Druckschrift 
5 (1851)
Entstehung
Seite
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dünnen Lippen richtete sich ans. Es strich die schwarzen Haupt-haare, welche, wie aus dem Wasser gezogen, in einzelnen, geraden,naßglänzcnden Zotteln um den Kops hingen, vom Gesicht hinweg,und zeigte gähnend den zahnlosen, finstern Nachen. Der jungeRitter trat mit Grausen so weit zurück, als ihm der enge Raumgestattete. Er zweifelte keinen Augenblick, daß dies eben jene Zi-geunerin sein müsse, die Zrni Fasen beschrieben hatte, und nichtentwischt, sondern bisher in der Veste verborgen gehalten wor-den war.

„Steh' aus, du bist frei!" sagte der greise Rüdiger zu demWeibe: „Mein Sohn führt dich hinaus." Dann wandte er sichmit halbem Leibe zum Sohne um und sagte: „Führe das Weibdurch das Hintcrpsörtlein; hier ist der Schlüssel zur Stadtmauer.Du wirst eine Leiter vom Stall nehmen, das Weib über die Mauergehen lassen. Aber, Gangolf, Alles i» der Stille, daß dich Nie-mand bemerke. Du wechselst mit dieser Vettel kein Wort, be-antwortest keine Frage und fragst nicht." Darauf sprach er wiederzur Alten, die nun anfgestanden war, ihre Röcke schüttelte undein schmutziges Bündel unter den Arm nahm: „Bist du überdie Stadtmauer, so halte dich links, immer der Mauer entlang,um die Stadt herum, in die Schachen; von da aufwärts zur Land-straße, die nach Schönenwcrth führt. lieber die Bäche und Grabenfindest du Siege. Noch ist's von den Sternen hell genug. DerTag graut schon. Fort!"

Er selber zündete mit der Lampe voran, öffnete Gangolfen undder Zigeunerin die Thurmpforte zum Schlvßzwinger und ließ Beidegehen. „Leb' wohl, alter Schatz!" sagte die Zigeunerin mit ver-traulichem, wiederholtem Kopfnicken gegen Rüdiger: „Du hast michbewirthet mit Leins, Johanns und Wendrich, du hast mich ge-schirmt vor den SchuderS, als sie mich brücken wollten in der Gabel.Fahre wohl, alter Schatz. Halt' wohl meinen Fingerreif in Ehren!"