Druckschrift 
6 (1853)
Seite
389
Einzelbild herunterladen
 

389

Er war gefunden! Dein Freund, Dein Schüler mußte Dichzur Schlachtbank führen. Ach, die Welt wußte cs wohl, daßkeine Wunde tiefer schmerzt, als die wir von einer geliebtenHand empfangen; sie wußte es, daß der Undank immer seinenWohlthätern den bittersten Kelch reicht. Darum, leidender Jesus,mußtest Du ihn von der Hand Deines eigenen Jüngers empfan-gen. Mit den Lippen, die Dir oft ewige Treue schwuren, mitden Lippen, die Dich oft voll Ehrfurcht küßten, gab der Treu-lose Dir den falschen Kuß des Verrathcö.

Mein Freund, warum bist du gekommen? Mehrsprachst Du nicht zu ihm. Ach, der Elende fühlte das Entsetz-liche seines Verbrechens und Deine Unschuld, Deine Hoheit. Erfloh er sah Dein Angesicht nicht wieder. Erschrocken undschüchtern flohen Deine Jünger alle, da sie Dich von der be-waffneten Mörderschaar hinweggeschleppt sahen. Deine Freundestanden trauernd in der Ferne. Ihre Macht war zu schwach,Dich zu retten.

Einsam gingst Du unter den Todfeinden zum Gericht; ein-sam, wie Du in Gethsemane gewesen warst, als Dich die ersteAugst des hcrannahcndcn Todes ergriffen hatte, da Du riefestvoll unaussprechlicher Wehmuth: Meine Seele ist betrübtbis in den Tod!

O, diese Nacht voll banger Qualen, Du hast sie, Jesus,auch meinetwillen erlebt; auch ich habe Theil an dem Schweiße,mit welchem die Angst Deine herrliche Stirn benetzte. Undwährend Du littest, während Deine Jünger ruhig schliefen,Hlief auch ich noch im dunkeln Schoose der Zukunft. Namcn-lse Liebe, ewig werde ich Dein gedenken! Ihr Schrcckensstundcnvon Gethsemane, ihr habt meine Ruhe, meine Seligkeit erkauft.Nur^csu Muth hielt allein die himmlische Wahrheit seiner Lehreempor^daß sie nicht unterginge. Hatte Jesus wanken können,