wildwachsender Myrthen, der Rosmarin- und Jasminsträuche schwän-gert die Lüfte mit Wohlgernchen; die Gebirge verlieren sich all-mälig mit weicher» Umrissen im Schatten ihrer Kastanienwälderzu Hügeln; man fühlt nm sich den warmen Himmel Italiens. DerErdboden gefriert nicht mehr; und der Schnee schmilzt wenigeStunden nachdem er gefallen war.
Aber in diesem mildern Klima wandelt ein anderes Menschen-geschlecht. Es ist nicht mehr das feste, kräftige Hirtenvolk des Hoch-landes, rauh und genügsam; sondern weichlich, dem Müßigganghold, redselig und phantasiereich. Es ist unternehmend ohne Be-harrlichkeit; findet Gefallen an abenteuerlichen Wagstücken, ohneTapferkeit; liebt Prunk und Feierlichkeiten; ist jähzornig und rach-süchtig; minder klug, als verschmitzt; scheut Mühe und Gefahr,will lieber durch Hinterlist siegen.
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Doch nicht bloß das Klima wirkte diese abweichende Gemüths-art des Volkes. Mag die Wärme, des Himmelsstriches immerhinregeres Spiel der Nerven, feurigere Einbildungskraft und Neigungzu raschen Entschlüssen erzeugen: nur Beschaffenheit des öffent-lichen Unterrichts und der Staatsverfaffung bilden oder verderbendie Sittlichkeit eines Volkes.
Die italienische Schweiz bekannte sich von jeher zur römisch-katholischen Kirche. Wagten es schon im sechszehnten Jahr-hunderte einzelne Gemeinden der Landschaft Locarno, zur evan-gelischen überzutreten: wurden sie doch bald zur Abschwörung desneuen Glaubens gezwungen; und wer seinen Uebcrzeugungen treublieb, mußte die Heimat verlassen.
Noch jetzt hängt das Volk dem Glauben seiner Väter und der