute des Fleckens ihnen erwiesen, und die vielen Vergnügungen verdreht würden, welche ste ihrem Geschäfte entzögen. Ohne Zweifel war es für ihn natürlich, mehr Vertrauen in Hartley zu setzen, der von bekannten Leuten abstammte und beinahe als Schotte gelten konnte. Wenn er jedoch solche Parteilichkeit fühlte, so tadelte er deßhalb sich selbst, weil das fremdere Kind, welches auf so sonderbare Weise ihm aufgebürdet war, ein besonderes gutes Recht auf die Obhut und Liebe besaß, die er ihm zuwenden konnte; auch schien der junge Mann selbst so dankbar, daß er nur den geringsten Wunsch anzudeuten brauchte, woraus Richard Middlemas denselben sogleich auszuführen sich beeilte- 683 Es gab Personen im Flecken Middlemas, welche unbedacht genug zu der Vermuthung waren, daß Menie ein besserer Richter als irgend ein anderer über die verhältnißmäßigen Verdienste dieser ausgezeichneten Personen sein könne, hinsichtlich deren die öffentliche Meinung im Allgemeinen getheilt war. Niemand, selbst ihre vertrautesten Freundinnen wagten jemals in bestimmten Ausdrücken die Frage an sie zu richten; ihr Betragen jedoch wurde genau überwacht und die Kritiker beobachteten, daß ihre Aufmerksamkeiten dem Adam Hartley offener und freier erwiesen wurden. Sie lachte, schwatzte und tanzte mit ihm, während ihr Betragen gegen Richard Middlemas scheuer und zurückhaltender war. Die Beobachtungen hierüber waren unzweifelhaft, das Publikum war jedoch über die daraus zu ziehenden Schlüffe getheilt. Es war unmöglich, daß die jungen Leute, über welche in dieser Weise verhandelt wurde, Letzteres nicht hätten merken sollen. Da sie von der kleinen Gesellschaft, worin sie sich bewegten, gegen einander in Gegensatz gestellt wurden, hätten sie von etwas besserem Schlage als gewöhnlich werden müssen, wenn sie auch nicht allmälig durch eigenen Antrieb in den Geist des Wetteifers gelangt wären, und sich als Nebenbuhler für öffentlichen Beifall betrachtet hätten. Auch ist nicht zu vergessen, daß Menie Gray zu einem der schönsten jungen Mädchen nicht allein von Middlemas, sondern von der ganzen Grafschaft herangewachsen war, worin dieser kleine Flecken gelegen ist- Dieß war wirklich durch Zeugnisse erwiesen, welche nicht weniger als entscheidend gelten mußten. Zur Zeit des Wettrennens sammelte sich gewöhnlich in dem Flecken eine Gesellschaft aus den höheren Ständen des umliegenden Landes, und viele nüchterne Bürger 684 erhöhten dann ihr Einkommen durch Zimmervermiethen oder durch Annahme von Kostgängern höheren Standes für diese geschäftige Woche. Alle ländlichen Edclherren und Edcldamen fanden sich bei diesen Gelegenheiten ein; die Zahl der aufgestülpten Hüte und der seidenen Rockschleppen war dann so groß, daß der kleine Flecken seine Einwohner gänzlich gewechselt zu haben schien. Bei dieser Gelegenheit wurde es nur Personen von gewissem Stande gestattet, an den nächtlichen Bällen im alten Stadthause Antheil zu nehmen, und die Unterscheidungslinie schloß Herrn Grap's Familie aus. Die Aristokratie jedoch gebrauchte ihre Privilegien mit einigem Gefühl der Rücksicht auf die einheimischen Stutzer und die Schönen des Fleckens, welche so verurtheilt waren, die Fideln in der Nacht zu hören, ohne daß es ihnen gestattet wurde, danach zu tanzen. Ein Abend in der Woche der Wettrennen, der Jägerball genannt, wurde dem allgemeinen Vergnügen geweiht und von den gewöhnlichen Einschränkungen der Eiiquette befreit. Bei dieser Gelegenheit wurden alle achtbaren Familien in dem Städtchen eingeladen, an den Vergnügungen des Abends Antheil zu nehmen und den Putz vornehmerer Leute zu bewundern, so wie für deren Herablassung sich dankbar zu zeigen. Dieß war besonders hinsichtlich der Frauen der Fall, denn die Zahl der Einladungen an die Herren der Stadt war weit beschränkter. Bei dieser allgemeinen Musterung hatte die Schönheit des Antlitzes und der Gestalt die Miß Grap nach der Meinung aller urtheils- fähigen Richter unbedingt an die Spitze aller gegenwärtigen Schönen mit Ausnahme solcher gestellt, mit denen sie zu vergleichen nach den Vorstellungen des Ortes kaum schicklich gewesen wäre. Der Gutsherr des alten und ausgezeichneten Hauses von 685 Louponheight trug kein Bedenken, ihre Hand für den größeren Theil des Abends in Beschlag zu nehmen, und dessen Mutter, die wegen ihres gestrengen Festhaltens an den Unterschieden des Ranges berühmt war, setzte die kleine Plebejerin neben sich beim Abendessen hin und äußerte sogar, daß die Tochter des Wundarztes sich sehr gut benehme, und vollkommen zu begreifen scheine, wo und wer sie sei. Was den jungen Herrn selbst betraf, so machte derselbe so hohe Sprünge, und lachte in so gewaltiger Weise, daß er ein Gerücht veran- laßte, er wolle aus der Art schlagen und des Doctors Tochter in eine Dame seines alten Namens verwandeln. Während dieses merkwürdigen Abends betrachteten Middle- mas und Hartley, welche in die Musikgallerie Zutritt gefunden hatten, den Auftritt, wie es aber schien, mit sehr verschiedenen Gefühlen. Hartley war offenbar ärgerlich über das Uebermaß der Aufmerksamkeit, welches der galante junge Herr von Louponheight durch den Einfluß zweier Flaschen Rothwein und die Gegenwart einer ausgezeichneten Tänzerin aufgereizt, der Miß Menie Gray erwies. Er sah von seinem hohen Standpunkt aus, jene stumme Darlegung der Galanterie mit dem behaglichen Gefühle eines hungernden Geschöpfes, welches ein Gastmahl betrachtet, an welchem die Thcilnahme ihm untersagt ist; er betrachtete jeden außerordentlichen Sprung des muntern jungen Herrn in der Weise wie eine gichtbrüchige Person zugeschen haben würde, welche Bcsorgniß empfunden hätte, so oft der vornehme junge Stutzer sich auf seine Zehen herabsenkte. Zuletzt verließ er die Gallerte, unfähig seine Regung zu bemeistern, und kehrte nicht wieder zurück. Sehr verschieden war das Benehmen von Middlcmas. Er schien durch die Aufmerksamkeit, welche der Miß Gray allge- 686 mein erwiesen wurde, und durch die von ihr erregte Bewunderung sehr befriedigt und erhoben. Aus den hüpfenden jungen Herrn blickte er mit unbeschreiblicher Verachtung und vergnügte sich damit, daß er dem Tanzmeister des Fleckens, welcher jetzt in der Mufikbande seine Stellung einnahm, die munteren Sprünge und Pirouetten zeigte, worin der würdige Herr weit mehr Kraft als Zierlichkeit entfaltete. „Ihr solltet nicht so laut lachen, Herr Richard,« sagte der Tanzmeister, „er hat nicht den Vortheil eines wirklich graziösen Lehrers wie Ihr besessen; wahrhaftig, wenn er einige Lektionen nehmen wollte, so glaube ich, daß ich etwas aus seinen Beinen machen könnte, denn er ist ein geschmeidiger Bursch und hat einen zierlichen, gebildeten Fuß; einen so mit Treffen besetzten Hut hat man seit langer Zeit nicht auf der Heerstraße von Middlemas gesehen; ich möchte nicht behaupten, daß er Euch nicht bei der hübschen Tänzerin dort unten aussticht." „Er mag —!" Middlemas begann einen Satz, welcher sich vielleicht nicht mit einem schicklichen Ausdruck geschlossen haben würde, als der Vorsteher der Musikbande Herrn Mac Fittoch auf seinen Posten mit folgenden zornigen Worten berief: „Was habt Ihr vor, Herr? bekümmert Euch um Euren Fidelbogen! Was zum Teufel glaubt Ihr, daß drei Fibeln einen Baß überschreien können, wenn jeder Spielmann wie Ihr grinset und schwatzt? Spielt auf, Herr!" Richard Middlemas so zum Schweigen gebracht, setzte wie ein Gott der Epikuräer von seinem hohen Standpunkt aus seine Beobachtungen der Vorgänge unter ihm fort, ohne daß die von ihm geschaute Heiterkeit mehr wie ein Lächeln Hervorrufen konnte, welches jedoch eher eine gut gemeinte Verachtung des ihm gebotenen Schauspiels, als ein wohlwollendes Mitgefühl am Vergnügen Anderer auszudrücken schien. Viertes Kapitel. Er sagte darauf: Jetzt schweige still, Bor dem Frieden fühl' ich schon Ekel schier, Doch bist du ein Mann, wie ich glauben wist, So geh' in den Wald und ficht mit mir. Volkslied der schottisch-englischen Grenze. Am Morgen nach diesem heiteren Abend arbeiteten die zwei jungen Leute zusammen auf einem Stück hinter Steven- law'S Land, welches der Doctor in einen Garten verwandelt hatte, wo er sowohl zur Bereitung von Arzneimitteln als zur Kunde der Botanik einige seltene Pflanzen zog, weßhalb der Platz vom Volke den hochklingenden Name» Arzneigarten erhalten hatte. Herrn Grap'S Zöglinge kamen gern seinen Wünschen nach, daß fle diesen Lieblingsplatz mit Sorgfalt behandelten, und beide verwandten viel Mühe darauf. Nachher pflegte sich Hartlep dem Anbau des Küchengartens zu widmen, den er in so achtbaren Zustand aus einem Orte verwandelt hatte, welcher nicht viel besser war, als ein gewöhnliches Kohlfeld; während Middlemas sein Aeußerstes that, um mit Blumen und Gesträuch ein kleines Gebüsch zu schmücken, welches gewöhnlich der Miß Menie Bosquet genannt wurde. Gegenwärtig befanden sich beide auf dem botanischen Thcil des Gartens, als Richard Middlemas an Hartlep die Frage 688 richtete, weßhalb er den Ball am Abend zuvor so früh verlassen habe? „Ich sollte Euch eher fragen," antwortete Hartley, „welches Vergnügen Ihr gehabt haben könnt, dort zu bleiben; ich sage Euch Richard, dieß Middlemas ist ein elender, schäbiger Ort. In dem kleinsten Flecken Englands würde jeder anständige Freibauer eingeladcn werden, wenn das Parla- mentsglicd einen Ball gäbe." „Was, Hartlep!" sagte sein Gefährte; „könnt Ihr, unter allen Menschen, ein Candidat für die Ehre sein, Euch unter die Ersten der Erde zu mischen? Gott sei uns gnädig! Wie müßte der schlaue Northumbrier (er accentutirte den Buchstaben R in der sonderbaren Weise, wie cS im Norden von England gewöhnlich ist) sich dabei ausnehmen? Ich glaube, ich sehe dich in deinen» erbsengrüncn Rock einen Walzer mit der ehren- wcrthen Miß Maddie Mac Fudgeon tanzen, während Häuptlinge und Freiherrn in der Runde lachen, als sähen sic ein Schwein in einer Rüstung." „Ihr versteht mich nicht, oder vielleicht wollt Ihr mich nicht verstehen," antwortete Hartlep. „Ich bin nicht der Narr, um den Wunsch nach dem Umgänge mit diesen vornehmen Leuten zu hegen. Ich bekümmere mich um sie so wenig, als sie sich um mich bekümmern. Da sic uns aber nicht zum Tanz ein- laden, so sehe ich nicht ein, was sie mit unseren Tänzerinnen zu schaffen haben." „Tänzerinnen, sagt Ihr!" rief Middlemas aus, „ich glaube nicht, daß Menie sehr oft die Eurige ist." „So oft ich sic auffordere," erwiderte Hartley etwas stolz. „So, wirklich? — Ich glaube das nicht, der Henker hole mich, wenn ich das glaube!" sagte Middlemas in demselben höhnischen Tone. „Ich sage dir, Adam, ich will eine 689 Bowle Punsch mit dir wetten, daß Miß Gray nicht mit dir tanzen wird, wenn du sie das nächste Mal aufforderst; ich mache nur zur Bedingung, daß ich den Tag erfahre." „Ich will wegen Miß Gray keine Wette eingehen," sagte Hartley; „ihr Vater ist mein Lehrherr und ich bin ihm verpflichtet; nach meiner Meinung würde ich auf unwürdige Weise handeln, wollte ich sie zum eitlen Streit zwischen mir und dir machen." „Da habt Ihr sehr Recht," erwiderte Middlemas, „Ihr müßt einen Zank beendigen, bevor Ihr einen andern anfangt. Ich bitte Euch, sattelt Euren Klepper, reitet zum Thor von Louponheight-Castle und fordert den Baron zum Kampf auf Leben und Tod heraus, weil er sich hcrauSnahm, die schöne Hand der Miß Meine Gray zu berühren." „Ich wünsche, Ihr ließet den Namen der Miß Gray aus dem Spiele und überbrächtet Eure Herausforderung Euren vornehmen Leuten in Eurem eigenen Namen; dann könnt Ihr sehen, was sie zu dem Lehrling des Wundarztes sagen werden." „Sprecht für Euch selbst, wenn cs Euch gefällig ist, Herr Adam Hartley, ich bin nicht als Tölpel wie gewisse Leute geboren, und würde mich wenig darum bekümmern, wenn ich cs für zweckmäßig hielte, mit den Vornehmsten auf gleichen Fuß zu reden und mich im Nothfall verständlich zu machen." „Sehr wahrscheinlich," antwortete Hartley, indem er die Geduld verlor, „Ihr wißt ja, daß Ihr Einer von ihnen seid, ein Herr Middlemas, von gewisser Herkunft " „Ihr Schurke!" sagte Richard, und sprang wüthend auf ihn zu, denn seine spöttische Laune hatte sich in Zorn verwandelt. „Steht zurück," sagte Hartley, „oder es ergeht Euch Das geführt- Schloß ». and. Erzähl. 44 690 schlimm, wenn Ihr groben Scherz treibt, so müßt Ihr auch eine grobe Antwort einstecken," „Ich will Genugthuung für diese Beleidigung haben, beim Himmel!" „Die sollt Ihr haben, wenn Ihr darauf besteht!" sagte Hartlcp. „Am besten ist es aber nach meiner Meinung, daß von der Sache nicht weiter gesprochen wird. Ich hatte Unrecht, zu sagen, was ich Euch vorwarf; Ihr habt mich jedoch gereizt und jetzt habe ich Euch so viel Genugthuung gegeben, als ein vernünftiger Mann erwarten kann." „Herr," wiederholte Middlemas, „die Genugthuung, die ich verlange, ist die eines Herrn von Stande; der Doctor hat ein paar Pistolen." „Und ein paar Mörser dazu, die ich herzlich Euch zu Diensten stelle, ihr Herrn," sagte Herr Grap, der hinter einer Tarushecke zum Vorschein kam. wo er den ganzen Streit oder den größeren Theil desselben angehört hatte. „Das wäre eine schöne Geschichte, wenn meine Lehrlinge sich mit meinen eigenen Pistolen schößen! Jeder von euch mag zuerst lernen, eine Schießwunde zu behandeln, bevor es ihm einfällt, eine solche einem Andern beizubringen; geht, ihr seid beide alberne Bursche, und ich kann es bei Keinem von euch gut aufnehmcn, daß ihr den Namen meiner Tochter in solchen Streit bringt. Hört Bursche, ihr Beide seid mir, wie ich glaube, einige Achtung und sogar Dankbarkeit schuldig; es wäre ein schlechter Dank, wenn ihr, statt ruhig mit diesem mutterlosen Mädchen wie Brüder mit einer Schwester zu leben, mich zwingen solltet, meine Ausgaben zu vermehren und meine Behaglichkeiten zu vermindern, um für die wenigen Monate, die ihr noch hier bleibt, mein Kind fortschicken zu muffen. Gebt euch die Hände und laßt mich nichts mehr von solchen Thorhcitcn hören." Während der Herr in dieser Weise sprach, standen die jungen Leute vor ihm in der Haltung überführter Verbrecher; am Schluß seines Verweises wendete sich Hartlep freimüthig um und bot seine Hand seinem Gefährten, welcher sie auch annahm, jedoch nur nach dem Bedenken eines Augenblicks. Die Sache halte keine weiteren Folgen, als daß die jungen Leute niemals wieder dieselbe Vertraulichkeit gegen einander zeigten, die während ihrer früheren Bekanntschaft stattgcfun- dcn hatte. Im Gegentheil, sie vermieden jede Verbindung, welche durch ihre Lage nicht durchaus erfordert wurde, und verkürzten so viel wie möglich ihren unvermeidlichen Verkehr in Berufsgeschäfteu; sie schienen somit einander so sehr entfremdet, wie es zwei Personen in demselben kleinen Hause nur immer sein konnten. Was Menie Gray betrifft, so schien ihr Vater nicht die geringste Besorgnis hinsichtlich ihrer zu hegen, obgleich sie wegen seiner häufigen und fast täglichen Abwesenheit vom Hause einem beständigen Verkehr mit den zwei hübschen jungen Leuten auSgeseßt war, welche Beide, wie man sich leicht denken kann, ihren Ehrgeiz darauf richteten, ihr mehr zu gefallen , als die meisten Eltern für klug gehalten haben würden; auch war die Kindsmagd Jamieson in Betracht ihrer Dienstbarkeit und ihrer übertriebenen Parteilichkeit für ihr Pflegkiud nicht eine Matrone, die ihr Schutz gewähren konnte. Gideon jedoch wußte, daß seine Tochter in vollstem Maße die aufrichtige und reine Rechtschaffenheit seines Charakters besaß, und daß niemals ein Vater weniger Ursache zur Besorgniß hatte, seine Tochter werde sein Vertrauen ver- rathen; während er sich deßhalb mit Recht sich auf ihre 692 Grundsätze verließ, übersah er die Gefahren, welchen er ihre Gefühle und Neigungen aussetzte. Der Verkehr zwischen Menie und den jungen Leuten schien jetzt nach allen Seiten hin mit vieler Zurückhaltung verbunden zu sein. Sie trafen sich nur bei Tische, und Miß Gray gab sich vielleicht auf die Empfehlung ihres Vaters hin große Mühe, Beide mit demselben Grade von Aufmerksamkeit zu behandeln. Dieß jedoch war nicht so leicht; Hartlep wurde so zurückgezogen, kalt und förmlich, daß es für sie unmöglich war, einen verlängerten Verkehr zu unterhalten. Middlcmas dagegen bewahrte mit vollkommener Leichtigkeit des Benehmens sein früheres Verfahren bei allen sich darbietenden Gelegenheiten; ohne daß es schien, er wolle seine Vertraulichkeit ihr aufdringen, behielt er nichts desto weniger den vollkommenen Besitz derselben. Es nahte zuletzt die Zeit, worin die jungen Leute von den Verpflichtungen ihrer Lehrbriefe befreit, sich jetzt nach ihren eigenen Rollen in der Welt umsehen mußten. Herr Gray benachrichtigte Richard MiddlemaS, er habe über den Gegenstand mehr als einmal dringende Briefe an Mon^ada geschrieben, jedoch bisher noch keine Antwort erhalten; er nahm sich nicht heraus, seinen eigenen Rat- anzubieten, bis der Wille seines Großvaters bekannt sein würde. Richard schien die Zögerung mit mehr Geduld zu ertragen, als der Doctor glaubte, daß seinem Charakter angemessen sei. Er that keine Frage, sprach keine Vermuthungen aus und zeigte keine Aengstlichkeit, sondern schien mit Geduld die Wendung abzuwarten, welche die Ereignisse nehmen werden. Mein junger Herr, dachte Gray, hat entweder seine eigene Laufbahn sich schon ausgedacht, oder er ist leichter zu behandeln, als man nach einigen Zügen seines Charakters vermuthen sollte. 693 Richard hatte wirklich einen Versuch bei seinen unbeugsamen Verwandten gemacht; er hatte an Herrn Monsada einen Brief voll von kindlicher Ergebung, von Liebe und Dankbarkeit gesandt, und um die Erlaubniß gebeten, mit ihm in Person korrespondiren zu dürfen, wobei er versprach, sich in jeder Einzelnheit von seinem Willen leiten zu taffen. Die Antwort bestand in der Zurücksendung seines Briefes mit einem Dillet der Banquiers, deren Adresse benutzt war; es hieß darin, jeder weitere Versuch, sich Herrn Monsada aufzudringen, werde die Ueberfendung irgend einer Geldsumme von ihrer Seite beendigen. Während die Dinge auf Stevenlaw's Land sich so verhielten, ersuchte Adam Hartley eines Abends, seinem seit mehreren Monaten eingehaltenen Verfahren entgegen, seinen Gefährten in der Lehrlingsschaft um eine Unterredung. Er fand ihn in dem kleinen Bosquet, und konnte nicht unterlassen zu bemerken, daß Richard Middlemas, wie er zum Vorschein kam, ein kleines Paket in seinen Busen schob, als besorge er, daß dasselbe gesehen werde. Alsdann ergriff er eine Hacke und begann mit großem Eifer wie Jemand zu arbeiten, der wünscht, man solle glauben, daß er von ganzer Seele bei seiner Beschäftigung thätig sei. „Ich wünschte mit Euch zu sprechen, Herr Middlemas," sagte Hartley, „ich besorge jedoch, Euch zu unterbrechen." „Nicht im Geringsten," sagte der Andere, indem er seine Hacke niederlegte; „ich jätete nur das Unkraut aus, welckes seit dem letzten Regen so zahlreich emporgeschoffen ist; ich stehe jetzt zu Euren Diensten." Hartley ging in das Gebüsch und setzte sich; Richard ahmte sein Beispiel nach und schien die vorgeschlagene Mittheilung zu erwarten. 694 „Ich hatte eine wichtige Unterredung mit Herrn Gray," sagte Hartley, und machte dann eine Pause wie Jemand, welcher fühlt, daß er die Ausführung einer schwierigen Aufgabe beginnt. »Ich hoffe, die gegenseitige Erklärung ist befriedigend gewesen," bemerkte Middlemas. „Ihr mögt selbst urtheilen — Doctor Gray hatte die Güte, mir etwas sehr Höfliches über meine Fortschritte in den Pflichten meines Gewerbes zu sagen, und fragte mich zu meinem großen Erstaunen, ob ich, fetzt da er alt werde, etwas dagegen habe, in meiner gegenwärtigen Stellung, jedoch mit einiger Geldbelohnung, zwei Jahre länger zu bleiben; am Schluß dieser Zeit versprach er mir, mich als Theilhabcr seines Geschäftes aufzunehmcn." „Herr Gray ist ein unzweifelhafter Richter," sagte Middlemas, „welche Person fich für ihn am besten als Assistenzarzt eignet; das Geschäft bringt jährlich etwa 200 Pfd- ein, und ein thätiger Assistenzart kann beinahe die Summe verdoppeln, wenn er nach Strath-Devan und Carse reitet. Die Summe ist jedoch für die Theilung nicht besonders groß." „Aber," fuhr Hartley fort, „das ist nicht Alles. Der Doctor sagt — er macht den Vorschlag — kurzum, er hat mir den Antrag gemacht, wenn ich mich innerhalb dieser zwei Jahre bei der Miß Gray beliebt machen könne, so solle ich nach Beendigung der Zeit sowohl sein Schwiegersohn, als sein Theilhabcr am Geschäft werden." Bei diesen Worten heftete er einen festen Blick auf Richards Antlitz, welches für einen Augenblick heftig erregt war. Nachdem dieser sich aber sogleich wieder gefaßt hatte, erwiderte er in einem Tone, worin Aerger und beleidigter Stolz sich vergeblich bemühte, unter der Verstellung der Gleichgültigkeit 695 sich zu verbergen. „Wohlan, Herr Adam, ich kann Euch nur Gluck wünschen wegen dieser patriarchalischen Anordnung. Ihr habt fünf Jahre lang gedient, um ein Diplom zu erwerben — und dies Privilegium zu tödten und zu -eilen, ist eine Art Leah. Jetzt beginnt Ihr eine neue Dienstbarkeit wegen einer liebenswürdigen Rachel. Ohne Zweifel — vielleicht jedoch ist cs unartig von mir zu fragen — ohne Zweifel habt Ihr jedoch eine so schmeichelhafte Anordnung angenommen?" „Ihr müßt Euch erinnern, daß eine Bedingung daran geknüpft wurde," sagte Hartlep mit festem Tone. „Diejenige, Euch einem Mädchen angenehm zu machen, die Ihr schon so viele Jahre gekannt habt," bemerkte Middle- mas mit halb unterdrücktem Hohne. „Darin liegt keine große Schwierigkeit, sollte ich glauben, für solch eine Person wie Hartlep, dem die Gunst des Doctor Grap als Rückhalt dient. Nein, nein, da kann kein großes Hinderniß sich vorfinden." „Ihr wißt aber das Gcgentheil, Herr Middlemas, ebensowohl wie ich," sagte Hartlep mit sehr großem Ernst. „Meine Wenigkeit? wie sollte ich etwas mehr als Ihr selbst über den Zustand der Neigungen der Miß Gray wissen?" fragte Middlemas; „ich bin überzeugt, daß wir Beide gleiche Gelegenheit sie zu erlangen hatten." „Vielleicht ist das der Fall; einige Leute jedoch verstehen es besser, die Gelegenheiten zu benutzen. Herr Middlemas, ich habe lange beargwöhnt, daß Ihr den unschätzbaren Vortheil besitzet, Miß Gray'S Neigungen erworben zu haben und" — »Ich?" fiel Middlemas ein; „Ihr scherzt oder seid eifersüchtig. Ihr erweiset Euch selbst zu wenig und mir mehr als 696 Gerechtigkeit; allein das Complimcnt ist so groß, dqH ich Euch für das Berschen verbunden bin," „Ihr könnt wissen," erwiderte Hartlev, »daß ich weder nach Vermuthungen, noch nach dem, was Ihr Eifersucht nennet, rede; ich sage Euch offen, daß Menie Grav mir selbst den Zustand ihrer Neigung erklärt hat. Ich habe ihr natürlich die Unterredung mit ihrem Vater mitgctheilt. Ich sagte ihr, ich sei nur zu sehr überzeugt, daß ich im gegenwärtigen Augenblick nicht diejenige Theilnahme in ihrem Herzen besitze, welche allein mir ein Recht geben würde sie zu ersuchen, daß sie sich den Aussichten füge, welche ihres Vaters Güte mir dargeboten habe. Ich bat sie jedoch, sich nicht plötzlich gegen mich zu entscheiden, sondern mir eine Gelegenheit zu geben, den Weg ihrer Neigung hinsichtlich meiner möglichst anzubahnen; ich hoffe nämlich, daß die Zeit und die Dienste, die ich ihrem Vater erweisen würde, eine endliche Wirkung zu meinen Gunsten Hervorrufen könnten." „Ein sehr natürliches und bescheidenes Gesuch; welche Antwort hat die junge Dame gegeben?" „Sie ist ein edelgesinntes Mädchen, Richard Middlemas, und verdient schon wegen ihrer Offenheit, sogar ohne ihre Schönheit und ihren Verstand, die Gemahlin eines Fürsten zu sein. Ich kann nicht genug die jungfräuliche Bescheidenheit ausdrücken, womit sie mir sagte, sie kenne zu wohl die Güte meines Herzens (sie beehrte mich mit diesem Ausdrucke), um mich jemals der in die Länge gezogenen Pein einer uner- wicderten Leidenschaft auszusetzen. Sic erklärte mir aufrichtig, daß sie schon lange Zeit mit Euch im Geheimen verlobt ist, daß ihr Portraits ausgetauscht habt; obgleich sie ohne Einwilligung ihres Vaters niemals die Eurige werden wolle, so empfinde sie dennoch die Unmöglichkeit, jemals ihre Gefühle 697 in so weit zu ändern, daß sic die geringste Aussicht auf Erfolg einem Andern darbiete." „Auf mein Wort," sagte MiddlcmaS, „sie ist wirklich außerordentlich aufrichtig, und ich bin ihr sehr verbunden." „Und auf mein ehrliches Wort, Herr Middlemas," erwiderte Hartley, „thut Ihr der Miß Gray sehr unrecht; Ihr seid sogar sehr undankbar gegen sie, wenn Ihr Euch über diese ihre Erklärung ärgert. Sie liebt Euch, wie ein Weib den ersten Gegenstand ihrer Neigung liebt; sie liebt Euch mehr" — er hielt an, und Middlemas ergänzte den Satz. „Mehr als ich cs verdiene vielleicht? wahrhaftig, das mag sein, und ich erwiedere ihre Liebe; Ihr müßt jedoch begreifen, daß das Geheimniß ebensowohl das meinige als das ihrige war, und es wäre besser gewesen, daß sie mich um Rath gefragt hätte, bevor sie dasselbe einem Andern mittheilte." „Herr Middlemas," sagte Hartley mit ernstem Ausdruck, „wenn das Geringste von diesem Gefühle Eurerseits aus der Besorgniß entspringt, daß Euer Geheimniß in meiner Verwahrung nicht sicher ist, so kann ich Euch versichern, die Dankbarkeit gegen die Güte der Miß Gray wegen der Mittheilung eines für sie und Euch so zarten Geheimnisses, um mir Schmerz zu ersparen, sei so groß, daß wilde Pferde mir eher ein Glied nach dem andern abreißen könnten, als daß mir die Aeußerung der geringsten Sylbe darüber adgezwungen würde." „Nun, mein theurcr Freund," sagte Middlemas mit einer Offenheit im Wesen, welche eine Herzlichkeit andeutete, wie sie seit einiger Zeit zwischen den Beiden nicht mehr vorhanden gewesen war, „Ihr müßt mir gestatten, meinerseits etwas eifersüchtig zu sein. Ein wahrer Liebhaber besitzt keinen Anspruch auf den Namen, wenn er nicht bisweilen unvernünftig ist, und es scheint jedenfalls etwas sonderbar, daß sie Jemand 698 zum Vertrauten wählte, welchen ich für einen furchtbaren Nebenbuhler hielt; ich bin jedoch so weit entfernt, darüber mißvergnügt zu sein, daß ich die Meinung hege, das theure und verständige Mädchen habe nach Allem dem keine bessere Wahl treffen können. Es ist Zeit, daß die alberne Kälte zwischen uns beendet werde, da Ihr begreifen müßt, die wirkliche Ursache derselben sei unser Berhältniß als Nebenbuhler gewesen. Ich bedarf des guten Rathes, und wer kann mir denselben besser erthcilcn, als der alte Gefährte, dessen gesundes Urthcil ich stets beneidete, sogar wenn einige Freunde von oberflächlicher Urtheilskraft mir den Vorzug wegen schnellerer Auffassung ertheilten?" Hartley ergriff Richards dargebotene Hand, jedoch nicht mit der Lebhaftigkeit des Gefühles, womit sie dargeboten wurde. „Es ist nicht meine Absicht," sagte er, „viele Tage, vielleicht nicht einmal viele Stunden hier zu bleiben; kann ich Euch aber mittlerweile durch meinen Rat- oder auf andere Weise einen Dienst erweisen, so könnt Ihr vollkommen über mich verfügen; es ist die einzige Art, worin ich der Menie Gray einen Dienst erweisen kann." „Liebst du meine Geliebte, so liebe auch mich, ein schönes Seitenstück zum Sprüchwort: „Liebst du mich, so liebe meinen Hund!" Wohlan denn, um der Miß Gray willen, wenn auch nicht wegen Richard Middlemas (der Henker hole den gemeinen Namen — der an alte Geschichten erinnert), wollt Ihr nicht, der Ihr ein Zuschauer seid, uns, die wir die unglücklichen Spieler sind, Eure Meinung sagen, was Ihr von diesem unseren Spiele haltet?" „Wie könnt Ihr mir eine solche Frage vorlegen, wenn ein so schönes Feld Euch eröffnet ist? Sicherlich wird Herr Gray 699 Euch als Assistenzart unter denselben Bedingungen bcibchallen wollen, die er mir angetragen hat. Ihr bietet ihm in jeder weltlichen Rücksicht für seine Tochter eine bessere Heirath, da Ihr einiges Kapital besitzt, um in der Welt damit zu beginnen." „Allerdings; wie ich glaube, hat jedoch Herr Gray keine große Vorliebe für mich in dieser Hinsicht gezeigt." „Hat er Eurem unzweifelhaften Verdienst keine Gerechtigkeit erwiesen, so hat der Umstand, daß seine Tochter Euch vorzog, dieß noch mehr ausgeglichen " „Ohne Zweifel, und ich liebe sie deßhalb innigst; sonst, Adam, bin ich nicht die Person, welche nach demjenigen greift, was Andere übrig gelassen haben." „Richard," erwiderte Hartlev, „dieser Euer Stolz wird Euch sowohl undankbar als elend machen, wenn Ihr demselben nicht bei Zeiten Einhalt thut. Herrn Gray's Absichten sind sehr freundschaftlich; er sagte mir mit deutlichen Worten, daß seine frühere Anhänglichkeit an Euch lange Zeit der Wahl das Gleichgewicht hielt, welche er hinsichtlich meiner, als eines , HülfSarztes und Mitgliedes seiner Familie, treffe, bis er bei Euch eine entschiedene Unzufriedenheit mit so beschränkten Aussichten, welche sein Anerbieten gewährte, und den Wunsch erkannte, Euch in die weite Welt zu begeben und, wie man zu sagen pflegt, Euer Glück zu versuchen. Er äußerte, wenn es auch wahrscheinlich sei, daß Ihr seine Tochter innig genug liebt, um die ehrsüchtigen Vorstellungen ihrethalben aufzuge- bcn, so würden doch die Teufel des Ehrgeizes und der Habsucht wieder heimkehren, sobald der Beschwörer solcher bösen Geister, die Liebe, endlich die Kraft ihres Zaubers erschöpft habe; alsdann werde er nach seiner Ansicht gerechten Grund haben, um Besorgnisse für das Glück seiner Tochter zu hegen." 700 „Wahrlich, der würdige alte Herr spricht gelehrt und weise," sagte Richard; „ich hielt ihn nicht für so hellsehend. Um Euch die Wahrheit zu sagen, so würde ich, wäre nicht die schöne Menie Gray hier vorhanden, mich so behaglich als ein Mühlpfcrd finden, wenn ich meine tägliche Runde in diesem langweiligen Lande wandeln müßte, während andere muntere Abenteurer den Versuch machen, wie die Welt sie ausnehmen wird; z. B. wohin wollt Ihr selbst gehen?" »Ein Verwandter von mütterlicher Seite befehligt ein Schiff im Dienst der Compagnie; ich beabsichtige ihn als Unterarzt zu begleiten: gefällt mir der Seedienst, so will ich darin bleiben, wo nicht, es auf andere Weise versuchen." Dieß sagte Hartlep mit einem Seufzer. „Nach Indien!" erwiderte Richard; „glücklicher Kerl — nach Indien! Jetzt könnt Ihr mit Gleichmuth die Vereitlung aller Hoffnungen auf dieser Seite der Erdkugel ertragen. O Delhi! o Golconda! besitzen eure Namen nicht Kraft genug, um eitle Erinnerungen zu beschwören? — Indien, wo man Gold mit Stahl gewinnt; wo ein tapfrer Mann seinen Wunsch nach Reichthum nie so hoch spannen kann, daß er sein Ziel nicht erreichen sollte, wenn das Glück ihm lächelt? Ist es möglich, -daß ein kühner Abenteurer seine Gedanken wie Ihr nur auf einen Punkt richten und niedergeschlagen sein kann, weil ein hübsches blauäugiges Mädchen Euch einem Gesellen vorziehen mag, der weit weniger glücklich ist, als Ihr selbst? ist es möglich?" „Weniger glücklich?" fragte Hartlev; „könnt Ihr, der glückliche Liebhaber von Menie Gray, in solcher Weise selbst nur im Scherze reden?" „Nun, Adam," sagte Richard, „ärgert Euch nicht über mich, weil ich, in einem Punkte erfolgreich, mein gutes Glück 70 l nicht ganz mit dem Entzücken betrachte, als vielleicht Ihr, nachdem Ihr den Treffer nicht gehabt habt. Eure Philosophie sollte Euch sagen, daß der Gegenstand, den wir erreichen, oder hinsichtlich dessen wir die Gewißheit ihn zu erreichen haben, ein wenig von dem ausschweifenden und eingebildeten Werth verliert, welchen wir darein setzten, so lange er der Gegenstand fieberhafter Hoffnungen und krankhafter Besorgnisse war. Aber dennoch kann ich ohne meine süße Menie nicht leben; ich will sie morgen von ganzer Seele heirathen, ohne nur einen Augenblick an den Klotz zu denken, den unsere frühzeitige Ehe uns an die Füße binden würde. Aber noch zwei Jahre in dieser höllischen Wildniß zuzubringen, um nach Kronen und halben Kronen zu kreuzen, wenn schlechtere Menschen Sacks Rupien gewinnen — das ist ein trauriges Loos, Adam; rathet mir, mein Freund — könnt Ihr mir nicht eine Weise angeben, um aus diesen zwei Jahren der mir verhängten Langweile herauszukommen?" „Nein," erwiderte Hartley, kaum fähig, sein Mißfallen zu unterdrücken, „und könnte ich Doctor Gray bewegen, daß er eine so vernünftige Bedingung aufgebe, so würde ich nur mit großem Leidwesen so verfahren. Ihr seid 21 Jahre alt, und wenn eine solche Prüfungszcit von der Klugheit des DoctorS für mich not-wendig gehalten wurde, der ich zwei volle Jahre älter bin, so kann ich mir nicht denken, daß er Euch diese Zeit erlassen wird." „Vielleicht nicht," erwiderte Middlemas; „seid Ihr aber nicht der Meinung, daß diese zwei oder, wenn Ihr wollt, diese drei Prüfungsjahre besser in Indien vollbracht würden, wo in kurzer Zeit mehr gethan werden kann als hier, wo wir nicht mehr uns erwerben können, als Salz für unsere Suppe, 702 und Suppe für unser Salz? Nach meiner Meinung habe i Der Trommelschläger ertheilt die Peitschenhiebe bei den militärischen Exekutionen. 730 flößen, welche der medizinischen Kenntniß fremd sind ; obgleich er sich aber durch solche Erinnerungen anstrengte', wiederum Mulh zu fassen, erkannte er nicht weniger den Unterschied zwischen dem Zustande eines Wundarztes, welcher einen solchen Ort in Erfüllung seiner Pflicht besucht, und eines armen Einwohners, welcher zugleich ein Kranker und Gefangener ist. Ein Fußtritt wurde jetzt in dem Raume gehört, welcher alle die verschiedenen Töne des Elends, die ihn anzufüllen schienen, zum Schweigen brachte. Die Spieler versteckten ihre Karten und hörten auf zu fluchen; andere Elende, deren Klagen bis zur Raserei gesteigert waren, unterließen ihre wilden Ausrufungen und Bitten um Beistand. Der Todeskrampf milderte sein Kreischen, der Wahnsinn unterdrückte sein sinnloses Geschrei, und sogar der Sterbende schien sich zu bemühen, sein letztes Aechzen in Gegenwart des Kapitäns Seelencooper zu ersticken. Dieser Beamte war der Oberauf- scher, oder wie die unglücklichen Einwohner ihn nannten, der Gouverneur des Spitals. Er sah aus, als sei er ursprünglich ein Gefangenwärter in irgend einem schlecht verwalteten Gefängniß gewesen — ein derber, kurzer, krummbeiniger Mann mit einem Auge, und dem Ausdruck einer verdoppelten Wildheit in dem noch übrigen. Er trug eine alte verblichene Uniform, die nicht für ihn gemacht zu sein schien; die Stimme, womit dieser Diener der Menschlichkeit die Kranken anredete, war die eines Hochbootsmannes, der in der Mitte eines Sturmes seine Befehle brüllte. Im Gurt trug er Pistolen und einen Hirschfänger, denn da seine Verwaltungsweise solcher Art war, daß sogar die Hospitalkranken zur Meuterei gereizt wurden, so war sein Leben mehr als einmal unter ihnen in Gefahr gekommen. Ihm folgten zwei Gehülfen, welche Handschellen und Zwangsjacken trugen. Als Seelencooper seine Runde machte, schwieg die Klage und der Schrei der Pein. Der Schall des Bambusrohres, das er in der Hand hielt, schien gewaltig wie ein Zauberstab, um Klagen und Einwendungen zum Schweigen zu bringen. »Ich sage Euch, das Fleisch riecht so gut wie ein Blumenstrauß, und was das Brod betrifft, so ist es gut genug und zu gut für ein Pack Faullcnzer, die hier liegen, um Abraham zu prellen und der sehr ehrenwerthen Compagnie Lebensmittel zu fressen — ich spreche nicht von denen, die wirklich krank sind, denn Gott weiß, ich bin immer für Menschlichkeit." „Ist das der Fall, Herr," sagte Richard Middlemas, an dessen Lager der Kapitän trat, als er so die leisen und de- müthigen Klagen derer beantwortete, an deren Betten er vorbeikam, „wenn das der Fall ist, Herr, so wird Eure Menschlichkeit, wie ich hoffe, Euch bewegen, auf dasjenige, was ich sage, zu achten." „Wer zum Teufel seid Ihr?" sagte der Gouverneur, indem er auf ihn sein einziges feuriges Auge wandte, während der Ausdruck des Hohnes in seinen rauhen Zügen lag, die für denselben trefflich geeignet waren. „Mein Name ist Middlemas, ich komme von Schottland und bin durch irgend ein sonderbares Versehen hieher gesandt worden, ich bin weder gemeiner Soldat, noch krank, oder letzteres nur durch die Hitze dieses verfluchten Platzes." „Wohlan denn, Freund, ich habe Euch bloß zu fragen, ob Ihr als Rekrut eingeschrieben seid oder nicht." „Ich wurde in Edinburg eingeschrieben, aber" — „Aber was zum Teufel wollt Ihr denn — Ihr seid eingeschrieben — der Kapitän und der Doctor haben Euch hieher 732 geschickt; die wissen sicherlich am besten, ob Ihr Soldat oder Offizier, krank oder gesund seid." „Ich erhielt aber Versprechungen," sagte Middlemas, »Versprechungen von Tom Hillary" — »So, Ihr erhieltet Versprechungen? Hier ist Niemand, dem nicht von dem Einen oder dem Andern etwas versprochen wäre, oder der sich nicht vielleicht selbst etwas versprochen hat. Dicß ist das Land der Versprechungen, mein munterer Kerl, aber Ihr wißt sicherlich, daß Indien das Land der Erfüllung derselben sein muß. Somit guten Morgen. Der Doctor wird sogleich seine Runde halten und euch Alle kuriren." „Bleibt nur noch einen Augenblick — ich bin beraubt worden." „Beraubt! seht einmal an," sagte der Gouverneur, Jedermann, der hieher kömmt, ist beraubt worden — bei Gott, ich bin der glücklichste Kerl in Europa — andere Leute meines Standes haben nur Diebe und Spitzbuben unter ihrer Aufsicht, in meinen Stall aber kommen nur ehrliche, anständige, unglückliche Herren, die beraubt wurden." „Nehmt Euch in Acht, dieß so leicht zu behandeln," sagte Middlemas, „ich bin um 1000 Pfd. beraubt worden." Hier wurde der Ernst von Seelencooper überwältigt, und sein Gelächter fand Widerhall bei mehreren Patienten, entweder weil sie wünschten, sich beim Oberaufseber einzuschmci- cheln, oder aus dem Gefühl, welches auf bösartige Menschen Einfluß übt, sich über die Qualen derer zu freuen, die ihr Elend zu theilen genöthigt sind. „tvoo Pfd.!" rief der Kapitän aus, als er wieder zu Athem kam; „Ihr seid ein rechter Gesell, ich liebe keinen Kerl» der ein Knicker ist — in dem ganzen Stall findet sich 733 kein Schlingel, der mehr als ein paar Goldstücke verloren zu haben vorgibt, und hier ist ein Rekrut der ehrenwertheu Compagnie, dem iooo Pfd. gestohlen sind ! Schön gesagt, Herr Tom von 10,000 Pfd. — Ihr macht dem Hause und dem Dienst Ehre, und somit guten Morgen." Er ging weiter, und Richard, der im heftigsten Sturm von Zorn und Verzweiflung auffuhr, erkannte, als er ihm Nachrufen wollte, daß seine Stimme aus Durst und Aufregung ihm versagte. „Waffer, Wasser," stöhnte er, indem er einen der Gehülfen Seelencoopers am Aermel packte. Der Kerl sah sich sorglos um; neben den Kartenspielern stand ein Humpen, den er Richard mit den Worten reichte: „Trinkt, und seid verdammt!" Der Mann hatte nicht sobald den Rücken gedreht, als der Spieler von seinem eigenen Bett in das von Middlemas stürzte, den Arm Richards, ehe er das Geschirr an den Mund bringen konnte, packte und schwur, er solle seine Herzstärkung nicht bekommen. Man kann sich denken, daß der so ängstlich und verzweifelt zuröckgefordcrte Becher etwas Besseres, als das reine Element enthielt. Ein großer Theil des Getränkes war wirklich Branntwein. Das Geschirr zerbrach bei dem jetzt folgenden Kampfe, und das Getränk wurde verschüttet. Middlemas ertheilte seinem Gegner einen Schlag, welcher in vollem Maße und herzlich zurückgcgeben wurde; eine Schlägerei hätte erfolgen müssen, wäre nicht der Oberaufseher mit seinen Gehülfen eingeschritten; Letztere legten jedem der Kämpfenden eine Zwangsjacke mit einer Geschicklichkeit an, welche erwies, daß sie mit solchen Vorkommnissen sehr vertraut waren. Richards Bemühungen, Vorstellungen dagegen einzu- legcn,,trugen ihm nur einen Schlag vom Bambusrohre des Kapitäns Seelencooper und eine zärtliche Ermahnung, sein Maul zu -alten, ein, wenn er eine -eile Haut zu behalten wünsche. Durch diese Leiden der Seele und des Körpers gereizt, von wüthendem Durst gefoltert, und vom Bewußtsein seiner furchtbaren Lage gequält, schien Richard Middlemas auf dem Punkte, den Verstand zu verlieren. Er empfand ein wahnsinniges Verlangen, das Stöhnen, Fluchen und Zotenreißen nachzuahmen und zu beantworten, als dasselbe rings um ihn wieder erschallte, sobald der Oberaufsehcr das Hospital verlassen hatte. Obgleich er gegen den inneren Antrieb anzukämpfen suchte, bemühte er sich mit den Flüchen der Verworfenen und dem Gekreisch der Verrückten zu wetteifern, allein seine Zunge klebte ihm am Gaumen, sein Mund schien durch Asche erstickt; ihn überkam eine Schwäche des Gesichtes, und ein klingender Ton in seinen Ohren; die Vermögen des Lebens schienen einen Augenblick unterbrochen. Siebentes Kapitel. Ein Arzt, geschickt im Heilen böser Wnnde», Wird nützlicher ulS je ei» Heer befunden. Pope. Als Middlemas wieder zu sich kam, fühlte er, daß sein Blut ruhiger umlief, daß sein fieberhafter Pulsschlag sich vermindert habe, daß die Zwangsjacke ihm abgenommen war, und daß seine Lungen freier athmeten. Ein Hülfsarzt verband eine Ader, aus welcher eine beträchtliche Masse Blut genom- men war; ein Anderer, welcher gerade das Gesicht des Pa-, tienten gewaschen hatte, hielt eine starkriechcnde Essenz an seine Nase. Als er die Augen aufschlug, sagte die Person, welche den Verband soeben angelegt hatte, in lateinischer Sprache, aber in sehr leisem Ton und ohne den Kopf zu erheben: „^nnon sis Ricsrälis Ms Niclillemss ex eivituts Kiilä- lemsssiense? Response in lingus Istins." — „8um ille mi- serriinus," ") erwiderte Richard, indem er wieder die Augen schloß; so sonderbar aber es scheinen mag, erweckte die Stimme seines ehemaligen Kameraden Adam Hartlcy, obgleich dessen Gegenwart ihm in seiner Noth so wichtig war. einen Schmerz seinem verwundeten Stolze. Er war sich bewußt, ein unfreundliches, wenn nicht feindliches Gefühl gegen seinen alten Gefährten zu hegen; er erinnerte sich des Tones der Ucberlegenheit, den er gegen denselben anzunehmen pflegte; jetzt erschwerte der Umstand, daß er zu seinen Füßen ausgestreckt lag und gewissermaßen seiner Gnade heimgegeben war, sein Elend durch das Gefühl des sterbenden Häuptlings: „Graf Percy blickt auf meinen Fall!" Diese Regung war jedoch zu unvernünftig, um länger als eine Minute zu dauern. In der nächsten benutzte er seine Kenntnisse der lateinischen Sprache, mit welcher Beide vertraut waren (denn zu jener Zeit wurden die medizinischen Studien auf der berühmten Universität Edinburg größtentheils lateinisch betrieben), um in wenig Worten seine eigene Thorheit und die Schändlichkeit Hillary's zu schildern. „Ich muß sogleich gehen," sagte Hartley — „saßt Muth — ich glaube Euch Helsen zu können. Mittlerweile nehmet Bist du jener MiddlemaS und der Stadt MiddlemaS? Antworte in lateinischer Sprache? — Ich bin jener Unglücklichste. 736 Nahrung und Arznei von Niemanden als meinem Diener, den Ihr dort den Schwamm in der Hand halten seht. Ihr bebefindet Euch an einem Orte, wo ein Mann wegen seiner goldenen Hemdknöpfe kürzlich ermordet wurde." »Bleibt einen Augenblick," sagte Middlemas,' „laßt mich diese gefährliche Versuchung von meinen Nachbarn entfernen-" Er zog aus seiner Unterjacke ein kleines Paket hervor und gab es Hartley mit den Worten: „Wenn ich sterbe, seid mein Erbe. Ihr verdient sie besser als ich." Jede Antwort wurde durch die rauhe Stimme Seelen- cooper's verhindert. „Wohlan, Doctor, könnt Ihr Euren Patienten durchbringen?" „Die Symptome find noch zweifelhaft," erwiderte der Doctor; „dieß war eine bedenkliche Ohnmacht, Ihr müßt ihn in bas bessere Krankenzimmer bringen lassen; mein Gehülfe soll dort sein Wärter sein." „Wohlan, denn, wenn Ihr es befehlt, Doctor, so muß es sein — ich kann Euch aber sagen, es gibt einen Mann, den wir Beide kennen, der wenigstens tausend Gründe hat, daß derselbe in dem öffentlichen Krankenzimmer bleibt." „Ich weiß nichts von Euren lausend Gründen," sagte Hartley, „ich kann Euch nur sagen, daß dieser junge Mann ein so gesunder und hübscher Bursche ist, als die Compagnie kaum einen Andern unter ihren Rekruten hat. Es ist mein Geschäft, ihn für ihren Dienst zu retten, und wenn er durch Eure Vernachlässigung meiner Anweisungen stirbt, so verlaßt Euch darauf, daß ich die Schuld nicht an meiner Thüre liegen lassen will; ich werde dem General Bericht über den Auftrag erstatten, den ich Euch gegeben habe " „Dem General?" fragte Seelencooper mit großer Der- 737 legenheit; Ihr wollt dem General Bericht erstatten? — Ja, über seine Gesundheit. Ihr werdet ihm aber nichts von dem sagen, was er in seinen verrückten Anfällen vielleicht gesprochen hat? Bei meinen Augen! wenn Ihr auf Alles horcht, was Fieberkranke in der Hitze ihres Zornes sagen, wird Euer Rücken bald durch das Weitertragen ihrer Geschichten brechen, denn ich gebe Euch mein Wort, es wird Euch eine Masse von ihnen aufgebürdet werden." „Kapitän Seelencooper," sagte der Doctor, «ich mische mich nicht in Eure Angelegenheiten hier in dem Hospital, und gebe Euch den Rath, bekümmert Euch nicht um die meinigen. Da ich ein Patent für den Dienst und außerdem ein Diplom als Doctor der Medizin besitze, so weiß ich nach meiner Meinung am besten selbst, ob mein Patient verrückt ist oder nicht; drum laßt den jungen Mann sorgfältig behandeln auf Eure Gefahr." Mit den Worten verließ er das Lazareth, jedoch nicht eher, als bis er unter dem Vorwand, den Puls zu fühlen, die Hand seines Patienten gedrückt hatte, als wolle er demselben noch einmal die Versicherung seiner Bemühungen zu dessen Befreiung geben. „Bei meinen Augen!" murmelte Seelencooper, „dieser junge Hahn krähet laut genug für einen solchen, der von einer schottischen Hühnerstange gekommen ist; ich wäre jedoch der Mann, um den Gelbschnabel von der Hühnersteige herunter zu holen, hätte er nicht die kleinen Kröten des Generals kurirt" Genug Worte dieses Gesprächs gelangten zu Richards Ohren, um bei ihm Hoffnungen auf Befreiung zu erwecken; dieselben wurden noch gesteigert, als man ihn bald darauf in ein besonderes Krankenzimmer brachte, einen Ort, der ein besseres Aussehen hatte, und nur von zwei Patienten bewohnt Das geführt. Schloß u. and. Erzähl- 47 738 wurde, welche Unteroffiziere zu sein schienen. Obgleich er sehr wohl wußte, daß er an keiner andern Krankheit als der Schwäche litt, welche nach heftiger Aufregung einzutreten pflegt, so hielt er es für das klügste Verfahren, sich als Patient behandeln zu lassen, weil er so unter der Oberaufsicht seines Gefährten bleiben konnte. Während er sich jedoch vorbereitete, Hartlep's gute Dienste zu benutzen, war die vorherrschende seiner geheimen Empfindungen das undankbare Gefühl: „konnte mich der Himmel durch keine anderen Mittel als durch die Hände desjenigen retten, den ich auf der ganzen Erde am allerwenigsten leiden kann?" Mittlerweile begann Hartlep, welcher das undankbare Gefühl seines Kameraden nicht kannte, und dem cs überhaupt gleichgültig war, welche Empfindungen derselbe gegen ihn hegte, ihm alle diejenigen Dienste zu erweisen, die in seiner Macht lagen, ohne einen andern Zweck dabei zu haben, als daß er seine eigene Pflicht als Mensch und Christ erfülle. Die Weise, wie er so zur Hülfleistung in Bezug auf seinen Kameraden befähigt wurde, erheischt einige weitere Darlegung. Unsere Geschichte fällt in eine Zeit, worin die Direktoren der ostindischen Gesellschaft mit jener kühnen und beharrlichen Politik, welche das brittische Reich im Osten zu solcher Höhe cmporgeschwungen hat, den Entschluß faßten, bedeutende Verstärkungen europäischer Truppen zur Erhaltung ihrer Macht nach Indien zu senden, welche damals durch das Königreich Mysore bedroht wurde, dessen Regierung der berühmte Hv- der Ali nach Entthronung seines Herrn an sich gerissen hatte. Nur mit beträchtlicher Schwierigkeit ließen sich Rekruten für diesen Dienst erlangen. Diejenigen, welche sonst geneigt waren, sich als Soldaten anwerben zu lassen, scheuten das Klima 739 und die Art Verbannung, welche eine nothwendige Folge ihrer Anwerbung war; sie bezweifelten ferner, daß die Versprechungen der Compagnie ihnen gehalten würden, wenn sie dem Schutze der brittischen Gesetze entrückt wären. Aus diesen und andern Gründen zogen solche Leute den Militärdienst des Königs vor, und die Compagnie konnte sich nur die allerschlechtesten Rekruten verschaffen, obgleich ihre eifrigen Agenten kein Bedenken trugen, die allerschlimmsten Mittel zur Anwendung zu bringen. Wirklich war das Verfahren der Seelenverkäuferei oder des Menschenfangens, wie man es zu nennen pflegte, zu jener Zeit allgemein, und zwar nicht allein für die Kolonien, sondern sogar für die königlichen Truppen; da nun die bei solchem Verfahren gebrauchten Agenten natürlich sehr gewissenlos sein mußten, so wurden nicht allein viele Schlechtigkeiten in der Betreibung eines solchen Geschäftes begangen, sondern dasselbe veranlaßte auch gelegentlich merkwürdige Fälle von Raub, und sogar von Mord- Solche Scheußlichkeiten wurden natürlich von den höheren Staatsgewalten geheim gehalten, für welche die Anwerbungen geschahen, und Leute, deren Benehmen sonst kein Vorwurf gemacht werden konnte, blickten wegen der Nothwendigkeit, Soldaten zu erhalten, auch bei näherer Untersuchung mit Kälte auf die VerfahrungSweise, womit der Rekrutendienst für sie auSgcführt wurde. Das hauptsächlichste Depot der so versammelten Truppen lag auf der Insel Wight; da die Jahreszeit ungesund und die Leute selbst sehr häufig von verdorbenem Körper waren, so brach unter denselben ein bösartiges Fieber aus und füllte schnell mit Patienten das Militärhospital, dessen Oberaufsicht Herr Scelencooper, ein alter und eifahrener Werboffizier, erlangt hatte. Unregelmäßiges Leben begann unter den Sol- 47» daten cinzurcißen, welche gesund geblieben waren, und die Notwendigkeit, dieselben einiger Disciplin vor der Ueber- sahrt zu unterwerfen, wurde so augenscheinlich, daß mehrere Offiziere im Seedienst der Compagnie ihre Ueberzcugung aussprachen, im entgegengesetzten Falle würden gefährliche Meutereien während der Seereise auSbrechen. Um dem ersten dieser Uebel entgegenzuwirken, sandten die Direktoren nach der Insel mehrere ihrer ärztlichen Beamten. Unter diesen befand sich Hartley, dessen Befähigung durch eine Prüfung von Seiten einer medizinischen Commission erwiesen war, und der ohnedem ein Doctordiplom der Univer- fität Edinburg besaß. Um Disciplin unter den Soldaten herzustellen, übertrug die höchste Behörde der Direktoren ausgedehnte Vollmacht einem ihrer Mitglieder, dem General Witherington- Der General war ein Offizier, welcher sich im Dienste der Compagnie bedeutend ausgezeichnet hatte. Er war aus Indien vor fünf oder sechs Jahren mit einem großen Vermögen zurückgekchrt und hatte dasselbe durch eine vortheilhafte Heirath mit einer reichen Erbin noch vermehrt. Der General und seine Gemahlin kamen wenig in Gesellschaft, sondern schienen gänzlich für ihre Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, zu leben. Obgleich er sich vom Dienst zurückgezogen hatte, übernahm er gern den ihm übertragenen vorübergehenden Auftrag; er schlug seine Wohnung in beträchtlicher Entfernung von der Stadt Ryde auf, bildete die Truppen zu verschiedenen Körpern, setzte fähige Offiziere ein und suchte sie durch regelmäßigen Unterricht und Disciplin in gute Ordnung zu bringen. Er hörte ihre Klagen über Mißhandlung in Bezug auf Vorräthe und Sold sorgfältig an und erwies ihnen bei jeder Gelegenheit die strengste Gerechtigkeit mit Ausnahme des 741 Umstandes, daß er niemals einen Rekruten frei gab, wie spitzbübisch oder sogar ungesetzlich dessen Unterschrift bei der Anwerbung auch erlangt sein mochte. „ES ist nicht mein Geschäft, zu untersuchen," sagte General Witherington, „wie ihr Soldaten wurdet — als Soldaten habe ich euch gefunden, und als Soldaten will ich euch verlassen. Ich werde jedoch sorgfältig darauf sehen, daß ihr als Soldaten Alles, worauf ihr gerechten Anspruch habt, bis auf einen Pfennig oder Nadelknopf erhaltet." Er ging an's Werk ohne Furcht oder Gunstbezeugung, berichtete viele Mißbräuche den Directoren, ließ mehrere Offiziere, Civilbeamte u. s- w. absetzen, und machte seinen Namen zum ebenso großen Schrecken der Betrüger an öffentlichen Geldern in England, wie derselbe früher den Feinden Großbritanniens in Hindostan furchtbar gewesen war. Kapitän Seelencooper und seine Collegen im Hospital- Departement hörten von ihm mit Zittern, denn fie besorgten, daß jetzt die Reihe an fie kommen werde; der General jedoch, der sonst Alles mit eigenen Augen untersuchte, zeigte Widerwillen, das Hospital in Person zu besichtigen; der öffentliche Bericht schrieb dicß der Furcht vor Ansteckung zu; dieß war auch sicherlich der Beweggrund; jedoch nicht Bcsorgniß wegen seiner eigenen Sicherheit bestimmte die Handlungsweise des General Witherington, sondern er fürchtete, daß er die Ansteckung nach Haus in seine Kinderstube bringen werde, in welcher er täglich mit der größten Zärtlichkeit verweilte. Die Furcht seiner Gemahlin war noch unvernünftiger; sie erlaubte kaum ihren Kindern aus dem Hause zu gehen, wenn der Wind aus der Gegend blies, worin das Hospital lag. Die Vorsehung vereitelt jedoch die Vorsicht der Sterblichen. Auf einem Spaziergang in einer Gegend, welche als die am 742 meisten geschützte und entlegenste gewählt war, begegneten die Kinder mit ihrem Gefolge von orientalischer und europäischer Dienerschaft einem Weibe, welches ein Kind auf dem Arme trug, das in der Genesung von den Pocken begriffen war. Die Ängstlichkeit des Vaters hatte nebst religiösen Bedenklichkeiien von Seiten der Mutter die Einimpfung verschoben, welche damals kaum allgemein geworden war. Die Ansteckung hatte sich wie das Feuer auf einer Zündschnur verbreitet und ergriff alle Mitglieder der Familie, welche die Krankheit nicht vorher gehabt hatten. Ein Kind des Generals, der zweite Knabe, erlag derselben und zwei Apa's oder farbige Bediente hatten dasselbe Schicksal. Die Herzen des Vaters und der Mutter würden wegen des verlornen Kindes gebrochen sein, wäre nicht ihr Gram durch die Angst um das Schicksal der zwei lebenden unterbrochen worden, welche sich in drohender Gefahr befanden. Die Eltern glichen wahnsinnigen Personen, als die Krankheitsspniptome der armen Patienten allmälig denen des verlorenen Kindes gleich zu kommen schienen. Während die Eltern den Seelenschmerz der äußersten Furcht empfanden, berichtete dem General sein hauptsächlichster Diener, der wie er selbst aus Northumberland stammte, es finde sich unter den Hospital-Doktoren ein junger Mann derselben Grafschaft, welcher öffentlich die Behandlungsweise, welche gegen die Kranken bisher beobachtet war, getadelt und von einer andern geredet habe, die nach seiner eigenen Erfahrung mit ausgezeichnetem Erfolg ausgeübt worden sei. „Es wird ein unverschämter Quacksalber sein," sagte der General, „der sich Kundschaft durch kühne Behauptungen verschaffen will. Doktor Tvurniquct und Doktor Lancelot sind Männer von hohem Ruf" 7L3 „Erwähnt nicht ihren Ruf," erwiderte feine Gemahlin mit der Heftigkeit einer Mutter, „haben sie nicht meinen theuern Neuben sterben lassen? was hilft der Ruf eines Arztes, wenn der Patient stirbt?" „Wenn Euer Gnaden nur den Doktor Hartlep sehen wollten," sagte Winter, indem er sich zur Hälfte gegen die Dame und dann zu seinem Herrn wandte, „er ist ein sehr anständiger junger Mann, welcher, wie ich überzeugt bin, niemals erwartete, daß dasjenige was er sagte, zu den Ohren Euer Gnaden gelangen würde; ohnedem ist er in Northumberland geboren." „Sendet einen Bedienten mit einem Handpferd ab," sagte der General, „und laßt den jungen Mann sogleich hieher kommen." Es ist wohl bekannt, daß die alte Behandlungsweise der Pocken darauf hinauskam, daß man dem Kranken alles verweigerte, was zu verlangen die Natur ihn drängte; sie bestand hauptsächlich darin, daß man den Patienten in erhitzte Zimmer einschloß, ihr Bett mit wollenen Decken belud und ihnen gewürzten Wein als Getränk reichte, während die Natur kaltes Wasser und frische Luft verlangte. Eine verschiedene Behandlungsweise war seit einigen Jahren von Praktikern versucht worden, welche die Vernunft der hergebrachten Regel vorzogen, und Gideon Gray hatte mehrere Jahre lang diese Methode mit außerordentlichem Erfolg angewandt. Als General Witherington Hartlep sah, ward er wegen seiner Jugend stutzig. Als er ihm jedoch zuhörte, wie er mit Bescheidenheit aber mit Selbstvertrauen den Unterschied zwischen den beiden Behandlungsweisen und die Gründe seines Verfahrens darlegte, horchte er auf ihn mit dem aufmerksamsten Ernste. Dasselbe geschah von seiner Gemahlin, die ihre 744 von Thränen überströmenden Augen von Hartley auf ihren Gatten wandte, als wolle sie den Eindruck überwachen, welchen die Darlegung des Elfteren auf den letzteren hcrvor- brachte. General Witherington schwieg einige Minuten, nachdem Hartley seine Darlegung beendet batte und schien in tiefes Nachdenken versunken, dann sagte er: „behandelt man ein Fieber auf solche Weise, daß eines dadurch hervorgebracht werden muß, so scheint dieß mir in der That, als werfe man Feuerung auf ein loderndes Feuer." „So ist es der Fall," sagte die Dame, „vertrauen wir dem jungen Mann, General Witherington. Wir werden wenigstens unseren theuren Kindern den Genuß der frischen Luft und des kalten Wassers gewähren, nach dem sie schmachten." Allein derGeneral blieb unentschlossen. „Eure Begründung," sagte er zu Hartley, „scheint annehmbar; sie beruht jedoch immer nur auf einer Vcrmuthung. Was könnt Ihr Vorbringen, um Eure Theorie zu unterstützen, welche dem allgemeinen Verfahren widerstrebt?" „Meine eigenen Beobachtungen," erwiderte der junge Mann. „Hier ist ein Memoire von Krankheitsfällen, bei deren Behandlung ich Zeuge war, es enthält zwanzig Fälle von Pocken, von denen achtzehn geheilt wurden." „Und die zwei andern?" fragte der General. „Endeten tödtlich," erwiderte Hartley; „wir können bis jetzt nur theilweise diese Geißel des Menschengeschlechts entwaffnen." „Junger Mann," fuhr der General fort, „wenn ich Euch sagen würde, daß 1000 portugiesische Dukaten Euer Eigenthum sein sollen, im Fall meine Kinder unter Eurer Behandlung am Leben bleiben, was könnt Ihr mir alsdann als Austausch anbieten?" 7L5 „Meinen Ruf," erwiderte Hartley mit Festigkeit- „Und könnt Ihr Euren Ruf für die Herstellung Eurer Patienten verbürgen." „Gott behüte, daß ich so anmaßend sein sollte! ich glaube jedoch, daß ich die Anwendung derjenigen Mittel verbürgen kann, welche mit Gottes Segen die beste Aussicht auf ein günstiges Resultat darbietcn." „Genug, Ihr seid bescheiden'und vernünftig ebenso wie kühn, und ich will Euch vertrauen." Die Dame, auf welche Hartlcy's Worte und Wesen einen großen Eindruck gemacht hatten, und welche eifrig wünschte, eine Behandlungsweise zu unterbrechen, wodurch die Patienten der größten Pein und Entbehrung ausgesetzt wurden, und welche sich bereits als unglücklich erwiesen hatte, nahm bereitwillig die Entscheidung ihres Mannes an und Hartley erhielt vollkommene Gewalt im Krankenzimmer. Die Fenster wurden geöffnet, die Feuer vermindert oder ausgelöscht, die schwere Last der Bettdecken fortgeschafft, kühlende Getränke ersetzten den Glühwein und die gewürzten Mischungen. Die Krankenwärterin schrie Mord, die Doktoren Tourniquet und Lancelot entfernten sich zornig und drohten mit etwas wie allge- - meiner Pestilenz, als Rache gegen ein Verfahren, das sie als Vernachlässigung der Aphorismen des Hippokrates be- zeichnetcn. Hartley ging ruhig und beharrlich seinen Weg, und die Patienten befanden sich bald auf dem besten Wege zur Besserung. Der junge Northumbrier war weder eingebildet noch listig; bei aller Einfachheit seines Charakters mußte er aber den Einfluß kennen, welchen ein glücklicher Arzt über die Eltern der Kinder, die er vom Grabe gerettet hat, und besonders vor der wirklichen Beendigung der Heilung erlangt. 7-L6 Er beschloß seinen Einfluß für seinen alten Gefährten zu verwenden, indem er sich darauf verließ, daß die militärische Hartnäckigkeit des General Witherington in Betracht des kürzlich ihm erwiesenen Dienstes sich erweichen lasse. Auf seinem Wege zum Hause des Generals, gegenwärtig seinem fortwährenden Wohnort, untersuchte er das Packet, welches Middle- mas ihm überreicht hatte. Es enthielt ein einfach eingefaßtes Miniaturbild der MenieGray und den Brillantring, welchen Doktor Gray Richard als die letzte Gabe seiner Mutter cingehändigt hatte. Das erste dieser Andenken entlockte Hartlcy einen Seufzer, vielleicht eine Thräne und eine traurige Erinnerung. „Ich besorge," dachte Hartley, „daß sie keine würdige Wahl getroffen hat, allein sie soll glücklich sein, wenn es in meiner Macht liegt, sie glücklich zu machen." Im Hause des General Witherington angelangt, begab sich der Doktor in's Krankenzimmer und brachte dann den Eltern die erfreuliche Kunde, daß die Wiederherstellung der Kinder sich als gewiß betrachten lasse. „Möge der Gott Israels Euch sagen," sagte die Dame, indem sie aus Erregung zitterte, „du hast die Thräne aus dem Auge der verzweifelnden Mutter gewischt und dennoch, ach, sie muß noch fließen, wenn ich an meinen Cherub Reu- ben denke — ach, Herr Hartley, warum haben wir Euch nicht eine Woche früher gekannt — mein Liebling wäre alsdann nicht gestorben." „Gott gibt und nimmt, Mylady," erwiderte Hartley; „Ihr müßt bedenken, daß zwei von dreien Euch wieder gegeben find. Die Vermuthung, daß dieselbe Behandlung, die ich bei den jetzt Genesenden anwandte, auch die Heilung ihres Bruders bewirkt haben würde, ist von jeder Gewißheit weit entfernt; denn die Krankheit war, wie mir berichtet wurde, sehr eingewurzelt und bösartig." „Doktor," sagte Witherington, indem seine Stimme eine größere Erregung zeigte, als er sonst gewöhnlich oder gern zu äußern Pflegte, „Ihr könnt sowohl den Kranken am Geiste wie den Kranken am Körper Hülfe leisten, allein es ist Zeit, daß wir unsere Wette in's Reine bringen. Ihr setztet Euren Nus, welcher durch die Ehre Eures ausgezeichneten Erfolges vermehrt Euch verbleibt, gegen 1000 portugiesische Dukaten ein; den Betrag derselben werdet Ihr in diesem Taschenbuch finden-" „General Witherington," sagte Hartley, „Ihr seid reich und besitzt ein Recht Großmuth zu üben, — ich bin arm und nicht zu Ablehnung einer Belohnung für die Leistungen meiner Kunst berechtigt, wie freigebig dieselbe auch sein mag, allein dem Uebermaß der Gaben sowohl wie der Annahme ist eine Grenze gesteckt; ich darf nicht den neu erworbenen Ruf, womit Ihr mir schmeichelt, dadurch auf's Spiel setzen, daß ich ein Gerede veranlasse, ich habe die Eltern beraubt, als deren Gefühl durch Angst für das Wohl ihrer Kinder heftig erregt war — erlaubt mir diese große Summe zu thei- len; die eine Hälfte werde ich als die freigebigste Belohnung meiner Mühe dankbar behalten, und wenn Ihr mir noch etwas schuldig zu sein glaubt, so ertheilt mir dieß durch den Vorthetl Eurer guten Meinung und Gunst." „Wenn ich mich bei Eurem Vorschlag beruhige, Doktor Hartlep," sagte der General, indem er mit Widerstreben einen Theil der im Taschenbuche enthaltenen Geldsumme zurücknahm, „so geschieht dieß nur, weil ich Euch mit meinem Einfluß sogar noch besser als mit meiner Börse zu helfen hoffe-" 748 „Und wirklich, Herr," sagte Hartley, „wollte ich gerade einen kleinen Anspruch auf Euren Einfluß erheben." Der General und seine Gemahlin sprachen beide in demselben Athemzuge die Versicherung aus, seine Bitte sei gewährt, bevor er sie nur ausgesprochen habe. „Ich weiß das nicht so gewiß," sagte Hartley, „denn mein Gesuch betrifft einen Punkt, hinsichtlich dessen Euer Ercellenz ziemlich unbeugsam ist — die Entlassung eines Rekruten." „Meine Pflicht erheischt dieß," erwiderte der General, „Ihr kennt die Art Kerle, mit denen wir uns begnügen müssen; sie betrinken sich, werden tapfer im Rausche, lassen sich am Abend anwerben und fühlen Reue am nächsten Morgen; sollte ich alle entlassen, die überlistet zu sein vorgeben, so würden wir wenig Freiwillige übrig behalten. Ein jeder der Kerle hat eine eigene Geschichte von den Versprechungen eines prahlenden Sergeanten; cs ist unmöglich darauf zu achten; laßt mich jedoch Eure Geschichte hören." „Mein Fall ist ein sehr eigcnthümlicher; die betheiligte Person ist um tausend Pfund beraubt worden." „Ein Rekrut in diesem Dienst im Besitz von tausend Pfund! mein tbeurer Doktor verlaßt Euch darauf, der Kerl hat Euch belogen; wie wird jemals ein Mann, der tausend Pfund besitzt, daran denken, sich als gemeiner Soldat anwerben zu lassen?" „Er dachte auch nickt daran," erwiderte Hartley. „Der Schelm, dem er vertraute, hatte ihm eingeredet, daß er eine Oifizierstelle bekommen solle." „Alsdann muß sein Freund Tom Hillarp oder der Teufel gewesen sein, denn sonst Niemand konnte so viel List und Unverschämtheit besitzen; der Kerl findet sicherlich zuletzt noch 749 den Weg zum Galgen. Diese Geschichte von den tausend Pfund scheint jedoch ein Streich der noch über Tom Hillary's Fähigkeiten geht; was habt Ihr für einen Grund zu glauben, daß jener Gesell wirklich jene Summe besaß?" „Ich habe den besten Grund Ließ als bestimmt zu wissen," erwiderte Hartley; „er und ich dienten unsere Lehrzeit unter demselben ausgezeichneten Lehrer; als er großjährig wurde, mißfiel ihm der Beruf, für welchen er studirt hatte; er erlangte den Besitz seines kleinen Vermögens und wurde durch die Versprechungen jenes Hillary betrogen." „Der ihn in unser gut eingerichtetes Spital eingesperrt hat?" sagte der General. „So ist es Excellenz," erwiderte Hartley, „nicht wie ich glaube, ihn von einer Krankheit zu heilen, sondern ihm Gelegenheit zu geben, damit er eine bekäme, welche jeder Untersuchung zuvorkommen würde." „Die Sache soll genau untersucht werden- Wie erbärmlich sorglos müssen aber die Verwandten dieses jungen Mannes gewesen sein, daß sie einen unreifen Burschen in die Welt mit solch einem Gefährten und Führer wie Tom Hillary und solch einer Summe von tausend Pfund in seiner Tasche gehen ließen! Seine Eltern hätten besser gethan, ihn auf den Kopf zu schlagen. Es war sicherlich nicht so gehandelt, wie man im schlauen Northumberland nach der Meinung meines Dieners Winter zu verfahren pflegt." „Der junge Mann muß wirklich hartherzige oder sorglose Eltern gehabt haben," sagte Frau Witherington mit dem Ausdruck des Mitleids. „Er kannte sie nie, Madame," erwiderte Hartley, „es herrschte ein Gehcimniß hinsichtlich seiner Geburt; eine kalte, unwissende, und beinahe unbekannte Hand ertheilte ihm sein Erbtheil als er das gesetzliche Alter erreichte, und er ward in die Welt wie ein Fahrzeug ohue Ruder, Compaß oder Steuermann vom Ufer gestoßen," Bei diesen Worten blickte General Withcrington unwill- kührlich auf seine Gemahlin, wahrend dieselbe durch einen ähnlichen inneren Antrieb geleitet, ihre Augen auf ihn wandte. Sie tauschten einen schnellen Blick von tiefer und besonderer Bedeutung aus und hefteten dann beide ihre Augen auf den Boden. „Wurdet Ihr in Schottland erzogen," fragte die Dame, invem sie sich mit stotternder Stimme an Hartley wandte, „und was war der Name Eures Lehrherrn?" „Ich war Lehrling bei Herrn Gideon Gray in der Stadt Middlemas," erwiderte Hanley. „MiddlemaS, Gray," widerholte die Dame und fiel in Ohnmacht. Hartley bot seinen ärztlichen Beistand an; der Gemahl stürzte herbei um ihren Kopf zu halten und flüsterte ihr im Augenblick, wo Frau Witherington wieder sich kam, in einem halb drohenden halb warnenden Tone die Worte zu: „Zilia, hüte dich." Einige unvollkommene Töne, die sie in Worte zu bilden begonnen hatte, erstarken auf ihrer Zunge- „Laßt mich Euch Beistand leisten, um Euch in Euer Zimmer zu führen, meine Theure," sagte der offenbar ängstliche Ehemann. Sie stand auf wie ein Automat, welches sich bei der Berührung einer Springseder bewegt, und hatte beinahe halb auf ihrem Gemahl hängend, halb sich durch eigene Anstrengung selbst fortschleppend, die Thüre des Zimmers erreicht, 751 als Hartlcy folgte und die Frage that, ob er ihr einigen Dienst leisten könne. „Nein Herr," sagte der General mit finsterem Ausdruck, „dieser Fall eignet sich nicht für die Einmischung eines Fremden; wenn man Eurer bedarf, will ich Euch rufen lassen." Hartlcy schritt zurück, als er diesen Verweis in einem ganz andern Tone erhielt, als General Witherington im früheren Verkehr gegen ihn gebraucht hatte; er fühlte zum Erstenmal einige Neigung, dem öffentlichen Berichte Glauben zu schenken, welcher diesem Herrn nebst vielen guten Eigenschaften den Charakter eines sehr stolzen und hochmüthigen Mannes ertheilt hatte; „bis dahin glaube ich ihn durch Kummer und Angst gebeugt gesehen zu haben; jetzt erlangt seine Seele wieder ihre Spannkraft. Er muß sich jedoch schon des Anstandes wegen für den unglücklichen Middlemas interesfiren." Der General kehrte ein oder zwei Minuten nachher in's Zimmer zurück und redete Hartlcy in seinem gewöhnlichen höflichen Tone an, obgleich er sich noch in großer Verwirrung befand, die er vergeblich zu verbergen suchte. „Frau Witherington befindet sich besser," sagte er, „und wird Euch mit Vergnügen vor dem Mittagessen sehen. Ich hoffe Ihr speiset mit uns." Hartley verbeugte sich. „Frau Witherington ist bisweilen dieser Art von Nerven- Anfällen ausgesctzt und kürzlich durch Gram und Besorgniß sehr gequält worden; wenn sie sich davon erholt, spricht sie einige Minuten, bevor sie ihre Vorstellungen sammeln kann, ebenso wie während solcher Anfälle — ich mache Euch, mein theurer Doktor, diese Mittheilung im Vertrauen — bisweilen über eingebildete Ereignisse, die niemals sich zutrugen und bisweilen über traurige Begebenheiten aus einer früheren Zeit 752 ihres Lebens. Ich sehe deßhalb nicht gern, daß Jemand sonst außer mir und ihrer alten Dienerin, Frau Lopez, bei solchen Gelegenheiten sich in ihrer Gegenwart befindet." Hartley gestand ein, daß ein gewisser Grad von Geistes- Verwirrung oft die Folge solcher Nervenzufällc sei. Der General fuhr fort: „Was diesen jungen Mann betrifft — diesen Freund von Euch — diesen Richard Middlcmas — nanntet Ihr ihn nicht so?" „Ich erinnere mich dessen nicht," erwiderte Hartley, „Eure Ercellenz hat jedoch seinen Namen getroffen." „Das ist sonderbar genug, gewiß habt Ihr aber Etwas über Middlcmas gesagt?" bemerkte General Withcrington. „Ich erwähnte den Namen der Stadt," sagte Hartley. „Ja, und ich habe den Namen des Rekruten aufgegriffen — mein Kopf war in dem Augenblick von der Angst über meine Frau eingenommen. Nun, dieser Middlcmas, da er so heißt, ist wohl ein wilder junger Bursch?" „Ich würde ihm Unrecht erweisen, dieß Eurer Ercellenz zu sagen- Er mag wie andere junge Leute seine Thorhciten haben, allein sein Benehmen ist achtbar gewesen, so viel ich weiß; in Betracht jedoch, daß wir in demselben Hause wohnten, waren wir nicht sehr genaue Freunde." „Das ist schlimm — ich würde ihn geliebt haben — d. -. er wäre sehr glücklich gewesen, einen Freund wie Euch zu besitzen; ich glaube jedoch, daß Ihr zu viel für ihn studirt habt. So, er möchte Soldat sein? Hat er ein gutes Acußere?" „Er ist auffallend schön," erwiderte Hartley, „und hat ein sehr einnehmendes Wesen." „Ist seine Gesichtsfarbe dunkel oder hell?" fragte der General. 753 „Ziemlich dunkel," erwiderte Hartlcy, „dunkler als die Eurer Excellenz, wenn ich mir die Freiheit des Vergleiches nehmen darf." „Wahrlich, dann muß er so schwarz wie eine Amsel sein. Versteht er fremde Sprachen?" „Lateinisch und französisch ziemlich gut." „Natürlich kann er nicht fechten oder tanzen?" „Verzeiht mir, Herr, ich bin kein besonderer Richter, allein Richard wird für einen Meister in beiden Geschicklichkeiten gehalten." „Wirklich, man rechne dieß Alles zusammen und es klingt nicht übel — hübsch, in Körper-Uebungen ausgezeichnet, ziemlich gelehrt, nicht unvernünftig wild — Alles das ist zu hoch für die Stellung eines gemeinen Soldaten. Er muß eine Offizierstellc haben, Doktor, gänzlich um Eurer willen." „Eure Epcellenz ist großmüthig." „So soll es sein, ich werde Mittel finden, daß Tom Hillary seinen Raub wieder von sich gibt, wenn er nicht vorzieht an den Galgen zu kommen, ein Schicksal, das er schon lange verdient hat. Ihr könnt heute nicht wieder in'S Hospital zurückkchren, denn Ihr speiset bei uns und kennet die Furcht meiner Frau vor Ansteckung; morgen aber sucht Euren Freund auf. Winter soll dafür sorgen, daß er mit Allem ausgerüstet wird- Tom Hillary soll die Vorschüsse dazu hergeben und er muß mit der ersten Abtheilung Rekruten im Ostindienfahrer Middleser fort, der nächsten Montag in vierzehn Tagen aus den Downs absegelt, d. h. wenn Ihr ihn für die Reise geeignet haltet. Sicherlich ist dem armen Burschen die Insel Wight zuwider geworden." „Eure Ercellenz wird dem jungen Mann erlauben, Euch seine Achtung vor seiner Abreise zu bezeigen?" Das gefährl. Schloß >l. and. Erzähl. 48 754 „Das kann zu nichts dienen," sagte der General hastig und bestimmt; er fügte jedoch gleich hinzu: „Ihr habt recht, ich möchte ihn gerne sehen. Winter wird ihm die Zeit sagen und ihn zu Pferde hieher bringen. Er muß jedoch außerhalb des Hospitals ein oder zwei Tage gewesen sein. Je eher Ihr ihn in Freiheit setzt, desto besser. Mittlerweile bringt ihn in eine eigene Wohnung, Doktor; laßt ihn aber keine Verbindungen mit Offizieren oder sonst Jemand eingehen ; er könnte sonst einen andern Hillary treffen." Wäre Hartley mit den Umständen der^Geburt des jungen Middlemas bekannt gewesen, wie der Leser, so hätte er entscheidende Schlüffe aus dem Benehmen des Generals Withe- rington ziehen können, während sein Kamerad den Gegenstand des Gesprächs bildete. Da jedoch Herr Gray und Middlemas selbst über den Gegenstand schwiegen, so wußte er davon wenig anderes als nach dem allgemeinen Berichte, zu dessen näherer Erforschung er durch Neugier nicht verleitet wurde. Nichtsdestoweniger empfand, er solche Theilnahme an demjenigen, was er begriff, daß er ffch zu einem kleinen Versuche entschloß, hinsichtlich dessen er glaubte, daß er nicht besonders schädlich sein könne. Er steckte an seinen Finger den bemerkenswerthen Ring, welchen Middlemas seiner Sorgfalt anvertraut hatte, und bemühte sich, daß derselbe der Frau Withcrington, wenn er sich ihr nähere, in die Augen falle; er trug jedoch Sorge, daß dieß während der Abwesenheit ihres Gemahls geschah. Ihre Augen hatten nicht sobald den Edelstein erblickt, als sie auf denselben fest geheftet blieben, ja sie bat um eine nähere Ansicht desselben, weil er sehr einem Ringe gleiche, den sie einem Freunde geschenkt habe. Hartley nahm den Ring vom Finger, legte ihn in ihre abgemagerte Hand und erklärte ihr, er sei das Eigenthum seines 755 Freundes, für den er den General zu interessiren sich so eben bemüht habe. Frau Witherington zog sich in großer Aufregung zurück, und ließ am nächsten Tage Hartley zu einer Privatunterredung kommen, deren Einzelnheiten, so weit sie gekannt werden müssen, später berichtet werden sollen- Am nächsten Tage nach diesen wichtigen Entdeckungen wurde Middlemas zu seinem großen Entzücken aus seiner Haft im Hospital entlassen und zur Wohnung seines Kameraden in der Stadt Ryde gebracht, wo Hartlev selbst sich nur selten aufzuhalten pflegte. Die Aengstlichkeit der Frau Witherington nämlich hielt ihn noch in dem Hause des Generals zurück, als seine ärztlichen Dienste schon lange Zeit nicht mehr nothwendig waren. In zwei oder drei Tagen langte für Richard Middlemas ein Patent als Oberlieutnant im Dienste der ostindischen Compagnie an. Winter brachte auf Befehl seines Herrn die Garderobe des jungen Offiziers in paffendem Zustande, indessen Middlemas darüber entzückt, daß er zugleich aus seiner furchtbaren Lage errettet und unter den Schutz eines so bedeutende» Mannes wie der General gestellt war, den Winken unbedingt gehorchte, die ihm Hartley gab, und deren Befolgung Winter erzwang; er unterließ es deßhalb sich öffentlich zu zeigen oder Bekanntschaften mit irgend Jemanden anzuknüpfen. Er sah sogar Hartley nur sehr selten; und wie groß auch die Dienste sein mochten, die derselbe ihm erwiesen hatte, bedauerte er vielleicht die Abwesenheit einer Person nicht sonderlich, deren Gegenwart bei ihm immer das Gefühl der Demüthigung und der Erniedrigung hervorrief. 48 756 Achtes Kapitel. Am Abend vorher, als er aus den Downs absegeln sollte, wo der Middlcsex bereit lag, um die Anker zu lichte», wurde der neue Lieutenant durch Winter aufgefvrdert, ihn zur Wohnung des Generals zu geleiten, um bei seinem Beschützer ein- geführt zu werden. Unterwegs nahm sich der alte Mann die Freiheit, seinen Gefährten hinsichtlich der Achtung einzuschulcn, die er seinem Herrn erweisen müsse. „Derselbe sei zwar ein so gütiger und großmüthiger Mann, als je einer von Northnmberland gekommen, halte aber mit pünktlicher Strenge auf die Beobachtung desjenigen Grades von Ehrenbezeugung, welcher ihm und seinem Range gebühre." Während die Beiden sich nach dem Hause begaben, erwarteten der General und seine Frau ihre Ankunft in athem- loser Angst. Sie saßen in einem prächtigen Besuchzimmer, der General hinter einem großen Leuchter, welcher, seinem Gesicht gegenüber mit einem Schirm versehen, alles Licht auf die andere Seite des Tisches warf, so daß er jede dort befindliche Person beobachten konnte, ohne seinerseits der Gegenstand der Beobachtung zu werden. Auf einem Haufen von Kissen, welche mit einer glänzenden Draperie von Gold- und Silbermousselin überzogen und mit Shawl's vermischt waren (letztere waren damals ein für Europa noch neuer Luxus), saß oder lehnte sich vielmehr seine Gemahlin — eine Dame, welche die volle Mittagslinie der Schönheit schon überschritten hatte, aber noch genug Reize behielt, so daß man sic als ein früher 757 sehr schönes Weib erkannte, obgleich ihre Seele von der tiefsten Regung erfüllt zu sein schien. „Zilia!" sagte ihr Gemahl, „Ihr seid unfähig für dasjenige, was Ihr übernommen habt — hört auf meinen Rath, entfernt Euch, — Ihr sollt alles erfahren, was vorkommt, aber entfernt Euch. Weßhalb haltet Ihr so hartnäckig an dem eitlen Wunsch, einen Augenblick lang ein Wesen zu sehen, welches Ihr doch niemals wieder sehen könnt?" „Ach!" erwiderte die Dame, „ist nicht Eure Erklärung, daß ich ihn niemals wieder sehen werde, ein genügender Grund für meinen Wunsch, ihn jetzt zu sehen? — Darf ich den Wunsch nicht hegen, meinem Gedächtniß die Züge und die Gestalt einzuprägen, die ich niemals Wiedersehen werde, so lange wir leben? Thenrcr Richard, sei nicht grausamer als mein armer Vater, sogar als sein Grimm in höchster Bitterkeit war. Er ließ mich mein Kind erblicken; sein Cherub- Antlitz weilte in meinem Gedächtniß und war mein Trost in den Jahren unaussprechlichen Kummers, der meine Jugend verzehrte." „Genug, Zilia, — Ihr habt es von mir erbeten — ich habe es gewährt — und was auch erfolgen mag, mein Versprechen soll gehalten werden. Bedenkt jedoch, wie viel von diesem verhängnißvollen Geheimniß abhängt — Euer Rang und Eure Achtung in der Gesellschaft — meine Ehre, die dabei betheiligt ist, daß diese Achtung unverletzt bleibt. Zilia, der Augenblick der Bekanntmachung eines solchen Geheimnisses gibt alten Jungfern und Klatschweibern ein Recht, Euch mit Hohn zu behandeln; unaussprechliches Elend und Blutvergießen ist die Folge, im Fall ein Mann das Gerücht aufgreifen sollte." „Ich werde Euch gehorchen, mein Gemahl," erwiderte 758 Zilia, „soweit die Schwäche der Natur mir es erlaubt. Aber, v Gott meiner Väter, von welchem Thon hast du uns arme Sterbliche gebildet, die so sehr die Schande fürchte», welche der Sünde folgt und dennoch die Sünde so wenig bereuen!" Eine Minute später wurden Schritte vernommen — es öffnete sich die Thüre — Winter kündigte den Lieutenant Middle- mas an, und der Sohn stand, ohne es zu wissen, vor seinen Eltern. Witheringtvn fuhr unwillkürlich auf, zwang sich aber sogleich zur Annahme des leichten Benehmens, womit ein Vorgesetzter einen Untergeordneten empfängt und welches bei ihm gewöhnlich mit einem gewissen Grade von Stolz gemischt war. Die Mutter hatte weniger Selbstbeherrschung. Auch sie sprang auf, jedoch in solcher Weise, als habe sie die Absicht, sich ihrem Sohne, für den sie Unglück und Kummer erlitten hatte, um den Hals zu werfen. Jedoch der warnende Blick ihres Mannes hielt sie wie durch einen Zauberschlag zurück-, sie blieb stehen; ihr schöner Kopf und Hals war etwas vorgebeugt, ihre Hände zusammengedrückt und vorwärts gestreckt, in einer Stellung, als wolle sie sich bewegen; sie war dennoch bewegungslos wie eine Marmorstatue, welcher ein Bildhauer den Schein des Lebens ertheilt hat, während er ihr die Lebensbewcgnng nicht zu geben vermag. Eine so auffallende Bewegung und Stellung hätte die Ueberraschung des jungen Offiziers erregen können; die Dame aber stand im Schatten und er blickte so ausschließlich auf seinen Beschützer, daß er sogar kaum die Gegenwart der Frau Witheringtvn merkte. „Ich fühle mich bei dieser Gelegenheit glücklich," sagte Middlemas, indem er bemerkte, daß der General nicht sprach, „dem General Witheringtvn meinen Dank auszudrücken, welchen ich demselben niemals genügend werde abstatten können." 759 Der Schall der Stimme, obgleich dieselbe so gleichgültige Worte sprach, schien den Zauber zu lösen, welcher seine Mutter regungslos gehalten hatte. Sie seufzte tief, gab die Starrheit ihrer Stellung auf und sank auf die Kissen zurück, von denen sie cmporgefahren war. Middlemas richtete auf sie einen Blick beim Schall ihres Seufzers und dem Rauschen ihrer Draperie. Der General beeilte sich zu reden. „Meine Frau, Herr Middlemas, ist kürzlich unwohl gewesen — Euer Freund, Herr Hartley, hat es vielleicht erwähnt — es ist ein Nervenleiden." Herr Middlemas bezeugte natürlich darüber seinen Kummer und seine Theilnahme. „Wir hatten ein Unglück in unserer Familie, Herr Middlemas, von dessen äußersten und schmerzhaftesten Folgen wir durch die Geschicklichkeit Eures Freundes, Herrn Hartley, errettet wurden- Wir werden uns sehr glücklich fühlen, wenn es in unserer Macht liegt, einen Theil unserer Verpflichtungen in den Diensten zurückzugeben, den wir seinem Freunde und Schützling, Herrn Middlemas, erweisen." „Ich werde also nur als ein Schützling anerkannt," dachte Richard, er sagte jedoch, „Jedermann muß einen Freund beneiden, welcher das ausgezeichnete Glück hatte, dem General Witherington und seiner Familie von Nutzen zu sein." „Ihr habt, wie ich glaube, Euer Patent erhalten. Habt ihr einen besonder» Wunsch oder Verlangen hinsichtlich Eurer Bestimmung?" „Nein, mit Erlaubniß Eurer Excellenz," erwiderte Middlemas, „ich glaube, Hartley hat Eurer Excellenz meinen unglücklichen Zustand berichtet, daß ich eine Waise und von meinen Eltern verlassen bin, die mich in die weite Welt stießen 769 — ein Verstoßener, den Niemand kennt oder um den sich Niemand kümmert, mit Ausnahme des Wunsches, daß ich weit genug fortwandere, und unbekannt genug lebe, um sie nicht durch ihre Verbindung mit mir zu beschimpfen." Zilia rang die Hände bei diesen Worten und zog ihren Moussclinschleier dicht um ihr Haupt, als wolle sie die Töne zurückhalten, welche den heftigsten Schmerz ihrer Seele erregten. „Herr Hartley hat mir über Eure Angelegenheiten keine genaue Mittheilung gegeben," sagte der General, „auch wünsche ich nicht, Euch Kummer dadurch zu verursachen, daß Ihr auf deren Darlegung eingeht. Ich wünsche nur zu wissen, ob Euch Eure Bestimmung nach Madras angenehm ist." „Vollkommen, wie cs Eurer Excelleuz gefällt; ich bin gern überall, wo ich keine Aussicht habe, den Schurken Hillary zu treffen." „Oh, Hillary's Dienste sind zu nothwendig, im Revier des Pöbelquartiers von London, in den Hafenkneipen von Newcastle und an ähnlichen Orten, wo menschliches Aas aufgegriffen werden kann, als daß man ihm erlauben sollte, nach Indien zu reisen; um Euch jedoch zu zeigen, daß der Schurke einige gute Manieren hat, so sind hier die Banknoten, die er Euch stahl. Ihr werdet darin dieselben Noten erkennen, die Ihr verloren habt, mit Ausnahme einer kleinen Summe, die der Spitzbube ausgegeben und die ein Freund aus Mitleid für Eure Leiden ergänzt hat." Richard Middlemas sank auf ein Knie und küßte die Hand, welche ihm seine unabhängige Lage znrückgab. „Bah!" sagte der General, „Ihr seid ein alberner Bursch," er entzog jedoch nicht die Hand seinen Liebkosungen. Dicß 761 war eine der Gelegenheiten, wo Richard Middlemas einen rednerischen Schwang in seinen Worten äußern konnte- „Ihr seid mir mehr, wie ein Vater," sagte er, „meine Schuld gegen Euch ist größer, wie diejenige gegen meine unnatürlichen Eltern, welche mich durch Sünde in die Welt setzten und mich durch Grausamkeit verließen!" Zilia, als sie diese schneidenden Worte vernahm, warf ihren Schleier zurück, indem sie ihn mit beiden Händen erhob, bis er hinter ihr wie ein Nebel schwebte; dann stieß sie einen schwachen Seufzer aus und sank in Ohnmacht. General Witherington stieß Middlemas mit einer heftigen Bewegung zurück, eilte seiner Gemahlin zu Hülfe und trug sie in seinen Armen, als wäre sie ein Kind, in das Vorzimmer, wo ein alter Diener mit den Mitteln zur Wiederherstellung des Bewußtseins wartete, welche der unglückliche Gemahl, jedoch zu seinem Unglück, als wirksam kannte- Die Mittel wurde» hastig angewandt und riefen auch die Leidende in's Leben zurück, allein dieselbe befand sich in einem furchtbaren Zustand der Geisteserregung. Die letzten Worte ihres Sohnes hatten offenbar einen tiefen Eindruck auf ihre Seele gemacht — „hörtet Ihr ihn, Richard!" rief sie mit furchtbar lauter Stimme in Betracht ihrer erschöpften Kräfte — „hörtet Ihr die Worte? Der Himmel sprach unsere Verdammung durch die Stimme unseres eigenen Kindes aus; fürchte dich aber nicht, mein Richard, weine nicht! ich werde den Donner des Himmels mit seiner eigenen Musik beantworten." Sie stürzte auf ein Clävier, welches im Zimmer stand, und während der Diener und der Herr einander anblickten, als wären sie im Zweifel, ob ihr Verstand sie gänzlich verlassen werde, flogen ihre Finger über die Tasten und erzeugten eine 762 wilde Harmonie; diese bestand entweder ans gelernten Stellen, welche ihr ins Gedächtniß kamen, oder ans Ergüssen ihres eigenen Talents; zuletzt vereinigte sich ihre Stimme mit den Tönen des Instrumentes in einen jener prächtigen Psalmen, worin ihre Jngend mit Stimme und Harfe den Schöpfer, wie der königliche Hebräer, gepriesen hatte, welcher der Dichter jener Loblieder war. Die Thräne versiegte allmälig in ihren aufwärts gewandte» Angen — ihr Gesang mit den Tönen des Instruments vereint, erhob sich ans eine Höhe der Musik, welche die ausgezeichnetsten Künstler nur selten erreichen; dann sanken beide in einen Schluß des Musikstückes, welches ausging, um nie wieder begonnen zu werden — die Sängerin war mit dem Liede gestorben. Man kann sich den Schrecken des unglücklichen Gatten denken, als alle Bemühungen, das Leben zurückznrufen, unwirksam waren. Diener wurden nach Aerzten geschickt, nach Hartley, und jedem Andern, den man finden konnte. Der General stürzte sich in das Zimmer, das sie so eben verlassen hatten, und lief in seiner Hast auf Middlemas zu, welcher beim Schall der Musik aus dem nahen Zimmer der Thüre sich natürlich genähert hatte und durch die Art des Geschreis» die hastigen Schritte und die verwirrten Stimmen überrascht und erschreckt, dort stehen geblieben war, um die Ursache solcher Unordnung zu erkennen. Der Anblick des unglücklichen jungen Mannes trieb die stürmischen Leidenschaften des Generals bis zum Wahnsinn. Er schien seinen Sohn als die alleinige Ursache des Todes seiner Frau zu betrachten; er griff ihn beim Halskragen und schüttelte ihn heftig, als er ihn in das Gemach schleppte, wo die Todte lag. „Komm hieher," sagte er, „du, welchem ein Leben der 763 niedrigsten Dunkelheit ein so elendes Schicksal war — komm' hieher und blick' auf die Eltern, die du so sehr beneidet — die du so oft verflucht hast. Blick' auf diesen blassen, mageren Leichnam, eher eine Gestalt von Wachs als von Fleisch und Blut — das ist deine Mutter — das ist die unglückliche Zilia Montzada, für welche deine Geburt eine Quelle der Schande und des Elends war, und über welche deine unheilvolle Gegenwart zuletzt den Tod verhängt hat! jetzt aber schaue mich" — er stieß den Burschen vor sich hin und stand aufrecht mit einem Ausdruck in Haltung und Gestalt, welcher dem bösen Geiste glcichkam, den er beschrieb, — „schaue mich," sagte er, „siehst du nicht, wie mein Haupt von Schwefelflammen strömt, wie meine Stirne vom Blitz versengt ist? ich bin der Erzfeind — ich bin der Vater, den du suchst — ich bin der verruchte Richard Tresham, der Verführer Zilias und der Vater ihres Mörders!" Hartley trat ein, während dieser furchtbare Auftritt vorging, er erkannte sogleich, daß jede der Verstorbenen erwiesene Aufmerksamkeit vergeblich sei; da er theils aus Winters Mittheilungen, theils aus den wahnsinnigen Reden des Generals die Natur der stattgefundenen Enthüllung begriff, beeilte er sich, wo möglich, den furchtbaren und anstößigen Auftritt zu beendigen. Weil er das Zartgefühl des Generals in Bezug auf den Ruf kannte, versuchte er es zuerst mit Vorstellungen über ein solches Betragen, in Gegenwart so vieler Zeugen, allein die Seele jenes Mannes hatte aufgehört, auf diesen einst so mächtigen Grund zu achten. „Es kümmert mich nicht, wenn die ganze Welt meine Sünde und meine Strafe erfährt!" sagte Withcrington. „Man soll nicht wieder von mir sagen, daß ich die Schande 764 fürchte, ohne die Sünde zu bereuen; ich fürchtete nur Schande wegen Zilia, und Zilia ist todt!" „Aber die Erinnerung an sie, General — schonet das Gedächtnis Eurer Frau und ebendamit den Ruf Eurer Kinder." »Ich habe keine Kinder," sagte der verzweifelnde und heftige Mann, mein Reubcn ist im Himmel, um die Wohnung für den Engel zu bereiten, welcher jetzt der Erde in einer Flnth von Harmonie entwich, die nur dort ihresgleichen findet, wohin sie gegangen ist. Die andern zwei Cherubs werden ihre Mutter nicht überleben; ich werde ein kinderloser Mann sein! ich fühle es schon." „Ich aber bin dennoch Euer Sohn," erwiderte Middlemas in einem zwar traurigen, zugleich aber einen finstern Groll andeutenden Tone — „Euer Sohn von der Euch angetrauten Gemahlin. So blaß wie sie dort liegt, fordere ich euch Beide auf, meine Rechte anzuerkennen und rufe alle Gegenwärtigen als Zeugen an." „Elender!" rief der wahnsinnige Vater, „wie kannst du an deine schmutzigen Rechte in Mitte von Tod und Raserei denken? Mein Sohn! du bist der Teufel, welcher mein Elend in dieser Welt veranlaßte, »nd welcher meine Verdammniß in der nächsten thcilen wird! geh' aus meinem Angesicht und mein Fluch sei mit dir." Middlemas heftete die Augen ans den Boden, legte die Arme über die Brust zusammen; wie es schien, reizte ihn sein stolzer und hartnäckiger Geist zur Erwiderung auf, und er schien über letztere nachzusinnen; jedoch Hartley, Winter nnd andere Anwesende schritten ein, und brachten ihn mit Gewalt aus dem Zimmer. Als sie sich bemühten, ihm Vorstellungen zu machen, riß er sich von ihnen los, lief in den Stall, ergriff das erste gesattelte Pferd, das er unter den vielen vorfand, welche man in der Eile, um Hülfe zu suchen, zum Ritt fertig gemacht hatte, warf sich auf dessen Rücken und ritt wüthend davon. Hartley stand im Begriff, ebenfalls ei» Pferd zu besteigen, um ihm zu folgen, allein Winter und die andern Bedienten umringten ihn und flehten ihn an, ihren unglücklichen Herrn zu einer Zeit nicht zu verlassen, worin sein über denselben erlangter Einfluß das einzige Mittel war, um die Heftigkeit des Generals zn zügeln. „Er hat einen Sonnenstich in Indien bekommen," sagte Winter, „und ist in seinen Anfällen zn Allem fähig. Diese Feiglinge können ihn nicht in Ordnung halten, ich aber bin alt und schwach." Hartley überzeugte sich, daß General Withering- ton mehr Mitleid wie Middlemas verdiente, welchen einzuholen er ohnedem nicht hoffen durfte, und von welchem er glaubte, daß er selbst für seine Sicherheit sorgen werde, wie heftig auch seine Aufregung sein mochte; er kehrte somit dorthin zurück, wo eine größere Gefahr seine augenblickliche Sorgfalt erheischte. Er fand den unglücklichen General mit seinen Bedienten ringend, welche zu verhindern suchten, daß derselbe in das Schlafzimmer seiner Kinder drang. „Freut euch, meine Kinder!" rief er wüthend ans, „er ist geflohen, welcher das Verbrechen eures Vater und die Schande eurer Mutter verkünden wollte! — er ist geflohen, um nie wiederzukehren — sein Leben war der Tod der Mutter und der Untergang des Vaters ! Muth, meine Kinder, euer Vater ist bei euch — er wird durch hundert Hindernisse zu euch dringen. Die Bedienten, eingeschüchtert und unentschlossen, standen im Begriff, ihm zn weichen, als Adam Hartley herantrat, sich vor den unglücklichen Mann stellte, seinen Blick fest auf das Auge des Generals heftete und mit leiser, aber fester Stimme sagte: „Wahnsinniger, wollt Ihr Eure Kinder tödten?" Der General schien in seinem Entschluß zu wanken, versuchte jedoch noch immer an ihm vorüberzustürzen. Hartley jedoch ergriff ihn bei dem Rock-Kragen mit beiden Armen und sagte: „Ihr seid mein Gefangener, ich befehle Euch, mir zu folgen." „Ha, Gefangener, ein Hochverrats Hund, du sollst sterben!" — Der Wahnsinnige zog einen Dolch aus seinem Busen »nd Hartley's Kraft und Entschlossenheit würden ihm vielleicht nicht das Leben gerettet haben, wenn nicht Winter des Generals rechte Hand ergriffen und ihn entwaffnet hätte. „Wohlan, ich bin Euer Gefangener," sagte er, „behandelt mich höflich und erlaubt mir, meine Frau und Kinder zu sehen." „Morgen sollt Ihr sie sehen," sagte Hartley, „folgt mir sogleich und ohne den geringsten Widerstand!" General Witheringto» folgte wie ein Kind mit dem Ausdruck eines Mannes, welcher für eine Sache leidet, deren er sich rühmt. „Ich schäme mich nicht meiner Grundsätze," sagte er, „ich bin Willens, für meinen König zu sterben." Hartley fuhr fort, auf den Kranken das Uebergewicht, das er so erlangt hatte, zu üben, ohne seine Raserei dadurch zu erwecken, daß er der phantastischen Vorstellung seiner Einbildungskraft widersprach. Er ließ ihn in sein Zimmer führen und sah, wie er ruhig zu Bett gelegt wurde. Dann gab er ihm eine starke, niederschlagende Arznei, ließ einen Diener im Zimmer schlafen und wartete bei dem Unglücklichen bis zum nächsten Morgen. 767 General Witherington erwachte bei vollem Bewußtsein und erkannte offenbar seine wirkliche Lage, wie sein leises Gestöhn, sein Schluchzen und seine Thränen bezeugten. Als Hartley an sein Bett trat, erkannte er ihn vollkommen und sagte: „fürchtet mich nicht, — der Anfall ist vorüber! Verlaßt mich und seht nach jenem Unglücklichen; veranlaßt ihn, daß er Großbritannien so bald wie möglich verläßt, und nach dem Lande abreist, wohin ihn sein Schicksal ruft und wo wir uns niemals wieder sehen können. Winter kennt meine Weise und wird Sorge um mich tragen " Winter gab denselben Rath; „ich kann," sagte er, „für die Sicherheit meines Herrn gegenwärtig cinstehcn, aber in des Himmels Namen verhindert, daß er jemals mit diesem verhärteten jungen Mann wieder zusammentrifft. Neuntes Kapitel. . Wohlan, mir ist die Welt die Auster jeht, Die mit dem Schwert ich mir eröffnen wist. Lustige Weiber von Windsor. Als Adam Hartley nach seiner Wohnung im schönen Städtchen Ryde kam, betrafen seine ersten Erkundigungen seinen Kameraden. Derselbe war vergangene Nacht spät nach Hause gekommen; Mann und Pferd waren mit Schaum bedeckt. Er gab keine Erwiderung auf vie Fragen, ob er zu Abend essen wolle und dergleichen, sondern ergriff ein Licht, lief die Treppe hinauf nach seinem Zimmer, verschloß und 768 verriegelte die Thüre. Die Diener meinten, er sei etwas betrunken gewesen, habe in dem Zustande einen heftigen Ritt zurückgelegt und nicht gewollt, daß Andere seinen Zustand merken. Hartley ging nicht ohne einige Besorgnisse zur Thüre seines Zimmers; nachdem er mehrere Male angeklopft und gerufen hatte, erhielt er endlich die willkommene Antwort: „wer ist da?" Als Hartlev seinen Namen nannte, öffnete sich die Thüre und Middlemas zeigte sich wohlgekleidet und mit gekräuseltem so wie gepudertem Haar; das Aussehen des Bettes bezeugte jedoch, daß cs vergangene Nacht nicht gebraucht war, und Richards Antlitz verstört und blaß, schien auf dieselbe That- sache hinzuweisen. Er sprach jedoch mit erzwungener Gleichgültigkeit- „Ich wünsche Euch Glück in den Fortschritten der Weltklugheit, Adam, es ist jetzt Zeit den armen Erben zu verlassen und sich an denjenigen zu halten, der sich in unmittelbarem Besitz des Reichthums befindet." „Ich war vergangene Nacht bei General Witherington," erwiderte Hartlev, „weil sich derselbe außerordentlich schlecht befindet." „So sagt ihm, er möge seine Sünden bereuen," bemerkte Richard. „Der alte Gray pflegte zu sagen, ein Doctor habe eben so gut Anspruch auf geistlichen Rath wie ein Pfarrer. Erinnert Ihr Euch, wie Doctor Dulberry, der Pfarrer, ihn einen Pfuscher in sein Handwerk nannte? Ha, so, so!" „Ich erstaune über diese Art Sprache bei Euren Umständen." „Warum nicht?" sagte Middlemas mit bitterem Lächeln. „Die meisten Menschen würden nur mit Schwierigkeit ihre 769 gute Laune behalten, nachdem sie Vater und Mutter und ein gutes Erbtheil in einem Tage gewonnen und verloren baden. Ich hatte aber immer einige Neigung zur Philosophie." „Ich verstehe Euch wirklich nicht, Herr Middlemas." „Nun, ich fand gestern meine Eltern," erwiderte der junge Mann; „meine Mutter hat, wie Ihr wißt, dis zu dem Augenblick gewartet, um zu sterben, und mein Vater, um verrückt zu werden; ich schließe daraus, daß Beide absichtlich so gehandelt haben, um mich um mein Erbtheil zu prellen, da mein Vater ein solches Borurtheil gegen mich gefaßt hat." „Erbtheil?" widerholte Hartlep durch Richards Ruhe bestürzt und beinahe im Glauben, der Wahnsinn des Vaters sei in der Familie erblich. „In des Himmels Namen faßt Euch, und gebt solche Täuschung auf. Von welchem Erbtheil habt Ihr geträumt?" „Sicherlich von dem meiner- Mutter, welche doch die Schätze des alten Monpada geerbt haben muß — auf wen sonst als auf ihre Kinder können dieselben jetzt übergehen? — Ich bin der älteste derselben, das kann nicht abgeläugnet werden." „Bedenkt aber, Richard — faßt Euch." „Das ist geschehen," sagte Richard; „was nun?" „Dann müßt Ihr beachten," sagte Hartlep, „daß Euch Eure Geburt von der Erbschaft ausschlicßt, wenn nicht ein besonderes Testament zu Euren Gunsten vorhanden ist." „Ihr irrt Euch, Herr, ich bin rechtmäßiger Sohn. — Jene kränkliche Brut, die Ihr vom Grade errettet habt, besitzt nicht mehr Rechte als ich — ja, unsere Eltern wollten nicht gestatten, daß die Luft des Himmels sie anblies — und mich überließen sie den Winden und Wogen — ich bin dennoch eben so gut ihr gesetzmäßiges Kind, als jene stechen Sprößlinge Das gcfährl. Schloß u. and. Erzähl. 49 770 vorgerückten Alters und verminderter Gesundheit. Ich sah sie, Adam, Winter zeigte mir die Kinderstube, während meine Eltern allen ihren Muth zusammen nahmen, um mich im Besuchszimmer zu empfangen. Dort lagen die Kinder der Vorliebe. Die Schätze des Ostens waren verschwendet, damit sie sanft schlafen und in Pracht erwachen könnten; ich, ihr ältester Bruder — der Erbe, ich stand neben ihrem Bette in dem geborgten Kleide, das ich vor Kurzem erst mit den Lumpen eines Hospitals vertauscht hatte; ihr Lager duftete von Wohlgerüchen, während ich von den Ausdünstungen eines Pesthauses dampfte; — und ich, ich wiederhole es, — der Erbe meiner Eltern — das Erzeugniß ihrer frühesten und besten Liebe wurde so behandelt. Kein Wunder, daß mein Blick der eines Basilisken war." »Ihr sprecht, als wäret Ihr von einem bösen Geiste besessen," sagte Hartley, „öder Ihr leidet unter einer sonderbaren Täuschung." „Ihr haltet nur diejenigen für gesetzlich verheiratbet, über welche ein schläfriger Pfarrer den Segen spricht, oder vielmehr aus einem Buche mit Eselsohren vorliest? So ist es vielleicht in Eurem englischen Recht, allein Schottland macht die Liebe selbst znm Priester. Ein Gelübde zwischen einem zärtlichen Paare, mit dem blauen Himmel allein als Zeugen, wird ein vertrauendes Mädchen gegen den Meineid eines leichtfertigen Anbeters ebenso beschützen, als hätte ein Dechant die Eheceremonie in der höchsten Kathedrale Englands vorgenommen. Noch mehr; wird das Kind der Liebe vom Vater bei der Taufe anerkannt — stellt er die Mutter achtbaren Fremden als sein Weib vor, so gestatten ihm die Gesetze Schottlands nicht die Zurücknahme der Gerechtigkeit, welche er in diesen Handlungen dem verführten Weibe oder dem 771 Sprössling ihrer gegenseitigen Liebe erwiesen hat. Dieser General Tresham oder Witherington behandelte meine unglückliche Mutter als seine Frau, in Gegenwart Grap'S und Anderer, miethete sie als solche in die Familie eines achtbaren Mannes ein und ertheilte ihr denselben Namen, den es ihm damals zu führen beliebte. Er überreichte mich dem Priester als seinen rechtmäßigen Sprössling, und das Gesetz Schottlands ist wohlwollend gegen ein hülfloscs Kind, es gestattet ihm nicht, die Anerkennung mir jetzt zu verweigern, die er damals in aller Form aussprach. Ich kenne meine Rechte und bin entschlossen sie in Anspruch zu nehmen." „Ihr wollt also nicht an Bord des Midleser? Ueberlegt ein wenig — Ihr werdet Eure Reise und Eure Offiziersstelle verlieren." „Ich werde mir dafür mein Geburtsrecht verschaffen," erwiderte Middlcmas. „Als ich die Absicht hatte, nach Indien zu gehen, kannte ich meine Eltern nicht, und wußte auch nicht, wie ich die Rechte, die ich durch sie erlangte, mir verschaffen könne. Dieß Räthsel ist jetzt gelöst. Ich besitze wenigstens Ansprüche auf ein Drittel des Vermögens von Monyada, welches nach Winters Bericht sehr beträchtlich ist. Ohne Euch und Eure Behandlungüweise der Pocken würde ich das Ganze bekommen. Als der alte Gray sich beinahe im Eifer die Perrücke vom Kopse riß, damit das Feuer ausgelöscht, die Fenster geöffnet und Branntwein mit Wasser fortgeschafft würde, dachte ich wenig daran, daß dieß neue System, die Pocken zu behandeln, mich um so viele 1000 Pfd- bringen würde-" „Ihr seid also entschlossen," sagte Hartley, „bei Eurer tollen Verfahrungsweise zu beharren?" „Ich kenne meine Rechte, und bin entschlossen sie geltend zu machen," erwiderte der hartnäckige Jüngling. 49 " 772 „Herr Richard Middlemas, Ihr thut mir leid." „Herr Adam Hartley, ich bitte Euch, mir zu sagen, weß- halb Ihr mich mit Eurem Mitleiden beehrt." „Ich bemitleide Euch," sagte Hartley, sowohl wegen der Hartnäckigkeit Eurer Selbstsucht, womit Ihr an Reichthum nach dem Austritt von gestern Abend noch denken könnt, wie auch wegen der eitlen Träumerei, die bei Euch den Glauben erweckt, daß Ihr denselben erlangen könnt." „Ich wäre selbstsüchtig?" ries Middlemas auS- „Ich bin im Gegentheil ein pflichtgetreucr Sohn, welcher das Andenken einer verläumdeten Mutter zu reinigen sucht — ich überließe mich Träumereien? — Nun, ich erwachte zu dieser Hoffnung, als des alten Monxada's Brief an Gray, welcher mich einer beständigen Dunkelheit weihte, mich zur Crkenntniß meiner Lage ausregte und die Träume meiner Kindheit zerstreute. Glaubt Ihr, ich würde mich jemals dem langweiligen Treiben gewidmet haben, welches ich mit Euch theilte, wenn ich nicht dadurch die einzige Spur dieser unnatürlichen Eltern im Auge behalten hätte, wodurch ich mir vornahm, mich ihrer Kenntniß aufzudrängen und im Nothfall die Rechte eines gesetzlichen Kindes zu erzwingen? Das Schweigen und der Tod Monsada's vereitelte meinen Plan, und erst damals söhnte ich mich mit dem Gedanken an Indien aus." „Als ich Euch zuerst kennen lernte, wart Ihr noch sehr jung, um so viel von schottischem Recht zu wissen," sagte Hartley; „ich kann jedoch vermuthen, wer Euer Lehrer war." „Niemand anders, als Tom Hillary," erwiderte Middlemas, „sein guter Rath in dieser Hinsicht ist ein Grund, weß- halb ich keine Klage erhebe, um ihn an den Galgen zu bringen." „Das habe ich mir gedacht," erwiderte Hartley, „ich hörte nämlich, bevor ich Middlemas verließ, wie er die Sache mit Herrn Lawford besprach. Ich erinnere mich vollkommen, daß er das Gesetz so darlegte, wie ich es so eben von Euch gehört habe." „Und was erwiderte Lawford?" fragte Middlemas. „Er gestand ein," antwortete Hartlep, „daß solche Voraussetzungen rechtlicher Geburt als rechtsgültig unter Umständen zugestanden werden könnten, in welchen ein zweifelhafter Fall vorliege; er fügte jedoch hinzu, dieselben müßten durch bestimmtes und genaues Zeugniß kraftlos werden, z. B. wenn die Mutter die Unrechtmäßigkeit ihres Kindes erkläre." „Allein dergleichen kann in meinem Fall nicht vorhanden sein," fiel Middlemas hastig und mit offenbarer Bestürzung ein. „Ich will Euch nicht täuschen, Herr Middlemas, obgleich ich besorgen muß, Euch Kummer zu verursachen; ich hatte gestern eine lange Unterredung mit Eurer Mutter, Frau Witherington, worin fie Euch als ihren Sohn anerkannte, welcher jedoch vor der Ehe geboren sei. Diese ausdrückliche Erklärung wird deßhalb alle Voraussetzungen beendigen, worauf Ihr Eure Hoffnungen baut. Wenn es Euch beliebt, könnt Ihr den Inhalt ihrer Erklärung vernehmen, die ich in ihrer eigenen Handschrift besitze." „Verflucht! Soll mir der Becher immer von den Lippen weggeriffen werden?" murmelte Richard; er erlangte jedoch durch die Selbstbeherrschung, welche er in hohem Grade besaß, sogleich seine Fassung wieder und bat Hartlep in seiner Mittheilung fortzufahren. Hartlep setzte ihn somit von den Umständen, welche seiner Geburt vorangingen, und denjenigen, welche darauf folgten, in Kenntniß, während Middle- 774 mas auf einer Schiffskiste sitzend, mit unnachahmlicher Fassung einer Erzählung zuhörte, welche alle blühenden Hoffnungen auf Reichthum, mit denen er sich kürzlich so gern geschmeichelt hatte, mit der Wurzel ausriß. Zilia Moneada war das einzige Kind eines sehr reichen portugiesischen Juden, welcher sich in London seines Handels wegen niedergelassen hatte- Unter den wenigen Christen, welche sein Haus und gelegentlich seine Tafel besuchten, befand sich Richard Tresham, ein Herr aus einer hohen Nor- thumbrischen Familie, welcher im Dienste von Carl Eduard an dem kurzen, von demselben erregten Bürgerkriege bedeutenden Antheil genommen hatte; er besaß damals eine Offi- zicrsstelle im portugiesischen Heere, war aber noch immer ein Gegenstand des Argwohns für die brittische Regierung wegen seines wohlbekannten Muthes und seiner jacobitischen Grundsätze. Das angenehme Acußere dieses Herrn nebst der Zierlichkeit der höheren Stände, so wie seine vollständige Kennt- niß der Sprache und der Sitten Portugals hatte die genaue Freundschaft des alten Monsada und auch das Herz der unerfahrenen Zilia gewonnen, welche schön wie ein Engel die Welt und deren Bosheit eben so wenig kannte, wie ein junges Lamm. Tresham ersuchte Monsada um die Hand seiner Tochter, vielleicht in einer Weise, welche zu offen zeigte, er hege die Meinung, daß der hochgeborene Christ sich durch sein Gesuch um die Hand der reichen Jüdin entwürdige. Monsada verweigerte seine Einwilligung zur Verbindung und verbot jenem sein Haus, konnte aber nicht verhindern, daß die Liebenden sich im Geheimen sahen. Tresham machte einen unehrenwerthen Gebrauch von den Gelegenheiten, welche ihm die arme Zilia unvorsichtig dar- 775 bot, und die Folge war deren Verführung. Der Liebhaber jedoch hegte jede Absicht, sein Unrecht wieder auszugleichcn, und zuletzt wurde eine Flucht nach Schottland beschlossen, nachdem verschiedene Plane einer geheimen Ehe durch die Verschiedenheit der Religion und andere Umstände vereitelt waren. Die Schnelligkeit der Reise, die Furcht und Angst der-Mlia bewirkten deren Entbindung mehrere Wochen vor der gewöhnlichen Zeit, so daß sie den Beistand und die Pflege des Doctor Gray in Anspruch nehmen mußte. Sie waren kaum wenige Stunden in Middlemas gewesen, als Tresham durch einen scharfblickenden und scharfhörenden Freund die Nachricht erhielt, es sei ein VerhaftSbefehl wegen Hochverrats gegen ihn ausgestellt. Sein Briefwechsel mit Carl Eduard war Mon^ada während der Zeit ihrer Freundschaft bekannt geworden; aus Rache verriet- er denselben der brittischen Regierung, und ein VerhaftSbefehl wurde ausgestellt, welcher zugleich auf Monyada'S Gesuch den Namen seiner Tochter enthielt. Er glaubte nämlich, daß dieser Ver- haftsbefehl ihm von Nutzen sein werde, um seine Tochter von Tresham zu trennen, im Fall die Flüchtlinge wirklich verheiratet sein sollten. Wie weit ihm dieß gelang, ist dem Leser schon bekannt, ebenso wie die Vorsichtsmaßregeln, die er traf, damit man von dem Dasein des lebendigen Zeugnisses der Schwäche seines Kindes nichts erfahre. Er nahm seine Tochter mit sich und unterwarf sie einer strengen Eingezogenheit, welche durch ihr eigenes Nachdenken doppelt bitter wurde. Seine Rache würde vollständig gewesen sein, wäre der Urheber von Zilia's Unglück wegen seiner politischen Vergehen auf's Schafott gekommen, allein Tresham versteckte sich bei Freunden in den Hochlanden und entging der Verfolgung, bis die Sache vergessen war. Nachher trat er in 776 den Dienst der ostindischen Kompagnie unter seinem mütterlichen Namen Withcrington, welcher den Jacobiten und Rebellen verbarg, bis man an diese Angelegenheit nicht länger dachte. Seine Geschicklichkeit in Militär-Angelegenheiten erhob ihn bald auf eine hohe Stelle und verschaffie ihm bedeutenden Neichthum. Als er nach Großbritannien zurückkehrte, betrafen seine ersten Erkundigungen die Familie Monxada. Sein Ruhm, sein Reichthum und die endliche Ueberzeugung, daß seine Tochter Niemanden wie den Mann ihrer ersten Liebe beirathen würde, bewogen den alten Mann, dem General Withcrington die Ermuthigung zu ertheilen, die er dem armen und geächteten Major Tresham stets verweigert hatte- Die Liebenden wurden endlich nach einer Trennung von 14 Jahren durch die Ehe vereinigt. General Witherington vereinigte sich bereitwillig mit dem ernsten Wunsche seines Schwiegervaters, daß jede Erinnerung vergangener Ereignisse begraben werden solle, indem der Sohn ihrer frühen und unglücklichen Liebe paffend versorgt würde, aber in Entfernung und in niedriger Lage bleiben müsse. Zilia aber dachte anders. Ihr Herz strebte mit der Sehnsucht einer Mutter nach dem ersten Gegenstand ihrer mütterlichen Zärtlichkeit, sie wagte jedoch nicht, sich zugleich dem Willen ihres Vaters und der Entscheidung ihres Gemahls zu widersetzen. Der Elftere, dessen religiöse Vorur- theile durch seinen langen Aufenthalt in England gemildert waren, gab seine Einwilligung, daß sie die Religion ihres Gatten in der herrschenden Kirche ihres Vaterlandes annahm; der Letztere setzte seinen Stolz darein, die schöne Neubekchrte bei seinen hochgeborenen Verwandten cinzusührcn. Die Entdeckung ihrer früheren Schwachheit wäre ein Schlag für ihre Achtbarkeit gewesen, ein Umstand, den er wie den Tod furch- tete- Auch konnte cs seiner Frau nicht lange verborgen bleiben, daß seine Vernunft in Folge einer schweren in Indien erlittenen Krankheit gelegentlich bei Veranlassungen erschüttert wurde, welche seine Gefühle heftig aufregten. Sie hatte deßhalb geduldig und schweigend sich der Verfahrungsweise gefügt, welche von Monpada entworfen und von ihrem Ge- mahle ängstlich und warm gebilligt wurde. Ihre Gedanken jedoch kehrten sogar, nachdem ihre Ehe mit andern Kindern gesegnet war, bekümmert zu dem verbannten und verstoßenen Sohne zurück, welchen sie zuerst unter ihrem Herzen getragen hatte. Alle diese lange Zeit zurückgchaltcnen und mit Wärme gepflegten Gefühle brachen in vollem Strome bei der unerwarteten Entdeckung ihres Sohnes hervor, als derselbe von dem Loose äußersten Elends errettet und unter so unheilvollen Umständen der Einbildungskraft seiner Mutter vorgeführt wurde. Vergeblich versicherte ihr Gemahl, er werde für die Wohlfahrt des jungen Mannes mit seiner Börse und seinem Einfluß sorgen. Sie konnte nicht eher zufrieden gestellt werden, als bis sie etwas gethan haben würde, um das Loos der Verbannung zu mildern, zu welcher ihr Erstgeborener verur- theilt war. Sie war dazu um so eifriger entschlossen, da sie die äußerste Zartheit ihrer Gesundheit empfand, welche durch so viele Jahre geheimen Leidens untergraben war. Frau Witherington wurde natürlich bewogen, die Dienste Hartlep's, des Gefährten ihres Sohnes, in Anspruch zu nehmen, den sie ohnedem nach der Wiederherstellung ihrer jüngeren Kinder als einen Schutzengel betrachtete. Sie übergab ihm die Summe von 2000 Pfd., worüber sie als unbedingtes Eigenthum verfügen konnte, mit dem in den zärtlichsten und liebreichsten Worten ausgesprochenen Gesuche, er 778 möge dieselbe zum Nutzen des Richard Middlemas in derjenigen Weise anwenden, von welcher er glaube, daß sie für ihn am nützlichsten sein werde. Sie gab ihm die Versicherung ihrer weiteren Unterstützung, je nachdem dieselbe erforderlich sein sollte z sie gab ihm ferner ein Schreiben folgenden Inhalts, welches ihrem Sohne zu überreichen sei, wenn und wo die Klugheit Hartley'ü es für angemessen halten sollte, ihm das Geheimniß seiner Geburt mitzutheilen. „O Benoni, o Kind meines Kummers! Warum müssen die Augen deiner unglücklichen Mutter dich erblicken dürfen, während ihren Armen das Recht verweigert wurde, dich an ihren Busen zu drücken? Möge der Gott der Juden und Heiden dich bewahren und beschützen! Möge er zu seiner Zeit die Dunkelheit entfernen, welche zwischen mir und dem Geliebten meines Herzens sich ausdehnt — der ersten Frucht meiner unglücklichen und ach,- unheiligcn Liebe! Halte dich nicht, mein Geliebter, für einen einsamen Verbannten, wenn deiner Mutter Gebet sich für dich bei Sonnenaufgang und Untergang erhebt, um jeden Segen aus dein Haupt herabzu- rusen, um für deinen Schutz und deine Vertheidigung zu flehen. Suche nicht, mich zu erblicken, — ach — weßhalb muß ich dieses niederschreiben! — Lasse mich in den Staub niedcrbeugen, denn meine eigene Sünde und Thorheit muß ich anklagen — suche nicht mich zu sehen, oder mit mir zu reden — es könnte der Tod von uns Beiden sein. Vertraue deine Gedanken dem ausgezeichneten Hartley, welcher der Schutzengel von uns Allen war, so wie ein jeder der Stämme Israels einen Schutzengel besaß. Was du wünschen wirst, und zu was er deinetwegen rathen wird, soll geschehen, wenn es in der Macht einer Mutter liegt — und die Liebe einer Mutter! kann das Meer sie begrenzen, oder können Wüsten und Entfernungen ihre Grenzen messen? O, Kind meines Kummers! Q Benoni, dein Geist sei bei dem weinigen, wie der meinige bei dem deinigen weilt. Z. M." Nachdem alle diese Anordnungen getroffen waren, erlangte die unglückliche Dame von ihrem Gemahle die Erlaub- niß, ihren Sohn bei dessen Abschiedsbesuche zu sehen, welcher auf so verhängnißvolle Weise endigte. Hartley entledigte sich deßhalb ihres Auftrags, den er als ihr Vertrauter erhalten hatte, als der Vollstrecker ihres letzten Willens. »Sicherlich," dachte er, als er nach Beendigung seiner Mitthcilung im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen, „sicher- lich werden die Teufel des Ehrgeizes und der Habsucht ihre Klauen bei einem Zauber wie diesem hier von jenem Manne zurückzichen, den sie bis jetzt als ihre Beute fcstgehalten haben." Wirklich hatte Richards Herz von Stein sein müssen, wäre er nicht durch dieses erste und letzte Zeugniß der Liebe seiner Mutter gerührt worden. Er lehnte seinen Kopf auf den Tisch und seine Thronen stoßen reichlich. Hartlep ließ ihn länger als eine Stunde ungestört, und fand ihn bei seiner Wiederkehr beinahe in derselben Stellung, worin er ihn verlassen hatte. „Ich bedaure, Euch in diesem Augenblick stören zu müssen," sagte er, „allein ich muß mich noch eines Theils meiner Pflicht entledigen. Ich muß Euch die Summe überreichen, die Eure Mutter mir einhändigte; ich muß Euch auch daran erinnern, daß die Zeit schnell entflieht, und daß Euch kaum eine oder zwei Stunden zur Entscheidung des Entschlusses übrig sind, ob Ihr Eure indische Reise unter der neuen Aussicht der Umstände antreten wollet, die ich für Euch eröffnet habe." Middlemas nahm die Banknoten, welche seine Mutter ihm hinterlassen hatte. Als er jedoch den Kopf erhob, konnte Hartley bemerken, daß sein Antlitz von Thränen benetzt war. Er zählte jedoch das Geld mit kaufmännischer Genauigkeit, und obgleich er die Feder, um de» Empfangschcin zu schreiben, mit dem Ausdruck untröstlicher Niedergeschlagenheit ergriff, verfaßte er dennoch denselben in gut gewählten Ausdrücken, wie ein Mann, der all sein Geistesvermögen vollkommen zur Verfügung hat. „Und jetzt," sagte er mit betrübter Stimme, „gebt mir meiner Mutter Erzählung." Hartley fuhr beinahe auf und erwiderte schnell: „Ihr habt den Brief der armen Dame, der an Euch gerichtet war, erhalten — die Erzählung ist für mich bestimmt. Sie ist für mich ein Zeugniß, daß mir die Verfügung über eine große Geldsumme anheim gegeben ist; sie betrifft die Rechte dritter Parteien und ich darf sie nicht ausliefern." „Sicherlich wäre es besser sie mir zu überliefern, wäre es nur darüber zu weinen," erwiderte Middlemas. „Mein Schicksal, Hartley, ist sehr grausam gewesen; Ihr seht, daß meine Eltern mich zu ihrem unzweifelhaften Erben einsctzen wollten, allein ihre Absicht wurde durch Zufall vereitelt, und jetzt kömmt meine Mutter mit gut gemeinter Zärtlichkeit und gibt, ivährend sie mein Glück zu befördern wähnt, ein Zeugniß, um dasselbe zu zerstören — kommt Hartley — Ihr müßt das Bewußtsein -egen, daß meine Mutter diese Einzelnbeiten nur deßhalb niederschrieb, damit ich davon in Kenntniß gesetzt würde; ich bin der rechtmäßige Besitzer der Papiere und bestehe darauf, dieselben zu erhalten." „Es thut mir leid, daß ich darauf bestehen muß, Euer Gesuch Euch abzuschlagen," erwiderte Hartley, indem er die Papiere in seine Tasche steckte. „Ihr mußt bedenken, daß diese Mittheilungen, wenn sie auch die eitlen und grundlosen Hoffnungen zerstörten, denen Ihr Euch hingegeben habt, dennoch zu derselben Zeit Euer Kapital mehr wie verdreifacht haben; daß ferner viele Millionen nicht halb so viel Wohlstand besitzen als Ihr, wenn auch einige Hunderte oder Tausende in der Welt reicher sind. Setzt also Eurem Unstern einen tapferen Muth entgegen und zweifelt nicht an Eurem Erfolg im Leben." Seine Worte schienen tief in die finstere Seele von Middlemas einzudringcn; er schwieg einen Augenblick und antwortete dann gleichsam widerstrebend mit schmeichelnder Stimme. „Mein theurer Hartlcy, wir find lange Gefährten gewesen, Ihr könnt weder Vergnügen daran empfinden, meine Hoffnungen zu Grunde zu richten, noch ein Interesse dabei haben; Ihr könnt im Gegentheil Beides in deren Beförderung finden. Monpada's Vermögen wird mich in Stand setzen, 5 ooo Pfd. dem Freunde zu übermachen, welcher mir in meinen Verlegenheiten dienen wird." „Guten Morgen, Herr Middlemas," sagte Hartlcy indem er sich anschickte fortzugehen. „Nur noch einen Augenblick," sagte Middlemas, indem er seinen Freund am Rockknopfe zurückhielt, „ich wollte 10,000 sagen, und — und — heirathet wen Ihr wollt — ich will Euch nicht im Wege stehen." „Ihr seid ein Schurke," sagte Hartlcy, indem er sich von ihm losriß,"'„ich habe Euch immer dafür gehalten." „Und Ihr," erwiderte Middlemas, „seid ein Narr, ich habe Euch nie für etwas Besseres gehalten. Fort geht er — mag er sich packen, mein Trumpf ist auSgespiclt und das Spiel verloren. Ich muß jetzt meinen neuen Einsatz verstecken; Indien muß das Spiel sein, das ich im Rückhalt habe." Alles war für seine Abreise bereit, ein kleines Schiff und ein zünftiger Wind brachte ihn und andere militärische Herren nach den Downs, wo der Ostindienfahrcr, welcher zu ihrer Ueberfahrt dienen sollte, für ihre Aufnahme bereit lag. Seine ersten Gefühle waren ziemlich trostlos; von Kindheit jedoch daran gewöhnt, seine inneren Gedanken zu verbergen, wurde er im Laufe einer Woche der munterste und wohlerzogenste Passagier, welcher jemals die lange und ermüdende Reise zwischen Altengland und den indischen Besitzungen desselben wagte. In Madras, wo die Geselligkeit der dort ansässigen Einwohner in Begeisterung überzugehen pflegt, sobald ein Fremder von angenehmen Eigenschaften dort erscheint, erfuhr er die herzliche Gastfreundschaft, welche für den brittischen Charakter im Osten charakteristisch ist. MiddlemaS wurde in der Gesellschaft gut ausgenommen und befand sich im besten Zuge, um bei jeder Gasterei des Ortes ein unentbehrlicher Theilnehmer zu werden, als das ^Schiff in derselben Kolonie ankam, auf welchem Hartley die Stelle eines Unterarztes einnahm. Der Letztere würde wegen seines Amtes keinen Anspruch auf viele Höflichkeit und Aufmerksamkeit gehabt haben, allein dieser Nachtheil wurde dadurch ausgeglichen, daß er die gewichtigsten Empfehlungsbriefe des General Witherington und anderer Personen von Einfluß in Leadcrhall Street, an die Freunde des Generals, an die vornehmsten Einwohner der Kolonie besaß. Er mußte sich deßhalb wiederum in denselben Kreisen wie Middlemas bewegen, und hatte die Wahl entweder in seinen Berührungen mit ihm äußere Höflichkeit und Zurückhaltung zu zeigen oder gänzlich mit ihm zu brechen. 783 Das elftere Verfahren wäre vielleicht das Klügste gewesen, das andere war aber dem derben und einfachen Charakter Hartley's angemessener, welcher cs weder für zweckmäßig, noch behaglich hielt, einen Anschein freundlichen Verkehrs zu bewahren, um Haß, Verachtung und gegenseitigen Widerwillen zu verbergen. Der gesellschaftliche Umgang in Fort St. George war damals auf engere Kreise als später beschränktz die Kälte der jungen Leute gegen einander wurde deßhalb bald bemerkt. Es wurde ruchbar, daß sie einst innige Freunde und Gefährten in ihren Studien gewesen waren; dennoch bemerkte man, daß sie nicht gern Einladungen zu denselben Gesellschaften annahmen. Das Gerücht bezeichnete verschiedene und unverträgliche Gründe für diese Art tödtlichcr Feindschaft, worüber Hartley sich nichts bekümmerte, während Lieutenant Mtddle- mas Sorge trug, zu Verbreitung desjenigen Geredes aufzumuntern, welches die Ursache des Streites am günstigsten für ihn darstellte. »Ein wenig Nebenbuhlerschaft hat einmal stattgefunden," sagte er, wenn ihn ein Herr um eine Erklärung befragte. Ich habe nur das Glück gehabt, in der guten Meinung einer schönen Dame größere Fortschritte zu machen, als mein Freund Hartley, welcher einen Zank daraus machte, wie man dieß hier noch sieht. Ich halte es für sehr albern, daß er mir dieß bei einer solchen Entfernung der Zeit und des Raumes jetzt noch nachträgt; es thut mir sehr leid, jedoch mehr, weil die Sache einen sonderbaren Anschein erhält, als wegen irgend eines anderen Grundes; mein Freund besitzt jedoch wirklich einige gute Eigenschaften." Während dies Geflüster seine Wirkung in der Gesellschaft hatte, entstand daraus kein Hinderniß, daß Hartley nicht die 78^ schmeichelhaftesten Versicherungen der Ermuthigung und amtlicher Beförderung von der Regierung in Madras erhielt, sobald eine Gelegenheit sich darbieten sollte. Bald nachher bekam er die Nachricht, daß ein ärztliches Amt sehr gewinn- reicher Art ihm in einer entfernten Niederlassung übertragen sei, wodurch er auf einige Zeit von Madras und der Nähe dieser Stadt entfernt wurde. Hartlep segelte somit nach seinem entfernten Bestimmungsorte ab; man bemerkte hierauf, daß der Charakter von Midd- lemas nach seiner Abreise sich in unangenehmen Farben zu zeigen begann, als sei das Hemmniß entfernt worden, welches bis dahin denselben Einhalt that. Man bemerkte, daß dieser junge Mann, dessen Sitten während der ersten Monate seiner Ankunft in Indien so höflich gewesen waren, einen hochmüthi- gen und herrschsüchtigen Geist äußerte. Er hatte aus Gründen, welche der Leser vermuthen kann, die jedoch im Fort St. George als bloße alberne Launen erschienen, den Namen Tresham zu demjenigen hinzugefügt, unter welchem er bisher bekannt war; hierauf bestand er mit einer Störrigkeit, welche mehr dem Stolze, als der List seines Charakters angehörte. Der Oberstlieutenant des Regiments, ein alter mürrischer Pedant im Dienste, hatte keine Lust, der Laune des Kapitäns (denn dieß war jetzt der Rang von Middlemas), irgendwie nachzugeben. „Ich kenne," sagte er, „einen Offizier nur bei dem Namen, welcher in seinem Patente angegeben ister redete deßhalb den Kapitän bei jeder Gelegenheit mit Middlemas an. An einem verhängnißvollen Abend wurde der Kapitän so ärgerlich, daß er die bestimmte Aeußerung that, er kenne am besten seinen eigenen Namen. „Nun, Kapitän Middlemas," erwiderte der Oberst, „nicht 785 jedes Kind kennt seinen eigenen Vater; wie kann deßhalb Jemand seinen eigenen Namen kennen?" Der Bogen war auf Gerathewohl gespannt worden, allein der Pfeil fand einen Spalt in der Rüstung und drang tief ein. Ungeachtet aller versuchten Vermittlung bestand Middlemas darauf, den Oberst zum Duell zu fordern, der sich ebenfalls nicht zu einer Entschuldigung überreden ließ. „Wenn Kapitän Middlemas," sagte er, „der Meinung ist, daß ihm die Mütze paßt, so ist er mir willkommen, wenn er sie tragen will." Die Folge war ein Duell. Nachdem die Schüsse gewechselt waren, boten die Sekundanten ihre Vermittlung an. Middlemas wies dieselbe zurück und hatte beim zweiten Feuer das Unglück, seinen commandirenden O'fizier zu erschießen. In Folge dessen mußte er aus den brittischen Niederlassungen fliehen; weil man ihn nämlich allgemein darüber tadelte, daß er den Streit bis zum Aeußersten getrieben habe, so herrschte kein Zweifel, daß alle Strenge der militärischen Disciplin den Verbrecher treffen würde. Middlemas verschwand deßhalb auö dem Fort St. George; Anfangs zwar machte die Sache viel Lärm, bald aber wurde nicht länger von ihm gesprochen. Man glaubte im Allgemeinen, er suche das Glück, welches er in den brittischen Niederlassungen nicht länger hoffen könne, am Hofe eines eingebornen Fürsten. Das gefährl. ». and. Erzähl. so 786 Zehntes Kapitel. Nach dem verhängnißvollcn, im letzten Kapitel erwähnten Duell waren drei Jahre verflossen: Doctor Hartley kehrte von seiner amtlichen Abscndung, welche nur einige Zeit dauerte, nach Madras zurück und erhielt dort Ermuthigung, sich als Arzt niederzulaffen; sobald dieß geschehen war, hatte er Grund zu glauben, daß ein Beruf von ihm gewählt sei, der ihn zu Ruhm und Reichthum erheben werde. Seine Praxis war nicht auf seine Landsleute beschränkt, sondern wurde unter den Eingbbornen sehr gesucht, welche allgemein die Ueberlegenheit der Europäer im ärztlichen Beruf sehr hochschätzen, wie groß auch ihre Vorurtheile gegen dieselben in anderer Hinsicht sein mögen. Dieser gewinnreiche Zweig seiner Praxis nöthigte Hartley zur Erlernung der orientalischen Sprachen, um ohne Dollmetscher mit seinen Kranken verkehren zu können. Er hatte genug Gelegenheit sich als Sprachkundiger zu üben; denn aus Dankbarkeit für die großen Honorare der reichen Moslem und Hindu's, wie er im Scherz zu sagen pflegte, leistete er den Armen aller Nationen umsonst seine ärztliche Hülfe, so oft dieselbe in Anspruch genommen wurde. Eines Abends ließ ihn eine Botschaft des Regierungs- Sekretärs rufen, damit er sich zu einem Kranken von Bedeutung begebe. „Es ist weiter nichts als ein Fakir*)," hieß es in der ^ *) Pilger- Botschaft, Ihr werdet ihn am Grabe von Cara Razr, dem mahomedanischen Heiligen und Doctor, ungefähr eine Meile vom Fort, finden; erkundigt Euch nach ihm unter dem Namen Barak el Hadschi. Ein solcher Patient verspricht Euch kein Honorar; wir wissen aber, wie wenig Ihr Euch um Goldstücke bekümmert, und außerdem ist die Regierung bei dieser Gelegenheit Euer Zahlmeister." „Das ist das Letzte, woran ich zu denken pflege," dachte Harllcy, und begab sich sogleich in seinem Palankin an den ihm angewiesenen Ort. Das Grab des Owliah oder mahomedanischen Heiligen Rast war ein von jedem guten Muselmann sehr verehrter Ort. Er lag in der Mitte eines Haines von Magnolien und Tamarinden, war aus rothem Stein erbaut, und hatte drei Kuppeln, sowie Minarette an jeder Ecke. Wie gewöhnlich lag vor demselben ein Hof, um welchen Zellen zur Aufnahme der Fakirs errichtet waren, die aus Andacht das Grab besuchten und länger oder kürzer, je nach ihrem Gutdünken, verweilten, während sie von den Almosen der Gläubigen lebten, die es niemals unterlassen, dieselben als Belohnung für die Wohlthaten ihres Gebetes ihnen zu geben. Diese Pilger beschäftigten sich Tag und Nacht mit dem Ablesen von Koran- versen vor dem Grabmahle, welches, aus weißem Marmor erbaut, Inschriften von Sprüchen ans dem Buche des Propheten und den verschiedenen Benennungen enthielt, welche der Koran auf das höchste Wesen übertragen hat. Ein solches Grab, und es gibt deren viele, wird mit seinen Anhängseln und Bewohnern während der Kriege und Revolutionen geachtet, und zwar nicht weniger von Ferengis *) und Hindu'S, Franken, Europäer. als von den Mahomedanern selbst. Die Fakirs dagegen dienen als Spione allen Parteien, und werden oft zu geheimen Aufträgen von Wichtigkeit gebraucht. Hartley fügte sich der mahomedanischen Sitte, zog die Schuhe am Thore des heiligen Gebäudes aus, vermied es Anstoß dadurch zu geben, daß er dem Grabe zu nahe kam, und ging zu dem vornehmsten Mollah oder Priester, welcher sich durch die Länge seines Bartes und die Größe der hölzernen Kugeln seines Rosenkranzes aus;eichnete, womit die Mahomedanern, ebenso wie die Katholiken, ein Register ihrer Gebete halten. Eine solche Person, ehrwürdig durch Alter, Heiligkeit des Rufes und wirkliche oder angebliche Verachtung weltlichen Treibens und Genusses, gilt als der Vorsteher eines Hauses dieser Art. Durch seine Lage ist es dem Mollah gestattet mit Fremden mehr zu verkehren als seine jüngeren Gefährten; Letztere blieben bei unserem Fall ruhig sitzen, indem sie ihre Blicke auf den Koran hefteten und ihre Gebete murmelten, ohne den Europäer zu beachten oder auf seine Worte zu hören, als derselbe sich bei ihrem Vorsteher nach Barak cl Hadschi erkundigte. Der Mollah saß auf der Erde; er stand nicht auf und gab auch kein Zeichen von Achtung; er unterbrach auch nicht die Hersagung seines Rosenkranzes, sondern fuhr fort, seine Kugeln zu zählen so lange Hartley redete. Als derselbe geendigt hatte, erhob der alte Mann seine Augen, als bemühe er sich, dasjenige, was ihm gesagt war, sich in's Gedächtniß zurückzurufen, wies zuletzt auf eine der Zellen und begann wieder seine Andacht, als sei er ärgerlich über Alles, was seine Aufmerksamkeit von seinen geheiligten Pflichten, wenn auch nur für einen Augenblick, abzöge. Hartley trat in die ihm bezeichnete Zelle mit dem gewöhn- 789 lichcn Gruß Salam Alaikum *). Sein Patient lag auf einem kleinen Teppich in einem Winkel der kleinen weißangeftrichenen Zelle. Er war ein Mann von ungefähr 40 Jahren in dem schwarze» Anzug seines O-dens, welcher sehr abgcrieben und oft geflickt zu sein schien. Er trug eine hohe kegelförmige Mütze aus tartarischem Filz, und um seinen Hals eine Schnur mit den schwarzen Kügelchen, welche seinem Orden angehört; seine Augen und seine Stellung zeigten körperliches Leiden an, welches er mit stoischem Gleichmut- ertrug. „Salam Alaikum!" sagte Hariley, „Ihr leidet, mein Vater?" — Ein Titel, den er eher dem Stande als den Jahren des Angeredeten ertheilte. „Salam alaikum bema sabastcm!" erwiderte der Fakir; „es ist Euer Heil, daß Ihr geduldig gelitten habt; so spricht das Buch, wird der Gruß der Engel denjenigen sein, welche das Paradies betreten." Nach dieser Eröffnung des Gespräches erkundigte sich der Arzt nach den Leiden des Kranken und verschrieb die von ihm für paffend gehaltenen Mittel. Hierauf wollte er sich entfernen, als der Fakir ihm zu seinem großen Erstaunen einen Ring von einigem Werthe reichte. „Die Weisen," sagte Hartley, indem er das Geschenk ablehnte, und zugleich ein paffendes Compliment der Mütze und dem Rocke des Fakirs machte — „die Weisen aller Länder sind Brüder, meine linke Hand nimmt nicht den Lohn meiner rechten." „Ein Feringi also kann Geld ausschlagen," sagte der Fakir; „ich dachte, sie nähmen dasselbe aus jeder Hand, sie sek so rein wie die einer Huri, oder aussätzig wie die eines Friede sei mit Euch. 790 Dschehasi — sowie der hungrige Hund nicht beachtet, ob das Fleisch, das er frißt, von dem Kameel des Propheten, oder vom Esel Dedschial stammt, dessen Haupt der Fluch des Propheten treffe!" „Das Buch spricht," erwiderte Hartley, „daß Allah die Herzen verschließt und erweitert. Frank und Muselmann sind gleich gebildet nach seinem Willen." „Mein Bruder spricht weise," erwiderte der Kranke: „willkommen die Krankheit, wenn sie dich mit einem weißen Arzte bekannt macht; denn es spricht der Dichter: „„es ist dein Heil, daß du zur Erde fielest, wenn du dort kriechend einen Diamant entdeckest "" Der Arzt machte seinem Kranken wiederholte Besuche, auch nachdem die Gesundheit des Hadschi gänzlich wiederhergestellt war. Er konnte leicht in ihm einen der geheimen Agenten erkennen, welche von asiatischen Fürsten häufig gebraucht werden. Sein Verstand, seine Kenntniß, und vor Allem seine Gewandtheit und Freiheit von Vorurtheilen jeder Art setzten es außer Zweifel, daß Barak die nothwendigen Eigenschaften zur Leitung solcher kitzlichen Verhandlungen besaß, während der Ernst seiner Gewohnheiten und seines Standes nicht verhindern konnte, daß seine Gesichtszüge gelegentlich einen Ausdruck heiterer Laune zeigten, der sonst bei den Andächtigen seiner Klaffe nicht gewöhnlich ist. Barak el Hadschi sprach öfter in den Privatunterredungen mit Hartley über die Macht und Würde des Nawob von Mysore, und dieser hegte wenig Zweifel, daß sein neuer Bekannter vom Hofe Hyder Ali's wegen einer geheimen Mission abgeschickt sei, vielleicht um einen festeren Frieden mit jenem fähigen und scharfsichtigen Fürsten und der ostindischen Compagnie zu Stande zu bringen — das damals bestehende Verhältniß zwischen beiden Mächten galt nämlich nur für einen hohlen und ohne Aufrichtigkeit abgeschlossenen Waffenstillstand. Er erzählte mehrere Geschichten zum Vortheil dieses Fürsten, welcher sicherlich einer der weisesten war, dessen Hindostan sich rühmen konnte — ein Fürst, welcher unter den großen Verbrechen, die er zu Befriedigung seines Ehrgeizes vollbrachte, sehr häufig fürstliche Großmuth, und was noch erstaunenswerther war, unparteiische Gerechtigkeit übte- Bei einer Gelegenheit besuchte Barak el Hadschi kurz vor seiner Abreise aus Madras den Doctor und kostete dessen Scherbet, welchen er seinem eigenen vorzog, vielleicht weil einige Gläser Rum oder Branntwein hinzugesügt waren, um das Getränk zu veredeln. Wahrscheinlich wurde der Pilger ungewöhnlich freigebig in seinen Mittheilungen, weil er sich zu wiederholten Malen an den Krug wandte, der die edle Flüssigkeit enthielt; er begnügte sich nicht mit der Lobpreisung seines Nawob in der übertriebensten Bildersprache, sondern begann auch auf den Einfluß hinzuweisen, den er selbst über den Unbesiegltchen, über den Herrn des Glaubens und das Schild des Propheten besaß. „Bruder meiner Seele," sagte er, „hege nur den Gedanken, daß du einer Sache bedarfst, die dir der allmächtige Hpder Ali Khan Bohauder geben kann, und dann bediene dich nicht der Vermittlung derer, welche in Palästen wohnen, und denen Juwelen im Turban strahlen, sondern suche die Zelle deines Bruders in der großen Stadt, welche man Seringapatam nennt, und der arme Fakir in seinem zerrissenen Kleid wird besser dein Gesuch dem Nawob vortragen (Hyder Ali nahm den Titel Sultan nicht an), als diejenigen, welche den Sitz der Ehre im Divan einnehmen." Mit diesen und mehreren anderen Ausdrücken seiner Rück- sicht ermahnte er Hartley, nach Mysore zu kommen, und das Antlitz des großen Fürsten zu schauen, dessen Blick Weisheit einflöße und dessen Wink Reichthum übertrage, so daß Thor- hcit oder Armuth nicht vor ihm erscheinen könnten. Zugleich machte er Hartley den Antrag, die Güte, die er ihm erwiesen habe, dadurch zu vergelten, daß er ihm Alles zeigen wolle, was der Aufmerksamkeit eines Weisen im Lande Mysore wertd sei- Hartley zeigte kein Widerstreben, die Unternehmung der vorgeschlaqenen Reise zu versprechen, wenn das gute Ver- ständniß beider Regierungen dasselbe gestatte, und dachte auch in Wirklichkeit mit vielem Interesse an die Möglichkeit eines solchen Ereignisses. Die Freunde schieden mit gegenseitiger Zuneigung, nachdem sie nach orientalischem Brauch Geschenke ausgetauscht hatten, welche weisen Männern geziemten, bei denen man voraussetzen mußte, daß Kenntniß ihnen theurer sei als Reichthum. Barak el Hadschi schenkte Hartley ein kleines Gewicht Balsam von Mecca, den man in unverfälschter Form nur sehr schwer erlangen kann, und gab ihm zugleich einen Paß besonderer Art, welcher, wie er versicherte, von jedem Beamten des Nawob geachtet werden würde, im Fall sein Freund die Reise nach Mysore wirklich auszuführen gedenke. „Der Kopf dessen, der diesen Geleitsbrief mißachtet," sagte er, „wird nicht sicherer sein, als die Aehre des Gerstenstengels, welche der Schnitter mit der Hand ergreift." Hartley erwiederte diese Höflichkeit durch einige Arzneien, die man im Osten noch wenig kannte, die jedoch nach seiner Meinung unter gewissen paffenden Anleitungen einem so verständigen Manne, wie seinem mahomedanischen Freunde, unbedenklich anvertraut werden konnten- Einige Monate, nachdem Barak nach dem Innern von Indien zurückgekehrt war, wurde das Erstaunen von Hartley durch ein unerwartetes Zusammentreffen erregt. Die Schiffe von Europa waren vor Kurzem angelangt und hatten ihre gewöhnliche Ladung von Burschen, die Offiziere werden wollten, und von jungen Frauenzimmern üder- bracht, die nicht in der Absicht sich zu verheirathen herüber- gekommen waren, sondern welche nur eine fromme Pflicht gegen einen Bruder, Oheim oder andern männlichen Verwandten nach Indien brachte, um dessen Haushaltung zu besorgen, bis sie sich unerwartet in ihren eigenen Haushaltungen befinden würden. Doctor Hartley war zufällig bei einem öffentlichen Frühstück, welches bei dieser Gelegenheit von einem hoch im Dienst stehenden Herrn gegeben wurde. Das HauS seines Freundes war nämlich durch die ihm crtheilte Zuweisung von drei Nichten bereichert worden, die der alte Herr, welcher mit Recht große Anhänglichkeit zu seiner ruhigen Hukah ") und außerdem, wie man sagte, zu einem hübsckien farbigen Mädchen hegte, dem Publikum anzubicten wünschte, damit er sobald als möglich sie sich vom Halse schaffen könne. Hartley, welcher als ein Fisch galt, dessen Fang wohl die Auswertung eines Köders verdiene, betrachtete diese hübsche unterzubringende Sendung mit sehr wenig Theilnahme, als er hörte, wie Einer aus der Gesellschaft zu einem Andern in sehr leisem Tone sagte: „Ihr Engel und Diener des Himmels, dort ist ja unsere alte Bekanntschaft, die Königin von Saba, und zwar als unverkaufbare Waare uns wieder zurückgeschickt!" Hartley blickte nach derselben Richtung wie die beiden sich unterrcdendcn Herren, und sein Auge fiel auf ein der *) Das Geräth, woraus man im Orient Tabak raucht. 794 Semiramis ähnliches Weib, welches, ungewöhnlich an Körpergröße und Umfang, ein so zugeschnittenes, sowie mit Treffen und Schnüren besetztes Rcitkleid trug, daß es dem Oberrock eines eingebornen Häuptlings glich. Ihr Weiberrock bestand aus karmosinrother Seide mit prächtigen Goldblumen; sie trug weite Beinkleider von hellblauer Seide und einen feinen Scharlachshawl um die Hüften, in welchem ein Kries*) mit reichverziertem Griff steckte; ihr Hals und ihre Arme waren mit Ketten und Spangen überladen, und ihr Turban, aus einem ähnlichen Shawl wie derjenige, der sich um ihre Hüften wand, mit einem prächtigen Federbusch geschmückt, aus welchem eine blaue Straußenfeder nach einer Richtung, und eine rothe nach der andern schwebte. Die Stirne, von europäischer Hautfarbe, worauf dieser Kopfschmuck ruhte, war zu hoch für Schönheit, schien jedoch zum Befehl geschaffen; die Adlernase behielt ihre Gestalt, allein ihre Wangen waren etwas eingesunken, und deren Roth so glänzend, daß sie einen starken Beweis gaben, das ganze Gesicht habe eine vollständige Ausbesserung erlitten, seitdem die Dame von ihrem Lager aufgestanden war. Eine schwarze Sclavin stand hinter ihr mit einem Tschauri, d. h. einem Kuhschwanz mit silbernem Griff zu Abwehrung der Insekten. Aus der Weise, wie die Herren sie anrcdeten, mit denen sie sprach, schien die Dame eine Person von zu viel Wichtigkeit, als daß man sie hätte beschimpfen oder vernachlässigen dürfen, dennoch aber eine solche zu sein, mit welcher Niemand weiteren Verkehr zu haben wünschte, als wie die Gelegenheit schicklich erheischte. Sie entbehrte jedoch nicht der Aufmerksamkeiten. Der *) Dolch- 795 wohlbekannte Kapitän eines erst kürzlich aus England angekommenen Ostindienfahrers erwies ihr eifrige Höflichkeit, und zwei oder drei Herren, die Hartley als Kaufleute kannte, bemühten sich, ihr ebensoviel Sorgfalt zu zeigen, als sie auf die Sicherheit eines reichen Kanffahrers verwandt haben würden. „Um des Himmels willen, was ist das für eine Zenobia?" fragte Hartley den Herrn, dessen Geflüster zuerst seine Aufmerksamkeit auf die gewaltige Dame gelenkt hatte. „Ist es möglich, daß Ihr die Königin von Saba nicht kennt!" sagte der Herr, an welchen die Frage gerichtet war, durchaus nicht abgeneigt, die verlangte Mittheilung zu geben. „So müßt Ihr denn wissen, daß sie die Tochter eines schottischen Emigranten ist, welcher als Sergeant in Lally's *) Regiment lebte und starb. Es gelang ihr, einen Offizier aus einem Freicorps, Namens Montreville, einen Schweizer oder Franzosen, ich weiß nicht von welcher Nation, zu heirathen. Nach der Uebergabe von Pondichery hat dieser Held und diese Heldin — aber woran zum Teufel denkt Ihr? — wenn Ihr so auf sie hinstarrt, so veranlaßt Ihr einen leidenschaftlichen Auftritt, denn sie wird Euch ohne viele Umstände eine Strafpredigt über den Tisch her halten." Ohne jedoch auf die Vorstellungen seines Freundes zu achten, sprang Hartley von dem Tisch auf, an welchem er saß, und ging eben nicht mit dem Anstande, welchen die Regeln der Gesellschaft erheischen, aus den Platz zu, wo die Dame saß. Der unglückliche französische Offizier, welcher nach der Rückkehr in Frankreich wegen des Unterganges der französichen Macht in Indien enthauptet wurde. 796 „Der Doctor ist sicherlich heute Morgen verrückt," sagte sein Freund, Major Mercer, zum alten Quarticrmeister Calder. Hartley war vielleicht in dem Augenblick nicht ganz bei Sinnen; während er nämlich auf die Königin von Saba blickte, als er dem Major Mercer zuhörte, fiel sein Auge auf eine leicbte weibliche Gestalt an ihrer Seite, welche sich so gesetzt hatte, als wünsche sie sich unter der massenhaften Gestalt und den fließenden Gewändern, die wir beschrieben haben, zu verstecken; zu seinem außerordentlichen Erstaunen erkannte er die Freundin seiner Kindheit und die Geliebte seiner Jugend — Menie Grap in eigener Person. Der Umstand, sie in Indien zu sehen, mußte schon allein Erstaunen erregen. Seine Ueberraschung wurde um so mehr gesteigert, als er sie unter einem offenbar so sonderbaren Schutz erblickte. Die natürliche und unmittelbare Weise, den Gefühlen nachzukommen, welche ihr Erscheinen erregte, bestand darin, daß er zu ihr hinging und sie anredete. Seinem Ungestüm wurde jedoch Einhalt gethan; als er auf Miß Gray und ihre Gefährtin zuging, bemerkte er, daß die Erstere, obgleich sie auf ihn blickte, nicht das geringste Zeichen der Wiedererkennung gab, wenn er nicht eine Bewegung sich so erklären konnte, wodurch sie ihre Oberlippe mit dem Zeigefinger leicht berührte — eine Bewegung, welche, wenn sie nicht zufällig war, sich deuten ließ, als solle damit gesagt sein: „Unterlaßt cs gerade jetzt, mit mir zu reden." Hartley nahm diese Deutung an, blieb plötzlich stehen, und erröthete, denn er merkte, daß er in diesem Augenblick eine alberne Rolle spielte. Er kam noch mehr zu der Ueberzeugung, als Frau Montreville mit einer Stimme, in welcher die Kraft der Töne dem befehlenden Ausdruck ihrer Zuge entsprach, ihn in einem Englisch anredete, welches einen kleinen Beigeschmack von Radebrechen eines Schweizers batte. -,Um weiter nichts zu sagen, Herr, so seid Ihr sehr schnell auf unS zugerannt. Wißt Ihr gewiß, daß man Euch unterwegs die Zunge nicht gestohlen hat?" »Ich glaubte eine alte Freundin in jener Dame zu erblicken, Madame," stammelte Hartley, „es scheint jedoch, daß ich mich geirrt habe." „Die guten Leute sagen mir, Herr, daß Ihr ein gewisser Doctor Hartley seid; nun bin ich und meine gute Frnundin mit einem Doctor Hartley gänzlich unbekannt." „Ich weiß nichts von der Anmaßung, aus Eure Bekanntschaft Anspruch zu machen, Madame — allein —" Hier wiederholte Menie das Zeichen in solcher Weise, daß Hartley, obgleich dasselbe nur vorübergehend war, den Sinn nicht mißverstehen konnte, er änderte deßhalb den Schluß seines Satzes und fügte hinzu: „allein ich habe mich jetzt nur noch zu verbeugen und wegen meines Versehens um Entschuldigung zu bitten." Unfähig, den Saal zu verlassen, zog er sich somit unter die übrige Gesellschaft zurück, und erkundigte sich bei denjenigen, die er als die besten Neuigkeitökrämer bei solchen Fragen, wie die folgende, hielt: „Wer ist jene stattlich aussehende Dame, Herr Butler?" „O, die Königin von Saba sicherlich." „Und wer ist das hübsche Mädchen, das dort neben ihr sitzt?" „Oder vielmehr hinter ihr," erwiderte Butler, ein Feld- prcdiger; „wahrhaftig, ich kann es nicht sagen — ziemlich hübsch, wie Ihr sagt (er richtete sein Opernglas auf die junge Dame), ja, wahrhaftig, sie ist schön — sehr schön — Gott, 798 sie schießt ihre Blicke so scharf hinter jenen alten Fleischmassen auf uns -in, wie Teurer hinter dem Schilde des Ajax Tela- montus." „Aber wer ist sie, könnt Ihr mir es nicht sagen?" „Wie ich glaube, eine von den Spekulationen der alten Montrcville in schönen Gesichtern, die sie entweder selbst als dienstbare Geister gebrauchen will, oder womit sie einen ihrer schwarzen Freunde zu fangen gedenkt; ist es möglich, daß Ihr niemals von Mutter Montrcville gehört habt?" „Wie Ihr wißt, bin ich lange von Madras abwesend gewesen." „Wohlan," fuhr Butler fort, „diese Dame ist die Wittwe eines Schweizeroffiziers in der französischen Armee, welcher nach der Einnahme von Pondichery in's Innere durchging und Soldat auf eigene Rechnung wurde. Er setzte sich in Besitz eines Forts unter dem Vorwände, dasselbe für irgend einen Pinsel von Radschah *) zu commandiren; er sammelte nun sich einen Schwarm verzweifelter Landstreicher von jeder Farbe des RegenbogenS, nahm ein beträchtliches Gebiet in Besitz, von welchem er die Abgaben in seinem eigenen Namen erhob, und erklärte sich für unabhängig. Hyder Näg nahm jedoch diese Pfuscherei in sein Handwerk übel auf, zog mit einem Heer herbei, belagerte das Fort und nahm es ein. Einige jedoch behaupten, cs sei ihm durch den Verrath desselben Weibes überliefert worden. Sei dem, wie ihm wolle, der arme Schweizer wurde todt auf den Wällen gefunden; gewiß ist, daß sie unter dem Vorwände, ihre Truppen zu zahlen, Bergfesten zu überliefern, und der Himmel weiß, was sonst, große Geldsummen bekam. Sie erhielt auch die Er- Fürgen. 799 laubniß, einige äußere Auszeichnungen des Königthums beizu- behalten, und da sie von Hyder als dem Salomo des Ostens spricht, ist sie gemeiniglich unter dem Titel der Königin von Saba bekannt. Sie verläßt ihren Hof nach Belieben, und ist schon früher im Fort St. George gewesen. Kurzum, sie thut so ziemlich Alles, was sie will. Die Mächtigen hier benehmen sich höflich gegen dies Weid, obgleich sie dasselbe für eine Art Spion halten. Was Hyder betrifft, so vermuthet man, er habe sich ihre Treue dadurch gesickert, daß er den größten Tbeil ihrer Schätze von ihr erborgte — ein Umstand, weß- halb sie nicht mit ihm zu brechen wagt; außerdem gibt man noch andere Ursachen an, die sehr nach Skandal anderer Art schmecken." „Eine sonderbare Geschichte," antwortete Hartlcy seinem Gesellschafter, während sein Herz bei der Frage verweilte, „wie ist es möglich, daß die sanfte und einfache Menie Gray sich im Gefolge eines so abenteuerlichen Weibes befindet?" „Aber Butler hat den besten Theil der Geschichte ausgelassen," sagte Major Mercer, welcher herbcikam, um seine eigene Geschichte zu beendigen. „Euer alter Bekannter, Herr Trcsham, oder Middlemas, oder wie er sich sonst zu nennen beliebt, hat vom Gerüchte das Compliment erhalten, daß er sehr hoch in der Gnade dieser Amazone stehe. Er hat wenigstens einige Truppen commandirt, die er noch auf den Beinen hält, und hat an ihrer Spitze in der Armee deö Nawob gesockten, der ihn schlauerweise bei jeder Gelegenheit gebraucht, wo er seinen Landsleuten durchaus verhaßt werden muß. Die brittischen Gefangenen wurden ihm anvertraut, und nach dem, was ich selbst empfunden habe, kann der Teufel bei ihm Unterricht in der Strenge nehmen." 800 „Stand er in einem Verhältnisse oder in irgend einer Verbindung mit diesem Weibe?" „Frau Fama hat uns so in unserem Loche berichtet. Der arme Jack Ward erhielt die Bastonade, weil er ihre Verdienste in einer Parodie der Opern-Arie feierte: Noch nie schuf die Natur ein Paar, Das so sich für einander eignet." Hartley konnte nicht länger zuhören. Das Schicksal der Menie Gray, mit solch' einem Manne und solch' einem Weibe verknüpft, drang auf seine Phantasie in den furchtbarsten Farben ein; er war im Begriff sich aus dem Gedränge der Gäste nach einem Orte zu begeben, wo er seine Gedanken sammeln und bedenken könne, was für ihren Schutz zu thun sei, als ein schwarzer Bedienter ihn am Arm berührte und zugleich eine Karte in seine Hand legte, auf welcher stand: »Miß Gray bei Mrs. Montreville, im Hause von Ram Sing Cottah in der schwarzen Stadt." Auf der Rückseite war mit einem Bleistift geschrieben: „8 Uhr Morgens." Die Angabe ihrer Wohnung enthielt natürlich eine Erlaubnis oder vielmehr eine Einladung sie zur festgesetzten Stunde zu besuchen. Hartley's Herz schlug bei der Erwartung, sie noch einmal zu sehen, und noch höher bei dem Gedanken, ihr dienen zu können; er dachte wenigstens, wenn ihr Gefahr nahe ist, wie man beargwöhnen muß, so soll ihr ein Rathgeber und im Nothfall ein Beschützer nicht fehlen; zugleich jedoch empfand er die Nothwendigkeit, sich mit den Umständen ihres Falles und den Personen besser bekannt zu machen, mit denen er in Verbindung zu stehen schien. Buttler und Mercer hatten sehr zum Nachtbeil derselben gesprochen, allein Butler war etwas geckenhaft, und Mercer pflegte gern zu klatschen. Während er überlegte, welchen Glauben er ihren Zeugnissen schenken solle, begegnete ihm unerwartet ein Herr seines eigenen Berufes, welcher das Unglück gehabt hatte, in Hyders Gefangenschaft zu gerathen, allein bei dem letzten Friedensschluss in Freiheit gesetzt war. Herr Esdale, denn dieß war sein Name, wurde allgemein für einen Mann von guten Aussichten, für ruhig, beharrlich und besonnen in Bildung seiner Ansichten gehalten. Hartlcy konnte leicht den Gegenstand der Königin von Saba auf's Tapet durch die Frage bringen, „ob Ihre Majestät nicht etwas von einem abenteuerlichen Weibe habe?" „Auf mein Wort, ich kann das nicht sagen," erwiderte Esdale; „wir Alle haben etwas Abenteuerliches in Indien, mehr oder weniger; ich wüßte nicht, daß es bei der Biegom ") Montreville mehr der Fall ist wie bei den Uebrigen." „Aber dies Kleid und Wesen einer Amazone," bemerkte Hartley, „schmeckt ein wenig nach PicareSca*") ?" „Ihr dürft nicht," erwiderte Esdale, „von einem Weibe, welches Soldaten commandirt hat, und vielleicht wiederum commandiren wird, die Erwartung hegen, daß es wie ein gewöhnliches Frauenzimmer auSsieht und sich kleidet; ich gebe Euch aber die Versicherung, daß sie noch heute eine sehr achtbare Heirath schließen könnte, wenn sie Lust hätte, sich zu vermählen." „Ich habe aber gehört, daß sie die Festung ihres Gemahls an Hyder verrathen hat?" „Das ist ein Muster von der Madras-Klatscherei; die Thatsache ist folgende. Sie vertheidigte den Platz noch lange Zeit, nachdem ihr Gemahl gefallen war, und übergab ihn *) Bicgvm (Bigum), Wittwe. Gaunerei. Das gefährd Schloß u. and. Erzähl, 51 802 nachher durch Kapitulation- Hyder, welcher sich viel darauf zu gut thut, daß er die Regeln der Gerechtigkeit genau beobachtet, würde sonst nicht mit ihr in so genauem Verhält- niß stehen." „Ich habe aber gehört," erwiderte Hartley, „daß ihr Ver- hältniß von der genauesten Art sei?" „Wieder eine Verleumdung, oder wenn Ihr wollt, eine Klatscherei," erwiderte Eüdale; »Hpder ist ein zu eifriger Mahomedaner, um sich mit einer Christin als seiner Geliebten einzulaffeu; ohnedem muß sie, um den Rang zu genießen, welcher einem Weibe in ihrem Zustande ertheilt wird, sich wenigstens äußerlich alles Verkehrs, der wie Galanterie auS- sieht, enthalten. Ebenso hat man dem armen Weibe nachgesagt, daß sie mit dem armen Middlemas vom — Regimente in Verbindung stand." „War das auch ein falscher Bericht?" fragte Hartley in namenloser Angst- „So glaube ich, bei meiner Seele!" erwiderte Esdale; „sie waren Freunde als Europäer an einem indischen Hofe und standen deßhalb in genauem Verkehr; wie ich aber glaube, hat nichts weiter stattgehabt- Beiläufig gesagt, obgleich Ihr, wie ich mich erinnere; einen Zank mit Middlemas, dem armen Kerl, gehabt habt, so werdet Ihr doch sicherlich mit Vergnügen hören, daß sich ihm gute Aussicht darbietet, seine Angelegenheit werde sich ausgleichcn lassen." „Wirklich!" war das einzige Wort, welches Hartley aus- sprcchen konnte- „Ja wirklich," erwiderte Esdale; „das Duell ist jetzt eine alte Geschichte, und man muß zugestehen, daß der arme Middlemas, obgleich er bei der Gelegenheit sehr leidenschaftlich verfuhr, auch seinerseits gereizt war." „Allein seine Desertion — seine Annahme einer Befehlshaberstelle unter Hyder — seine Behandlung unserer Gefangenen — wie kann man dieß unbeachtet lassen?" erwiderte Hartley. „Nun, es ist möglich — ich spreche zu Euch als vorsichtiger Mann und im Vertrauen — daß er uns bessern Dienst in Hyders Hauptstadt oder Tippu'S Lager erweist, als es ihm mit seinem eigenen Regimente möglich gewesen wäre. Was feine Behandlung der Gefangenen betrifft, so kann ich ihm nur Gutes nachsagen. Er war genöthigt, das Amt zu übernehmen, weil diejenigen, welche Hyder Ali dienen, unbedingt gehorchen oder sterben müssen. Er sagte mir aber selbst, und ich glaube ihm auch, daß er das Amt hauptsächlich nur deß- halb angenommen habe, um im Geheimen uns Beistand leisten zu können, während er in Gegenwart der schwarzen Kerle poltere und uns bedrohe. Einige Narren wollten dieß nicht verstehen, und antworteten ihm mit Schmähredcn und Spottgedichten; er war alsdann genöthigt, sie zu bestrafen, um Verdacht zu vermeiden. Ja, ja, ich und Andere können beweisen, daß er sehr gerne uns Dienste erwies, wenn man ihn in seiner Weise verfahren ließ. Ich hoffe, ihm in Madras bald meinen Dank adstatten zu können — Alles das im Vertrauen gesagt — guten Morgen " Durch die widersprechenden Nachrichten verstört, wandte sich Hartley zunächst an den Kapitän des Jndienfahrcrs, Kapitän Capstern, von dem er bemerkt hatte, daß er der Biegom Montrcville viel Höflichkeiten erwies, um denselben weiterhin auszufragen. Als er sich nach den weiblichen Passagieren dieses Offiziers erkundigte, vernahm er einen ziemlich langen Katalog von Namen, worin derjenige nicht vorkam, welcher seine Theil- 804 nähme am meisten in Anspruch nahm. Bei näherer Befragung erinnerte sich der Kapitän, daß Menie Gray, ein junges schottisches Mädchen, unter der Aufsicht der Frau Duffer, der Frau des Proviantmeisters, die Ueberfahrt gemacht habe. «Sie ist ein gutes anständiges Mädchen," sagte Kapitän Cap- stern, «und hielt die Unteroffiziere und Schweine von Matrosen in gehöriger Entfernung; sie ist, wie ich glaube, als eine Art Gesellschafterin oder oberste Magd in der Familie der Madame Montreville herüber gekommen, eine ziemlich behagliche Stelle, wenn sie sich dem alten Weibe beliebt machen kann." Weiter konnte Hartley von Capstern nichts hcrauSbringen; somit war er genöthigt im Zustand der Ungewißheit bis zum nächsten Morgen zu bleiben, wo er von Menie Gray in Person eine Erklärung erwarten konnte. Elftes Kapitel. Zur festgesetzten Stunde fand sich Hartley an der Thüre des reichen eingebornen Kaufmanns ein, welchbr einige Gründe hatte, die Bicgom Montreville sich zu verpflichten und deßhalb derselben nebst ihrem zahlreichen Gefolge beinahe seine große und prächtige Wohnung in der schwarzen Stadt von Madras überließ, wie jener Stadttheil, welchen die Eingebornen bewohnen, genannt wird. Ein Diener führte den Besucher bei der ersten Anmeldung in ein Zimmer» wo er Miß Gray zu sehen erwartete. Das Zimmer öffnete sich an einer Seite in einen Garten, welcher mit den glänzenden Blumensarben östlicher Klimate prangte'; in der Mitte desselben erhob sich der Wasserstrahl eines Springbrunnens und fiel in eine weiße Marmorcisterne zurück. Der Kopf Hartlcy's schwindelte von tausend Erinnerungen; seine früheren Gefühle gegen die Gefährtin seiner Jugend, welche durch die Entfernung und die manchfaltigcn Zufälle eines geschäftigen Lebens geschlummert haben mochten, wurden neu belebt, als er fich in ihrer Nähe und unter Umständen befand, welche durch unerwartetes Vorkommen und geheimniß- vollen Charakter seine höchste Spannung erregten. Ein Schritt ließ sich vernehmen — cs öffnete fich die Thüre — eine Dame kam zum Vorschein — allein es war die stattliche Gestalt der Frau von Montreville. „Worin kann ich Euch dienen, Herr," fragte die Dame, „d. h. wenn Ihr Eure Zunge diesen Morgen wieder gefunden habt, die Ihr gestern verlort?" „Ich hatte die Absicht, der jungen Dame meine Aufwartung zu machen, die ich gestern Morgen in Eurer Ercellcnz Gesellschaft sah," erwiderte Hartley mit achtungsvollem Benehmen- „Ich habe lange die Ehre gehabt, sie in Europa zu kennen und wünsche ihr meine Dienste in Indien anzu- bieten." „Sehr verbunden, sehr verbunden, allein Miß Gray ist ausgegangen und wird in ein oder zwei Tagen nicht wieder zurückkehren, Ihr könnt Bestellungen an sie mir mittheilen." „Verzeiht, Madame," erwiderte Hartley, „ich habe jedoch Grund zur Hoffnung, daß Ihr Euch in dieser Angabe irrt; hier kömmt ja auch die Dame selbst." „Was ist das, meine Theure?" sagte Frau von Montreville, in ruhigem Ton und mit ungerunzelter Stirne zur 806 Menie, als diese eintrat, „seid Ihr nicht auf ein oder zwei Tage ausgegangen, wie ich dem Herrn sagte? — Mis c'est egst — es ist einerlei. Ihr werdet zu Monsieur sagen, wie geht's und Adieu; da der Herr so artig ist, sich nach unserer Gesundheit zu erkundigen und da er sieht, daß wir uns Beide wohl befinden, so wird er wieder nach Hause gehen." »Ich glaube, Madame," sagte Miß Gray, indem sie sich offenbar zu dieser Aeußerung zwang, „daß ich mit diesem Herrn einige Minuten im Geheimen reden muß, wenn Ihr mir cs erlaubt." „Nicht wahr, das heißt, geht fort? ich erlaube es aber nicht —ich kann ein geheimes Gespräch zwischen einem jungen Manne und einem hübschen jungen Weibe nicht leiden; celu n'e8t pus Iionnöte, das darf in meinem Hause nicht geschehen." „So mag es außerhalb desselben geschehen," erwiderte Miß Gray, weder empfindlich noch schnippisch, sondern mit der größten Einfalt — „Herr Hartley wollen Sie in den Garten gehen? Und Ihr, Madame, könnt uns vom Fenster aus beobachten, wenn eine so genaue Ueberwachnng den Sitten des Landes gemäß ist." Mit diesen Worten schritt sie durch eine Gitterthüre in den Garten mit so einfachem Wesen, daß es schien, sie wünsche den Vorstellungen ihrer Beschützerin hinsichtlich des Anstandes sich zu fügen, obgleich dieselben ihr sonderbar schienen. Die Königin von Saba wurde ungeachtet ihrer natürlichen Unverschämtheit durch den Gleicbmuth der Miß Gray außer Fassung gebracht und verließ das Zimmer in offenbarem Aerger. Menie wandte sich zur Thüre zurück, die in den Garten führte, und sagte in derselben Weise wie früher, aber mit weniger Nachlässigkeit des Ausdrucks: „Ich möchte sicherlich keinen Anstoß geben, indem ich die Sitten eines frem- 807 den Landes verletze, ich kann mir aber nicht das Vergnügen versagen, mit einem so alten Freunde zu reden — wenn Herr Hartley," fügte sie hinzu, auf Hartlcy blickend, welcher große Verlegenheit zeigte, „wirklich darüber soviel Vergnügen empfindet wie ich." „So wäre es der Fall gewesen," erwiderte Hartlep, kaum wissend was er sagte — „unter allen Umständen muß cs mir ein Vergnügen sein — aber dieses außerordentliche Zusammentreffen — aber Euer Vater —" Menie Gray's Schnupftuch ruhte an ihren Augen — „Er ist todt, Herr Hartlep. Als er keinen Gehülfen mehr hatte, wurde sein mühsames Geschäft zu viel für ihn — eine Erkältung machte ihn krank und wie Ihr wißt, war er ja der Letzte der sein eigenes Leiden beachtete, bis dasselbe einen gefährlichen und zuletzt tödtlichen Charakter annahm- Ich mache Euch Kummer, Herr Hartlep, es geziemt Euch aber, daß Ihr gerührt seid- Mein Vater liebte Euch sehr." „O, Miß Gray," sagte Hartley, „das hätte nicht das Schicksal seines nützlichen und tugendhaften Lebens sein sollen! — Ach weßhalb — die Frage drängt sich mir unwillkürlich auf, weßhalb konntet Ihr Euch nicht seinen Wünschen fügen — weßhalb —" „Legt mir nicht eine solche Frage vor," sagte Menie, die auf seinen Lippen schwebende Frage verhindernd; „wir vermögen es nicht, unser Schicksal zu bilden. Für mich ist es peinlich, über einen solchen Gegenstand zu reden, und laßt mich ein für allemal Euch sagen, daß ich Herrn Hartlcy Unrecht erwiesen haben würde, hätte ich seine Hand angenommen, während meine grillenhaften Neigungen die Handlung nicht begleiteten." „Weßhalb aber sehe ich Euch hier, Menie — verzeiht mir, 808 Miß Gray, allein meine Zunge wendet sich ebenso wie mein Herz vergessenen Zeiten wieder zu. Weßhalb seid Ihr hier? Weßhalb bei diesem Weibe?" „Die Dame ist allerdings nicht so, wie ich erwartete," antwortete Menie, „ich darf aber keine Vorurtheile wegen fremdartiger Sitten fassen, nachdem ich einmal den entscheidenden Schritt gethan habe; sie ist ohnedem aufmerksam und großmüthig in ihrer Weise, und bald werde ich," sie machte eine Pause und fügte dann hinzu: „Unter besserem Schutze stehen." „Unter dem von Richard MiddlemaS?" fragte Hartley mit stockender Stimme. »Ich sollte vielleicht die Frage nicht beantworten, allein verstellen kann ich mich nicht, und denen, welchen ich vertraue, vertraue ich gänzlich. Ihr habt richtig errathen, Herr Hartley;" fügte sie stark erröthend hinzu, „ich bin hieher gekommen, um mein Schicksal mit dem Eures alten Gefährten zu vereinigen." „Also ist es so wie ich besorgte!" rief Hartley aus. „Weßhalb solltet Ihr Besorgnisse hegen, Herr Hartley?" sagte Menie Gray, „ich hielt Euch für zu edelmüthig. Sicherlich solltet Ihr den Zank, der sich vor so langer Zeit ereignete, durch Verdacht und Haß nicht weiter fortsctzen." „Wenn das Gefühl des Hasses in meiner Brust verweilte, so würde ich wenigstens der Letzte sein, mich Euch aufzudrängen, Miß Gray," erwiderte Hartley, „nur Eurethalben und wegen Eures Wohles allein bin ich wachsam. Wißt Ihr, wer die Person — jener Herr ist, dem Ihr Euer Glück anvertrauen wollt — wißt Ihr in welcheiti Dienst er steht?" „Ich weiß Beides, vielleicht genauer wie Ihr, Herr Hart- ley. Herr Middlemas hat schwer gefehlt, ist aber streng bestraft worden; allein nicht in Zeiten der Verbannung und des Kummers darf das Mädchen, die ihm ihre Treue verpfändet hat, ebenso wie die schmeichelnde Welt den Rücken drehen. Außerdem habt Ihr ohne Zweifel Nichts von seinen Hoffnungen gehört, daß er seinem Range wieder zurückgegeben werben wird." „Ich habe davon gehört," erwiderte Hartlcy, indem er die Vorsicht vergaß, „ich sehe jedoch nicht wie er es anders verdienen kann, als wenn er an seinem neuen Herrn zum Verräther wird, und sich noch unwürdiger des Vertrauens macht, als ich bis jetzt geglaubt habe." „Es ist gut, daß er Euch nicht hört," erwiderte Menie Gray, indem sie sich mit natürlichem Gefühle über die Beschuldigungen ihres Liebhabers ärgerte. Alsdann fügte sie mit sanfterem Tone hinzu, „meine Stimme sollte nicht Euren Zank verbittern, sondern mildern- Herr Hartlcy, ich gebe Euch mein Wort, daß Ihr Richard Unrecht erweißt." Sie sprach diese Worte mit einer rührenden Ruhe, indem sie jeden Anschein des Mißvergnügens unterdrückte, welches sie über die Herabsetzung ihres Geliebten offenbar empfand. Hartlcy zwang sich in derselben Weise zu antworten. „Miß Gray," sagte er, „Eure Handlungen und Beweggründe werden stets diejenigen eines Engels sein; ich bitte Euch jedoch diese höchst wichtige Angelegenheit mit- den Augen weltlicher Weisheit und Klugheit zu betrachten. Habt Ihr wohl die Wagnisse überlegt, welche bei einem Verfahren unausbleiblich sein müssen, das Ihr zu Gunsten eines Mannes einschlagen wollt, welcher — nun, ich will Euch nicht wieder beleidigen — welcher vielleicht, wie ich hoffe, Eure Gunst verdienen wird?" 810 „Als ich Euch in dieser Weise zu sprechen wünschte, Herr Hartley, und eine öffentliche Unterredung ablcbnte, wo wir ' mit bei weitem geringerer Freiheit uns hätten unterhalten können, geschah dieß in der Absicht Euch Alles zu sagen. Ich glaubte, daß alte Erinnerungen Euch einigen Kummer verursachen können, allein ich verließ mich darauf, daß dieselben nur einen Augenblick dauern würden. Da ich Eure Freundschaft zu behalten wünsche, so ist es paffend, daß ich Euch erweise, dieselbe zu verdienen. Ich muß Euch also zuerst meine Lage nach dem Tode meines Vaicrs darlegen. Nach der Meinung der Welt galten wir stets als arm, wie Ihr dieß schon wißt; im wahren Sinn des Wortes hatte ich aber nie gekannt, was Armuth wirklich war, bis ich in eine abhängige Lage bei einer entfernten Verwandten meines armen Vaters kam, welckw unsere Verwandtschaft zum Vorwand nahm, um alle Plackerei ihres Haushaltes mir aufzubürden, während sie mir nicht zugestand, daß ich dadurch den geringsten Anspruch auf Gunst, Güte oder etwas sonst als die dringendsten Bedürfnisse erlangte. In diesen Umständen erhielt ich von Herrn Middlemas einen Brief, worin er mir sein verhängnißvolles Duell und dessen Folgen erzählte. Er hatte nicht gewagt, mir zu schreiben, daß ich sein Elend thei- len möge; jetzt aber, wo er sich im Ueberfluß unter dem Schutz eines mächtigen Fürsten befand, dessen Weisheit die Europäer, die in seinen Dienst traten, zu schätzen und zu beschützen wußte — jetzt, wo er jede Aussicht besaß, unserer Regierung wesentliche Dienste durch seinen Einfluß bei Hyder Ali zu leisten, so daß er Hoffnung hegen konnte, die Er- laubniß zur Rückkehr zu erhalten, damit er sich zum Prozeß wegen des Todes seines Kommandeurs stelle — jetzt drängte er mich nach Indien zu kommen und sein wiederum aufleben- des Gluck zu theilen, indem ich das früher eingegangene Ver- löbniß erfülle. Eine beträchtliche Geldsumme begleitete den Brief. Frau Duffer wurde mir als eine achtbare Dame bezeichnet, welche mich auf der Ueberfahrt beschützen würde. Frau Montreville, eine Dame von Rang, welche große Güter und bedeutenden Einfluß in Mysore besitzt, würde mich bei meiner Ankunft im Fort St George in Empfang nehmen und mich sicher in das Gebiet von Hyder begleiten. Mir wurde ferner ancmpsohlen, daß die erklärte Ursache meiner Reise die Annahme einer Stelle in der Familie der Dame sein wurde, in Betracht, daß die eigenthümliche Lage des Herrn Middlemas die Verschweigung seines Namens in der Angelegenheit erheischte — was konnte ich thun? — Die Pflicht gegen meinen armen Vater war beendet und meine anderen Verwandten betrachteten den Vorschlag als zu vor- theilhaft, um zurückgewiesen zu werden. Die gegebenen Nachweisungen, die mitgeschickte Geldsumme wurden als Umstände angesehen, welche alle Bedenken beseitigen müßten, und meine unmittelbare Beschützerin und Verwandte verlangte so ernstlich, ich müsse jenes mir gemachte Anerbieten annehmen, daß sie mir zu verstehe» gab, sie wolle mich nicht ermuihigcn meinem eigenen Glücke im Wege zu stehen, indem sie mir weiterhin Obdach und Nahrung gebe (sie gab mir wenig mehr), wenn ich thöricht genug wäre, mich dem Anträge nicht fügen zu wollen." „Das schmutzige Weib!" sagte Hartley, „wie wenig verdiente es, daß Ihr ihm anvcrtraut wurdet!" „Laßt mich ein stolzes Wort sprechen, Herr Hartley, und alsdann werdet Ihr meine Verwandte nicht zu sehr tadeln. Alle ihre Unterredungen und sogar ihre Drohungen würden 812 mich nicht zu dem Schritte bewogen haben, der wenigstens einen Schein hat, mit welchem ich mich schwerlich hätte auS- söhnen können. Ich hatte jedoch Middlemas geliebt — ich liebe ihn noch — wcßhalb sollte ich cs läugncn? Somit trug ich kein Bedenken, ihm zu vertrauen. Wäre die kleine Stimme nicht gewesen, welche mich an meine Versprechungen erinnerte, so würde ich hartnäckiger den Stolz der Weiblichkeit behauptet haben; ich hätte dann wenigstens erwartet, wie Ihr vielleicht mir empfohlen haben würdet, daß mein Liebhaber in Person nach Britannien käme; ich würde die Eitelkeit gehegt haben zu glauben," fügte sie mit schwachem Lächeln hinzu, „daß ich werth sei geholt zu werden, wenn ich werth sei, daß mich Jemand besitze." „Roch jetzt, sogar noch jetzt," erwiderte Hartley, „seid gerecht, während Ihr großmüthig gegen Euren Liebhaber seid — nein, blickt mich nicht zornig an, sondern hört mich: Ich bezweifle die Zweckmäßigkeit, daß Ihr Euch unter der Aufsicht dieses Weibes befindet, welches ihr Geschlecht verläug- net hat und das nicht länger als Europäerin bezeichnet werden kann. Ich habe Einfluß genug bei Damen des höchsten Ranges in dieser Kolonie — dieß Klima ist dasjenige der Großmuth und Gastfreundschaft. Eine jede dieser Damen, welche Eure Geschichte und Euren Charakter erfährt, wird den Wunsch hegen, Euch bei sich in Gesellschaft und Schutz zu behalten, bis Euer Verlobter cs vermögen wird, seinen Anspruch auf Eure Hand im Angesicht der Welt zu vertreten- Ich selbst will ihm keine Ursache zum Argwohn oder zum Mißbehagen für Euch sein, Menie. Gebt mir nur Einwilligung zu der vorgcschlagenen Anordnung, und im selben Augenblicke, worin Ihr unter ehrenwerlhem und unverdächtigen Schutz Euch befindet, will ich Madras verlassen und nicht eher 813 zurückkehren, als bis Euer Schicksal in der einen oder andern Weise bleibend gesichert ist." „Nein, Hartley," sagte Miß Gray, „es ist vielleicht freundschaftlich oder muß es vielmehr sein, daß Ihr mir einen solchen Rath gebt. ES wäre jedoch höchst niedrig von mir» wenn ich meine eigenen Angelegenheiten auf Kosten Eurer Aussichten befördern wollte. Außerdem wäre das ja nichts anders, als daß ich mir die Wahl je nach den Ereignissen offen hielte, in der Absicht das Schicksal des armen Middle- mas zu theilen, wenn er glücklich ist und ihn zu verlassen, wenn das Gegcntheil eintritt. Sagt mir nur, ob Ihr nach Eurer eigenen bestimmten Kcnntniß cs bekräftigen könnt, daß dicß Weib eine unpassende und unwürdige Beschützerin für ein Mädchen in meinen Jahren ist." „Nach eigener Kenntniß kann ich nichts sagen; ich muß sogar eingestehen, daß die Gerüchte über den Charakter der Frau Montreville sehr verschieden sind. Jndeß schon der bloße Verdacht —" „Der bloße Verdacht, Herr Hartley, kann bei mir kein Gewicht haben, in Betracht, daß ich demselben das Zeugniß des Mannes entgegen setzen kann, mit dem ich mein Glück zu theilen entschlossen bin. Ihr gesteht zu, die Frage sei zweifelhaft; muß nicht die Behauptung des Mannes, von dem ich eine so hohe Meinung hege, meinen Glauben in einer so zweifelhaften Sache entscheiden? Was müßte Er sein, sollte diese Frau Montreville etwas anderes sein, wie er dargestellt hat?« „Was kann Er sein, wahrlich," dachte Hartley innerlich, indessen seine Lippen äußerten nicht die Worte; er blickte in tiefem Nachsinncn auf den Boden und fuhr zuletzt aus demselben bei den Worten der Miß Gray auf: 814 „Es ist Zeit, Euch zu erinnern, Herr Hartley, daß wir scheiden müssen." „Und Euch, theucrste Meine," rief Hartley aus, während er auf ein Knie sank, und die Hand, die sie ihm reichte, an die Lippen drückte. „Und Euch segne Gott, denn Ihr verdient den Segen. Euch schütze Gott, denn Ihr werdet bald des Schutzes bedürfen — sollten sich die Dinge anders wie Ihr hofft gestalten, so schickt sogleich nach mir, und wenn Ein Mensch Hülfe leisten kann, so wird dieß Adam Hartley." Er legte in ihre Hand eine Karte, welche seine Addreffe enthielt; alsdann stürzte er aus dem Zimmer. In dem Saale begegnete er der Dame des Hauses 7 welche ihm eine hoch- müthige AbschiedSverbcugung machte, während ein cinge- borner Diener der höhern Klaffe, welcher sie begleitete, ihn mit einem tiefen und achtungsvollen Salam begrüßte. Hartley eilte aus der schwarzen Stadt mit bestimmterer Ueberzeugung als früher, daß'man mit der Menie Gray irgend einen Betrug vorhabe; er hegte aber einen festeren Entschluß als jemals, alle Anstrengungen zu ihrer Rettung zu machen, obgleich er vollkommen verstört war, als er den zweifelhaften Charakter der Gefahr, der sie ausgesctzt werden könne und die geringen Mittel bedachte, welche er denselben entgegenzusetzen vermochte. Zwölftes Kapitel. Als Hartley den Saal im Hause von Ram Sing Cottah an der einen Seite verließ, entfernte sich Miß Gray auf der andern nach einem für ihren besondern Gebrauch bestimmten Zimmer. Auch sie hatte Grund zu geheimem und ängstlichen Nachdenken, da alle ihre Liebe zu Middlemas und ihr volles Vertrauen in seine Ehre, die Zweifel über den Charakter der Person nicht überwinden konnten, die er auf einige Zeit zu ihrer Beschützerin gewählt halte. Sie konnte jedoch für diese Zweifel keinen bestimmten Grund angeben; dieselben beruhten eher auf einem Widerwillen gegen das allgemeine Wesen ihrer Beschützerin und auf einem Eckel gegen ihre männlichen Begriffe und Ausdrücke, welche ihr mißfielen, als auf sonst irgend einem andern Umstande. Mittlerweile betrat Madame Montreville, von einem schwarzen Bedienten begleitet, den Saal wo Hartlcy und Menie sich so eben getrennt hatten. Es schien aus dem folgenden Gespräche, daß die im vergangenen Kapitel erzählte Unterredung von einem Versteck aus durch Beide behorcht worden war, „ES ist ein Glück, Sadoc," sagte die Dame, „daß der große Narr in dieser Welt noch lebt." „Und der große Schurke dazu," erwiderte Sadoc in gutem Englisch aber in einem höchst finsteren Tone fort. „Dieses Weib," fuhr die Dame fort, „ist was ihr in Frangistan") einen Engel nennt." „Ja, und ich habe Weiber in Hindostan gesehen, die man Teufel nennen könnte." „Ich bin überzeugt, daß dieser, wie heißt er doch — daß dieser Hartlep, ein sich in Alles mischender Teufel ist, denn was hat er hier zu schaffen? Sie will ihn ja nicht haben! Frankenland, Europa. 816 Was geht es ihn an, wer sie bekömmt? Ich wünsche, wir wären wieder über die Ghots hinaus, mein theurer Sadoc." „Was mich betrifft," erwiderte der Sklav, „so bin ich halb entschlossen, die Ghots nicht wieder zu besteigen. Hört, Adele, der Plan, den wir entworfen haben, beginnt mir widerlich zu werden. Die vertrauensvolle Reinheit dieses Geschöpfes — nennt es Weib oder Engel oder wie Ihr wollt — läßt meine Schliche zu erbärmlich, sogar in meinen eigenen Augen erscheinen. Ich fühle, daß ich in den verwegenen Jntriguen, worin Ihr Euch herumtummelt, mich nicht zu Eurem Gefährten eigne. Trennen wir uns und trennen wir uns als Freunde." „Amen, Memme- Das Weib aber bleibt bei mir," erwiderte die Königin von Saba. „Bei dir!" erwiderte der scheinbare Schwarze — „niemals! Nein, Adele, sie befindet sich unter dem Schutz der brittischen Flagge und sie soll deren Schutz genießen." „Ja, und welchen Schutz wird sie Euch selbst leisten?" sagte ihm die Amazone, „ich brauche ja nur in die Hände zu klatschen und einem Dutzend meiner schwarzen Bedienten zu befehlen, Euch wie ein Schaf zu binden, und dann brauche ich nur dem Gouverneur der Präsidentschaft sagen zu lassen, daß ein gewisser Richard MiddlemaS, welcher sich der Meuterei, des Mordes, der Desertion und des Kriegsdienstes gegen Landsleute schuldig gemacht hat, sich hier in Nam Sing Cot- tah's Hause und zwar in der Verkleidung eines schwarzen Dieners befindet." MiddlemaS bedeckte sein Antlitz mit den Händen, während Madame Montreville fortsuhr, ihn mit Vorwürfen zu überladen — „höre," sagte sie, „Sklave und Sohn eines Sklaven, da Ihr die Kleidung meiner Dienerschaft tragt, so sollt Ihr mir ebenso wie die übrigen gehör- 817 chen, sonst Peitschenhiebe und Fesseln — das Schaffst, Renegat — den Galten, Mörder! Wagst du an den Abgrund des Elendes zu denken, aus welchem ich dich erhoben habe, um meinen Reichthum und meine Liebe zu theilen? Erinnerst du dich, daß das Bild von diesem kalten, blassen, leidenschaftlosen Mädchen dir damals so gleichgültig war, daß du es als schuldigen Tribut dem Wohlwollen der Frau, die dich rettete, der Liebe der Frau opfertest, welche sich herablicß, dich zu lieben, ein wie elender Tropf du auch sein magst?" „Ja, grausames Weib," erwiderte Middlemas, „habe ich aber des jungen Tyrannen schimpfliche Leidenschaft zu einem Porträt ermuthigt, oder den scheußlichen Plan entworfen, das Original ihm zu überliefern?" „Nein, denn dazu war Gehirn und Verstand nothwendig. Dein aber ist die Ausführung des Planes, welchen ein kühnerer Geist entwarf; dein ist die That, das Weib an ein fremdes Ufer und in die Falle unter dem Vorwand einer Liebe zu locken, welche bei dir, kaltblütiger Bösewicht, niemals kristirt hat!" „Still, krächzende Eule!" erwiderte Middlemas, „treibe mich nicht zu solcher Wuth, daß ich vergessen könnte, du seiest rin Weib." „Ein Weib, Memme!" ist dieß dein Borwand, meiner zu schonen? — Was bist denn du, der du schon bei den Blicken, bei den Worten eines Weibes zitterst? — Ich bin ein Weib, Renegat, aber ein solches, welches einen Dolch trägt, und deine Kraft wie deinen Muth gleich verachtet; ich bin ein Weib, das mehr sterbende Männer sah, als du Hirsche und Antilopen getödtet hast! Du mußt einen Schacher treiben, um eine hohe Stellung zu erlangen; du hast dich wie ein fünfjähriges Kind in die rauhen Spiele der Männer gestürzt Das geführt. Schloß u. and. Erzähl. 52 und wirst niedergeworsen und zertreten werden! Wahrhaftig, du willst ein doppelter Verräthcr sein! — Du willst deine Verlobte dem Fürsten verrathen um die Mittel zu erhalten, den Fürsten an die Engländer zu verrathen und so von deinen Landsleuten die Verzeihung für deine Verbrechen zu erlangen; aber mich sollst du nicht verrathen! Ich will nicht das Werkzeug deines Ehrgeizes sei»; ich will dir nicht meine Schätze und meine Soldaten leihen, um diesem nördlichen Eiszapfen geopfert zu werden! Nein, ich will dich überwachen, wie der Teufel die Heren überwacht; zeige mir nur ein Symptom mich zu verrathen, so lange wir hier sind, so gebe ich dich bei den Engländern an, welche vielleicht dem glücklichen Schurken, nicht aber einem solchen verzeihen, welcher statt nützliche Dienste zu leisten nur um sein Lebe» flehen kann. Weiche nur einen Zoll breit von meiner Bahn, wenn wir die Ghots im Rücken haben, und der Nawob soll sogleich deine Jntriguen mit dem Nizam und den Mahratten, sowie von deinem Entschlüsse erfahren, Bangalore den Engländern zu überliefern, wenn Tippu's Unklugheit dich zum Killedar") gemacht hat. Gehe wohin du willst, Sklave, du wirst in mir deine Herrin finden!" „Und eine schöne obgleich nicht gütige," sagte der angebliche Sadoc, indem er plötzlich seinen bisherigen Ton mit demjenigen verstellter Zärtlichkeit vertauschte, „ich bemitleide allerdings dieses unglückliche Weib; ich wölbte fie allerdings retten, wenn ich könnte; — höchst ungerecht ist aber der Verdacht, daß ich sie meiner Naur Dschihan, meinem Lichte der Welt, meiner Mutie Mahul, meiner Perle des Palastes, vorziehen würde —" s) Gouverneur. 819 «Alles falsche Münze und leere Komplimente," sagte die Biegom. „Erklärt mir nur in kurzen Worten, daß Ihr dicß Weib zu meiner Verfügung stellt." „Doch nicht um sie unter Eurem Throne lebendig begraben zu lassen, wie die Circassterin, auf welche Ihr eifersüchtig wäret?" fragte Middlemas mit einem Schauder. „Nein, Narr; ihr Loos soll kein schlimmeres sein, als daß sie zur Favoritin eines Prinzen wird; kannst du ihr, Flüchtling und Verbrecher, der du bist, ein besseres Schicksal anbieten?" „Aber," erwiderte Middlemas, indem er bei dem Bewußtsein seines verworfenen Betragens in solcher Weise crröthete, daß dieß in seiner niedrigen Verkleidung erkennbar war, „ich will nicht, daß ihren Neigungen Zwang an- gethan wird." „Es soll ihr die Zeit gestattet werden, welche die Gesetze der Zenana") gewähren," erwiderte der weibliche Tyrann. „Eine Woche ist lang genug, für ihre Entschließung, ob sie die freiwillige Geliebte eines fürstlichen und großmüthigen Liebhabers sein will." „Aber," sagte Richard, „bevor diese Woche vergeht —" er stockte in seiner Rede. „WaS wird sich ereignen, bevor die Woche vergeht?" fragte die Biegom Montreville. „Es ist nichts daran gelegen — nichts von Wichtigkeit. Ich überlasse Euch das Schicksal des Weibes." „Schon gut — wir treten heute die Rückreise an, sobald der Mond aufgeht. Ertheilt unserem Gefolge die Befehle." »1 Serail. S2 * 820 „Hören ist gehorchen," erwiderte der scheinbare Sklave und verließ das Zimmer. Die Augen der Biegom blieben auf die Thür geheftet, durch die er hinweg gegangen war. „Schurke, — doppelter Verräther," sagte sie, „ich durchschaue dein Treiben; du willst Tippu in Liebe wie in Politik verrathcn, aber mich kannst du nicht verrathen — holla, (der Ruf galt dem auswartcn- dcn Sklaven) „ein vertrauter Bote soll sich bereit halten, um sogleich mit Briefen abzureisen, die ich im Augenblick schreiben werde. Seine Abreise muß Jedem ein Geheimniß bleiben, und jetzt soll dicß blaffe Geschöpf bald sein Schicksal kennen und erfahren, was es heißt, eine Nebenbuhlerin der Adels Montreville gewesen zu sein." Während die fürstliche Amazone auf Pläne der Rache gegen ihre unschuldige Nebenbuhlerin und ihren schuldigen Liebhaber sann, ging der Letztere an eine von ihm selbst ebenso im Dunkeln angelegte Jntrigue. Er hatte gewartet, bis die kurz dauernde Dämmerung Indiens seine Erkennung in der Verkleidung unmöglich machte und eilte dann nach demjenigen Theile von Madras, welchen die Europäer bewohnen, und welcher den Namen Fort St. George führt. „Ich will sie dennoch retten," dachte er; „ehe Tippu seine Beute ergreifen kann, wollen wir um seine Ohren einen Sturm erheben, welcher den Gott des Krieges aus den Armen der Venus vertreiben würde. Die Falle soll sich um die Klauen des indischen Tigers schließen, bevor er Zeit hat, den Köder zu verschlingen, der ihn in die Erklinge lockte." Während Middlemas diese Hoffnungen hegte, gelangte er zum RegierungSpalaste. Die Schildwache hielt ihn natürlich an; er wußte jedoch die Losung und trat dcßhalb ohne weiteres ein; er ging um den Palast herum, worin der Präfi- 821 dent des Rat-es wohnte — ein fähiger und thätiger aber gewissenloser Mann, von welchem man vermuthete, daß er weder in seinen eigenen Angelegenheiten, noch in denen der Compagnie, hinsichtlich der Mittel jemals bedenklich sei, womit er seinen Zweck zu erreichen pflegte. Ein Schlag an eine kleine Hinterthüre wurde von einem schwarzen Sklaven beantwortet, welcher MivdlemaS in das nothwcndige Zubehör einer jeden Regierung, in eine Hintertreppe führte; diese brachte ihn wieder in das Kabinet des Braminen Popiah, des Du- basch oder Haushofmeisters jenes gewaltigen Mannes, vermittelst dessen er hauptsächlich seine Verbindungen mit den eingeborenen Höfen unterhielt und viele gcheimnißvolle Jn- triguen ausspann, die er seinen Kollegen im Regierungörathe nicht mittheilte. Man erweist vielleicht dem schuldigen und unglücklichen MiddlemaS Gerechtigkeit durch die Annahme, er würde, im Falle er die Vermittlung eines brittischen Beamten benutzt hätte, dazu bewogen worden sein, daß er der Gnade der Regierung sich anheim gegeben, seinen ganzen scheußlichen Handel mit Tippu dargelcgt, auf seine verbrecherischen ehrgeizigen Plane verzichtet und alle seine Gedanken auf die Rettung der Meine Gray gerichtet haben würde, bevor dieselbe außerhalb des Bereiches brittischer Macht gebracht worden wäre; allein die magere dunkelfarbige Gestalt, die in Gewändern von Gold gesticktem Mouffelin gekleidet vor ihm stand, war die Popiah's, eines Mannes, welcher als Meister in Plänen der Finsterniß bekannt war, eines orientalischen Machiavell's, dessen vorzeitiges Stirnrunzcln das Ergebniß mancher Jntrigue waren, worin das Leben der Armen, das Glück der Reichen, die Ehre der Männer und die Keuschheit der Frauen ohne Bedenken der Erreichung eines politischen oder Privatvortheils geopfert worden waren. Er 822 fragte nicht einmal nach den Mitteln, wodurch der Renegat den Einfluß bei Tippu zu erlangen gedachte, vermittelst dessen er zum Verrathe des Fürsten befähigt sein könnte; er wünschte nur Gewißheit von der Wirklichkeit der Thatsache zu erlangen. »Ihr setzt Euren Kops auf's Spiel," sagte Popiah, „wenn Ihr mich betrügt, oder mich als Mittel benutzt, meinen Herrn zu betrügen. Ich weiß ebenso gut wie ganz Madras, daß der Nawob seinen jungen Sohn Tippu als Viceregenten seines neu eroberten Gebietes Bangalore eingesetzt hat, welches Hpder kürzlich zu seinen Neichen hinzu fügte. Zweifelhaft erscheint jedoch der Umstand, daß Tippu die Gouverncur- stelle dieser wichtigen Festung einem Apostaten der Feringis anvertrauen wird." „Tippu ist jung," erwiderte Middlcmas, „und für die Jugend ist die Versuchung der Leidenschaft dasselbe, was dem Kinde die Lilie auf der Oberfläche des See's ist. Beide wagen ihr Leben, sie zu erreichen, und ist sie endlich erreicht worden, so ist sic von wenig Werth. Tippu hat die List und vie militärischen Talente seines Vaters, allein ihm fehlt dessen vorsichtige Klugheit." Du sprichst die Wahrheit, hast du aber auch Streitkräfte, wenn du Gouverneur von Bangalore geworden bist, um den Platz zu halten, bis Entsatz von den Mahratten oder Britten kommt?" „Bezweifle das nicht, die Soldaten der Biegom Mutie Mahul, welche die Europäer Montreville nennen, gehören ihr bei weitem weniger als mir an. Ich selbst bin ihr Bockschie") General. und ihre SirdarS*) stehen mir zur Verfügung. Mit diesen läßt sich Bangalore zwei Monate halten und die brittifche Armee kann in einer Woche vor dem Platze liegen. Was setzt ihr auf's Spiel, wenn die Armee von General Smith näher an die Grenzen rückt?" „Wir setzen einen sichern Frieden mit Hyder auf's Spiel," erwiderte Popiah, „hinsichtlich dessen er vorthcilhafte Anträge gemacht hat. Jndeß allerdings, dein Plan ist der vor- theilhaftcste. Du sagst, daß Tippu's Schätze sich in der Festung befinden?" „Seine Schätze und seine Zcnana; vielleicht sogar kann ich mich seiner Person versichern." „Das wäre vortrefflich," erwiderte der Hindu-Minister. „Und Ihr gebt Eure Einwilligung, daß die Schätze bis zur letzten Rupie, dem Entwurf gemäß vertheilt werden?" „Der Antheil von Popiah's Herrn ist zu gering," erwiderte der Bramine, und der Name Popiah's ist übergangen worden." „Der Antheil der Biegom kann zwischen Popia und seinem Herrn vertheilt werden," antwortete Middlemas. „Allein die Biegom wird auch ihren Antheil erwarten," wandte Popiah ein. „Ueberlaßt cs mir, mit ihr fertig zu werden," sagte Middlemas; „bevor der Schlag geschieht, soll sie von unserem geheimen Vertrage nichts erfahren und nachher ist an ihrem Grimme nichts gelegen. Aber jetzt erinnert Euch aber auch an die von mir gestellte» Bedingungen, daß mir mein Rang zurückgegeben und volle Verzeihung gewährt wird." „Ja," erwiderte Popiah vorsichtig, „im Fall Euch Euer *) Offiziere. Anschlag gelingt. Wenn Ihr aber verrathen solltet, was hier vorgegangen ist, so werde ich den Dolch eines Lutei*) finden, der Euch erreichen soll, und wäret Ihr auch unter den Falten des Mantels von Hyder selbst geborgen. Mittlerweile empfangt dieß Schreiben und übersendet dasselbe, wenn Ihr Euch im Besitz von Bangalore befindet, an General Smith, dessen Division Befehl erhalten wird, den Grenzen von My- sore so nahe zu rücken, wie es ohne Verdacht zu erregen geschehen kann." Hierauf trennte sich das würdige Paar —der Popiah um seinem Herrn Bericht über diese im Geheimen ausgesponnencn Kabalen abzustatten; Middlemas, um sich der Biegom auf ihrer Rückreise nach Mysore anzuschließen. Das Gold und die Diamanten Tippu's, die wichtige Stellung, die er bald erreichen würde, die Aussicht, sich zugleich den launenhaften Oberbefehl des reizbaren Tippu und die lästigen Ansprüche der Biegom vom Halse zu schaffen, waren so angenehme Gegenstände der Betrachtung, daß er kaum an das Schicksal seines europäischen Opfers dachte, vielleicht etwa nur um sein Gewissen mit der Hoffnung zu beruhigen, daß das einzige von ihr zu duldende Leiden in dem Schrecken weniger Tage bestehen würde; im Laufe derselben werde er die Mittel erlangen, um sie von dem Tyrannen zu befreien, in dessen Ze- nana sie noch kurze Zeit eine. Gefangene sein werde. Er beschloß zugleich, sie nicht eher zu sehen, als bis er ihr Schutz gewähren könne, denn er bedachte mit Recht die Gefahr, welcher sein ganzer Plan ausgesetzt werden könnte, wenn die Eifersucht der Biegom wieder erwachen sollte. Er hoffte, daß dieselbe, jetzt schlafen würde; während ihrer Heimkehr nach Banditen. 825 Tippu's Lager bei Bangalore werde er dieses ehrgeizige und schlaue Weib durch Schmeicheleien beruhigen und damit die glänzenderen Aussichten von Reichthum und Macht vermischen, die Beiden wie er vorgab, im Gesolg seiner gegenwärtigen Unternehmung sich eröffnen würden. Anmerkung. Es ist wohl nicht nothwendig zu bemerken, daß die hier berichteten Ereignisse nur während des Beginns der englischindischen Herrschaft stattfinden konnten, als die Kontrole der Directorcn nur gering und die der Krone nicht vorhanden war. Mein Freund, Herr Fairscribe, ist der Meinung, daß hier ein Anachronismus in der Einführung des Braminen Popiah als Dubasch des englischen Gouverneurs begangen ist. C. C. Dreizehntes Kapitel. Wie es scheint, verschob die eifersüchtige und tyrannische Biegom nicht länger ihre Absicht, die Todesangst ihrer Nebenbuhlerin durch die Kunde ihres Schicksals zu erwecken. Meine Gray bewog durch Bitten oder Belohnungen einen Diener von Ram Sing Cottah, Hartley das folgende in Verzweiflung geschriebene Billet zu überbringen. „Alles ist wahr, was Eure Besorgnisse ahnen ließen — er hat mich dem grausamen Weibe überliefert, welche mich an den Tyrannen Tipp» zu verkaufen droht — rettet mich, wenn 826 Ihr könnt, — habt Ihr kein Mitleid, oder könnt Ihr mir keine Hülfe gewähren, so bleibt mir auf Erden nichts mehr übrig- M. G." Die Hast, womit Hartlei) ins Fort eilte und eine Audienz beim Gouverneur verlangte, wurde durch die Verzögerung vereitelt, welche Popiah veranlaßte. ES war den Plänen dieses listigen Hindu nicht gemäß, daß die Abreise der Biegom und ihres Günstlinges unterbrochen würde, da die Pläne des letzter» seinen eigenen so sehr entsprachen. Er stellte sich ungläubig, als Hartley sich beklagte, daß eine Engländerin wider ihren Willen im Gefolge der Biegom znrückgehalten werde, behandelte die Klage der Miß Gray als das Ergebniß eines Weiberzankes, welcher einer besonder» Aufmerksamkeit nicht wcrth sei und wußte zuletzt, als er einige Schritte thun mußte, um die Angelegenheit näher zu untersuchen, die Sache so einzurichten, daß die Biegom und ihr Gefolge bald aus dem Bereiche jeder Unterbrechung waren. Hartley machte seinem Unwillen in Vorwürfen gegen den Popiah Luft, worin auch dessen Herr nicht geschont war. Dieß gab allein dem leidenschaftslosen Braminen einen Vorwand, um ihm das Betreten des Regierungspalastes zu untersagen, und ihm zugleich einen Wink zu ertheilen, daß er, im Fall seine Sprache weiterhin solche Unbesonnenheit zeigen würde, erwarten müsse, von Madras nach einer Bergfeste oder nach einem Dorf im Gebirge verseht zn werden, wo seine medizinische Kenntniß genügenden Spielraum finden würde, um sich und Andere vor der Ungesundheit des Clima zu schützen. Als Hartley sich so in vergeblichem Unwillen entfernte, war Esdale die erste Person, der er begegnete. Von Zorn erregt, erzählte er demselben das Verfahren des Dubasch, wel- ches er als schmählich bezeichnet,!, wobei er zugleich erklärte, er habe nur zu viel Grund zu der Vermuthung, daß der Gouverneur selbst die Hand dabei im Spiele habe. Er schmähte auf den Mangel an Eifer, daß die Regierung eine britische Unterthanin dem Betrüge der Renegaten und der Gewalt eines Tyrannen preisgebe. Esdale horte ihm mit der Aengstlichkeit zu, welche kluge Leute zu zeigen pflegen, wenn sie merken, daß ste durch die Rede» eines unvorsichtigen Freundes selbst in Verlegenheit kommen könnten. „Wollt Ihr für Eure Person Genugthunng," sagte er zuletzt, „so müßt Ihr Euch nach Leadenhall Street wenden, wo ich vermuthe, daß sich Klagen sowohl gegen den Popiah, als seinen Herrn in Masse anfhäufen; doch dieß ist unter uns gesagt." „Ich will nichts von Beiden," erwiderte Hartley, „ich brauche keine persönliche Genugthunng, ich wünsche keine, ich will nur Hülfe für Meine Gray." „In dem Falle," sagte Esdale, „bleibt Euch nur Ein Mittel übrig, — Ihr müßt Euch an Hyder selbst wenden." „An Hyder, den Thronräuber, den Tyrannen? „Ja, an diesen Thronräuber und Tyrannen," antwortete Esdale, „müßt Ihr Euch wenden, er ist stolz darauf, daß man von ihm glaubt, er verwalte strenge die Gerechtigkeit, und vielleicht fällt es ihm ein, bei dieser, wie bei andern Gelegenheiten sich im Lichte eines unparteiischen Richters zn zeigen." „Dann will ich fort, um Gerechtigkeit an seinem Throne zu verlangen." „Nur nicht so schnell, mein theurer Hartley," erwiderte sein Freund, „zuerst überlegt Euer Wagniß. Hyder ist ge- 828 recht, aus Ueberlcgung und vielleicht wegen politischer Rücksichten; seinem Temperamente nach aber ist sein Blut ebenso beiß, wie es mir unter einer schwarzen Haut fließen kann, und wenn Ihr ihn nicht gerade in der Nichterlaune antrefft, so kann er sich ebensowohl in der Laune des Tvdtens befinden. Pfählen und Erdrosseln steckt ihm ebenso häufig im Kopfe, wie die richtige Abwägung der Gerechtigkeit." „Daran ist nichts gelegen, ich will sogleich fort, um mich an seinen Hof zu begeben. Der Gouverneur darf schon ans Scham mir ein Beglaubigungsschreiben nicht versagen." „Denkt nicht daran, ein solches zu verlangen," sagte sein mehrerfahrener Freund, „es würde Popiah nur wenig kosten, das Schreiben so abzufaffen, daß Hyder dadurch bewogen würde, den derben und freimüthigen Doktor Adam Hartley unserem schwarzen Dubasch ein für allemal vom Halse zu schaffen. Ein Wakiel oder Regierungsbote reist morgen nach Seringapatam ab; richtet Eure Reise so ein, daß Ihr ihn einholt; sein Paß wird Euch Beide beschützen. Kennt Ihr Jemanden unter de» Häuptlingen an Hyders Hofe?" „Niemanden, mit Ausnahme seines kürzlichen geheimen Agenten an diesem Orte, Barakel Hadschi." „Seine Unterstützung," sagte Esdalc, „kann ebenso wirksam sein, wie die von Personen wesentlicheren Einflusses. Um die Wahrheit zu sagen, so weiß man nie, worauf man rechnen kann, wenn der Eigensinn eines Despoten im. Spiel ist; befolgt meinen Rath, thenrer Hartley, und überlaßt das arme Mädchen ihrem Schicksale. Wenn Ihr Euch bemüht, sie zu retten, so kann man Hundert gegen Eins wetten, daß Ihr nur Euren eigenen Untergang bewirken werdet." Hartley schüttelte den Kopf, und nahm hastig Abschied von Esdale; er verließ denselben in dem glücklichen und selbst;»- 829 friedenen Seelenzustande eines Mannes, welcher einem Freunde den möglichst besten Rath crthcilt hat und gewissenhaft seine Hände hinsichtlich der Folgen in Unschuld waschen kann. Der besorgte Hartley versah sich mit Geld, nahm drei zuverlässige cingeborne Diener, die auf arabischen Pferden, wie er selbst, ritten, kein.Zelt und sehr wenig Gepäck mit sich führten, und verlor keinen Augenblick, um die Straße nach Mysore einzuschlagen. Mittlerweile bemühte er sich, jede Geschichte, die er jemals von Hyders Gerechtigkeit und Selbstbeherrschung gehört hatte, sich in's Gcdächtniß zurückzurufen, um sich zu überzeugen, daß er den Nawob geneigt finden könne, ein hülf- loses Weib gegen den zukünftigen Thronerben seines Reiches zu schützen. Bevor er das Gebiet von Madras verließ, holte er den Wakiel oder den Boten der britischen Regierung ein, von welchem Esdale gesprochen hatte. Dieser Mann, welcher daran gewöhnt war, für eine Geldsumme kühnen europäischen Kauf- leutcn, welche Hyders Hauptstadt zu besuchen wünschten, einen Antheil an seinem Schuhpaß und seiner Escorte zu gewähren, war nicht geneigt, denselben Dienst einem angesehenen Herrn aus Madras zu verweigern; durch eine Geldbelohnung günstig gestimmt, entschloß er sich, so schnell wie möglich zu reisen. Die Reise konnte nicht ohne Mühen und beträchtliche Gefahr zurückgelcgt werden, denn sie hatten ein Land zu durchziehen, welches häufig allen Ucbeln des Krieges ausgeseht war, besonders als sie den Ghots näher kamen, jenen furchtbaren Gebirgspässen, welche vom Tafelland Mysore hinab- führcn und den gewaltigen Strömen einen Durchgang gewähren, welche, in der Mitte der indischen Halbinsel entspringend, dem Ocean zufließen. Die Sonne war untergcgangen, ehe die Reisegesellschaft 830 den Fuß eines jener gefährlichen Pässe erreichte, durch welche die Straße nach Seringapatam führte. Ein enger Pfad, welcher im Sommer einem leeren Strombett glich, wand sich aufwärts unter ungeheuren Felsen und Abgründen; er war bisweilen vollkommen von den dunkeln Gruppen der Tiek- bäume überschattet »nd nahm bisweilen seine Richtung neben undurchdringlichen Dschungeln, den Wohnungen der Schakals und Tiger- Auf diesem ungeselligen Pfade zogen die Reisenden schweigend, Einer hinter dem Andern her; Hartley, dessen Ungeduld ihn vor dem Wakicl reiten ließ, erkundigte sich eifrig, wann der Mond die Dunkelheit erleuchten würde, welche nach der Vcrschwindnng der Sonne die Reisenden schnell umhüllte. Die Eingebornen gaben ihm nach ihrer gewöhnlichen Ansdrncksweise zur Antwort, der Mond sei in seiner dunklen Seite und er dürfe nicht hoffen, daß er ihn durch die Wolken dringen sehe, nm das Dickicht und die Schichten schwarzen und schiefrigen Gesteines zu erleuchten, unter denen ihr Pfad sich hinwand- Hartley blieb somit nichts weiteres übrig, als sein Auge fest auf die angezündetc Lunte des Sauars oder Reiters zu heften, der vor ihm ritt und die Lunte aus genügendem Grunde stets in Bereitschaft hielt, um sie auf das Zündkraut des Fcnerschloffes zu halten. Der Reiter seinerseits hatte ein wachsames Auge auf den Daurah, einen im letzten Dorf gelieferten Führer, welcher, mehr als die Hälfte des Weges von seinem Hanse entfernt, beargwöhnt wurde, daß er durch die Flucht sich der Mühe weiter zu reiten, entziehen wolle *). Der Daurah war seinerseits der angezün- In jedem Dorf ist der Daurah oder Führer ein Beamter und erhält als Lohn einen Theil der Erndte, oder eine andere Besoldung, ne- 831 deten Lunte und der geladenen Flinte in seinem Rücken sich sehr wohl bewußt; er ließ von Zeit zu Zeit ein Halloh ertönen, um zu zeigen, daß er seinen Dienst versah, und um den Marsch der Reisenden zu beschleunigen. Sein Geschrei wurde gelegentlich durch den Ruf Olla von den schwarzen Soldaten beantwortet, welche die Nachhut bildeten, und an frühere Abenteuer, an die Plünderung einer Kaffila (Gesellschaft reisender Kaufleute), oder an ähnliche Thaten sich erinnerten, oder vielleicht bedachten, daß ein Tiger in der nahen Dschungel geduldig den letzten der Gesellschaft erwarte, um nach seinem gewöhnlichen Verfahren auf ihn cinznspringen. Die Sonne, welche eben so plötzlich zum Vorschein kam, wie sie nntergesunken war, leuchtete den Reisenden bei ihrem weiteren Ansteigen, und veranlaßte bei den zur Gesellschaft gehörenden Mahvmedanern das Morgengebet Allah Akber, welches in langen Tönen zwischen den Felsen und Schluchten widerhallte; sie setzten alsdann ihren Marsch mit mehr Vortheil fort, bis der Paß sich auf eine grenzenlose Ausdehnung von Dschungeln öffnete, in deren Mitte sich ein einzelnes hohes Fort mit Erdwällen erhob. Auf dieser Ebene hatte Raub und Krieg die Arbeit menschlichen Fleißes unterbrochen, und der üppige Pflanzenwuchs des Bodens hatte in wenigen Jahren ein fruchtbares Land in ein undurchdringliches Dickicht verwandelt. Somit waren die Ufer eines kleinen Nnllah oder tcn dem Schmied, Straßenkehrer und Barbier. Da er von den Reisenden, die er seinem Amte gemäß führe» muß, keine Belohnung erhalt, so trägt er niemals Bedenken, seine eigene Reise zu verkürzen und die ihrige zu verlängern, indem er sie nach dem nächste» Dorfe bringt, ohne Rücksicht, ob er die gerade Linie der Straße cinschlägt; bisweilen verläßt er sie gänzlich. Ist dieser Beamte krank oder abwesend, so kann man durch keine Schätze einen Stellvertreter erhalten. 832 Baches mit den Fußtapfen der Tiger und anderer Raub- thiere bedeckt. Hier machten die Reisenden Halt, nm zu trinken, und sich nebst ihren Pferden mit Nahrung zu erquicken; in der Nähe dieses Ortes hatte auch Hartley einen Anblick, welcher ihn zwang, den Gegenstand, der seine eigenen Gedanken in Anspruch nahm, mit dem Unglück, welches einen Andern betroffen hatte, zu vergleichen- Nicht weit von dem Bach wandte der Führer die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf einen höchst elend aussehendcn, mit Haar überwachsenen Mann, welcher auf der Haut eines Tigers saß. Sein Leib war mit Koth und Asche bedeckt, seine Haut von der Sonne verbrannt, seine Kleidung bestand nur ans wenigen elenden Lumpen. Er schien die Annäherung der Fremden nicht zu bemerken; er bewegte sich weder, noch sprach er ein Wort, sondern heftete seinen Blick auf ein kleines und roh geformtes Grab, welches, aus den schwarzen nmherliegenden Ziegelsteinen erbaut, eine kleine Nische für eine Lampe enthielt- Als sie zum Manne hintraten, und vor ihm eine oder zwei Rupien und etwas Reis legten, bemerkten sie, daß der Schädel und die Knochen eines Tigers nebst einem beinahe verrosteten Säbel neben ihm lagen. Als sie auf jenen elenden Gegenstand blickten, setzte sie der Führer von dessen tragischer Geschichte in Kenntniß. Sadhu Sing war ein Sipahie oder Soldat und natürlich auch ein Freibeuter, der Bewohner und der Stolz eines halb in Trümmern liegenden Dorfes gewesen, bei welchem sie am vergangenen Abend vorüber gekommen waren. Er war mit der Tochter eines Sipahies verlobt, welcher in dem Fort mit Erdwällen diente, das sie in einiger Entfernung über der Dschungel erhoben sahen. Zur passenden Zeit kam Sadhu mit seinen Freunden, nm sich mit ihr zu vermählen und sie nach Hause zu bringen- Sie ritt auf einem Tatoo, einem kleinen, dem Lande eigenthümlichen Pferde, während Sadhu und seine Freunde ihr freudig und stolz zu Fuß vorangingen. Als sie dem Bache sich näherten, wo die Reisenden gerastet hatten, vernahmen sie ein furchtbares Gebrüll, von einem Noth- schrei begleitet. Sadhu Sing, der sich sogleich umwandtc, erblickte keine andere Spur seiner Braut, als daß ihr Pferd wild nach einer Richtung rannte, während das lange Gras und die Binsen der Dschungel sich in der anderen wie kleine Wirbel des Oceans bewegten, wenn ein Hai dicht unter der Oberfläche herschießt. Sadhu zog de» Säbel und stürzte in dieser Richtung vorwärts; die Uebrigen der Gesellschaft blieben regungslos, bis sie durch ein kurz dauerndes Gebrüll des Todesschmerzes aufgeweckt wurden- Sie stürzten sich mit gezogenen Säbeln in den Dschungel, wo sie bald Sadhu Sing fanden, wie ek in seinen Armen den leblosen Leib seiner Braut hielt, während in etwas weiterer Entfernung der Leichnam eines Tigers durch einen solchen Hieb in den Hals entseelt lag, wie ihn nur die Verzweiflung selbst führen konnte — der unglückliche Bräutigam wollte Niemand gestatten, sich in seinen Kummer einzumischen. Er grub ein Grab für seine Morah, errichtete über demselben dies rohe Denkmal, welches die Reisenden sahen, und verließ seitdem niemals den Platz. Die Raubthiere selbst schienen seinen äußersten Schmerz zu achten oder zu fürchten. Seine Freunde brachten ihm Nahrung und Wasser aus dem Bach, allein er lächelte weder, noch gab er ihnen ein Zeichen der Anerkennung, wenn sie ihm nicht Blumen brachten, um das Grab der Morah zu schmücken. Vier oder fünf Jahre waren nach Angabe des Führers verflossen, seit Sadhu Sing unter den Trophäen seines Grames Das g-fährl- Schloß u. and. Erzähl- S3 834 und seiner Rache verweilte; sein Aussehen bot alle Zeichen vorgerückten Alters, obgleich er noch in der Blüthe der Jugend stand. Die Geschichte verscheuchte die Reisenden von ihrem Ruheplatz, den Wakiel, weil es ihn an die Gefahren der Dschungel erinnerte, und Hartley, weil der Vorfall nur zu sehr auf das wahrscheinliche Schicksal seiner Geliebten hin- deutete, welche sich beinahe schon in den Klauen eines furchtbareren Tigers, als desjenigen sich befand, dessen Gerippe neben Sadhu Sing lag. In dem schon erwähnten Fort mit Erdwällen erhielten die Reisenden die erste Nachricht von der Reise der Biegvm und ihrer Gesellschaft durch einen Peon oder einen Soldaten der Infanterie, den sie früher angctroffen hatten, und der sich jetzt wieder auf seiner Rückkehr nach der Küste befand. Wie derselbe sagte, ward die Reise mit großer Eile zurückgclegt, bis die Ghots erstiege» waren, wo eine Abtheilnng der eigenen Streitkräfte der Biegvm sich der Gesellschaft anschloß; er und die Anderen, welche ans Madras als Geleit auf einige Zeit mitgenommen waren, jedoch ihre Bezahlung und ihre Entlassung erhalte» hatten, trennten sich dort von jener Reisegesellschaft. Wie er erfahren hatte, beabsichtigte die Biegom Mutie Mahul in langsamen Tagemärschen und häufigen Rasttagen nach Bangalore weiter zu reisen; sie wollte die Nähe dieses Ortes nicht eher erreichen, als bis der Prinz Tippu, mit welchem sie eine Unterredung zn haben wünschte, von einem Feldzüge nach Wandicotta zurückgekehrt wäre, in welchen er sich kürzlich eingelassen hatte. Aus dem Ergebnis seiner ängstlichen Erkundigungen konnte Hartley Grund zur Hoffnung haben, daß er sich Hyder Ali zn Füßen werfen und denselben um seine Einschreitnng ersuchen könnte, bevor die Unterredung mit Tippu und der Bie- 835 gom das Schicksal der Meine Gray entscheide» wurde, wenn er nämlich seine Reise sehr schnell zurücklegte, obgleich Se- ringapatam 75 Meilen weiter östlich lag, als Bangalore. Andererseits zitterte er bei der Angabe des Peon's, daß der Bokschi oder General der Biegom, welcher mit ihr in Verkleidung nach Madras gereist war, jetzt die Kleidung und die Würde seines Ranges wieder angenommen habe, und daß man die Erwartung hege, er werde von dem mahomedani- schen Fürsten mit einem hohen Amte beehrt werden. Mit noch größerer Aengstlichkeit vernahm er, daß ein von den Sklaven orientalischer Eifersucht sorgfältig bewachter Palankin, wie geflüstert wurde, eine Feringi oder ein fränkisches Weib, schön wie eine Houri, enthielt, welche die Biegom als ein für Tippu bestimmtes Geschenk aus England hatte kommen lassen. Die schurkische That befand sich also im besten Zuge zur Ausführung; es war nur die Frage, ob dieselbe dnrch Hartley'S emsige Bemühungen unterbrochen werden könne. Als dieser eifrige Verthcidiger der Unschuld in HydcrS Hauptstadt ankam, kann man sich einbilden, daß er nicht die Zeit damit verbrachte, den Tempel des berühmten Wischnn zu besuchen, oder die glänzenden Gärten Loll-Bang zu besehen , welche ein Denkmal von Hyders Pracht sind, und jetzt dessen sterbliche» Neste umschließen. Im Gegcntheil eilte er, sobald er angelangt war, zur Haupt-Moschee, indem er keinen Zweifel hegte, daß er dort einige Kunde von Barak el Hadschi erlange» könne. Er nahte somit dem geheiligten Orte, und da der Eintritt einem Feringi das Leben gekostet haben würde, benutzte er die Vermittlung eines frommen Muselmanns, um Erkundigung hinsichtlich der von ihm gesuchten Person einzuziehen. 53* 836 Er erfuhr alsbald, daß der Fakir sich in der Moschee, wie er erwartet hatte, befinde, und sich mit der heiligen Verrichtung, Koran-Stellen und deren beste Erklärungen zu lesen, beschäftige. Es war unmöglich, ihn in seinem frommen Tagwerke zu unterbrechen, und derselbe Muselmann, der schon von Hartley verwendet worden war, konnte nur durch eine hohe Bestechung bewogen werden, in den Aermel des heiligen Mannes einen Zettel mit Hartley's Namen und demjenigen des Khans") zu schieben, worin der Wakiel cingekehrt war. Die Mittelsperson brachte als Antwort zurück, daß der Fakir, wie sich erwarten lasse, in seinen heiligen Dienst versunken, keine sichtbare Aufmerksamkeit auf das Zeichen der Anmeldung gerichtet habe, welches ihm vom Feringi Sahib (europäischen Herrn) gesandt worden sei. Außer sich über de» Verlust der Zeit, von welcher ein jeder Augenblick kostbar war, bemühte sich Hartley zunächst den Muselmann zu überreden, daß er des Fakir's Andacht durch eine mündliche Botschaft unterbreche; der Mann wurde jedoch schon bei dem bloßen Vorschläge zornig. „Hund von einem Christen," sagte er, „wer bist du und dein ganzes Geschlecht, daß Barak cl Hadschi einen göttlichen Gedanken wegen eines Ungläubigen, wie du, verlieren sollte?" Der unglückliche Hartley war in solcher Weise erbittert, daß er die Selbstbeherrschung verlor; er stand im Begriff, persönlich in die Moschee zu dringen, indem er hoffte, die förmliche und verlängerte Vorlesung, die in den Gängen des Gebäudes an dessen äußeren Seiten ertönte, zu unterbrechen, als ein alter Mann ihm die Hand auf die Schulter legte, ") Orientalische Herberge. und ihn von einer Raschheit zurückhielt, die ihn das Leben hätte kosten können. Derselbe sagte zugleich: „Ihr seid ein Sahib Angrisei (ein englischer Herr), ich bin ein Telinga (ein gemeiner Soldat) in Dienst der Compagnie gewesen und habe deren Salz gegessen. Ich will Eure Botschaft an den Fakir Barack ei Hadschi ausrichten." Mit den Worten trat er in die Moschee und kehrte sogleich mit der Antwort des Fakirs in folgenden riithselhaften Ausdrücken zurück. „Wer sehen will, wie die Sonne aufgeht, muß bis zur Dämmerung warten." Mit diesem ärmlichen Trost begab sich Hartley in seine Herberge, um über die geringe Bedeutung von Versprechungen der Eingebornen nachzudenken und um ein anderes Mittel ausfindig zu machen, wodurch er Zutritt zu Hyder erlangen könne; auf dasjenige, worauf er bisher vertraut hatte, hegte er keine weitere Hoffnung; indcß auch hinslchtlich seines neuen Planes wurde ihm jede Aussicht vereitelt, denn er erfuhr in dem Khan von seinem bisherigen Reisegefährten, daß der Nawob sich wegen einer geheimen Unternehmung ans der Stadt entfernt habe und zwei oder drei Tage ansbleibcn werde. Diese Antwort hatte der Wakiel selbst nebst der ferneren Weisung vom Divan erhalten, daß er sich auf Verlangen bereit halten müsse, sein Beglaubigungsschreiben dem Prinzen Tippa statt dem Nawob zu überreichen; sein Geschäft sei dem Ersteren in einer Weise überwiesen worden, welche für den Erfolg seiner Gesandtschaft nichts Gutes verheiße. Hartley gerieth beinahe in Verzweiflung. Er wandte sich an mehrere Beamte, bei denen vorausgesetzt wurde, daß sie Einfluß bei Nawob besäßen, allein der geringste Wink von der Art seines Geschäftes schien alle mit Schrecken zu erfül- 838 len. Niemand von allen Personen, an die er sich wandte, wollte sich mit der Angelegenheit befassen oder auch nur die Darlegung Hartley's anhören; der Divan ") erklärte ihm deutlich, ei» Verfahren, womit man den Wünschen des Prinzen Tipp» entgegenirete, sei der sichere Weg zum Untergänge; er ermahnte ihn deßhalb nach der Küste zurückzukehren. Beinahe wahnsinnig wegen der Vergeblichkeit seiner Bemühungen, begab sich Hartley vor Abend nach dem Khan. Der Ruf der Muezzin, welcher von den Minarets donnerte, hatte die Gläubigen zum Gebet geladen, als ein schwarzer, ungefähr 15 Jahre alter Diener vor Hartley erschien, folgende Worte bedachtsam aussprach und zweimal wiederholte: „So spricht Barak cl Hadschi, der Wächter der Moschee, wer den Aufgang der Sonne sehen will, muß sich nach Osten wenden." Alsdann verließ er das Caravanserai. Man kann sich denken, daß Hartley von dem Teppich auffnhr, auf welchem er sich zur Ruhe niedcrgelegt hatte und seinem jugendlichen Führer mit erneuter Kraft und pochendem Herzen folgte. Schatzmeister. Vierzehntes Kapitel. Abend WIW'S, der Heiden Brauch Nlef die Paynini zum Gebete, Als des Thaues kühler Hauch Unter Sternenschimmer wehte. Bor ihm schwand des Tages Glüh», Nuhig schien der Mond und kalt, Als ein Christ allein und kühn Zum Bezier-Palaste wallt'. Campbell. Das Zwielicht ging so schnell in Dunkel über, daß Hart- ley seinen Führer nur an seiner weißen Kleidung erkennen konnte, als derselbe an dem glänzenden Bazar der Stadt vorüber eilte. Das Dunkel war jedoch in so weit günstig, daß es die ungelegene Aufmerksamkeit verhinderte, womit die Eingeborenen sonst einen Europäer in seiner Nationalkleidung betrachtet haben würden, ein Anblick, der in Seringapatam sehr selten war. Die verschiedenen Windungen und Krümmungen, durch die er geführt wurde, endeten an einer kleinen Thüre in einer Mauer, welche, nach den verschiedenen überhängenden Zweigen zu urtheilen, einen Garten oder einen Hain umringte. Die Hinterthüre öffnete sich auf ein Klopfen seines Führers; als der Sklave eingetreten war, wollte Hartley folgen, schritt aber zurück, als ein riesenhafter Afrikaner über seinem Kopf einen drei Finger breiten Säbel schwang. Der junge Sklave berührte seinen Landsmann mit einem Stabe, den er in der Hand hielt, und es schien, als ob die Berührung dem Skla- 840 ven alle Kraft benähme, dessen Arm und Waffe sogleich niedersanken. Hartley trat ohne weiteren Widerstand ein und befand sich jetzt in einem Haine von Magnolien, durch welche das erste Viertel des Mondes unter dem Murmeln von Quellen, dem lieblichen Gesang der Nachtigall und den Düften der Rose, des gelben Jasmins, der Orangen- und Zitro- nenblüthen und der persischen Narzisse einen schwachen Schein warf. Hohe Kuppeln und Bögen, die man in dem unbestimmten Lichte noch undeutlich sah, schienen die Nähe eines heiligen Gebäudes anzudeuten, wo der Fakir ohne Zweifel seine Wohnung hatte. Hartley eilte so schnell wie möglich vorwärts, trat in eine Seitenthüre und einen niedrig gewölbten Durchgang, an dessen weiterem Ende sich eine zweite Thüre befand. Hier blieb sein Führer stehen, wies aber auf die Thüre, und gab durch Zeichen zu verstehen, der Europäer möge eintreten. Hartley befolgte die Anweisung und befand sich in einer kleinen Zelle, wie wir eine solche schon früher beschrieben haben; in derselben saß Barak el Hadschi mit einem andern Fakir, welcher nach der außerordentlichen Würde eines weißen Bartes zu urtheilen, der auf jeder Seite des Gesichtes bis zu den Augen reichte, eine Person von großer Heiligkeit und Bedeutung sein mußte. Hartley sprach den gewöhnlichen Gruß Sslam Llaikum im bescheidensten und achtungsvollsten Tone aus; sein Frennd war aber so weit entfernt, seiner früheren Vertraulichkeit zu entsprechen, daß er noch einen Blick aus seinen älteren Gefährten warf und auf einen dicken Teppich hinwies, auf welchen der Fremde sich nach der Landessitte mit gekreuzten Beinen niederließ. Ein tiefes Stillschweigen herrschte mehrere Minuten lang; Hartley kannte zu wohl die orientalischen Ge- wohnheiten, um den Erfolg seines Gesuches durch Uebereilung in Frage zu stellen; er wartete so lange, bis er eine Aufforderung zum Neben erhielt. Dieselbe trat zuletzt ein und ging von Barak aus. „Als der Pilger Barak," sagte derselbe, „in Madras wohnte, hatte er Augen und eine Zunge; jetzt aber wird er geleitet durch die seines Vaters, des heiligen Scheikhs Ali Ben Khaledoun, welcher der Vorsteher seines Klosters ist." Die äußerste Dcmuth hielt Hartlcy für unverträglich mit dem angeblichen Besitz höheren Einflusses, welchen Barak während seines Aufenthaltes in der Präsidentschaft gezeigt hatte, allein Ucbertreibung der eigenen Wichtigkeit ist eine Schwäche bei Allen, die sich in einem fremden Lande befinden. Er wandte sich deßhalb an den älteren Fakir und berichtete ihm in so wenig Worten wie möglich den schändlichen Plan, um Menie Gray in die Gewalt und in die Hände des Prinzen Tippu zu liefern; er brachte sein Gesuch für die Dazwi- schenkunft des ehrwürdigen Vaters beim Prinzen und bei dessen Vater selbst, beim Nawob, mit den lebhaftesten Ausdrücken der Ueberredung vor. Der Fakir hörte mit unbeugsamem und unbeweglichem Ausdruck, demjenigen ähnlich, womit ein hölzernes Heiligenbild auf die leidenschaftlich Flehenden herabblickt. Es entstand eine zweite Pause. Hartlcy widerholte mehr als Einmal sein Gesuch, mußte aber zuletzt aus Mangel an Stoff seine Rede schließen. Das Stillschweigen wurde vom älteren Fakir unterbrochen, welcher, nachdem er auf seinen jüngeren Gefährten einen Blick mit der Wendung des Auges, jedoch ohne die geringste Aenderung in der Stellung und Wendung des Körpers, geworfen hatte, sagte: „Der Ungläubige hat wie ein Dichter gesprochen; glaubt Ihr jedoch, daß der Nawob Khan Hyder Ali Behodcr seinem Sohne Tippu, dem Siegreichen, den Besitz einer ungläubigen Sklavin streitig machen wird?" Hartley erhielt zu gleicher Zeit einen Seitenblick von Barak, als wolle er ihn crmuthigcn für seine eigene Sache zu sprechen. Er ließ eine Minute verstreichen und erwiderte dann: „Der Nawob ist der Stellvertreter des Propheten, ein Richter über Niedrige wie Hohe. Es steht geschrieben, daß das Weib des Propheten Fatima, als derselbe einen Streit zwischen zwei Sperlingen über ein Reiskorn entschieden hatte, ihm sagte: „„Geziemt cs dem Gesandten Allahs, seine Zeit auf die Vertheilung der Gerechtigkeit über eine solche Kleinigkeit und zwischen zwei so verächtlichen Streitenden zu verwenden?"" „„Wisse Weib/' erwiderte der Prophet, „daß die Sperlinge wie das Reiskorn die Schöpfungen Allahs sind; sie sind nicht mehr wcrth, als du gesagt hast, allein Gerechtigkeit ist ein Schatz von unermeßlichem Werth, und muß von Ihm, der sie in der Hand hält, vertheilt werden unter Alle, die eS wünschen. Derjenige vollbringt den Willen Allahs, welcher sie ebenso in großen wie in kleinen Dingen, sowohl dem Armen wie dem Mächtigen ertheilt; dem hungrigen Vogel ist ein Reiskorn dasselbe, was eine Perlenschnur einem Fürsten."" — Ich habe gesprochen. „Bismallah! Gelobt sei Gott! Er hat wie ein Mollah gesprochen," sagte der ältere Fakir mit einiger Rührung und mit einiger Neigung seines Kopfes auf Barak, denn er würdigte Hartley kaum eines Blickes. „Die Lippen haben es gesprochen, welche nicht lügen können," erwiderte Barak, und dann entstand wieder eine Pause. 843 Sie wurde wiederum von Scheikh Ali unterbrochen, welcher, sich unmittelbar an Hartley wendend, ihm die Frage vorlegte: „Hast du, Feringi, von sonst einem Verrath gehört, den dieser Kafr (Ungläubiger) gegen den Nawob Bchoder im Sinn hat?" „Von einem Vcrräther kommt Verrath," sagte Hartley, „um aber nach meinem Wissen zu reden, so ist mir ein solcher Plan nicht bekannt." „Wahrheit liegt in den Worten dessen," sprach der Fakir, „welcher seinen Feind nur nach seiner Kenntniß anklagt; was du gesprochen hast, wird dem Nawob vorgelegt werden; der Ausgang wird sein, wie Allah und Er es will- Mittlerweile kehre zu deinem Khan zurück und bereite dich, den Wakiel deiner Regierung zu geleiten, welcher mit der Morgendämmerung nach Bangalore, der starken, glücklichen und heiligen Stadt aufbrechen wird. Friede sei mit dir! Ist es nicht so, mein Sohn?" Barak, an den diese Worte gerichtet wurden, erwiderte: „wie mein Vater gesprochen hat." Hartley blieb nichts übrig als aufzustehen und mit der gewöhnlichen Phrase Abschied zu nehmen. „Salam, Gottes Segen sei mit Euch!" Sein jugendlicher Führer, welcher außen auf seine Rückkehr gewartet hatte, brachte ihn nach seinem Khan auf Nebenwegen zurück, die er ohne ein leitendes Steuer nicht hätte finden können- Mittlerweile blieben seine Gedanken auf die Unterredung gerichtet. Er wußte, daß man den Priestern der Moslem nicht durchaus trauen könne. Der ganze Auftritt konnte in Folge eines Entwurfes von Barak stattgefunden haben, damit derselbe sich den Schutz eines Europäers in einer so zarten Angelegenheit vom Halse schaffe; er be- 844 schloß, sich deßhalb durch Anzeichen leiten zu lassen, welche die Erfüllung des von ihm empfangenen Versprechens bestätigen oder ihm den Glauben daran benehmen würden. Als er im Khan ankam, fand er den Wakiel der britlischen Regierung sehr beschäftigt; er traf Vorbereitungen, um den vom Divan oder Schatzmeister des Nawob überbrachten Befehlen zu folgen, welche ihm vorschrieben, am nächsten Morgen mit Tagesanbruch nach Bangalore aufzubrechen. Er sprach großen Aerger über den Befehl aus; als Hart- lcy seine Absicht, ihn zu begleiten, erklärte, schien er denselben für einen Narren zu halten, und gab ihm einen Wink über die Wahrscheinlichkeit, daß Hpder sich Beide vermittelst der Freibeuter vom Halse schaffen wolle, deren Gebiet sie mit einer schwachen Escorte durchreisen mußten. Diese Besorgniß wich einer zweiten, als die Zeit der Abreise kam; in dem Augenblick nämlich sprengten 2vo Mann von der Reiterei des Nawob herbei. Der Sirdar, welcher die eingeborenen Truppen kommandirte, benahm sich höflich und erklärte, er habe Befehl erhalten, die Reisenden zu geleiten und für ihre Sicherheit und Bequemlichkeit auf der Reise Sorge zu tragen; sein Benehmen mar jedoch gemessen und zurückhaltend, und der Wakiel behauptete, diese Truppen seien eher dazu bestimmt, ihre Flucht zu verhindern, als für ihren Schutz zu sorgen. Unter solchen unangenehmen Aussichten wurde die Reise zwischen Seringapatam und Bangalore in zwei Tagen und dem Theile eines dritten zurückgelcgt, während die Entfernung beinahe so engl. Meilen betrug. Als sie vor dieser schönen und volkreichen Stadt anlang- tcn, fanden sie ein schon aufgcschlagenes Lager ungefähr in der Entfernung einer Meile von den Wällen. Es befand sich auf der Spitze eines mit Bäumen bedeckten Hügels, und bot die Aussicht auf die Gärten, welche Tippu in einem Viertel der Stadt xrrichtet hatte. Die prächtigen Zelte der hauptsächlichsten Personen glänzten von Seide und Gold; Speere mit vergoldeten Spitzen oder Pfähle mit goldenen Kugeln entfalteten zahlreiche kleinere mit dem Namen des Propheten beschriebene Banner. Dicß war das Lager der Biegom Mulle Mahul, welche mit einem kleinen Korps ihrer Truppen, ungefähr 200 Mann, die Rückkehr Tippu's unter die Mauern von Bangalore erwartete. Die besonderen Gründe derselben für die Zusammenkunft sind dem Leser bekannt; dem Volke schien der Besuch der Biegom nur als eine Handlung der Achtung, welche schwächere und untergeordnete Fürsten häufig den Beschützern, von denen sie abhängig waren, erwiesen. Der Sirdar des Nawob, nachdem er Gewißheit über die Thatsachen erlangt hatte, schlug sein Lager vor dem der Bic- gom, jedoch in der Entfernung von etwa einer Viertelstunde auf, und sandte in die Stadt einen Boten, um dem Prinzen Tippu sogleich bei dessen Ankunft anzukündigen, daß er mit dem englischen Wakiel hier angelangt sei. Der Lärm beim Aufschlagen reicher Zelte war bald vorüber; Hartley ging einsam und traurig unter dem Schatten einiger Magnolien spazieren, und blickte auf die entfalteten Banner im Lager der Biegom, während er bedachte, daß Menie Gray sich unter diesen Zeichen des Mahomedanismus befand, und von einem ruchlosen so wie verrätherischen Geliebten zum Schicksal der Sklaverei unter einem heidnischen Tyrannen bestimmt war. Das Bewußtsein, sich in ihrer Nähe zu befinden, erhöhte den bitteren Schmerz, womit Hartley ihre Lage betrachtete, und die geringen Aussichten überdachte, die ihm dargeboten, waren, sie allein durch Gründe der Vernunft und Gerechtigkeit zu retten — die einzigen 846 Mittel, die er der leidenschaftlichen Begierde eines wollüstigen Tyrannen entgegen setzen konnte. Ein Liebhaber der Romantik batte vielleicht auf Mittel gedacht, sie durch Gewalt oder List zu erlösen, allein Hartlcy, obgleich ein Mann von Muth, besaß nicht den Geist der Abenteuer, und würde jeden Versuch der Art als verzweifelt betrachtet haben. Sein einziger Hoffnungsstrahl entsprang aus dem Eindrücke, den er offenbar auf den älteren Fakir gemacht hatte. Zu Einem war er jedoch fest entschlossen, nämlich die Sache, worin er sich eingelassen hatte, nicht aufzugebcn, so lange noch die geringste Hoffnung vorhanden war. In seinem Beruf hatte er oft ein schnelles Wiedererschcinen der Lebenskraft im Auge von Kranken gesehen, die scheinbar durch die Hand des Todes erstarrt waren; er hatte bei moralischem Unglück Vertrauen auf einen Erfolg durch denjenigen verlangt, welcher ihm oft bei Beseitigung des physischen Elends zu Theil geworden war. Während Hartley sich solchem Nachdenken hingab, wurde seine Aufmerksamkeit durch ein Geschützfeuer von den Basteien der Stadt erweckt; als er seine Augen nach der Richtung hinwandte, erblickte er auf der nördlichen Seite von Bangalore einen Schwarm von Reiterei, welche ungeordnet voran sprengte, die Sperre in allen verschiedenen Stellungen schwang und die Pferde zum Galopp spornte. Die Staubwolken, welche dieser Vorhut voran gingen, ließen ebenso wie der Rauch der Geschütze nicht deutlich das folgende Hauptcorps erkennen, allein die unbestimmte Erscheinung von Elephanten mit Senften und königlichen Bannern in der Staubwolke, verkündete deutlich die Rückkehr Tippu's nach Bangalore, während lauter Zuruf und unregelmäßige Musketcnsalven die wirkliche oder angebliche Freude der Einwohner andeu- 847 tetcn. Die Stadtihore empfingen den lebendigen Strom, welcher auf sie zurollte, die Wolken von Staub und Rauch zerstreuten sich bald, und dem Horizont wurde Heiterkeit und Stille zuruckgegeben. Die Zusammenkunft zwischen Personen von Bedeutung, ^ besonders solcher von königlichem Rang, ist eine Sache von großer Wichtigkeit in Indien; gewöhnlich wird viele Geschicklichkeit darauf verwandt, um denjenigen, welcher den Besuch empfängt, zu bewegen, daß er dem Besucher so weit wie möglich entgegen gehe- Von dem bloßen Ausstehen oder von dem Vorschreiten bis zum Rande des Teppichs, bis zum Entgegengehen am Ende des Palastes oder zum Thore der Stadt, oder auf eine oder zwei Meilen des Weges, ist Alles ein Gegenstand der Unterhandlung. Tippu's Ungeduld, die schöne Europäerin zu besitzen, veranlaßte ihn bei dieser Gelegenheit zur Gewährung eines größeren Grades von Höflichkeit, als die Biegom zu erwarten gewagt hatte. Er bestimmte seinen an die Stadtmauer stoßenden Garten, welcher wirklich innerhalb der Fcstungsmaucrn lag, zum Orte der Zusammenkunft; er setzte dazu die Mittagszeit des nächsten Tages an, denn die Eingeborenen gehen selten an ein Geschäft früh am Morgen, oder bevor sie etwas genossen haben. Dieß wurde dem Boten der Biegom vom Prinzen in Person mitgetheilt, als derselbe vor ihm knicend den Nuzzur überreichte (ein Tribut, der aus drei, fünf oder sieben Goldstücken, immer in ungerader Zahl besteht), und dafür ein Khclot oder Ehrenkleid empfing. Der Bote dagegen war beredt in der Beschreibung der Wichtigkeit seiner Herrin, ihrer Hingebung und Verehrung des Fürsten, des Vergnügens, welches sie in der Voraussicht ihrer Zusammenkunft empfinde, und schloß mit einem bescheideneren Kompliment, das er seinen eigenen außerordentlichen 848 Talenten und dem Vertrauen der Biegom gegen ihn abstat- tete. Alsdann entfernte er sich, und cs wurde Befehl gegeben, daß am nächsten Tage Alles für die Sowarrie") bereit sein solle, womit der Fürst die Biegom als geehrten Gast in dem Lusthause seiner Gärten empfangen werde. Lange Zeit vor der festgesetzten Stunde bezeugte der Aufenthalt von Fakirs, Bettlern und Müsstggängern vor dem Thore des Palastes die erregten Erwartungen derjenigen, welwe Prozessionen gewöhnlich begleiten, während ein weit unverschämterer Schwarm von Bettlern, nämlich von Höflingen auf Pferden oder Elephanten, je nachdem es ihre Mittel erlaubten, stets in großer Eile herbeikam, um dadurch ihren Eifer zu zeigen, wobei ihre Schnelligkeit zu demjenigen, was sie hofften oder fürchteten, im Verhältniß stand. Genau zur Mittagstunde verkündete eine Salve von Kanonen, die an den äußeren Höfen aufgestellt waren, so wie von Lunten-Gewehren und Drchbaffen, welche von Kameelen getragen wurden (die armen Thiere schüttelten bei jeder Salve ihre langen Ohren), Tippu habe seinen Elephanten bestiegen. Der feierliche und tiefe Schall der Naggra oder Staatstrommel, welche von einem Elephanten getragen wurde, erschallte wie entfernte Kanonenschüsse; darauf folgte ein länger dauerndes Musketenfeuer, und wurde sogleich von zahlreichen Trompeten und Tomtoos oder gewöhnlichen Trommeln beantwortet, die einen unharmonischen aber kriegerischen Lärm machten. Das Geräusch vermehrte sich, als die Prozession die äußeren Höfe des Palastes nach einander durchzog, und zuletzt aus den Thoren heraus, mit Tschobdars *) **) *) Eine große Prozession. Ausrufern. an der Spitze, kam, welche silberne Stäbe und Keulen trugen und mit lautem Geschrei die Titel und Tugenden Tippu's des Großen, des Edelmüthigen, des Unbesteglichen versagten, welcher stark sei wie Rustan, gerecht wie Nauschirwan, wozu noch ein kurzes Gebet für dessen ununterbrochene Gesundheit kam. Hierauf folgte ein ungeordnetes Korps von Fußsoldaten, mit Specrcn, Luntenflintcn und Fahnen; Reiter waren damit gemischt, einige in vollständigen Panzerhemden mit stählernen Sturmhauben unter den Turbans, Andere mit einer Art VertheidigungSwaffe, die aus seidenen und mit Baumwolle gesteppten und dadurch für Säbelhiebe undurchdringlichen Kleidern bestand; diese Truppen gingen dem Prinzen als Leibwache voran, denn Tippu hat erst später sein berühmtes Tigerregimcnt gebildet, welches nach europäischer Weise dis- ciplinirt und bewaffnet war. Unmittelbar vor dem Fürsten ritt auf einem kleinen Stephanien ein finsterblickender Mann mit harten Zügen, seinem Amte nach der Vertheiler von Almosen, die er wie ein Regenschauer in kleiner Kupfermünze unter die Fakirs und Bettler warf, deren Gedränge, um die Gaben aufzunehmen, den Betrag derselben zu steigern schien; der grimmig aussehende Vertheiler mahomedanischer Barmherzigkeit schien ebenso wie sein Elephant, welcher mit aufwärts gewundenem Rüssel und beinahe zornigen Augen vorwärts marschirte, zugleich auch bereit, zur Züchtigung derjenigen, bei welchen die Armuth zu große Zudringlichkeit hervorries. Tippu selbst erschien in reichem Schmuck auf einem Ele- phanten, welcher sein Haupt über alle anderen in der Prozession erhebend, seiner überlegenen Würde mit Stolz sich bewußt zu sein schien. Die Haudah oder Sänfte des Fürsten Das gefährl. Schloß u. and- Erzähl. 54 850 war von Silber, übergoldet und mit getriebener Arbeit, hinten mit einem Sitz für einen vertrauten Diener versehen, der den großen Tschauri oder Kuhschwanz zur Abwehrung der Fliegen bewegte, und gelegentlich auch die Rolle eines Redners übernehmen konnte, denn er war in allen Ausdrücken der Schmeichelei und Komplimente wohl bewandert. Die Schabrake des königlichen Elephanten bestand aus Scharlachtuch mit reicher Goldstickerei. Hinter Tippu kamen die verschiedenen Höflinge und Offiziere des Haushaltes, meist auf Elephanten und sämmtlich in glänzendster Kleidung und mit größter Pracht angethan- Auf diese Weise zog die Prozession die Hauptstraße der Stadt hinab nach dem Thorc der königlichen Gärten. Die Häuser waren mit breiten Tüchern, Seidenshawls und gestickten Teppichen in den glänzendsten Farben geschmückt, welche von dem Geländer der Balkone und von den Fenstern herab hingen; sogar die niedrigste Hütte war mit etwas Tuch verziert, so daß die ganze Straße ein cigenthümlich prächtiges und pomphaftes Aeußeres darbot. Nachdem diese glänzende Prozession in die königlichen Gärten gelangt war, zog sie sich durch einen hohen Baumgang auf eine Tschabutra oder Plattform von weißem Marmor, mit einem gewölbten Dach desselben Materials, welches sich von der Mitte aus erhob. Die Plattform war vier oder fünf Fuß vom Boden erhaben, mit weißem Tuch und persischen Teppichen bedeckt. In der Mitte der Plattform befand sich der Musnud oder das Staatspolster des Fürsten, von sechs Quadratfuß Umfang und aus scharlachrothem Sammet mit reicher Stickerei bestehend- Aus besonderer Gnade war ein kleines niedriges Kiffen zur Rechten des Fürsten für die Biegom bestimmt. Vor der Plattform dehnte sich ein vier Fuß tiefes, viereckiges Marmorbecken aus, bis an den Rand mit kristallhellem Wasser gefüllt, und in der Mitte mit einem Springbrunnen, der eine große Wassersaule 20 Fuß hoch in die Höhe trieb. Kaum war der Prinz Tipp» von seinem Stephanien gestiegen, und hatte sich auf dem Musnud oder dem Thron der Polster niedergelassen, als die stattliche Gestalt der Biegom sich auf den Ort der Zusammenkunft hinbewegte. Da ihr Elephant an dem Gartenthore, welches zum Felde führte, zurückgelassen war, wurde sie in einer offenen Sänfte getragen, die reich mit Silber geschmückt, auf den Schultern von sechs schwarzen Sklaven ruhte. Ihre Gestalt war so prächtig gekleidet, als es mit Seidenstoffen und Edelsteinen nur irgend möglich war. Richard Middlemas ging als General oder Bokschi der Biegom neben ihrer Sänfte in einer Kleidung her, die an sich eben so prächtig als entfernt von allem europäischem Anzug war, nämlich in der eines Bankah oder indischen Höflings. Sein Turban war von prächtiger Seide und Gold sehr fest um seinen Kopf gewickelt und schief »ach einer Seite gesetzt, wobei die Zipfel auf die Schulter herab hingen, sein Schnurrbart war nach oben gekräuselt und seine Augenlider mit An- timonium gefärbt. Sein Wams war von Goldbrokat; eine Schärpe, seinem Turban entsprechend, umwand ihm die Hüfte; in der Hand trug er einen breiten Säbel in einer Scheide von Scharlachsammet, und mit einem breiten, gestickten Ge« henke in der Mitte- Die Darstellung der Gedanken, die er unter diesem prächtigen Anzug hegte, und die kühne Haltung, welche demselben entsprachen, würde man nur mit Scheu unternehmen können. Seine am wenigsten verabscheuungS- würdigcn Hoffnungen waren vielleicht diejenigen, welche die 54 * 852 Rettung der Mente Grap betrafen, die er dadurch bewerkstelligen wollte, daß er den Fürsten, welcher ihm zu vertrauen im Begriff stand, und die Biegom verrathen wollte, auf deren Vermittlung Tippu's Vertrauen beruhte. Die Sänfte hielt a», als sie dem Marmorbecken nahe war, an dessen entgegengesetzter Seite der Prinz auf seinem Musnud saß; das übrige Geleit der Biegom folgte in den prächtigsten Kleidern; es bestand gänzlich aus Männern, und es war kein Zeichen vorhanden, daß ein Weib sich in ihrem Gefolge befand, mit Ausnahme des Umstandes, daß eine verschlossene Sänfte, von zwanzig schwarzen Sklaven mit gezogenem Säbel bewacht, in einiger Entfernung in einem Dickicht blühenden Gesträuches zurückgclassen wurde. AIS Tippn Saib durch den dünnen Nebel des Springbrunnens die Annäherung des glänzenden Zuges der Biegom erkannte, erhob er sich von seinem Musnud, um sie am Fuß seines Thrones zu empfangen; dort wurden beiderseitige Begrüßungen über das Vergnügen der Zusammenkunft und Erkundigungen nach dem Befinden ausgewechsclt. Alsdann führte er sie zu dem Kiffen neben seinem eigenen, während seine Höflinge ängstlich ihre Artigkeiten erwiesen, um dem Gefolge der Biegom Plätze auf den umherliegenden Teppichen zu verschaffen, wo sie sich sämmtlich mit gekreuzten Beinen niederließen; Richard Middlemas nahm dabei einen Ehrenplatz ein. Die Leute von geringerer Bedeutung standen -inten, und unter diesen auch der Sirdar Hpder Ali's mit Hartlep und dem Wakiel von Madras. Es wurde unmöglich sein, die Gefühle zu beschreiben, womit Hartlep den Apostaten Middlemas und die Amazone Frau Montreville erkannte. Ihr Anblick erweckte in ihm den Entschluß, in voller Versammlung auf die Gerechtigkeit sich 853 zu berufen, die Tipp» Allen erweisen müsse, die sich über Unrecht zu beklagen hätten. Mittlerweile gab der Prinz, welcher bis dahin in leisem Ton gesprochen hatte, indem er, wie es schien, die Dienste und die Treue der Biegom anerkannte, seinem vertrauten Diener ein Zeichen, welcher mit erhabener Stimme sagte: „Deßhalb und um diese Dienste zu vergelten, hat der mächtige Prinz auf das Gesuch der mächtigen Biegom Mutie Mahul, schön wie der Mond, und weise wie die Tochter Dschemschids, den Beschluß gefaßt, den Bukschie ihrer Heere in Dienst zu nehmen, und ihm als einem des Vertrauens würdigen Mann die Bewachung seiner geliebten Hauptstadt Bangalore anzuvertrauen." Die Stimme des Ausrufers war kaum verstummt, als sie von einer eben so lauten aus dem Haufen der Anwesenden heraus beantwortet wurde. „Verflucht ist der, welcher den Räuber Leik zum Schatzmeister macht oder das Leben der Moslem dem Befehl eines Apostaten anvertraut!" Hartlcp erkannte mit unaussprechlicher Freude, allein dennoch vor Zweifel und Angst erzitternd, die Stimme des älteren Fakir, des Gefährten von Barak. Tippu schien sich um die Unterbrechung nicht zu kümmern, welche für die eines verrückten Andächtigen galt; die mahomedanischen Fürsten nämlich gestatten Leuten solcher Art große Freiheiten. Der Durbar oder die Versammlung zeigte deßhalb auch kein weiteres Erstaunen, und beantwortete die Proklamation mit dem Beifallsruf, welcher bei jeder Verkündigung des königlichen Willens erwartet wird. Sobald der Zuruf verstummt war, erhob sich Middlemas, verbeugte sich gegen den Musnud, und erklärte in einer auswendig gelernten Rede seine Unwürdigkeit für die hohe ihm übertragene Ehre und seinen Eifer für den Dienst des Für- 854 sten. Es sollte noch etwas hinzugefügt werden, allein plötzlich stockte seine Rede, seine Glieder zitterten und seine Zunge schien ihm den Dienst zu versagen. Die Biegom fuhr von ihrem Sitze, obgleich der Etiquctte zuwider, auf und sagte, als wolle sie dasjenige ergänzen, was die Rede ihres Offiziers ausgelassen hatte. «Mein Sklave wollte sagen, daß ich zur Anerkennung einer so großen meinem Bukschie übertragenen Ehre, der Mittel des Dankes entbehre, und nur bitten kann, Eure Hohheit möge sich zu Annahme einer Lilie aus Frangistan hcrablaffen, um dieselbe in den entlegenen Theilen des geheimen Gartens Eurer Vergnügungen zu pflegen. Möge» die Wachen meines Herrn jene Sänfte zur Zenana tragen." Ein weiblicher Schrei wurde vernommen, als die Wachen des Serails, auf ein Zeichen von Tipp», vorschritten, um die verschlossene Sänfte von den Leuten der Biegom in Empfang zu nehmen. Die Stimme des alten Fakirs wurde wieder lauter und strenger als zuvor vernommen. «Verflucht ist der Fürst, welcher Gerechtigkeit gegen Wollust verhandelt; er wird sterben in seinem Thore unter dem Schwerte des Fremden." „Das ist zu unverschämt," sagte Tippu, „schleppt jenen Fakir herbei und zerreißt ihm auf seinem Rücken sein Kleid in Fetzen mit euren Tschabauks (lange Peitschen) ' Allein jetzt erfolgte ein Auftritt wie in der Halle von Sepd. Alle, welche versuchten, dem Befehle des wüthenden Despoten zu gehorchen, stürzten vor dem Fakir wie vor dem Engel des Todes zurück. Derselbe warf seine Mütze und seinen falschen Bart auf den Boden, und das wüthende Antlitz Tippu's zeigte sogleich die Züge der Unterwürfigkeit, als sein Blick dem finstern und furchtbaren Auge seines Vaters begegnete. Ein Zeichen entließ ihn von dem Throne, welchen Hyder selbst bestieg, während die emsigen Diener ihm schnell seinen zerrissenen Rock abnahmen, einen Mantel von königlichem Glanz über ihn warfen und auf seinen Kopf einen mit Juwelen geschmückten Turban setzten. Der Durbar ertönte vom Zurufe an Hyder Ali Khan Behoder, „den Guten, den Weisen, den Entdecker verborgener Dinge, welcher in den Divan kömmt, wie die Sonne durch die Wolken bricht." Der Nawob gebot zuletzt Schweigen durch einen Wink, und erlangte sogleich Gehorsam. Er schaute majestätisch um sich, und richtete zuletzt seinen Blick auf Tippu, dessen niedergeschlagene Augen, als er seine Arme über der Brust zusammenlegend vor dem Throne stand, einen starken Gegensatz zu dem stolze» Ausdruck der Herrschaft boten, deren er noch vor einem Augenblick gezeigt hatte. „Du hast absichtlich," sagte der Nawob, „die Sicherheit deiner Hauptstadt für den Besitz einer weißen Sklavin verhandelt, allein die Schönheit eines Weibes ließ Salomo auf seinem Pfade straucheln; um wie viel weniger hätte der Sohn Hyder Nägs bei der Versuchung fest bleiben können! — Damit die Menschen hell sehen, müssen wir das Licht entfernen, welches ihre Augen blendet. Jenes Feringi Weib muß mir zur Verfügung gestellt werden." „Hören ist gehorchen," erwiderte Tippu, während die finstere Wolke auf seiner Stirne bewies, wie schwer seinem stolzen und leidenschaftlichen Gcmüthe diese Unterwerfung wurde. In den Herzen der gegenwärtigen Höflinge herrschte die größte Neugier nach der Entwicklung des Auftritts, allein keine Spur dieses Wunsches äußerte sich auf den GefichtS- zugen, die an Verheimlichung jeder innern Regung gewohnt 856 waren. Die Gefühle der Bicgom waren unter ihrem Schleier verborgen, während der Angstschweiß in großen Tropfen an der Stirn von Richard MiddlemaS stand, obgleich derselbe einen kühnen Versuch machte, seinen Schrecken zu unterdrücken. Die nächsten Worte erklangen wie Musik in Hart- ley's Ohren. „Bringt des Feringi Weib zum Zelte des Sirdar Belasst» Cassim (dicß war der Offizier, der das Geleit Hartley's kom- mandirt hatte), behandelt cs mit allen Ehren und setzt ein Geleit in Bereitschaft, um sie mit dem Wakiel und dein Hakim Hartlep nach dem Päjicn Ghoth zu bringen (dem Lande unterhalb der Pässe); das Geleit muß mit den Köpfen für die Sicherheit dieser Person einsteben." Die Sänfte war schon nach den Zelten des SirdarS unterwegs, che der Nawob jene Worte beendet hatte. „Was dich, Tippu, betrifft," fuhr Hyder fort, „so bin ich nicht hieher gekommen, um dir deine Gewalt zu nehmen, dich vor diesem Durbar zu beschimpfen Was du dem Feringi versprochen hast, mußt du erfüllen- Die Sonne nimmt den Glanz nicht zurück, den fie dem Mond verlieh; der Vater verdunkelt nicht die Würde, die er dem Sohn übertrug. Was du verheißen hast, vollbringe." Die Ceremonie der Belehnung wurde wieder begonnen, wodurch der Prinz Tippu die wichtige Gouvcrneurstelle der Stadt Bangalore an MiddlemaS übertrug; wahrscheinlich hegte er dabei den geheimen Entschluß, er werde den neuen Killedar bei der ersten Gelegenheit wieder absetzen, da er jetzt selbst die schöne Europäerin verloren hatte. MiddlemaS erhielt dagegen die Belehnung mit klopfendem Herzen und mit der Hoffnung, daß er sowohl den Vater als den Sohn betrügen könne. Die Belehnungsurkunde wurde laut verlesen 857 — ras Ehrenkleid wurde dem neuernannten Killedar angelegt, und hundert Stimmen wünschten dem Gouverneur Glück und Sieg über seine Feinde, während sie die kluge Wahl Tippu's priesen. Ein Pferd wurde als Geschenk des Prinzen herbeigeführt. Es war ein schönes Roß von persiicher Rasse mit hoher Mähne und breitem Hintertheil; es war von weißer Farbe, und nur die Enden seines Schwanzes und seiner Mähnen waren roth gefärbt. Sein Sattel war von rothem Sammet, Zaum und Schwanzriemen mit vergoldeten Knöpfen geschmückt. Zwei Diener auf kleineren Pferden führten daö sich bäumende Thier; der Eine trug die Lanze, der Lindere den langen Speer seines Herrn. Das Pferd wurde den Beifall gebenden Höflingen gezeigt und fortgebracht, um im Staat durch die Straßen geführt zu werden, während der neue Killedar auf dem Elephanten folgen würde, einem weiteren bei solchen Gelegenheiten gewöhnlichen Geschenk, welches jetzt -erbeigebracht wurde, damit die Welt die Freigebigkeit des Fürsten bewundern könne. Daö massenhafte Thier nahte der Plattform, indem es seinen großen gerunzelten Kopf schüttelte, den es wie ungeduldig erhob und senkte, und von Zeit zu Zeit seinen Rüssel emporhob, als wolle es den Rachen seines zungenlosen Mundes zeigen. Der Killedar entfernte sich anmuthig mit der tiefsten Verbeugung; er war mit der Beendigung der Audienz sehr zufrieden, und stand am Halse des Elephanten in der Erwartung, daß der Führer des Tlncreö dasselbe werde nie- derknieen lassen, damit er die vergoldete und ihn erwartende Haudab besteigen könne. „Halt, Feringi," sagte Hyder, „du hast Alles empfangen, 858 was die Güte Tippu's versprach. Empfange jetzt die Frucht der Gerechtigkeit Hyders." Bei den Worten winkte er mit dem Finger, und der Führer des Elep-anten ließ den Willen des Nawob sogleich von dem Thiere ausführen. Das Ungeheuer schlang seinen ungeheuren Rüssel um den Hals des unglücklichen Europäers, streckte den Elenden zu Boden, stampfte ihm mit seinem großen, formlosen Fuße auf die Brust, und beendete so auf einmal sein Leben und seine Verbrechen. Der Schrei, den das Opfer ausstieß, wurde von dem Gebrüll des Ungeheuers nachgcahmt, und ein Schall wie ein hysterisches Gelächter, mischte sich mit einem Kreischen, welches unter dem Schleier der Biegom hervordrang. Der Elephant erhob wieder seinen Rüssel und riß in furchtbarer Weise den Rachen auf. Die Höflinge bewahrten ein tiefes Schweigen. Tippu jedoch, auf dessen Mouffelinkleid ein Thcil vom Blute des Opfers gespritzt war, hielt dasselbe zum Nawob empor, indem er mit traurigem aber dennoch zornigem Tone auSrief: „Vater, Vater, sollte so dein Versprechen gehalten werden?" „Wisse, schönster Knabe," sagte Hpder Ali, „daß der dort als Leichnam liegende Mensch an einer Verschwörung Theil genommen hatte, um Bangalore den Fcringi's und Maha- rattcn zu überliefern. Diese Biegom (sie fuhr auf, als sie ihren Namen hörte) hat uns eine Kunde von der Verschwörung ertheilt, und so die Verzeihung dafür verdient, daß sic ursprünglich daran Theil nahm. Wir wollen nicht zu genau untersuchen, ob Liebe zu uns ihr Beweggrund war. — Bringt fort jenen Klumpen blutigen Thones, und laßt den Hakim Hartlcy und den englischen Wakiel vor uns erscheinen." , „Hakim," sagte Hyder, „du sollst mit dem Feringi-Weibe 859 heimkehren, und zwar mit Gold, um das ihr erwiesene Unrecht auszugleichen; die Biegom soll dazu, wie billig, ihren Anthetl beitragen. Sage deinem Volk, daß Hyder Ali gerecht handelt." Der Nawob machte dann Hartlcy eine gnädige Verbeugung und wandte sich zum Wakicl, der sehr bestürzt schien. „Ihr brachtet mir," sagte er, „Worte des Friedens, während Eure Heere an einen verrätherischen Krieg dachten; aber nicht soll meine Rache Leute wie Euch treffen. Sage dem Kafr Popiah, und dem unwürdigen Herrn desselben, daß Hyder Ali zu klar steht, um durch Verrath die Vortheile zu verlieren, die er im Kriege gewonnen hat, bis dahin bin ich im Karnatschik ein milder Fürst gewesen — in Zukunst werde ich ein zerstörender Sturm sein. Bis dahin habe ich Angriffe oder Einfälle in Euer Gebiet als mitleidiger und gnädiger Eroberer ausgefllhrt; von jetzt an werde ich der Bote sein, welchen Allah den Königreichen sendet, die er in seinem Zorne heimsucht!" Es ist wohl bekannt, wie furchtbar der Nawob seine Versprechen hielt, und wie er und sein Sohn später vor der Disciplin und der Tapferkeit der Europäer niedersanken. Der Auftritt der gerechten Strafe, die er seiner Verheißung gemäß gegen den Verbrecher übte, war vielleicht seiner Politik, seinem inneren Gerechtigkeitsgefühle oder seiner Absicht, mit demselben vor einem verständigen und einsichtsvollen Engländer zu prunken, oder allen diesen Beweggründen zusammen zuzuschreiben; es liegt nicht an uns zu bestimmen, in welchem Verhältniß das letztere statthatte. Hartlcy erreichte die Küste mit dem kostbaren ihm anvertrauten Gute, nachdem die Dame aus einem furchtbaren Schicksal in einem Augenblick errettet war, worin beinahe jede Hoffnung verschwunden schien; allein die Nerven und 860 Gesundheit der Meine Gray hatten eine Erschütterung erlitten, woran sie lange Zeit schwer duldete, und sich niemals gänzlich erholte. Die vornehmsten Damen der Colonie, durch die cigenthümliche Erzählung ihrer Leiden gerührt, empfingen sie mit äußerster Güte, und übten gegen sic die aufmerksamste und liebevollste Gastfreundschaft- Der Nawob, seinem Versprechen treu, übersandte ihr eine Summe von nicht weniger als 10,000 Gold MohurS, welche, wie man vermuthete, beinahe gänzlich aus den Schätzen der Biegom Mutie Mahul oder Montreville erpreßt waren. Von den Schicksalen dieses abenteuerlichen Weibes ist nichts weiteres für gewiß bekannt, als der Umstand, daß ihre Forts und ihre Regierung ihr von Hyder Ali genommen wurden; nach einem Gerüchte soll sie, als ihre Macht vernichtet und ihre Bedeutung verloren war, an Gift gestorben sein, welches sie entweder selbst nahm, oder welches ihr von einem Andern gereicht wurde. Man sollte eS für einen natürlichen Schluß der Geschichte von Menie Gray halten, daß sie Hartley geheirathet hätte, welchem sie wegen seiner heldenmüthigen Wirksamkeit bei ihrer Rettung so viel verdankte. Allein ihre Gefühle waren zu peinlich erregt und ihre Gesundheit zu sehr erschüttert, als daß sie Gedanken einer ehelichen Verbindung sogar mit dem Gefährten ihrer Jugend und ihrem Retter hätte nähren können. Die Zeit hätte diese Hindernisse vielleicht entfernt, allein zwei Jahre nach ihren Abenteuern in Mysore fiel der muthige und uneigennützige Hartley als ein Opfer der Unerschrockenheit in seinem Berufe, indem er den Fortschritten einer pestartigen Krankheit widerstand, von welcher er zuletzt ergriffen wurde und welcher er unterlag. Er hinterließ einen beträchtlichen Theil des mäßigen von ihm erworbenen Vermögens der Menie Gray, welche natürlich mehrere vor- thcilhafte Anträge zu ihrer Verheirathung erhielt. Allein sie achtete zu sehr das Andenlen Hartley's, um in Bezug auf einen andern die Gründe aufzugcbcn, weßhalb sie ihm die Hand verweigerte, die er so wohl verdient, und man kann sagen gewonnen hatte. Sie kehrte nach Großbritannien unverheirathet aber reich zurück. Nachdem sie sich in ihrem Geburtsort niedergelassen hatte, fand sie ihr einziges Vergnügen in Handlungen des Wohlwollens, welche die Ausdehnung ihres Vermögens zu übertreffen schienen, hätte man nicht ihre große Zurückgezogenheit in Betracht nehmen müssen. Zwei oder drei Personen, mit denen sie in genauer Freundschaft stand, konnten in ihrem Charakter jene großmüthige Uneigennützigkeit und Liebe erkennen, welche dessen Grundzüge bilden. Für die Welt im Allgemeinen schienen ihre Gewohnheiten diejenigen der römischen Matronen zu sein, die in einer Grabschrift mit folgenden vier Worten bezeichnet wurden. vomi mrwsit — Imimm lecit *). *) Sie blieb zu Haus und spauu Wolle. 862 Herrn Croftangry's Schluss 5?i>t der Spaß gefallen De» ander» Allen, Kommt die Alt' nnd fragt, was der Plunder sei? Und eh' ihr ei» Wort Noch gesagt, geht sie fort Und holt einen alten Fetzen herbei. Swift. Während ich die hübschen Dinge schrieb, womit meine Leser so eben fertig geworden sind, mußte ich gewissermaßen eine Schule, um mich gegen die Kritik abzuhärtcn, wie ein Militärpferd um Feuer auszuhalten, durchmachen. Durch einige jener leicht verzeihlichen Verletzungen der Geheimhaltung, welche immer bei ähnlichen Gelegenheiten stattfinden, wurde meine geheime Koketterie mit der Muse der Dichtung zu einem Gegenstand, welcher in dem Gesellschaftskreise der Miß Fairscribe umher geflüstert wurde; einige Zierden Desselben nahmen, wie ich glaube, großes Interesse am Fortgang der Angelegenheit, während andere der Meinung waren, Herr Croftangry hätte wohl in seinen Jahren mehr Verstand haben können. Dann kam die schlaue Andeutung, die versteckte Bemerkung, aller jener Spott zuckersüßer Lippen, der sich für die Lage eines Mannes eignet, welcher eine alberne Handlung begehen will, mag dieselbe die Herausgabe eines Buches oder eine Heirath fein. Dieß war dann wieder von dem besonnenen Nicken und Winken solcher Freunde, die im Ge- heimniß waren, und dem Eifer Anderer mir zu dienen begleitet, die über die Sache etwas zu wissen wünschten. Zuletzt wurde die Angelegenheit insoweit öffentlich, daß ich verleitet wurde, einer Theegcsellschaft mit meinem Manu- script in der Tasche die Stirne zu bieten, wobei ich so einfach und bescheiden aussah, als es einem Herrn von gewissem Alter bei solchen Gelegenheiten nur möglich ist- Als der Thee -erumgegeben, Schnupftücher und Riechfläschchen bereit gehalten waren, hatte ich die Ehre, die Tochter des Wundarztes zur Unterhaltung eines Abends vorzulesen. Die Sache hatte einen ausgezeichneten Verlauf; mein Freund, Herr Fairscribe, welchen die Verführung von seinem Pult gelockt hatte, damit er dem literarischen Zirkel sich anschließe, versank nur zweimal in Schlaf und erlangte schnell wiederum seine Aufmerksamkeit vermittelst seiner Schnupftabaksdose. Die Damen waren in sehr höflicher Weise aufmerksam, und wenn die Katze, oder der Hund, oder ein Tischnachbar ein einzelnes Mitglied der Gesellschaft dazu verführten, weniger aufzupaffen, so war Miß Catie Fairscribe so wachsam, wie ein thätiger Hunde-Aufse-er, um mit Blicken, sanften Püffen oder mit Geflüster die Unachtsamen zum Bewußtsein dessen, was vorging, zurückzurufen. Ob Miß Catie diese Thätigkeit nur äußerte, um die literarische Diüciplin ihrer Lotterie aufrecht zu erhalten, oder ob sie wirklich von den Schönheiten des Stücks in Anspruch genommen wurde und dieselben Andern begreiflich zu machen suchte, will ich nicht zu behaupten wagen, denn sonst könnte ich mich schließlich in das wirklich sehr hübsche Mädchen mehr verlieben, als die Weisheit sowohl wegen meiner selbst, wie auch ihretwegen gestatten würde. Ich muß gestehen, daß die Aufmerksamkeit auf meine Geschichte hin und wieder ziemlich nachließ; vielleicht lag die Schuld an meinem Vorlesen. Während ich nämlich nur darauf 864 hätte achten sollen, wie den einmal niedergeschriebenen Worte» die meiste Wirkung ertheilt werden könne, empfand ich das unangenehme Bewußtsein, daß sie weit besser hätten sein können und auch wirklich hätten sein muffen; indeß die Gesellschaftwurde zuletzt sehr gespannt, als wir nach Ost-Indien kamen, obgleich eine alte Dame deren Zunge seit einer Stunde ungeduldig gewesen war, bei der Erwähnung von Tigern mit den Worten cinfiel: «Herr Croftangrp hat wahrscheinlich niemals die Geschichte vom Tiger Tullidef gehört?" Sie hätte beinahe die ganze Geschichte als Episode in meine Geschichte eingeschoben. Sie wurde jedoch zur Vernunft gebracht, und die nachfolgende Erwähnung non Shwals, Diamanten, Turbans und Schärpen hatte die gewöhnliche Wirkung, daß sie die Einbildungskraft der schönen Zuhörcrinnen in lebhafter Weise aufregte. Bei dem Untergange des treulosen Liebhabers in so furchtbarer und ungewöhnlicher Weise hatte ich, wie zu erwarten stand, das gute Gluck, den Ausdruck peinlicher Spannung zu erregen, welche man dadurch erkennt, daß der Athem durch die zusammcngcdrückten Lippen eingezogen wird; ja, ein Mädchen von vierzehn Jahren kreischte sogar wirklich aus. Zuletzt war meine Ausgabe beendigt, und der schöne Kreis von Zuhörerinnen ließ Düste auf mich herabregncn, ebenso wie die Damen im Karneval die Stutzer mit Bonbons bewerfen und sie mit gewürzten Getränken überschwemmen. Ich vernahm Worte, wie „schön" und „ungemein interessant," und „oh, Herr Croftangrp" und „Ihnen sehr verbunden," und „welch ein entzückender Abend" und „oh, Miß Catie, wie konntet Ihr die Sache so lange geheim halten!" Während die theuren Seelen mich so mit Rosenblättern überschütteten, riß die alte Dame sie ohne Gnade durch eine Untersuchung 865 über Shwals fort, wobei sie die Unverschämtheit hatte zu sagen, dieselbe sei ganz allein durch meine Geschichte veranlaßt. Miß Catie bemühte sich vergeblich, den Fluß ihrer Be- redtsamkeit aufzuhaltcn; die alte Dame schlug alle andern Gesprächsgegenstände aus dem Felde und machte von den ächt indischen Shwals einen Abstecher zu den nachgeahmten, die jetzt von Paislcy aus wirklicher Thibetwolle verfertigt wer- H den, und die man von den ächten nur an einem unnachahmlichen Kreuzstich in der Bordirung unterscheiden kann. „Es ist sehr gut," sagte die alte Dame, indem sie sich mit einem prächtigen Shwal umhüllte, „daß man auf irgend eine Weise ein Ding, welches so Guineen kostet, von einem andern unterscheiden kann, das zu 5 Guineen verkauft wird, aber sicherlich gibt es kaum Einen unter 10,000, welcher den Unterschied zu erkennen vermag." Die Höflichkeit einiger der schönen Damen bemühte sich jetzt das Gespräch auf den vergessenen Gegenstand der Zusammenkunft zurückzuführen. „Wie konntet Ihr, Herr Croft- angrp, alle diese hartklingende Worte über Indien einsammeln? Ihr seid ja niemals dort gewesen?" „Nein, Madame, dieser Vortheil ist mir nicht zu Theil geworden; jedoch wie die nachahmenden Arbeiter Paisley's 1 habe ich meinen Shwal so gewählt, daß ich in den Einschlag etwas ächte Thibetwolle einbrachtc. Diese hat mir mein ausgezeichneter Freund und Nachbar, Oberst Mackerris, geliefert, einer der besten Gesellen, welche jemals ein hochländisches Moor betraten, oder in eine indische Dschungel eindrangcn." Meine Vorlesung jedoch, obgleich nicht durchaus und gänzlich nach meinem Geschmack, hat mich gewissermaßen auf das weniger gutmüthige und zurückhaltende Urtheil der Welt vorbereitet. Ein Mann muß zuerst dem Rappier gegenüber Das geführt- Schloß u. and. Erzähl. 55 866 stehen, bevor er sich einem Säbel stellen will, und um bei meinem ursprünglichen Gleichniß stehen zu bleiben, ein Hengst muß zuerst an eine harmlose Gewchrsalve gewöhnt sein, bevor man ihn in einen Kugelregen schickt. Wohlan, Korporal Npms Philosophie ist nicht die schlimmste, die jemals gepredigt wurde. »Die Dinge muffen sein, wie es gehen kann." Wenn die Frucht meiner Nachtwachen Vergnügen erweckt, so nehme ich vielleicht die Aufmerksamkeit des gütigen Lesers wieder in Anspruch; wo nicht, so endet hier die Chronik vonCanongate. Der JauberspiegeL. Vorliegende Erzählungen waren ursprünglich für die Chronik von Canongate bestimmt; sie erschienen jedoch in einem von dem deutschen Buchhändler, Herrn Ackermann in London, veranstalteten Taschcnbuche, welches derselbe nach Art der in Deutschland gewöhnlichen, unter dem Namen Leepsslee, in England herausgab. Als dieser Herr Ackermann den Verfasser um Beiträge ersuchte, gab er ihm die drei kleinen Erzählungen, welche er damals gerade geschrieben hatte. Die Novelle mit dem Titel: „der Zauberspiegel", ist die bloße Umschrift einer Geschichte, welche einen großen Eindruck auf den Verfasser während seiner Kindheit hcrvorbrachte; er hörte dieselbe am Kamin von einer durch Tugend, sowie durch ein nicht unbeträchtliches Theil von Talent ausgezeichneten alten Dame, welche aus dem alten und ehrcnwcrthcn Hause Swinton stammte. Dieselbe war mir nahe verwandt, und starb später aus eine furchtbare Weise, indem sie durch eine Magd, welche ihr halbes Leben lang bei ihr gewesen war, in einem Anfall von Wahnsinn getödtet wurde. Ich kann mich jetzt, obgleich noch ein Kind, als das Unglück cin- 55 " 868 traf, ihrer nicht erinnern, ohne zugleich in schmerzhafter Weise die ersten Bilder des Schauders mir wieder vorzustellcn, welcher durch das wirkliche Leben meiner Seele eingeprägt wurden. Diese gute unverheirathete Dame hatte nach ihrer Ge- müthsbcschaffenheit eine starke Neigung zum Aberglauben und pflegte, nebst anderen Grillen, allein und laut in ihrem Schlafzimmer zu lesen, während ihre Kerze in einer Art Leuchter befestigt war, den sie sich aus einem Menschenschädel hatte verfertigen lassen. Während einer Nacht erlangte dieß sonderbare Geräth plötzlich das Vermögen sich von der Stelle zu bewegen und sprang, nachdem es einige Strecken auf ihrem Kamine zurückgelegt hatte, auf den Fußboden hinab, um dort über den Boden zu rollen. Frau Swinton ging ruhig in'S Nebenzimmer, um sich ein anderes Licht zu holen, und hatte das Vergnügen, sogleich das Geheimniß zu durchschauen. Es fand sich eine Menge von Ratten in dem alten von ihr bewohnten Gebäude, und einer derselben war es gelungen, sich in dem Lieblings-Kemento mori der alten Dame zu verstecken. Obgleich sie somit einen mehr als weiblichen Antheil vonNcr- venstärke besaß, hegte sie auch zugleich einen starken Glauben an übernatürliche Einwirkungen, welcher damals noch nicht für eine unpassende Beigabe für ernste und alte Leute ihres Standes gehalten wurde. Auch war die Geschichte des Zau- bcrspiegels eine derjenigen, an welche sie mit besonderem Vertrauen glaubte; sie behauptete, daß eine Dame ihrer eigenen Familie ein Augenzeuge der berichteten Ereignisse gewesen sei. »Die Mähr' erzähl' ich, wie ich sie vernahm." Geschichten derselben Art werden sich der Erinnerung derjenigen meiner Leser, welche sich mit dieser Art Sagen abgegeben haben, zur Genüge darbieten; was mich be- 869 trifft, so muß ich gestehen, daß ich zu einer gewissen Zeit meines Lebens mich so sehr damit beschäftigt habe, daß ich durch dieß Geständniß eben keine Ehre erlangen werde. Der Zauberfpiegel. Wohl giebt es Zeiten, In denen Phantasie, den Sinnen trotzend, Ihr Spiel zu treiben pflegt. Dann scheint der Stoff lins schattenhaft, der Schatten uns als Stoff, AIS sei die scharfbestimmte Scheidungslinie Von dem was ist und nicht ist, aufgelvstt, Und als vermöge dann der Seele Blick Keck über diese Welt hinaus zu dringen. So schattenhafter Träume Stunden sind Mir theurer als die plumpe Wirklichkeit. Ungenannter Verfasser. Meine Muhme Margarethe war eine Dame jener achtbaren Schwesterschaft, welcher alle Unruhe und Bekümmernisse anheim fallen, die mit dem Besitz von Kindern verbunden sind, mit Ausnahme der einzigen Beschwerden, welche den Eintritt derselben in die Welt begleiten. Wir waren eine große Familie von sehr verschiedenem Charakter und Körperbeschaffenheit. Einige waren dumm und hölzern —man schickte sie zur Tante Margarete, damit sie dort Unterhaltung hätten; einige waren roh, zänkisch und lärmend — man schickte sie zur Tante Margarete, damit sie dort ruhig gehalten oder vielmehr weit genug entfernt würden, so daß man sie nicht 870 mehr hören konnte; diejenigen, welche krank waren, wurden mit der Aussicht, dort gepflegt zu werden, fortgeschickt — diejenigen , welche störrig waren, wurden ihr in der Hoffnung zugesandt, daß die Milde ihrer Disciplin sie unterjoche; kurz, Tante Margarete hatte alle verschiedenen Pflichten einer Mutter zu erfüllen, ohne daß ihr die Achtung und Würde des mütterlichen Charakters zu Theil wurde. Das geschäftige Treiben ihrer mannigfachen Sorgfalt ist vorüber — von den kranken und starken, den sanften und zänkischen, den töl- pischcn und angenehmen Kindern, die sich vom Morgen bis Abend in ihrem Zimmer drängten, ist Niemand mehr am Leben, mit Ausnahme meiner Person; ich war an Kinderkrankheiten häufig leidend, einer ihrer schwächlichsten Zöglinge, habe aber dennoch alle Andern überlebt. Ich pflege noch jetzt meine geachtete Verwandte dreimal wöchentlich zu besuchen, und werde cs auch niemals unterlassen, so lange ich noch den Gebrauch meiner Glieder habe. Ihre Wohnung liegt unge- gefähr eine halbe Meile von den Vorstädten entfernt, worin die meinige sich befindet; sie ist zugänglich sowohl von der Heerstraße aus, von welcher sie etwas entfernt liegt, als auch auf einem über schöne Wiesen hinführenden Fußweg. Ich habe jetzt so wenig, was mich im Leben quält, daß eine meiner größten Plagen in der Kunde besteht, diese entlegenen Felder seien jetzt zu Bauplätzen bestimmt. In demjenigen, welches der Stadt zunächst liegt, find Schubkarren mehrere Wochen lang in solcher Anzahl beschäftigt worden, daß ich wirklich glaube, die ganze Oberfläche sei bis zur Tiefe von wenigstens 18 Zoll in diesen einräderigen Transportmitteln zu einer und derselben Zeit aufgeladcn gewesen, um von einem Orte zum andern verrückt zu werden. Große dreieckige Haufen von Brettern find ebenfalls auf verschiedenen Theilen 871 jenes den» Untergange geweihten Gütchens aufgehäuft, und eine kleine Baumgruppe, welche das sanft sich erhebende östliche Ende noch ziert, hatte ebenfalls durch eine Sudelei in weißer Farbe die Kündigung erhalten, daß sic den Platz räumen, und einem sonderbaren Haine von Schornsteinen weichen müsse." Vielleicht würden Andere in meiner Lage nur mit einem schmerzlichen Gefühle gedenken, daß diese kleine Strecke Weidegrund meinem Vater angehörte, welcher eine nicht unbedeutende Stellung in der Welt einnahm; daß derselbe ferner stückweise verkauft wurde, um die schweren Verluste wieder auszuglcichcn, in welche er durch seine Versuche gerieth, seinem verminderten Vermögen durch Handelsspekulationen wieder aufzuhelfen. Während die Bauentwürfe sich in voller Ausführung befanden, erinnerte mich oft daran diejenige Klasse meiner Freunde, welche zu besorgen pflegt, daß man irgend einen Theil seines Unglücks unbeachtet lasse. — »Solcher Weidegrund! — gerade an der Stadt gelegen — für Rüben und Kartoffeln umgebrochen, würde der Pacht 20 Pfd. per Acre einbringen, und zu Bauplätzen verpachtet, müßte derselbe eine wahre Goldgrube sein! — und Alles das für eine Kleinigkeit, aus dem alten Familiengute verkauft!" Meine Tröster können bet mir hierüber keine Reue erwecken. Könnte ich auf die Vergangenheit ohne Unterbrechung zurückschauen, so würde ich sehr gern den Genuß des gegenwärtigen Einkommens und die Hoffnung zukünftigen Gewinnes denjenigen überlassen, welche Alles, was mein Vater verkaufte, gekauft haben. Ich bedaure die Veränderung des Bodens allein deßhalb, weil sie Gedankenverbindungen zerstört, und ich würde nach meiner Meinung den Park lieber in den Händen Fremder sehen, wenn er dadurch seinen Waldwuchs behielte, als daß ich ihn 872 mit dem Pfluge Hingerissen oder mit Gebäuden bedeckt erblicken müßte. Ich tbeile das Gefühl des armen Logan: „Gepflügt ist selbst die Nasenflur Die ich als Kind durchwandelt habe; Dom Wald erblick' ich keine Spur, Worin ich oft geweilt als Knabe." Wie ich jedoch hoffe, wird die gedrohte Verheerung zu meinen Lebzeiten nicht ausgeführt werden. Obgleich der spe- kulirende Geist der Zeit, der jetzt sehr gemindert ist, die Unternehmung veranlaßte, so bin ich doch jetzt zu dem Gedanken ermuthigt, daß die kürzlichcn Vorfälle die Lust zu angeblich gewinnreichen Unternehmungen sehr abgekühlt haben, und daß deßhalb der noch übrige Fußpfad, welcher zur Wohnung der Tante Margaret führt, während ihres und meines Lebens ungestört bleiben wird. Ich bin dabei sehr interessirt, denn jeder Schritt des Weges bietet mir, nachdem ich über die schon erwähnte Wiese gekommen bin, irgend eine Erinnerung meiner Jugend. Dort ist die Sonnenuhr, hinsichtlich derer ich mich erinnere, daß eine mürrische Kindsmagd mir meine Körperschwäche vorwarf, als sie mich rauh und sorglos über die steinigen nach derselben führenden Stufen riß, welche meine Brüder jubelnd mit Sprüngen erstiegen. Ich erinnere mich der damals gefühlten, aber bitteren Empfindungen und des Neides, als ich, meiner Schwächen mir bewußt, die leichten Bewegungen und elastischen Schritte meiner glücklicher gebildeten Brüder betrachtete. Ach, diese schönen Fahrzeuge sind sämmtlich aus dem weiten Ocean des Lebens untergcgan- gen, und nur dasjenige Schiff, welches die See am wenigsten auszuhalten schien, hat den Hafen erreicht, als der Sturm vorüber war. Dort ist auch der Teich, in welchen mein Bruder, als er eine kleine, aus breiten Blättern der Schwert- lilie gebildete Flotte zu steuern suchte- Hineinsiel und kaum gerettet werden konnte, um später auf der brittischen Flotte unter Nelsons Flagge zu sterben. Hier auch ist das Haselgebüsch, worin mein Bruder Henry Nüsse zu suchen pflegte, während es ihm nicht einfiel, daß er einst in einer indischen Dschungel beim Aufsuchcn von Rupien sterben würde. Auf dem kleinen Spaziergänge bieten sich mir so viele Erinnerungen, daß ich jetzt, wenn ich auf mein krückenartiges Spazierrohr mich stütze, und das, was ich war, mit demjenigen, was ich jetzt bin, vergleichend mich umsehe, beinahe bezweifle, ob ich noch dieselbe Person bin, bis ich mich vor dem mit Gaisblatt umrankten Säulengange vor der Hausthüre meiner Tante, und vor dem unregelmäßigen Vorderbau mit sonderbar vorspringenden und mit Gittern versehenen Fenstern befinde, bei welchen die Arbeitsleute es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheinen, daß keines in Gestalt, Größe, oder in dem altmodischen steinernen Gebälke und den zur Verzierung angebrachten Anhängseln, dem andern gleiche. Auf dieß Haus, früher das Lusthaus des Parkes, besitzen wir noch einen kleinen Anspruch; cs war nämlich, einem früheren Fami- lienvcrtrag gemäß, der Tante Margarete auf Lebenszeit angewiesen worden. Auf diesem kleinen Eigenthum haftet gewissermaßen der letzte Schatten der Familie Bothwell von Earl's Closes, nebst ihrer letzten lockeren Verbindung mit ihren ererbten Gütern. Der einzige Repräsentant wird alsdann ein alter schwacher Mann sein, welcher sich nicht ungern dem Grabe zu bewegt, das bereits alle seine Theuren verschlungen hat. Habe ich mich einige Minuten lang solchen Gedanken hin- gegeben, so betrete ich das Wohnhaus, welches ursprünglich nur die Wohnung eines Parkaufsehers gewesen sein soll; dort 87-L finde Ich ein Wesen, auf welches die Zeit wenig Eindruck gemacht zu haben scheint, denn die Tante Margarete von heute steht zu der Tante Margarete meiner Zugend in demselben Verhältniß der Jahre, wie der zehnjährige Knabe zum sechs- undsünfzigjährigen Manne- Der alten Dame unveränderter Anzug hat ohne Zweifel Antheil an der Bestätigung der Meinung, daß die Zeit in Bezug auf Tante Margarete still gestanden ist. Das braune oder chokoladefarbene seidene Kleid mit Spitzen desselben Stoffes am Ellbogen, welche mit Spitzen ans Mecheln durchzogen find — die schwarzen seidenen Handschuhe oder Klapphandschuhe — das weiße, über eine Rolle zurückgekämmte Haar — die Haube von fleckenlosem Battist, welche das ehrwürdige Antlitz- umschließt — Alles das war eben so wenig i? 8 v wie 1826 in Mode; es war vielmehr der Tante Margarete eigenlhümliche Kleidungsweise. Dort fitzt fie noch wie vor dreißig Jahren mit dem Spinnrade oder dem Strickstrumpf — des Winters ihre Arbeit am Kamine, des Sommers am Fenster; an einem ungewöhnlich schönen Sonnabend wagt fie sich auch wohl unter das Portal hinaus. Ihr Körper vollbringt noch wie ein gut gebauter Automat die Verrichtungen, wozu er bestimmt schien; die Maschinerie macht ihre Runde mit einer allmälig sich mindernden Thätigkeit, wobei jedoch keine Wahrscheinlichkeit sich ergibt, daß dieselbe bald zum Schluffe kömmt. Die Sorgsamkeit und das liebevolle Wesen, jvelcheS die Tante Margaret zur freiwilligen Sklavin von allen Plagen der Kinderstube machte, hat jetzt die Gesundheit und Behaglichkeit eines alten schwachen Mannes zum Zwecke; es ist der einzige noch übrige Verwandte ihrer Familie und der einzige, welcher noch an den von ihr bewahrten Erzählungen Interesse 875 findet; sie gleicht nämlich dem Geizhals, welcher das Gold versteckt, hinsichtlich dessen er wünscht, daß cs Niemand nach seinem Tode genieße. Meine Unterhaltung mit Tante Margaret bezieht sich im Allgemeinen wenig auf Gegenwart und Zukunft; für die Vergangenheit besitzen wir, soviel wir brauchen, und Keines von uns wünscht sich mehr; hinsichtlich der Zukunft hegen wir für diese Seite des Grabes weder Hoffnung, noch Furcht, noch ängstliche Wünsche» Wir blicken deßhalb natürlicherweise in die Vergangenheit zurück, und vergessen das jetzt verschwundene Vermögen, sowie die verminderte Bedeutung unserer Familie, indem wir uns der Stunden ihres Rcichthums und Glückes erinnern. Nach dieser kleinen Einleitung wird der Leser von der Tante Margaret und ihrem Neffen genug wissen, um folgendes Gespräch zu begreifen. Als ich letzte Woche an einem Sommerabend die alte Dame besuchte, bei welcher ich jetzt meinen Leser eingeführt habe, wurde ich von ihr mit der gewöhnlichen Liebe und Güte empfangen, während sie zugleich zerstreut und zum Schweigen geneigt schien. Ich fragte sie nach dem Grunde. »Die alte Kapelle," sagte sie, „ist ausgeräumt worden; John ClayhudgeonS hat wie es scheint bemerkt, daß die dort befindliche Erde — wie ich glaube, der Staub unserer Vorfahren — sich sehr gut zur oberen Düngung unserer Wiesen eigne." Hier fuhr ich mit größerer Heftigkeit auf, als es mir seit Jahren gewöhnlich war. Ich setzte mich jedoch wieder hin, als meine Tante ihre Hand auf meinen Aermel legend hinzufügte: „Die Kapelle, mein Lieber, ist lange als Gemeindegrund betrachtet, und als Hühnerhaus benützt worden, wie könnt Ihr also etwas dagegen haben, daß der Mann sein 876 Eigenthum zu seinem Nutzen gebraucht? und außerdem habe ich mit ihm gesprochen, und er hat mir sehr bereitwillig und artig das Versprechen gegeben, daß Knochen oder Grabmäler, die er finden würde, sorgfältig geachtet und wieder an ihre Stelle gelegt werden sollen; konnte ich ihn um mehr ersuchen? Der erste Stein, den man fand, führte den Namen Margarete Bothwell isss. Ich ließ ihn sorgfältig bei Seite legen, sowie cs nach meiner Meinung den Tobten gebührt; nachdem er meiner Namens-Cousine 20a Jahre gedient hat, ist er jetzt zur rechten Zeit aufgegraben worden, um mir dieselben guten Dienste zu leisten. Mein Haus ist längst bestellt, soweit es die kleinen irdischen Angelegenheiten erheischen; wer wird aber sagen können, daß die Rechnung mit dem Himmel in gleicher Weise geordnet ist!" „Nach dem was Ihr gesagt habt, Tante, müßte ich vielleicht meinen Hut nehmen und sortgehen, und dieß würde ich auch thun, hätte nicht das Metall unserer Andacht einigen Zusatz erhalten. Der Gedanke an den Tod ist zu jeder Zeit eine Pflicht; es ist jedoch ein Aberglaube, schließt man deß- halb auf seine Nähe, weil man einen alten Grabstein fand; bei Euch hätte ich am allerwenigsten eine solche Schwäche wegen Eures starken Verstandes vorausgesetzt, welcher so lange Zeit die Stütze einer finkenden Familie war." „J^h würde auch Euren Verdacht nicht verdienen, Vetter," erwiderte Tante Margaret, „sprächen wir von irgend einem Vorfall im wirklichen Geschäfte des menschlichen Lebens. Aber trotz alle dem webe ich in einem Gefühl des Aberglaubens, welches ich nur ungern ausgeben würde- Es ist ein Gefühl, welches mich von dieser Zeit trennt, und mich mit derjenigen verknüpft, nach welcher ich jetzt hineile; wenn es sogar wie jetzt mich an den Rand des Grabes zu führen scheint, und 877 mir darauf zu blicken gebietet, so habe ich nicht gern, daß es vertrieben wird. Es macht aus meine Einbildungskraft einen angenehmen Eindruck, ohne auf meine Vernunft oder auf mein Benehmen Einfluß zu üben." »Ich gestehe, gute Dame," erwiderte ich , »daß ich bei jeder andern Person, welche eine solche Erklärung gegeben hätte, eben solchen Eigensinn, wie bei dem Geistlichen vorausgesetzt haben würde, welcher ohne seine falsche Leseart zu rechtfertigen, aus Gewohnheit sein altes illumpsiinus dem neueren Lumpsimus vorzog." „Wohlan," erwiderte meine Tante, „ich muß meine Unbeständigkeit in dieser Angelegenheit dadurch erklären, daß ich sie mit einer andern vergleiche. Wie Ihr wißt, bin ich ein Stück von jenem altmodischen Ding, welches man einen Jako- biten nennt; dieses jedoch mehr nur in Gedanken und im Gefühl; denn ein loyalerer Unterthan als ich hat niemals für die Gesundheit und Wohlfahrt Georgs IV. gebetet, welchen Gott lange Zeit erhalten möge! Ich behaupte jedoch, Laß dieser gutmüthige Fürst schwerlich glauben würde, eine alte Frau thue ihm viel Schaden, wenn sie, in ihren Armstuhl beim Zwielicht zurückgelchnt, an die feurigen Männer denkt, deren Pflichtgefühl sie gegen seinen Großvater unter Waffen rief, und welche dann in einer Sache, die sie für diejenige ihres rechtmäßigen Fürsten und ihres Vaterlandes hielten, Sv lange fochten bis die Hand erstarrt an ihren Degen, Dem Schicksal trotzend wie der Macht, und nie im Muth erlegen. In einem solchen Augenblick, wenn mein Kopf voll ist von hochländischen Mänteln, Gesängen und Degen, müßt Ihr nicht von meiner Vernunft verlangen, daß sie zugcsteht, was sie nicht läugnen kann, nämlich das gemeine Wohl habe 878 unbedingt geboten, daß diese Dinge endlich aushören mußten. Ich muß die Gerechtigkeit Eurer Schlüsse zugestehen; da Ihr aber mich gegen meinen Willen überzeugt, werdet Ihr nur wenig durch Eure Darlegung gewinnen. Ihr könnt einem bcthörten'Liebhaber ebenso ein Verzeichniß von den Unvollkommenheiten seiner Geliebten vorlesen; ist er gezwungen worden Euren Schlüffen zuzuhören, so werdet Ihr nur zur Antwort bekommen, daß er die Dame dcßhalb nur um so mehr liebt." Es war mir lieb, daß die düsteren Gedanken meiner Tante eine andere Richtung genommen hatten, und ich entgegnetc in demselben Tone: „Wohlan, ich kann mich der Ueberzeugung nicht erwehren, daß unser guter König der loyalen Anhänglichkeit der Frau Bothwell um so sicherer sein kann, da zu seinen Gunsten sein Geburtsrecht als Stewart, ebenso wie die Par- lementSakte über die protestantische Thronfolge spricht." „Vielleicht würde meine Anhänglichkeit, wenn deren Quelle eine Gewichtigkeit hätte, um so wärmer empfunden, wäre die' von Euch erwähnte Vereinigung der Rechte vorhanden; allein auf mein Wort, dieselbe wäre eben so aufrichtig, wenn des Königs Recht nur auf dem Willen der Nation beruhte, wie er während der Revolution ausgesprochen war; ich gehöre nicht zu den Anhängern des göttlichen Rechtes." „Und dennoch seid Ihr Jakobit!" „Und dennoch bin ich Jakobit, oder vielmehr ich ertheile Euch Erlaubniß, mich zu der Partei zu rechnen, die man zur Zeit der Königin Anna die launenhafte nannte, weil sie sich bisweilen durch Gefühl, bisweilen durch Grundsätze bestimmen ließ; überhaupt seid Ihr sehr grausam, daß Ihr einer alten Frau nicht jene Unbeständigkeit in ihren politischen Meinungen gestatten wollt, welche die Menschen im Allgemeinen während ihres Lebenslaufes zeigen. Ihr könnt keinen Sterblichen aufweisen, welchen nicht Leidenschaften und Vorurtheile fortwährend von dem Wege ablenkcn, auf welchen die Vernunft hinweist." »Allerdings, Tante, Ihr seid aber ein Wanderer, welcher absichtlich vom Wege abweicht." „Verschont mich, ich bitte Euch," erwiderte meine Tante, „erinnert Euch des galischen Gesanges, der mit der Lehre anfängt, daß man die in Träume Versunkenen nicht wecken dürfe; auch kann ich cs Euch sagen, Vetter, daß diese Art wachender Träume, welche meine Phantasie ausspinnt, und welche, wie Euer LieblingSdichter WordSworth sagt, „„den Launen als Eigenthum meiner Seele angeboren,"" mir eben so viel Genuß gewähren, wie mein tägliches Leben. Anstatt vorwärts zu blicken, wie ich in der Jugend zu thun pflegte, und mir Fecnpaläste am Rande des Grabes zu erbauen, wende ich meine Augen rückwärts auf die Tage meiner bessern Zeit; alsdann dringen die schwermüthigen aber erheiternden Erinnerungen so dicht und Interesse erregend auf mich ein, daß ich es beinahe für eine Entweihung halten würde, wollte ich klüger oder vernünftiger oder weniger in Vorur- tbcilen befangen sein, als diejenigen, die ich in meiner Jugend vor Augen hatte " „Ich glaube Euch jetzt zu verstehen," erwiderte ich, „und kann jetzt begreifen, weßhalb Ihr gelegentlich das Dämmerlicht der Täuschung dem Hellen Lichte der Vernunft vorzicht." „Haben wir keine Arbeit zu vollbringen," erwiderte sie, „so können wir im Dunklen sitzen, so bald uns dieß beliebt; wollen wir aber arbeiten, so müssen wir Lichter kommen lassen." „Und bei solchem schattenhaften und zweifelhaften Licht," 880 fuhr ich fort 5 „bildet die Phantasie ihre bezaubernden Gesichte und drängt sie bisweilen den Sinnen als etwas Wirkliches auf." „Ja," sagte Tante Margaret, die eine sehr belesene Dame ist, „für diejenigen, welche die Art des Taffo haben," Des Dichters, dessen Seele nie bezweifelt Die Wunder all', die er im Lied besungen- „Dazu ist nicht erforderlich, daß Ihr für die peinlichen Schrecken empfänglich find, die ein wirklicher Glaube an das Wunderbare hervorruft — ein solcher Glaube wird heutzutage nur von Thoren und -Kindern gehegt. Es ist nicht erforderlich, daß Eure Ohren klingen, oder Eure Wangen erblassen, wie die von Theodor bei der Annäherung des gespenstigen Jägers- Das einzige Erforderniß für den Genuß des milderen Gefühls übernatürlicher Eindrücke besteht nur darin, daß Ihr für den leichten Schauder empfänglich seid, welcher Euch bei einer schreckhaften Erzählung beschleicht — einer gut verbürgten Erzählung, die der Berichterstatter, nachdem er zuerst seinen allgemeinen Unglauben an alle solche Sagen ausgesprochen hat, deßhalb auswählt und verträgt, weil sie Etwas enthält, dessen Erklärung aufzugeben er gezwungen wurde. Ein zweites Zeichen des erforderlichen Eindrucks besteht in einem augenblicklichen Bedenken sich umzusehen, sobald die Spannung der Erzählung sich auf dem höchsten Punkt befindet; und das dritte endlich ist der Wunsch, jeden Blick auf einen Spiegel zu vermeiden, wenn man sich des Abends allein in einem Zimmer befindet. Dieß, meine ich, sind die Zeichen, welche die Krisis anmelden, wodurch eine weibliche Einbildungskraft in die gehörige Stimmung zum Genuß einer Geistergeschichte gcräth, Ich mache keine An- spräche darauf, diejenigen zu beschreiben, welche dieselbe Stimmung bei einem Manne ausdrücken." „Das letztere Zeichen, theure Tante, ich meine die Vermeidung des Spiegels, scheint beim schönen Geschlechte selten vorzukommen." „Ihr seid ein Neuling im Verfahren der Toilette, mein theurer Herr Vetter. Alle Weiber befragen den Spiegel mit Aengstlichkeit, bevor sie sich in Gesellschaft begeben; kehren sie nach Hause zurück, so hat der Spiegel für sie nicht mehr denselben Reiz. Der Würfel ist alsdann geworfen — die Gesellschaft ist für sie hinsichtlich des gewünschten Eindrucks entweder glücklich oder unglücklich ausgefallen. Ohne jedoch Euch tiefer in die Geheimnisse des Toilettentisches einzuweihen, kann ich Euch sagen, daß ich selbst, wie viele ehrliche andere Leute, nicht gern den leeren schwarzen Hintergrund eines großen Spiegels in einem dunkel erleuchteten Zimmer sehe, wo der Widerschein des Kerzenlichtes sich eher in der tiefen Dunkelheit der Glasfläche zu verlieren, als in das Zimmer zurückgeworfen zu werden scheint. Der Raum des tintenschwarzen Dunkels scheint ein Feld zu sein, worin die Phantasie sich ihren Ausschweifungen überläßt. Sie kann uns andere Züge als die unsrigen entgegen halten, oder eine unbekannte Gestalt blickt uns vielleicht über die Schulter, wie in dem Zaubermärchen, welches uns in der Kindheit erzählt wurde. Kurz, befinde ich mich in der Laune des Geistersehens, so lasse ich von meiner Kammerfrau die grünen Vorhänge über den Spiegel ziehen, bevor ich mich in das Zimmer begebe, damit dieselbe den ersten Schrecken von der Erscheinung hat, wenn eine solche wirklich zu erblicken ist. Um Euch jedoch die Wahrheit zu sagen, so beruht mein Widerwille zu gewissen Zeiten und Orten in einen Spiegel zu sehen, ursprünglich Da« grfährl. Schloß l>. and. Erzähl. 56 882 auf einer Geschichte, welche mir von meiner Großmutter erzählt wurde; diese aber spielte eine Rolle bei den Auftritten, von denen ich Euch jetzt berichten will " Erstes Kapitel. Ihr hört ja gern, sagte meine Tante, den Schilderungen jener Gesellschaft zu, welche schon lange von der Bühne verschwunden ist. Ich wollte, daß ich Euch den Sir Philip Forester beschreiben könnte, welcher am Schluß des 17 . Jahrhunderts der privilegirte Wüstling in der höchsten schottischen Gesellschaft war. Ich habe ihn niemals gesehen, indeß meine Mutter berichtete noch immer von seinem Witz, seiner Galanterie, und seiner Verschwendung. Dieser lebenslustige Ritter stand am Schluß des 17 . und im Anfang des 18 . Jahrhunderts in voller Blüthe. Er war der Lovelace over der Don Juan seiner Zeit und feines Vaterlandes, berühmt durch die Zahl der von ihm gefochtenen Duelle, und der von ihm erfolgreich durchgeführten Licbesintriguen. Die Herrschaft, die er in der modischen Welt erlangt hatte, war unumschränkt; bedenken wir eine oder zwei Anekdoten von seinen Thaten, für welche er den Strick verdient haben würde, wenn die Gesetze für alle Stände gleich wären, so erweist wirklich die Beliebtheit eines solchen Menschen, daß man in gegenwärtiger Zeit weit mehr auf Anstand, wo nicht aus Tugend hält als früher, oder daß die äußere Anmuth auch in höheren Klaffen weit schwerer zu erwerben war, als das jetzt dort gewöhnliche äußere Benehmen, daß folglich derjenige, welcher in Erwerbung dieses Vorzugs besonderes Glück gehabt hatte, dafür auch im Verhältniß Anspruch auf Nachsicht und Vorrechte erhielt- Kein Stutzer dieser Tage könnte eine so häßliche Geschichte wie die jener hübschen Müllcrstochtcr in Stllcrmills durchführen; ja es hätte sich sogar der General-Staatsanwalt beinahe eingcmischt. Sir Philip Forester litt aber dadurch ebensowenig Schaden, als Steinplatten durch Hagelkörner, er wurde ebenso gut in der Gesellschaft ausgenommen, als früher, und speiste beim Herzog A— an demselben Tage, an welchem das arme Mädchen begraben wurde. Sie starb an gebrochenem Herzen- Jndeß das hat mit meiner Geschickte nichts zu schaffen. Jetzt müßt ihr ein paar Worte über Verwandschaft anhören; ich verspreche euch dabei, daß ich nicht weitläufig sein werde. Damit ihr aber die Bewährtheit meiner Geschichte begreift, müßt ihr wissen, daß Sir Philip Forester durch seine hübsche Gestalt, sein anmuthiges Benehmen und modische Sitten die jüngere Miß Falconer of Kings-Copland als Braut gewann. Die ältere Schwester dieser Dame hatte früher meinen Großvater, Sir Geoffroy Bothwell geheirathet und ein hübsches Vermögen unserer Familie gebracht. Miß Jemima oder Miß Jemmie Falconer, wie sie gewöhnlich genannt wurde, hatte ebenfalls 10,000 Pfd. — für die damaligen Zeiten eine beträchtliche Mitgift. Die beiden Schwestern waren sehr verschieden, obgleich eine jede im ledigen Stande ihre Bewunderer gehabt hatte. Lady Bothwell hatte etwas vom alten Blute der Kings- Äpland. Sie war kühn, wenn auch nicht bis zum Grade der Verwegenheit, ehrgeizig und bestrebt, die Bedeutung ihres Hauses und ihrer Familie zu erhöhen; meinem Großvater, 88-4 einem sonst trägen Mann, soll sie ein sehr scharfer Sporn gewesen sein; wenn den Klatschereien hinsichtlich seiner zu trauen ist, so wurde er durch seine Gemahlin in politische Angelegenheiten verwickelt, in die er sich nicht hätte mischen sollen. Sie war ein Weib von hohen Grundsätzen und männlichem Verstände, wie einige ihrer Briefe bezeugen, die sich noch in meinem getäfelten Schrank befinden. Jemmie Falconcr war das Gegentheil ihrer Schwester in jeder Hinsicht. Ihr Verstand ging nicht über das gewöhnliche Mast, wenn er dasselbe überhaupt wirklich erreichte. Ihre Schönheit, so lange sie dauerte, bestand in einer Zartheit der Gesichtsfarbe und einer Regelmäßigkeit der Züge ohne irgend eine Kraft des Ausdrucks. Sogar diese Reize schwanden unter den Leiden hinweg, welche die Heirath eines nicht für einander geeigneten Ehepaars begleiten. Sie hegte leidenschaftliche Anhänglichkeit an ihren Gemahl, welcher sie mit hartherziger, wenn auch artiger Gleichgültigkeit behandelte, die für eine Dame von ebenso zartem Herzen als schwachem Urtheil vielleicht peinlicher war, als wirklich schlechte Behandlung. Sir Philip war ein Wollüstling, d. h. ein vollkommen selbstsüchtiger Egoist, dessen Gemüthsbeschaffenheit und Charakter dem von ihm getragenen Stoßdcgen glich — glatt, scharf, glänzend, aber unbiegsam und ohne Mitleid. Da er die gewöhnlichen Formen gegen seine Gemahlin beobachtete, so gelang cs ihm, durch sein berechnetes Benehmen ihr sogar das Mitleid der Welt zu rauben; so nutzlos dasselbe auch dem Leidenden sein mag, dem es zu Theil wird, so erregt doch das Bewußtsein, daß es nicht ertheilt wird, ein höchst schmerzliches Gefühl in einem weiblichen Charakter, welcher demjenigen der Ladp Forester ähnlich ist. Die Klatschereien der Gesellschaft thaten ihr Möglichstes, um den sündhaften Mann über seine leidende Frau zu stellen. Einige nannten dieselbe ein ärmliches, schwaches Ding, und erklärten, daß sie mit einigem Muth ihrer Schwester einen jeden Sir Philip zur Vernunft hätte bringen können, und wäre es der Zänker Falconbridge in eigener Person. Der größere Theil ihrer Bekannten stellte sich aufrichtig und sah Fehlcr auf beiden Seiten, obgleich in Wirklichkeit nur ein Unterdrücker und eine Unterdrückte vorhanden waren- Der Inhalt solcher Kritiken war alsdann etwa folgender; „Sicherlich wird Niemand den Sir Philip Forester rechtfertigen; wir kennen ihn ja aber sämmtlich, und Zemmie Falconer mußte also vorher wissen, was sie von ihm zu erwarten hatte. Warum hat sie ihren Kopf auf Sir Philip gesetzt? Er würbe sie niemals angesehen haben, hätte sie sich mit ihren ärmlichen 10,000 Pfd. ihm nicht an den Hals geworfen. Sicherlich hat er seinen Markt verdorben, wenn er Geld brauchte; bei der und der wäre cs ihm weit besser gegangen — wenn sie aber den Mann durchaus haben wollte, so mußte sie auch den Versuch machen, ihm sein Haus angenehmer zu machen; seine Freunde öfter einladcn, und ihn nicht mit Kindergeheul plagen, und Sorge tragen, daß Alles hübsch und nett im Hause wäre. Ich bin überzeugt, Sir Philip würde einen sehr häuslichen Ehemann abgegeben haben, hätte er eine Frau bekommen, die ihn zu führen verstände." Diese Kritiker des schönen Geschlechtes hatten bei Errichtung ihres tief erdachten Baues von häuslichem Glück nur den Umstand vergessen, daß der Schlußstein dabei fehlte; hätte nämlich gute Gesellschaft dort gut bewirthet werden sollen, so hätte Sir Philip die Mittel hergeben müssen; das durch Verschwendung geminderte Einkommen desselben genügte aber nicht für die verlangte Gastfreundschaft, während es zugleich 886 für die kleinen Vergnügungen des guten Ritters bestimmt war. Ungeachtet aller weisen Meinungen seiner Freundinnen brachte Sir Philip seine gute Laune überall außerhalb seines Hauses an, und ließ dort seine Frau in Einsamkeit sich härmen. Zuletzt beschloß Sir Philip, als er sich wegen Geldangelegenheiten in Verlegenheit befand, und sogar über die kurze Zeit verdrießlich wurde, die er in seinem ihm langweiligen Hause verbringen mußte, eine Reise nach dem Festlande als Freiwilliger in dem damaligen Kriege zu machen. Dies Verfahren war damals bei modischen Leuten gewöhnlich; unser Ritter glaubte vielleicht, daß ein kleiner Anstrich von militärischem Charakter, welcher gerade genügen würde, um seine Eigenschaften als Leau garpon zu erhöhen, ohne demselben einige Pedanterei zu crtheilen, ihm von großen Nutzen sein werde, um die hohe Stellung zu behaupten, welche er in den Reihen der Mode cinnahm. Sir Philip's Entschluß erfüllte sein Weid mit den schmerzhaftesten Schrecken, welche dem würdigen Baronet so widerlich waren, daß er, seiner Gewohnheit entgegen, sich einige Mühe gab, ihre Besorgnisse zu vermindern; er veranlaßte sie noch einmal zum Weinen, wobei Ihr Kummer nicht gänzlich un- vermischt mit Vergnügen war. Lady Bothwell ersuchte Sir Philip um die Erlaubniß, ihre Schwester und deren Familie während seiner Abwesenheit auf dem Festlande in ihr eigenes Haus aufzunehmen, als werde ihr dadurch eine Gunstbezeugung erwiesen. Sir Philip gab sehr gern seine Einwilligung zu einem Vorschläge, welcher ihm Kosten ersparte und alberne Leute zum Schweigen brachte, die von verlassener Frau und Familie hätten reden können, und endlich auch der Lady Bothwell nicht unangenehm war, vor welcher er stets einige Ach- 887 tung als vor einer Dame hegte, die ihm häufige Vorstellungen stets mit Frcimuth und bisweilen mit Strenge machte, ohne fich durch seinen Spott oder das Blendwerk seines Rufes ab- schreckcn zu lassen. Einige Tage vor der Abreise Sir Philip's nahm Lady Bvthwell sich die Freiheit, ihm in Gegenwart ihrer Schwester die bestimmte Frage vorzulcgen, welche dieselbe oft an ihn zu richten gewünscht, aber niemals gewagt hatte. „Bitte, Sir Philip, welchen Weg wollt Ihr einschlagen, wenn Ihr das Festland erreicht habt?" »Ich reise von Leit- nach Helvoetsluys mit einem Postschiffe." „Das verstehe ich vollkommen," sagte Lady Bothwell mit trockenem Ausdruck, „und begreife ebenso gut, daß Ihr nicht lange in Helvoetsluys bleiben wollt; somit wünsche ich zu erfahren, was das nächste Ziel Eurer Reise ist." „Ihr legt mir da, theure Dame," erwiderte Sir Philip, „eine Frage vor, die ich noch nicht selbst an mich zu richten gewagt habe. Die Antwort ist vom Kriegsglück abhängig. Ich begebe mich natürlich zum Hauptquartier, an welchem Orte sich dasselbe auch befinden mag, gebe meine Empfehlungsbriefe ab, lerne soviel von der edlen Kriegskunst, als für einen armen pfuschenden Liebhaber genügt, und sehe mir dann die Dinge an, von denen wir so Mancherlei in den Zeitungen lesen." „Und, wie ich hoffe, Sir'Philip," sagte Lady Bothwell, „werdet Ihr nicht vergessen, daß Ihr ein Gemahl und Vater seid; wenn Ihr es für paffend haltet, Euren militärischen Launen Euch hinzugcben, so werdet Ihr Euch nicht in Gefahren einlaffen, deren Bestehen sich nur für Personen vom Gewerbe eignen." 888 „Lady Bothwell erweist mir zu viel Ehre," erwiderte der auf Abenteuer auszichende Ritter, „indem sic einen solchen Umstand auch nur mit der geringsten Theilnahmc betrachtet; damit Eure Ladyschast jedoch die mir schmeichelhafte Angst vermindert, so hoffe ich, dieselbe werde bedenken, daß der ehrwürdige und väterliche Charakter, den ihr mir auf eine so verbindliche Weise meinem Schutze empfehlt, dem Zufall nicht ausgesetzt werden kann, ohne daß auch ein ehrlicher Kerl, Philip Forester genannt, in einige Gefahr geräth — ein Kamerad , mit dem ich jetzt seit 3o Jahren in Gesellschaft lebe, und von dem ich mich durchaus nicht trennen will, obgleich einige Leute ihn für einen Gecken halten." „Wohlan, Sir Philip, Ihr seid der beste Richter in Euren eigenen Angelegenheiten; ich besitze kein Recht, mich cinzu- mischen — Ihr seid nicht mein Gemahl." „Gott behüte!" — fiel Sir Philip hastig ein, er fugte jedoch sogleich hinzu: „Gott behüte, daß ich meinem Freunde Sir Geoffrey ein so unschätzbares Juwel rauben sollte!" „Ihr seid jedoch der Gatte meiner Schwester," erwiderte die Dame, „und ich vermuthe, daß Ihr ihre jetzige Niedergeschlagenheit erkannt habt." „Wenn eine Sache, von der ich den ganzen Tag früh vom Morgen an bis spät in die Nacht hören muß, erkannt werden kann," sagte Sir Philip, „so muß ich allerdings etwas davon wissen." „Ich mache keine Ansprüche, Sir Philip," erwiderte Lady Bothwell, „auf die Fähigkeit, Euch eine Erwiderung mit gleichem Witz zu geben; Ihr müßt jedoch erkennen, daß alle Niedergeschlagenheit Eurer Gemahlin durch Besorgnisse hinsichtlich Eurer persönlichen Sicherheit veranlaßt ist." „In dem Fall muß ich erstaunen, daß Lady Bothwell 889 wenigstens sich soviel um eine so unbedeutende Sache bekümmert." „Durch die Theilnahme an meiner Schwester läßt sich die Acngstlichkcit erklären, womit ich Einiges vom Treiben Sir Philip Forcster's zu erfahren wünsche, hinsichtlich dessen er sonst nicht gern sehen würde, daß ich mich darum bekümmere. Auch habe ich Grund, Besorgnisse hinsichtlich der Sicherheit eines Bruders zu hegen." „Ihr meint den Major Falconcr, Euren Bruder von mütterlicher Seite; was kann der jetzt mit unserem angenehmen Gespräch zu schaffen haben?" „Ihr habt mit ihm Worte gewechselt, Sir Philip," sagte Lady Bothwcll. „Natürlich, wir sind ja Verwandte," erwiderte Sir Philip; „als solche haben wir stets mit einander den gewöhnlichen Verkehr gehabt." „Das ist eine ausweichende Antwort," erwiderte die Dame; „unter Worten verstehe ich zornige Worte, hinsichtlich der Behandlung Eurer Frau." „Wenn," erwiderte Sir Philip Forester, „Ihr den Major Falconcr für so einfältig haltet, daß er mir seinen Rath, Lady Bothwcll, in meinen häuslichen Angelegenheiten aufzudrängen sucht, so habt Ihr allerdings Grund zu dem Glauben, daß ich mit seiner Einmischung unzufrieden genug sein werde, um ihn zu ersuchen, er möge seinen Rath so lange für sich behalten, bis man ihn darum bittet " „Da Ihr so mit ihm steht, wollt Ihr Euch zu demselben Heere begeben, worin mein Bruder Falconcr jetzt Kriegsdienste leistet?" „Niemand kennt den Weg zur Ehre besser als Major Falconcr," sagte Sir Philip. „Ein Mann, der wie ich sich 890 erst um den Ruhm bewerben will, kann keinen bessern Führer finden, als wenn er sich genau an seine Fußstapfcn hält." Lady Bothwell stand auf und ging zum Fenster, während ihr die Thrä'nen aus den Augen drangen. „Dies herzlose Scherzen," sagte sie, „ist also die einzige Rücksicht, die unseren Besorgnissen über einen Streit erwiesen wird, welcher die furchtbarsten Folgen nach sich ziehen kann? Guter Gott, woraus müssen die Herzen von Männern bestehen, welche so mit dem Schmerz Anderer spielen können!" Sir Philip Forester ward gerührt, er gab den spöttischen Ton auf, worin er bisher geredet hatte. „Theure Lady Bothwell," sagte er, indem er ihre Hand ungeachtet ihres Widerstrebens ergriff, „wir Beide haben Unrecht; Ihr seid zu ernst, ich vielleicht bin dieß zu wenig. Der Streit, den ich mit Major Falconer hatte, war höchst unbedeutend. Wäre etwas zwischen uns vorgekommen, welches pur voie clu Isit, wie man in Frankreich sagt, auszumachen wäre, so sind wir Beide keine Leute, die eine solche Zusammenkunft lange verschieben würden. Erlaubt mir zu sagen, daß, im Fall die Besorgnisse der Lady Forester und die Eu- rigcn hinsichtlich dieser Katastrophe allgemein bekannt wären, dieß gerade das Mittel sein müßte, ein sonst unwahrscheinliches Ereigniß herbeizuführen. Ich kenne Euren gesunden Menschenverstand, Lady Bothwell; Ihr werdet mich deßhalb verstehen, wenn ich sage, daß meine Angelegenheiten meine Abwesenheit auf einige Monate wirklich erfordern; Jemima kann dieß nicht begreifen; von ihr vernehme ich die stete Wiederkehr der Fragen: „„warum könnte ich nicht dieß oder jenes, oder ein drittes?"" und wenn ich ihr bewiesen habe, daß alle ihre Hülfsmittel unwirksam sind, so will sie immer dieselbe Runde von vorne wieder anfangen. Nun aber sagt ihr, theure Lady Bothwell. daß Ihr zufrieden gestellt seid; Ihr müßt gestehen, daß sie eine derjenigen Personen ist, bei welchen der Autoritätsglaube mehr vermag, als das eigene Urtheilsvermögen. Schenkt mir nur ein wenig Vertrauen; alsdann sollt Ihr sehen, daß ich es reichlich zurückbezahle." Lady Bothwell schüttelte den Kopf, als sei sie nur halb zufrieden. „Wie schwierig ist es, Vertrauen auszudehnen, wenn die Grundlage, worauf dasselbe beruhen müßte, so sehr erschüttert ist! Ich will jedoch alles nur Mögliche thun, um Jemima zu beruhigen; weiterhin kann ich nur sagen, daß ich Euch Gott und den Menschen dafür verantwortlich mache, daß Ihr auf Eurer gegenwärtigen Absicht besteht." „Besorgt nicht, daß ich Euch betrüge," erwiderte Sir Philip; „die sicherste Weise, mir Briefe zu übersenden, wird diejenige vermöge des Generalpostamtes nach Helvoetsluys sein; an letzterem Orte werde ich Maßregeln treffen, damit die Briefe mir übersandt werden. Was Falconer betrifft, so wird unser einziges Zusammentreffen bei einer Burgunderflasche stattfinden; seid also hinsichtlich seiner unbesorgt." Lady Bothwell gab aber deßhalb nicht ihre Bcsorgniß auf; sie erkannte übrigens, daß ihre Schwester ihrer eigenen Sache schaden würde, wenn sie zu heftig auf ihrem Willen bestände, und vor jedem Fremden durch ihr Benehmen und bisweilen sogar durch Worte ihre Unzufriedenheit über die Reise ihres Gemahls zeigte, denn cs schien gewiß, daß dergleichen Acuße- rungen ihm zu Ohren kommen and ihm mißfallen müßten. Der häusliche Zwist ließ sich jedoch nicht beseitigen, und ward auch erst am Tage der Trennung beendet. Ich kann leider nicht genau das Jahr angeben, in welchem Sir Philip sich nach Flandern übersetzen ließ; es war jedoch eines derjenigen, in welchem der Feldzug mit ungemeiner 892 Wuth eröffnet wurde; viele blutige, wenn auch unentscheidende Treffen wurden zwischen den Franzosen und Alliirten geliefert. Unter allen Verbesserungen der neuesten Zeit ist vielleicht diejenige der Beförderung von bestimmten Nachrichten die bedeutendste, wodurch die Verwandten der Offiziere und Soldaten die schnellste Kunde über das Befinden derselben sogleich nach irgend einem Gefechte haben können. Zur Zeit der Feldzüge Marlboroughs wurden aber die Leiden der großen Menge von Leuten, welche ihre Verwandten beim Heere hatten, in hohem Maße durch Ungewißheit gesteigert, worin sie sich' Wochen lang befanden, nachdem sie von blutigen Schlachten gehört hatten, woran diejenigen, für welche ihr Herz aus Besorgniß klopfte, aller Wahrscheinlichkeit nach betheiligt gewesen waren. Zu denjenigen, welche den meisten Schmerz der Ungewißheit empfanden, gehörte auch die verlassene Gemahlin des leichtfertigen Sir Philip Forester. Ein einziger Brief hatte sie von seiner Ankunft auf dem Festlande in Kenntniß gesetzt; andere empfing sie nicht. Nur eine Angabe fand sich in den Zeitungen, in welcher der Freiwillige Sir Philip Forester als ein Mann erwähnt wurde, welcher eine ihm anvertraute gefährliche Recognoscirung mit größtem Mut-, Verstand und Geschick ausgeführt und dafür den Dank des commandirenden Offiziers erhalten hatte. Diese Gewißheit, daß er sich ausgezeichnet habe, färbte die bleiche Wange seiner Gemahlin mit augenblicklicher Röthc; dieselbe wich aber sogleich einer aschcnfarbenen Blässe, als sie der Gefahr gedachte. Hierauf langten weitere Nachrichten weder von Sir Philip, noch von dessen Schwager, Major Falconer, an. Die Lage der Lady Falconer war in Wirklichkeit nicht von derjenigen so vieler Anderer verschieden, allein eine schwache Seele ist nothwendig reizbar, und die Ungewißheit, die ei- 893 lüge Frauen von kälterem Charakter mit Gleichgültigkeit oder philosophischer Ergebung, und andere mit einer Neigung, das Beste zu glauben und zu hoffen, ertragen, war der Lady Fo- rcster, einer einsam lebenden, empfindlichen, entmuthigten und aller Seelcnstärke, sowohl der natürlichen als erworbenen, gänzlich entbehrenden Dame unerträglich. Zweites Kapitel. Als Lady Forester keine weitere Nachrichten von Sir Philip auf direktem oder indirektem Wege erhielt, begann fie sogar einen Trost in dem sorglosen Wesen zu suchen, welches ihr früher so häufige Pein verursacht hatte. „Er ist so gedankenlos, wiederholte fie tausendmal ihrer Schwester, daß er niemals an das Schreiben denkt, wenn seine Angelegenheiten einen günstigen Verlauf haben; das ist so seine Art; wäre ihm etwas zugestoßen, so würde er uns davon in Kenntniß gesetzt haben." Lady Bothwell hörte auf ihre Schwester, ohne deren Tröstung zu versuchen. Vielleicht glaubte sie, daß sogar die schlimmste Kunde, welche aus Flandern'anlangen konnte, einige Tröstung gewähren würde; die verwitlwete Lady Forester, wenn es ihr Schicksal sei, so genannt zu werden, könne eine Quelle des Glückes erlangen, die fie als die Gemahlin des leichtfertigsten und schönsten Herrn in Schottland niemals gekannt hatte. Diese Ueberzeugung wurde stärker, als man nach Erkundigungen im Hauptquartier erfuhr, Sir Philip be- 894 finde sich nicht mehr beim Heere; es konnte jedoch keiner seiner Landsleute im Lager der Alliirten nicht einmal als Ver- muthung angeben, ob er in einem der fortwährend verkommenden Scharmützel, worin er sich vorzugsweise auszuzeichnen suchte, gefallen sei, oder ob er aus unbekanntem Grunde, oder aus launenhafter Veränderung seiner Entschlüsse den Kriegsdienst freiwillig verlassen habe. Mittlerweile wurden seine Gläubiger ungeduldig, setzten sich in Besitz seines EigeuthumS und bedrohten seine persönliche Freiheit, im Fall er unbesonnen genug wäre, nach Schottland zurückzukchren. Dieses weitere Unglück erhöhte den Unwillen der Lady Bothwell gegen den flüchtigen Ehegatten, während ihre Schwester darin nur Veranlassung fand, ihren Gram wegen der Abwesenheit des Mannes zu steigern, den ihre Einbildungskraft ihr, wie vor der Ehe, als tapfer, munter und liebevoll darstellte. Um diese Zeit kam nach Edinburg ein Mann von cigen- thümlicher Erscheinung und sonderbaren Ansprüchen. Man nannte ihn gewöhnlich den Doctor von Padua, weil er seine Erziehung auf jener hochbcrühmten Universität der Republik Venedig erlangt hatte. Man glaubte von ihm, daß er einige seltene Recepte besitze, womit er nach der allgemeinen Behauptung höchst merkwürdige Kuren ausgeführt habe. Obgleich ihn ihrerseits die Aerzte von Edinburg als einen Quacksalber bezeichnten, so gab es doch viele Leute, und darunter auch manche aus der Geistlichkeit, welche zwar die Wahrheit seiner Heilungen und die Kraft seiner Mittel zuge- fianden, zugleich aber auch behaupteten, daß der Doctor Baptist« Damiotti Zaubereien und unerlaubte Künste anwende, um in seiner ärztlichen Praxis Erfolg zu erlangen. Es wurde sogar feierlich gegen ihn gepredigt: suche man Hülfe von ihm zu erlangen, so bestrebe man sich die Gesundheit durch Götzen- 895 dienst zu erhalten, und vertraue auf die Hülfe, die aus Egypten kommen werde. Der Schutz jedoch, welcher dem Doctor von Padua durch einige einflußreiche und hochstehende Freunde erwiesen ward, setzte ihn in Stand, diesen Beschuldigungen zu trotzen und sogar in der Stadt Edinburg, so berühmt dieselbe auch wegen ihres Abscheus gegen Hexen und Zauberer war, den gefährlichen Charakter eines Verkündigers der Zukunft anzunehmen. Zuletzt ging sogar ein Gerücht, der Doctor Baptist» Damiotti könne gegen eine Belohnung, welche natürlich nicht unbeträchtlich war, das Schicksal der Abwesenden verkünden, und sogar seinen Besuchern die persönliche Gestalt ihrer abwesenden Freunde und die Handlung zeigen, bei welcher sie im Augenblick betheiligt seien. Dies Gerücht kam der Lady Forester zu Ohren, welche denjenigen Grad des Seelenschmerzes erreicht hatte, worin der Leidende Alles thun oder ertragen wird, um die Pein der Ungewißheit durch eine bestimmte Kunde zu beseitigen. So sanft und furchtsam diese Dame in den meisten Fällen auch war, so wurde sie durch ihren Seelenzustand in gleicher Weise hartnäckig und sorglos. Auch vernahm Lady Bothwcll mit nicht geringerer Ueberraschung als Besorgniß die Erklärung ihres Entschlusses, diesen Mann der Kunst zu besuchen, um das Schicksal ihres Gemahls von demselben zu vernehmen. Lady Bothwell machte ihr Vorstellungen über die Unwahr- scheinlichkeit, daß solche 'Ansprüche auf übernatürliche Leistungen, wie sie sie der Fremde erhob, eine andere Begründung als die des Betrugs haben könnten. „Ich kümmere mich nicht darum," sagte die verlassene Gattin, „obgleich ich mir einen Grad der Lächerlichkeit aufbürde; habe ich unter hundert Mitteln nur die Aussicht, daß ich durch eines derselben Gewißheit über das Schicksal meines Ge- 896 mahls erlange, so würde ich dieses gegen alle Vorthcilc nicht unversucht lassen, welche mir die Welt im entgegengesetzten Falle darbieten könnte." Lady Bothwell machte zunächst die Gesetzwidrigkeit eines Schrittes geltend, durch welche solche Quellen verbotener Kenntniß als Zuflucht ausgesucht würden. „Schwester," erwiderte die Leidende, „derjenige, welcher vor Durst verschmachtet, kann sich nicht enthalten, sogar vergiftetes Wasser zu trinken- Diejenige, welche durch stete Ungewißheit leidet, muß sich Kunde zu verschaffen suchen, sogar, wenn unheilige und höllische Mächte dieselbe mir darbieten. Ich will allein fortgehen, um mein Schicksal zu erkunden; noch diesen Abend will ich es wissen; die Sonne, die sich morgen röthet, wird mich, wenn auch nicht glücklicher, doch wenigstens gefaßter, wie heute, finden." „Schwester," erwiderte Lady Bothwell, „wenn Ihr zu diesem unbedachten Schritt entschlossen seid, so sollt Ihr nicht allein gehen. Ist dieser Mann ein Betrüger, so seid Ihr vielleicht zu sehr erregt in Eurem Gefühle, um seine Schlechtigkeit zu entdecken. Wenn einige Wahrheit in demjenigen, worauf er Anspruch macht, sich vorfindet (woran ich jedoch nicht glauben kann), so sollt Ihr nicht allein einer Mittheilung so außerordentlicher Art ausgcsetzt werden; ich will Euch begleiten, wenn Ihr wirklich zu gehen entschlossen seid; überlegt jedoch noch einmal Euer Vorhaben und verzichtet ans Nachforschungen, die nicht ohne Schuld und vielleicht auch nicht ohne Gefahr sich anstellen lassen." Lady Forester warf sich in die Arme ihrer Schwester, drückte sie an ihren Busen und dankte ihr hundertmal für das Anerbieten ihrer Gesellschaft, während sie mit einer Trübsinn bezeugenden Bewegung den freundschaftlichen Rath ablehnte, womit dasselbe verbunden war. Als die Stunde des Zwielichts nahte, — die Zeit, worin der Paduanische Doktor die Besuche derer empfing, welche bei ihm sich Raths erholen wollten, — verließen die beiden Damen ihre Wohnung in Canongate zu Edinburg, nachdem sie sich als Frauen niederer Stände verkleidet und mit ihren Mänteln den Kopf in der Weise eingehüllt hatten, wie es bei jener Classe gebräuchlich war; in jenen Tagen der Aristokratie wurde nämlich der Stand gewöhnlich durch die Weise, in welcher der schottische Mantel getragen wurde, ebenso wie durch dessen Schönheit im Gewebe angezeigt. Lady Bothwell hatte diese Art Verkleidung angerathen, theils um die Beobachtung zu vermeiden, wenn sie sich zum Hause des Geisterbeschwörers begeben, theils auch um seinen Scharfsinn dadurch auf die Probe zu stellen, daß sie in einem angenommenen Charakter vor ihm erschienen. Lady Forestcrs Bedienter, ein Manu von erprobter Treue, war vorher zum Doktor geschickt worden, um dessen Gunst durch eine passende Belohnung zu gewinnen, und ihm zu verstehen zu geben, daß die Frau eines Soldaten das Schicksal ihres Mannes zu erfahren wünsche — ein Gegenstand, über welchen der Weise aller Wahrscheinlichkeit nach sehr häufig befragt wurde. Bis zum letzten Augenblick, als die Uhr des Palastes acht schlug, beobachtete Lady Fvrester sorgfältig ihre Schwester, in der Hoffnung, daß dieselbe ihr unbesonnenes Unternehmen aufgeben möge; so wie aber Sanftmuth und sogar Blödigkeit bei Zeiten zu heftigem und bestimmtem Entschluß fähig ist, blieb auch Lady Forester unbeweglich, bis der Augenblick des Fortgehens gekommen war. Unzufrieden mit der. Unternehmung, allein entschlossen, ihre Schwester in solcher Das gefährl. Schloß u. and. Erzähl. 57 898 Krise nicht zu verlassen, begleitete Lady Bothwell Lady Fo- rcster durch manche dunkle Straße und Gaffe, indem ein Diener voranging und den Weg zeigte. Zuletzt wandte sich derselbe plötzlich in einen engen Hof und klopfte an eine gewölbte Thüre, die zu einem ziemlich alten Gebäude zu gehören schien. Dieselbe ward eröffnet, ohne daß ein Portier sich zeigte; der Bediente trat vor dem Eingänge bei Seite und forderte die Damen auf, sich in das Haus zu begeben. Sobald letzteres geschehen war, ward die Thür wieder verschlossen, so daß der Führer außen blieb. Die beiden Damen befanden sich auf einer kleinen Hausflur, welche durch eine düstere Lampe erleuchtet, nach dem Verschließen der Thüre keine Verbindung mit dem Licht oder der Luft außen hatte. Die Thüre eines inneren Gemaches befand sich theilweise geöffnet an der Hinteren Seite der Hausflur. „Wir dürfen jetzt kein Bedenken tragen, Jemima," sagte Lady Bothwell, und ging in das innere Zimmer, wo von Büchern, Karten, physikalischen Instrumenten und anderem Geräth eigenthümlicher Form umgeben, der Mann der Kunst sich aufhielt. Das Aeußere des Italieners bot nichts Auffallendes; er hatte die dunkle Gesichtsfarbe und die scharfen Gesichtszüge seiner Nation, schien so Jahre alt zu sein, und war zierlich, wenn auch einfach, mit einem schwarzen Anzüge bekleidet, welchen die Aerzte der damaligen Zeit allgemein zu tragen pflegten. Große Wachskerzen in silbernen Leuchtern erleuchteten das mit Möbeln gehörig ausgestattete Gemach. Als die Damen eintraten, stand er auf. Ungeachtet ihrer unschein- .baren Kleidung empfing er dieselben mit den ihrem Stande schuldigen Achtungsbezeugungen, welche Fremde gewöhnlich bei denjenigen sorgfältig zu beachten pflegen, denen dieselben gebühren. Lady Bothwell bemühte sich, ihr beabsichtigtes Jmognito zu bewahren, und machte, als der Doktor sie an das obere Ende des Zimmers führte, eine Bewegung, um diese Artigkeit als ihrem Stande nicht gebührend, abzulehnen. „Wir sind arme Leute, Herr," sagte sie, „nur der Kummer meiner Schwester hat mich hieber gebracht, um Euer Gnaden um Rath zu fragen, ob — Er lächelte, als er sie unterbrach. „Ich kenne, Madame, den Kummer ihrer Schwester und dessen Ursache, auch weiß ich, daß ich mit einem Besuch von zwei Damen des angesehensten Standes, der Lady Bothwell und der Lady Forester beehrt werde. Könnte ich dieselben von der Klaffe der Gesellschaft nicht unterscheiden, welche deren gegenwärtige Kleidung anzuzeigen scheint, so würde ich ihnen schwerlich die Kunde zu ertheilen vermögen, die sie einzuholen hieher gekommen sind." „Ich kann begreifen," sagte Lady Bothwell — „Verzeiht meine Kühnheit, daß ich Eüch unterbreche, Mylady," fiel der Italiener ihr in die Rede, „Ihr wolltet sagen, daß Ihr begreifen könnt, wie ich die Kenntniß Eurer Namen durch Euren Bedienten erlangt habe. Durch diesen Glauben jedoch erweist Ihr ein Unrecht der Treue Eures Dieners und, wie ich hinznfügen darf, auch der Geschicklichkeit eines Mannes, welcher nicht weniger Euer unterthänigcr Diener ist — des Baptista Damiotti." „Ich beabsichtigt keines von beiden, Herr," erwiderte Lady Bothwell mit dem Tone der Fassung, obgleich etwas überrascht; „die Lage ist mir etwas Neues; wißt Ihr, wer wir sind, so wißt Ihr auch, was uns hieher gebracht hat." 900 „Die Neugier, das Schicksal eines schottischen Herrn von Rang zu erfahren, welcher sich jetzt auf dem Fesilande befindet," erwiderte der Setzer; „sein Name ist il Cavaliero Philippe Forester; es ist ein Herr, welcher die Ehre hat,'der Gemahl dieser Dame zn sein, und welcher, wenn ich mit Eurer Ladyschaft Erlaubniß mich offen ausdrücken darf, diesen unschätzbaren Vortheil unglücklicherweise nicht nach Gebühr würdigt." Lady Forester seufzte tief und Lady Bothwcll erwiderte: „Da Ihr jetzt unsere Absicht kennt, ohne daß wir dieselbe Euch eröffneten, so habe ich nur noch an Euch die einzige Frage zu richten, ob Ihr das Vermögen besitzt, die Angst meiner Schwester zu mildern." „Ich besitze dies Vermögen, Madame," erwiderte der Pa- dnanische Gelehrte; „zuvor jedoch muß ich Euch noch eine Frage vorlegen: besitzt Ihr den Muth, mit eigenen Augen zu sehen, was Sir Philipp Forester gegenwärtig treibt, oder wollt Jtzr dieß nach meinem Berichte vernehmen?" „Diese Frage muß meine Schwester selbst beantworten," sagte Lady Bothwcll. „Ich will mit eigenen Augen sehen, was Ihr mir zu zeigen vermögt," erwiderte Lady Forester mit demselben entschiedenen Wesen, welches ihre Handlungsweise bestimmt hatte, nachdem ihr Entschluß einmal gefaßt war. „Es kann Gefahr damit verbunden sein " „Wenn Gold die Gefahr auszuglcichen vermag" — sagte Lady Forester, indem sie ihre Börse zum Vorschein brachte. „Ich thue dergleichen nicht des Gewinnes wegen," unterbrach sie der Fremde; „ich wage es nicht, meine Kunst zu dem Zweck zn verwenden. Nehme ich das Gold der Reichen, so geschieht es nur, um es den Armen zu geben; auch nehme 90 l ich niemals mehr, als die Summe, die ich schon von Eurem Diener erhalten habe. Steckt Eure Börse wieder ein, Madam, ein Adept bedarf nicht Eures Goldes." Lady Bothwell hielt diese Zurückweisung des von ihrer Schwester gemachten Anerbietens für de» bloßen Kunstgriff eines Quacksalbers, um sle zu verleiten, daß sle ihm eine größere Summe aufzudringen suche. Um zu veranlassen, daß der Auftritt begonnen und beendet werde, bot sie dem Italiener ihrerseits einiges Gold mit der Bemerkung an, dasselbe möge dazu dienen, um den Bereich seiner Wohlthätigkeit zu erweitern. „Möge Lady Bothwell den Bereich ihrer eigenen Barmherzigkeit erweitern," sagte der Paduaner, und zwar nicht allein im Almosengeben, woran sle, wie ich weiß, es nicht fehlen läßt, sondern auch in der Benrtheilung des Charakters von Andern; sle möge dem Baptista Damiotti sich dadurch verbindlich machen, daß sie ihn so lange für ehrlich hält, bis sie entdeckt, daß er ein Schelm ist. Erstaunt nicht, Madame, daß ich eher Eure Gedanken als Eure Ausdrücke beantworte, und sagt mir noch einmal, ob Ihr den Muth besitzt, dasjenige, was ich Euch zeigen will, anzuschauen?" „Ich gestehe, Herr," sagte Lady Bothwell, „daß Eure Worte bei mir einige Furcht erwecken; was jedoch meine Schwester zu sehen wünscht, werde ich ohne Bedenken zugleich mit ihr erblicken " „Die Gefahr besteht allein darin, daß Eure Entschlossenheit wankend werden könnte. Der Anblick kann nur sieben Minuten lang dauern; würdet Ihr die Vision durch ein einziges Wort unterbrechen, so wäre nicht allein der Zauber gelöst, sondern eine Gefahr könnte sich auch für die Zuschauer ergeben. Könnt Ihr aber die sieben Minuten lang 902 das Schweigen mit aller Festigkeit beobachten, so wird Eure Neugier ohne das geringste Wagniß befriedigt werden; darauf setze ich meine Ehre ein." Innerlich glaubte Lady Bothwell die Sicherheit vor Gefahr sei ihr nicht verbürgt; sie unterdrückte jedoch ihren Verdacht, als glaube sie, daß der Adept, dessen dunkle Gesichtszüge ein schon halb gebildetes Lächeln zeigten, sogar ihre geheimsten Gedanken errathen könne. Es folgte eine feierliche Panse, bis Lady Forester Muth genug faßte, um dem Arzt, wie er sich nannte, zu erwidern, daß sie mit Festigkeit und Schweigen die Vision erwarten werde, die er ihnen zu zeigen versprochen hatte. Hierauf machte er ihnen eine tiefe Verbeugung und verließ das Gemach mit der Aeußcrung, er werde Anstalten treffen, um ihren Wünschen nachzukommen. Die zwei Schwestern setzten sich Hand in Hand, als suchten sie durch diese genaue Bereinigung die ihnen vielleicht drohende Gefahr abzuwenden, auf zwei unmittelbar mit einander verbundene Stühle; Jcmima suchte eine Stütze in dem männlichen Charakter und dem zur Gewohnheit gewordenen Muthe der Lady Bothwell; diese andererseits war erregter, als sie erwartet hatte, und suchte sich durch den verzweifelten Entschluß zu stärken, zu dessen Ergreifung ihre Schwester durch die Umstände gezwungen war. Die Eine dachte vielleicht, ihre Schwester habe niemals etwas gefürchtet; die Andere dagegen, dasjenige, wobei ein Weib von so schwachem Charakter, wie Jemima, keine Furcht empfinde, könne auch keine Besorgniß bei einer so charakterfesten und entschlossenen Person, wie sie selbst war, erregen. Nach wenigen Augenblicken wurden die Gedanken beider durch eine so eigenthümlich liebliche und feierliche Musik abgewandt, daß dadurch die ernste Stimmung erhöht wurde, 903 welche die vorhergehende Unterredung hervorgerufen hatte; die Musik schien zugleich darauf berechnet, jedes der Harmonie widerstrebende Gefühl zu verscheuchen. Sie stammte von einem Instrumente, mit welchem Beide unbekannt waren; meine Verwandte kam dnrch spätere Umstände zu dem Glauben, es sei die Musik einer Harmonika, die sie in einer späteren Zeit ihres Lebens zu hören Gelegenheit hatte. Als diese himmlischen Töne schwiegen, öffnete sich eine Thüre am oberen Gemache, und sie sahen, wie Damiotti auf einer Erhöhung von zwei oder drei Stufen stand, und ihnen ein Zeichen gab,,näher zu treten. Seine Kleidung war von derjenigen, die er einige Minuten früher getragen hatte, so sehr- verschieden, daß sie ihn kaum wieder erkennen konnte»; die tödtliche Blässe seines Antlitzes und eine gewisse finstere Spannung der Muskeln, wie sie bei Männern stattzufinden pflegt, welche eine sonderbare und kühne Handlung unternehmen, hatte den etwas spöttischen Ausdruck gänzlich verändert, womit er Beide und besonders Lady Bothwell betrachtet hatte. Er war barfuß, mit Ausnahme einer Art von Sandalen antiker Form; seine Beine waren sinter den Knieen nackt, über denselben trug er ein Beinkleid und ein Wams von eng anliegender carmoistnrother Seide und über denselben einen weiten Mantel von schneeweißer Leinwand, welcher einigermaßen einem Chorhemde glich; der Hals war unbedeckt und sein langes, straffes, schwarzes Haar war in voller Länge sorgfältig niederwärts gekämmt. Als die Damen auf sein Geheiß näher traten, zeigte er keine Bewegung der ceremoniösen Höflichkeit, womit er früher so freigebig gewesen war- Im Gegentheil, er gab das Zeichen zum Vortreten mit dem Ausdruck des Befehles in seinen Zügen; als die Schwestern Arm in Arm mit unsicheren 904 Schritten dem Orte, wo er stand, sich näherten, legte er den Finger an seine Lippen, mit einem finsteren Blick der Warnung, als wiederhole er sein Gebot unbedingten Schweigens; alsdann schritt er voran und führte sie in's nächste Zimmer. Dieß war ein großes, mit schwarzem Tuch ausgehängtes Gemach, als sei dasselbe für ein Begräbniß hergerichtet. Am oberen Ende stand ein Tisch oder vielmehr Altar, welcher mit einem Tuch derselben Trauerfarbe und mit verschiedene» Gegenständen, den gewöhnlichen Geräthen der Zauberei, bedeckt war. Diese Gegenstände waren noch nicht sichtbar, als sie in das Zimmer traten; das Licht, welches dieselbe erleuchtete, war nur ein sehr schwaches, von zwei dem Verlöschen nahen Lampen. Der Maestro, um den italienischen Ausdruck für Leute dieser Art zu gebrauchen, näherte sich dem oberen Ende des Zimmers mit einer Kniebeugung, wie sie Katholiken vor dem Crnzifix zu machen pflegen, und bekreuzte sich zu gleicher Zeit. Die Damen folgten schweigend und Arm in Arm. Zwei oder drei niedrige breite Stufen führten auf eine Fläche vor dem Altäre, hier nahm der Maestro seinen Stand und stellte die Damen sich zur Seite, indem er noch einmal ernstlich durch Zeichen seine Befehle zu schweigen wiederholte. Alsdann streckte er seinen nackten Arm aus seinem leinenen Mantel hervor, und wies mit seinem Zeigefinger auf fünf große Fackeln, die zu jeder Seite des Altars standen. Dieselben entzündeten sich bei der Annäherung seiner Hand oder vielmehr seines ausgestreckten Zeigefingers und verbreiteten ein starkes Licht im Gemache; dadurch konnten die beiden Damen erkennen, daß ans dem Altäre zwei große, gekreuzte Schwerter lagen; es war dort ferner ein großes Buch aufgeschlagen, wie sie dachten, die heilige Schrift, jedoch in einer für sie unbekannten Sprache; neben diesem geheimnißvollcn Buch stand ein Menschenschädel; am meisten aber war den Schwestern ein großer, breiter Spiegel auffallend, welcher den ganzen Raum hinter dem Altäre ansfülltc und von den brennenden Fackeln erleuchtet, das Bild der geheimnißvollen, vor denselben liegenden Gegenstände znrnckwarf. Der Maestro stellte sich alsdann zwischen beide Damen, , wies auf den Spiegel und nahm jede bei der Hand, ohne jedoch eine Sylbe zu reden. Sie blickten starr auf den glänzenden und dunklen Raum, worauf er ihre Aufmerksamkeit gewandt hatte. Plötzlich bot die Oberfläche eine neue und wunderbare Erscheinung. Sie zeigte nicht länger das Bild der vor ihr befindlichen Gegenstände, sondern Gegenstände begannen innerhalb des Spiegels zum Vorschein zu kommen, als ob derselbe eine besondere Ansicht enthalte; zuerst erschienen die Dinge in ungeordneter, unbestimmter, gemischter Weise, als entstehe Ordnung aus einem Chaos; zuletzt zeigten sich deutlich und bestimmt deren Form und Ebenmaß. Nach einigem Wechsel des Lichts und der Dunkelheit auf der Fläche des wunderbaren Spiegels ordnete sich von beiden Seiten eine lange Perspektive von Bögen und Säulen, und ein gewölbtes Dach erhob sich auf dem oberen Theil derselben; nach vielen Schwingungen erhielt die ganze Vision einen bestimmten und bleibenden Charakter; es war das Innere einer fremden Kirche. Die Pfeiler waren stattlich und mit Wappenschildern behängt, die Bögen hoch und prächtig, der Fußboden mit Grabschriften bedeckt. Es fanden sich aber keine abgesonderte Kapellen; man sah weder Bilder noch auf dem Altäre einen Kelch oder ein Kreuz; es war somit eine protestantische Kirche auf dem Fcstlande. Ein Geistlicher mit dem Genfer Predigcrrock und Hcmdkragcn stand am Com- mnniontische; die Bibel war vor ihm aufgeschlagen und sein 906 Küster wartete im Hintergründe; er schien Vorbereitungen getroffen zu haben, um irgend eine geistliche Handlung der Kirche zu vollziehen, zu welcher er gehörte. Zuletzt trat in das Schiff der Kirche eine zahlreiche Gesellschaft, wie es schien, ein Hochzeitszug, denn eine Dame nnd ein Herr gingen Hand in Hand voran, und es folgte eine große Menge von Personen beider Geschlechter in festlicher, sowie prächtiger Kleidung. Die Braut, deren Züge deutlich gesehen wurden, schien nicht älter als 16 Jahre und ungemein schön zu sein. Der Bräutigam bewegte sich einige Sekunden lang, indem er ihnen den Rücken znwandte; die Zierlichkeit seiner Gestalt und seines Schrittes riesen aber bei den Schwestern plötzlich dieselbe Besorguiß hervor; als er sein Gesicht schnell auf sie hinrichtete, wurde die letztere ans furchtbare Weise bestätigt, denn sie erkannten in dem geschmückten Bräutigam den Sir Philip Forester Seine Frau stieß einen unvollkommenen Ausruf aus, bei dessen Schall der ganze Auftritt in Unordnung gerieth und sich zu trennen schien. „Ich kann es mit nichts vergleichen," sagte Lady Both- wcll, wann sie später die wunderbare Geschichte wieder erzählte, „als mit der Störung eines von ruhiger Wasserfläche zurückgeworsenen Bildes, wenn plötzlich ein Stein hineingeworfen wird, so daß die Schattirungen sich zerstreuen und zerbrechen müssen." Der Maestro drückte heftig die Hände der beiden Damen, als wolle er sie an ihr Versprechen und an die Gefahr erinnern, welcher sie sich anssetzten. Der Ausruf erstarb auf der Zunge der Lady Forester, ohne zum deutlichen Schall zu werden, und der Auftritt im Spiegel nahm, nach dem Schwanken einer Minute, wiederum den Anschein eines wirklichen Auftritts an, welcher innerhalb des Spiegels vorhanden zu sein schien; das Ganze war gleichsam ein Gemälde, mit der Ausnahme, daß die Figuren sich bewegten, anstatt eine bleibende Stellung einzunehmen. Das Bild Sir Philip Fvresters war jetzt in Gestalt und Gcsichtszügen deutlich sichtbar. Man sah, wie er jenes schöne Mädchen zu dem Geistlichen hinführte, die Dame schritt zn- alcich mit Mißtrauen und einer Art liebevollen Stolzes vor. Mittlerweile betrat eine andere Gruppe von Personen, wor- 907 unter zwei oder drei Offiziere sich befanden, ebenfalls die Kirche, gerade als der Geistliche die Brautgesellschaft geordnet hatte, und im Begriff stand, die Trauung zu vollziehen. Jene Gesellschaft trat zuerst heran, als wolle sic nur bei der Trauung zuschancu; plötzlich aber sprang einer der Offiziere, dessen Rücken den Zuschauern zugekehrt war, aus der Mitte seiner Gefährten heraus, stürzte hastig auf die Brautgcsell- schaft zu, welche sich sämmtlich nach ihm hinwandte, als sei sie durch einen Ausruf bestürzt worden, welcher sein Vortreten begleitete. Rasch zog der sich Eindrängendc seine» Degen ; auch der Bräutigam riß sein Schwert aus.der Scheide und stürzte auf ihn zu; andere Anwesende zogen ebenfalls ihre Degen, sowohl diejenigen von der Brautgesellschaft, als auch mehrere von denen, welche zuletzt in die Kirche gekommen waren. Es entstand Verwirrung; der Geistliche und einige ältere, ernste Personen gaben sich offenbar Mühe, den Frieden zu erhalten, während die hitzigeren Herrn auf beiden Seiten drohend ihre Degen gegen einander schwangen. Jetzt aber war der Schluß des kurzen Zeitraums cingetröffcn, während dessen der Wahrsager nach seiner Behauptung seine Kunst zeigen durfte. Die Dünste flößen wieder zusammen und lösten sich allmälig auf, so daß sie der Beobachtung entzogen wurden; die Gewölbe und Säulen der Kirche rollten auseinander und verschwanden; die Fläche des Spiegels warf wieder den Schein der Fackeln und die düsteru Vorrichtungen auf dem Altar oder dem Tische zurück. Der Doktor führte die Damen, welche seiner Stühe sehr bedurften, in das Zimmer zurück, von wo sie gekommen waren; dort war Wein, starkricchende Mischungen und andere Mittel, um eine unterbrochene Lebensthätigkeit wiederherzu- stellen, während seiner Abwesenheit hcrbcigeschafft worden; er nöthigte sie zum Sitzen, und sie befolgten schweigend seine Aufforderung; Lad» Forcster besonders rang dabei ihre Hände und richtete ihre Blicke zum Himmel, ohne jedoch ein Wort zu sagen, als befinde sich noch immer das Zauberspicl vor ihren Blicken. „Ist dasjenige, was wir gesehen haben, gegenwärtig im Geschehen begriffen?" fragte Lady Bothwell, indem sie mit Schwierigkeit ihre Fassung wieder sammelte. 908 „Das," antwortete Baptist« Damiotti, „kann ich nicht bestimmt und mit Gewißheit sagen, was Ihr aber gesehen habt, ist jetzt im Geschehen begriffen oder erst vor kurzer Zeit geschehen, es ist das letzte bemerkenswerthe Ereigniß, worin der Cavaliero Forester eine Rolle spielte." Lady Bothwell sprach alsdann Besorgnisse hinsichtlich ihrer Schwester ans, deren veränderte Gestchtszüge und offenbare Bewußtlosigkeit dessen, was um sie her vorging, sie befürchten ließ, daß cs vielleicht nicht möglich sein würde, sie wieder nach Hause zu bringen. „Dazu habe ich Vorkehrungen getroffen," erwiderte der Adept, „ich habe Eurem Diener Auftrag gegeben, Euren Wagen so nah an dies Hans zu schicken, als es die Enge der Straße gestattet. Hegt keine Besorgnisse wegen Eurer Schwester; gebt ihr aber, wenn Ihr nach Hause kehrt, diese beruhigende Arznei, alsdann wird sie sich Morgen früh besser befinden. Nur wenige," fügte er mit einem schwermüthigcn Tone hinzu, „verlassen dicß Haus so gesund, als sie es betreten- Da die Folgen der Bestrebungen, Kunde durch geheim- nißvolle Mittel zu erlangen, solcher Art sind, so überlasse ich es Euch zu beurtheilen, von welcher Art der Zustand derjenigen sein mag, welche daS Vermögen besitzen, solche dem gewöhnlichen Leben widerstrebende Neugier zu befriedigen. Lebt wohl, und vergeßt nicht den Trank." „Ich will ihr nichts geben, das von Euch kömmt," sagte Lady Bothwell, „ich habe schon genug von Eurer Kunst gesehen. Vielleicht würdet Ihr uns Beide vergiften, damit Eure Zauberei geheim bleibt. Wir sind jedoch Personen, welche weder der Mittel, um ein uns erwiesenes Unrecht bekannt zu machen, noch des Beistandes von Freunden entbehren, um dieß wieder auszugleichcn." „Ihr habt von mir kein Unrecht erduldet, Madame," sagte der Adept. „Ihr habt einen Mann ausgesucht, der Euch wegen solcher Ehre keinen Dank weiß. Er sucht Niemand auf, und crtheilt nur denjenigen Antworten, die ihn auffordern und zu ihm kommen; übrigens habt Ihr nur etwas früher das Unglück erfahren, welches Euch zu ertragen beschicken ist. Ich höre den Schritt Eures Dieners an der Thürc, und will Eure Ladyschafl sowie Lady Forester nicht länger aufhalten. Die nächste Post vom Festlande wird Euch erklären, was Ihr znm Theil schon gesehen habt; laßt den Brief, wenn ich Euch rathen darf, nicht plötzlich in die Hände Eurer Schwester gelangen." Mit den Worten wünschte er der Lady Bothwell eine gute Nacht. Die Beide» gingen, indem der Adept ihnen leuchtete, in die Hausflur, wo derselbe hastig einen schwarzen Mantel über seine sonderbare Kleidung warf, die Thüre öffnete und die beiden Damen der Sorgfalt ihres Dieners anvertraute. Nur mit Schwierigkeit konnte Lady Bothwell ihre Schwester zum Wagen führen, obgleich derselbe nur etwa 20 Schritte entfernt war. Als sie nach Hans kamen, bedurfte Lady Fo- rester der ärztliche» Hülfe. Der Familicn-Arzt erschien und , schüttelte den Kopf, als er ihren Puls fühlte. „Hier ist," sagte er, „eine heftige und plötzliche Erschütterung der Nerven eingetreten; ich muß die Ursache erfahren." Lady Bothwell gestand, daß sie den Geisterbeschwvrcr besucht hatten, und daß Lady Forester-äußerst schlimme Nachrichten hinsichtlich ihres Gemahls Sir Philip erhalten habe. „Dieser schurkische Quacksalber," sagte der Doktor, „würde mich znm weisen Mann machen, wenn er in Edinbnrg bliebe; Ließ ist schon der siebente Fall heftiger Nervenleiden, den er mir für meine Praxis durch die Wirkung des Schreckens hergeschafft hat." Er untersuchte alsdann die beruhigende Arznei, welche Lady Bothwell, ohne daran zu denken, in der Hand hielt, kostete dieselbe und erklärte, sie entspreche der ganzen Geschichte und würde den Gebrauch des Apothekers für alle Zukunft beseitigen. Alsdann schwieg er, warf der Lady Bothwell einen sehr ausdrucksvollen Blick zu und sagte zuletzt: „wie ich glaube, darf ich Eurer Ladyschaft wohl keine Frage über das Treiben dieses Hexenmeisters vorlegcn." „Allerdings, Doctor," erwiderte Lady Bothwell, „betrachte ich die Vorgänge als solche, die meiner Verschwiegenheit anvertraut sind; obgleich der Mann vielleicht ein Schelm ist, so müssen wir doch, da wir so thöricht waren, ihn zu befragen, auch lo ehrlich sein, seinen Rath zu befolgen." „Ob er vielleicht ein Schelm ist? Still, still," sagte 910 der Doctor; „mich freut es nur, von Eurer Ladyschaft zu hören, daß Ihr diese bloße Möglichkeit bei Etwas noch gelten laßt, was aus Italien kommt." „Was aus Italien kommt, ist vielleicht eben so gut, Doctor, als das, was aus Hannover kommt. Wir wollen aber gute Freunde bleiben, und damit dieß der Fall ist, wollen wir nichts von Whigs und Tories mit einander sprechen." „Ich wenigstens nicht," sagte der Doctor, indem er sein Honorar einstecktc und den Hut nahm; „mir ist ein Goldstück mit dem Bildniß von König Carl ebenso lieb, als ein anderes mit dem Bildniß von König Wilhelm. Allein ich möchte gern wissen, weßhalb die alte Lady St. Ringans und ihre ganze Genossenschaft ihre zusammengeschrumpften Lungen dazu braucht, um diesen fremden Kerl auszuposaunen." .„Ha! es wäre wohl für Euren Zweck am geeignetsten, daß Ihr ihn für einen Jesuiten ausgäbet, wie der Schlaukopf im Schauspiele anräth." Somit trennten sich Beide nicht in der besten Stimmung. Die arme Kranke, deren Nerven wegen der außerordentlichen Spannung in bedeutendem Grade erschlafft waren, fuhr fort, mit einer Art Blödsinn, der Folge abergläubischen Schreckens, zu kämpfen, als furchtbare Nachrichten aus Holland für sie anlangten, welche sogar die Erfüllung ihrer schlimmsten Erwartung verkündeten. Dieselben wurden von dem berühmten Grafen Stair übersandt und verkündeten das traurige Ereigniß eines Duells zwischen Sir Philip Forester und dem Halbbruder der Frau desselben, Kapitän Falconer von den schottisch-holländischen Truppen, wie inan dieselben damals nannte. Kapitän Falconer war in dem Duell getödtet worden. Durch die Ursache des Streites wurde die Nachricht um so betrübender. Wie es schien, hatte Sir Philip das Heer plötzlich verlassen, weil er eine große Geldsumme nicht bezahlen konnte, die er an einen andern Freiwilligen im Spiele verloren hatte. Er hatte seinen Namen verändert und seinen Wohnsitz in Rotterdam aufgeschlagen, wo er die Gunst eines alten und reichen Bürgermeisters erwarb, und zugleich durch seine schöne Gestalt und sein anmuthigeü Benehmen die Liebe der Tochter desselben, eines einzigen Kindes, gewann, welche sehr jung, sehr schön 911 ' und die Erbin eines sehr großen Vermögens war. Der reicke Kaufmann, welcher eine zu hohe Meinung vom brittischen Charakter besaß, als daß er Vorsichtsmaßregeln getroffen hätte, um sich nach der Lage und den Umständen seines zukünftigen Schwiegersohnes zu erkundigen, war entzückt über dessen anziehendes Benehmen, und gab seine Einwilligung zu der Hei- rath. Dieselbe sollte in der Hauptkirche der Stadt vollzogen werden, als die Trauung durch ein unerwartetes Ereigniß unterbrochen ward. Kapitän Falconer war nach Rotterdam entsendet worden, um einen Theil der Brigade von schottischen Hülsstruppen, welche dort im Quartier lagen, dem Heere des Herzogs von Marlborough zuzuführen. Ein angesehener Mann in der Stadt, mit welchem er früher bekannt gewesen war, machte ^ ihm den Vorschlag, zu seinem Vergnügen sich mit ihm in die Hauptkirche zu begeben, um dort der Trauung eines seiner Landsleute mit der Tochter eines reichen Bürgermeisters zuzusehen. Kapitän Falconer begab sich nebst einigen Offizieren der schottischen Brigade, von seinem bolländischen Bekannten begleitet, in die Kirche. Man kann sich sein Erstaunen denken, als er seinen eigenen «chwagcr, einen verheiratheten Mann, dort erblickte, wie derselbe im Begriff stand, das unschuldige und schöne Mädchen zum Altar zu führen, welches er auf ebenso niederträchtige als unmännliche Weise betrogen hatte- Er verkündete auf der Stelle dessen Schurkerei, und die Vermählung wurde natürlich dadurch beseitigt. Der Meinung besonnener Männer entgegen, welche Sir Philip Forester als einen Schurken betrachteten, der sich der Stellung eines Mannes von Ehre begeben habe, gestand ihm Kapitän Falconer noch das Vorrecht eines solchen zu, nahm eine Herausforderung zum Duell an, und erhielt in dem Kampfe eine tödtliche Wunde. Solcher Art sind die für uns gcheimnißvollen Wege der Vorsehung. Ladp Forester erholte sich niemals von der Erschütterung dieser betrübenden Nachricht. »Geschah dies traurige Ereigniß," fragte ich, „genau zur Zeit, als das Bild im Lpiegel gezeigt wurde?" 912 „Es ist schlimm genug, muß man den Eindruck einer erzählten Geschichte in etzvas lähmen; um jedoch die Wahrheit zu gestehen, muß ich sagen, daß sie einige Tage vor der Erscheinung im Spiegel sich ereignete?' „Somit," sagte ich, „ist auch die Möglichkeit gegeben, daß der Künstler durch eine geheime und schnelle Mittheilung eine frühzeitige Kunde von dem Vorfall erhielt " „Das behaupteten auch die Ungläubigen, erwiderte meine Tante. „Was wurde aber aus dem Adepten?" fragte ich. „Nun, ein Verhaftsbefchl wurde bald darauf gegen ihn ausgestellt, um ihn wegen Hochverrats und als Agnaten des Ritters von St. Georg in's Gefängniß zu bringen. Lady Bothwell erinnerte sich der Winke, welche dem Doctor, einem eifrigen Freunde der protestantischen Thronfolge entwischt waren, und es fiel ihr somit ein, daß der Italiener hauptsächlich von den alten Damen ihrer eigenen politischen Partei gepriesen wurde; es schien ziemlich wahrscheinlich, daß Nachrichten vom Festlande, welche durch einen tätigen und einflußreichen Agenten übersandt wurden, den Paduanischen Doctor befähigten, das von ihr gesehene Zauberbild vorzuberciten. Es fanden sich aber so viele Schwierigkeiten für eine natürliche Erklärung, daß sic bis zu ihrem Todestage über den Gegenstand in Zweifel und geneigt blieb, den gordischen Knoten durch Zulassung übernatürlicher Einwirkung zu zerhauen." „Aber teure Tante," fragte ich, „was ist aus dem Zauberer geworden?" „Er war ein zu guter Wahrsager, um nicht das tragische Schicksal vorherzuschen, welches ihn erwarten würde, wenn er der Ankunft des Mannes mit dem silbernen Hühnerhund auf seinem Aermcl, d. h. des Staatsboten, nicht aus dem Wege ginge. Er traf, wie man zu sagen pflegt, Maßregeln zu einer Wohnungsveränderung um Mitternacht; man hat niemals ihn seitdem gesehen oder von ihm gehört. Es entstand einiger Lärm über Papiere oder Briefe, die man in seinem Hause gefunden haben wollte, allein man vergaß die Sache zuletzt und sprach vom Doctor Baptista Damiotti bald ebenso wenig, als von Galenus oder Hippokrates." „Und ist auch Sir Philip Forester," fragte ich weiter, »für immer von der öffentlichen Bühne verschwunden?" „Nein," erwiderte meine gütige Erzählerin, „man hörte wieder von ihm bei einer merkwürdigen Gelegenheit. Man sagt, daß wir Schotten, wenn wir wirklich als besondere Nation criskiren, unter unfern vollen Scheffeln von Tugenden auch einige Gerstenkörner Laster haben. Besonders wirft man uns vor, daß wir Kränkungen und Unrecht selten verzeihen und niemals vergeben, daß wir unsere Rache ebenso zu unfern Götzen machen, wie die arme Ladp Constance ihren Gram, und daß wir, wie Burnes sagt, „unfern Grimm gehörig pflegen, damit wir ihn recht warm halten." Lady Bothwcll war nicht ohne dies Gefühl, und ich glaube, daß, mit Ausnahme einer Restauration der Stewarts, kein Ereigniß für ihre Empfindungen so entzückend gewesen wäre, als eine Gelegenheit, um an Sir Philip Forester wegen der tiefen und doppelten Verletzung Rache zu nehmen, wodurch er sie einer Schwester und eines Bruders beraubt hatte. Man hörte aber nicht eher von ihm, als bis viele Jahre verschwunden waren." Zuletzt — es war an einem Fastnachtsabend, an welchem die ganze modische Gesellschaft von Edinburg sich in größter Vollständigkeit versammelt hatte, zu einer Zeit ferner, in welcher Lady Bothwell ihren Sitz unter den Ausschüssen zur Leitung der Bälle und anderer Festlichkeiten einnahm, als ein Bedienter der Gesellschaft ihr in's Ohr flüsterte, ein Herr wünsche sie im Geheimen zu sprechen. „Im Geheimen? und in einem Gescllschaftssaale? er muß verrückt sein; sagt ihm, er möge mich morgen früh besuchen." „Ich habe das schon gesagt," erwiderte der Bediente, „der Mann hat mich dann ersucht, Euch dies Billet zu überreichen." Sie erbrach das Schreiben, welches sonderbar zusammengelegt und versiegelt war. Auf der Adresse standen nur die Worte: „In Angelegenheiten über Leben und Tod," und zwar in einer Handschrift, die sie niemals vorher gesehen hatte. Plötzlich fiel cs ihr ein, die Angelegenheit möge die persönliche Sicherheit eines Mannes aus ihrer politischen Partei betreffen; sie folgte deßhalb dem Boten in ein kleines Das geführt. Schloß ». and. Erzähl. 58 914 Gemach, wo Erfrischungen zubereitet wurden, und wo die allgemeine Gesellschaft keinen Zutritt hatte. Sie fand einen alten Mann, welcher bei ihrer Annäherung aufstand und ihr eine tiefe Verbeugung machte. Sein Aeußcres bezeugte eine untergrabene Gesundheit; seine Kleidung, obgleich sorgfältig der Eliquette des Ballsaales gemäß angelegt, war abgetragen, von verschossenen Farben, und hing in Falten um seine abgemagerte Gestalt. Lady Bothwell stand im Begriff, ihre Börse hervorzuholen, um sich den Bittenden mit ein wenig Geld vom Halse zu schaffen; die Besorgniß jedoch, daß sie sich irren könnte, hielt ihre Hand zurück. Eie gab deßhalb dem Manne Zeit, seine Sache anzubringen. „Habe ich die Ehre mit Lady Bothwell'zu sprechen?" „Ich bin Lady Bothwell; erlaubt mir Euch zu sagen, daß hier weder Zeit noch Ort für eine lange Erklärung ist; was steht Euch zu Befehl?" „Eure Ladyschaft," sagte der alte Mann," besaß einst eine Schwester." „Allerdings, ich liebte sie wie meine eigene Seele." „Ferner einen Bruder." „Den tapfersten, gütigsten und liebevollsten Bruder," sagte Lady Bothwell. „Diese beiden geliebten Verwandten verlort Ihr durch die Schuld eines Unglücklichen," fuhr der Fremde fort. „Durch das Verbrechen eines unnatürlichen, blutgierigen Mörders," sagte die Dame. „Ich habe meine Antwort erhalten," erwiderte der alte Mann mit einer Verbeugung, um Abschied zu nehmen. „Halt, Herr! ich befehle es Euch," sagte Lady Bothwell; „wer seid Ihr, daß Ihr an solchem Ort und zu solcher Zeit furchtbare Erinnerungen in mir zurückruft; ich bestehe darauf, dieß zu erfahren." „Ich bin Jemand, welcher gegen Lady Bothwell nichts Uebies beabsichtigt, der ihr im Gegentheil die Mittel verschaffen will, eine That christlicher Barmherzigkeit zu vollbringen, worüber die Welt erstaunen müßte, und welche der Himmel belohnen wird; ich finde sie jedoch nicht in einer Stimmung für solch ein Opfer, welches von ihr zu ersuchen ich mich vorbereitet hatte." „Sprecht eS aus, Herr, was wollt Ihr?" sagte Lady Bothwell. „Der Elende, welcher Euch so tief gekränkt hat," begann der Fremde auf's Neue, „liegt fetzt auf seinem Todtenbette; seine Tage waren die des Elends, seine Nächte schlaflose Stunden der Angst — er kann nicht ohne Eure Vergebung sterben. Sei» Leben war eine ununterbrochene Buße — er wagt jedoch nicht, sich von seiner Bürde zu trennen, so lange Euer Fluch auf seiner Seele ruht." „Sagt ihm," erwiderte Lady Bothwell mit finsterem Ausdruck, „er möge Verzeihung von dem Wesen erflehen, welches er so tief gekränkt hat, nicht aber von einer dem Jrrthum auSgcsetzten Sterblichen wie ich. Wozu kann ihm meine Vergebung helfen?" „Sie kann ihm von großer Bedeutung sein," erwiderte der alte Mann; „sie kann ihm eine Vergebung verkünden, die er alsdann von seinem Schöpfer, Mylady, und von dem Eu- rigen erflehen kann. Bedenkt, Lady Bothwell, daß auch Ihr ein Todtenbett zu erwarten habt; Eure Seele muß, wie alle menschlichen Seelen, den Schrecken empfinden, vor das letzte Gericht mit den frischen und schmerzenden Wunden eines nicht geheilten Gewissens zu treten — wie würde Euch dann der Gedanke quälen — „„Ich habe keine Gnade ertheilt — wie darf ich um dieselbe flehen?"" „Mann, wer du auch sein magst," erwiderte Lady Bothwell, „dränge mich nicht in so grausamer Weise. Es wäre gotteslästerliche Heuchelei, würden meine Lippen die Worte äußern, gegen welche jeder Schlag meines Herzens sich auflehnt. Bei ihnen würde sich die Erde öffnen, um die verwelkte Gestalt meiner Schwester — die blutige Gestalt meines gemordeten Bruders zu entsenden — ihm vergeben? niemals." „Großer Gott!" rief der alte Mann, indem er die Hände emporhielt, „so also, so also gehorchen die Würmer, welche du aus dem Staube erschufst, den Befehlen ihres Schöpfers? Lebe wohl, stolzes und erbarmungsloses Weib! Frohlocke, daß du zu einem Tode in Mangel und Schmerzen die Pein religiöser Verzweiflung, hinzugefügt hast; niemals aber wieder verhöhne den Himmel durch ein Gesuch um die Verzeihung, welche du zu gewähren dich weigertest." 916 Er wandte sich von ihr ab. „Halt!" rief sie aus, „ich will es versuchen, ja, ich will cs versuchen, ihm zu verzeihen." „Edle Dame," sagte der alte Mann, „Ihr werdet die schwer beladene Seele erleichtern, die sich nicht von ihrem sündigen Gefährten von Erde zu trennen wagt, ohne mit Euch den Frieden geschloffen zu haben.. Was weiß ich — Eure Vergebung bewahrt vielleicht der Buße die Hefen eines elenden Lebens." „Ha!" rief die Dame aus, indem ihr ein plötzliches Licht aufging; „es ist der Schurke selbst!" Sie ergriff den Sir Philip Forester — denn dieser war es in eigener Person — am Rockkragen, während sie ausrief: „Mörder, Mörder, verhaftet den Mörder!" Bei einem an solchem Orte so auffallenden Ausrufe stürzte die Gesellschaft in das Zimmer, allein Sir Philip Forester war aus demselben verschwunden. Er hatte sich von Lady Bothwell losgeriffen und war aus dem Gemache hinausgelaufen, dessen Thüre an den Ausgang der Haupttreppe stieß. In dieser Richtung schien sein Entkommen unmöglich, denn mehrere Personen kamen die Treppe hinauf, und andere gingen dieselbe hinab, allein der unglückliche Mann war verzweifelt ; er sprang über das Treppengeländer und gelangte mit einem Sprunge von wenigstens 1L Fuß auf die Hausflur, von wo er auf die Straße stürzte und sich dort im Dunkel verlor. Einige Mitglieder der Familie Bothwell verfolgten ihn, und würden den Flüchtling vielleicht erschlagen haben, hätten sie ihn cingcholt, denn damals floß das Blut heiß in den Adern der schotten. Die Polizei mischte sich nicht ein, weil das größere Verbrechen vor langer Zeit und in fremdem Lande sich ereignet hatte Man war übrigens immer der Meinung, daß dieser außerordentliche Auftritt weiter nichts als ein heuchlerischer Versuch von Sir Philip war, welcher die Gewißheit zu erlangen wünschte, ob er, vor der Rache einer Familie gesichert, die er so schwer verletzt hatte, nach Schottland zurückkehren könne. Da das Ergebniß seinen Wünschen entgegen ausficl, so ist er wahrscheinlich zum Festlande zurückgckehrt und dort in Verbannung gestorben. Vas tapezierte Jimmer Diese -weite kleine Erzählung erschien ebenso wie die vorhergehende in dem Taswenbuche von 1828- Dem Verfasser wurde sie vor vielen Jahren von einer jetzt verstorbenen Dame mitgetheilt, welche unter anderen Gaben, durch die sie eine angenehme Bewohnerin eines Landhauses wurde, auch diejenige besaß, Geistergeschichten mit großer Wirkung zu erzählen — eine Wirkung, die bei mündlichem Vortrage übrigens bei weitem bedeutender ist, als man nach dem Style einer schriftlichen Darstellung erwarten sollte. Die meisten Leute find auch zu gewissen Stunden und in gewissen Stimmungen durchaus nicht abgeneigt, auf solche Dinge zu hören; dem Verfasser ist cs vorgckommen, daß die Weisesten und Größesten seiner Zeitgenossen ihren Antheil an dem Vergnügen hatten, welches Geistergeschichtcn gewähren. Folgende Erzählung ist, soweit es dem Gedächtniß des Verfassers möglich war, in demselben Charakter hier schriftlich mitgetheilt, wie sie ihm mündlich berichtet wurde, auch hat er keine Ansprüche auf weiteres Lob oder auf größeren Tadel als im Verhältniß zu dem guten oder schlechten Urtheil, womit er das Material wählte, denn er hat jeden Versuch zur Ausschmückung sorgfältig vermieden, welche der einfachen Erzählung Eintrag thun könnte. Zugleich ist aber zu wiederholen, daß die besondere Klaffe von Erzählungen, deren Stoff das Wunderbare betrifft, bei mündlicher Rede größeren Eindruck als gedruckt macht. Ein bei Hellem Mittage gelesenes Buch dringt einen bei weitem schwächeren Eindruck hervor, obgleich dieselben Vorfälle darin berichtet sind, als wenn die Stimme des Sprechers von Zuhörern am Kamin vernommen wird, welche auf die Erzählung horchen, während der Berichterstatter die Einzelheiten angibt, womit die Wahrheit verbürgt wird, und während seine stimme gcheimnißvoll sich senkt, sobald er dem furchtbaren und wunderbaren Theile näher kommt. Mit solchen Vortheilen vernahm der Verfasser die Erzählung der folgenden Ereignisse vor mehr wie zwanzig Jahren durch die berühmte Miß Seward von Litchfield, welche neben ihren zahlreichen höheren Gaben auch in bemerkens- werthem Grade das Vermögen besaß, in Privat-Gesellschaften anziehende Geschichte» zu erzählen. In der gegenwärtigen Form muß die Geschichte nothwcndig all das Interesse verlieren, welches ihr die biegsame Stimme und die auf höhere Geistesgaben deutenden Züge der Erzählerin erthcilten. Sie mag jedoch noch immer ihren Charakter als gute Geistergeschichte behaupten, wenn sic gläubigen Zuhörern beim schwachen Lichte gegen Mitternacht vorgelesen wird, oder wenn ein einzelner Leser beim Lichtschein einer beinahe abgebrannten Kerze und in der Einsamkeit eines halb erleuchteten Zimmers sie zur Hand nimmt. Miß Seward behauptete, sie habe die Geschichte von authentischer Quelle, verschwieg aber die Namen der dabei betheiligten zwei Hauptpersonen. Ich will hier nicht die Einzelheiten angeben, die ich vielleicht über die Oertlichkeitcn später eingesammelt habe, sondern will dieselben in der allgemeinen Beschreibung nur andeuten, worin sie mir zuerst berichtet wurden; aus demselben Grunde will ich nicht irgend einen mehr oder wenig wesentlichen Umstand hinzufügen oder weglaffen, sondern nur eine Geschichte von übernatürlichen Schrecken so einfach wieder erzählen, wie ich sie gehört habe. Gegen das Ende des amerikanischen Unabhängigkeits-Kriegs, als die Offiziere vom Heere des Lord Cornwallis, welche sich bei Jorktown und bei andern Gelegenheiten ergeben hatten, aus ihrer Kriegsgefangenschaft während dieses unklug begonnenen und unglücklich geführten Bürgerkrieges nach ihrem Vaterlande heimkehrten, um von ihren Abenteuern zu erzählen, und von ihren Strapazen auszuruhen, befand sich unter denselben ein General, welchem Miß S. den Namen Browne beilegte, jedoch nur, wie ich glaube, um der Unbequemlichkeit einer namenlosen Hauptperson in der Geschichte zu entgehen. 919 Er war ein Offizier von Verdienst, ebenso wie ein Mann von Ansehen wegen seiner Familie und seiner persönlichen Gaben. Irgend ein Geschäft hatte den General Browne auf einer Reise nach den westlichen Grafschaften Englands geführt, wo er am Schluß seiner Morgenstation sich in der Nähe eines kleinen Landstädtchens und in einer Gegend befand, welche eine ungemein schöne Ansicht von eigenthümlichem englischem Charakter darbot. Die kleine Stadt mit einer stattlichen alten Kirche, deren Thurm die Andacht einer längst entschwundenen Zeit bezeugte, lag unter Weiden und Kornfeldern von kleiner Ausdehnung, welche von Hecken bedeutenden Alters und beträchtlicher Größe umschlossen waren. ES fanden sich wenig Zeichen neuerer Verbesserungen; die Umgebungen des Ortes zeugten weder von der Einsamkeit des Verfalls noch von dem Lärmen neuer Unternehmungen; die Häuser waren alt aber in gutem Zustande, ein schöner kleiner Fluß rauschte ungehemmt auf seinem Wege an der linken Seite der Stadt und war weder durch Dämme in seinem Laufe aufgchalten, roch mit einem Leinpfad am Ufer bcgränzt. Auf einer sanften Anhöhe ungefähr eine Meile südlich von der Stadt erblickte man unter manchen cinzelstehenden ehr- »ürdigen Eichen und dichterem Waldwuchs die Thürme eines Schlosses aus der Zeit der Kriege von Isork und Lancaster, welches jedoch wichtige Veränderungen während der Zeit der Elisabeth und Jakobs I. erhalten zu haben schien. Es war kem Bau von beträchtlicher Größe; alle Behaglichkeiten die es früher gewährt hatte, ließen sich aber noch immer in seinem Jineren erwarten-, dieß war wenigstens der Schluß des Genen! Browne, als derselbe bemerkte, wie sich der Rauch lustig aus einigen der alten gewundenen und mit Steinhauerei ver- zierien Schornsteine erhob. Die Parkmaucr zog sich 2 bis 300 Ellen an der Landstraße hin; nach den verschiedenen Ansichten, die das Auge in die Waldgegend nehmen konnte, schien dieselbe gut mit Holzwuchs versehen. Andere Aussichten folgten «uf einander, worunter bald diejenige der Vorderseite des alten Schlosses, bald auch die der einzelnen Thürme von der Seite her; die erstere war reich an allem alten Schmuck des BrustyleS aus der Zeit Elisabeths, während die einfache und fiste Stärke anderer Theile des Gebäudes anzudeuten 920 schien, dasselbe sei mehr der Vertheidigung als des Prunkes wegen erbaut worden Unser militärischer Reisender, entzückt über die theilweiscn Ansichten des Schlosses, die ihm durch die Baumgruppen und Wiesen geboten wurden, welche die alte Feudalfestung umringten, beschloß sich zu erkundigen, ob sie nicht eine nähere Ansicht verdiene, und ob sie Familiengemälde oder andere merkwürdige Dinge enthalte, durch welche der Besuch eines Fremden gerechtfertigt würde. Als er die Nähe des Parkes verlassen hatte, rollte sein Wagen durch eine reinliche und gut gepflasterte Straße und hielt an der Thüre eines stark besuchten Gasthofes. Bevor General Browne seine Reise fortsetzte, erkundigte er sich nach dem Eigenthümer des Schlosses, welches seine Bewunderung erregt hatte; auch war er sehr angenehm überrascht, als er den Namen eines Edelmanns vernahm, welchen wir Lord Woodville nennen wollen. »Wie glücklich' viele Jugenderinnerungen Browne's, sowohl auf der Schule wie auf der Universität, waren mit dem jungen Woodville verknüpft, hinsichtlich dessen er nach wenigen Fragen die Gewißheit erhielt, es sei derselbe, welcher jetzt dieß schöne Landgut besitze. Vor wenigen Monaten war er durch den T>d seines Vaters zur Pairie erhoben worden; wie der General vom Wirt» erfuhr, nahm der junge Lord jetzt nach Beendigung der Trauerzeit in der hintern Jahrzcit des fröhlichen HerbfeS Besitz von seinem Familiengute, wobei ihn eine auSgewäflte Gesellschaft von Freunden begleitete, um die Jagd in crier durch Wild berühmten Gegend zu genießen. Dies war für unfern Reisenden eine entzückende Rachr.cht. Frank Woodville war Richard Browne's untergeordneter und jüngerer Stubenkamerad auf der Schule von Eton und dann sein genauer Freund auf der Universität gewesen; ihre Vergnügungen und ihre Arbeiten waren dieselben; das etrliche Soldaten-Herz schlug höher vor Vergnügen, als er veriahm, daß sein Jugendfreund einen so schönen Landsitz und eil Gut besitze, welches, wie der Wirth ihm die Versicherung mit einem Kopfniken und einem Blinzeln der Augen gab, vollkommen genügte, um seine Standeswürde zu crhaltm und zu steigern. Nichts war natürlicher, als daß der General eine Reise unterbrach, die er nicht eilig zurückzulegen brauchte, um seinem alten Freunde bei so angenehmen Umständen einen Besuch abzustatten. Die frischen Pferde batten deßhalb nur die geringe Aufgabe, den Reisewagen des Generals nach Woodville-Castlc zu ziehen. Ein Parkhütcr empfing sie vor einem kleinen, im neueren gothischen Baustpl errichteten Hause, und zog zugleich eine Glocke, um die Annäherung eines neuen Besuches an- zukündigen. Der Schall der Glocke verhinderte offenbar die Trennung der Gesellschaft, die ihre verschiedenen Morgen- Vergnügungen im sinne hatte; als nämlich der Wagen in den Schloßhof einfuhr, streiften mehrere junge Leute in ihren Jagdkleidern umher und besahen sich kritisirend die Hunde, welche die Jagdhüter in Bereitschaft für den Zeitvertreib der Herren hielten. Als General Browne aus dem Wagen stieg, kam der junge Lord zum Thor der Halle und blickte einen Augenblick lang auf das Antlitz seines Freundes, als dasjenige eines Fremden, denn Krieg, Strapazen und Wunden hatten auf demselben große Veränderungen hervorgebracht. Die Ungewißheit dauerte indeß nicht länger, als bis der Besucher gesprochen hatte, und der herzliche darauf folgende Gruß war von solcher Art, wie er nur zwischen Leuten gewechselt werden kann, welche die fröhlichen Tage der sorglosen Kindheit oder der ersten Jugend mit einander verbracht haben. „Hätte ich, theurer Browne, nur einen Wunsch hegen können," sagte Lord Woodville, „so wäre es derjenige gewesen, Euch unter allen Menschen bei dieser Gelegenheit hier zu haben, welche meine Freunde gütigst als eine Art Festtag feiern. Glaubt nicht, daß wir Euch aus den Augen verloren, so lange Ihr abwesend von uns wäret. Ich bin Euch durch Eure Gefahren, durch Eure Siege und Unglücksfälle stets gefolgt und wurde darüber entzückt, daß der Name meines alten Freundes sowohl bei Erfolgen als Niederlagen stets mit Lob erwähnt wurde." Der General gab eine paffende Antwort und wünschte seinem Freunde Glück zu seiner neuen Würde und dem Besitz eines so schönen Landgutes. „Ihr habt jetzt noch nichts gesehen," erwicderte der Lord, „und ich hoffe, ihr werdet mich nicht eher verlassen, als bis Ihr besser mit meinem Gute bekannt seid. Allerdings ist meine gegenwärtige Gesellschaft ziemlich groß und das alte Haus enthält, wie andere Orte dieser Art, nicht so große, zu bequemen Wohnungen eingerichtete Räume, wie die äußeren Mauern anzudeuten scheinen. Wir können Euch aber ein bequem eingerichtetes altmodisches Zimmer übergeben, und ich glaube, daß Eure Feldzüge Euch gelehrt haben, sogar mit schlimmeren Quartieren zufrieden zu sein." Der General zuckte lachend die Achseln. „Wie ich glaube." sagte er, „ist das alte Zimmer um ein beträchtliches dem alten Tabaksfaß überlegen, worin ich froh war, mein Nachtquartier aufschlagen zu können, als ich mich mit den leichten Truppen im Busche befand, wie die Virginier zu sagen pflegen. Dort lag ich, wie Diogenes selbst mit einer Bedeckung gegen die Elemente so zufrieden, daß ich einen vergeblichen Versuch machte, um das Faß bis zum nächsten Quartiere mir nachrollen zu lassen, allein mein damaliger Befehlshaber wollte mir eine solche Vorkehrung zur Ueppigkeit nicht gestatten, und ich mußte mit Thränen in den Augen von meinem geliebten Fasse Abschied nehmen." „Wohlan denn," sagte Lord Woodville, „da Ihr Euch vor Eurem Quartier nicht fürchtet, so werbet ihr wenigstens eine Woche bei uns bleiben. Jagdgewehre, Hunde, Angelruthen, künstliche Insekten zum Fischfängen und andere Mittel zum Jagdvergnügen zur Sec und zu Lande haben wir hier genug und im Ueberfluß; wenn Euch die Luk nach irgend einem Vergnügen anwandelt, so finden sich hier die Mittel, demselben nachzugehen. Im Fall Ihr die Jagdflinte und die Hunde vorzieht, so will ich selbst mit Euch ausgchen und nachschen, ob Ihr im Schießen Fortschritte gemacht habt, seitdem Ihr Euch unter den Indianern am äußersten Rande der Anstcdlung befunden habt." Der General nahm mit Vergnügen den Vorschlag seines freundschaftlichen Wirthes in allen Punkten an. Nach einem Morgen männlicher Körperübung traf sich die Gesellschaft beim Mittagessen, wo Lord Woodville sich ein Vergnügen daraus machte, seinem wieder ausgefundenen Freunde Gelegenheit zur Darlegung seiner Vorzüge zu bieten, damit er sich so seinen Gästen, meist Personen von Auszeichnung, empfehlen könne. Er veranlaßte den General Browne von Ereignissen zu reden, deren Augenzeuge er gewesen war; da jedes Wort zugleich den tapferen Offizier sowie den verständigen Mann bezeugte, welcher sein kaltes Urtheil bei den drohendsten Gefahren beibehielt, betrachtete die Gesellschaft den Soldaten mit allgemeiner Achtung, als einen Mann, der sich als der Besitzer eines ungewöhnlichen Antheils von Muth erwiesen hatte — jener Eigenschaft, hinsichtlich deren Jedermann wünscht, daß man einen Theil davon bei ihm voraussetzte. Der Tag in Woodville-Castle endete, wie es auf solchen Landgütern gewöhnlich ist. Die Gastfreundschaft hielt sich in den Grenzen guter Ordnung; Musik, worin der junge Lord sich selbst auszeichnete, folgte aus das Herumgeben der Weinflasche; Karten und Billard standen bereit für Diejenigen, welche solche Vergnügungen vorzogen; die Körperbewegung am Morgen erheischte jedoch einen frühen «schlaf, und bald nach 11 Uhr entfernten sich die Gäste in ihre Gemächer. Der junge Lord selbst führte seinen Freund in das für ihn bestimmte Gemach, welches der davon gegebenen Beschreibung entsprach, indem es bequem aber altmodisch eingerichtet war. Das Bett hatte die massive Form, welche am Ende des 17 . Jahrhunderts gewöhnlich war; die Vorhänge waren von vergilbter Seide und reichlich mit verblichenem Golde gestickt; allein die Bettdecken, Kiffen und Ueberzüge schienen dem Soldaten entzückend, wenn er an sein Quartier im Tabaksfaffe dachte; ein etwas düsteres Aussehen war durch die Tapeten erzeugt, die mit ihren abgenutzten Zierden die Wände des kleinen Gemaches bedeckten und sich sanft bewegten, als der Hcrbstwind seinen Weg durch das alte Gitterfenster fand, welches beim Eintritt der Luft klapperte und pfiff. Auch der Putztisch und der Spiegel, welcher letztere nach der Mode im Anfang des Jahrhunderts, mit einem turbanähnlichen Aufsatz von dunkclrother Seide geschmückt war, während eine Menge sonderbar geformter Kästchen auf erste- rcm standen, die für längst veraltete Vorrichtungen der Toilette bestimmt waren, boten ein alterthümliches und somit 924 düsteres Aussehen; Nichts konnte aber glänzender und heiterer strahlen, als zwei große Wachskerzen; oder wenn etwas mit denselben zu wetteifern vermochte, so geschah dieß von dem hell brennenden Holze tm Kamin, welches Lichtschein und Wärme in der kleinen Kammer verbreitete. Letztere entbehrte ungeachtet des größeren Alterthums ihrer Einrichtung nicht die geringste Bequemlichkeit, welche nothwendig oder wün- schenswerth durch die Gewohnheit neuerer Zeiten werden konnte. »Dieß ist ein altmodisches Schlafgemach, General," sagte der junge Lord, „ich hoffe jedoch, Ihr werdet nichts daran finden, weßhalb Ihr Euer altes Tabaksfaß vermissen solltet." „Hinsichtlich meiner Wohnung bin ich nicht sehr wählerisch." erwiderte der General; „müßte ich aber eine Wahl treffen, so würde ich dieß Zimmer den freundlicheren und modischer eingerichteten Gemächern Eures Familienschloffes vorziehen. Glaubt mir, daß ich, wenn ich sein modisches Aussehen und seine Bequemlichkeit mit seinem ehrwürdigen Alterthum vergleiche und bedenke, daß cs das Eigcnthum Eurer Lordschaft ist, an diesem Quartier größeres Wohlgefallen haben werde, als an dem besten Hotel, welches London auf- zuweiscn vermag." „Ich hoffe — ich zweifle nicht, daß Ihr Euch hier so behaglich finden werdet, wie ich es wünsche, mein theurer General," sagte der junge Edelmann; und nachdem er seinem Gaste noch einmal gute Nacht gewünscht hatte, drückte er ihm die Hand und ging fort. Der General sah sich noch einmal um, wünschte sich innerlich Glück über seine Rückkehr in'S friedliche Leben, dessen Behaglichkeit durch die Erinnerung der von ihm auSgestandencn «strapatzen unv Gefahren, ihm um so theurer wurde, entkleidete sich und traf Vorbereitungen zu einer üppigen Nachtruhe. Hier wollen wir, der Gewohnheit dieser Art Erzählung entgegen, den General bis zum nächsten Morgen im Besitze seines Zimmers lassen. Die Gesellschaft versammelte sich am nächsten Morgen sehr zeitig zum Frühstück, ohne daß jedoch General Browne sich cinstellte, welcher derjenige Gast zu sein schien, den Lord Woodville vor der übrigen, Lurch seine Gastfreundschaft ver- 925 sammelten Gesellschaft, zu ehren suchte. Er sprach mehrere Male sein Erstaunen über die Abwesenheit des Generals aus, und schickte zuletzt einen Diener ab, um sich nach demselben zu erkundigen. Der Mann brachte die Nachricht zurück, daß der General schon in früher Morgenstunde einen Spaziergang ungeachtet des Wetters gemacht habe, welches nebelhaft und unangenehm war. „Die Gewohnheit eines Soldaten," sagte der junge Edelmann zu seinen Freunden. „Vielen wird die Wachsamkeit so zur Gewohnheit, daß sie nach der frühen Stunde nicht mehr schlafen können, worin ihr Dienst ihnen wach'zu sein befiehlt." Die Erklärung jedoch, welche Woodville seinen Gästen gab, schien seiner eigenen Seele kaum genügend, und er erwartete die Rückkehr des Generals unter Schweigen und Zerstreuung. Derselbe trat eine Stunde nach dem Läuten der Frühstücksglocke ein. Er sah ermüdet und fieberhaft aus. Sein Haar, dessen Puderung und Anordnung damals eine der wichtigsten Beschäftigungen eines Mannes war, und seinen Stand in der modischen Gesellschaft ebenso anzeigtc, wie jetzt das Anlegen einer Kravatte oder der Mangel derselben, war zerzaust, ungelockt, ohne Puder und feucht von Thau- Seine Kleider waren mit nachlässiger Sorglosigkeit eilig angelegt, so daß dieser Umstand bei einem Militär auffallend sein mußte, dessen wirkliche oder angebliche Dienstpflichten gewöhnlich auch einige Aufmerksamkeit auf die Toilette in sich begreifen; seine Blicke waren starr und verstört in eigenthüm- lichem Grade. „Ihr habt uns heute Morgen einen Marsch abgewonnen, theurer General, „sagte Lord Woodville, „oder Ihr habt Euer Bett nicht so behaglich gefunden, wie Ihr es zu erwarten schient. Wie habt Ihr die Nacht geschlafen?" „O, ausgezeichnet gut, ausgezeichnet gut! Niemals besser in meinem Lehen!" gab General Browne schnell zur Antwort, wobei er jedoch in seinen Zügen eine Verlegenheit zeigte, die seinem Freunde auffallend war; alsdann trank er hastig eine Taffe Thee, ließ aber alles Andere, was ihm angeboten wurde, unbeachtet, und schien in einen Anfall von Zerstreuung zu versinken. 926 „Ihr werdet heute ein Jagdgewehr in die Hand nehmen, General," sagte sein Freund und Wirth, mußte aber die Worte zweimal wiederholen, bevor er die abgebrochene Antwort erhielt: „Nein, Mhlord, es thut mir leid, daß ich nicht die Ehre haben kann, noch einen Tag mit Eurer Lordschaft zuzubringen; meine Postpfcrde find bestellt und werden sogleich hier sein " Alle Anwesenden zeigten sich überrascht, und Lord Wood- ville erwiderte sogleich: „Postpferde, mein guter Freund! Was könnt Ihr damit wollen, da Ihr mir doch versprochen hattet, wenigstens eine Woche ruhig bei mir zuzubringcn?" „Ich glaube," sagte der General mit offenbarer Verlegenheit, „daß ich im ersten Vergnügen, Eure Lordschaft wieder zu sehen, etwas über einen Aufenthalt einiger Tage gesagt habe. Seitdem aber habe ich gefunden, daß dieß unmöglich ist." „Das ist sehr außerordentlich," erwiderte der junge Edelmann. „Ihr schient gestern von allen Geschäften befreit zu sein und könnt beute unmöglich eine neue Aufforderung erhalten haben. Briefe an Euch können nicht angekommen sein, weil unsere Post aus der Stadt noch nicht eingetroffen ist." General Browne gab keine weitere Erklärung, sondern murmelte etwas von dringenden Geschäften, und bestand auf seinem Willen, daß er durchaus abreisen müsse, in einer Weise, welche allen Widerstand von Seiten seines WirtheS zum Schweigen brachte. Dieser sah, daß sein Entschluß gefaßt sei, und vermied weitere Zudringlichkeit. „Erlaubt mir wenigstens," sagte er, „mein theurer Browne, da Ihr gehen wollt oder müßt, Euch die Ausficht von der Terrasse zu zeigen, welche der jetzt sich erhebende Nebel bald zu genießen erlauben wird." Er öffnete ein Schubfenster bei den Worten und ging die Terrasse hinab. Der General folgte ihm mechanisch, schien aber wenig auf die Worte seines Wirthes zu achten, als derselbe auf eine prächtige und reiche Aussicht hinblickend, ihm die verschiedenen der Beobachtung würdigen Gegenstände zeigte. So gingen sie weiter, bis Lord Woodville seinen Zweck erreicht hatte, um seinen Gast von der übrigen Ge- 927 sellschaft gänzlich zu trennen; alsdann wandte er sich zu ihm -in, und redete ihn mit dem Ausdruck großer Feierlichkeit also an: „Richard Browne, mein alter und theurer Freund, wir sind jetzt allein, ich beschwöre Euch bei dem Worte eines Freundes und der Ehre eines Soldaten, meine Frage zu beantworten. Wie habt Ihr letzte Nacht geschlafen?" „Höchst elend, Mplord," erwiderte der General in demselben feierlichen Tone — „so elend, daß ich mich nicht dem Wagniß einer solchen zweiten Nacht aussetzen mögte, würden mir auch dafür alle zu diesem Schlöffe gehörigen Ländereien, sogar das ganze Land angeboten, welches ich von diesem hochliegenden Punkt aus erblicke." „Das ist sehr außerordentlich," äußerte der junge Lord, als rede er mit sich selbst, „es muß also doch etwas Wahres an den Berichten sein, die man über das Zimmer gibt." Dann sagte er zum General gewandt: „Mein theurer Freund, seid um Gottes willen aufrichtig gegen mich, und sagt mir alle unangenehmen Einzelnheiten, deren ihr unter einem Dache ausgcsetzt wurdet, wo Ihr nach dem Willen des Eigen- thümers nichts Anderes als Behaglichkeit hättet finden sollen." Der General schien bei dieser Aufforderung unter peinlichen Gefühlen zu leiden, und schwieg einen Augenblick, bevor er antwortete. „Mein theurer Lord," sagte er endlich, „dasjenige, was mir letzte Nacht begegnete, ist so eigcn- thümlicher und unangenehmer Art, daß ich kaum es über mich bringen würde, Eurer Lordschaft die Einzelnheiten anzugeben, glaubte ich nicht, abgesehen von dem Wunsche, Eure Bitte zu erfüllen, daß Aufrichtigkeit von meiner Seite eine Erklärung über einen Umstand herbeiführen kann, der mir ebenso peinlich wie geheimnißvoll ist. Würde ich Anderen die Mit- theilung machen, so könnte ich denselben als ein schwachsinniger, abergläubischer Thor erscheinen, welcher sich durch seine Einbildungskraft bethörcn und schrecken läßt; Ihr aber habt mich in meiner Kindheit und Jugend gekannt, und werdet nicht beargwöhnen, daß ich als Mann Gefühle und Schwächen angenommen habe, von denen meine Jugend frei war." Hier machte er eine Pause und sein Freund nahm das Wort. „Bezweifelt nicht mein vollkommenes Vertrauen hinsichtlich der Wahrheit Eurer Mittheilungen, so sonderbar dieselben auch sein mästen," erwiderte Lord Woodville; „ich kenne Euren festen Charakter zu wohl, um den Verdacht zu hegen, daß Ihr einem Betrüge ausgesetzt werden könnt; ich weiß ferner, daß Eure Ehre und Freundschaft Euch gleicher Weise an der Ucber- treibung dessen, was Ihr erfahren habt, verhindern wird." „Wohlan denn," sagte der General, „ich will so gut wie möglich mit meiner Geschichte fortsahren, indem ich auf Eure Aufrichtigkeit vertraue; aber dennoch das bestimmte Gefühl hege, daß ich lieber eine Batterie stürmen, als die verhaßten Erinnerungen der letzten Nacht mir in's Gedächtniß zurückrufen mögte." Er hielt wiederum an. Als er sah, daß Lord Woodville Schweigen beobachtete, und eine Stellung der Aufmerksamkeit angenommen hatte, begann er, wenn auch mit offenbarem Widerwillen, die Geschichte der nächtlichen Abenteuer im tapezierten Zimmer „Sobald mich Eure Lordschaft gestern Abend verlassen hatte, legte ich meine Kleider ab und ging zu Bette; das Holz jedoch im Kamine, welches meinem Belte beinahe gegenüber lag, brannte mit Heller und heiterer Flamme; mir sielen hundert aufregende Erinnerungen der Kindheit und Jugend ein, die mir durch das unerwartete Vergnügen, Eurer Lordschaft zu begegnen, in's Gedächtniß zurückgcrufen wurden; dieß Alles verhinderte, daß ich sogleich cinschlief. Ich muß noch hinzufügen, daß alle meine Gedanken von gefälliger und angenehmer Art waren, da sie auf dem Gefühle beruhten, die Mühen und Gefahren meines Berufes auf einige Zeit mit den Genüssen des friedlichen Lebens und freundschaftlicher so wie liebevoller Verbindungen vertauscht zu haben, die durch das Gebot in den Krieg zu ziehen, für mich abgebrochen worden waren. l „Während so angenehme Gedanken über meine Seele kamen, und mich allmälig in Schlaf lullten, ward ich 'lötzlich durch einen Schall gestört, welcher dem Rauschen eines seidenen Kleides und einem Fußtritt von Schuhen mit hohen Absätzen glich, als gehe eine Frau in dem Zimmer umher. Ehe ich den Vorhang wegziehen konnte, um nachzusehen, was die 929 Sache war, ging die Gestalt einer kleinen Frau zwischen dem Bett und dem Feuer vorüber. Der Rücken der Gestalt war mir zugekehrt, und ich konnte nach den Schultern und dem Hals bemerken, es sei eine alte Frau, deren Kleidung eine altmodische derjenigen Art war, welche die Damen, wie ich glaube, einen Sacquc nennen, d. h. einen locker um den Leib hängenden Weiberrock, mit breiten Falten am Halse und an den Schultern, die bis nach unten reichen und mit einer Art Schleppe enden. „Ich hielt die Erscheinung für sonderbar genug, hegte aber keinen Augenblick einen andern Gedanken, als daß die von mir erblickte Gestalt eine alte Frau des Hauses sei, welche den Einfall habe, sich wie ihre Großmutter zu kleiden; da Eure Lordschast erwähnte, der Raum für Aufnahme von Gästen sei etwas beschränkt, so glaubte ich, die alte Frau habe ihr Zimmer mir einräumen müssen, sich des Umstandes nicht erinnert, und sei zu ihrem Gemache zurückgckehrt. Da ich diese Ueberzeugung hatte, bewegte ich mich im Bette und hustete ein wenig, um den ungebetenen Gast darauf aufmerksam zu machen, daß ich mild jetzt im Besitz des Zimmers befinde. Sie drehte sich dann langsam um, aber gnädiger Himmel! Mplord, welch ein Antlitz zeigte fich mir! ES herrschte kein längerer Zweifel, wer die Gestalt war, und ich konnte jetzt nicht länger irgend einen Gedanken hegen, daß sie ein lebendiges Wesen sei. Auf einem Antlitz mit den Zügen einer Leiche, fand sich der Ausdruck der niedrigsten und abscheulichsten Leidenschaften, welche sie im Leben erfüllt hatten. Der Leib eines scheußlichen Verbrechers schien dem Grabe entsendet und die Seele von der Hölle aufgegcben zu sein, damit sie auf einige Zeit sich dem alten Mitschuldigen ihrer Verbrechen anschließe. Ich fuhr im Bette empor und saß aufrecht,, indem ich mich auf die Hände stützte, während ich cuf das furchtbare Gespenst blickte. Die Here that, wie cs schien, einen einzigen und schnellen Schritt zu dem Bette, wosich lag, und kauerte genau in derselben Stellung darauf nieder, die ich im äußersten Schauder angenommen hatte, indem sie ihr teuflisches Antlitz auf eine halbe Elle dem mei- nigcn mit einem Grinsen näherte, welches die Bosheit und den Hohn eines eingefleischten Teufels anzudeuten schien." Das gefährd Schloß u. and. Erzähl. 59 930 Hier schwieg General Brown einige Augenblicke und wischte sich von der Stirne die kalten Schweißtropfen, womit die Erinnerung an sein Gesicht dieselbe bedeckt hatte. „Mylord," sagte er, „ich bin kein Feigling. Zch habe alle Todesgefahren bestanden, die aus meinem Stande sich ergeben, und ich darf mich in Wahrheit rühmen, daß Niemand jemals Richard Browne den von ihm getragenen Degen entehren sah; in diesen furchtbaren Umständen aber unter den Augen, und wie es schien beinahe unter den Klauen eines zu Fleisch gewordenen bösen Geistes, verließ mich alle Festigkeit; alle Mannheit schmolz von mir hinweg, wie Wachs im Ofen, unb ich empfand, wie jedes Haar sich mir emporsträubte. Der Strom meines Blutes ward unterbrochen und ich sank in Ohnmacht, als das Opfer eines panischen Schreckens, wie ein Bauernmädchen oder ein zehnjähriges Kind. Wie lange ich in dem Zustande lag, kann ich nicht wissen. „Ich wurde jedoch durch die Schloßuhr erweckt, als dieselbe eins schlug; der Schall war so laut, daß es mir schien, die Glocke schlage im Zimmer selbst. Einige Zeit verging, bis ich meine Augen zu eröffnen wagte, damit ich nicht wieder das furchtbare Schauspiel erblicke; als ich jedoch Muth faßte, um aufzublicken, war das Gespenst verschwunden. Mein erster Gedanke ging dahin, die Schelle zu ziehen, die Bedienten zu wecken und mich in eine Dachstube oder einen Heuschober zu begeben, um mich gegen eine zweite Erscheinung zu sichern. Doch die Wahrheit zu gestehen, änderte ich meinen Entschluß, nicht aus Scham mich blos zu stellen, sondern aus Furcht, vaß ich beim Hingehen zu der Schelle, deren Schnur am Kamin hing, der teuflischen Here wieder begegnen könnte, welche, wie ich mir einbildete, in irgend einem Winkel des Gemaches noch lauern könnte. „Ich will nicht beschreiben, welche heiße und kalte Fiebcr- anfälle mich die übrige Nacht hindurch bei unterbrochenem Schlafe, qualvollem Wachen und jenem zweifelhaften Zustand peinigten, welcher den neutralen Boden zwilchen beiden bildet. Hundert furchtbare Gegenstände schienen mich zu ängstigen; der Unterschied war aber nicht groß zwischen dem von mir beschriebenen Gesicht und den später folgenden, so daß ich nicht weiß, ob die Letzteren Täuschungen meiner Phantasie und überreizter Nerven waren. „Endlich erschien der Tag und ich erhob mich von meinem Bette bei schlechter Gesundheit und in gedrückter Seelenstimmung. Ich schämte mich meiner als Mann und Soldat, und noch mehr darüber, daß ich ein äußerstes Verlangen empfand, dem von der Erscheinung heimgesuchten Gemache zu entfliehen. Letzteres Bestreben überwand jedoch alle andern Rücksichten, so daß ich mich mit der sorglosesten Haft ankleidete, und aus dem Schlosse Eurer Lordschaft eilte, um in der frischen Luft einige Stärkung meiner Nerven zu suchen, welche durch diese furchtbare Begegnung mit einer Erscheinung der andern Welt, wofür ich dieselbe halten muß, erschüttert waren. Eure Lordfchaft hat jetzt die Ursache meiner verstörten Stimmung und meines plötzlichen Wunsches vernommen, Euer gastfreundliches Schloß zu verlassen. An andern Orten werden wir, wie ich hoffe, einander oft begegnen, indcß Gott bewahre mich, daß ich jemals noch eine Nacht unter diesem Dache zubringe!" So sonderbar des Generals Erzählung auch lautete, so sprach er mit einem so tiefen Ausdruck der Ueberzcugung, daß damit alle gewöhnlichen Erklärungen abgeschnitten wurden, die man über solche Geschichten sonst zu machen pflegt. Lord Woodville legte ihm nicht einmal die Frage vor, ob er überzeugt sei, daß er von der Erscheinung nicht geträumt habe; auch wies er aus keine der Möglichkeiten hin, wodurch man übernatürliche Erscheinungen als wilde Phantasie-Gebilde oder krankhafte Täuschungen der Sehnerven erklärt. Im Gegenthcil schien er einen tiefen Eindruck von der Wahrheit und Wirklichkeit des von ihm Gehörten zu empfinden, und bedauerte nach einer beträchtlichen Pause mit dem offenbaren Ausdruck der Aufrichtigkeit, daß sein Jugendfreund in seinem Hause solche Qualen habe erdulden müssen." „Ich bin wegen Eurer Pein um so mehr bekümmert, mein theurer Browne," fuhr er fort, „weil dies der unglückliche obgleich höchst unerwartete Ausgang eines von mir an- gestellten Versuches ist. Ihr müßt wissen, daß wenigstens zur Zeit meines Vaters und Großvaters das gestern Abend Euch angewiesene Zimmer auf Angaben hin verschlossen blieb, 59 °-' 932 nach welchen es durch übernatürliche Erscheinungen und Töne heimgesucht werden sollte. Als ich vor einigen Wochen in den Besitz des Gutes gelangte, war ich der Meinung, daß die Räume des Schlosses zur Aufnahme meiner Freunde nicht ausgedehnt genug seien, um den Besitz eines behaglichen Schlafgemaches Besuchern aus einer andern Welt zu überlassen. Ich ließ deßhalb das tapezierte Zimmer, wie wir es nennen, eröffnen, und solches neue Geräth hinein bringen, welches der neueren Zeit geziemt, ohne das alterthümliche Aeußere desselben zu zerstören. Da jedoch die Meinung, das Zimmer werde von Gespenstern heimgesucht, unter den Bedienten noch vorherrschte, und auch in der Nachbarschaft, sowie unter vielen meiner Verwandten verbreitet war: so besorgte ich, irgend ein Vorurtheil werde von dem ersten Bewohner des tapezierten Zimmers gehegt werden, welches die üblen Gerüchte bestärken könnte; dadurch hätte aber mein Zweck, es brauchbar zu machen, vereitelt werden müssen. Ich gestehe, theurer Browne, daß Eure Ankunft gestern, welche mir wegen tausend Gründen höchst angenehm ist, als die günstigste Gelegenheit erschien, um jene unangenehmen Gerüchten, die hinsichtlich des Zimmers umlaufen, zu beseitigen, da Euer Muth unzweifelhaft und Eure Seele von vorgefaßten Meinungen frei ist. Ich konnte deßhalb keine passendere Person wählen für meinen Versuch." „Bei meinem Leben," fiel General Browne etwas hastig ein, „ich bin Eurer Lordschaft unendlich verbunden; ich bin wirklich eine ganz besondere Schuld der Dankbarkeit gegen Sie eingegangen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird noch manche Zeit vergehen, bis ich die Folgen des Versuches vergesse, wie Eure Lordschaft die Sache zu nennen beliebt." „Ihr thut mir Unrecht, mein theurer Freund," sagte Lord Woodville, „das Nachdenken eines einzigen Augenblicks wird Euch die Ueberzeugung erwecken, daß ich die Möglichkeit der Pein nicht ahnen konnte, welches ich Euch so unglücklicher Weise ausgesetzt habe. Noch gestern Morgen war ich in vollkommenem Unglauben hinsichtlich der Wirklichkeit übernatürlicher Erscheinungen. Ich habe sogar die Ueberzeugung, daß Ihr das Zimmer freiwillig gewählt haben würdet, wenn ich Euch mitgetheilr hätte, was man darüber redete. Es war I 933 mein Unglück, vielleicht mein Jrrthum; der Umstand aber, daß Ihr auf so merkwürdige Weise eine arge Pein habt erleiden müssen, läßt sich nicht als meine Schuld bezeichnen." „Eine arge Pein habe ich allerdings erlitten," sagte der General, welcher jetzt eine heitere Stimmung annahm, „und ich gestehe, daß ich kein Recht habe, über Eure Lordschaft deßhalb beleidigt zu sein, daß Ihr mich ebenso behandeltet, wie ich mich selbst behandelt haben würde — nämlich als einen Mann von Festigkeit und Muth. Wie ich jedoch sehe, find meine Postpferde angelangt, und ich darf Eure Lordschaft nicht von Euren Vergnügungen abhalten." „Nun, mein alter Freund," sagte Lord Woodville, „da Ihr bei uns einen Tag länger nicht bleiben könnt; ein Gesuch, welches ich wirklich jetzt nicht mehr wiederholen darf — so schenkt mir wenigstens noch eine halbe Stunde. „Ihr wart früher ein Liebhaber von Gemälden, und ich besitze eine Galerie von Porträts, unter denen Einige von Van Dyk, welche die Ahnen darstellen, denen dieß Eigenthum und Schloß früher gehörte. Ich glaube, daß mehrere derselben Euch als vorzügliche Bilder überraschen werden." Der General nahm die Einladung, obgleich mit einigem Widerstreben, an. Er konnte offenbar nicht frei aufathmen, als bis er Woodville- Castle hinter sich hatte- Andererseits aber durfte er die Einladung seines Freundes nicht ablehnen; er konnte dieß um so weniger, da er sich der Empfindlichkeit schämte, die er gegen seinen wohlwollenden Wirth gezeigt hatte. Der General folgte deßhalb dem Lord Woodville in eine lange, mit Gemälden behangene Galerie; der Letztere zeigte dieselbe seinem Gaste, sagte die Namen und gab einige Berichte von den Personen, welche die Porträts nacheinander darstellen. General Browne nahm nur wenigen Antheil an den Einzelnhciten, welche derselben Art waren, wie man sie in jeder Galerie einer alten Familie vorfindet. Hier war ein Kavalier, welcher das Familienvermögen für die königliche Sache zu Grunde gerichtet hatte; dort eine schöne Dame, welche dasselbe wieder herstellte, indem sie sich mit einem reichen Rundkopf vermählte. Dort hing ein tapferer Herr, welcher wegen seines Briefwechsels mit dem Hof von Saint Ger- main in persönliche Gefahr gerieth; hier ein Anderer, welcher 934 die Waffen für Wilhelm während der Revolution ergriffen hatte; dort ein Dritter, welcher das Gewicht seines Einflusses abwechselnd in die Wagschaale der Whigs und Tories legte. Während Lord Woodville diese Worte seinem Gaste hersagte, erreichten sie die Mitte der Galerie; dort sah der Er- flere, daß General Browne plötzlich auffuhr und eine Stellung der äußersten Ueberraschung mit einiger Furcht annahm, als seine Augen sich plötzlich auf das Porträt einer alten Dame in einem Sacque wandten, welches die modische Kleidung am Ende des siebzehnten Jahrhunderts war. „Dort ist sie," rief er aus, „dort ist sie in Gestalt und Zügen, obgleich sie den teuflischen Eindruck der verfluchten Here nicht erreicht, welche mich verflossene Nacht heimgesucht hat." „Wenn das der Fall ist," sagte der junge Edelmann, „so kann kein weiterer Zweifel über die furchtbare Wirklichkeit Eurer Erscheinung herrschen. Dieß ist das Bild eines elenden Weibes unter meinen Vorfahren, deren Verbrechen in einer Familiengeschichte berichtet sind, die unter den Urkunden unserer Pairswürde aufbewahrt ist. Die Erzählung derselben würde zu furchtbar sein. Es genüge hier die kurze Angabe, daß Blutschande und unnatürlicher Mord in jenem verhängnißvollen Zimmer begangen wurde. Ich werde dasselbe der Einsamkeit zurückgeben, welche das bessere Urtheil meiner Vorfahren darüber verhängte; so lange ich es verhindern kann, soll Niemand einer Wiederholung der übernatürlichen Schrecken ausgesctzt werden, welche solch einen Muth wie den Eurigen erschütterten." So trennten sich die Freunde, die mit solcher Heiterkeit zusammenkamen, in sehr verschiedener «Stimmung. Lord Woodville um den Befehl zu ertheilen, daß der Hausrath und die Verzierungen aus dem tapezierten Zimmer entfernt und die Thüre vermauert werden solle; General Browne, um in einer weniger schönen Gegend und bei einem weniger hochstehenden Freunde die Vergessenheit der peinlichen Nacht zu suchen, die er in Woodville-Castle zugebracht hatte. —»DAZXIGELb- Des Gutsherrn Hans. fDie Art wie diese kleine Erzählung dem Herausgeber des erwähnten Taschenbuches 1828 übersandt wurde, macht eine Vorrede entbehrlich.^ An den Herausgeber des Taschenbuches. Ihr habt mich ersucht, Euch einen Stoff zu einem Bilde zu liefern, und ich empfinde die Schwierigkeit, Eurer Bitte nachzukommen, obgleich ich sicherlich an Dichtung gewöhnt, und in den Vorräthen der Geschichte und Ucberliefe- rungcn nicht fremd bin, welche den besten Stoff für die Kunst des Malers darbieten. Obgleich aber der Spruch: 8icut pietnrs poesi8, alt und wahr ist, d. h. obgleich Poesie und Malerei denselben Zweck einer Aufregung der menschlichen Einbildungskraft dadurch haben, daß sie der letzteren angenehme oder erhabene Bilder erdachter Auftritte vorführen: so sind doch oft die Gegenstände, welche sich für den Dichter oder Erzähler am meisten eignen, für den Maler gänzlich unbrauchbar, welcher durch einen einzigen Blick uns Alles geben muß, was seine Kunst uns mittheilen kann; denn der Eine wendet sich durch die Ohren an unser Begriffsvermögen, der Andere nur an die Augen. Der Maler kann weder die Vergangenheit wiederholen, noch die Zukunft andeuten, er kann nur einen Augenblick darstellen, und deßhalb können viele Gegenstände, die uns in Poesie oder Erzählungen, ob wirklich oder erdacht, entzücken, nicht mit Vortheil auf die Leinwand übertragen werden. Indem ich gewissermaßen diese Schwierigkeiten erkenne, obgleich ich ohne Zweifel sowohl mit ihrer Ausdehnung als auch mit den Mitteln, durch welche sie bedingt oder überwunden werden können, gänzlich unbekannt bin: so habe ich es dennoch gewagt, folgende überlieferte Erzählung als eine Geschichte zu entwerfen, worin das Interesse, wenn die allgemeinen Einzelnbeiten bekannt sind, so sehr in einen starken Augenblick heftigster Leidenschaft zusammengedrängt ist, daß man sie mit einem Blick verstehen und dadurch ein entsprechendes Gefühl empfinden kann. Sie mag deßhalb als ein Bild den zahlreichen Künstlern annehmbar sein, welche fich seit Kurzem in der Erschaffung und Erhaltung der drittischen Malerschule ausgezeichnet haben. .Genug ist erzählt und gesungen worden über den streitigen Boden der Grenze zwischen Schottland und England, um die Gewohnheiten der Stämme, welche vor der Vereinigung beider Länder dieselben bewohnten, den meisten Eurer Leser bekannt zu machen. Die rauhen und finstern Züge ihres Charakters wurden oft durch ihre Anhänglichkeit an die schönen Künste gemildert, wodurch das Sprüchwort entstand, auf der Grenze habe jevcs Thal eine Schlacht, und jeder Bach ein Gedicht. Ein rohes Ritterthum war gewöhnlich, und Einzelkämpfe boten eine Vergnügung während der wenigen Zwischenräume von Waffenruhe, welche die Uebung des Krieges gestattete. Das Vorherrschen dieser Gewohnheit erhellet auch auS folgendem Vorfall. Bernard Gilpin, der Apostel des Nordens, der Erste, welcher es unternahm, die protestantische Lehre den Grenzbewohnern zu predigen, erstaunte einst, als er beim Eintritt in eine Kirche einen Stahlhandschuh über dem Altäre hängen sah. Auf seine Frage nach der Bedeutung eines an so heiligem Orte unziemlichen Symbolcs, benachrichtigte ihn der Küster, der Handschuh sei derjenige eines berühmten Schwertkämpfers, der ihn dort als Zeichen einer allgemeinen Herausforderung für Jedermann aufgehängt habe, welcher das verhängnißvolle Zeichen herabnehmen wolle. „Ueberrcicht es mir," sagte der ehrwürdige Geistliche. Der Küster und der Todtengräber lehnten das gefährliche Anerbieten ab, und der gute Bernard Gilpin mußte den Handschuh mit eigenen Händen wegnehmen, indem er den Anwesenden seinen Wunsch aussprach, dem Kämpfer zu sagen, daß Er und kein Anderer sich in den Besitz dieses Pfandes der Herausforderung gesetzt habe. Der Schwertkämpfer schämte fich aber ebenso, Bernard Gilpin entgegenzutreten, als die Kirchendiener Bedenken getragen hatten, das Zeichen der Herausforderung hinwegzunehmen. Die Zeit der folgenden Erzählung fällt in die letzten Jahre der Regierung der Königin Elisabeth, und die Ereignisse geschahen in Liddesdale, einem hügeligen und zur Viehzucht benutzten Distrikt von Rorburghshire, welcher von England nur durch einen kleinen Bach getrennt ist. Während der guten alten Zeiten des „Zerrens und Reißens," unter welchem Namen man sich an die Thaten jener kriegerischen Zeit liebevoll erinnert, wurde das Thal hauptsächlich von dem Stamm der Armstrongs bebaut. Der Häuptling dieses kriegerischen Stammes war der Gutsherr von Mangerton. Zur Zeit, wovon ich rede, befand sich das Gut Mangerton nebst der Gewalt und Würde eines Häuptlings im Besitze von John Armstrong, einem Manne von bedeutender Körpergröße, Kraft und Muth. So lange sein Vater lebte, wurde er von Andern seines Stammes, die denselben Namen führten, durch den Beinamen des Gutsherrn Hans unterschieden. Diesen Namen zeichnete er durch so viele kühne und verzweifelte Kriegsthaten aus, daß er denselben auch nach dem Tode seines Vaters beibehielt, und sowohl in Urkunden, als in der Ueberlieferung damit bezeichnet wurde. Einige seiner Thaten sind in Len Liedern der schottischen Grenze erwähnt, andere werden von gleichzeitigen Chroniken berichtet. In der von uns angedeuteten Art des Einzelkampfes war des Gutsherrn Hans ohne Gleichen, und kein Schwertkämpfer von Cumberland, Westmoreland oder Northumber- land konnte den gewaltigen H^I, des von ihm geführten großen zweihändigen Schwertes aushalten, welches nur wenig Andere cmporzuheben vermochten. „Dies grauenvolle Schwert," wie das Volk cs zu nennen Pflegte, war ihm von einem berühmten geächteten Engländer, Hobbie Noble genannt, hinterlassen worden, welcher nach Begehung einer Thal, wegen der er vor der Gerechtigkeit fliehen mußte, nach Liddesdale gekommen und ein Waffenbruder des berühmten Hans geworden war, bis er sich einst mit einem kleinen Geleit, einem treulosen Führer und einem einhändigen Degen statt seines schweren Flambergs nach England wagte und von der Uebermacht angegriffen, gefangen genommen und hingerichtet wurde. Mit dieser Waffe und vermittelst seiner eigenen Kraft und Gewandtheit behauptete des Gutsherrn Hans den Ruf des besten Schwertfechters auf der Grenze, und besiegte oder tödtete Manche, die ihm seine» furchtbaren Titel streitig zu machen suchten. 938 Jndeß die Jahre gehen über den Starken und Tapfern ebenso hinweg/ als über den Schwachen und Furchtsamen. Im Verlauf der Zeit wurde des Gutsherrn Hans unfähig, seine Waffe zu führen, und zuletzt jede Uebung der Körperkraft, sogar diejenige der gewöhnlichsten Art, mitzumachen. Der geschwächte Krieger wurde endlich ganz an das Bett gefesselt, und in Bezug auf seine Behaglichkeit von der frommen Sorgfalt seiner einzigen Tochter abhängig, die ihn überall hin begleitete. Auster diesem pflichtgetreuen Kinde besaß des Gutsherrn Hans einen einzigen Sohn, dem die gefährliche Aufgabe anheimfiel, den Clan in den Kampf zu führen und die kriegerische Ehre seines Vaterslandes zu erhalten, welche jetzt bei vielen Gelegenheiten von den Engländern streitig gemacht wurde. Der junge Armstrong war tapfer und stark, und brachte manche Denkzeichen entschiedenen Erfolges von gefährlichen Unternehmungen nach Hause; der alte Häuptling dachte aber, wie cs schien, daß sein Sohn kaum durch Alter und Erfahrung Ansprüche, auf die Anvertrauung des zweihändigen Schwertes besitze, durch dessen Gebrauch er sich selbst in so furchtbarer Weise ausgezeichnet hatte. Zuletzt hatte ein englischer Kämpfer, mit Namen Foster, die Kühnheit, eine Herausforderung an den besten Schwertfechter in Liddcsdale zu übersenden, und der junge Armstrong, welcher für sich eine ritterliche Auszeichnung ersehnte, nahm die Herausforderung an. Das Herz des körperlich gelähmten alten Mannes schwoll vor Freude, als die Herausforderung Übermacht und angenommen war, und das Zusammentreffen wurde auf einem neutralen Platze verabredet, welcher bei solchen Gelegenheiten gebraucht wurde, und wo er selbst manchen Sieg sich errungen hatte. Er war über den von ihm erwarteten Sieg so sehr entzückt, daß er, um seinen Sohn zu kühneren Anstrengungen aufzurcizcn, demselben als Kämpfer seines Clans und seiner Grafschaft die berühmte Waffe übertrug, die er bis dahin in seiner eigenen Verwahrung gehalten hatte. Dieß war noch nicht Alles. Als der Tag des Zweikampfes erschien, beschloß der Gutsherr Hans, ungeachtet der liebevollen Vorstellungen seiner Tochter, ein persönlicher Zuschauer des- selben zu sein, ob er gleich sein Bett zwei Jahre lang nicht verlassen hatte. Sein Wille galt noch immer als Gesetz seinen Leuten, welche ihn, in Mänteln und Betttüchern einge- hüllt, an den Ort trugen, wo der Kampf stattfinden sollte, und ihn auf ein Felsstück setzten, welches man noch den Stein von des Gutsherrn Hans nennt. Dort blieb er, indem er seine Blicke auf den mit Schranken umschlossenen Platz heftete, innerhalb dessen die Kämpfer sich entgegentreten sollten- Seine Tochter, welche alles ihr Mögliche für seine Bequemlichkeit gethan hatte, stand bewegungslos neben ihm, voll Angst sowohl für seine Gesundheit, als für den AuSgang des Kampfes hinsichtlich ihres geliebten Bruders. Ehe der Kampf begann, blickten die alten Leute auf ihren Häuptling, den sie jetzt zum ersten Mal nach mehreren Jahren wieder sahen, und verglichen betrübt seine veränderten Züge und seinen abgenutzten Leib mit dem Muster von Kraft und männlicher Schönheit, dessen sie sich von früher her erinnerten. Die jungen Leute blickten auf seine große und gewaltige Gestalt wie auf einen vor- sündfluthlichen Riesen, welcher der Zerstörung entgangen war. Der Schall der Trompeten von beiden Seiten wandte die Aufmerksamkeit eines Jeden auf den Kampfplatz, der von einer Menge Zuschauer beider Nationen umringt war. Die Kämpfenden traten sich entgegen. Es ist nutzlos, das Zusammentreffen zu schildern. Der Schotte fiel, Fostcr setzte seinen Fuß auf seinen Gegner, ergriff das gefürchtete, in den Augen seines alten Eigenthümers so kostbare Schwert, und schwang es als Sicgsbeute über seinem Haupte. Die Engländer ließen ein Triumphgeschrei erschallen, aber der Schrei der Verzweiflung des alten Mannes, welcher sein Vaterland entehrt und sein Schwert, so lange Zeit der Schrecken der Engländer, im Besitz eines solchen sah, wurde lauter als der Siegesruf vernommen. Einen Augenblick lang schien er von seiner früheren Kraft beseelt, denn er sprang vom Felsen auf, auf dem er saß; während die Kleider, worein man ihn gewickelt hatte, von seinem verwelkten Leibe fielen und die Trümmer früherer Kraft zeigten, hob er wild seine Arme zum Himmel empor und stieß einen Schrei des Unwillens, Schreckens und der Verzweiflung aus, welcher, wie die Uebcrliese- rung berichtet, auf übernatürliche Entfernung hin vernommen 9L0 wurde, und mehr dem Gebrüll eines sterbenden Löwen, als einer Menschenstimme glich. Seine Freunde fingen ihn in ihren Armen auf, als er durch die Anstrengung gänzlich erschöpft niedersank, und trugen ihn unter stummer Trauer in's Schloß zurück, während seine Tochter zugleich ihren Bruder beweinte, und die Verzweiflung ihres Vaters zu mildern suchte. Letzteres war aber unmöglich. Des alten Mannes einzige Verbindung mit dem Leben war zerrissen und sein Herz dabei gebrochen. Der Tod seines Sohnes hatte keinen Antheil an seinem Kummer. Wenn er an denselben überhaupt dachte, so geschah dieß nur, als an einen entarteten Knaben, durch den die Ehre seines Landes und Stammes verloren ging; er starb nach dem Verlauf von drei Tagen, wo er nicht einmal seines Sohnes Namen erwähnte, sondern ununterbrochene Klagen über den Verlust seines edlen Schwertes ausstieß. Nach meiner Meinung ist der Augenblick, worin der edle Häuptling zu einer letzten Anstrengung durch den Schmerz des Augenblicks erregt wurde, ein günstiger Gegenstand für Malerei; es könnte dabei der Vortheil angewandt werden, die Gestalt des rauhen alten Mannes in wüthender Verzweiflung mit der Weichheit und Scheuheit der weiblichen Person in Gegensatz zu stellen. Der vcrhängnißvolle Kampfplatz würde sich in der Perspektive darstellen lassen, so daß die beiden Hauptfiguren gehörige Wirkung hätten, während die Darstellung eines Kriegers, der seinen Sohn erschlagen und die Ehre seines Vaterlandes verloren sieht, das Bild beim ersten Blick genug verständlich machen müßte. Würde es für noth- wendig gehalten, die Natur des Kampfes deutlicher zu zeigen, so könnte dieß' durch die Fahnen des St. Georg von der einen der Schranken, und die des St. Andreas von der andern angcdeutet werden. Ich bin re- re. Euer ergebenster Diener, der Verfasser des Waverley. Druck der §. Hoffmailn'scher, Offieiu in Stuttgart.