Am häufigsten wird bei dem weiblichen Geschlecht die edelsteder Empfindungen durch Eitelkeit und Modcsucht, wo nicht unter-drückt, doch geschwächt. Eben das Weib ist cs, welches durchdas zartere Gefühl des Anständigen des Mannes rohen Sinnleiten und bilden soll. Das Weib ist cs, welches ihm die heiligeScheu vor jeder Frechheit, die Ehrfurcht vor Sittsamkcit undUnschuld, cinflößcn soll. Wenn aber die Jungfrau selbst demzarten Sinn fremd geworden, und durch die Sorglosigkeit, oftSchamlosigkeit ihres Neuster» einen Ruhm darin sucht, thierischeBegierden zu entzünden; wenn selbst der Mann Ekel fühlt vorder unsittlichen Gestalt, die nur dein verworfenen Wüstling ge-fallen mag: dann scheint das natürliche Verhältniß in beidenGeschlechtern sich umgekehrt zu haben, und die reizendste derTugenden, die Mutter aller Anmuth, sucht vergebens ein Ob-dach bei denen, welche ihre ersten Priestcrinncn sein sollten.
Die Religion verwirft nicht den Hang des Menschen zu äußererVerschönerung, oder die Erhebung der von der Natur verliehenenReize durch sorgfältigere Bekleidung. Das Streben zu gefallenist dem Menschen angeboren; dadurch bahnen sich die ersten Ver-bindungen der Herzen an. Aber nicht alle Mittel find gleich un-schuldig ; uud es ist nicht gleichgültig, wem man zu gefallen strebt,ob dem feinfühlenden Edcln, oder dem lüsternen Auge des Ver-dorbenen. Die Mode scheint Manches zu heiligen, sei cs auchunzweckmäßig oder geschmacklos uud entstellend; aber nie heiligtsie im Auge des Vernünftigen, des Christen, was ein Mord derSittsamkcit oder der Gesundheit ist. Und doch verblendet sie nichtselten Frauen und Töchter bis zur Wahl so ungeziemender Trach-ten, daß solche, wenn sie auch nur ähnlich an Männern gefundenwürden, ohne Zweifel den lautesten Unwillen gegen die Scham-losigkeit derselben erregen könnten.
Nicht nur aber der Modeton in den Bekleidungen, sondernVI. 10