311
holdseligen Jungfrau den kleinen Dienst geleistet zu haben, derihm nichts kostete. Denn er konnte bequem über sie hinweg sehen.Statt aber hinwegzuschcn über das Köpfchen, betrachtete er nonhinten erst die niedliche Form desselben; dann den feinen, Hellen,etwas vorgebogencn Nacken, der durch das Finstere des Trauer-gewandes noch blendender war. Die Fülle und der Glanz des blon-den Haupthaars, in der Vernachtung des Kreppflors, entging ihmnicht. Wie gesponnenes, zartes Gold, kräuselten sich einige Löck-chen in die Grube des Nackens, und einige längere schmiegten sichseitwärts an den weich - und schlank- gerundeten Hals hinab. Dannmaß sein Blick ungestört das schöne Verhältniß der beiden Achseln,die sich mild und anschwellcnd vom Halse allmälig abwärts senkten;dann den schmalen, etwas einwärts gebogenen Rücken und denschlanken Leib, welchen er gern glaubte mit seinen Händen um-fassen zu können, wenn es erlaubt gewesen wäre.
Er betrachtete die Umrisse und Formen mit so großer Aufmerk-samkeit, daß er, als Alles links und rechts rief: Hut ab ! Hut ab!zwar den Hut abzog, ohne aber sich deutlich bewußt zu werden,warum? Vielmehr, da sich eben das Köpfchen in dem Augenblickmehr vorncigtc, ward noch ein Zollbreit des schönen Nackens sicht-barer, der bisher hinter dem Mieder verborgen gewesen. SeineAugen waren wie geblendet. Er wußte selbst nicht, wie ihm beimBeschauen dieses schönen Mädchen-Nackens zu Muthe ward.
„Haben Sie ihn auch recht gesehen?" fragte die Schöne, in-dem sie sich zu ihm nmwandte und mit einem kindlichen Unschulds-lächeln zu ihm emporblickte.
Der junge Wilmson erschrak von Herzen, und ward feuerroth,denn er glaubte anfangs, sie rede von ihrem Nacken, und wolltesein etwas spotten. Aber das allgemein um ihn laut werdende Ge-töse erinnerte ihn daran, daß der König schon vorüber sei. Erward noch einmal roth, und Verirrung zwar in seinen Geberden,