— 350 —
gestern die Intoleranz, heute die Toleranz, gestern die Aufklärung,heute den Mystizismus und sogar den Fanatismus, gestern vivol'owporour! heute vivo io roi l mit gleicher Begeisterung und invollem Ernste ausrufen und vcrtheidigen konnte?
Es kömmt nur darauf an, welchem von den vielen heut leben-,den Jahrhunderten gestattet ist, das Wort zu führen. Und dieshängt wieder davon ab, welches von den Jahrhunderten eben imgeheimen Staatsrathc dieses oder jenes Landes Sitz und Stimmehabe.
Weltgeschichtliche Epochen der Denkfreiheit.
Vor uralter Zeit hatte nur die Geistlichkeit Denk- undSprechfreiheit, und zwar von Recht-, das heißt von Natur-wegen, weil sie vermuthlich cs in der Kunst zu denke» und zusprechen am weitesten gebracht hatte. Was sic sprach und dachte,hieß göttlich. Sie nannte sich sehr bescheiden eine Dienerin Got-tes; aber der Gott war eigentlich ihr gehorsamer Diener, weiler sich gefallen lassen mußte, zu Allem, was sie sprach, bei denOrakeln der Griechen und Römer, bei den Druiden n. s. w. denNamen zu leihen. Erster Zeitraum der Gesittung.
Nach diesem kamen die Könige und Fürsten zur Denk- undSprechfreiheit, theils weil sie durch ihre Stellung dazu getriebenwurden, theils weil sie der hochwürdigen Geistlichkeit den Vortheilabgelauscht, und ihr ins Spiel gesehen hatten. Könige und Prie-ster sprachen; die Völker glaubten und schwiegen. Zweiter Zeit-raum in der Geschichte der Ausbildung des Menschengeschlechts.
Dann wurden die reichen Landherren mündig, weil sie de»Fürsten am nächsten standen, Priester Gottes, oder Räthe undHelden der Fürsten wurden, und also den Beruf zum Denke» undSprechen empfingen. So kam die Denk- und Sprechfreiheit auch