260
Ein Wort des jüngern Plinius.
Voll des tiefsten Schmerzes um seinen Freund Avitus, denein früher Tod wcgraffte, klagte der jüngere Plinius die mo-ralische und wissenschaftliche Verwilderung der römischen Jugendan, von welcher sein verstorbener Liebling eine schöne Ausnahmegemacht hatte. „Unsere jungen Leute," schrieb er (B. 8, 23) anMarcellin, „sind sogleich gemachte Männer, wissen gleich alles,achten keinen, ahme» keinem nach, wollen nur gleich Originalesein." (Siaiim sspiunt; siaiim soiunt omnia; neminem vsren-tur, imitaniur neminem, atgus ipsi sidi oxempla sunt.) Rom,als seine Jugend so entartet war, verdiente, statt die Welt zubeherrsche», von Barbaren beherrscht zu sein.
Wem fallen bei jener Stelle nicht viele unserer jungen All-wiffer.ein, die, in unreifer Weisheit sich selbst genügend, ihrerVäter Erudition verspotten; Alles ans sich selbst schöpfen, Alle-in eigener Genialität selbst konstrniren wollen, die Klassiker höch-stens aus Uebersetzungen zum Zeitvertreib, die Wissenschaftaus bunten Journalen mit großem Ernst studiren; jeden verach-te», nur sich selbst Alles gelten!
Weichliche Scheu vor großen und dauernden Anstrengungen,weibische Phantasie, etwas Irreligiosität, für Tugend nur Kon-venicnz, Polyhistorei aus Zeitschriften, für nichts Sinn, für allesWorte haben, sich selbst seine Welt, im Egoismus versumpft sein:macht dies nicht heutiges Tages oft das Wesen eines jungen Man-nes von Welt?