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6 (1853)
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Das Gewissen erwacht zugleich mit den ersten Begriffen desKindes; die Schamhaftigkeit färbt die Wangen der unschuldigenJugend früher, als die Jugend einen vollendeten Unterrichtempfangen kann über das, was recht und unrecht ist. Wohldem, der diese schöne Kindlichkeit des Gemüthes bis in sein spätestesMer hinübermmmt! Er bleibt immer liebenswürdig. DerZauber der Unschuld und der Seelenreinheit gibt nicht nur demKinde, der Jungfrau, dem Jüngling jene unwiderstehliche An-muth, sondern auch dem Manne, dem Greise, der Hausfrau,der betagten Wittwe. Die Schönheit empfängt von diesem Zart-gefühl ihren höchsten Reiz; und Mangel der Schönheit machtes vergessen.

Das Gegentheil der Schamhaftigkeit ist Schamlosigkeitund Frechheit; cs ist ein Hinwcgsetzcn über das Urthcil allerEdcln, aller Fcingebildeten; es ist ein Verachten des Wohlan-ständigen, ein Betrüben des innern Richters ein Selbstmordder Seele.

Die Schamlosigkeit kann nicht stattfinden, ohne eine vorher-gehende Vernichtung jedes sittlichen Selbstgefühls, ohne Wcg-tilgnng des Tugendsinnes in seinen zartesten Wurzeln. Sic kannnicht stattfinden, ohne vorhergehende Verwirrung und Umkehrungaller Begriffe von dem, was recht, anmnthig und adclvoll ist.Sie hält das Ekelhafte für reizend, das Unanständige für ge-fällig, das Widernatürliche für natürlich, die Bescheidenheit fürZiererei, die Verschämtheit für Borurthcil, das Abstoßende füranziehend. Sie horcht nicht auf das Wort des Bessern, sondernauf das Beifallgelächtcr der Verderbten; sie horcht nicht aufden mahnenden Ruf eigener Ueberzcugung, sondern hält ihn fürdie Stimme kindischer Thorheit, die noch aus erster Erziehunganklcbt.

Der Leichtsinn ist ihr Vater , die blinde Gefallsucht ihre Mut-