Druckschrift 
6 (1853)
Seite
357
Einzelbild herunterladen
 

357

unser Herz sich desto inniger nach jenem bessern Leben sehne, undsich vorbereitc durch Heiligkeit des Sinnes, seiner würdig zu sein.

Du jammerst und sprichst:Warum gab mir Gott dies zart-fühlende Herz? Warum gab er mir einst Alles, um mir Alleswieder zu rauben? Warum mußte ich diesen Liebling meinesHerzens kennen lernen, damit ich ihn verliere? Ach, ist diesVatcrliebc Gottes? Kann cS ihn freuen, wenn ich in Gramvergehe?"

Nein, unglückliche Seele, die du in deinem Kummer die heiligenWerke der weisen Vorsehung tadelst, nein, dein Jammer freuetden Gott der Liebe nicht. Aber auch deine Schwachheit kannihn nicht freuen, in der du eigensinnig alles Andere, was erdir Gutes verlieh, verschmähest, weil du Eins verloren, das dirlieb war. Du lebtest nicht für die Ewigkeit, sondern für dasIrdische; darum entzog er dir für wenige Augenblicke das, worandu mit aller Gewalt deiner Empfindung hängst, damit du deinenBlick desto vertrauensvoller auf die Welt jenseits des Grabeswenden sollest! Ist Gott darum weniger groß, weil du schwachund klcinmüthig bist? Ist er darum weniger gütig, weil du dieWeisheit seiner Nathschlüssc nicht ergründen kannst?

Du hattest auf Gottes Vaterhcrz und Weisheit noch nichtdas stille, hingebendc Vertrauen, was du als Christ habensolltest. Du warst noch lange nicht fähig, mit Jesu zu beten:Vater, doch nicht mein, sondern Dein Wille ge-schehe! Du warst noch nicht veredelt und christlich genug,mit Hiob zu rufen: Der Herr hat's gegeben, der Herrhat'S genommen, gebcncdcict sei der Name desHerrn! Du erfülltest noch nicht Jesu beseligendes Gebot:Du sollst nur Gott lieben über Alles, und deinen Nächste»als dich selbst. Denn du liebtest deinen irdischen Freund höherals Gott, sonst würdest du mit Ehrfurcht geschwiegen, mit Er.