293
wissenden, nur noch vor dem Spruch der Menschen! Und darf er,durch Verhältnisse begünstigt, auch vor diesem nicht mehr beben;fordern ihn verruchte Leichtsinnige, denen thierischcs Sein höherdünkt, als die Würde des unsterblichen Geistes, zur Vollziehungder Schandthat auf: dann ist der Verbrecher auch zur That reif.
Klage Niemand die Strenge der Lehre Jesu an, welche dieVerirrungen der Einbildungskraft als Sünden verdammt, dieGottes Gericht auffordern. Jesus lehrte himmlische Wahrheit;er kannie des Menschen Natur und dessen beständiges Bemühen,sich vor sich selbst gern zu rechtfertigen. Wir nennen in JesuWorten Strenge, was uns zittern macht, indem wir unsere eigeneSündhaftigkeit darin wie in einem Hellen Spiegel erkennen. Ja,auch die wollüstigen Verirrungen der Einbildungskraft sind schonVerletzungen der Schamhaftigkeit, sind Sünden vor Gott. Dennnicht der Leib kann sündigen; er ist fa nur belebter Staub, nurWerkzeug der Seele: sondern der Geist sündigt, weil er alleinmit dem freien Willen begabt ist. Er sündige nun in Gedankenoder in äußern Thaten: war beides nicht die Frucht seines Willens?Er mißbrauche nun seine Einbildungskraft oder seinen Leib: istbeides nicht eine Entwürdigung der Geschenke Gottes zum Bösen?
Nur zu oft hält der Mensch für erlaubt und unschädlich, sichin seinen Vorstellungen jedem Gelüste zu überlassen. Aber werdie Schamhaftigkeit gegen sich selbst verloren, der hat schon keineScham mehr, sondern nur noch Furcht und zur Gewohnheit ge-wordene Achtung für äußere Sitte. Die gröbsten Verbrecher be-ginnen jederzeit zuerst mit dem Sündigen im Herzen. Durch ihreVorstellungen machen sie sich schon mit Lastern vertraut, ehe siesolche äußerlich vollziehen.
Hüte deine Einbildungskraft, und besudle nichtmit unreinen Vorstellungen die Unschuld deines Ge-müthes! Dies ist die Grundlage aller Tugenden; zerstöre sie,