292
Aufwand nicht fremd sind: hier sind mehr Herzen verderbt, alsman glaubt! Hier wird oft mehr Sittsamkcit geheuchelt, alswirklich vorhanden ist; hier vertritt nur zu oft das schuldbewußteGewissen die Stelle der Schamhaftigkeit, und das Gemüth derSöhne und Töchter buhlt im Stillen mit Lastern, die sie nochlange nicht Frechheit genug haben, öffentlich zur Schau zu tragen.Das Verbotene kann nur den Reiz für sie erhöhen; das Geheim-nißvolle macht ihnen ihr stilles Verbrechen nur theurer. Ein ekel-hafter Wurm schwelgt, unsichtbar dem Auge der Acltcrn undErzieher, in der Blüthcnknospc des hoffnungsvollsten Kindes, undentblättert eine junge Rose, ehe sic sich aufschloß.
Wahre Schamhaftigkeit — oft hat aber das schuldbeflecktcGewissen mit ihr im Aeußerlichcn die gleiche Wirkung! — wahreSchamhaftigkeit wohnt nicht bloß im niedcrgesenkten Blick desAuges, im Erröthen der Wangen, sondern in den innersten keu-schen Empfindungen des Gemüths. Es ist nicht genug, daß dudie Unschuld nicht verführst, den Verführer fliehst — dich bannetnur die Furcht vor den bösen Folgen in die Schranken äußererEhrbarkeit und Zucht zurück! — tugendhaft warst du nicht. Auchder Gedanke, auch der flüchtige Wunsch nach dem Verbrechenmuß schon deine reine Seele empören. Du bist schon deiner reinenUnschuld vor Gott verlustig; du hast das Verbrechen schon voll-zogen, wenn es auch nur in deinen unreinen Einbildungen ge-schah. „Ich aber sage euch," sprach Jesus Christus, „wer einWeib anstehet, ihr zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehegebrochen in seinem Herzen." (Matth. 5, 28.)
So erklärt uns Jesus die ächte Schamhaftigkeit des Christen;sie gründet sich nicht in der Züchtigkeit des Betragens allein, -sondern vor allen Dingen in der Keuschheit der Gesinnungen.Ohne diese rühme sich Keiner, die erste Unschuld unbefleckt inseiner Brust zu tragen. Er zittert nicht mehr vor Gott dem All-