285
sie bewahren solle», hat ihre Grenzen. Es gibt auch einefalsche und ungerechte Schamhaftigkeit. Ich versiehedarunter nicht diejenige, welche nicht aus dem Herzen selbst ent-springt, und nur erkünstelte und geheuchelte Ziererei ist, oder sichbei Dingen zeigt, wo kein sittliches Gefühl, keine Ehre, kein An-stand beleidigt wird — sondern diejenige übertriebene Aeußerungder Schamhaftigkeit, welche oft das Wichtigere dem Geringer»,die Gesundheit des Leibes dem bloß Wohlanständigen, Wahr-heit und Recht der bloßen Höflichkeit, das Nützliche, dasNothwendige der Furcht vor falschen Urthcilen Anderer aufopfert.Dieser Fehler ist minder eine Verirrung des Herzens, als eineVerirrung der BcurtheilungSkrast. Es ist ein Augenblick ruhigerUeberlcguug hinreichend, uns von dem Bessern zu überzeugen,und das Wichtige und Wesentliche dem Kleinen und Zufälligenvorzuzichcn.
Sei mir ewig heilig, ewig ehrwürdig, o edle Sorgsamkeitum eigene Ehre, schöner Unwille gegen Alles, was die Achtungmeiner selbst verletzt, Schamhaftigkeit! Weiche nie aus meinemHerzen; sei bis an mein Grab die Wächterin meiner Scelenrcinhcit,der Schild meiner Tugend!
Und Du, o heiliger Schöpfer, Vater im Himmel, der Dudiese zarte Empfindung in meine Brust senktest — laß sie unauf-hörlich in mir wirksam sein. Ich will mir keinen Gedanken,keinen Wunsch, keine Neigung erlauben, welche mich erröthcnmacht. Denn, wenn auch Menschen nicht wahrnehmen, was imInnern meines Herzens vorgeht — Allwissender, Du, der dasGchcimniß meiner Vorstellungen durchschaut, müßte ich nicht vorDir erröthen, auch wenn mich die finstere Nacht verhüllte? Wo-hin sollte ich mich verbergen, daß Du mich nicht sähest? Sindnicht auch Gedanken schon Thatcn? Besudeln nicht auch schonunreine Begierden das Gemüth? Ist nicht auch schon durch