Druckschrift 
6 (1853)
Seite
301
Einzelbild herunterladen
 

30t

in beständiger leidenschaftlicher Aufwallung zu sein. Die Mutterkann ihr Kind mit Inbrunst lieben, ohne daß sie beständig beimAnblick desselben in Thränen des Entzückens ausbricht. So könnenwir Gott lieben, so uns mit ehrfurchtvollcr Andacht und Sehn-sucht ihm im Gebete nahen, selbst wenn jene schwärmerischeStimmung, der Ungestüm der Empfindungen fehlt, die wir inmanchen bedeutenden Augenblicken unsers Lebens kennen lernten.

Gefühle sind oft nur Wirkungen unserer körperlichen Reizbar-keit. Aber unsere Religion, das heißt, unsere Gottcsliebe, sollLabei weder gewinnen, noch dadurch leiden. Es gibt Zeiten, inwelchen wir reizbarer und zu lebhaften Bewegungen des GcmüthSgeneigter sind, als sonst. Sogar ein mehr oder minder kränk-licher Zustand des Körpers trägt dazu oft nicht wenig bei. Wie,wenn sich unsere Gotteslicbc, unsere Religion auf solchen abwech-selnden Zustand gründete, wie verschiedenartig würde unsere Liebezur Gottheit selbst werden, sogar wider den Willen unsers Geistes!Das Kind und der Jüngling ist zu schnellern Aufwallungen, zurBegeisterung, zum Entzücken, ungleich geneigter und fähiger, alsder Mann und die betagte Frau. Wie, sollten Kinder und jugend-liche Personen darum Gott wahrhafter, inniger und würdigerlieben, als der ruhige, tugendhafte Mann, als der edle Christim Greiscnalter? Nein, unsere Religion, unsere Gottcsliebe sollso sehr als möglich von irdischen Empfindungen rein, so sehr alsmöglich von ihnen unabhängig bleiben; sie soll geistiger Natursei», wie Gott ein Geist ist.

Gefühle, wenn man ihnen zu sehr nachhängt, wenn man ihnenin der GottcSvcrehrung einen zu großen Werth gibt, bemächtigensich allzulcicht der Herrschaft über die Vernunft, unterdrücken denfreien Geist, und verunstalten das Bcrhältniß, in welchem erzum höchsten Wesen stehen soll.

Die Quelle der meisten Religionsschwärmereicn liegt in der