- 287 -
(Hott hat in unser Herz ein feines Gefühl des Anständigen undEhrbaren gelegt, welches gleichsam die Schutzwehr unserer Un-schuld und Ehre ist gegen die Verführungen sinnlicher Triebe.
Wir sind vieler andern Leidenschaften fähig, und doch gabuns die Hand der Natur gegen keine, als gegen die thicrischeWollust, einen so unmittelbaren Beistand. Diese schien also diegefahrvollste und verderblichste für uns zu sein. Und sie ist es!Denn sie zerstört die edelsten Kräfte des Leibes; sie vergiftet unserBlut, unsere Nerven, und schwächt für dies ganze Leben de»Geist, indem sie dessen Werkzeug, den Körper, zerrüttet. Siesetzt uns, indem sic den Geschlechtstrieb verwildert, ganz hinabin den Rang der Thiere, und macht uns zu allem Großen undEdeln ferner unfähig. Der Wollüstling ist das ekelhafteste derGeschöpfe — er ist Thier. Selbst das, was er noch Gutes ansich hat und thut, wird durch sein viehisches Begehren und Sinnenentstellt. Selbst wenn er noch vortreffliche Anlagen hat, ist eszu beklagen, daß sie nicht in ihrer ganzen Pracht prangen. Dennohne seine Selbstentnervung würden sie noch schöner und fürMitbürger und Vaterland fruchtbarer geblüht haben.
Schamhaftigkeit ist die heilige Wächterin jeder keuschen Empfin-dung. Ein rohes Wort, eine unanständige Geberde, eine unsitt- «liche Entblößung, ist genug, sie zu verwunden. Sie beschütztdas reine Herz gegen des Lasters erste Anfälle mit oft unbesieg-barer himmlischer Kraft. Der Abscheu, welcher gegen das Un-anständige aus den Augen blitzt; der Abscheu, mit dem sie sichzu Boden senken, um sich nicht durch den Anblick des Unwürdigenzu entweihen; die hohe Röthe, welche von den Wangen wie einheiliges Feuer strahlt, worin sich gleichsam alles Unheilige ver-zehren muß: verkündigt das Dasein dieses Schutzengels der Un-schuld. Wer ist verworfen genug, ihn nicht zu ehren; unempfind-lich genug, ihn nicht zu lieben?