369
kranke Gcmüther, die sich mit der über Dilles erhabenen Gnadennd Barmherzigkeit Gottes nicht vertraut machen können; die inGott nicht den Vater, sonder» den furchtbaren Richter sehen;nicht den Gott des neuen Bundes, der seinen Sohn in die Weltzu ihrer Beselignng sandte, sondern den Gott des alten Bundes,welcher nur unter Blitz und Donner auf Sinai erschien.
Es gibt Christen, die noch immer des sanften Christus mildenSinn nnd Gottes Größe und Güte verkennen; die noch nicht dasreine Christenthum, das heißt, den Geist der Kindschaft und desunbegrenzte» Vertrauens, sondern den Geist der Knechtschaft undder Furcht haben, gegen welchen ZesuS und seine Apostel sovielmals eiferten.
Diese in manchen Gegenden herrschend werdende Schwermuthnnd Niedergeschlagenheit des Gemüthes ist vielleicht oft nur dieFolge eines ungesunden, heimlich kränkelnden, nervenschwachenKörpers, der sich gleichsam wie Blei mit Zentnerschwere an dieFlügel des Geistes hängt, der sich gern zu seinem Gott vertrauens-voll aufschwingcn möchte. Zn solchen Füllen soll der Mensch sichwohl prüfe»; er soll seinem eigenen Urtheil selbst nicht Irauen;er soll dem Rath rechtschaffener Freunde und eines verständigenArztes mehr, als seinem ans Kränklichkeit entstandenen Eigensinn,glauben. Er soll sich zerstreuen, gleichsam mit Gewalt nachErheiterung ringen; soll jeden Anlaß zur Trauer, jede Einsam-keit fliehen. Er wird nur dann erst mit Erquickung zu Gottbeten, wenn er mit Freudigkeit die Geschäfte und Pflichten desirdischen Lebens erfüllen und mit Inbrunst zu Gott beten kann.Er wird nur dann erst den Segen der Religion in seinem Ge-müthe empfinden, wenn er den knechtischen Sinn von sich entfernthat; wenn er nicht Gott fürchtet, sondern Gott mit hingehenderZuversicht liebt; denn Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die
VI. 12*